Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 86 (28.10.1932)
- Date
- 1932-10-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653348-2653434--23247-2681589- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
Nr. 86, 28. X. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 417 Das Werk des Keren Hajessod Von Leib J a ff e. Wie bereits hur! von uns berichtet, fand am 17. d. M. in Jerulalem-liechawja die feierliche Grundsteinlegung des neuen Gebäudes der Keren Hajessod-Zenirale statt. Die Feier, bei der eine große Anzahl von Ansprachen von prominenten Persönlichkeiten, der!ionistischen Bewegung und des Jischuw gehalten wurden und der außerdem zahlreiche herzliche Begrüßungsdepesrhen zugingen, bildete dm Auftakt zur Propagandatätigkeit des Keren Hajessod im kommen• den Jahre. Sämtliche Redner blickten zurück auf die zwölf Jahre, der Arbeit des K. II. und hoben hervor, welche bedeutenden Aufgaben dem K. H. gerade in diesem Augenblick zufallen. Den Vorsitz der Veranstaltung führte der Direktor des Keren Hajessod, Leib Jaffa. Wir bringen nachstehend einige Teile aus der wirkungsvollen Ansprache Jaffes in deutscher Uebcrsetznng zum Abdruck. Red. Mit Hochgefühl und einem Gefühl des Schmerzes und der Sorge blicken wir auf die Epoche dieser Jahre zurück. Wir dürfen stolz sein auf die Leistungen des Keren Hajessod in Erez Israel und im Galuth, Ohne Mittel des Zwanges haben wir die Volkssteuer geschaffen. Den Gedanken des Keren Hajessod haben wir in allen Teilen des Volkes verankert. Der Keren Hajessod ist zu einem unlöslichen Bestandteil des Lebens unseres Volkes in der ganzen Welt geworden. Bald wird die fünfte Million erreicht sein, die wir aus den Scherflein unsereT Volksmassen zusammengetragen haben, zum größten Teil aus den Scherflein der Armut und der Not. Der Keren Hajessod war das Instrument zur Sammlung des Geldes, aber nicht nur das war seine Aufgabe, und nicht darin allein lag seine Kraft. In alle entfernten Winkel der Welt hat der Keren Hajessod die Botschaft vom neuen Leben in unserem Lande getragen, die Botschaft der Befreiung. In das düstere Leben unserer Volksmassen hat er die Kunde vom Fest des Schaffens in unserem Lande gebracht, hat ein lebendiges Band zwischen Volk und Land geknüpft. Ihm war die Kraft gegeben, alle einzelnen Stämme, Strömungen und Parteien des Volkes zu sammeln und zu vereinigen. Der Keren Hajessod ist zu einer organisatorischen und volkserzieherischen Kraft geworden, die man erst in Zukunft richtig zu würdigen wissen wird. Zu einem unlösbaren Element im Leben des Jischuw und zur wichtigsten Kraft beim Aufbau des Landes ist der Keren Hajessod geworden. Gehet hinaus in das Land und sehet die Dutzende der neuen jüdischen Dörfer, den mit seinem Boden verbundenen, der Natur nahen jüdischen Bauer, sehet eine an Leib und Seele gesunde schaffende Generation! Und wenn ihr fragt: wer hat dies alles hervorgebracht? So wird man euch antworten: das hat das jüdische Dorf getan, das auf dem Boden des Keren Kajemeth mit den Mitteln des Keren Jdajessod geschaffen wurde. Das Dorf, das aus nationalen Mitteln geschaffen wurde, hat den Weg gebahnt und ist auch für die Ansiedlung, die jetzt in stärkerem Maße aus privaten Mitteln begonnen hat, zum Muster und Beispiel geworden. Das jüdische Dorf hat zum Wachsen der jüdischen Stadt beigetragen und ist eine Stütze und Lebensquelle für sie geworden. Sehet die Scharen der Arbeiter in den Siedlungen; der Keren Hajessod hat zu ihrer Verwurzelung verholten. Kommet mit zur jüdischen Stadt, sehet dort jüdische H äuser, jüdisches Gewerbe, Scharen Vön Arbeitern — der Keren Hajessod hat ihnen zu Ausbildung und Einwanderung in das Land verholten. Gehet durch die Straßen, die von jüdischen Arbeitern mit Hilfe des Keren Hajessod gebaut wurden. Lauschet der Stimme des jüdischen Kindes, des Kindes der Wiedergeburt, umstrahlt von der Sonne unseres Landes und unserer Zukunftshoffnung. Höret die frische und lebendige hebräische Sprache, die Sprache der Arbeit und die Sprache des täglichen Lebens, die Sprache des Hauses und der Straße, und macht euch klar, daß es der Keren Hajessod war, der die Kindergärten gepflegt hat und die hebräische Schule, daß er durch zwölf Jahre das hebräische Erziehungswerk im Lande erhalten hat, durch das die lebendige hebräische Sprache entstand. Sehet euch das System der Ambulatorien und Krankenhäuser an, alle die verschiedenen Einrichtungen der Gesundheitspflege, welche durch ״Hadassah“ und ״Kupath Cholim“ geschaffen wurden, und sagt euch, daß auch hieran der Keren Hajessod einen großen Anteil hat. Sehet den elektrischen Funk e n , der den Häusern Licht bringt, der Räder und Maschinen treibt, und wisset, daß der Keren Hajessod der erste war, der diesen Funken entzündet hat. An allen Ecken und Enden unseres Landes und auf allen Arbeitsgebieten ist der Keren Hajessod die treibende und befruchtende Kraft. Aber zugleich mit dem Gefühl des Stolzes und der Freude regt sich in unseren Herzen das Gefühl des Schmerzes und der Sorge. Mit ganz anderen Hoffnungen sind wir vor zwölf Jahren an die Arbeit des Keren Hajessod geschritten. Damals hofften wir, im Laufe von fünf Jahren fünfundzwanzig Millionen zu sammeln. Groß und verzweigt war das Programm, das wir uns aufstellten. Was hätten wir im Lande schaffen können, wenn unsere Hoffnungen sich erfüllt hätten, wenn unser Volk auf unseren Ruf in anderer Weise geantwortet hätte, wenn es auf uns und unsere Warnungen gehört hätte — damals als unsere Lage im Lande und das Aussehen des Judentums im Galuth noch so ganz anders war! In den Jahren der Arbeit haben wir viel geschaffen und vollbracht; aber noch mehr haben wir vernachlässigt und nicht vollbracht. Von dieser Stelle aus, von den Höhen Zions und Jerusalems senden wir unseren Dank und Gruß allen unseren Abgesandten in der Weit draußen, in allen Ländern und auf allen Meeren, bis zu den Enden der Welt, allen unseren Ausschüssen, Mitarbeitern und Helfern, vom obersten Leiter bis zum unbekannten Soldaten in der Arbeit für den Keren Hajessod. Sie haben die schwerste Arbeit an der Front unserer Bewegung auf sich genommen. Wir haben keine Mitarbeiter, die nur für Sold dienen. Das Arbeiten und Erobern ist unmöglich, wenn nicht Begeisterung und Pioniergeist im Herzen lebt. Sie alle haben Anteil an unseren Wünschen. Ihre Hände haben das Werk gehegt, und in ihre Hände legen wir diesen Grundstein. Nicht ein Fest des Abschlusses feiern wir heute, sondern ein Fest des Anfanges und der Erneuerung. Groß sind noch die Möglichkeiten zur Sammlung nationalen Kapitals im Galuth. Ein großes Arbeitsfeld gibt es noch für unseren Fonds. Unser Weg liegt klar vor uns. Unser Leben im Galuth und unsere Schöpfungen im Lande haben dem Volke die Augen geöffnet. Das jüdische Volk sieht, wie sehr — in welchem erstaunlichen Maße — wir recht hatten mit unserer Prognose über das Leben im Galuth und die Situation des Judentums. Das jüdische Volk hat jetzt das neue Erez Israel entdeckt. Es sieht das Wunder, das im Lande geschaffen wurde, es sieht diese einzige jüdische Stelle in der Welt, in der es Schaffensfreude und Schaffenswehen gibt. Neuer Touristenstrom Die Arbeitskonflikte in Tel-Awiw (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) gl., Tel-Awiw, IS. Oktober 1932. Wie stark das Interesse an Palästina überall wächst, wie sich die Hoffnungen von Tausenden dem Lande zuwenden, zeigt sich darin, daß der Touristenstrom für diesen Winter schon jetzt, wo der Sommer erst im Abklingen ist, mit Energie einsetzt. Dieser Sommer war vielleicht der erste in Palästina, wo sich Auslandsbesucher auch durch die Unannehmlichkeiten der heißen Zeit nicht von der Fahrt abschrecken ließen. Und kaum wird es kühler, kaum sind die ersten, dieses Mal sehr frühen Regen über den trockenen Boden hingegangen, so setzt auch schon die Touristensaison mit Energie ein. Unter 5 Empfangsabend | I zu Ehren von Lady Erleigh j Ü veranstaltet von ü den Deutschen Mitgliedern der Jewish Agency und ü |g dem Präsidium des Deutschen Keren Hajessod g §§ am Donnerstag, d. IO. November,abends AH Uhr, 1 g im Marmorsaal des Zoologischen Gartens |j M Vorsitz und Eröffnung : Dir. Oscar Wassermann £ §§ Ansprachen: Rabbiner Dr, Leo Baedc §§ |j Frau Jenny Blamenfeld §§ g Dr. Arthur Hanike §j §§ Dr. Bernhard Kahn §§ S R.-A. Dr. Hermann Leiewer |g g Rabbiner Dr. Joachim Prinz W Ü Lady Erleigh M |§ Kartenbestellungen im Sekretariat der Jewish §| Ü Agency, Meinekestra&e 10 / Telefon: Bismarck 7165 1! §§ Postscheckkonto: Keren Hajessod Berlin 1049 51 |§ fH Ü den Ankömmlingen sind viele, die schon früher im Lande waren, jetzt aber, wo sich die Umstände hier und dort geändert haben, noch einmal mit eigenen Augen seheit wollen, wie die Dinge nun in Wirklichkeit liegen. Es ist charakteristisch, daß viele alteingesessene Palästinenser, die seinerzeit von ihrer Familie bei der Auswanderung mit einer Art spöttischen Mitleids oder einer achselzuckenden Bemerkung über weltfremde Idealisten entlassen wurden, jetzt zum erstenmal von Angehörigen besucht werden, die ״sich selbst überzeugen wollen“ und vielleicht auch mit der Absicht umgehen, den Spuren der weltfremden Idealisten von einst zu folgen. Die Begeisterung dieser Touristen über das Land und die Leistung der Juden ist meist ganz ungewöhnlich. Je ungläubiger sie früher gewesen sind, je weniger sie den Berichten über die Entwicklung im Lande geglaubt haben, je skeptischer sie der gesamten Bewegung gegenüber standen, aus deren Quellen die Palästinasiedlung gespeist wurde, desto überschäumender ist die Freude über das Gesehene Die Kritik schwändet in den ersten Stunden unter den Strahlen palästinensischer Sonne, beim Anblick hebräischer Straßenschilder, jüdischer Polizei, von Juden aufgerichteter Gebäude, von Juden geschaffener Siedlungen. Das A und O des beglückten Erstaunens ist natürlich ebenso wie bei den Besuchern der Makkabiah im Vorjahre Tel-Awiw. Hier, in dieser rein jüdischen Atmo- Sphäre, in den komfortabeln neuen Häusern, in der Nähe der gut gepflasterten Straßen, der Cafes, Kinos, Theater!pochte man wohnen. Man muß heute schon ein ausgekochter Romantiker sein, um sich nach dem herben, wenn auch sehr modernisierten Jerusalem, nach dem stark arabisch wirkenden Haifa oder gar nach dem Dorfe zu sehnen. Und wer eben so ein Romantiker ist, der gehörte meist schon vor einem Jahrzehnt zu den weltfremden Idealisten oder steht vielleicht heute als Chaluz in der Hachscharah, Aber das Land ist heute so weit entwickelt, so stark modernisiert, so weit liegen die Jahre der heroischen Eroberung zurück mit ihrem Mangel an den primitivsten Bequemlichkeiten der Zivilisation, daß heute auch der anspruchsvolle Europäer den großen Sprung ohne ein zu großes Risiko wagen kann. Und w׳em es irgend möglich scheint, der wagt ihn. * Gerade in diese Zeit des großen Aufschwungs und des Beginns einer ansehnlicheren Einwanderung fallen eine Anzahl scharfer Arbeitskonflikte. Der psychologische Moment dafür ist günstig. Während den Besitzenden durch das einwandernde Kapital und die Vermehrung ihrer Klassengenossen auch durch das relative Zurücktreten der von den Arbeitern stark beeinflußten Zionistischen Organisation der Rücken gesteift wird, hat die Arbeiterschaft in dieser Periode, wo mehr Arbeiter gesucht werden als vorhanden sind, die Möglichkeiten, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. In Zeiten der Arbeitslosigkeit streikt man nicht, denn es ist aussichtslos. Trotz scharfer Organisation und durchgebildeter Disziplin ist der Druck auf die Masse der Arbeitslosen zu groß und die Gefahr des Streikbrechertu ins zu drohend. Aber in Zeiten der wirtschaftlichen Expansion, wo ein neues Unternehmen nach dem andern bereit ist, Arbeitskräfte zu absorbieren, liegen die Dinge für die Arbeiter günstig. Die Versuche der Arbeitgeber, mag es sich nun um Pflanzer handeln oder um städtische Unternehmer, gegen die Organisation der Arbeiter vorzugehen, sind schon seit längerem deutlieh. Auf den verschiedensten Gebieten, sowohl in der Wirtschaft wie in der Politik, zeigt sich die Tendenz, ״die Herr- Schaft der Arbeiterorganisation zu brechen“, wie der technische Ausdruck dieser Kreise lautet. Es war verständlich, daß sich die Linke zur Wehr setzte; und sie hat so viel an Disziplin ihrer Mitglieder, fester Organisation und taktischer Erfahrung voraus, daß es ihr möglich war, die Angriffe abzuschlagen, wenn auch das gegnerische Lager reichen Zugang an Geld und Menschen hatte. In letzter Zeit sind wieder eine Reihe von Streiks zu verzeichnen, einige davon von sehr ernster Natur, die eine schwere Kontroverse im ganzen Jischuw hervorrufen. Von besonderer Bedeutung ist der Konflikt zwischen den Arbeitern und den Bauunternehmern in Tel-Awiw, der die Arbeiten an verschiedenen Gebäuden stillzulegen drohte. Es wurde hier schließlich ein Waffenstillstand abgeschlossen, nachdem sieh verschiedene Instanzen von der Stadtverwaltung Tel-Awiw an bis zu den Regierungsbehörden um eine Vermittlung bemüht haben. Hier handelt es sich um einen Machtkampf zwischen den selbständigen Baugruppen der Arbei• ter und den Bauunternehmern, der schließlich dazu führte, daß eine Anzahl von Bauunternehmern sich weigerte, Mitglieder der Arbeiterorganisation einzustellen und mit Brith-Trumpeldor- Leuten zu arbeiten begann. Das Resultat waren ernste Störungen bei den betroffenen Gebäuden, Streik, Schlägereien, Ver- Haftungen und Prozesse. Für die Bauunternehmer handelt cs sich um die schwere Konkurrenz der Arbeiterbaugruppen, für die Arbeiter um nicht mehr und nicht weniger als das Organisationsrecht. Die Unternehmer protestieren hier gegen den Doppel Charakter der H i s t a d r u t h , die einerseits durch ihre Unternehmergruppen, bei denen sie freie Hand in der Lohnpolitik hat, den selbständigen Unternehmern Konk ti r r e n z macht, andererseits als Gewerkschaft den Lohnkampf führt und dadurch die Konkurrenzfähigkeit des selbständigen Unternehmers, dem gewissermaßen von seinem ״Konkurrenten“ die Arbeitslöhne hinaufgetrieben werden, schwächt Daher versuchen die Unternehmer Arbeiter zu finden, die von der Histadruth unabhängig sind, wofür sich ihnen die revisionistischen Arbeiter darbieten. Dies ist gewiß eine recht komplizierte Situation, und cs ist kein Wunder, daß der Kampf von beiden Seiten mit aller Hartnäckigkeit geführt wird. * in die letzten Tage fällt auch die Beendigung eines Arbeltskonfliktes, der mit der jüdischen Wirtschaftslage nichts zu tun hat, aber ein helles Schlaglicht auf die Entwicklung wirft, die arabische Arbeiter unter dem Einfluß der Europäisierung des Landes in den letzten Jahren durchmachen. In der Zementfabrik ״Nescher“ bei Haifa werden seit Gründung der Fabrik arabische Arbeiter im Steinbruch beschäftigt, die unter der Regie eines arabischen Unternehmers stehen und unter weit schlechteren Bedingungen arbeiten als die unter jüdischer Regie' stehenden jüdischen Angestellten der eigentlichen Fabrik. In der letzten Zeit waren für die Araber im Steinbruch die Verhältnisse untragbar geworden: ein überlanger Arbeitstag, lächerlieh niedrige Entlohnung und dazu ein blühendes Truck-System, indem der Unternehmer im Lager eine Kantine hielt, wo die Arbeiter gezwungen wurden, einen großen Teil ihrer Bedürfnisse zu decken. Es kam daher — ein für die arabische Arbeiterschaft Palästinas ganz gewaltiges und ungewöhnliches Ereignis — zum Ausstand von allen 150 Arbeitern, die die Forderung von höheren Löhnen, kürzerer Arbeitszeit und Abschaffung des Truck- Systems erhoben. (Bereits kurz in Nr. 84 der ״J. R.“ berichtct. — Red.) Es war bemerkenswert, mit welcher Disziplin und welcher Einmütigkeit der Streik durchgeführt wurde und zu weich vollem Erfolg er führte. Erhöhte Löhne, kürzere Arbeitszeit und die Freiheit einzukaufen, wo es *ihnen beliebt, war der Lohn für das hartnäckige Ringen um menschenwürdige Bedingungen. Es ist von Bedeutung, daß die Araber bei ihren Ver- Handlungen von dem jüdischen Arbeiterrat der Fabrik unterstützt wurden und daß unter den Mitgliedern der jüdischen Arbeiterorganisation eine große Anteilnahme und Sympathie an den Versuchen ihrer arabischen Genossen, sich menschenwür* dige Lebensbedingungen zu erkämpfen, bestand. Der Streik bei Nescher ist ein klassisches Beispiel dafür, daß trotz allen Mangels einer Aufklärungs- und Kulturpolitik von seiten der Regierung, trotz des Fehlens eines sozialen Programms von seiten der arabischen Führer der Sinn für Entwicklung und Vorwärtsstreben unter den arabischen Arbeitern wächst. Das Beispiel des jüdischen Arbeiters, der sich organisiert und für einen fairen Lohn und Koalitionsrecht kämpft, der höhere Lebens- Standard, den der Fellache und der einfache arabische Arbeiter täglich als etwas selbstverständliches vor sich sieht und der für ihn als etwas unerreichbares galt, übt seinen Reiz aus und stachelt zu Taten und Anstrengungen, die früher als unmöglich angesehen wurden. Diskussionsabend um Biro Bidschan. Die westlichen Bezirksgruppen der B. Z. V. und der Frauenarbeitsgemeinschaft für Palästina haben am 23. Oktober ihre Winterarbeit durch eine sehr geglückte gemeinsame Veranstaltung eingeleitet. Dr. Michael T raub, der vorzügliche Kenner der wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Ostjudenheit, setzte sich in D/sstündigem Vortrag mit der Judenpolitik der Sowjetunion und in erster Linie mit ihrem Kolonisationsversuch in Biro Bidschan auseinander. Er betonte die Bedeutung der nationalen Konzentration auf einem eigenen Territorium für die Erhaltung der russischen Judenheit; kam aber auf Grund einer eingehenden und außerordentlich sachlichen Analyse zu dem Ergebnis, daß das Projekt in dem von der Sowjetunion geplanten Maßstabe undurchführbar sei. Die kommunistischen Diskussionsredner unternahmen nicht einmal den Versuch, die Darstellung Dr. Traubs anzufechten, sie waren sogar wiederholt genötigt, ihm Sachkenntnis und Objektivität zu Bescheinigen. Sie versuchten die Ausführungen von Dr. Traub dadurch zu entkräften, daß sie auf die Schwierigkeiten des Palüstinaaufbaucs hinwiesen, ohne sich leider auch ihrerseits der gleichen sachlichen und ernsten Kampfesweise zu bedienen: die Daten, die sie zur Bekräftigung ihrer Argumentation anführten, waren zum Teil veraltet, zum Teil unzutreffend. So versuchte einer der Diskussionsredner die belustigte Zuhörerschaft davon zu überzeugen, die Juden in Palästina seien ausnahnislos malariakrank; einem anderen verdanken wir die interessante Feststellung, daß auch unter den gegenwärtigen Umständen im Rahmen der Sowjetunion Platz sei für die moderne hebräische Kultur. Dr. Traub fiel cs nicht schwer, diese Argumentation zu widerlegen. Viele hunderte Zuhörer (eine große Zahl mußte wegen der Saalüberfüllung umkehren) folgten gespannt dem Vortrag und der Diskussion. Der Vortrag war eine geglückte Veranstaltung, die eine fruchtbare Anregung für die weitere gründliche Beschäftigung mit dem Problemkomplcx der russischen Judenpolitik gewesen ist. Im Anschluß an den Skandal im Berliner Rundfunk, wo am 22. d. M. ein Herr Köhn bekanntlich antisemitische Pöbelcien von sich geben durfte, erhielten wir aus Leserkreisen eine ganze Anzahl von Zuschriften, in denen uns mitgeteilt wird, daß die Betreffenden das Abonnement des Rundfunks gekündigt haben.