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Jüdische Rundschau · 1932-10-28 · Heft 86 (28.10.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 86 (28.10.1932)
Date
1932-10-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 416 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 86, 28. X. 1932 wir bewundern; es trägt Ernten im Jahre und macht die Kühe schön und stark, nachdem sie in den ersten Siedlungsjahren, als man sich noch arabischer Fütterungsmethoden bediente, mager und elend geblieben waren. Ein Glucksen und Mur* mein begleitet uns auf allen Wegen: es ist das Jordanwasser, das durch die Röhren in den Feldern und Pflanzungen fließt und die Verwandlung» des einst so verschmachteten Landes in blühenden Boden bewirkt hat. In den Viehställen und Hühnerhöfen, im Kinderhause und in den Küchenräumen — allenthalben sprudelt das Wasser aus den Hähnen — ein Segen, den man würdigen kann, wenn man das benachbarte dürre Land gesehen hat. Während wir noch beieinander stehen und über die Frucht der Felder sprechen, kommt ein halb beladenes Auto gefahren, und eine Anzahl der jungen Siedler und Siedlerinnen eilt, es ist mit den Produkten ihrer Wirtschaft: mit großen, schweren Eiern, mit Gemüse- und Salatsorten, die es an keiner anderen Stelle des Landes gibt, beladen. Die untergaliläischen Kolonien haben sich, wie man uns sagt, zu einer Verkaufsgenossenschaft zusammengeschlossen, die nicht nur im Lande selbst, sondern auch in Syrien, Aegypten, neuerdings sogar in Griechenland neue Absatzmärkte sucht. Der größte Teil des einen der beiden Betonhäuser in der Siedlung ist — mit derselben Sorgfalt, die man überall im Lande den Kindern widmet — den 14 Kindern der Arbeitergruppe zugeteilt. Hier liegen die Kleinen in ihren weißen, mit Moskitonetzen geschützten Bettchen, hier spielen die Laufkinder unter der Aufsicht einer der Mütter. Die Schulkinder dagegen werden morgens in die weiteste und größte der untergaliläischen Siedlungen Daganiah gebracht, wo sie in einer für alle diese Orte gemeinsamen Schule unterrichtet werden. Man lädt uns zu einem einfachen, aber schmackhaft bereiteten Mittagessen in der sehr primitiven Speisebaracke ein, wo wir alle Bewohner der Siedlung kennenlerncn: von der imponicrenden Erscheinung einer jungen Frau, welche die geistige und seelische Leiterin dieses Menschenkreises ist. Einige junge Leute, die in Zentraleuropa Universitäten besucht haben, bis zu einigen blutjungen Burschen, deren Eltern vor Jahren bei den Pogromen in der Ukraine getötet und die dann in einem Landerziehungsheim in Palästina erzogen wurden. Während die Leute nach dem Essen wieder an die Arbeit gehen oder sich zu kurzer Ruhepause zurückziehen, erzählt uns einer der jungen Siedler die Geschichte seiner Gruppe. Sie hatten sich, nachdem die meisten von ihnen aus zio nistischen Jugend- und Wanderbünden hervorgegangen waren, im Kriege auf einem jüdischen Lehrgut im deutschen Schwarzwald getroffen, wo sie sich für die landwirtschaftliche Arbeit in Palästina vorbereiteten. Bei der ersten Möglichkeit, die sich ihnen nach dem Kriege bot, übersiedelten sie in das von ihnen ersehnte Land, nicht nur um einfach hier zu sein, sondern tim in einer von der eigenen Hände Arbeit lebenden, auf unbedingte Gleichheit und Freiheit des Einzelnen gestellten Gemeinschaft neue und bessere Lebensformen als die, welche sie in Europa verlassen hatten, zu schaffen. Ihre ersten Jahre waren voller Mühsal und Not. Der Keren Hajessod, der Siedlungsfonds der Zionistischen Organisation, an den damals gewaltige Anforderungen von den vielen Ansiedlungslustigen gestellt wurden, konnte ihnen nicht gleich Mittel zur Ansiedlung geben. Sie zogen im Lande umher, von einem kleinen Pachtgut in Judäa, das nicht ausreichte, um sie zu erhalten, nach einem Boden im Emek Jesreel, südlich von Nazareth. Ein Teil von ihnen setzte sich endlich in unmittelbarer Nähe der Siedlung Daganiah südlich vom Tiberiassee fest, wo sie mit unendlicher Mühe ein altes arabisches Haus für sich und ihre Kinder wohnlich machten. Aber kaum hatten sie hier begonnen, das brachliegende Land zu bestellen, da schlug das große Erdbeben im Jahre 1028 ihre Wohnstätte in Trümmer und die ersten Winterregen fanden sie ohne Dach über dem Kopfe. Nachdem sie ihre beharrliche Arbeitslust in allen diesen Prüfungen bewiesen hatten, wurden sie von der Zionistischen Organisation mit den Mitteln des Keren Hajessod auf dem jetzigem Gebiet nahe dem Zusammenfluß von Jordan und Jarkon, wo das große Ruthenbergsche Elektrizitätswerk die wilde Wasserkraft regelt und nutzbar macht, angesiedelt. Auch hier litten sie zuerst bittere Not; es fehlte an Wasser, und später erwies sich eine unter großen Opfern angelegte provisorische Wasserleitung als unpraktisch und unrentabel. Erst seitdem das Bewässerungssystem, das allmählich in allen untergaliläischen Siedlungen eingeführt wird, funktioniert, sehen die Siedler eine weniger leidensvolle und entbehrungsreiche Existenz vor sich. Mit dem fast zu starken Wasserstrom, der vor etlichen Wochen zum ersten Male durch die neuen Röhren brauste, strömte neue Hoffnung und neue Kraft in ihre zuvor so oft enttäuschten Seelen. Einer aus der Gesellschaft fragte den Erzählenden, ob er und seine Freunde es denn nicht leichter gehabthätten, wenn sie als Landwirte in Deutschland geblieben wären. Ein Lächeln {st die Antwort. Darüber haben sie niemals nachgedacht. Ob leicht oder schwer, hier ist die Heimat ihres Volkes, und hier, umgeben von den Erinnerungen ihres Volkes, erzogen in der hebräischen Sprache und der Ehrfurcht vor der Arbeit sollen in ihren Kindern die geistigen Kräfte des Judentums wieder lebendig werden. Die KommanisienaosweisDDgen in Palästina London, d. 26. Okt. (J. T. A.) Col, Josiah Wedgwood richtete im Unterhaus an den Kolonienminister die Frage, ob die legale Position von Personen, die sich offen zum Kommunismus bekennen, in den englischen Mandatsterritorien begrenzter sei als in England selbst und ob der Minister nicht seine Aufmerksamkeit der Verfolgung von Kommunisten in Palästina zuwenden wolle. Kolonienminister Sir Philipp Cunliffe-Lister erwiderte, daß in den Mandatsterritorien allen Einwanderern Gewissensfreiheit gewährleistet sei, sofern die öffentliche Ruhe und öffentliche Moral nicht verletzt werden. Er, der Minister, habe keine Informationen über Kommunisten-Verfolgungen in Palästina erhalten. Am 23. Oktober wurden die aus Amerika nach Palästina übergeführten sterblichen Reste von Boris Schatz der palästinensischen Erde übergeben. Das Gebäude der Bezalel- Schule, in dem die Trauerfeierlichkeit begann, war innen und außen schwarz dekoriert. Hier hielten Dr. Arlosoroff im Namen der Zionistischen Exekutive, Ussischkin im Namen des Keren Kajemeth und Ben Zwi im Namen des Waad Leumi Nachrufe. Von der Bezalel-Scbule bewegte sich der Trauerzug zum Oelberg, wo die Bestattung auf dem jüdischen Friedhot stattfand. Das Jadenhelt der Europäischen Revue Wie von uns bereits mitgeteilt, hat die Zeitschrift ״Europäische Revue“ (Berlin SW' 68), die sich durch vornehme Diskussion geistiger Probleme, die alle Völker angelien und gerade für den jüdischen Leser häufig besonders aktuell sind, auszeichnet, ihr August-Heft der Judenfrage gewidmet. Diese Publikation verdient noch einen Hinweis. Der Verlag teilt mit, daß das Heft binnen kurzer Zeit vergriffen war und infolge der Nachfrage jetzt eine zweite Auflage veranstaltet wurde. Daraus ist zu ersehen, daß das Bedürfnis fiir eine ernste Behändlang der Judenfrage in weiten gebildeten Kreisen vorhanden ist. Dies kann nach unserer Meinung nur zu begrüßen sein, denn es ist besser, daß man sich offen ausspricht, als daß durch Verstecken, Verdrängen und Mißverstehen sich Verkrampfungen bilden, die den Zustand noch unerträglicher machen. Man sollte, so scheint uns, solche Veröffentlichungen nicht, wie eine jüdische Zeitung es tat, unter dem vereinfachenden Gesichtspunkt ,,für oder wider die Juden“ befrachten, und ebenso wenig läßt sich der gleichfalls von jüdischer Seite vertretene Standpunkt aufrecht erhalten, es sei besser, überhaupt nicht Acußerungen aus verschiedenen Lagern zu sammeln, da doch immer nur die Antisemiten daraus Gewinn ziehen. Die Behandlung der Judenfrage ist durch Antisemitismus auf der einen und Apologetik auf der anderen Seite recht verfahren, und eine ruhige, fundierte und vorurteilslose Erörterung kamt einer Klärung nur nützlich sein. Man muß anerkennen, daß das Heft der ״Europäischen Revue“ in hohem Maße den Anforderungen gerecht wird, die man an eine solche Diskussion stellen muß. Es liegt freilich im Wesen der Sache, daß das Bild, das . man durch eine derartige Publikation empfängt, unvollständig ist. Was das Judenheft der ״Europäischen Revue“ betrifft, so ist von unserem Standpunkt aus vor allem zu bemängeln, daß die zionistische Anschauung darin nicht zu Worte kommt. Hat die Redaktion nicht gefühlt, daß eine Beurteilung der Judenfrage ohne entsprechende Beachtung der zionistischen Er- Kenntnisse und Lösungsvorschläge unzulänglich sein muß? Dies ist um so verwunderlicher, als man sonst aus der Zusammen- Stellung des Heftes das Bestreben erkennt, repräsentative Persönüchkeiten aus dem jüdischen und nichtjüdischen Lager zu gewinnen. Bei einer Anzeige dieses Heftes müssen wir uns damit begniigen, die meisten Autoren und Beiträge nur zu erwähnen, ohne auf Einzelheiten ihrer Ausführungen einzugehen. Die meisten Mitarbeiter des Heftes sind unseren Lesern ohnedies aus anderen Veröffentlichungen bekannt. Dies gilt vor allem von den jüdischen Beiträgen, von denen zu nennen sind: Leo Baeck ״Das Judentum“, Jakob Wassermann ״Zum Rassenproblem“, Hans Kolm ״Einige Gesichtspunkte des politischen Judenproblems in Deutschland und Europa“, Ernst Kahn ״Die Juden in der Wirtschaft“, Arnold Zweig ,,Jüdischer Ausdruckswille“. Man kann wohl sagen, daß trotz der Verschiedenartigkeit der Autorep in den jüdischen Beiträgen ein gemeinsamer Grundzug enthalten ist. Dem neudeutschen Nationalismus, der von allen jüdischen Mitarbeitern abgelehnt wird, wird ein Universalismus gegenüber gestellt, der nicht — wie bei einer früheren jüdischen Generation — mit verwischenden Menschheits-Abstraktlonen arbeitet, sondern Verständnis für die volkmäßige Gliederung der Menschheit und innerhalb derselben für die Sonderheit der jüdischen Gemeinschaft hat. Auf nichtjüdischer Seite sind gleichfalls einige Autoren vertreten, deren Haltung man zur Genüge bereits kennt: Hans Blüh er, der seinen ״theologisch“ fundierten Antisemitismus gerade erst in zwei Büchern niedergelegt hat, der Jesuit Erich Przywara, der leichfalls •bereits in früheren Aufsätzen (der wichtigste entalten in der Sammlung seiner Schrffteri ״Ringen der Gegenwart“, Benno Filser-Verlag, Augsburg) zur Judenfrage Stellung genommen hat, Graf Gleis pach, der als Wiener Universitjits-Rektor das völkische Studentenrecht einführte, das er jetzt in diesem Aufsatz verteidigt, und schließlich Albrecht Erich Günth er, der mit Wilhelm Stapel zusammen die Zeitschrilt ״Deutsches Volkstum“ herausgibt und einen ähnlichen Standpunkt vertritt wie Stapel, der praktisch auf eine Entziehung der Gleichberechtigung und Rückgängigmachung der Emanzipation hinausläuft. Besondere Beachtung verdienen die Autsäfze von Prinz Rohan ״Einige Bemerkungen zur Judenfrage“ und von Professor Josef Nadler ״Die Juden und die Literatur“. Prinz R o h a n , der als Herausgeber das Heft einleitet, zeigt eine deutlich erkennbare Absicht, vorurteilsfrei an die Judenfrage heranzugehen. Die wichtigsten Ergebnisse, zu denen er gelangt, haben wir bereits in Nr. 65 der ״Jüd. Rundschau“ zitiert: Die Judenfrage kann nur gelöst werden durch beiderseifige Besinnung auf die wurzelhaften Verschiedenheiten; der Jude, der sich zu sich selbst bekennt und auf Mimikry verzichtet, hebt damit den größten Teil des Aergernisses auf und wird für den Nichtjuden ein geachteter Mitbürger. Diese Grundhaltung allein, so scheint uns, kann den Weg zu einer Lösung eröffnen. Prinz Rohan erkennt jedenfalls, wie fast alle Mitarbeiter dieses Heftes, die Unmöglichkeit der ״Assimilation“. Darin ist er mit Nadler einig, der zu folgender, weit über das nur ״Literarische“ hinaus wesentlichen Feststellung gelangt: ״Vielleicht mit keinem Volke der Erde hat der Jude in solcher Hingabe geistig eins werden wollen wie mit dem deutsehen, und kein anderes hat gegen diese Hingabe sich mit solchen Gebärden der Abneigung gewehrt. Die deutsch-ji'idische Literatur ist ein Dokument stürmischen Werbens um den deutschen Geist, das Dokument der bittern und tragischen Einsicht des Unmög liehen undNichterfüIlbaren. Unter den anderen Völkern wurde der Jude durch die scheinbare Leichtigkeit, mit der sich seine Angleichung an das Abendland vollzog, über die Unerfüllbarkeit dessen, was er anstrebte, hinweggetäuscht, lrn Zusammenleben mit dem deutsehen Geiste wurde er sich der Tragik seines europäischen Lebensproblems bewußt. Und so ist die deutschjüdische Literatur eine Literatur der größten Enttäuschungen, die ein Volk haben kann. Das gibt dieser Literatur ihren großen Bruch, daß sie in ihrer ersten Epoche eine Literatur der Bejahung und des Aufbaues und in ihrer zweiten Epoche eine der Verneinung und Zerstörung ist. Was erreichbar schien, wurde wie ein Eigenes miterlebt. Sobald es sich als u n e r r e i c h bar herausstellte, war alle Kraft darauf gerichtet, zu zerstören, was daran unverwandelbar war, und auf sich zu verwandeln, was brauchbar schien. Die deutschjüdische Literatur in ihrer geschichtlichen Gestalt ist ein mißlungenes Experiment, gleich bedrückend für Deutsche wie für Juden. Alle Experimente gleicher Art sind gescheitert.“ Der Aufsatz Nadlers, der auch in verschiedenen Zeitungen nachgedruckt wurde, hat z. B. in der D. A. Z. zu Diskussionen geführt, vor allem zu Protesten von assimilatorischer Seite. Wie immer man sich zu seiner Pauschal-Bewertung der deutschen Literatur jüdischen Ursprungs stellen mag, man muß anerkennen, daß seine hier zitierte Analyse in hohem Maße das Richtige trifft. Die Worte Nadlers, des Erforschers der Stammeseigentümlichkeiten in der deutschen Literatur, umschreiben eindrucksvoll einen Tatbestand, dessen ehrliches Bewußtwerden uns zum Kern der Judenfrage hinführen kann. Alles in allem kann man sagen, daß auch für Juden die Lektüre dieses Heftes sehr empfehlenswert und lehrreich ist. Es ist seit der Judendebatte im ״Kunstwart“ vor 20 Jahren vielleicht die eindrucksvollste und gelungenste derartige Publikation. Viele dieser Aufsätze werden noch oft zitiert werden., JVir möchten nur wünschen, daß die Leset der ״Europäischen Revue“ Gelegenheit bekommen, auch die zionistische A n t w o r t, die diesmal ausfiel, und die sich doch für Denkende mit Zwangsläufigkeit aus der hier aufgeworfenen Fragestellung ergibt, kennen zu lernen. Presseschau Bei der Besprechung der Bewilligung der neuen Ein- Wanderungs-Zertifikate für Palästina-Immigranten bringt die englische kolonialpolitische Zeitschrift ״The Near East and I n d i a“ einen neuen Gesichtspunkt in die Diskussion. Die Bewilligung von 4500 Zertifikaten, so schreibt das Blatt, beweist, wie ungerecht das Geschrei gegen die Haltung der englischen Einwanderungsbehörden in der Vergangenheit gewesen ist. Die Einwanderungsfrage, so müsse man jetzt sagen, war nur einer der vielen Stöcke, mit denen man den Rücken der Regierung bearheiten wollte, ohne sich an Tatsachen oder an ethische Gesichtspunkte zu kehren. Palästina hat relativ viel weniger als andere Länder unter der Wirtschaftsdepression gelitten, und es kann nicht bezvveifeit werden, daß diese Sachlage das Verdienst der Regierung ist, die es ablehnte, große Zahlen von Ein- Wanderern ins Land zu lassen, für die keine Arbeit vorhanden war. Aut diese Weise hat Palästina seine ökonomische Gesundheit aufrechterhalten, und sobald die Bedingungen es gestalten, macht auch die Immigrationsquote einen auffallenden Sprung vorwärts. Eine Ueberlegung der Ungerechtigkeit des früheren Geschreis gegen die Beschränkung der Immigration wird hoffentlich eine etwas gemäßigtere Betrachtungsweise zu allen strittigen Fragen Palästinas herbeiführen. Dank dem Geist besserer Zusammenarbeit, der in betrachtlicheni Maße an die Stelle des früheren Antagonismus in den Beziehungen des offiziellen Zionismus mit der Palästina- Regierung getreten ist, ist es jetzt fiir die jüdischen Wort-, führer möglich, ihren eigenen Leuten manche Wahrheit zu sagen. Das Blatt zitiert dann die Ansprache eines Keren Hajessod-Delegierten, der darauf hingewiesen hat, daß Eni- Wanderung nur dann möglich ist, wenn entsprechende Mittel aufgebracht werden. Dies ist freilich nichts Neues, denn stets haben alle verantwortlichen Zionisten und auch Keren; Hajcssod-Propagandisten diesen Standpunkt vertreten, in der, früheren Periode ebenso wie in der Gegenwart. Dieses Argu-i ment des ״Near East“ ist also wenig überzeugend. Es ist aber interessant, daß die Zeitschrift, die wahrscheinlich die Anschauungen eines Kreises der Kolonialbürokratie zum Aus-1 druck bringt, die jetzige ökonomisch günstige Lage Palä-| stinas, die offenkundig in der Hauptsache auf jüdischen Kapitalzustrom und jüdische Initiative zurückzuführen ist, als ein Resultat der vorsichtigen Einwanderungs•: politik der Regierung, durch die Arbeitslosigkeit und! Wirtschaftskrise im Lande verhindert wurden, hinstellt. * Das Londoner Abendblatt ״Evening Standard“ befaßte sich am 21. d. M. mit dem angeblichen Plan des Völ•! kerbundes, Sir John Hope-Simpson, den Verfasser der: Palästina-Expertise und früheren Völkerbundskommissar in; Griechenland, zum Kommissar von Danzig in Nachfolge des; verstorbenen Grafen Gravina zu machen. Hierzu bemerkt: ״Evening Standard“, die englische Regierung habe sich nicht; entschließen können, Simpson als High Commissioner für! Danzig zu empfehlen, da sie befürchtete, daß seine U n - Popularität bei den Juden England keineswegs zum! Nutzen gereichen könnte. Simpsons Palästina-Bericht, schreibt ״Evening Standard“, wird von der jüdischen Welt abgelehnt;! in Danzig aber — ebenso in Polen, das mit Danzig so eng; in Berührung steht — gibt es einen ziemlich hohen Prozentsatz jüdischer Einwohner. Aus diesem Grunde unterblieb Simpsons Ernennung zum High Commissioner für Danzig; Simpson kehrt nach China zurück, wo er als Kommissar für Hilfe au die Opfer der Ueberschwemmung fungiert. * Die ״Times“ berichtet am 25. d. M. aus Syrien,: dab das syrische Parlament, das in diesem Monat zu seiner neuen Session Zusammentritt, sich wahrscheinlich mit dem Entwurf eines Vertrages zwischen Frankreich und Syrien zwecks Beseitigung des Mandats nach dem Vorbild des Irak beschäftigen wird. Beide Parteien, sowohl die Natio• nalisten als auch die die Mehrheit bildenden Gemäßigten, fordern von den Franzosen die Vorlage eines solchen Vertrags-’ entwurfes. Was den Libanon betrifft, der bekanntlich eine! selbständige Republik unter französischem Mandat bildet, be-! merkt der Korrespondent der ״Times“, daß die Aufhebung! der Konstitution im Mai d. J. sich sehr wohltätig ausgewirkt habe. Sechs Jahre Erfahrung, so schreibt das Blatt, haben den Libanesen gezeigt, daß parlamentarische Insti* tutionen für den Libanon nichtpass en. Freilich könne man auch die Meinung hören, daß die notwendigen Reformen auch ohne Suspension der Verfassung hätten durchgeführt werden können. Alarmruf aus Oesferrelch. Wir haben in der vorigen Nummer von den Ausschreitungen der nationalsozialistischen Studenten an den Wiener Hochschulen berichtet und festgestellt, daß die verstärkte antisemitische Grundstimmung der herrschenden, in politischer Gegnerschaft zu den Nationalsozialisten stehenden christlich-sozialen Partei sich in einer schärferen Betonung der judenfeindliehen Punkte ihres Programmes äußert. Mittlerweile haben sich die Exzesse der Nationalsozialisten an den Hochschulen fortgesetzt und erreichten ihren Höhepunkt am 26. an der Universität. Das blutige Ergebnis dieser Ausschreitungen sind J5 verletzte jüdische Hochschüler, darunter vier amerikanischer Staatszugehörigkeit. Die Universität wurde bis auf weiteres geschlossen und der Wiener amerikanische Gesandte führte beim Unterrichtsminister Beschwerde wegen der verletzten amerikanischen Studenten. — Die Vorgänge an den Wiener Hochschulen sind als Symptom der politischen Situation der österreichischen Juden zu wert e n. Von den in Oesterreich bestehenden vier größeren Parteien sind drei, die christlich-soziale, großdeutsche und nationalsozialistische, antisemitisch. Die vierte Partei, die Sozialdemokraten, werden von den drei anderen heftig bekämpft, und die Hauptwaffe in diesem Kampf ist das antisemitisch« Argument, das um so mehr Eindruck macht, als sich unter den Führern der österreichischen Sozialdemokratie verhältnismäßig viele Juden befinden. Diese jüdisch-sozialistischen Führer in Oesterreich sind allesamt Assimilanten strengster Observanz, die in den meisten Fällen ihren Zusammenhang mit dem Judentum gelöst haben. Dem Verhalten dieser Führer ist es zuzuschreiben, daß die österreichische Sozialdemokratie in der Judenfrage eine derartige Haltung einnimmt, daß es sozialistisch eingestellten Nationaljuden unmöglich ist, im Rahmen der sozialistischen Partei mitzuarbeiten. Die österreichische Sozialdemokratie hat unter dem Einfluß ihrer ״jüdischen“ Führer stets auch eine scharf antizionistische Haltung eingenommen, zum Befremden der anderen Mitgliedsparteien der zweiten Internationale, die es gar nicht verstehen können, daß gerade eine so stark jüdisch durchsetzte Partei sich den nationalen und sozialistischen Forderungen des jüdischen Proletariats widersetzt.

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