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Jüdische Rundschau · 1932-10-21 · Heft 84 (21.10.1932) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 84 (21.10.1932)
Date
1932-10-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 408 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 84, 21. X. 1932 VON JÜDISCHER MUSIK Redigiert von Alice Jacob ־ Lcewenson Für und wider die Orgel Die Orgel in der Synagoge Und wer sie spielen soll Man könnte glauben, daß die Hereinnahme der Orgel als eines Harmonieinstrunientes in den jüdischen Gottesdienst viel Schuld hat an der Verfälschung jüdischen Musikgutcs, und es besteht daher heute bei einem Teil der jüdischen Musiker, die dem Gottesdienst eine wirklich jüdische Musik wiedergeben wollen, die Tendenz, die Orgel wieder aus der Synagoge auszuschalten. Das kann man verstehen, ohne es zu billigen. Eine historische Betrachtung über Instrumental-Musik im Tempel kann hier nicht an gestellt werden. Sicher ist, daß sie vorhanden war, nicht sicher, aber möglich ist, daß das lnstrument, das im zweiten Tempel gestanden und zahlreiche wind- . getriebene Pfeifen gehabt haben soll (der Talmud beschreibt es ein wenig dichterisch übertrieben), ein orgelmäßiges lnstrument war. Wenn man aber die Einführung der Orgel als eine Annäherung an den christlichen Gottesdienst betrachtet, so ist das sicher falsch. Denn sie ist weder ein christliches, noch ein kirchliches Instrument. Sie ist eine Erfindung der Griechen (Ktesibios um 170 v. Chr., soll Erfinder der sogenannten ״Wasserorgel“ sein), ihr Name bedeutet schlechthin Musik- Instrument. Daß sie allmählich ein kirchliches Instrument wurde, ist historisch erklärbar. Man konnte selbst auf der kleinsten primitivsten Orgel mehrstimmig (polyphon) musizieren, man nahm also dieses dafür so geeignete Instrument zur Begleitung, als die mehrstimmige Musik die homophone ablöste. Die Anfänge des mehrstimmigen Gesanges reichen nachweisbar bis ins 7. Jahrhundert n. Chr. zurück (in Wirklichkeit wohl noch weiter), gepflegt wurde diese Kunstmusik des Mittelalters mir von Klerikern. Die Mönche verwendeten die Orgel beim Unterricht, sie waren die besten Orgelbauer des frühen Mittelalters, und so kam unmerklich aber .naturnotwendig dieses so vielseitig verwendbare und praktische Instrument in die Kirche. Von der Entwicklung der christlichen Kirchenmusik freilich ist die Orgel untrennbar, die jüdischen Gegner der Orgel sagen, in der Synagoge wäre sie unorganisch, hereingenommen, ihr aufgepfropft. — Sie ist darin aber ebenso wenig unorganisch als es die Orgel vor 1y, Jahrtausenden im christlichen Kult war. Sie war auch dort nicht nötig (auch heute gibt es immer noch eine Christliehe Anfi-Orgelpartei), aber gut verwendbar; warum sie nicht auch in die Synagoge nehmen, wo wir ja heute auch an einem Anfang stehen? Es kommt wirklich nicht darauf an, welches Instrument in der Synagoge gespielt wird, sondern was f ür eine Musik man darauf macht. Auch ldelsohn (kein Freund der Orgel, er toleriert sie aber aus praktischen Gründen), sagt, daß die unjüdische Musik stört, die auf der Orgel gemacht wird, nicht die Orgel. Die Musik ist entscheidend, das j ü - dische Wesen, der jüdischeGeist in der Musik, ist ausschlaggebend» nicht das Instrum ent- Es handelt sich darum, die, Synagogenmusik in einer reinen Form wiederherzustellen. Aller Wahrscheinlichkeit nach war sie homophon. Damit ist aber noch nicht gesagt, daß eine Harmonisierang ihr jüdisches Wesen verfälschen oder gar vernichten muß. Es kommt auf diese Harmonisation an. Hierüber müßten sich schon einmal die jüdisch empfindenden Musiker unterhalten, genau wie es die christlichen Musiker seit langem über die Harmonisation des Gregorianischen Chorals tun, die bekanntlich auch sehr streitig ist. Aber das ist noch lange kein Grund, die sehr praktische Orgel, die den Gottesdienst erhebender zu gestalten vermag und ihn musikalisch unerhört bereichern könnte, auszuschalten. Lieber die Frage, wer die Orgel spielen soll, dürfte es wohl keine Meinungsverschiedenheiten geben. Nur jüdische Musiker kommen hier in Frage; denn man muß in den Geist der hebräischen Sprache und ihrer musikalischen Gestaltung, in das Wesen jüdischer Musik eingedrungen sein, um im jüdisehen Gottesdienst Orgel zu spielen. Ein jüdischer Organist wird auch in seiner Registrierung versuchen, wenigstens etwas den Charakter der altjüdischen Musik zu wahren, in der vermutlich Blasinstrumente vorherrschten. Das Orgelspiel als ״Arbeit“ zu bezeichnen, ist ganz verfehlt, es ist keine größere Arbeit, als sie die andern Funktionäre des Gottesdienstes zu leisten haben. Wenn man rein quantitativ vergleichen will, so ist die ״Arbeit“ eines Vorbeters am Jom-Kippur weit größer als die eines Organisten. Ein weiterer Grund: Man schaltet heute überall jüdische Künstler aus, bei den Bühnen ist es ganz evident. Die Jüdisehen Gemeinden haben die Pflicht, für die jüdischen Musiker zu sorgen, selbst wenn man sich auch einmal mit einem zweit- Massigen begnügen müßte. Wenn die musikbegabte jüdische Jugend weiß, daß sie auf Beschäftigung in den Synagogen rechnen kann, wird sie sich dem Organistenberuf in noch größerer Anzahl als bisher zuwenden. Dr. OskarOuttmann, Berlin. Keine Orgel im jüdischen Gottesdienst! Wenn die Orthodoxie sich von jeher dagegen gesträubt hat, die Orgel im Gottesdienst zuzulassen, so kann man ihre Gründe ganz oder teilweise annehmen oder ablehnen. Sicher ist, daß hinter diesem unbezwingbaren Widerstand instinktive Erkenntnisse stecken, die nicht allein das religiöse Moment betreffen. Die Orgel paßt wesensmäßig nicht in die jüdische Liturgie. Sie ist mit einer anderen Kultur entstanden und hat sich an ihr künstlerisch hochentwickelt, ln der Synagoge konnte sie nur durch die fortschreitende Entjüdischung der Kultmusik Boden gewinnen. Jeder, der sich mit dem Wesen und Werden jüdischer Musik etwas eingehender befaßt und sich in ihre urtümliche Art eingetastet hat, wird zugeben müssen, daß die Orgel für sie etwas absolut Gewaltsames und Fremdes bedeutet. Es besteht natürlich vom musikalischen Standpunkt aus die Möglichkeit, artverwandte Instrumente in den Kult einzubeziehen: die antike jüdische Tempelmusik kannte ja ebenfalls Schlag-, Blas- und Zupfinstrumente. Sie hatten — den Ueberlieferungen nach — rhythmische, formale, melodische Funktion. Genausowenig wie bei den anderen orientalisehen Völkern gab und gibt es aber bei den orientalischen Juden, den Trägern ältester jüdischer Musik t r a d i t i o n, Harmonieinstrumente mit der Klangfarbe der Orgel; das widerspricht dem Geist und den durchaus linearen and moaophonen Tendenzen jeder vom Orient herkommenden Musik. Es bleibe dahingestellt, ob sich das berühmte Talmudzitat, das immer als Hauptargument gegen die Orgelfeinde angeführt wird, wirklich auf ein orgelartiges Instrument, auf irgendeinen entfernten Urahnen unserer jetzigen, ßrgei bezieht, Sicher ist aber, daß wir uns beim Klang der Orgel, wie sie sich seit Jahrhunderten in Europa ausgebildct hat, in eine völlig andere Klangwelt hineinversetzt fühlen. Die Wirkung der Orgel vermittelt stets einen Begriff von Kirchlichkeit, der nie und nimmer als etwas Jüdisches auf uns wirken kann. Gerade das neue Werk von Heinrich Schallt, das doch auch in bezug auf die Verwendung der Orgel neue und eigene Wege geht, beweist das wieder. Die Entwicklung (oder besser gesagt: Dekadenz) der jüdischen Musik in Europa spielt dabei gar keine Rolle: da, wo die Orgel ihr angemessen zu sein scheint, ist sie eben schon entsprechend entjüdischt. Selbst Meyerheer — der doch mit jüdischer Musik nicht allzu intensiv verbunden war — lehnte seinerzeit die Einführung der Orgel in der Synagoge Oranienburger Straße aus musikalischen Gründen ab. Seither sind immer wieder Versuche gemacht worden, die Orgel in der jüdischen Kultmusik zu verwenden. Der Erfolg war immer der gleiche: die Assimilationandiechristliehe Kirchenmusik. Es ist natürlich unmöglich, die zukünftige Entwicklung der jüdischen Musik einseitig dogmatisch festlegen zu wollen. Wenn man aber Wesen und Ursprungstendenzen erkannt hat, muß man auch die richtigen Konsequenzen daraus ziehen, gewisse Dinge ausschalten und sich über den mutmaßlich richtigen Weg klar werden, der gewiß nicht in der Richtung der Orgel liegt. Da dieses Instrument zudem von den meisten modernen Komponisten als unzeitgemäß abgelehnt wird, scheint es auch vom allgemein musikalischen Standpunkt nicht als etwas Fortschrittliches angesehen werden zu können. Tatsächlich ist ja auch die Musikentwicklung ganz andere Wege gegangen. Die zunehmende Musikkultur hat eine Anzahl ausgezcichneter jüdischer Organisten hervorgebracht. Man wird aber zugeben müssen, daß die Tatsache des Vorhandenseins guter jüdischer Organisten, die begreiflicherweise auch ihre Berufsinteressen wahren möchten, nicht gerade als zureichender Grund für die Zulassung des Orgelspiels im jüdischen Gottesdienst angesehen werden kann. . . . und audi keine Sdiatlplattcn! Wie wir von wohlunterrichteter Seite erfahren, ist an die Musikkommission der Jüdischen Gemeinde die Forderung ergangen, aus Spargriinden die Synagogenchöre durch Schallplatten zu ersetzen. Es handelt sich dabei um die Liturgie der Reformgemcinde, die vor einigen Jahren auf Platten aufgenommen wurde und die bekanntlich hauptsächlieh aus Werken von Beethoven, Bach usw. besteht. Abgesehen davon, daß diese Musik mit dem jüdischen Kult und der für ihn überlieferten musikalischen Durchdringung nicht das geringste zu tun hat, ihn seines Charakters völlig entkleiden und ihn auf eine lächerliche Weise geradezu mechanisieren würde, wäre schon die teilweise Realisierung dieser Forderung in. sozialer Hinsicht ein unverantwortlicher Schritt, da durch ihn eine nicht,unerhebliche Aftzahl jüdischer Sänger und Sängerinnen eines nicht unwesentlichen Nebenverdienstes beraubt werden würde. Sollte es durchaus notwendig sein, gerade in diesem Punkt immer größere Sparmaßnahmen zu treffen (die Chöre wurden ja in den letzten Jahren ohnehin mehr und mehr verkleinert und die Gehälter verkürzt), so muß man — gleichviel wie man zur Tradition eingestellt ist — sich doch energisch dagegen verwahren, daß durch derartige taktlose Formverletzungen die Würde des synagogalen Kultes in einem derartigen Maße verletzt wird, Alice Jacob-Loewenson. Zur Entwicklung synagogaler Orgelmusik In einer modernen synagogalen Orgelmusik muß ein Ausgleich zwischen einem mehr dynamischen, expressiven, harmonisch fundierten und einem organisch gewachsenen, linearen (polyphonen) Musikstil erstrebt werden. Die Ausdrucksfähigkeit, tiefinnerliche Gefühlsseligkeit des homophonen, klassisch - romantischen Stils muß im gewissen Grade auf den polyphonen, linearen Stil übertragen werden; denn gerade die dynamischen Schattierungen aller Art spielen im Verein mit dem rhapsodischen Rhythmus in der jüdischen Musik eine ganz besondere Rolle. Dagegen ist eine einseitige Bevorzugung des harmonisch-homophon orientierten Musikstils schon deshalb nicht gut zuheißen, da moderne Harmonik mit dem ursprünglichen Wesen traditioneller synagogaler Melodik, die sich hauptsächlich aus pentatonischen und kirchentonalen (dorisch-phrygischen) Eieinenten zusammensetzt, schwer in Einklang zu bringen ist und davon abgesehen durch jene auch eine starke Beeinträchtigung der Leichtigkeit und Beschwingtheit der rezitativischen Rhythmik bewirkt wird. Eine Harmonisation der alten Redtative im kirchentonalen Sinne würde jedoch von heutigen Betern sehr befremdend und mit Recht als unecht empfunden werden; auch ist die Rhythmik des alten hebräischen Redtativs derjenigen der alten Kirchenmusik vielfach gerade entgegengesetzt. Es bleibt daher nur die eindge Möglichkeit übrig, die jüdischen Melodien an sich in ihrer Reinheit, wie sie überliefert sind, zu übernehmen und sie instrumental auszuwerten. Das Kernstück einer synagogalen Orgelmusik kann im Gegensatz zum christlichen Choralvorspiel nur das freie Rezitativ sein. Die Verwertung der in der kirchlichen und allgemeinen Orgelmusik ausgebildeten Formen ist nur in dem Maße gestattet, als sie die rezitativischen und rhapsodischen Elemente der synagogalen Musik als organische Bestandteile in sich aufnehmen können. Daher sind zunächst Formen zu berücksichtigen, die, wie Präludium, Fantasia und Toccata nicht nach strengen Aufbaugesetzen gestaltet werden müssen. Innerhalb dieser freien Formen ist die Betonung des responsorischen (parallelistischen) Elementes im hebräischen Rezitativ am leichtesten möglich und von großer Wichtigkeit. — Gerade die Nachahmung, kanonische Behandlung einer Melodie etwa in der Umkehrung, würde der Antwort der Gemeinde entsprechen. Im allgemeinen wird man gut daran tun, die ursprünglieh strengeren Formen, vor allem Kanon und Fuge, nicht schematisch zu behandeln, sondern eine Kombination verschiedenster Stilelemente ist anzustreben, die als Ganzes genommen eine völlig originale Form ergibt. Für Verwertung des Rezitativs kann auch die freie Imitation, kanonische Schreibweise innerhalb eines Triostils zur An- Wendung kommen, in dem charakteristische, synagogale Motive ia ihrer :Wirkung verstärkt, verdoppelt und verdreifacht, d, h, intensiviert werden. (Man denke etwa an das ״W’hakohanim- Rezitativ“ des Versöhnungstages.) Die Fuge kann auch insoweit Verwertung finden, als in ihr gewisse, immer wiederkehrende Motive eines Rezitativs geradezu als eine Abart eines wechselweise in alle Stimmen übertragenen ״Basso ostinato“ behandelt werden. An Stelle der üblichen Zwischenspiele kann eine freie Fortspinnung des Rezitativs treten, das sich durch die ganze Fuge wie ein roter Faden hindurchzieht. Der Orgelklang hat eine Verwandtschaft mit der menschliehen Stimme und doch zugleich etwas Ueberpersönliches; dadurch kann er das Beschwingte, Zwanglose des Rezitativs, das aus dem Instrument der menschlichen Stimme entstanden ist, besonders sinnvoll zum Ausdruck bringen und zugleich gibt er ihm einen überirdischen Glanz. Außerdem eignet sich ein echter Orgelstil so recht dazu, das freiere, ungezügelte, manchmal chaotische Element des Koloraturgesanges in eine Form organisch einzugliedern. Die Beweglichkeit wird dadurch nicht im geringsten eingeschränkt und der religiöse Charakter bleibt gewahrt. Hans Samuel, Essen./ Die Orgel ist ein dirisilidies Kircheninstrument Aus einem Werk eines nichtjüdischen Verr ■ ' ' fassers über jüdische Musik. ׳ ׳־. . '.'• Orgeln und Glocken verdanken, wenn auch nicht ihren Ursprung, so doch ihre Entwicklung zu jener vollendetet Gestalt, in der sie jetzt noch ihren wichtigen Dienst zu ver•« sehen haben *um als Mahner und Wecker verschiedene Stirnmungen und Feierklänge in der Seele anzulegen, — der Christliehen Kirche. Mit Recht bezeichnet man die Glocken als das Sprachorgan der Kirche. .... Diese (jüdischen) Reformatoren wissen gar nicht, welcher Gefahr sie ihre Gesänge aussetzen, wenn sie zu denselben die Orgel zulassen. Sie wissen nicht, welche umgestaitende Wirkung die Orgel auf den Rhythmus ihrer charakteristischen Gesänge, auf ihre eigenartigen Tonintervalle ausüben wird, wie die breiten, dynamische Aenderungen kaum kennenden Orgeltöne durch ihre ausgleichende Wirkung dieselben langsam, aber um so sicherer zu christlichen Chorälen umwandeln werden. Wenn ihnen dieses Ziel vor Augen schwebt, wenn sie die vollkommenste Assimilation auch auf diesem Gebiete der kirchliehen Musik beschleunigen wollen, mögen sic nur mit der Orgel experimentieren, nur komme dann das Erwachen nicht zu spät! .... Nach alledem werfen wir die Frage auf, welche Interessen es wohl sein mögen, die einen Teil der Galutb- Juden dazu veratilaßte, den langsamen aber sicheren Verlauf der Assimilation mit den umgebenden Völkern auch noch dadurch zu beschleunigen, daß sie die Orgel in ihre Tempel einführen, daß sif' ihren Gottesdienst auch dadurch dem Christliehen ähnlicher machten, — wo sie doch in gesteigertem Maße fühlen müßten, was jeder einzelne Christ empfindet, wenn er einen jüdischen Tempel betritt und dort dem Gottesdienste beiwohnt, — daß dort ein Volk Gott anbetet, welches gerade in seinen speziellen rituellen Traditionen bis zum heutigen Tage den engen Zusammenhang aufrecht erhielt mit dem brennenden Dombusche am Berge Horeb, — welches Volk in den Leiden der Diaspora sich zurücksehnt nach seiner alten Heimat und dieser Sehnsucht in eigenartig schönen, traurigen, auch noch in ihrer Abgenütztheit und Abänderung den ursprünglichen Rassencharakter nicht verleugnenden Gesängen Ausdruck verleiht?! Dr. Desider Lauko, Bratislava. Israel Brandmann: Drei palästinensische Hirtenwelsen (Jiwne- Verlag Wien-Leipzig). Zunächst ein wunderschönes Lied des Hirten Zeira in En- Charod. Das ist echter, ungebundener, melismatischerGesang des Orients, dem die tonale Begleitung nicht viel anhaben kann. — Einen ganz anderen Charakter erhält das zweite Stück, das ״Lied des Kameltreibers“, gesungen von dem Hirten Matetijau in Beth Alpha, durch Brandmanns interessanten Chorsatz. Auffallend ist die ״statische“ Rhythmik und Melodik. Es werden ausschließlich gleiche Notenwerte verwandt, die in unregelmäßigen Abständen durch Fermaten verlängert werden und — mit Ausnahme der Schlußtakte — nur Sekundfolgen. — Das dritte Stück ״Lamm und Böcklein“ hat den Charakter eines russischen Volksliedes und ist in jederHinsicht unproblematisch.— Chorsatz und Klavierbegleitung sind tonal, womit wir uns prinzipiell nicht im Einverständnis befinden. Das Ganze klingt ausgezeichnet; wir werden etwas an russischen Impressionismus erinnert. Es sind liebenswerte und dankbare Lieder, denen wir weiteste Verbreitung wünschen. Der deutsche Text verliert durch Emst Müllers Uebertragung kaum etwas von seinem ursprünglichen Charakter. Von Israel Brandmann wurden folgende Werke U. a. in Wien, Brünn, Preßburg, Palästina aufgeführt: ״Hechaluz“ (f. gr. Orchester), ״Variationen über einen palästinensischen Volkstanz“ (f. Streichquartett od. Streichorchester), ״Sonate für Violine und Klavier“, Lieder usw. usw. A. Z. ldelsohn: Jewish Liturgy and its Development (Henry Holt, New York). Als Ergänzungsband zu der im gleichen Verlag erschienenen Entwicklungsgeschichte der jüdischen Musik erschien unlängst — ebenfalls in englischer Sprache — Idelsohns Ent- Wicklungsgeschichte der jüdischen Liturgie. Aus dem Ergänzungsband ist aber ein ebenso selbständiges Werk entstanden, wie das Buch über Jüdische Musik. Es unterrichtet über alle Phasen und Formen des synagogalen Gottesdienstes, der häuslichen Minhagim, des Gebetbuches usw. Außerordentlich aufschlußreich sind die Im einzelnen durchgeführten Vergleiche zwischen aschkenasischem, sefardischem und jemenitischem Ritual. Ein besonderer Anhang belehrt über den Einfluß der jüdischen Liturgie auf Christentum, Karäertum usw. Auch der reformierten Liturgie ist ein spezielles Kapitel gewidmet. Das Werk behandelt im Detail: Siddur und Machsor, die Sprache der Gebete, die Struktur des Gottesdienstes, die Form der Berachoth, die Pijutim, Kinoth und Sichoth, den Einfluß der Kabbalah auf die Liturgie. Sehr handlich und ausführlich ist außer einem allgemeinen Index noch ein Extraverzeichnis der Gebete und Pijutim. Das Buch hat den Vorzug großer Sachlichkeit und Verständlichkeit: es wird dem Musik- und Theologiestudenten ebenso dienlich sein wie dem Laien. A. J.-L.

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