Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 88 (4.11.1932)
- Date
- 1932-11-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 428 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 88, 4. XI. 1932 Zur Lage in Deutschland In einem Augenblick, in dem die deutsche Presse vor allem der parteipolitischen Beeinflussung für die Wahlen dient, ist wohl der Versuch berechtigt, unvoreingenommen die politischen Tendenzen der Gegenwart und ihre Bedeutung für die deutschen Juden zu erkennen. Wenn dabei auch gewisse Prognosen gewagt werden, so ist ihr Wert natürlich zweifelhaft -.- ist doch schon durch das hohe Alter des Reichspräsidenten ein so großer Unsicherheitsfaktor gegeben, daß nicht einmal der Bestinformierte einigermaßen zuverlässig prophezeien könnte. Aber trotzdem sucht notwendigerweise jeder vor der eigenen Entscheidung einen Blick in die Zukunft zu tun. Was bedeutet die kommende Wahl innerhalb der deutsehen Politik? Höchstwahrscheinlich viel — denn eine Reichsregierung, die so gewaltige außenpolitische lind wirtschaftliche Schwierigkeiten vor sich hat und selbst so wenig homogen ist wie das jetzige Kabinett, kann schwerlich wagen, auf die Dauer die stärksten innerpolitischen Widerstände unbeachtet zu lassen. Wenn etwa MacDonald beim Abschluß des Lausanner Abkommens den größten Wert darauf legte, den Vertrag durch einen ordentlichen deutschen Reichstag ratifiziert zu sehen, so war dies der Form nach gewiß keine unstatthafte Einmischung in deutsche Verhältnisse ■— aber sachlich besteht hier jedenfalls ein wichtiges Motiv für die Reichsregierung, sich eine parlamentarische Mehrheit zu schaffen. Noch weit mehr aber dürfte in dieser Richtung die teils schon eingetretene, teils drohende Verschärfung der außenpolitischen Spannungen wirken. Es ist schwerlich denkbar, daß die gewaltigen Entscheidungen, vor die sich Deutschfand vor allem in der Rüstungsfrage gestellt sieht (etwaiger Austritt aus dem Völkerbund!), von einer Regierung gefällt ,werden sollten, die nicht nur die ganze Linke, sondern noch dazu die stärkste Rechtspartei gegen sich hat. Auch und gerade ein Nachgeben wäre wahrscheinlich leichter für eine Regierung mit nationalsozialistischer Beteiligung als für ein Kabinett, dessen Außenpolitik ohnehin als schwächlich und ״unnational“ verschrieen wäre. Daß freilich unter Umständen eine von Hitler beeinflußte Außenpolitik zu unabsehbaren Konsequenzen führen könnte, erscheint kaum zweifelhaft; zeigt doch die erschreckende Verschärfung des Tones, die schon infolge gewisser wehrpolitischer Kundgebungen des Herrn von Schleicher in einem großen Teil der Auslandspresse (und zwar durchaus nicht nur in der französischen!) zeitweise festzustellen war, in welcher Gefahrenzone sich die europäische Politik heute wieder bewegt. Aber von den genannten realpolitischen Gründen abgesehen, wirken auch starke stimmungsmäßige Momente bei den jetzt regierenden Kreisen auf eine Heranziehung der NS D AP. hin. Heben doch bezeichnenderweise die der Regierung nahestehenden rechtsbürgerlichen Blätter, trotz ihrer durch die_ Situation bedingten. Kampfstellung gegen die Nazis, immer wieder ״die gewaltige historische Leistung Adolf Hitlers“ rühmend hervor (ohne viel nach der Art seiner Mittel zu fragen 1) und beklagen mit Schmerz den Bruderkampf. Was nun die künftige Rolle der NSDAP, betrifft, so ist das Ausmaß des nationalsozialistischen Stimmrückgangs nicht entscheidend. Denn auf alle Fälle — selbst bei geringem Stimmverlust — werden die Nationalsozialisten die Tang gehegte Hoffnung, auf legalem Wege zur Alleinherrschaft, oder zur Fastallein-Herrschaft zu gelangen, vorläufig aufgeben müssen und einen empfindlichen Prestige-Verlust erleiden. Um so mehr aber erwächst auch für sie die Notwendigkeit, sich möglichst bald, und sei es selbst in einer Koalition zu Dreien, an der Regierung zu beteiligen, denn auch für die Hitler-Bewegung gilt das Wort: ״Begeisterung ist keine Heringsware, die man einpökeln kann für lange Jahre.״ Wenn der Nimbus der Unbesiegbarkeit und des unaufhaltsamen Vordringens zerstört ist, wird man versuchen müssen, die Anhänger, ehe sie enttäuscht wieder abfluten, durch Macht und materielle Vorteile an die Partei zu fesseln. Im übrigen ist eine solche ״Eingliederung“ der Partei in eine Koalitions-Regierung sicherlich durch die Schwenkung der Wirtschaftspolitik der NSDAP., bei der von radikalem Sozialismus zur Zeit kaum noch etwas zu merken ist, sehr erleichtert worden und endlich dürfte auch die Furcht vor etwaigen Neuwählen mit heraufgesetztem Wahlalter für die NSDAP, ein wichtiges Motiv zur Mäßigung bilden. Die in letzter Zeit offen diskutierten Pläne eines ״antikapitalistischen“ Kabinetts von Straßer bis Severing gehören wohl vorderhand ins Reich der Phantasie, obwohl Gruppen wie der ״Tat-Kreis“ solche ■Tendenzen seit langer Zeit vertreten. Wenn endlich das Zentrum, das nicht nur im Reichstag, sondern wegen seines starken Einflusses auf die süddeutschen Länder auch im Reichsrat eine Schlüsselstellung inne hat, mit größter Erbitterung das Kabinett Papen bekämpft, so geschieht dies wohl aus Motiven, die in der Oeffentlichkeit besonders selten erkannt werden. Der Kampf des Zentrums richtet sielt in erster Linie gegen die Person des Herrn von Papen, gerade weil er ein Katholik ist, der über die besten Beziehungen zur Hohen Geistlichkeit und über starke Anhängerschaft bei dem ״besitzbürgerlichen“ Flügel des Zentrums verfügt. Es scheint, als ob diese Kreise all ihren Einfluß aufbieten, um die Partei für die Unterstützung des ״autoritären“ Kabinetts zu gewinnen, wogegen sich der Gewerkschaftsfitigel der Partei mit aller Kraft stemmt. Soweit es möglich ist, hier klar zu sehen, richtet sich also der Kampf des Zentrums gegen Papen, weil er die Einheit und Einheitlichkeit der Partei gefährdet; träte ein anderes Mitglied des Kabinetts an die Stelle Papens, so dürfte der Widerstand des Zentrums viel schwächer werden. — So deuten viele Zeichen auf die Wahrscheinlichkeit einer großen Rechtskoa- 1 i t i o n hin, für die übrigens gerade der überall erwartete Wahlerfolg der Kommunisten das probate Stichwort (״Abwehr des Bolschewismus“) liefern könnte.... Fragen wir nun, was solche Entwicklungstendenzen f t'1 r die Juden bedeuten, so ist davon auszugehen, daß die gegenwärtige Regierung sich zweifellos bemüht hat, die Juden gegen die schlimmsten Auswüchse des Antisemitismus zu schützen, und zwar höchstwahrscheinlich nicht nur aus wohlverstandener Staatsraison, sondern, wenigstens bei einigen Kabinettsmitgliedern, auch aus Ueberzeugung. Es ist interessant, daß in einer Zeit, in der selbst viel weiter linkspolitische Blätter und Gruppen nicht mehr den Mut haben, gegen die Judenhetze aufzutreten, das Organ des vielgenannten ,,Herrenklubs“, der ״Ring“, schrieb, die Hetze gegen den Herrenklub scheine bei den Nazis an Stelle der Judenhetze zu treten, die auch schon immer ein Zeichen gedanklicher Sterilität gewesen sei. Und bald darauf wurde der ״Ring“ noch deutlicher (Nr. 41 vom 7. Oktober). Auf die nationalsozialistischen Angriffe, daß der Herrenklub (furchtbarer Gedanke!) sogar jüdische Mitglieder habe, schrieb der ״Ring“, es sei nicht zu bestreiten, ״daß auch unter den Schwerindustriellen führende Persönlichkeiten einen jüdischen Namen tragen und nicht nur wegen ihrer Stellung, sondern auch wegen ihrer großen Kenntnis und Erfahrung und wegen ihres ausgezeichneten Urteils allgemeine Achtung genießen“. Jede Oberschicht müsse gewachsen, jedenfalls da sein und könne nicht erst künstlich geschaffen werden. Ohne die Bedeutung solcher Aeußerungen irgendwie zu überschätzen, wird man sie jedenfalls als bemerkenswert registrieren. — Was es dafegen bedeuten würde, wenn die Nationalsozialisten starken influß aut die Regierung erhalten, dafür ist eine der letzten Reden des Abgeordneten Kube im Sportpalast bezeichnend, bei der (lt. ״Angriff“ vom 26. Oktober) folgendes zum Besten gegeben wurde: ״Grundsätzlich unterscheiden wir Nationalsozialisten uns von den Deutschnationalen darin, daß wir der J udenfrage bei Außerachtlassen jedes Radauantisemitismus doch die Bedeutung zulegen, die ihr zukommt.... Herr Geheimrat Hugenberg ist für das Judentum in Deutschland die letzte Möglichkeit, sich an der Politik zu beteiligen.“ ״Wir Nationalsozialisten sind, waren und bleiben Anüsemiten“ (Tosender, nicht endenwollender Beifall.) ״Wir wollen nicht, daß Juden und Jüdinnen unsere Kinder erziehen, Juden und Jüdinnen in deutscher Sprache Zeitungen schreiben dürfen, ohne daß aus dem Impressum der Zeitung hervorgeht, daß sie von Juden geschrieben wird.“ Wenn ausgerechnet im ״Angriff“, dessen Herausgeber Dr. Goebbels noch vor wenigen Wochen offene Pogromhetze trieb, vom ״Radauantisemitismus“ abgerückt wird, so fragt sich nur, was wohl nach Ansicht dieser Herren ״Radauantisemitismus“ ist.... Wahrscheinlich bedeutet dieses Abrücken nur, daß man direkte Pogrome parteiamtlich nicht zu billigen gedenkt! Aber trotz dieses extremen Antisemitismus ist die NSDAP, manchen Leuten noch zu judenfreundlich! Jedenfalls wirft das Organ der ״Nationalsozialistischen Opposition“, ״Der deutsche Weg“, der Parteileitung nicht nur mangelnden Sozialismus, sondern auch Schlappheit und Kompromißlertum in der Judenfrage vor! Der entgegengesetzte Vorwurf aber, daß die Judenhetze ein Mittel schmutziger und gemeinschädiicher Demagogie sei — dieser Vorwurf ist bisher u. W. von keiner Stelle innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung gegen die Parteileitung erhoben worden. Und dieser Gesichtspunkt, die Schädlichkeit und moralische Schändlichkeit der Judenhetze spielt leider auch bei der Stellungnähme mancher Gegner der NSDAP, kaum eine Rolle. Auch wo man den Antisemitismus für sich ״ablehnt“, ist man meist weit entfernt davon, ihn ernstlich zu bekämpfen! Zusammenfassend wird man sagen müssen, daß der zu erwartende Eintritt der Nationalsozialisten in die Regierung die Lage der Juden voraussichtlich noch weiter stark verschlechtem würde. Freilich, es wird auch im schlimmsten Falle wohl keine offizielle Entrechtung der Juden geben und keine richtigen Pogrome. Aber es wird weniger als je Achtung vor jüdischer Art, weniger als je Lebensmöglichkeiten für jüdische Menschen geben. Für die deutschen Juden entsteht die in ihrem Emst und Umfang noch kaum ganz begriffene Aufgabe, ihre Position im Staat als Juden neu zu fundieren und durch eine bewußte und entschiedene jüdische Politik ihre Lebensrechte und Ehre zu verteidigen. A. P. Friedholsschändung Der Vorstand der jüdischen Gemeinde Mülheim- Ruhr teilt uns mit, daß in der vorigen Woche auf dem dortigen jüdischen Friedhof sieben Grabsteine umfe w o r f e n worden sind. Der Gemeindevorstand hat in der agespresse diese Tatsache zur Kenntnis gebracht und die Oeffentlichkeit zu einer Stellungnahme gegen diesen Bubenstreich aufgerufen. Jüdische Forscher auf dem Weltkongreß für Psychologie*). Ein Teilnehmer des Kongresses schreibt uns: Auf dem zehnten internationalen Kongreß für Psychologie, der vom 22.-27. Aug. in Kopenhagen tagte, waren ungefähr 800 Gäste aus aller Welt vereinigt, darunter viele berühmte jüdische Forscher. Auf den verschiedensten Forschungsgebieten zeigte sich eine gemeinsame Wendung der Psychologie zu größerer Lebensnahe und auch besonders von den jüdischen Psychologen wurde das Problem der Gemeinschaft zum Ausgangspunkt ihrer Forschung. Die Wissenschaft kann heute nicht um ihrer selbst willen existieren, sie muß mehr denn je Anschluß an das unmittelbare Leben suchen, praktisch wirksam werden. So trieb Lazarsfeld (Wien) Arbeitslosenpsychologie, untersuchte die durch Arbeitslosigkeit veränderte seelische Struktur an den 1500 Einwohnern des Dörfchens Marienthal, zeigte, wie die Einwohner unter den trostlosen Bedingungen überhaupt nur leben können, indem der. Einschrumpfung des ökonomischen Lebensraumes parallel eine solche des seelischen Lebensraumes geht. Diesem Zerbrechen einer Gemeinschaft kann man das Entstehen einer solchen gegenüberstellen wie es Frau K a t z (Rostock) an dem Gemeinschaftsleben fremdsprachiger Kinder zeigte. Wie das Kind, dem die sprachliche Verständigung fehlt, sich durch Gesten, Zeichnung, Analogien verständlich macht, um eine Gemcinschaft herzustellen, wurde auch im Film deutlich. Nicht nur die Gemeinschaft als soziales Problem auch die als metaphysisches ist zum Maßstab der Orientierung geworden. Es ist eine neue Wissenschaft von der menschlichen Person im Entstehen, die die Person in seiner Ganzheit und Weltbezogenheit zum Gegenstand hat. William Stern (Hamburg) legie dar, wie alle unsere Begriffe wie Raum und Zeit, Vergangenheit und Zukunft nicht mathematisch zu verstehen sind, sondern unmittelbar an die Person gebunden sind. Ein Mensch, der neben mir lebt, kann psychisch weltenfern von mir sein. Nicht das mathematisch Räumliche, sondern das Unbestimmte ist charakteristisch für den psychischen Begriff der Ferne. Das Ferne-ist entweder das Ersehnte oder das nicht Erreichbare: Moses auf dem Berge Horeb, wie Stern als Beispiel gab für das Tabu, das im Begriff der Ferne liegt. So werden wieder Raum und Zeit und alle unsere die Welt bestimmenden Begriffe aus der menschlichen Mitte heraus verstanden. Vergangenheit und Gegenwart: Was ist die Erinnerung eines Menschen?'Erinnerung ist das Bewußtsein der eigenen Geschichtlichkeit. Entweder empfinden wir uns aber als Kontinuität, ja es gibt sogar Erinnerungen, die wesentlich erweiterte Gegenwart sind, oder aber wir empfinden die Vergangenheit als von uns abgespalten. Nur dadurch können wir mit Mißerfolgen fertig werden, indem wir sie von unserem Ich abspalten. Bei dieser Spaltung kann das Vergangene im Gegenteil zur Hebung unseres Selbstwertes dienen. Es ist dies auch ein Beitrag zur Psychologie des Sündenbewußtseins. Nur durch Abspaltung kann der Mensch das Bewußtsein seiner Sünden ertragen. Die Durchdringung der Ausdrucksform vom seelischen Bild zeigte Wolff (Berlin), indem er Menschen ihre eigenen Ausdrucksformen wie Stimme, Hände, Spiegelschrift, halb verdeckte Profile, vorführte, die sie nicht erkennen, wohl aber die anderer Personen. Bei einer Charakterbeschreibung über diese Ausdrucksformen zeigt es sich aber, daß der Mensch, abweichend von dem, was andere Urteiler über ihn sagen, in seine unwissentlich gegebene Selbstcharakteristik Wunschbilder von sich hineinlegt. Diese Wunschbilder prägen auch eine Hälfte seines Gesichtes. Auch das Tier wird nicht mehr mechanistisch oder als ein Reflexwesen, •wie es noch der alte Pavlov aus Leningrad auffaßte, gesehen, auch das Tier, wie Katz (Rostock) zeigte, ist fähig, Beziehungen zwischen Gegenständen herzustellen und sinnvolle Leistungen zu vollziehen. Die Psychologie hat nicht nur zu erklären, sie hat auch zu erziehen und sie erzieht jetzt, das Leben wieder als vom Sinn durchwaltet, zu erfassen. W. W. *) Wegen Raummangel verspätet. — Red. Presseschau Im ״Frankfurter Israelit. Gemcindcblatt“ veröffentlicht Dr. Martin Pie ßn e r eine bemerkenswerte Stellungnahme zu der bekannten und viel besprochenen ״ö e - s c h i c h t e der Jude n“ von Joset K a s t e i n , wobei er einige über den speziellen Anlaß hinaus wichtige Bemerkungen macht, die wir hier auszugsweise wiedergeben, gerade weil die positiven Seiten dieses Buches vielfach gerühmt worden sind und darum eine andere Betrachtungsweise nicht übergangen werden soll. Dr. Plcßner schreibt u. a.: ״Die Einwirkung des Hellenismus, des Christentums, des Islams auf den Gedankengehalt, und damit, wie Kastein ganz richtig sieht, auf die tatsächliche Geschichte dieses wie kein anderes zu allen Zeiten von einer sich im Grunde gleichbleibenden Idee bestimmten Volkes ist weit größer, als der Verfasser ver- 'mutet, der eine bedenkliche Tendenz zeigt, die genannten Erscheinungen nicht nur in ihrer Bedeutung "für das Judentum, sondern sogar für die politische und geistige Geschichte der Welt zu bagatellisieren. Und wo ihm das nicht gelingt, versucht er wenigstens ihre geringere Wertigkeit gegenüber der jüdischen Wcrthaltung darzutun. ... Es dient nur zur Vervollständigung des Bildes, wenn ich darauf hinweise, daß die einen überaus breiten Raum einnehmende Darstellung der Leiden des jüdischen Volkes in der Diaspora nicht nur von Vorwürfen gegen unsere Verfolger in früheren Jahrhunderten und von Ansätzen, die Nachkommen dieser Verfolger zur Begleichung des Schuldkontos ihrer Vorfahren uns gegenüber aufzufordern, begleitet ist, sondern daß auch die Darstellung der Motive dieser Verfolgungen eine advokatorische Ausführlichkeit und dabei Einseitigkeit zeigt, die schlecht zu dem Bestreben paßt, die jüdische Geschichte aus immanenten Kräften zu verstehen. . . . Durch eine Polemik, wie die von Kastein beliebte, verliert das Buch auch seine pädagogische Bedeutung für die jetzt lebende jüdische Generation; denn Haltung und Sprache dieser Polcjnik wie des Buches überhaupi sind kein Zeichen innerer Sicherheit und wegweisender Klarheit. Diejenigen Historiker, die die Erzieher ihrer Völker gewesen sind, haben zu allen Zeiten die objektive Wahrheit gesucht und sie darstellend gestaltet. Wer vom jüdischen Volk und seiner Haltung in der Vergangenheit nur Positives zu sagen weiß, glaubt zu Unrecht, seine Zeitgenossen damit aufrichten zu können. In dem Maße, wie die Brüchigkeit dieser Darstellung erkannt werden wird, wird die Wirkung dieses Buches auf Juden und Nichtjuden zu einer Gefahr werden.“ Briefe an die Redaktion Nochmals ״Wirbchafhwende“ Berlin, den 31. Oktober 1032. An die Schriftleitung der ״Jüdischen Rundschau“ Erlauben Sie mir, in ein paar Sätzen Stellung zu nehmen zu dem in der ״J. R.“ vom 28. 10. veröffentlichten Brief des Herrn Dr. L. M. Lachmann. Mir scheint nämlich, daß er die für uns wichtigsten Gedankengänge des Aufsatzes von Herrn Dr. Marcus ״Wirtschaftswende — auch für uns?“ mißverstanden hat. Ich möchte mir versagen, zu dem Streit über die angeschnittenen Fragen der Volkswirtschaft (Vergrößert Industrialisierung den Umfang weltwirtschaftlicher Verflechtung? Führt der Versuch wirtschaftlicher Grenzabsperrung zu ״nichts anderem als Schmuggel und Korruption“?) hier Stellung zu nehmen, denn keines der Argumente ist unbedingt beweiskräftig und vor allem: hier ist nicht die Arena zur; Austragung eines derartigen Streits. Ganz entschieden möchte ich mich aber dagegen wenden, daß ein ernsthafter Versuch, die Gegenwartssituation der deutschen Juden objektiv zu untersuchen und daraus Kon- Sequenzen zu ziehen, bagatellisiert wird. Wer den Aufsatz des Herrn Dr. Marcus aufmerksam gelesen hat, wird weit davon entfernt sein, aus ihm eine ״Panikstimmung“ sprechen zu hören. Ich lese aus ihm eine Mahnung, unsere Position, die durch unsere ungesunde Berufsschichtung (das ist für Zionisten doch fast ein Gemeinplatz geworden) besonders leicht gefährdbar ist, dadurch zu verbessern, daß wir in aussichtsreichere Berufe übergehen, zu denen die meisten akademischen und kaufmännischen nicht mehr gehören; wenigstens sollte die jüngere Generation es tun. Wer das erkannt hat, darf nicht ruhen und rasten, für die Verbreitung dieser Erkenntnis zu sorgen. Es kann auch für Palästina nur von Nachteil sein, wenn es den deutschen Juden wirtschaftlich schlecht geht. Machen wir uns doch frei von der Illusion, daß es ein Gewinn sei für Erez Israel, wenn einige Arbeitslose einwandern, nur weil sie zufällig die Möglichkeit hatten, gerade dorthin zu gehen. Wir müssen uns hüten davor, daß sich im deutschen Judentum der Gedanke festsetzt, wir Zionisten wünschten eine ״Verelendung“ der deutschen Juden, weil wir uns davon Vorteile für den Zionismus versprächen. Wenn der Zionismus den ausschlaggebenden Teil des deutschen Judentums gewinnen will, müssen die Zionisten sich um seine speziellen Probleme kümmern und dazu gehört die Sorge um die wirtschaftliche Zukunft der Juden in Deutschland in vorderster Reihe, denn eine allgemeine Aus- Wanderung ist für absehbare Zeit praktisch undurchführbar. Vor allen Dingen aber ist es gefährlich, auf die Zukunft zu hoffen, in der die ״alte jüdische Tüchtigkeit“ Gelegenheit habe, beim Konjunkturaufschwung ihre Unsterblichkeit zu erweisen. Wir dürfen nicht die Hände in den Schoß fegen und einfach erklären: ״Ucber unserer Zukunft liegen graue Nebelschwaden“. Die gegenwärtige, unhaltbare Lage erkennen, verpflichtet uns dazu, Vorbereitungen für die Zukunft zu treffen, zu handeln, nicht zu warten (auch nicht auf Palästina), denn wir tragen eine Verantwortung der nächsten Generation gegenüber. Erich K w i 1 e c k i. *** Zu der vorstehenden Zuschrift möchten wir nur, um Le״endenbildungen zu verhüten, nochmals feststellen, daß von allen bisherigen Teilnehmern der Diskussion (auch von Dr. "Marcus) eine ״Verelendungstheorie“ als Mittel der zionistischen Propaganda abgelehnt wurde. Red. Michael Taube dirigiert Bach ln der Volksbühne. Es ist selten, daß jüdischen Interpreten eine einwandfreie Bach-Interpretation gelingt. Wenn es aber der Fall ist, so kommt oft eine viel tiefere Wesenserfassung zustande als beim nichtjüdischen Interpreten. Michael Taube ist ein ganz ausgezeichneter Bach- Dirigent. Er hat nicht die Hyper-Differenziertheit, die den Juden oft in der Gestaltung Bachscher Werke behindert. Interessant ist, daß es gerade das Weltliche, Konzertante, Humorvolle ist, was diesem Dirigenten besonders entspricht (Die Bewältigung des Religiösen wäre bei einem Juden schon weniger erstaunlieh). Das erste Volksbühnenkonzert enthielt die prachtvoll frische Örchestersuite in D-dur, das Konzert für Cembalo (Alice Ehlers), Flöte. Violine mit Orchester in A-moll und die selten gespielte weltliche Kantate ״Phöbus und Pan“, bei der auch’ Taubers Kammerchor sowie von Solisten u. a. Paula Lindberg (Alt) und Hermann Schey (Baß) mitwirkten. A. J.-L.