Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 94 (25.11.1932)
- Date
- 1932-11-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr, 94, 25. U 1932 JÖÖISCHt RUNDSCHAU Seite 457 932 iw). Leben -Assar,!gefügt an die nt das knapp ,nschcn Iteplaiz 1d des lerung. nd ins eugniskapclle an die zwecks d jetzt aar. Menge rdienst, 1 unter 1 b e r n e recht 11s Zu-;״־ und hmackan den en dem 1 lause uif der Kinder htigall“ I einen chaffen jt, wie ler wie lierheraublich, isdruck wieder wiederer von — das eilende, fabeldie in rormenrklichcn r Oyrnind die is auch dnisvoll art bevirkung eie von Zelte, 1stlichen 11־ Seite nbassin, nen zu : Reihe sollen. Piaster r stiftet 1er wer .atz, auf rößeren nit den iruppen rra und Tourist: ir viele le Ein-; lokale! Vision 1eit und ing mit genug, aran zu Yunder:;haffen? mitivste d heute ausiziert 1 Milch- 1 einem ie von ob die ge restgemacht leinliche irlebnis, : ״Wann Erden? /erden!“ erleben, .!11 Ben- ,115 noch ind der licci mit ein, wir unseren wollen; en Authlechten ־, wenn 1 Lande ar Noar :ite, wie pfer mit itt einen i c h u t z irch foleine Er-;htungen 1 öffentgibt, obdie be• i s von ch noch sh Jews, :ntenamt Modell, Dohnmcnl und Dldifung Von Arnold Zweig. Soeben erschein( hei Kiepenheuer der Palästina-Ramm *De Vriendt kehrt heim", am dem wir bereits ein Kapitel vorabgedruckt haben. Der Dichter entwickelt hier die Grundsätze, nach denen •palästinensische Tatsachen alt Elemente der Dichtung verarbeitet Wurden. Red. 1. Ein Schriftsteller, der der unmittelbaren Vergangenheit einen Stoff entreißt, um ihn nach dem Gesetz zu formen, das dem gestaltenden Menschen eingeboren, in die zu gestaltende Welt eingebettet ist, und das sich am Zusarnmenprall beider entzündet und entbindet —. ein solcher Schriftsteller tut gut, bestimmte Klärungen vorzunehmen und das Verhältnis der drei in der Ueber- Schrift genannten Dinge zu umreißen, so gut er kann. Er weiß, er hit es nicht als erster, auch nicht als letzter, denn von Generation zu Generation müssen gewisse Grundgesetze immer wieder neu gelernt werden, die das Verhältnis von Kunst und Gegenstand ausdrücken. Es ist uns unbekannt, ob die Athener dem Aristophanes Schwierigkeiten gemacht haben, weil er seine Zeitgeflössen in seinen Komödien ärgerlich aufmarschieren Keß; denkbar wäre das schon. Aber der Fall des Aristophanes ist genau das Gegenteil von unseren modernen Absichten: er meinte die Personen wirklich, die er mit Namen hinstellte, er wollte sic treffen und in ihnen die wirkenden Kräfte seiner Zeit — wir aber wollen zu demselben Ende wirklich lebende Personen gerade flicht treffen, und darum verwenden wir erfundene Namen. Dies als ersten Hinweis; es ist immer gut, vom Gegenteil her ein Problem anzuleuchten. Als Manet in seinem berühmten Bild die Erschießung des Kaisers Maximilian malte, hatte er weder den mexikanischen Habsburger noch die erschießenden Soldaten persönlich gesehen, und er beabsichtigte auch keineswegs, sie zu portraitieren. Die Vision, die er gestaltete: einsamer Zivilist, erschossen von den Uniformierten, tapfer sterbend auf verlorenem Posten — diese Vision brauchte auch keinerlei Portraitzüge. Dennoch war sie nur zu verwirklichen, wenn auf diesen Kaiser Maximilian deutlich und scharf Bezug genommen wurde, und zwar von einem Franzosen, und zwar von einem mitlebenden. Als Manet dieses Bild konzipierte und malte, entsühnte er gleichsam von der Schuld, die er sehr wohl empfand, denjenigen Teil des französischen Volkes, der das bonapartistische Abenteuer und seinen Ausgang ablehnte, ohne sich von der Mitverantwortung ausschließen zu können. Er, durch die Magie seiner Formgebung, verewigte den schuldhaften Ausgang des schuldhaften Unternehmens und löste dadurch den unterirdisch wühlenden Gewissensbiß der Einsichtigen aus und auf: ein großes Beispiel für die stumme Katarrhsis der Leidenschaften, die Aristoteles der Tragödie vorbehält, die aber der Kunst überhaupt zukommt In meiner Erzählung ״De Vriendt kehrt heim“ habe ich zehn Jahre palästinensischer Entwicklung zusammengerafft, in der Absicht, späteren Lesern von den Problemen, Zerklüftungen und Aufschwüngen dieser Jahre ein Bild aufzubewahren. Dies geschah so, daß für die entscheidenden Kontraste Vertreter geschaffen wurden — bald ohne jede Benutzung heute lebender Mensehen, bald mit solcher Hilfe. Denn das Gedächtnis und die Phantasie bedürfen des Nährstoffs, den das Leben bietet, aber indem sie Bestandteile der Wirklichkeit schöpferisch verwenden, vernichten sie gleichzeitig ihre Beziehung zu dieser Wirklichkeit selbst. Nicht also wie beim Aristophanes darf der Leser sagen, der und der sei gemeint; und es ist Mißbrauch und Grenzverletzung, w׳enn das mitlebende Publikum aus Neugierde doch versucht, Portraits zu erkennen und zu benennen. Als den Brüdern Heinrich und Thomas Mann von übelwollenden Instanzen der Oeffentlichkeit vorgeworfen wurde, sie seien Schmähschriftsteller, schwieg der ältere der Brüder; der jüngere aber schrieb 1906 jenen entzückenden und aufklärenden Aufsatz ״Bilse und ich“, den man im Band ״Rede und Antwort“ nachlesen kann; er hat seither von seiner Aktualität nichts verloren. Und man könnte sich einfach auf ihn beziehen und schweigen, wäre nicht auf der einen Seite die Verwilderung in geistigen Dingen gestiegen, auf der anderen Seite eine Literatur entstanden, deren Wert und Recht darin besteht, daß sie Dokumente bringt, treue Schilderangen wirklicher Abläufe, die den Autor wie den Leser in die Schicht des historisch Beglaubigten einbetten. Dagegen das Kunstwerk abzugrenzen, halte ich für nötig; denn diese Dokumente sind Kunstwerke nur, Insofern sie stilistisch gestaltete Sprachwerke sind; sie reihen sich hiermit neben die Schriften der großen Historiker, guter Kritiker, beredter Theologen. 4. Das Modell der Hauptgestalt meines Buches war der unglückliche Dichter, unselige Politiker J. 1. d e H a a n, der 1924 in Jerusalem ermordet wurde. Seit jenen Monaten, fast acht Jahre lang, beschäftigte diese Gestalt meine Phantasie, obwohl ich von ihr nur wußte, und zwar bis zum Betreten Palästinas in diesem Frühjahr, was in den Spalten dieser Zeitung über sie zu lesen gewesen. Er war die große Figur des Gegenspie lers. Ich wußte, er würde mich in die Tiefe unserer Problematik hineintragen; nur ahnte ich nicht, wie tief. Mein Interesse an ihm war leidenschaftlich, und ebenso groß war meine Gleichgültigkeit gegen ihn. Wird man verstehen, was allein mich an ihm fesselte? Daß nichts von der Freude am Detail seines persönlichen Lebens in mir war? Daß Ich keinen seiner Freunde aufsuchte oder ausfragte? Daß er und mein Dr. de Vriendt nur eine Anzahl Fakta gemeinsam haben, die aus Charakter und Schicksal entspringen? Daß mir der Mann, der wirklich gelebt hat, nur wichtig war als Typ, den das Judentum in dieser Zeit hervorbririgen konnte? Daß ich vor seiner persönlichen Sphäre stumm und respektvoll Halt mache, auch dort, wo ich tief in sie einzudringen scheine? Nicht Jakob Israel de Haan ist gemeint, wenn ich meinen Helden schildere. Von ihm abgespalten hat sich ein Schemen, den ich von meinem Blut und meinem Geist ernährte, wie all die anderen Personen auch; und wenn, durch mein Buch veranlaßt, eine gerechtere Beurteilung dieses holländischen Juden eintreten sollte, auch im Lager seiner politischen Gegner, wird mich das freuen. Und ich werde mit Interesse daraus lernen, wenn etwa seine Freunde mir mitteilen werden, dieser wirkliehe de Haan sei ganz anders gewesen als mein De Vriendt. An meiner Gestalt ändert das nichts. 5. Im Sinne der Dokumenten-Literatur, die ich vorhin charakterisierte, ist mein Buch kein ״Dokument“. Es erhebt den Anspruch, mehr zu sein, nämlich eine Dichtung, und Dichtung ist zuerst und zuletzt beherrscht von gestaltender Phantasie und den Gesetzen der Form. Den Stoff, den sie ergreift, macht Dichtung transparent, sie läßt seine Wesenszüge hervortreten, seinen Gehalt an Ideen, und die Wirklichkeit, die sie schildert, wird Abbild der Wirklichkeit des Lebens überhaupt. Daraufhin wenigstens tendiert sie. Es ist natürlich nichts über den Grad des Gelingens ausgesagt, wenn ich hier Begriffsbestimmungen und Absichten mitteile. Auch eine schlechte Dichtung unterliegt den Gesetzen der Kunst, auch Kunstwerke geringerer Ordnung, als die vorhin von mir zitierten (zum Beispiel der Napoleon der Operette) werden von ihnen beherrscht. Jeder von uns läuft beständig Gefahr des Mißlingens, und er nimmt sie auf sich. Darum muß er doch machen, was ihm aufgetragen wird. 6. In der stummen und unerlösten Gegebenheit jenes Schicksals, das sich vor acht Jahren in Jerusalem vollzog, lag für mich ein Auftrag •— für mich, für niemanden sonst, denn sonst hätte sich wohl schon jemand gefunden, der ihn gehört und befolgt hätte. Dieser Auftrag hieß offenbar: Kritik des modernen Nationalismus am jüdischen Nationalismus, Kritik der Nachkriegswelt an unserer jüdischen Nachkriegswelt, Aufhellung der Ideenkämpfe unserer geschüttelten Epoche an den Kämpfen zwischen denjenigen Ideen, die von den Personen meines Buches getragen und verkörpert werden, und die die Ideen und Prinzipien unserer jüdischen zionistischen und sozialistischen Epoche sind. Die Lage des Juden in der westlichen Welt ist einmalig, seine Gestalt scharf belichtet, sein Verhältnis zum Geiste besonders intensiv Grund genug, gerade ihn zu wählen (wenn von einer Wahl überhaupt die Rede sein konnte) und die Reini gung der Leidenschaften, die Läuterung durch Erkenntnis und Selbsterkenntnis an ihm zu versuchen. Da es überall auf der Erde Menschen gibt, die aus Idealismus und politischer Leidenschaft töten: warum sollte es sie in Palästina nicht geben? Warum sollen Juden nicht zur Waffe greifen, wenn sic nun einmal ins Jahrzehnt nach dem Großen Kriege hineingeboren sind? Wir müssen ertragen, zu sein, wie wir sind, wie der Dichter wiederum mit Fassung und einem gewissen Humor ertragen muß, was ihm aus der Welt, in die er seine Gestalten stellt, als Echo entgegenschallt 7. Nationale Eitelkeiten freilich darf niemand schonen; sie sind das einzige, wirklich Lebensgefährdende, was einem werdenden Volkstum zugefügt werden kann. Nun neigen Völker wie Kinder zur Selbstverwöhnung, und ihre Empfindlichkeit gleicht der der Künstler vor der Kritik: ihnen kommt Kritik eigentlich immer unberechtigt vor. Aber der Kritiker, dadurch daß er sich selber in das Kritisierte mit hineinbezieht, entgiftet diese Kritik, sie wird nicht Tadel, sondern Selbsterforschung, Wir kritisieren, wir durchleuchten, wir gestalten deut sehe Problematik, weil wir Deutsche sind, einbezogen durch ein Jahrtausend gemeinsamen Lebens und die volle Mitverantwortung an den Ereignissen, in denen wir stehen, ins deutsche Volk — gleichgültig, was von seiten <ler Rassenschützer zu dieser unbestreitbaren Grundtatsache gesagt wird. Wir kritisieren, wir durch leuchten, wir gestalten jüdische Problematik, weil wir durch Abstammung, geistigen Habitus und gelebte Tra dition Juden sind. Gäbe es über diesen Tatsachen nicht größere Einheiten, die den Widerspruch in ihnen auf■ lösen und sogar harmonisieren, so könnten die Anbeter dieses Widerspruchs ein Triumphlied anstimmen. Aber dieser Widerspruch ist lediglich zeitbedingt. Diese größeren Einheiten bestehen. Sie heißen für uns: Euro päertum, Monotheismus und menschliche Gemeinverantwortung. Jedes Kunstwerk bezieht seine Würde aus der menschlichen Grundsubstanz, und diese Humanität leugne wer will — auf die Dauer wird seine Leugnung verfallen und verhallen, und so ohnmächtig sein wie der Wind, der einen Grenzstein zwar verwittern helfen kann, aber ihn stehen lassen muß. Weltpolitik und Palästina «Frage Eine amerikanische Kritik Der Professor an der Harvard University, W. E. H o c k i n g, hat ein Buch über den ״Geist der W e i t p o 1 i t i k“ mit besonderer Berücksichtigung des Nahen Ostens veröffentlicht (״The Spirit of World Politics“, Macmillan & Co., New York— London, Preis 21 sh,). Das Buch untersucht die Frage, wie sich der Geist der Weltpolitik in der Behandlung der Länder des Nahen Orients ausdrückt. Der Verfasser behandelt dabei vor allem den arabischen Orient, also Aegypten, Syrien, Palästina, ferner verschiedene Probleme der B- und C-Mandate. Die Legitimation, so führt er aus, die sich die Großmächte zur Einmischung in die Angelegenheiten dieser Länder ausgedacht haben, ist die These der kulturellen ״Rückständigk e i t“. Man hat sich die Lehre zurechtgelegt, daß die natürliehen Schätze eines Landes nicht mehr d e m gehören, der es bewohnt, sondern dem, der imstande ist, sic am besten aus zunützen. Auf diese Weise konnte man in ein moralisches System bringen, was früher als das ,,Recht des Stärkeren“ einfach in der Form von Gewaltherrschaft auftrat. Prof. Hocking nimmt entschieden Partei gegen diese Selbstgerechtigkeit des Westens, der Westlertum!nit Kultur einfach gleichsetzt, und verteidigt demgegenüber das Lebensrecht der arabisehen und islamischen Kultur. Selbstverständlich leimt er auch die M a n d a t s -1 d e e, die die moderne Kotonialherrschaft bemänteln soll, ab. Bei der prononciert araberfreundlichen Haltung des Verfassers ist es nicht weiter zu verwundern, daß er dem politischen Zionismus ablehnend gegenübersteht. Zunächst versucht er in dem Palästina gewidmeten Abschnitt seines Buches eine neutrale Betrachtung der Probleme. Nicht von formellen Momenten geht er dabei aus, sondern von der wirklichen vitalen Kraft der mitein״ ander ringenden Bewegungen. Es sei gänzlich verfehlt, einen Streitfall auf Grund der von Großbritannien gemachten Versprechungen zu konstruieren. Die Aspirationen der Juden und Araber wurden nicht durch die Balfour-Deklaration oder die MacMahon-Korrcspondenz geschaffen, sie sind vielmehr natürliehe Ergebnisse der neuen Lebenstendenzen dieser beiden großen Völker, bestärkt durch alles, was seit dem Weltkrieg über nationale Rechte und Selbstbestimmungsrecht gesagt worden ist. Für diese Parolen ist nicht Großbritannien allein verantwortlich zu machen, sondern die ganze westliche Welt. England hat nur außerdem noch die Last zu tragen, daß es beiden Parteien Versprechungen gegeben hat, wobei noch hinzutritt, daß England nicht damit, was es wirklich versprochen hat, fertig zu werden hat, sondern damit, was es nach Meinung der Juden bezw. der Araber versprochen haben sollte; die letzten Ziele ihrer nationalen Bestrebungen werden von Juden und Arabern in die englischen Versprechungen hineininterpretiert. Was nun den Zionismus betrifft, so ist er keine gewöhnliche ״nationale“ Bewegung, sondem von höchstem sozialen und religiösen Idealismus erfüllt, und Hocking anerkennt auch, daß die zionistische Argumentation, die für die Juden eine Heimstätte fordert, richtig ist. Für die Erfüllung dieses Erfordernisses, das den Juden ermögliehen soll, an der Menschheitskultur teilzunehmen, ohne im nationalen Sinne völlig wurzellos zu sein, ist aber nach Hockings Meinung kein politischer Judenstaat nötig, sondern er vertritt die Theorie eines ״geistigen“ nationalen Zentrums. Bei aller Anerkennung der moralischen Rechte und des Idealismus Oer Juden, so erklärt er, zeigen die nüchternen Tatsachen Palistinas, daß eine politische und numerische Vorherrschaft der Juden nicht zu erreichen ist, zumal Palästina von arabischen Ländern umgeben ist. Hocking beschränkt sich aber nicht auf diese Feststellung, sondern tritt trotz der Erkenntnisse, die am Anfang seiner Abhandlung stehen, zum Schluß ganz offen gegen den Zionismus auf. Die Lösung könnte nach der Ansicht des Professors nur dadurch gefunden werden, daß ein Komitee von frommen Christen, Moslems und Juden sich an beide Parteien wende mit dem Appell, Palästina nicht zu einem weltlichen Staat zu machen, sondern den Geist der Religion dort herrschen zu lassen. Die Juden sollen ihre Vorstellung eines Nationalheims ״vergeistigen“, und die Araber sollen, frei von der Furcht vor jüdischer Herrschaft, weiteste Toleranz auch gegenüber den Juden üben. Diese etwas weltfremde Betrachtungsweise, die in krassem Widerspruch steht zu dem Ausgangspunkt der Untersuchung, nämlich der Anerkennung der realen, nach Ausdruck ringenden geschichtlichen Mächte, befremdet um so mehr, als im übrigen auch manches richtige über die Notwendigkeit einer jüdisch-arabischen Verständigung gesagt wird, die doch — was der Professor nicht übersehen sollte — nicht auf der von ihm gepredigten Basis zustande kommen kann. Im übrigen wird in diesem Teil des Buches wenig neues gesagt, sondern hauptsächlich aus verschiedenen, bereits bekannten Schriften und Quellen zitiert. Für den zionistischen Leser ist es von Interesse, aus diesem Buch zu ersehen, wie ein Teil der linksorientierten, liberalen Intelligenz in Amerika die Palästinafrage, die ihr als ein Teil des Kolonial- Problems bzw. Orient-Problems überhaupt erscheint, betrachtet ״Der schöpferische Sinn der Krise" ist der Titel eines Vortrags, den Erich Mendelsohn auf dem letzten Kongreß des internationalen Verbandes für kulturelle Zusammenarbeit gehalten hat und der jetzt als Broschüre (im Verlag Bruno Cassierer, Berlin, Preis 1 RM.) erschienen ist. Es ist die Kundgebung einer schöpferischen Persönlichkeit, die aus ihrer inneren Kraft und ihrem ungewöhnlichen inneren Reichtum einen wohltuenden und belebenden Optimismus schöpft. Nicht der flache Optimismus des Fortschritts-Philisters tritt uns hier entgegen, sondern die gläubige Haltung eines Marines, der in die Tiefe und Abgründe des Lebens geblickt hat, der die großen Zusammenhänge souverän überschaut und dem formenden Willen des Menschengeistes vertraut. Erich Mendelsohn ist bekanntlieh einer der führenden genialen Architekten unserer Zeit. Von der Architektur her aber erschließt sich ihm die ganze Vielfältigkeit der Welt, das Kultur- und Geistesleben in allen seinen Verzweigungen. Denn fern von einseitiger Facheinstellung glaubt Mendelsohn an die Einheitlichkeit des Lebens und des Geistes. Für ihn ist auch Kunst und Leben nicht in gesonderte Bezirke zu trennen. In seinem Vortrag entwirft Mendelsohn in einer fein gegliederten Konzentration, die den architektonisch arbeitenden Geist verrät, einen Ueberblick über den politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, künstlerischen Zustand der Welt vor dem Krieg. Er zeigt, wie die politische und soziale Struktur dieser Welt stabil schien, zugleich aber auf dem Gebiet des kulturellen und künstlerischen Lebens sich der unruhige Drang nach neuem Ausdruck geltend machte. Die bürgerliche Welt in ihrer Selbstgefälligkeit erkannte nicht diese Gelöstheit des Geistes oder wehrte sie schroff ab. Dieser Kontrast zweier Sphären wurde durch den Weltkrieg in aller Schärfe realisiert. In scharfen Strichen gibt der Autor dann eine Charakteristik der Nachkriegswclt mit allen ihren Wirrnissen, und sicht trotz des vielen Negativen bereits die positiven Ansatzpunkte für den Aufbau einer neuen Welt, ln dem Chaos meldet sich bereits der schöpferische Formungswille. _— Obwohl natürlich von spezifisch jüdischen Problemen dabei nicht die Rede ist, scheint es uns doch, daß wir die Grundhaltung des Mendclsohnschen Vortrages als die eines lebensbejahenden, zukunftsgläubigen Juden ansprechen können. Die Lektüre dieser kurzen, aber weitsichtigen Schrift wird jedem Genuß und Stoff zum Nachdenken geben. r