Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 88 (4.11.1932)
- Date
- 1932-11-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 88, 4. XI. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 427 Die Jewish Agency an die Mandatskommission Am 3. November beginnt in Genf die diesjährige Tagung der Mandatskommission des Völkerbundes, in der auch Palästina behandelt werden wird. Andern Palästina gewidmeten Teil der Tagung nimmt eine Delegation der englischen Regierung unter Führung des High Commissioner Sir Arthur Wauehope teil. per Mandatskommission liegt wie alljährlich ein Bericht der englischen Regierung über die Verwaltung Palästinas im Jahre 1931 vor. Die Jewish Agency hat in der üblichen Weise ihren Bericht der Kommission durch die Mandatarniacht überreichen lassen, Das Memorandum, das ein mehr als 40 Seiten starkes Großquartheft (larstellt, enthält Abschnitte über I. Bevölkerung?- bewegung; II. Einwanderung und Arbeitslage; III. Landwirtschaftiiche Kolonisation: IV. Städtische Entwicklung; V. Industrie; VI, Oeffentliche Gesundheit; VII. Unterricht; VIII. Jüdische Gemeindeorganisation; IX. Finanzen. Dem Memorandum liegt ein Mantelschreiben des Präsidenten der Jewish Agency, Nahum Sokolow, an den High Commissioner für Palästina General Sir Arthur Wauchope bei, in welchem die Forderungen der Jewish Agency an die Mandatarmacht niedergelegt sind. Das Schreiben lautet: Im Namen der Jewish Agency for Palestine habe ich die Ehre, Sie zu ersuchen, das beiliegende Memorandum über die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims in Palästina im Verlauf des Jahres 1931 dem Generalsekretär des Völkerbundes zwecks Informierung der Permanenten Mandatskommission zuzuleiten. 2. In seinem Begleitschreiben zu dem Memorandum für das Jahr 1931 teilte mein Vorgänger, Dr. Weizmann, mit, daß der vom Ministerpräsidenten am 13. Februar 1931 an ihn gerichtete Brief vom XVII. Zionistenkongreß und der Zweiten Tagung des Council der Jewish Agency erörtert werden wird. Ijiese Körperschaften tagten im Juli 1931 in Basel. In Uebereinstimmung mit dem Beschluß des Kongresses nahm der Council der Agency die folgende Resolution an: ״Der Council der Jewish Agency billigt die Haltung seiner Vertreter bei den Verhandlungen, die den Brief des Premierministers vom 13. Februar 1931 an Dr. Weizmann zum Resultat hatten, und nimmt Kenntnis von der Erklärung des Premierministers hinsichtlich des autoritativen Charakters dieses Dokuments. Er erkennt jene Versicherungen und Definitionen in dem Brief an, die den Wunsch der Mandatsregierung ausdrüeken, die durch das Weißbuch vom Oktober 1930 in dem jüdischen Volke erweckten ernsten Befürchtungen zu mildern. Der Council nimmt an, daß der Brief nicht ein vollständiges Statement der Politik darstellt und ferner Vorbehalte enthält, die Grund zu Befürchtungen geben. Nach diesen Riehtungen erwartet der Council von der Regierung Seiner Majestät, daß sie eine befriedigende ,Regelung mit der Jewish Agency im Geiste des Mandats durchführt. Der Council sieht in dem Brief eine Basis zu weiteren Verhandlungen der Jewish Agency mit der Mandatsregierung, um zu bewirken, daß die in dem Brief enthaltenen Zusicherangen an das jüdische Volk verwirklicht und Verhältnisse geschaffen werden, die eine ununterbrochene Entwicklung des Jüdischen Nationalheims sichern.“ Die Basis für die Politik der Exekutive ist in dem folgenden Auszug aus dem dem Kongreß von mir überreichten Statement enthalten: ,,Energischer Schutz der dem jüdischen Volke durch das Mandat gewährten Rechte und Zusammenarbeit mit dem Mandatar mit dem Ziele, das Mandat zu voller Wirkung zu bringen; besonders auch mit dem Ziele, sich der Unterstützung des Mandatars und der Palästina-Administration am Aufbau des Jüdischen Nationalheims zu versichern. Aktive Maßnahmen auf wirtschaftlichem, sozialem und politischem Gebiete mit dem Ziele, friedliche Beziehungen und Annäherung zwischen Juden und Arabern in Palästina zu schaffen, die auf dem Prinzip beruhen, daß, ungeachtet der numerischen Stärke des einen oder des anderen Bevölkerungsteils, niemand herrschen oder beherrscht werden soll.“ 3. Gemäß dem Development Scheine, das im Weißbuch vom Oktober 1930 erwähnt ist und Gegenstand wichtiger Teile des Briefes des Premierministers an Dr. Weizmann war, legte der Director of Development, Lewis French, seinen ersten Berieht im Dezember 1931 und einen Ergänzunjjsbericht im Mai 1932 vor. Diese Berichte, die der Exekutive der J. A. zu vertraulicher Information übergeben wurden, werden Gegenstand von Bemerkungen sein, die Euer Exzellenz zu geeigneter Zeit vorliegen werden. Im Hinblick auf den vertraulichen Charakter der Dokumente (die, wie aus der Mitteilung Euer Exzellenz vorn 30. Juni d. Js. hervorgeht, gleichzeitig mit den Beschlüssen der Regierung hinsichtlich derselben veröffentlicht werden sollen) ist es mir nicht möglich, hier auf ihren Inhalt einzugehen. Es bleibt der ernsteste Wunsch der Jewish Agency, mit der Regierung Seiner Majestät in der Schaffung eines auf den Prinzipien des Mandates fußenden umfassenden Landentwicklungsplanes für Palästina zusammenzuarbeiten, um jüdische Einwanderung und Kolonisation zu fördern, die Erriehtung des Jüdischen Nationalheims zu sichern und dem allgemeinen Wohl aller Einwohner des Landes Genüge zu tun. Wir vertrauen darauf, daß die Mandatarmacht keine Politik verfolgen wird, die dazu angetan wäre, jüdische Kolonisation zu behindern, sondern daß ihre Politik auf diesen Prinzipien und den im Briefe des Premierministers an Dr. Weizmann gegebenen Zusicherungen fußen wird. 4. Hat der Brief des Premierministers eine gewisse beruhigende Wirkung auf die jüdische öffentliche Meinung ausgeübt, so griff abermals Enttäuschung Platz, als die in dem Briefe auf den Fortschritt der jüdischen Arbeit in Palästina direkt Bezug habenden Versprechungen nicht in dem Maße verwirklicht wurden, daß sie der Tätigkeit der Palästina-Administration ihren Stempel aufgedrückt hätten. Der Jewish Agency ist bekannt, daß die Administration kürzlich an eine Schätzung des j ü d i - sehen Anteils an den öffentlichen Einkünften in Palästina geschritten ist und gewisse Maßnahmen ergriffen hat, um den jüdischen Anteil bei städtischen Arbeiten zu erhöhen. Leider ist, mit Ausnahme der Arbeiten am Haifa- Hafen, in der Beschäftigung jüdischer Arbeiter bei öffentlichen Arbeiten ein wahrnehmbarer Fortschritt kaum zu verzeichnen gewesen. Die J. A. hofft, daß diese Angelegenheit in naher Zukunft geregelt werden wird im Sinne einer Politik, die als mit den im Briefe des Premierministers enthaltenen diesbezüglichen Zusicherungen übereinstimmend angesehen werden kann. 5. Die Tendenz der Bodengesetzgebung in Pafästina und der administrativen wie richterlichen Praxis bei der Behandlung von Bodenstreitigkeiten ist nach wie vor eine solche, daß sie eine intensive und rationelle landwirtschaftliche Ent- Wicklung wichtiger Bodengebiete des Landes ernstlich behindert, die Position des auf dem Boden Sitzenden — mag er noch so zufällig zu dem Boden gekommen sein — gegenüber dem gesetzlichen Eigentümer stärkt und das unberechtigte Ansiedeln auf fremdem Boden, sowie die Geltendmachung eingebildeter Ansprüche auf Boden fördert. Die J. A. wünscht nicht, daß dem Bearbeiter oder Pächter des Bodens der ihm zustehende gesetzliehe Schutz vorenthalten werde, aber sie sieht in der Protection of Cultivators Ordinance und in der Land Disputes Orclinance Anlaß zu ernsten Befürchtungen, 6. Was die Einwanderung betrifft, so nimmt die Jewish Agency mit Genugtuung davon Kenntnis, daß die Summe, über deren Besitz sich bestimmte Einwanderer-Klassen auszuweisen haben, auf 500 Pfund gesenkt wird. Dem gegenüber ist die Exekutive der J. A. im Hinblick auf die im Jahre 1931 gewährten sehr kleinen Arbeiter-Schedulen und die Tatsache, daß an Einwanderungswillige mit Privatmittcln immer noch sehr strenge Forderungen gestellt weiden, der Meinung, daß es nicht mir für das Jüdische Nationalheim, sondern auch für das ganze Land von Vorteil sein würde, wenn die Frage der Regelung der Einwanderung und die bei der Einwanderung angewandte Maschinerie einer nochmaligen Prüfung im Lichte der der Mandatarmacht durch Artikel 6 des Mandats auferlegten Verpflichtungen unterzogen werden würden. 7. Die Jewish Agency begrüßt durchaus die von Eurer Exzellenz ergriffenen Schritte, um die der öffentlichen Sic her 11 eit — durch eine Reihe von Morden, wie sie im Verlauf des Jahres besonders im Norddistrikt vorkamen — drohenden Gefahren zu beseitigen, und hofft, daß die Reformen und Aenderungen im Polizeidienst und in anderen Aemtemden Wunsch Eurer Exzellenz, allen Einwohnern des Landes Sicherheit zu gewährleisten, erfüllen werden; dennoch ist es meine Pflicht, darauf hinzuweisen, daß der Anteil der Juden an der palästinensischen P o 1 i z e i immer noch weit entfernt davon ist, als befriedigend angesehen zu werden, ln der Einreihung von Juden in die palästinensische Sehutzinacht ist nur eine sehr geringe Wendung zum besseren zu verzeichnen gewesen; von den Vorschlägen Sir Herbert Dowbiggins betr. Reorganisation der Polizei nach dieser Richtung hin ist bisher kein irgendwie wesentlicher Teil zur Durchführung gelangt. Wichtige jüdische Zentren entbehren auch jetzt noch eines angemessenen Kontingents jüdischer Polizei, in gewissen Dienst- Departements ist der Prozentsatz des jüdischen Personals außerordentlich gering. 8. Die Situation in der Transjordanischen Grenzmacht gibt zu noch größerer Unzufriedenheit Anlaß. Aus Palästina-Einkünften wurden bis heute etwa 750 000 Pfund für die Erhaltung dieser Streitkraft und ihrer Reservedetachcnients verausgabt; sie wurde ganz und gar ein Teil der permanenten Palästina-Garnison. Sie bewacht die Jordan-Linie und die Fiydro-Elektrischen Werke, auch liegt es ihr ob, Waffenschmuggel nach Palästina zu verhindern. Ferner ist ihr der Schutz gewisser Gebiete jüdischer Siedlung, im Jordan-Tale und in Galiläa, anvertraut. Ungeachtet dessen sind die jüdischen Bürger Palästinas aus ihren Reihen so gut wie ausgeschlossen. Am 1. Januar 1931 gehörten der Transjordanischen Grenzmacht, deren Stärke einschließlich der Reserve 980 Mann betrag, nur 28 Juden, unter ihnen 2 Offiziere, an. Erwägungen, die sowohl vom Prinzip der Gleichheit wie von dem der Sicherheit ausgehen, heischen dringende Maßnahmen, um in geeigneter Form eine wesentliche Zahl Juden in den aktiven Bestand und in die Reserve der Transjordanischen Grenzmacht einzureihen. 9. Mehrere Jahre hindurch sah sich die J. A. gezwungen, darauf hinzuweisen, daß der von der Palästina-Regierung zur Erhaltung des von der J.A. verwalteten hebräischen öffentlichen Schulwesens geleistete Zuschuß, sowie der Beitrag der Regierung zu den Ausgaben des jüdischen Gesundsheitsdienstes in keiner Weise den Bedürfnissen der jüdischen Gemeinschaft und ihrer Leistung für die öffentliehen Einkünfte entsprechen (im Falle des Gesundheitsdienstes entspricht der Zuschuß nicht einmal dem Zahlenverhältnis der Juden gegenüber der Gesamtbevölkerung). Eure Exzellenz haben zugegeben, daß eine Erhöhung der Beihilfe*für die hebräischen Schulen und ein Beitrag für den jüdischen Gesundheitsdienst erwogen werden müssen. Sie haben eine Prüfung dieser beiden Fragen bei Vorbereitung des Budgets für 1933/34 veranlaßt. Ich hoffe, daß es im Ergebnis dieser Prüfung möglich sein wird, den berechtigten Ansprüchen der jüdischen Gemein- Schaft auf angemessene Beteiligung der Regierung an ihren sozialen Diensten entgegenzukommen. 10. Obwohl das Jahr 1931 im Zeichen einer (übrigens noch andauernden) weltumfassenden Wirtschaftsdepression stand, bin ich glücklich, darauf hinweisen zu können, daß Palästina weniger als andere Länder von der Krise betroffen zu sein scheint. Palästina ist eins der wenigen Länder, deren Staatseinkünfte nicht jene Krisis widerspiegeln, die Regierungen anderer Länder zu drastischen Einschränkungen gezwungen hat. Dies ist, wie allgemein anerkannt, hauptsächlich auf die großen Geldsummen zurückzuführen, die im Ergebnis jüdischer Siedlungsarbeit nach Palästina fließen, sowie auf die stetige Entwicklung durch jüdische Gruppen oder einzelne Juden begründeter landwirtschaftlicher und industrieller Unternehmungen. Diese Lage wird gestärkt durch den wachsenden Glauben des jüdischen Volkes anunserSiedlungswerk und durch die Hoffnung, daß in den kommenden Jahren jüdischer Unternehmungsgeist, ermutigt durch der Regierung und Eurer Exzellenz Unter- Stützung, selir beträchtliche Fortschritte in der Errichtung des Jüdischen Nationalheims bewirken wird. In den zehn Jahren, die seit Bestätigung des Palästina-Mandats (Juli 1922) verstrichen sind, haben die Juden bewiesen, daß keine Rückschläge die Entschlossenheit des jüdischen Volkes, sein Nationalheim aufzubauen, zu schwächen vermögen. Das jüdische Volk wird mit Vertrauen auf den bereits gelegten Grundlagen fortscTireiten. Ich habe die Ehre zu sefn Ihr ergebener Nahum Sokolow, Präsident der Jewish Agency for Palestine. ״Manchester Guardian“ bringt in seinem Handelsblatt vom 15. v. M. einen interessanten Bericht eines Geschäftsmannes über seine Reise ״durch drei Kontinente“ und über die Möglichkeiten, die sich dort für den Handel mit englischen Textilwaren ergeben. Dabei wird auch über die Absatzmöglichkeiten in Palästina berichtet. Der Verfasser erklärt, daß Manchester Waren in Palästina relativ wenig verlangt werden. Juden und Araber kaufen lieber die billigeren Nachahmungen britischer Textilwaren aus der Tschechoslowakei, aus Italien und Japan, ln T e I - A w i w habe er versucht, den interessierten Kreisen den Qualitätsunterschied zwischen Manchester Waren und diesen Nachahmungen klarzuniachen. Er hatte auch eine Sitzung mit der Industriellen-Vereinigung in Tel-Awiw und erklärt, daß Palästina selbst als Fabrikationsland eine bedeutende Zukunft zu haben scheint, sobald die Transport- und Verkehrsmöglichkeifen sich verbessert haben.— ln diesem Zusammenhang ist auch eine Veröffentlichung des ״Stuttgarter Neuen Tageblattes“ über ״Englische Wirtschaftsoffensive in Palästina“ von Interesse. Darin wird betont, daß für den deutschen Handel in Palästina Gefahr besteht, da die Engländer jetzt dazu übergehen, ihre Propaganda- und Absatztechnik, die bisher sehr rückständig war, zu verbessern. Aus diesem Grunde müsse der deutsche Kaufmann dem Palästina-Markt erhöhte Aufmerksamkeit schenken. Dem von der Palästina-Regierung soeben veröffentlichten Finanzbericht des Post- und Telegraphenwesens ist zu entnehmen, daß zu der Einkommensumme des Postwesens in Höhe von 94 805 Pfund in den letzten fünf Monaten Tel- Aw iw fast 38 000 Pfund, also 40 0/0, beigetragen hat. Bei Herrn Calinescu GesprSch mit dem rumänischen Uniersiaatssekreiär — Innerjüdische Frag«( Brief aus Rumänien. (Von unserem Korrespondenten.) mi. Bukarest, 24. Oktober. Nach altem Brauch wurde in den Festtagen, in allen Synagogen des Landes, insbesondere im Alten Reich, über die allgemeine Lage der Juden und über die Fortschritte der Palästinaarbeit, von Rabbinern sowohl wie von Laienrednern, gcsprachen. Die Regierung hat, wie alljährlich, den jüdischen Beamten, Schülern usvv. die Freiheit gewährt, an diesen Tagen Dienst exier Schule ruhen zu lassen. Leider wurde die Ruhe und Ordnung in einigen Orten durch Uehergriffe Einzelner oder von kleineren antisemitischen Gruppen gestört, so in Tecuci (durch einen Offizier), Balti und Racloaia. Im letzteren Dorfe wurden die Juden von cuzistischen Wahlmachern mißhandelt und ihre Läden zum Teil geplündert oder beschädigt. Die Regierting, von einer Abordnung des jüdischen Parlamentsklubs daraufhin interpelliert, ordnete die Verhaftung aller Schuldigen an, auch derjenigen, die bis dahin noch auf freiem Fuße waren, denn ein Teil wurde sofort dingfest gemacht, und eine Untersuchung ist im Gange. Wahrscheinlich wird die oberste Behörde den jüdischen Kaufleuten Entschädigungen für die er- Jittenen Verluste gewähren. — Anderseits hatten wir in diesem Jahre, zum ersten Male in Rumänien, auch eine öffentliche jüdisch-kommunistische Demonstration gegen den Jomkippur- Gottesdienst in Jassy. Im Anschluß an die Intervention des jüdischen Parlamentsklubs bei dem Unterstaatssekretär für Inneres, Herrn Calincscu, wurde vom Abg. Mischu Weissmann und seinem Begleiter auch gegen die ziemlich häufigen Einmischungen der Ortspolizeiorgane in die Dinge der zionistischen Jugendorganisationen geklagt. Es wurde gemeinsam festgestellt, daß die Behörde von nun an die Zionistische Organisation in allen vorkommenden Fällen zur Beratung heranziehen werde, und daß andererseits die zionistische Kontrolle der jugendlichen Verbände verstärkt werden soll, damit die so oft erhobene Beschuldigung gegen zionistische Jugendgruppen, daß sie, in manchen Orten, kommunistische Elemente enthalten oder sich von diesen beeinflussen lassen, genügend ernst untersucht werden könne, bevor irgend welche Maßnahmen seitens der Behörde ergriffen werden. Es fügte sich, daß Ihr Korrespondent tags darauf mit demselben Herrn Calinescu eine Unterredung hatte. Calinescu, Unterstaatssekretär im Innenministerium, ist einer der gebildetsten Männer der jüngeren Generation in der Nationalbauernpartei und bringt auch den jüdischen Problemen viel Verständnis und Wohlwollen entgegen. Das Gespräch drehte sich, wie nicht anders möglich war, um die Lage der Juden, den Zionismus, die gelegentlich ausbrechenden Antisemitenexzesse, usw. Der Minister, in dessen Ressort besonders auch die Polizei fällt, erklärte mir, daß die Regierung ihr Hauptaugenmerk auf die Sicherheit und Ruhe im ganzen Lande richte. Die entsprechenden Instruktionen an die untergeordneten Beamten seien sehr kategorisch und streng. Die Regierung habe bei der Erfüllung dieser ihrer Aufgabe gegen zwei extreme Richtungen anzukämpfen: Die cuzistisch-codrenistische Agitation einerseits und die der Kommunisten auf der anderen Seite. Bei der Eindämmung der kommunistischen Propaganda, die ja hauptsächlieh bei einem Teil der unreifen Jugend vorherrsche, könnte, sofern es sich um jüdische Kommunisten handle, insbesondere die zionistische Bewegung manche Abhilfe schaffen: Durch . eine systematische Aufklärungsarbeit der zionistischen Instanzen unter den jugendlichen Elementen, durch die Unter- Streichung des nationalen Moments und die Hervorhebung der Tätigkeit für Palästina, könne der Zionismus ein sehr wichtiger Faktor in der Erziehung der Jugend sein. Diese Anerkennung der zionistischen Arbeit als eines nicht nur für ihre eigenen Ziele, sondern auch zum Wohle und der Erhaltung der Staaten und der Ordnung wirkenden Faktors ist, in dieser deutlichen Form, meines Wissens zum ersten Male von einem rumänischen Würdenträger ausgesprochen worden. Im weiteren Verlauf des Gesprächs zollte Herr Calinescu der zionistischen Arbeit seine volle Achtung und erwies sich als gut unterrichtet und mit den Fortschritten der Palästinaarbeit vertraut. Auf meine Frage, wie sich die Regierung zur jüdisch-nationalen Landespolitik stelle, erklärte mein Gewährsmann, er und seine Freunde würden es gewiß lieber sehen, wenn die Juden in die verschiedenen politischen Parteien einträten, wo man sie mit offenen Armen empfangen würde. In einem Lande aber, wo sich alle übrigen nationalen Minderheiten selbständig organisierten, sehe er nicht ein, warum sich nicht auch die Juden als eigene Partei zusammenschließen sollten. Dieser Standpunkt, den heute die Aufgeklärten in fast allen Parteien im Lande vertreten, ist noch gar nicht so alten Datums, denn noch bei den vorletzten Wahlen gab es sehr viele Stimmen unter den politischen Führern des Landes, die es den Juden verübelten, daß sie sich als Juden politisch betätigten. Am 31. Oktober findet in Bukarest der Kongreß der jüdischen Gemeinden des Landes statt, zwecks Besprechung der verschiedenen gesetzlichen und organisatorischen Fragen, die den jüdischen Kultus in Rumänien betreffen. Die Gemeinden der neuangegliederten Provinzen haben fast ausnahmslos die Beteiligung abgelehnt. Auch dies ist ein unglückliches Symptom unserer Lage im Galuth: Wenn eine nicht jüdische Behörde diesen Kongreß einberufen hätte, so würde es keinerlei Widerstände gegeben haben; so aber, weil man in gewissen Kreisen mit der Tätigkeit Dr. Fildermanns, des derzeitigen Präsidenten des jüd.-altrumänischen Ciemeindebundes, nicht einig geht, lind weil die Ordothoxie in Transsylvanien die Nichtorthodoxen nicht leiden mag, verliert man eine Gelegenheit, die Einigkeit des eine Million Seelen zählenden rumänischen Judentums durch eine öffentliche, große und würdige Kundgebung zu dokumentieren. Am 30. Oktober feiert Dr. Wilhelm Fildermann seinen 50 jährigen Geburtstag. Eine der prominentesten Persönlichkeiten des rumänischen Judentums, hat sich Dr. Fildermann insbesondere im Kampfe um die Emanzipation in Rumänien führend hervorgetan, und sein Name bleibt mit diesem historischen Ereignis aufs engste verknüpft. Wenn auch ein Teil der national orientierten rumänischen Juden heute nicht mit Dr. Fildermann einverstanden ist und ihn heftig bekämpft, so gibt es doch keinen einzigen Juden im Lande, der die großen Verdienste Dr. Fildermanns um die politische und rechtliche Position der rumänischen Juden verneinen würde. Auch auf dem Gebiete der propalästinensischen Tätigkeit in Rumänien hat sich Dr. Fildermann einen Namen erworben. Er ist Mitglied des Administrative Committee der Jewish Agency und hat bisher an fast allen Versammlungen und Sitzungen des Council und des Committee teilgenommen, auch im Lande selbst für den Keren Hajessod wiederholt aktiv gewirkt. Zu Ehren seines Jubiläums werden mehrere große Veranstaltungen in Bukarest stattfinden, darunter ein Festgottesdienst, eine Schulfeier und ein Bankett Das Festkomitee hat beschlossen, ein Gedcnkbuch über Fildermanns Kampf um die Judenrechte in Rumänien herauszugeben und eine Gedenkmünze zu prägen, die als jährliche Aus- Zeichnung für verdiente jüdische Führer in Rumänien verteilt werden soll.