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Jüdische Rundschau · 1932-11-01 · Heft 87 (1.11.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 87 (1.11.1932)
Date
1932-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 87, 1. XI. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Sette 423 Tatsachen über Biro Bidschan Das Interesse für das jüdische Kolonisationswerk In Biro Bidschan ist in den letzten Monaten in der jüdischen Qeffent* llchkeit stark gewachsen. Dazu hat in besonderem Maße der Umstand beigetragen, daß die verschiedenen Gesellschaften, wflPie Träger oder Förderer der Kolonisationsarbeit im Fernen Osten sind, dazu übergehen, jüdische Siedler außerhalb der Sowjetunion für Biro Bidschan m organisieren. Bisher sind aus Argentinien, den Vereinigten Staaten, Litauen und auch aus Deutschland jüdische Auswanderer nach Biro Bidschan gegangen. Rührige Komitees, ״Ikor“ in Amerika, ״Oeserd“ in Deutschland, und andere haben, in den einzelnen Ländern mit dem Ausbau von Organisationen für Biro Bidschan begönnen und in der Propaganda, dieser Gesellschaften werden die verschiedensten Pläne entwickelt und für Werbungszwecke bestimmte Angaben gemacht, die von den Zuhörern selbstverständlich nicht naebgepritft zu werden vermögen. So ist es im Rheinland vorgekoitrmen, daß Vertreter des Geserd in Versammlungen Darstellungen von der jüdischen Kolonisation in Biro Bidschan entworfen haben, welche mit der Wirklichkeit in keiner Weise übereitistimmen. Ferner gelangen aus Biro Bidschan von frisch dahin zugereisten Auswanderern einander widersprechende Briefe, die entweder die dortigen Zustände schwarz malen oder als besonders aussichtsreich schildern. Hinzu kommt, daß ein großer Teil der nach Biro Bidschan gebrachten Einwanderer nach kurzer Zeit das Land verläßt und dann die Rückkehr durch eine abfällige Darstellung der dortigen Verhältnisse zu begründen bemüht ist. Außerdem veröffentlicht die jüdische Presse in allen Ländern fortlaufend Nachrichten über Mißstände und Unzuträglichkeiten in Biro Bidschan und stützt diese Nachrichten auf Aeußerungen sowjetistischer Zeitungen und Aussagen kommunistischer Parteigänger des Biro Bidschan-Projektes. Derartige Veröffentnehungen finden leidenschaftliche Ablehnung durch Ikor- und Gesera-Anhänger, welche behaupten, daß hinter diesen Mitteilungen sich parteipolitische Tendenzen verbergen, die bemüht sind, die Dinge zu verdrehen und im Interesse eigener Bestrebungen das Werk in Biro Bidschan hcrabzusetzen. (Der Kuriosität halber sei vermerkt, daß auch jüdisch-liberale Kreise in Berlin, die in früheren Jahren alle Kolonisationsbestrebungen in Rußland besonders sympathisch begrüßten, weil sie in ihnen ein wirksames Mittel zur Bekämpfung des Zionismus erblickten, in letzter Zeit gegen Biro Bidschan Stellung nehmen, vielleicht aus der Erkenntnis, daß auch in dieser kommunistischen Judensiedlung eine Art nationales Judentum sich realisiert.) Für jeden Falt hat die Diskussion um Biro Bidschan eine gewisse Bedeutung erlangt, und da jüdische Menschen mit diesem Lande verbunden sind oder mit ihm verknüpft werden sollen, so ist es die Pflicht jedes Juden, einerlei wie er sich ideologisch zu dem ganzen Unternehmen stellt, das Gesamt- Problem Biro Bidschan objektiv zu untersuchen und sich eine fundierte Meinung über den realen Wert dieses Kolonisationswerk.es zu machen. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, haben in der letzten Woche zwei zionistische Organisationen in Berlin einen Vortragsabend über Biro Bidschan veranstaltet. Dr. Michael Traub, ein Kenner des jüdischen Wanderproblems, hielt einen instruktiven Vortrag über diese Frage und das Interesse des Publikums, sowie die nach dem Vortrag einsetzende Diskussion, welche hauptsächlich von Geserd-Leuten bestritten wurde, bewiesen, wie notwendig die Erörterung des Biro Bidschan-Projektes in der Öffentlichkeit ist Nachstehend sei der Versuch gemacht, auf Grundlage des Traubschen Referates und anderer zur Verfügung stehender Materialien über die Kolonisation in Biro Bidschan einige auf- ״klärende Angaben zu mäfhen• Man soll sich, sagte Dr, Traub in seiner Einleitung, vor dem methodologischen Fehler hüten, die Kolonisation in Biro Bidschan unter propagandistischen Gesichtspunkten zu behandeln. Weder die Tatsache, daß Biro Bidschan ein offizieller Programmpunkt der Sowjetregierung ist, noch der Umstand, daß man versucht, Biro Bidschan gegen Palästina auszuspielen, darf jemanden (z. B. einen Antizionisten) veranlassen, a priori begeistert für das Projekt einzutreten, oder (z. B. einen Antikommunisten) es, weil es ein Argument kommunistiseher Propaganda ist, von vornherein abzulehnen. Ferner ist es abwegig, Biro Bidschan isoliert zu behandeln. Das Kolonisationsprojekt in jenem Lande ist nur aus der jüdischen Realität Sowjetrußlands zu erklären und darum ist es unmöglich, eine richtige Stellung gegenüber Biro Bidschan zu gewinnen, wenn man nicht auf den Gesamtkomplex der jüdischen Frage in Rußland eingelit. Auf dem Gebiete der Sowjetunion lebten vor dem Kriege (1897) 2>/s Millionen Juden. Im Jahre 1923 betrug die Zahl der Juden 2 430 000. Diese absolute Verminderung (in der Zwischenzeit fand eine natürliche Vermehrung statt) ist auf folgende Umstände zurückzuführen. Ausgewandert sind 600000, in den Pogromwirren umgekommen 100000, der natürliche Zuwachs reduzierte sich um 100000, so daß das Defizit 800 000 Seelen beträgt, wenn man die in Rußland allgemeine Steigerung der Bevölkerung um 30 ®/o als Vergleichsbasis nimmt. Von 1897 bis 1923 beträgt die Abnahme der jüdischen Bevölkerung 3 0/0. Im Jahre 1926 zählte man in der Sowjet- Union 2 600000 und 1930/31 2 850000 Juden. Im Jahre 1897 bildeten die Juden in Rußland 2,4 0/0 der Gesamtbevölkerung und in den Jahren 1923 und 1926 nur noch 1,8 0/0. Der natürliche Zuwachs der Russen betrug im Jahre 1926 gegenüber der vorangegangenen Zählung 22,64 «0, der Ukrainer 24,31 0/0, der Juden nur 14,97 «/«. Im Jahre 1897 betrug der natürliche jüdische Zuwachs fast 20 ס/י gegenüber 18 0,״ der übrigen Bevölkerung. Im Jahre 1926 betrug die Zahl der jüdisch-russischen Mischehen im eigentlichen Sowjetrußland 25 0/0, im europäischen Rußland!0 ״ ■. Im Jahre 1926 lebten die Juden in der Sowjetunion zu 62 °/0 in Städten, zu 28,4 0/0 in Städtchen und 9,4 #0 in Dörfern (1897 betrugen die entsprechenden Zahlen in Städten 48,8 °/0, in Städtchen 33,1 0/0 und in Dörfern 18,1 0/0). Von 1897 bis 1926 hat sich die jüdische Bevölkerung in den Städten auf Kosten der jüdischen Siedlungen in den Städtchen und Dörfern vermehrt. So gab es im Jahre 1923 in Leningrad 52 000 und in Moskau 86000 Juden, während im Jahre 1926 in Leningrad bereits 84 (WO und in Moskau 131 (WO Juden lebten. Was die berufliche Gliederung der russischen Juden anbelangt, so hat das neue Wirtschaftssystem einen großen Teil der jüdischen Bevölkerung Rußlands aus ihren alten Wirtschaftspositionen verdrängt. Rußland kennt keinen Staatsantisemitismus. Trotzdem hatten die Juden in weit stärkerem Maße als die anderen Völker die Folgen des wirtschaftlichen Umsturzes zu spüren• Bei den Juden ist der Prozentsatz, dessen Existenzbasis durch das neue Wirtschaftssysfem zerstört wurde, unvergleichlich größer als bet den anderen Völkern der Sowjetunion. Im Jahre 1929 betrug die Zahl der in Rußland wahlrechtslosen Juden ungefähr 10 0/0, während es bei den anderen Völkern nur 4—6 % Wahlrechtslose, d. h. Deklassierte gab. Und auch nachdem die Regierung ihre Bestimmungen für Wahlrechtslose und Deklassierte ge* mildert hatte, waren noch im Jahre 1930 ca. 20 °/0 der Juden deklassiert. Besonders drückend ist noch immer das Problem der Kleinstadt. Im Jahre 1931 lebten noch 24 0/0 der Juden in der Sowjetunion in kleinen Städtchen. Immerhin ist im Laufe der Jahre eine gewisse Produktivierung der Juden eingetreten. Das Durchschnittseinkommen der jüdischen Bevöikerung ist aber, verglichen mit der nichtjüdischen, heute um 33 0/0 geringer. Im Jahre 1929/30 zählte man bei der jüdischen Bevölkerung der Sowjetunion 1 303 000 Aktive (Menschen mit selbständiger Einnahme; zu ihnen gehören auch die staatlich unterstützten, registrierten Arbeitslosen). Der Prozentsatz der Aktiven betrug bei der jüdischen Bevölkerung 43 0/0, in der Gesamtbevölkerung 61 0/0. Unter den Aktiven zählte man 227 000 Arbeiter (darunter 129 000 Fabrikarbeiter), 2) 331000 Beamte, 3) 266 000 Heimarbeiter und Handwerker und 4) 134 000 landwirtschaftlich Beschäftigte, ln diesen Zahlen drückt sich eine positiv zu wertende Erscheinung einer fortschreitenden Produktivierung aus. Allerdings sind den zur Verfügung stehenden statistischen Zahlen nicht ohne weiteres volle Gültigkeit zuzuerkennen. In der Statistik figurieren als Händler 27000 Personen unter den Juden. Diese Zählung mag zwar auf Grund von Angaben beruhen, aber es ist wohl kein Zweifel, daß die Zahl der Händler — Händlertum ist eine illegale Beschäftigung — viel größer ist. An Arbeitslosen zählte man 55000 und an Deklassierten im Jahre 1926 soll es nur 3270 gegeben haben. Angenommen, alle Pläne der Produktivierung und der Einbeziehung der jüdischen Bevölkerung, besonders der Jugendlichen, in die verschiedenen Fünfjahrespläne führen zu einem Erfolg, so bleibt noch immer das Problem der Kleinstadt, der älteren Generation (zu der Menschen über 35 Jahre gehören), der Deklassierten, Arbeitslosen usw. In den ersten Jahren des Kriegskommunismus war die Not der Juden außerordentlich groß und spontan setzte vielerorts eine Uebersiedlung aus der Kleinstadt in die nächste Umgebung ein, wo die Juden den Versuch machten, durch landwirtschaftliche Betätigung ihr Dasein zu fristen. Hierbei muß beachtet werden, daß es in Rußland eine gewisse jüdisch-landwirtschaftliche Tradition gab. Im Jahre 1914 gab es auf dem jetzigen Territorium der U. S. S. R über 70 000 jüdische Landwirte, deren Zahl sich während der Kriegswirren beträchtlich verminderte. Im Jahre 1922 machte sich im Anschluß an die landwirtschaftliche Vorstadtsied hing der Juden eine Kolonisationsbewegung geltend, in deren Verfolg viele Juden auch nach entfernteren Gebieten zogen. 1924 wurde die Kolonisationsgesellschaft ״Komzet“ gegründet, welche im Jahre 1925 den Beschluß faßte, innerhalb von zehn Jahren 100000 jüdische Familien auf dem Lande anztisiedeln. Dem Komzet wurden bis zum Jahre 1929 700 000 ha im europäischen Rußland zur Verfügung gestellt. 17000 Familien wurden angesiedelt. Außer den eigenen Kapitalien der Kolonisten standen für dieses Kolonisationswerk ca. 21 Mil- Honen Rubel zur Verfügung, die in der Zeit von 1925 bis 1928 ausgegeben wurden. Zu dieser Summe hat die Regierung 4,28 Millionen beigesteuert, während ausländische jüdische Organisationen (besonders der amerikanische ״Agro-Joint“) diesem Zwecke etwa 15 Millionen Rubel zuführten. Der Linkskurs, der bereits 1928 einsetzte, und der u. a. den Ausschluß der Wahlrechtslosen aus den Handwerkergenossenschaften zur Folge hatte, bewirkte in der jüdischen Landwirtschaft einerseits die Entfernung kulakischer Elemente, andererseits die Zwangskollektivierung, welche einen wesentlichen Rückschlag in der jüdischen Landwirtschaft in der Sowjetunion herbeiführte. Ein zweites Moment, das das Tempo der landwirtschaftlichen Kolonisation im europäischen Rußland hemmte, und schließlich zum Stillstand brachte, war die fortschreitende Industrialisierung eines Teiles der jüdischen Bevölkerung und die Einbeziehung der jüdischen Jugendlichen in den Fünfjahresplan. Immerhin sind, nimmt man die Angaben der sowjetistischen Statistik zur Grundlage, ungefähr 200 000 Juden im europäischen Rußland in der Landwirtschaft beschäftigt. Die Stagnation der jüdischen Kolonisation Im europäischen Rußland einerseits, das Vorhandensein der großen Schicht deklassierter und erwerbsloser lüden besonders in den Klein- Städtchen andererseits, Ueberlegungen der allgemeinen sowjetistischen Politik und die Erkenntnis von dem in den jüdischen Massen lebenden starken Volksbewußtsein führten dazu, daß schon im fahre 1926 Kalinin auf dem ersten Kongreß der Ozet die Üeberlassung eines besonderen T erritoriums für die jüdische Kolonisation verlangte. Es wurden verschiedene Expeditionen delegiert, die ein geeignetes Gebiet ausfindig machen sollten. Am 28. März 1928 faßte die Regierung auf Vorschlag einer unter Leitung von Prof. Brak befindlichen Expedition den Beschluß, Biro Bidschan dem Komzet für jüdische Kolonisationszwecke zur Verfügung zu stellen. Ziel dieser Kolonisation soll die Schaffung einer jüdisch-territorialen administrativen Einheit im Femen Osten innerhalb des Verbandes der Sowjet- Union sein. Die Wahl dieses Gebietes für jüdische Kolonisationzwecke ist nicht nur im Hinblick auf die Bedürfnisse der jüdisehen Kolonisation erfolgt. Es muß zugestanden werden, daß das Sowjetregime eine liberale Nationalitätenpolitik treibt. Sie erkennt auch den Juden das Recht auf ihr eigenes Volkstum zu, und es ist ihr um die Schaffung von Voraussetzungen für ein nationales Eigenleben aller auf ihrem Gebiete lebenden ethnisehen Gruppen durchaus ernst. Betrachtet man aber die Verhältnisse näher — darüber gibt das in den letzten Tagen erschienene Buch von Hans Kohn ״Der Nationalismus in der Sowjetrepublik“' (Societätsverlag, Frankfurt M.) Aufschluß —, so zeigt es sich, daß diese Förderung der Minoritäten doch nur einen äußerlichen formalen Charakter hat und daß ihr die strengste Unduldsamkeif gegenübersteht, soweit es sich um den Inhalt der nationalen Kultur handelt. Schule und Sprache werden wohl gefördert, aber in diesen Schulen und in diesen Sprachen dart nur sowjefrussischer Kulturinhalt geboten, darf nur bolschewistische Weltanschauung auf allen Gebieten der Kultur und des Lebens, der Religion, Politik, Geschichte, Literatur und Kunst gelehrt werden. Auch das jüdische Volk darf als Volk wciterleben, darf jiddisch sprechen und sich als Volkseinheit erhalten, aber seine Religion, seine Traditionen, die Sprache seiner Religion und seiner schöpferischen Leistung, seine Vergangenheit muß aus dem Gedächtnis der jungen Juden ausgemerzt werden. Die Befriedigung nationaler Bedürfnisse ist bei Entschlüssen der Sowjetregiernng nicht das atisschlaggebende Moment. Darum erfolgte die Wahl Biro Bidschans als Platz für ein jüdisches Zentrum auch aus anderen als in der Zweckmäßigkeit der jüdischen Ko'onisation liegenden Absichten. Biro Bidschan liegt 8000 km von Moskau und 10 000 km von Weißrußland und der Ukraine entfernt. Die Distanz zwischen Biro Bidschan und Wladiwostock beträgt 1000 km. Es liegt zwischen dem Amur im Süden und der Primorskaja Oblast itn Osten, Amur-Ravon im Westen und der Transsibirischen Bahn im Norden. Südlich des Amur ist die Mandschurei unmittelbarer Nachbar. Biro Bidschan umfaßt 3 862 682 ha, wovon 2 Mil- Honen Hektar bewaldet sind. Es ist größer als Belgien, beinahe doppelt so groß wie Palästina, größer als die deutsche Wolga-Republik und als die Krim. 1 800 000 ha sind für die Landwirtschaft geeignet, davon sind jedoch 500 000 ha Sumpfgebiet. 60 ״/« des Bodens sind bergig, der Rest ist Ebene. Der Nordteil des Landes ist Urwald. Der westliche Teil ist reich an Naturschätzen (Kalk, Eisen, Gold, Granit, Torf, Graphit, Marmor und Edelsteine), von denen noch nicht feststeht, oh ihre Förderung Rentabilität verspricht. Der Winter dauert fünf Monate und ist sehr kalt (bis 40 Grad Kälte). Der Sommer ist sehr heiß (bis 50 Grad Hitze). Die Monate Juli bis September sind sehr regnerisch. Infolge der Feuchtigkeit herrscht eine Stechmückenplage (Gnusi).' Die Beschaffenheit des Bodens erschwert die Herstellung von Straßen. Einstweilen besteht außer der transsibirischen Bahn keine andere Verbindungsmöglichkeit mit der Außenwelt. Telegraph und Telephon sind erst im Bau und der Elektrifizierung und Wasserversorgung stehen erhebliche Schwierigkeiten im Wege. In Biro Bidschan eignen sich zum Anbau: verschiedene Oetreidearten, Reis und die Sojabohne. Ein großes Hemmnis ist die weitgehende Versumpfung. Die Entwässerung des Sumpfgelindes und die Rodung der Wälder sind mit großen Kosten und außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden. Die Ernte wird durch die starke Feuchtigkeit gefährdet. Die vorhandenen Wiesen sind vorläufig für Viehzucht wenig geeignet. Der Waldreichtum des Landes bietet Aussichten für Holzindustrie. Desgleichen halten Sowjet-Experten die Nahrungsmittel- und Milchindustrie für angebracht. Entscheidend ist hierfür die Frage des Absatzes. Man weist in dieser Hinsicht auf Chabarowsk, Wladiwostok, Kamschatka, Sachalin und Japan hin. Ob diese Gebiete tatsächlich die erhofften Absatzmöglichkeiten für die in Biro Bidschan geplanten Industrien bieten werden, ist vorläufig nicht festzu* stellen. Die Bevölkerung diio bidschans belief sich zur Zeit des Beginns der Kolonisation auf rund 32 000. Am 1. Januar 1930 lebten in Biro Bidschan 37 450 Einwohner. Davon waren 27 000 Russen, 3000 Ukrainer, 32(» Koreaner, 2700 Juden, 700 Golden und Ttingusen, 500 Chinesen. Die Einwohnerzahl betrug noch nicht 1 auf einen Quadratkilometer. Im Jahre 1930 wurde der Beschluß gefaßt, die Zahl der Juden 1933 (Ende des ersten Fünfjahresplancs) auf 10 000 Familien zu erhöhen. Dieser Beschluß ist 1931 wiederholt worden. In Wirklichkeit bietet die jüdische Bcvölkerungsbewegung in Biro Bidschan folgendes Bild: 1929 zählte man etwa 500 Juden, Ende 1930 2700 Juden, 1931 wanderten 2800 Juden ein, von denen jedoch ungefähr 60 °/0 das Land wieder verlassen haben sollen. Für 1932 war die Einwanderung von 19 000 Juden vorgesehen, ein späterer Beschluß reduzierte diese Zahl auf 13 000. Bisher sind jedoch in diesem Jahre, obwohl die Sowjetregierung• die jüdische Einwanderung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln forcierte, nur wenige tausend Seelen (nach Raschkes, einem der Leiter der Arbeit in Biro Bidschan, 6500) nach Biro Bidschan eingewandert. Das Ausmaß der starken R ü c k w a n d e r u n g läßt sich prozentual nicht feststellen. Obwohl man die Ansiedlung von 10 000 (50 000 Seelen) jüdischen Familien bis Ende 1933 proklamiert hatte, beträgt im Oktober 1932 die Zahl der in Biro Bidschan befindlichen Juden höchstens 10 000 Seelen. Diese Entwicklung beweist, daß sich Biro Bidschan vorläufig für eine Massenkolonisation sehr wenig eignet, und daß es auch für Pioniere, die allein imstande wären, unter den herrschenden schwierigen Bedingungen Biro Bidschans Aufbauarbeit zu leisten, wenig attraktiv ist. Daß jedoch das Kolonisationswerk in Biro Bidschan nur durch i d e a 1 i s t i - sehe Pioniere vorwärtsgebracht werden kann, bescheinigt der schon genannte Raschkes. In einem Briefe, den er an den Vorsitzenden des Zentralkomitees des Ikor in Los Angeles gerichtet hat, heißt es, daß nur ״Arbeitsgewöhnte mit proletarischem Verständnis, mit Willen und Energie“ imstande sind, Biro Bidschan aufzubauen. Im dem genannten Briefe bestätigt Raschkes, daß von den Gruppen, die bisher aus dem Auslande nach Biro Bidschan gekommen sind, sich nur die allerwenigsten für das Land eignen. Deswegeri ist auch der Abfluß der Einwanderer aus den bisher nach Biro Bidschan gekommenen drei Gruppen aus der Gegend von Los Angeles bedeutend. Raschkes schreibt: ״Man dart nur solchen Menschen die Reise nach Biro Bidschan empfehlen, welche schon bisher von manueller Arbeit gelebt haben, die sozial und phvsisch gesund und keine demoralisierten und deklassierten Elemente sind.“ Er stellt ferner fest, daß trotz der großen Aufwendungen der Sowjetregierung für Koloni* satipnszwecke ln Biro Bidschan (30 Millionen Rubel, aber nicht für die jüdische Kolonisation allein) es noch an a 11 em Möglichen fehlt. Man ist nicht imstande, die a<# wendigsten Bedürfnisse der Einwanderer zu befriedigen und das, schließt Raschkes seine Mitteilungen, bewirkt Ruckwanderung. Trotzdem hofft er, daß es bis Ende 1933 gelingen werde, im Fernen Osten eine autonome jüdisch-sozialistische Einheit zu schaffen. Aus einer Schilderung einer Auswandererreise nach Biro Bidschan im Buche von M. Alberton ״Biro Bidschan — die Judenrepublik“, einer Schilderung, die sich von jeder Tendenz fernhält und von einem kommunistisch gesinnten Teilnehmer dieser Reise und der ersten Kolonisationsarbeit in Biro Bidschan herrührt, erfährt man, daß geradezu das Gros der nach Biro Bidschan Einwandernden sich aus Elementen zusammensetzt, die dem Ideal des von Raschkes geforderten Pioniers in keiner Weise entsprechen. Zumeist sind es deklassierte Kleinstadt-Juden, die, getrieben vjn der Not, in Biro Bidschan einen Zufluchtsort erblicken. Nun ist der Faktor Not als bewegendes Element keineswegs zu unterschätzen. Aber die Geschichte aller Kolonisationen, begönnen von der Besiedlung Nordamerikas bis zur Kolonisierung Palästinas, beweist, daß ohne den Motor eines im Mittelpunkte aller Arbeit stehenden Ideals schöpferische Kolonisation auf die Dauer nicht durchzuführen ist. Das Problem besteht also darin, ob man genügend Elemente, und zwar hauptsächlich innerhalb der Sowjetunion, zu finden vermag, die vom Ideal der Schaffung eines jüdischen Zentrums bewegt, bereit sind, nach Biro Bidschan zu gehen. In Wahrheit zieht es die jüdische Jugend in der Sowjetunion anscheinend vor, sich durch den Eintritt in die Industrie zu produktivieren und auf diese Weise ihrem kommunistischen Ideal zu dienen. Ob außerhalb Rußlands genügend Pioniereleinente sich bereit finden werden, trotz der ungeheuren Schwierigkeiten und der geringen Aussichten, die Biro Bidschan auf weite Sicht bietet, nach dem Fernen Osten zu ziehen, ist eine Frage, deren Beantwortung nicht leicht ist. Es ist bedauerlich, daß sich, wie die Dinge liegen, Biro Bidschan für eine jüdische Massenkolonisation so wenig eignet. Dieses Bedauern greift besonders mit Rücksicht auf die Entwicklung Platz, welche die Judenhrit in der Sowjetunion nimmt, ln den letzten Jahren ist nämlich unter den russischen Juden ein Assimilationsprozeß zu verzeichnen, der ein Tempo angenommen hat, wie es in anderen Ländern mit jüdischer Siedlung bisiier nicht festzustellen war. Im Jahre 1897 sprachen und schrieben von den russischen Juden noch 97 «/o jiddisch bzw. hebräisch. Im Jahre 1926 betrug dieser Prozentsatz nur noch 73. Nach den letzten Angaben lesen und schreiben in der jiddischen Muttersprache in der gesamten Union bei den Juden 65 ״/* der Männer und 56 0/0 der Frauen. In Moskau lesen und schreiben jiddisch 26,7 0/0 der Männer und 21 «0׳ der Frauen. In Leningrad ca. 30 0/0 der Männer und 21,6 ״/o der Frauen. Diese Zahlen in Verbindung mit dem erstaunlichen hohen Prozentsatz von Mischehen beweisen sinnfällig den Auftösungsprozeß des jüdischen Volkstums in der Sowjetunion. Gegenüber dieser Tatsache hat eine Konzentration von wenif. nur geringe Bedeutung. Vom Standpunkte des jüdischen Volkes in der ganzen Welt gesehen, verdient also das Kolonisationswerk in Biro Bidschan, unbeschadet der Erkenntnis, daß auch die bescheidenste Hilfe begrüßt werden muß, keineswegs jene Beachtung, die rührige Wortführer der Ikor- und Oeserd-Gesellschaften für dieses beanspruchen. Wenn sie es tun, so geschieht dies entweder, weil sie selbst keinen genauen Ueherblick über das ganze Problem besitzen oder aber, weil sie glauben, in der Propaganda für Biro Bidschan ihren Beitrag zur jüdisch-kommunistischen Betätigung zu leisten — oder weil sie darin ein Argument zur Bekämpfung des von ihnen abgelehnten Zionismus erblicken.

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