Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 92 (18.11.1932)
- Date
- 1932-11-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 92, 18. XI. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 447 Sterben eine» alten Mannes Von Arnold Zweig Dieser Tage erscheint im Verlag Gustav Kiepenheuer der neue Roman von Arnold Zweig ,J) e V riendt kehrt heim . Es ist ein Palästina-Roman, in welchem der Dichter eine Reihe von Motiven der letzten zehn Jahre Palästina- Geschichte verarbeitet hat, ohne sich jedoch an die historischen Vorgänge gebunden zu halten. Im Mittelpunkt des Buches steht die Figur des holländisch-jüdischen Gelehrten und Dichters De Vriendt, der dem extrem orthodoxen antizionistischen Flügel des Jischuw angehört und in Jerusalem ermordet wird. Es ist unschwer zu erkennen, daß die Gestalt De Haans und seine Ermordung im Jahre 192ä hier als Vorbild gedient hat. Doch sind die näheren Umstände dieser Tat, die der Dichter schildert, frei erfunden. Auch verlegt er die Ermordung De Vriendts in das Jahr 1929, in die Vortage der August-Unruhen. Arnold Zweig wird nach Erscheinen des Buches in der ,Jüdischen Rundschau" selbst darlegen, von welchen Grundsätzen er sich bei der Gestaltung dieses Stoffes leiten ließ und von welcher Auffassung über das Verhältnis dichterischer Schau zu reporterhafter Berichterslattung er dabei ausging. Das neue Buch wird zweifellos in der zionistischen und jüdischen Oef'fentliehkeit eine starke Resonanz finden arid vielleicht auch umkämpft werden. Der Dichter stellt uns ein Kapitel des Buches zum Vorabdruck zur Verfügung. Die Situation, an die das Kapitel anknüpft, ist folgende: Während das ganze Land noch von Kämpfen und von Erregung durchziltert ist, gelangt nach Haifa die Nachricht von der gefährlichen Verwundung des Arbeiterführers Nachman in Daganja. Der Arzt Dr. Philipsthal macht sich trotz der Unsicherheit der Gegend im Auto von Haifa auf den Weg nach Daganja und nimmt den jungen Mendel Glass mit, der, falls sich eine Blut- Iransfusion für notwendig erweisen sollte, bereit ist, einen Liter Blut für Nachman abzugeben. Mendel Glass steht im Verdacht, den Mord an De Vriendt begangen zu haben; und der englische Geheimpolizist Irmin bittet, da er dringend in jener Gegend zu tun habe, um die Erlaubnis, im Auto mitfahren zu dürfen. Inzwischen waren englische Kriegsschiffe vor Haifa erschienen. Die Nachricht von der Ankunft der englischen Schiffe eilte von Mund zu Mund. Ueberall in der Stadt sah man frohe Mienen. Es kam_ nicht zum Kampf, die Heimsuchung ging vorüber. Man wünschte dem Wagen mit der Genfer Flagge gute Fahrt. Das arabische Viertel durchquerte er langsam. Viele Araber kannten den Dr. Philipsthal, er hatte ihnen geholfen, ihren Frauen oder Kindern. Vor den verhängnisvollen Tagen pflegten sie ihn dankbar za grüßen, später wurden sie es auch wieder tun. Jetzt wandten sie sich stumm weg. Die Chaussee׳ dusch die weite Ebene zwischen Karmel und Kischon erlaubte schon schnelleren Gang. An den Straßenkreuzungen ritten Polizeiposten heran, besahen den Wagen mit kalten Augen. Ihre schönen Pferde hoben die dünnen Gelenke gleichsam spöttisch. Weiter im Lande hielten sie ihn sogar an, verlangten Ausweise, Auskünfte. Irmin ließ sie gewähren, um festzustellen, wie sie ihren Dienst taten. Sie forschten bei dem Chauffeur und Mendel Glass nach Waffen, faßten in die Wagentaschen, schickten sich an, die Polster zu durchsuchen. Das hätte Zeit gekostet, Irmin griff ein. Der britische Konstabel salutierte, rief seinen arabischen Kollegen zurück, der Wagen fuhr weiter. Der Chauffeur zeigte Mendel Glass mit Mundwinkelzucken den Kolben einer Mauserpistole in der inneren Tasche seiner Lederjacke, während er die Straße im Neunzig-Kilometertempo cmporstieg und dabei nur mit der Linken steuerte. Im gleichen Straßenabschnitt ward einige Zeit später ein Wagen mit Schau- Spielern und Festgästen meuchlerisch angegriffen, mehrere davon getötet und verwundet; jetzt fiel nicht ein Schuß. Die Fahrt durch die öde und staubige Hitze war sehr qualvoll. Sie hielten in Nahalal einen Augenblick, saure Milch zu trinken, erfuhren, daß Dorf und Mädchenfarm nichts geschehen sei, winkten Abschied. Sie nahmen den kürzesten Weg nach Tiberias, obgleich sie leidenschaftlich gern gewußt hätten, was den Kolonien im Emek zugestoßen war: Balfouria, dem Kinderdort Kfar Jeladim, Kfar Jecheskel, Ain Charod, Tel Joset; der Weg durch jüdisches Land wäre auch sicherer gewesen, aber Dr. Philipsthal hatte Eile. Er als einziger saß während dieser Fahrt von drei Stunden nervös da, schweigsam — nicht aus Furcht... Nazareth, mit seinen Kirchen und heiligen Brunnen, schlief ausgestorben in der Mittagsglut; die Straße stieg bergauf, nach Sedjera zu, wo sie jüdisches Land schnitt; links in der Ebene lag Kana. Hier hätte Luft des Neuen Testaments schweben sollen; Irmin spürte nichts davon. Er hatte längst erfahren, wie wenig der Mythos von Jesus, dem Galiläer, durch das Erlebnis unterstützt ward, wenn jemand ihn in dieser Landschaft suchte — sie störte ihn eher; all diese künstlich hergerichteten Denkstätten enthüllten gar zu deutlich ihre nachträgliche Absichtlichkeit. Der Berg Tabor in seiner kahlen Anmut hatte mehr von den Urzeiten bewahrt. Dann funkelte der See zur Linken; wildes Verlangen nach einem Bade wurde unterdrückt. Das war bei Mizpa. Schnell ging es auf Tiberias zu, das mit seinen Mauern, flachen Dächern, Kuppeln und Palmen in den See zu tauchen schien und nicht näher kommen wollte, obwohl die Schnelligkeit des Wagens eher zunahm. In Tiberias hätten sie beinahe einen Hund überfahren, der keine Miene machte, seinen Staubschlat zu unterbrechen. Dann blieben die berühmten Heilquellen zur Rechten; hart an den dick bepuderten Uferbäumen hin sausten sie gen Dagania, in einer Glut von fünfundvierzig Grad im Schatten, zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel. Dem jungen Mendel Glass drohte von dem schnellen Abstieg übel zu werden, das Herz schien ihm zu pendeln. Auch die anderen lehnten blaß und gelblich in dem staubigen Leder. Sie atmeten auf, als der Wagen ln den Schatten der graugrünen Kasuarinen, Eukalypten, hohen Zypressen von Dagania einbog, hielt. Wenige Menschen empfingen sie, ein paar Frauen, ein großer Mann, einen Arm in der Binde. Die Wirtschaft litt Müßiggang nicht; die Citrusbäume mußten bewässert werden, die Kühe gemolken, die Pferde besorgt, die Kinder gewartet. Die Sauerstofflasche ward ins Haus getragen, die Tasche des Doktors mit den Geräten. Der alte Mann war gestern abend im letzten Dämmerlicht über den Hof gegangen, die Hunde loszumachen, die verirrte Kugel eines von fernher gefeuerten Schusses mußte ihn gestreift haben, zwischen den Rippen eine Furche gerissen, niemand hatte den Knall gehört. Nachman hatte, die Wunde mit dem Unterarm zugepreßt, das Haus zu erreichen versucht, war vor der Schwelle hingesunken, hatte dort ganz still gelegen. War seine schwache Stimme überhört worden? Erst eine Weile später hatte man ihn in seinem Blute gefunden. Jetzt lag er in seinem kleinen Zimmer neben anderen Stuben — Zellen gleich der seinen oder Schlafräumen für mehrere Genossen. Die Tür stand offen; die Kinderschwester saß an seinem Bett, sie auch hatte ihm den Verband angelegt. Er lehnte halb aufgerichtet in Kissen, den Kopf mit dem Bart rücklings gestützt, die Augen geschlossen. Dr. Philipsthal hatte viele Menschen sterben gesehen; vor diesen Zügen fürchtete er, auch ohne Untersuchung schon alles zu wissen. Die Männer blieben an der Tür, er trat ein, nahm behutsam den Puls zwischen seine Finger: fadendünn. ״Zu viel Blut verloren“, flüsterte die Kinderschwester, ihre großen braunen Augen forschend zum Arzt erhoben. Dr. Philipsthal wiegte besorgt den Kopf, Dann legte er die Finger an die Lippen: man sollte den Greis schlafen lassen. In der Tat, er schlief. Ganz wenig Atem hob die behaarte und dürre Brust unter dem offenen Hemd. Auf Zehenspitzen schlichen sie hinaus, das Erwachen des Kranken nebenan zu erwarten. Für den Fall, daß er den Verband wechseln, die Wunde untersuchen konnte, breitete Dr. Philipsthal die mitgebrachten Instrumente auf Mull aus. Wir hätten zu Hause bleiben können, dachte er. Bei einem Jüngeren hätte sich manches versuchen lassen; mit zweiundsiebzig war wenig zu hoffen. Fliegen oder Moskitos summten hartnäckig vor den Gazefenstern, durch die sie nicht eindringen konnten. Alles war sehr sauber, lautlos. Die Männer, von der dörrenden Fahrt erschöpft, dösten vor sich hin, Arme und Kopf auf dem Tisch. Der klein» Mendel Glass schlief im Sitzen. Wann würde es möglich sein, sich zu waschen und etwas zu essen? Am späten Nachmittag winkte die Wärterin: er war erwacht. Er erkannte Dr. Philipsthal; seine Augen blickten schalkhaft aus den verdunkelten Höhlen wie die eines weisen alten Tieres. Dem Ingenieur Saamen nickte er zu, begrüßte Irmin mit vielem Blinzeln seiner Lider und musterte freundlich Mendel Glass, der bescheiden in der Tür blieb. Er sprach mit leiser Stimme, langsam, ziemlich deutlich, dabei sehr behütsam atmend. Wozu man seinetwegen Leute hergehetzt hatte? ״Es ist gut“, sagte er, ״meine Zeit ist um, wozu so viele Umstände?“ Er weigerte sich, den Verband erneuern zu lassen. Der klebte gut zwischen den Rippen und reichte für den Rest. Der breitschultrige Arbeiter, der den rechten Arm in der Binde trug, trat ebenfalls ein, setzte sich ans Fußende. Ob alles gut sei? fragte Nachman. Die Kühe, die Pflan- Zungen — alles war unbeschädigt, die Schafe unverletzt von den Berghängen eingetrieben; das Schlimmste schien vorbei. ״Jetzt müssen wir nur noch dich wieder in die Höhe bringen, Nachum“ versuchte er, zu spaßen. Der Greis kicherte; es klang wie dünnes, gestoßenes Pfeifen. ״Mich“, sagte er, ״mich werdet Ihr in die Tiefe bringen, am Abhang oben, in den Steinen. Kein fruchtbares Stückchen Erde vergeudet mit mir, hört ihr?“ Er schwieg. ״Ich habe das Land geliebt. Ich habe gern gelebt, ein gutes Leben.“ Alle wußten, dieser schwindsüchtige Mann hatte über sechzig Jahre den Boden bearbeitet, erst in Galizien, dann hier. Gut zwanzig, vielleicht auch dreißig Jahre hindurch war Malaria sein Gefährte gewesen, der Geschmack von Chinin nicht aus seinem Munde gewichen. ״Was will ich mehr?“ fragte er später. ״Ich sterbe schnell, inmitten meiner Freunde, es tut nicht weh.“ Mit dem Eigensinn eines alten Bauern wies er alle Vorschläge des Arztes zurück; man sollte ihn in Ruhe lassen. ״Versucht eure Künste an jüngeren“, flüsterte er, mühsam lächelnd. Auf Mendel Glass deutend, fragte er, was dies neue Kindergesicht hier wolle. Dr. Philipsthai erläuterte, dieser Junge sei mitgekommen, ihm von seinem Blute abzugeben. Nachman bewegte verneinend den mageren Kopf, der graue Bart blieb auf dem Hemd liegen. ״Dein Blut will ich nicht, Junge“, sagte er. ״Es soll überhaupt keines weiter vergossen werden. Forscht nicht, woher die Kugel kam; keine Rache, hört ihr? Durch Strafe und Rache ist die Welt heruntergekommen bis auf diesen Zustand.“ Dr. Philipsthal fragte, ob denn wenigstens die Kugel entfernt worden sei. ״Von selbst weitergelaufen ist sie“, flüsterte der Greis, ״ein Bote des Landes war sie, sie hat ihre Pflicht getan.“ Die Wärterin bestätigte: man hatte das Geschoß beim Verbinden nicht gefunden, wahrscheinlich, weil es noch Kraft gehabt, irgendwo anzuprallen. Allmählich traten mehr Männer und Frauen der Kwuzah zur Tür und ins Zimmer; es sprach sich herum, daß der Arzt gekommen sei, und daß Nachman sterbe. Der Greis öffnete die Augen. Er sah die Gesichter der Kameraden, mit denen er ein Menschenalter lang jeden Bissen Brot geteilt, die unendliche Mühsal der ersten sieben Jahre nach dem Kriege, das langsame Aufblühen der Siedlung, in der es weder Privatbesitz noch Sonderrechte gab, und wo er als Gleicher unter Gleichen sein Tagewerk vollbracht- Zum Schluß habe er nicht mehr viel getaugt, sagte er, viele Mühe habe er seinen Freunden gemacht, wenig Dank hatten sie von ihm geerntet. Er hatte mehr gegessen, als seine Arbeit wert war, aber sie hatten es ihm ja nicht übel genommen. Jemand schluchzte auf. Erstaunt hob er die Blicke: Tränen, weil er endlich zur Rühe ging, nach einem Leben, so zu Ende gelebt? Er wußte, sie alle, daß nichts danach folgte, daß diese Erde ihr Schauplatz war, diese Zeit ihre Zeit, daß die Leute nur Verwirrung stifteten, die immer ein Jenseits brauchten und erhofften. Eine Stelle in der Schrift hatte ihm immer gut gefallen, die von den siebzig Jahren und der köstlichen Mühe und Arbeit. Wurden junge Leute weggerufen oder solche aus der Mitte des Lebens — sein Blick glitt von Mendel Glass zu Lolard Irmin und weiter zu seinen Freunden, die sich an die Wand drückten, kaum atmeten, ihm zuhörten, die Türöffnung füllten, im Gang auf Zehenspitzen standen ־— dann mochten Schrecken und Trauer Platz haben. Sein Weggang aber war in Ordnung. Er schwieg eine Weile mit geschlossenen Augen. Wie dicht unter der braunen faltigen Haut der Knochenbau lag, wie die schmale gebogene Nase plötzlich vorsprang, die Falten von ihren Flügeln den Oberkiefer zeichneten! ״Daß ihr mir nicht nachforscht“, sagte er noch einmal, ״die Araber nichts entgelten laßt.“ Diese Möglichkeit schien ihn sehr zu beunruhigen. Er erwähnte sie noch mehrere Male; der Mann mit dem finsteren Gesicht und dem eingebundenen Arm beschwichtigte ihn. Sehr gut konnte diese Kugel auch von einem jüdischen Schomör stammen, einem der eigenen Wächter, von jenseits des Tals, wo zwei andere Kwuzoth siedelten und im weiteren Umkreis noch mehrere. Dieser Gedanke schien den Alten zu freuen. ״Gut“, flüsterte er, ״gut“, und tastete nach der Hand des Mannes, der ihm nur die linke hinstrecken konnte. Die nahm er zwischen seine mageren, durch und durch verarbeiteten Finger, sagte ״vielen Dank allen“, blickte in die Runde, lehnte den Kopf rückwärts, schloß die Augen. Ganz wenig Röcheln drang noch aus seiner Kehle, aus den Mundwinkeln floß ein winziges Rinnsal dünnen Blutes. ״Bleibt noch da, bis wir ihn morgen begraben“, bat der zurzeit Einarmige, der auf selbstverständliche Art die Führung der Kwuzah zu übernehmen schien. ״Platz genug zur Uebernachtung.“ Es würde sehr gut sein, unvergeßlich für alle Tage des Lebens, mitzugehen, wenn die Landarbeiter von Dagania N. A. Nachman begruben. In dieser Nacht, auf dem Dache liegend, in ein Laken gewickelt, fand Mendel Glass keinen Schlaf- Es war etwas los in ihm; was eigentlich? Was hatte seine Tat mit dem Wegsterben dieses abgelebten Mannes zu tun? Wie, wenn er sich jetzt fortschliche, dem Engländer zu entkommen, der ihm die Ehre einer so zähen Begleitung erwies? Es mußte möglich sein, in dieser heißen Nacht das Ende des Sees zu überschwimmen — dieses warme Wasser, das er sich schon traute, ein paar Stunden lang zu durchqueren. Drüben, in Trans- Jordanien, half er sich dann schon weiter. Unten hielten sie Totenwache. Dennoch gelangte er mit einer Ausrede an ihnen wohl vorbei. Merkwürdig, daß er dies alles nur dachte, wach, liegend, die Augen zu den blanken Sternen erhoben, und es nicht tat. Der Sterbende hatte ihn eigentümlich angesehen, sein Blut nicht gemocht. Es wäre besser gewesen, er hätte es angenommen, Blut für Blut, das bot einen Ausgleich. Man hätte dann mit besserem Gewissen fliehen können. Seit wann war er eigentlich schüchtern? Hatte er nicht Juden mit grauen Bärten, viele, gekannt und gehaßt, drüben in Proskurow? Sonderbar doch, wie sich dieser Nachman von seinem Großvater unterschied, von dem Raw des Städtchens, von all den alten eingetrockneten Feinden, die über dem Talmud wackelten. Ganz schön, solch ein Leben ausgelebt zu haben. Wahrscheinlieh mußte jedes Leben ausgelebt werden, wie etwas Unnatürliches darin lag, einen halb erwachsenen Baum umzuhacken. Hätte er also den de Vriendt ruhig weiter machen lassen sollen? Weiter Verräterei treiben? Oder hätte sich vielleicht irgendein Ausgleich von selber eingestellt, auch im Leben des de Vriendt? Und mußte er, Mendel Glass, auch weiterleben, auf den Ausgleich warten, nicht über den See Genezareth schwimmen, nach Haifa zurückkehren? War das, was dieser Engländer vorhatte, ein gültiger Ausgleich? Aber es wehte Beruhigung her von diesem Tode. Er würde sich nicht ergeben; kein Geständnis, aber auch keine Flucht. Sie war ja, er atmete tief, das vollgültige Zugeben seiner Schuld. O nein, Mister Irmin, Sie werden mich morgen bei der Beerdigung des Nachum A. Nach man drei Schaufeln Steingeröll ins Grao werfen sehen. Loufs Golding, ein englisch-jüdischer Schriftsteller, der nebst seinen sonstigen Werken mit Gedichten und Erzählungen aus dem jüdischen Leben und auch Palästina-Schilderungen hervor getreten ist, wurde im letzten Jahre durch seinen Roman ״Magnolia-Street“, der die Geschichte einer von Juden und Christen bewohnten Straße während der Dauer einer ganzen Generation schildert, mit einem Schlage zu einem der bekanntesten Schriftsteller Englands. Dieser Roman mit dem fast sensationcllen Erfolg (siehe auch die Besprechung in der ״Jüd. Rundschau“ Nr. 33/34) ist jetzt als eines der schnell beliebt gewordenen Bändchen des Albatroß-Verlages Hamburg (für den billigen Preis von 2,80 RM.) erschienen. (Diese Albatroß-Bücher, die in kluger Auswahl viel Interessantes und Abwechslungsreiches bieten, geben einen guten Ueberblick über die zeitgenössische englische Literatur und erleichtern dem Kontinental-Europäer den Zugang zur modernen englischen Geistesweit.) Zugleich tritt Golding mit einer anderen, die Aufmerksamkeit deutscher Leser auf sich ziehenden Publikation hervor. Er hat in einer von Leonard und Virginia Woolf (der bekannten, übrigens auch in der ״Albatroß-Serie“ bereits vertretenen Dichterin) herausgegebenen Flugschriftenreihe einen ״Brief an Adolf Hitler“ veröffentlicht. (Hogarth Press, London W. C. 1, Preis 1 sh.). — Brief an Hitler? Als deutscher Jude wird man einer solchen Schrift mit einem gewissen gefühlsmäßigen Vorurteil gegenübertreten, wenn es auch klar ist, daß der ״Brief“ nicht als wirklicher Brief an den Adressaten gemeint ist und von diesem wohl auch nicht empfangen wurde. Hitler ist hier nur die symbolische Figur des in wechselnder *',Gistaff ,'tfütth *e Jahfhtiikierte Wandelnden f|lM«»r1ftetf)''־*iian sich ein Jude gewissermaßen als Gegenspieler zur Rede Stellt. Der Antisemitismus, so führt Golding aus, ist eine ״absolute“ Größe, eine unerklärliche, irrationale, tief eingewurzelte Macht, eine Art Urfeindschaft, die sich nur zum Schein rationale Argumente sucht. Die Argumente sind leicht zu zerpflücken, aber die persönlichen Erfahrungen, die ein Jude schon als Kind macht — Golding selbst berichtet über seine Jugend-Erlebnisse in seiner englischen Vaterstadt — und die das Gemüt des Kindes grausam erschüttern, lassen den elementaren Charakter des Phänomens erkennen. Diesem Gegensatz zwischen ״Semiten und Antisemiten“, wie Golding es ausdrückt, läßt sich mit Hitlerischen Mitteln, Ausrottungsrezepten usw., nicht beikom* men. Manches Treffende über die sentimentale und affekthafte Reaktion im Zusammenleben von Juden und Nichtjuden wird von Golding gesagt, aber man legt das Büchlein doch unbefriedigt beiseite. Die Sache, so scheint uns, ist zu ernst, um ln literarischem Plauderton behandelt zu werden. Man fragt sich, ob Goldings Absicht eine politische oder eine geistige war; war sie eine politische, dann kann die Ausführung keineswegs als sinnvoll und zweckmäßig, war sie eine geistige, dann kann die Ausführung nicht als zureichend bezeichnet werden. Descartes ln hebräischer Sprache. In der Sammlung klassischer philosophischer Quellen, die von L. Roth, dent Lehrer der Philosophie auf dem Achad-Haam-Lehrstuhl zu Jerusalem, herausgegeben wird, ist soeben die Uebersetzung der ״Meditationes de prima philosophia“ des Cartesius erschienen. Der verdienstvolle Uebersetzer ist der Schüler der Universität Joset U r, dem mit dieser Uebersetzung eine wichtige und schöne Leistung geglückt ist. Sie reiht sich würdig an die — gleichfalls von Ur besorgten und in der• selben Sammlung erschienenen — Uebersetzungen philosophi* scher Klassiker an. (Descartes, Leibnitz, Rousseau.) Die Ausgaben sind ansprechend und schlicht ausgestattet, ־ recht passend als Seminarausgaben, der Preis ist sehr niedrig gehalten. Auf diese Neuerscheinung wie auf die Schriftenreihe, in der sie erscheint, wird hier besonders hingewiesen, weil eine solche Uebertragung eines philosophischen _ Klassikers eine wichtige Bereicherung des hebräischen Schrifttums darstellt. Neben den Uebersetzungen wichtiger Dichtungen des Abendlandes werden es wohl auch die Grundschriften der großen Philosophen sein, die dem geisteswissenschaftlichen Bemühen Erez Israels einen weiten Rahmen geben. Zudem verdienen die von Roth und Ur besorgten Ausgaben einer besonderen Hervorhebung wegen des ausgesprochen wissenschaftlichen Charakters, ihres Stils und ihrer Technik. (Vergleichende Noten mit Hinweisen auf die Originaltexte, Seitenzahlen der Adam-Tannerysehen Ausgabe.) Diese philosophische Seminarausgabe der Universität Jerusalem kann wegen ihres schönen Stils und wegen ihrer Wohlfeilheit allen empfohlen werden, die sich in den hebräischen Stil der Philosophie einiesen wollen. Dr. Uck o. In dem von Prof. Koetreutter herausgegebenen ״Jahrbuch des öffentlichen Rechtes“ Band 20 (1932, Verlag von J. C. B. Mohr, Tübingen) erschien eine Abhandlung ״Neue Verfassungen im Vorderen Orient“ von Dr. Hans K o h n, Jerusalem. Es werden darin die ägyptische Verfassung vom 22. Oktober 1930 und die syrische Verfassung vom 14. Mai 1930 eingehend analysiert. Die ״Scientia“ (Mailand) veröffentlicht als Sonderheft einen Aufsatz des auch als hebräischen Schriftsteller bekannten Dr. H. Rudy über ״Psychologien ohne Seele“, der sich besonders mit dem Behaviorismus beschäftigt.