Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1932-10-28 · Heft 86 (28.10.1932) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 86 (28.10.1932)
Date
1932-10-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653348-2653434--23248-2681590
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 418 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr 86, 28. X. 1932 Aus den Gemeinden Der Skandal von Dortmund •לא תלך רכיל בעמיך ״Spiele nicht den Angeber gegen Dein Volk.“ Entgegen unserer sonstigen Gepflogenheit stellen wir unsereu Ausführungen zu einem Konflikt — oder besser gesagt zu einem Skandal — in Gemeindefragen den Satz aus dem jüdisehen Gesetzeskodex voran, um kenntlich zu machen, daß unsere zionistische Einstellung zu der in Frage stehenden Materic der legitimen Auffassung unserer nationalen Kultur entnommen ist. Es handelt sich für uns nicht um einen p 0 1 i t i - sehen Kampf, sondern um einen solchen für Dinge, die tiefgegründet sind in der jüdischen Seele, über die Juden nicht hinweggehen können, wenn sie nicht allem, was jüdische Moral, jüdische Natioiialcthik bedeutet, ins Gesicht schlagen wollen. Zunächst die nackten Tatsachen: Die Jüdische Gemeinde Dortmund will ihre Satzungen ändern. Der der Regierung vorgelegte Entwurf, von der Majorität der Gemeinde- Vertretung gegen die nationnljüdischcn und ostjüdischen Stimmen entworfen und angenommen, enthält praktisch die Auf- Hebung der bisher bestehenden Gleichberechtigung derOstjuden, sowie andere ausgesprochen reaktionäre Bestimmungen. Die Regierung erkennt, daß der Geist, den diese neuen Satzungen atmen, nicht in Ueberein- Stimmung steht mit den Rechten, die die Weimarer Verfassung den Angehörigen einer jüdischen Gemeinde zuerkennt, und verlangt Aenderungen des Satzungsentwurfs gemäß dem Prcußisehen Judengesetz und der 85jäi1rigcn konstanten Praxis. Der Gemeindevorstand lehnt es ab, diese Aenderungen vorzunehmen unter Berufung auf die Autonomie der Gemeinden. Die Majoritat der Gemeindevertretung habe das Recht, ihre Belange nach eigenen Anschauungen zu regeln, ohne die Meinung Einzelner, die sich bei dein geltenden Mehrheitswahlrccht in der Gemeinde- Vertretung nicht haben durchsetzen können, zu berücksichtigen. Bis hierher geht es um einen Konflikt, einen recht ernsthaften, denn es handelt sich diesmal nicht um Kampf für Gewährung von Recht en, sondern um einen solchen gegen die Entziehung von Rechten einer jüdischen Gruppe durch andere Juden, aber immerhin, es ist ein Konflikt. Jetzt beginnt aber der Skandal: Der Vorstand der Synagögerigemeinde Dortmund fährt in seiner Eingabe an die Regierung fort: Die Minderheit, der die neue Satzungsfassung nicht genehm ist, verfolgt keine religiösen, sondern politische Ziele, es handelt sich um eine zionistische Gruppe, deren Interessen auf Palästina gerichtet seien. Zur Zeit bestünde die Gemeinde noch aus Menschen, die sich zur jüdischen Religion und zum Deutschtum bekennen, aber während vor dem Kriege 95 <V0 der Gemeinde aus Reichsdeutschen bestanden habe, seien es infolge der nach dem Kriege stattgefundenen Einwanderung jetzt nur noch 55 <>/# bei 45 °'o Ausländern. Diese Ausländer fallen zum erheblichsten Teil der Wohltätigkeit der Gemeinde anheim, und sie ließen sich leiten von Zionisten, die vorgeben, ihre Interessen zu vertreten. Würden diese Elemente zur Macht in den Gemeinde-Gremien gelangen, würden erhebliche Geldbetrage zionistischen, d. h. ausländischen Zwecken zufließen. 111 diesem Fall würden zahlreiche westdeutsche Gemeindemitglfcder aus der Gemeinde austreten. Im Lebensinteresse der Gemeinde müsse deshalb der Einfluß der Ausländer, insbesondere der Zionisten, zurückgedrängt werden. Mehr als 90 «o der Wohltätigkeitsausgaben käme den ausländischen Mitgliedern zugute. ״Das wohlverstandene Interesse der S t a a t s re g i e ru n g kann nur in der Unter- Stützung der deutschen Gemeinden liegen.“ So schreibt der Vorstand einer jüdischen Gemeinde, deren Aufgabe es seiner Meinung nach ist, jüdisch-religiöse Belange in seiner Gemeinde zu vertretet!. Jetzt dürfte es einem jeden klar sein, weshalb wir an die Spitze dieeser Ausführungen einen Satz des jüdischen Religionsgesetzes gestellt haben, das uns Richtlinie nationaler Ethik — jenen offenbar nur ein Mäntelchen ist, das man sich zur Bekämpfung jüdischnationaler Anschauungen umhängt. Wir stellen die Frage an jeden objektiv denkenden Menschen mit jüdischem Gewissen, wir stellen die Frage an jeden Kenner unseres Gesetzes und an die Rabbiner, deren Amt es ist, darüber zu wachen, daß der Geist und Sinn des jüdischen Gesetzes nicht in sein Gegenteil gekehrt wird: Steht dieser Gemeindevorstand noch auf dem Boden jüdischer Moral und Ethik oder hat er gegen dis Gesetz ״Spiele nicht den Angeber gegen dein Volk“ verstoßen? Bisher gab es mit den Verfechtern der jüdischen Religionsgemcinde Kämpfe darum, ob das Ritualgesetz der Thora in der heutigen Zeit noch seine alte Verbindlichkeit habe, niemals aber darum, ob auch die ethischen Grundsätze der Bibel, auf deren moralischen und ethischen Prinzipien die gesamte gesittete Welt ihre Lebensanschauungen gegründet hat, noch von Bestand sind. Dürfen sich diese Menschen noch weiterhin als die Verfechter der jüdischen Religion ausgeben, als deren tatsächliche Verächter sie sich hier in eklatantester Weise herausgestellt haben? ״Ostjuden, geführt von Zionisten, die vorgeben, ostjüdische Interessen zu vertreten.“ Was berech igi den Vorsitzenden der Gemeinde Dortmund zu dieser unsere Ehre antastenden Behauptung einer Regierungsstelle gegenüber? Allerdings, der Gemeindevorstand in Dortmund, der Verfechter der jüdischen Religion, kennt nicht den Satz: וכי יגור אתך גר בארצכם לא תונו אתו Dieser Satz spricht von dem nichtjüdischen Ausländer in Erez Israel, der sich dort zu dauerndem Wohnsitz niedergelassen hat, dem wir das gleiche Recht zuteil werden lassen müssen wie dem einheimischen Juden, den wir lieben wie uns selbst, weil auch wir einmal Fremde im fremden Lande waren. Wenn das vor Jahrtausenden ethisches und soziales Gesetz war einem nichtjüdischen Fremden gegenüber, wie stellte sich unser Gesetz dann zu einem jüdischen Bruder, der in einem anderen Lande geboren ist als wir und jetzt bei uns wohnt? Der Dort-!minder Gemeindevorstand allerdings versteht nicht, daß man einen ״landfremden“ Juden lieben kann und seine Interessen wahrnimmt, als wären es die eigenen, daß man sich als reichsdeutscher Jude identifiziert mit ״Ausländern“, er weiß nicht, daß auf Grund jüdisch-ethischer Anschauung der fremde bei uns wohnende Jude zu uns gehört und es kein Sonderrecht für ihn geben darf. Er, der Vorkämpfer für die Religionsgemeinde, für das reine Religionsjudentum, hat für den Fortbestand seiner Religionsgemeinschaft zur Genüge gesorgt, wenn er zu Jaumkippur-Ausgang der Gemeinde verkündet hat, wann der Gottesdienst am nächsten Rosch haschonoh beginnen wird. Uns ist die Gemeinde mehr, denn wir wissen, daß wir zwischen dem 10. Tischri und dem kommenden 1. Tischri dafür zu sorgen haben, daß jüdisches Leben nicht entschlafe, und wir wissen auch, daß das schon längst nicht mehr nötig gewesen wäre, wenn nicht die Ausländer da wären, denen die ״hohen Festtage“ und der Kampf zur Abwehr des Antisemitismus noch nicht der ganze Inbegriff des Judentums bedeutet. Hundert Jahre der Gleichberechtigung haben den Dortmunder Gemeinde- Vorstand vergessen lassen, daß auch deutsche Juden einst für ihre Gleichstellung im Staate kämpfen mußten, so wie heute polnische Juden für ihre Stellung in der jüdischen Gemeinde kämpfen. Er wird erst wieder daran denken, wenn seine eigene Gleichstellung im deutschen Staate angetastet sein wird, und dann wird er sich auf die in der Bibel enthaltenen ethisehen Gesetze berufen, ״die doch Gemeingut aller Gesitteten sind“, dann wird er diese Gesetze ausgraben und das Gewissen der deutschen Welt anrufen — aber man wird ihn nicht hören, denn er hat ja selbst diese Grundsätze mit Füßen getreten! Machen wir uns doch auch recht klar, was der mehrfach in der Dortmünder Eingabe erfolgte Hinweis auf die Bedürftigkeit des Ostjuden in Wirklichkeit bedeutet. Liest nicht jeder, der mit Verstand zu lesen versteht, zwischen den Zeilen das ominöse Wort von dem ״lästigen Ausländer“, von dem einer ״deutschen Oeffentlichkeit zur Last Fallenden“, den der deutsche Staat kraft bestehender Gesetze aus seinen Grenzen entfernen kann? Und das in einem Moment, in dem hohe und höchste Beamte ihre Stellungen verlieren, weil den ״nationalen“ Verbänden ihre liberale Einstellung zur Wahrung deutscher Belange nicht genügt? Der Nachfolger des Herrn, der die Eingabe empfängt, wird schon verstehen, was zwischen den Zeilen gesagt ist, und seine Konsequenzen daraus ziehen. Ist das beabsichtigt? Dann ist es ein Verbrechen! Ist es nicht gewollt, dann zeigt es zur Evidenz, daß diese Menschen nicht geeignet sind, eine Gemeinde in der Oeffentlichkeit zu vertreten, und es wäre höchste Zeit, daß die Oemeinde diese Männer abberuft und einsichtigere, jüdische Menschen an ihre Stelle setzt. Tut das die Gemeinde Dortmund nicht, dann hat sie aufgehört, eine Einheitsgemeinde zu sein, und man kann es dann wirklich verstehen, wenn sich die Stimmen derer mehren, die den organisierten Austrittvon Zionisten aus den Gemeinden verlangen. Eine Einheit, die sich nur auf die Steuer- Zahlung in eine gemeinsame Kasse und auf gemeinsame Verteilung von Wohlfahrfsgeldern bezieht, kann zionistische Steuerzahler, und nur von diesen können wir in diesem Zusammenhang reden, auf die Dauer nicht reizen, sich all der Arbeit und Unannehmlichkeiten, die Gemeindearbeit mit sich bringen, zu unterziehen. Sich moralisch und mit seiner Tatkraft vor eine Gemeinde zu stellen, die durch ihre offizielle Vertretung einem die Ehrenhaftigkeit bestreitet und einem Beweggründe und Absichten unterschiebt, für die sie auch nicht die leiseste Begründung anführen kann, ist auf die Dauer kaum zu verantworten. Wäre überhaupt nicht zu verantworten und würde auch von uns nicht verlangt werden, wenn uns die jüdische Gemeinde nicht mehr w׳äre, als bloße Religionsgemeinschaft, nämlich die Vo'ksgcmeinde, aus der ein Ausscheiden unter gar keinen Umständen für uns in Frage kommen kann. Die Frage, um die es sich hier handelt, ist so zu stellen: Können wir denen, die mit jeder Faser ihres Seins unjüdisch sind, die Gemeinden und die Vertretung derselben in der Oeffentlichkeit einfach überlassen und uns auch für die Zukunft der Möglichkeit begeben, die Geschicke von Judenschaften maßgebend zu beeinflussen? Die Frage stellen heißt, sie verneinen. Es gibt eine Zukunft, und in ihr werden unsere Anschauungen die Herrschaft haben. Dabei braucht man nicht etwa an eine Alleinherrschaft jüdischnationaler Anschauungen in den Gemeinden zu denken. Aber durch unsere stete Einwirkung auf allen Gebieten innerhalb der Gemeinde wird und muß der Geisteszustand unserer Gegner allmählich beeinflußt werden, so daß langsam Verhältnisse entstehen, die jüdische zu nennen sind. Auch die deutsche Soziaidemokratie und die englische Arbeiterschaft stand einmal in einem hoffnungslos erscheinenden Kampf gegen die geschlossene Welt der Reaktion, und doch ist ihr Tag gekommen. Vielleicht sollen wir noch offener und deutlicher als dies bisher geschehen ist, in der Opposition stehen. Noch freier und lauter unsere Forderungen der Oeffentlichkeit und bei allen Gelegenheiten stellen. Vielleicht sollen wir es ablehnen, Aemter zu bekleiden, durch die wir zwar Einfluß auf gewisse Agenden, aber auch Verantwortung für unserer Auffassung nach unverantwortliehe Dinge mittragen. Wenn unsere Gegner zeigen, daß sie ein jüdisches Gewissen nicht besitzen, werden wir das lebendige Gewissen der Gemeinden darstellen. Stimmrecht kann man Uns oder unseren ostjüdischen Brüdern nehmen, Repräsentantensitze kann man uns unmöglich machen, in der uns zukommenden Anzahl zu erlangen. Das Recht darauf, unsere Stimme in der Oeffentlichkeit zu erheben, kann man uns nicht rauben, und wir werden davon ausgiebigen Gebrauch machen. Anprangern werden wir in aller Oeffentlichkeit, was an Vergehen und Schlimmerem durch jene Unjuden getan wird. VieMeicht wird dann doch einmal der Tag kommen, an dem auch die Dortrnunder Judenheit von Würdigeren vertreten wird. Alexander Adler. Dr. Israel Rabin 50 Jahre Am 18. Oktober vollendete Dr. J. Rabin, Dozent am jüdisch-theologischen Seminar in Breslau, das 50. Lebensjahr. Wenn das deutsche Judentum, insbesondere die deutschen Zionisten, darüber hinaus aber alle an jüdischer Wissenschaft und jüdischer Volksarbeit interessierten Teile der jüdischen Oeffentlichkeit dieses Tages gedenken und dem Jubilar ihre Glückwünsche darbringen, so wissen sie, daß Rabin eine Persönlichkeit von ungewöhnlichem Format ist. Aus altem rabbinischem Geschlecht aus dem ukrainischen Städtchen Proskurow stammend, hat Rabin früh und mit einer Vollkommenheit, wie sie nur der Osten hervorgebracht hat, den gesamten Stoff jüdischen Wissens und jüdischer Kultur in sich aufgenommen. (Mit 17 Jahren erhielt er bereits התרת הודאה). Die Ausbildung auf dem Gymnasium in Kowno, das Universitätsstudium und die Habilitation in Bern, und nicht zuletzt seine von 1909—1911 dauernde Tätigkeit am Lehrer-Seminar des Hilfsvereins der deutschen Juden in Jerusalem, wiesen ihn auf den Weg wissenschaftlicher Forschung und Lehrtätigkeit. Diese konnte er von 1911—1914 als Leiter der ״Jeschiwah fdotah“ in Odessa auf breitere Grundlage stellen. 1914 wurde abin Lektor für jüdische Wissenschaften in Gießen, später an der Universität in Frankfurt. Seit 1921 ist er als Nachfolger von Brann Dozent am jüdisch-theologischen Seminar für Bibel-Exegese, Geschichte und Talmud, 1925 wurde er Lektor für rabbinisches Schrifttum in Breslau. Diese wenigen Daten umgrenzen in großen Strichen die bedeutende wissenschaftliche Tätigkeit Rabins. Zahlreiche Arbeiten historischen, philologischen und textkritischen Inhalts, von denen hier nur die große von Horowitz begonnene Edition der ״Mechilta“ genannt sei, zeigen Rabins umfassendes Wissen auf wissenschaftlicher Grundlage. Bei alldem ist Rabin aber kein in sich verschlossener, von der Welt abgewandter Gelehrter, sondern er hat von jeher an allen Klal-Bestrebungen Anteil genommen. Seit frühester Jugend ist er Zionist; als Jude von tief-innerlicher aufrichtiger Religiosität, bedeutet ihm Zionismus die wahre Synthese zwischen Religiosität und Nationalismus, die Renaissance uralter Tradition auf dem Heimatboden Erez Israels. Kein Wunder, daß sich Rabin alsbald dem von Raw Reines gegründeten Misrachi anschloß, dem er mit dem Einsatz seiner werbenden Persönlichkeit und seiner Fähigkeiten seine Mitarbeit in führender Stellung bis heute widmet. Vorbildlich leitet er seit Jahren die Breriauer Misrachi-Gruppe, er ist Mitglied der Landeszentrale der Umlod, auf Kongressen, in Gemeinde und Landesverband vertritt er mit Energie und Würde den Standpunkt des thorahtreuen Zionismus. Die deutschen Zionisten und Misrachisten wünschen dem jüdischen Gelehrten, dem hingebungsvollen Zionisten, dem liebenswerten Menschen und Freunde noch viele Jahre Gesundheit und Erhaltung seiner Arbeitskraft. Dr. W. S i 1 b e r s t e i n. Briefe an die Redaktion Wirt* chatt «wende? An die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“. Immer wieder stößt der Zionist, der unablässig bemüht ist, seiner jüdischen Umgebung die Nutz- und Würdelosigkeit der Assimilation klarzumachen, auf eine Einsicht, die ihn skeptisch stimmt: wie weit nämlich die tatsächliche Assimilation an die geistige Temperatur unserer deutschen Umwelt bereits im eigenen Lager fortgeschritten ist. Dabei erweist sich leider jene Bemerkung Brünings als allzu wahr (vgl. ״J. R.“ Nr. 16, S• 77), daß die Juden im allgemeinen dazu neigten, die schlechten Eigenschaften der Deutschen zuerst anzunehmen. Eine besonders unerfreuliche Eigenschaft der heutigen deutschen Intellektuellen ist nun ihr seltsamer Hang dazu, über jeden vorübergehenden Zustand abstrakte Theorien mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu konstruieren. Wir glauben, diesen Vorwurf auch gegen Dr. Marcus, den Verf. des Aufsatzes ״Wirtschaftswende — auch für uns?“ erheben zu müssen, weil er auf Grund unzureichender Analyse eines zu engen Stückes Wirklichkeit zu irrigen Schlüssen gelangt, und weil die Gefahr besteht, daß, sollte die Marcus’sche Verelendungstheorie zur Pi&ce de resistence zionistischer Proy aganda werden und dann gleichwohl das Schicksal ihren erühmten Vorgängerin teilen, für die Schlagkraft unserer Werbung jene Folgen eintreten, die jeder sich ausmalen kann! Damit soll keineswegs gesagt sein, daß die von Marcus enti wickelten Gedanken nicht ernsthafte Diskussion verdienten; jede Auseinandersetzung wird dabei u. E. von folgenden Fest- Stellungen auszugehen haben: 1. Kein ״bürgerlicher Jude“ — sofern er ein verständiger Mensch ist — setzt seine ״Hoffnung auf das endliche Gelingen eines der vielen Ankurbelungsversuche“ in dem Sinne, daß er etwa den Wirtschaftsministern die Fähigkeit zutraute, die Krise wegzuzaubern. Hingegen berechtigt die Erkenntnis, daß die Krise derartige Ausmaße nur dank der dilettantenhaften Eingriffe unwissender Politiker in das feine Räderwerk der Wirtschaft annehmen konnte, zu der Annahme, daß die beregten staatlichen Maßnahmen die Wirtschaft wenigstens dann ankurbeln können, wenn ihr die Möglichkeit eines natürlichen Konjunkturverlaufs wiedergegeben wird. 2. Marcus bekennt sich zur Idee der ״zwangsläufigen“ Autarkisierung. Nichteingeweihten sei hier gesagt, daß die ״Zwangsläufigkeit“ der Autarkie von ihren Anhängern um so eifriger verfochten zu werden pflegt, je kläglicher alle Versuche, ihre Notwendigkeit zu beweisen, scheitern (so erst jüngst auf der Dresdener Tagung des Vereins für Sozial- Politik). Vermutlich wird Marcus darauf antworten, die Aeußerungen einflußloser Theoretiker seien angesichts der ״Lehren der Wirklichkeit“ belanglos. Aber die Stellungnahme des Reichsverbandes der deutschen Industrie (mit dem nicht zu spaßen ist!) zur gegenwärtigen Handelspolitik dürfte ein weniger belangloser Umstand sein. 3. Mit Bedauern vermerkt der Volkswirt, daß sogar einer der ältesten Ladenhüter: die hundertmal widerlegte Behauptung, daß die Industrialisierung der überseeischen Agrarexportländer das Band der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung zerreiße, von Marcus hervorgeholt wird. Als ob nicht jede Entfaltung produktiver Kräfte irgendwo in der Welt die kaufkräflige Nachfrage steigern und das Welthandelsvolumen ausweiten müßte! (Vgl. im übrigen die Entwicklung der deutschenglischen Handelsbeziehungen vor dem Kriege.) 4. Völlig unverständlich ist die Behauptung, auf die Dauer könne es einen Abbau der wirtschaftlichen Grenzbarrieren nur geben, wenn auch die politischen Grenzen abgebaut würden. Als ob die Versuche wirtschaftlicher Grenzabsperrungen im Zeitalter des Flugverkehrs zu irgendetwas anderem führen könnten als zur Förderung von Schmuggel und Korruption! Uebrigens war gerade das klassische Zeitalter des Freihandels in Europa, das Menschenalter zwischen 1850 und 1880, eine Periode verschärfter politischer Spannungen und fast andauernder Kriege. 5. Ob die deutschen Juden noch heute dazu imstande sind, die ״zusätzliche Leistung“ zu vollbringen, wird sich dann zeigen, wenn es wieder eine Nachfrage nach solchen Leistungen geben wird, nämlich im konjunkturellen Auf- Schwung. Jede Aussage, die heute darüber gemacht wird, erinnert insofern einigermaßen an die Geschichte von Friedrich dem Großen und dem Bahnwärter. Mit all dem soll beileibe nicht gesagt sein, daß die deutsehen Juden etwa wirtschaftlich herrlichen Zeiten entgegengingen (über unserer politischen Zukunft liegen nach wie vor graue Nebelschwaden). Wer an ״Wirtschaftswenden“ nicht zu glauben vermag, wird auch die jetzige Krise für eine vorübergehende halten. Welche Rolle die deutschen Juden bei ihrer Ueberwindung spielen werden, muß die Zukunft lehren. Wer jetzt Panikstimmung züchtet und sich davon womöglich günstige Propagandamöglichkeiten für Palästina verspricht, wird eine schlimme Saat aufgehen sehen. Denn wie können Menschen in Panikstimmung■ zu jener ernsthaften, sachlichen, verantwortungsbewußten Willensbildung gelangen, auf die allein wir unsere Hoffnung setzen können? Mit Zionsgruß. Dr. Lud wi g M. Lach mann. *»* Wir bringen den vorstehenden Brief als Aeußerung aus dem Leserkreis zum Abdruck, sind jedoch der Meinung, daß eine Kontroverse über diese Frage den Rahmen der ״Jüdisehen Rundschau“ sprengen würde, da es sich um Gesichtspunkte handelt, die bei der Beurteilung der Weltwirtschaftslage und der Lage in Deutschland in der allgemeinen Diskussion und ohne Beziehung zur Judenfrage vielfach diskutiert werden, wobei bekanntlich verschiedene Meinungen und Prognosen einander gegenüberstehen. Sofern die Ausführungen von Dr. Marcus in Frage kommen, so legt der Verfasser Wert aut die Fest- Stellung, daß er (im Gegensatz zu der Annahme von Dr. Lachmann) bei seinen Untersuchungen über das wirtschaftliche Schicksal der deutschen Juden niemals von dem Gesichtspunkt einer etwaigen zionistischen Propaganda Wirkung ausgegangen ist. Auch wir sind mit beiden Herren der Meinung, daß eine solche Betrachtungsweise fehl am Orte wäre. Es iiandelt sich um die objektive Untersuchung der wirtschaftlichen Entwicklungstendenzen, und wenn bei der Erörterung eines etwaigen Auswanderungsbedürfnisses auch Palästina als eines der wenigen offenen Einwanderungsländer erwähnt wird, so ist das unseres Erachtens ein Nebenpunkt. Denn der Zionismus stützt sich nicht auf Erwägungen dieser Art und nicht aut ״Verelendungstheorien“, sondern auf das Bedürfnis und den Willen des jüdischen Volkes, sein eigenes Gemeinschaftsleben in Freiheit neu zu gestalten. Red. Für die Wahlen zur Wiener Jüdischen Ku!- tus gemeinde kandidieren: eine gemeinsame Liste der Aligemeinen Zionisten und Revisionisten, Sozialistische Zionisten, Radikale Zionisten und ein Block, bestehend aus der österreichisch-israelitischen Union, Konservativen und werktätigen Juden (Sozialdemokraten). Interessant ist der großbürgerlich konservativ-sozialdemokratische Block, dessen Kitt der Kampf gegen den Zionismus ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.