Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 87 (1.11.1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 422 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 87, 1. XI. 1932 Was ist ״Allgemeiner Zionismus“ Von Prof. S. Brodetsky. In einem kürzlich im ,,Jewish Chronicle“ in London verüffentlichtcn Aufsatz, den er auch der ,,Jüdischen Rundschau“ /ur Verfügung stellte, untersucht Prof, Brodetsky, Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, das Wesen des ,,Allgemeinen Zionismu s“, der gewöhnlich von den übrigen Fraktionen bagatellisiert wird, Dr. Brodetsky weist darauf Irin, daß die übliche Beurteilung des ,,Allgemeinen Zionismus“, der nur ,,negativ“ als ein keiner Fraktion zugehöriger Zionismus definiert zu werden pflegt, falsch ist, in Wahrheit sei der ,.Allgemeine Zionismus“ der integrale, alles umfassende Zionismus, im Verlauf seiner sehr umfassenden Ausführungen, die wir wegen Raummangel nicht vollinhaltlich wiedergeben könnci, schreibt — nach Abgrenzung von den übrigen zionistischen Richtungen — der Verfasser: ״Wenn nationale Kraft das Monopol der Radikalen und Revisionisten, Sozialismus das Monopol der Arbeiterzionisten und Religion das Monopol der Misrachisten wäre, dann wären die Allgemeinen Zionisten die schwächlichen, antisozialistischen, irreligiösen Zionisten. Das wäre eine absurde Folgerung. Die Annahme, daB ein Allgemeiner Zionist reaktionär, irreligiös und knieweich sein muß, ist die lächerliche Folge des Versuches, den Allgemeinen Zionismus mit Bezug auf die anderen anerkannten Parteien in der Bewegung zu definieren.“ Nach einer Darlegung der positiven Beziehung des A. Z. zum € 11 a 1 u z gedanken fährt Brodetsky fort: ,,Der Chaluzgedanke der Arbeiterparteien zusammen mit dem werktätigen Verständnis, das ihm die Führer der Allgemeinen Zionisten entgegenbrachten, ermöglichten cs den Kongressen, die Besetzung der hauptsächlichsten strategischen Punkte im landwirtschaftlichen Leben des zukünftigen nationaljüdischen Heimes vorzunehmen. Während die am schwersten zu bebauenden und am wenigsten ergiebigen landwirtschaftliehen Flächen den Chahuim überlassen wurden, arbeiteten die Privatunternehimingen auf den leichteren und gewinnbringenderen Böden, wie in den Orangenplantagen der Scharonebene. Einem Teil dieser Privatunternehmungen sind die f u n - da mentalen Grundsätze für den Aufbau der Nation so fremd, daß sie sich auf die Erzielung eines Gewinnes konzentrieren, sogar wenn das einen beträchtlichen Boykott gegen jüdische Arbeit bedeutet. Daher kommt es, dal) jüdische Arbeit in Palästina für ihr Recht auf Beschäftigung durch Juden zu kämpfen hat. Dadurch ist auch vielfach die irrige und gefährliche Meinung entstanden, daß der Kampf zwischen persönlichem Profit und nationalem Interesse notwendigerweise ein wesentlicher Bestandteil der zionistisehen Entwicklung ist; Allgemeine Zionisten wurden manchmal aufgefordert, an dem Kampf gegen jüdische Arbeiter Palästinas mit Rücksicht auf ihre Zugehörigkeit zu den Allgemeinen Zionisten teilzunehmen. Es muß deshalb vollkommen klargestellt werden, daß der Allgemeine Zionismus nicht eine Bewegung gegen jüdische. Arbeiter und jüdische Gewerkschaften zugunsten privater Unternehmurigen und persönlicher Gewinne ist. Er ist nicht der Zionismus der Bourgeoisie gegen den Arbeiterzionismus des Proletariats. Der Allgemeine Zionismus darf mit den oberen, mittleren oder unteren Klassen des Kapitalismus oder mit den Gentlemar.farrnern oder Industriekapitänen nicht identifiziert und nicht in Verbindung gebracht werden. Im Gegenteil, der Allgemeine Zionismus tritt für das Prinzip der jüdischen Arbeit bei jüdischen Unternehmungen in Palästina ein und betrachtet jede* Abgehen von diesem Prinzip als einen Verrat an den Idealen der zionistischen Bewegung.“ Nach diesen zu Beginn der Erntesaison in den Kolonien besonders aktuellen Bemerkungen betont B., daß es den Begriff der ״Klass e“ im jüdischen Leben nicht gab und daß die Chaluzim in ihrer Mehrheit aus den ״bürgerlich“- zionistischen Kreisen hervorgegangen sind. Auch der religiöse Zionismus rekrutiere sich in der Hauptsache aus Kreisen des A. Z. Brodetsky definiert: ״Der ״Allgemeine Zionismus“ ist ein Zionismus, der sowohl in der Vergangenheit und zweifelsohne auch in der Zukunft mit den Interessen der Arbeiter am Palästina-Werk und mit dem religiösen Leben des Jigchuw verknüpft ist; er ist ein Zionismus, der nationale Kolonisation mit großem Aufwand gepflegt hat und sich auch für Privatunterne 11 mungen interessiert; er ist ein Zionismus, der keine Bescliränkungen für seine Interessen kennt und es ablehnt, auf die Einschränkungen, die in allen Definitionen zu lesen sind, einzugehen. Grenzenlosigkeit des Interesses und Fehlen einer einschränkenden Definition machen das Wesen des Allgemeinen Zionismus aus. Allgemeiner Zionismus ist Zionismus ohne Bindestrich. Er kennt keine Bedingungen und Begrenzungen. Er wünscht den Aufbau des jüdischnationalen .Heimes unter allen Bedingungen und unter allen Umständen des wirtschaftlich, sozial und politisch wechselvollen Lebens. . . . Allgemeiner Zionismus ist daher ein vollkomm e n e r Zionismus, vielseitig und universell. Er ist der Zionismiis eines jeden Juden. Er lehnt es ab, dem grundlegenden zionistischen Programm, in welchem ohnehin alles enthalten ist, ein neues hinzuzufügen, was bedeutende Gefahren für die nationalen Interessen mit sich bringt. . . . Allgemeiner Zionis• mus ist ein Pan- Zionismus, der alle Meinungs- und Interesscnschattierungen umfaßt, der mit allen Phasen der Palästina-Arbeit zu identifizieren ist und der für die vollkommene F.inheit alles zionistischen Bestrebens arbeitet. Der Allgemeine Zionismus sieht die zionistischen Parteien als zentripetale und nicht als zentrifugale Kräfte und sich selbst als das zentrale Glied in der vielverzweigten zionisti• sehen Kette. Es ist das historische Privileg der Allgemeinen Zionisten geworden, die Hauptarbeiter für die Fonds der Bewegung zu sein. Von den Reihen der Allgemeinen Zionisten sind die meisten palästinensischen Privatunternehmungen ausgegangen. Es ist für das Gedeihen der Bewegung notwendig, daß der Allgemeine Zionismus diese Lasten weiter trägt. Es war der Vorzug des Allgemeinen Zionismus, in prominenter Weise an der Führerschaft in der Bewegung in der Vergangenheit teilzunehmen, und es ist eine unumgängliche Forderung, daß ein beträchtlicher Anteil an der zionistischen Leitung Allgemeinen Zionisten auch zukünftig übertragen wird. Sie sind dazu berufen, die Bewegung geradeaus vorwärts zur höchsten nationalen Vollendung zu führen. Das unabänderliche Programm des Allgemeinen Zionismus kann nur so erklärt werden: Stetiges Bestreben auf politischem Gebiet, stetiger Fortschritt in der praktischen Aufbauarbeit in Palästina, Beharren auf nationaler Einheit im jüdischen Leben und auf dem Hebräischen als Nationalsprache in Palästina und in der Galuth. Alle Pfade, die zur Verwirklichung dieses Programms führen, liegen innerhalb des Tätigkeitsgebietes des Allgemeinen Zionismus.“ Schließlich erörtert B. die Frage, ob der A. Z. die Jugend gewinnen kann, oder ob auch die jüdische Jugend, entsprechend der Mode des Tages, extremistisehen Schlagworten nachjagt. Er kommt zu dem Ergebnis, daß die jüdische Jugend keineswegs den extremistischen Parteien ausgclicfcrt ist, sondern daß der A. Z. selbst die Schuld daran trägt, wenn die Jugend nicht in seinem Lager steht. ״Es ist wahr, daß wir Allgemeine Zionisten leider unsere Jugend vernachlässigt haben. Ein anderer Fehler, den wir machten, bestand darin, daß wir den Glauben, daß die Arbeiter- und Misrachipartcien sich persönlich für die Palästinakolonisation und Einwanderung interessieren, während die Allgemeinen Zionisten kein solches Interesse zeigen, tolerierten, ja sogar ermutigten. Die Anschauung ist geläufig geworden, Empfangsabend ff zu Ehren von Lady Erleigh | veranstaltet von den Deutschen Mitgliedern der Jewish Agency und dem Präsidium des Deutschen Keren Hajessod am Donnerstag, d. IO. November, abends 9% Uhr, im Marmorsaal des Zoologischen Gartens Vorsitz und Eröffnung: Dir. Oscar Wassermann Ansprachen: Rabbiner Dr, Leo Baeck Frau Jenny Blumenfeld Dr. Arthur Hantke Dr. Bernhard Kahn R.-A. Dr. Hermann Leiewer Rabbiner Dr. Joachim Prinz Lady Erleigh Kartenbestellungen lm Sekretariat der Jewish Agency, Metnekestra&e 10 / Telefon: Bismarck 7165 Kaffee- oder Teegedeck RM. 2,30 (etnsdil. Garderobe) Postscheckkonto: Keren Hajessod Berlin 1049 51 daß die Allgemeinen Zionisten Geld sammeln, während die Arbeiter- und Misrachizionisten es ausgeben. Das muß u n - v e r z ü g 1 i c h geändert werden. In einer Welt, in der für jedermann immer weniger Beschäftigung existiert, ist der Jude der letzte, dem mau Autmerksamkeit schenkt, und der erste in der Armee der Unerwünschten. Von wo soll der junge Jude Hilfe und Unter- Stützung bekommen? Er braucht Palästina als persönliche Befreiung und persönliche Zufluchtsstätte. ... Der Allgemeine Zionismus muß der jüdischen Jugend diese Botschaft eines neuen jüdischen Lebens bringen, das nicht durch ewige Be- Schränkungen eingedämmt ist, sondern gesegnet ist mit der Freude an einem Aufbauwerk^ das ungeahnte Perspektiven eröffnet. Dann wird der Allgemeine Zionismus sicherlich mehr jüdische Jugend an sich ziehen und ihrer loyalen Gefolgschaft sicher sein.“ Die Reidisiagswahlen ״Die Welt am Montag“ macht Mitteilung von einer Aeußerung des gewesenen, der Zentrumspartei angehörigen Ministers Adam Stegerwald in Neurode. Stegerwald soll gesagt haben, viele Juden hätten bei den Juliwahlen deshalb Zentrum gewählt, weil sie glaubten, ein gutes Geschäft machen zu können. Die jetzt der sozialdemokratischen Partei gehörende ״Welt am Montag“ schreibt dazu: ״Uns will scheinen,, daß nicht die Juden das Geschäft gemacht haben, sondern das Zentrum, genau so wie es nachher ein Geschäft mit den Nazis zu machen versuchte und deshalb den sehr gern gesehenen jüdischen Wahlkunden verlor.“ Das Münchener ״Jüdische E c h o“ nimmt zu den Reichstagswahlen Stellung mit der Bemerkung: ״Ob man will oder nicht, man muß sich mit den kommenden Reichstagswählen beschäftigen“. Am Schluß des Aufsatzes heißt es: Man wird auf jüdischer Seite gut daran tun, sich über die wahre Lage, in der man sich in Deutschland befindet, keinen Illusionen hinzugeben. Die Entwicklung hat dazu geführt, daß die Juden aus dem politischen Leben fast vollständig eliminiert wurden. Der Verdrängungsprozeß in Gesellschaft und Wirtschaft schreitet gleicherweise rapid vorwärts. Einige Jahre hindurch gab man sich auf jüdischer Seite der Täuschung hin, man sei 1m Staate ein Rechtssubjekt und habe Veranlassung, sich mit einzelnen• Parteien oder Regierungen zu identifizieren. Diese Täuschung ist jetzt entlarvt. Die Juden sind in abgewandelter Form trotz der formalen Gleichberechtigung in Deutschland heute wieder das, was sie Jahrhunderte lang gewesen sind, nämlich nur Schutzjuden. Das Wesen des Schutzjudentums hat es an sich, daß rnan■ von den Trägem der Macht um der Reputation willen geschützt, von den Parteien aber, die zur Macht drängen, und auch von solchen, die die Grundlage der Machtinhaber darstellen, angegriffen wird. Der Judenschutz wird nicht aus selbstverständliehem Gefühl für Recht und Billigkeit gewährt, und ein besolideres Vertrauensverhältnis zwischen Schützern und Geschützten ist keineswegs am Platze. Hat nun schon die fatale Entwicklung es so weit gebracht, daß die Juden einen Rückfall in mittelalterliche Zustände erlebt haben, so ist damit keineswegs die Notwendigkeit verbunden, daß man auch das letzte, was man sich im Laufe der letzten Jahrhunderte im Verhältnis zur Umwelt erworben hat, nämlich die Empfindung für Würde, opfert. Und es wäre eine Würdelosigkeit schlimmster Art, wollten die Juden in Deutschland anläßlich der kommenden Reichstagswahl von dem Grundsatz abgehen, daß keine einzige jüdische Stimme einer antisemitischen Partei zugute kommen darf. Professor Einstein tritt am 10. Dezember seine diesjährige Reise nach Amerika an. Alte and neue indische Musik (Eröffnungskonzert der .,Freien Jüdischen Volkshochschule“ und des ״Vereins für jüdische Geschichte und Literatur“.) Ein wahrhaft imposantes Programm (das in seiner Reichhaltigkeit besser zwei abgegeben hätte). Kernstücke cUj^Reprä- Sensation; ״Adonoj Moloch“ von Heinrich Sch a Dt, ״Boruch-Mogen ovaus-EIohenu“ von ArnoNadel und die Volkslieder der Maria Rapp-Janowskaja (mit Streichtrio). Diese Stücke hatten auch den größten Publikumserfolg. Für den Musiker war dagegen am interessantesten: ״Al naharot Bawel“ (alt-babylonische Weise), ״Asclrre hai'ph“ von Arno Nadel, ״Der Aufstieg“ (nach Jehuda Halevi) von Heinrich Schalit, ein ״Adonaj, adonaj“ als Persiflage auf einen berühmten amerikanischen Chasen mit ״improvisiertem“ Brummchor und einige der Volksliedbearbeitungen, die Frau Janowskaja in besonders glücklicher stimmlicher Disposition lind mit zarter Beseeltheit interpretierte. Die Programmgestaltung war nicht gerade sehr systematisch. Es war auch nicht alles alt, neu oder jüdisch, aber das meiste stand auf beträchtlicher Höhe. Als einer der besten Bearbeiter jüdischer Volkslieder hat sich wieder der Nichtjude Wolfgang Jacoby herausgestellt, aber auch die Bearbeitungen von Edward Moritz, Anton Krafft, Wolfgang Zeller und Arno Nadel klangen ausgezeichnet: Das Bentz-Tno hat sich in die hierfür notwendige Art des Musizierens intensiv hineingelebt. Die synagogaleit Chorwerke erlebten durch Alexander Weinbaums Chor in Verbindung mit dem Oberkantor John eine eindrucksvolle Wiedergabe. — Ein Konzert, voll Leben: man spürte, wie es ״brodelt und zischt“. — Leider blieb innerhalb dieser riesenhaften Vortragsfolge nur wenig Raum für Arno Nadels Erläuterungen. So hatte man sich beispielshalber eine ausführlichere Darstellung dessen, was man alles aus einem traditionellen Motiv machen kann, gewünscht. (Das wurde nur kurz und nicht ganz verständlich angedeutet.) — Max Janowski war uns als ausgezeichneter Organist keine Ueberraschung. Auch sonst haben wir Magnus Davidsohn, Ilse Nathan und Gad Shelaso für ihre Mitwirkung zu danken. A. J.-L. Die Palästina-Amts•Kommission lür Deutschland Gemäß den Beschlüssen des Aktionskomitees wurde eine Palästina-Amts-Kommission für Deutschland gebildet. Auf Grund der Berechnung der für die einzelnen Parteien zum letzten Kongreß abgegebenen Stimmen setzt sie sich zusammen aus 3 Vertretern der Allgemeinen Zionisten: Dr. Walter Czapsky, Georg Hirsch, Willy Preiß; 3 Vertretern des Misrachi: Alexander Adler, Dr. Chononowitz, Max Kahn; 2 Vertretern der Revisionisten: Feiwel, Julius Reiter; 1 Vertreter der Radikalen: Oskar Wulf; 3 Vertretern der Vereinigten Linken: Etienne Basch, Dr. S. Kaleko, Georg Pape; 1 Vertreter der Chaluzorganisationen: Fritz Lichtenstein und Dr. E. Ascher als Leiter des Palästina-Amtes. Die Palästina-Amts-Kommission wählte eine Arbeiiskommission, deren Aufgabe die Bearbeitung und Verteilung der Zertifikate ist. Diese Kommission setzt sich zusammen aus den Herren Alexander Adler, Dr. Ascher, Etienne Basch, Fritz Lichtenstein, Willy Preiß und Julius Reiter. Vor der eigentlichen Verteilung der Zertifikate wird die Kommission noch eine prinzipielle Erörterung über die Grundsätze der Zertifikatsverteilung durchführen. Zum Vorsitzenden der Pali» stina-Amts-Kommission wurde Dr. Ascher bestimmt. Die Studentenunruhen. Bei den antisemitischen Krawallen an den Wiener Hochschulen wurden an der Universität vier jüdisch-amerikanische und an der Hochschule für Welthandel rumänisch-jüdische Studenten verletzt. Der amerikanische Gesandte in Wien intervenierte beim Unterrichtsminister und der Rektor entschuldigte sich beim amerikanischen Gesandten wegen der Vorfälle. Der rumänische Gesandte stellte gleichfalls eine Intervention beim österreichischen Unterrichtsministerium in Aussicht. Dieses Eingreifen ausländischer Vertreter bei der österreichischen Regierung ist dem Ansehen Oesterreichs sehr wenig förderlich. Diese Entwicklung sollte den Behörden zu denken geben und sie veranlassen, rechtzeitig alle Vorkehrungen zu treffen, damit derartige Skandalszenen sich nicht mehr wiederholen. Die österreichischen Juden sind kaum davon begeistert, daß sich die Notwendigkeit der Intervention auständischer Diplomaten ergeben hat. Es bildet sich nämlich der groteske Zustand heraus, daß die Juden im eigenen Lande am wenigsten geschützt sind, während die ausländischen jüdischen Studenten bei Ihren diplomatischen Vertretern Zuflucht und Schutz finden. — In Budapest kamen gleichfalls an der Universität antisemitische Unruhen vor. Der neue Minister- Präsident Gömbös hat sofort strengen Befehl erlassen, daß die Ordnung wieder hergestellt werde. Es scheint der ungarischen Regierung mit der Bekämpfung der antisemitischen Exzesse an der Hochschule ernst zu sein. Allerdings widerfährt Gömbös etwas, was man hätte voraussehen können: er wird die Geister, die er gerufen hat, nicht mehr los. Die im Geiste des Rassenschützlertums erzogenen ungarischen Studenten vermögen eben nicht Staatsnotwendigkeiten in gleichem Maße wie Gömbös ein• zusenen und־ umzufernen. Sie setzen das fort, was Jahre hindurch Gömbös gelehrt hatte. — Auch in Warscha 11 haben nationaldemokratische Studenten an der Universität antisemitisehe Ausschreitungen verübt. Die Regierung droht bei Wiederholung derartiger Vorkommnisse mit der Aufhebung der Hochschulautonomie. In Polen haben die antisemitischen Hochschulexzesse noch einen Nebenzweck: die verhaßte Pilsudski- Regierung zu reizen und ihr Verlegenheiten zu bereiten. Der 80jährige Fritsch. Der ״Altmeister des deutschen Antisemitismus“, Theodor Fritsch, Herausgeber der Zeitschrift ״Der Hammer“, begeht demnächst seinen 80. Geburtstag. Besonders die Nationalsozialisten rüsten zu einer würdigen Geburtstagsfeier. Adolf Hitler erklärt in seinem Buch, daß Fritsch’s ״Handbuch der Judenfrage“, das er in seiner frühen Jugend eingehend studiert habe, in ihm die Grundkeime zur Organisierung der nationalsozialistischen antisemitischen Bewegung gelegt hätte. Die völkischen Rechtsblätter feiern die Verdienste Fritsch’s um das deutsche Volk und manche regen die Ver- Ieihung von Ehrendoktoraten (!; an. Fritsch war bekanntlich in eine Reihe von Prozessen verwickelt, In denen seine antisemitischen ״wissenschaftlichen“ Thesen selbstverständlich klaglieh zusammenbrachen. Zionisten! Gebt für den Politischen Fonds!