Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 84 (21.10.1932)
- Date
- 1932-10-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653348-2653432--23234-2681574- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
Seite 406 Nr. 84, 21. X. 1932 form zur Utopie macht, muß eine so stark händlerfsch-bürger• liehe Gruppe, wie das deutsche Judentum, dem Verlust ihrer Existenzgrundlagen entgegensehen. Sie tut dies aber nicht. Statt klar zu sehen und hieraus die — nicht bequemen, aber nun einmal unvermeidlichen — Konsequenzen zu ziehen, verschreiben wir uns dem ״jüdischen Optimismus“. Dieser ist aber nicht mehr (wie früher einmal) religiös fundiert und tief, sondern sentimental und platt. Aus der ״zusätzlichen Wirtschaft• liehen Leistung“, einer mit gemindertem sozialen Anspruch gepaarten Tatsache, die dem deutschen Juden vor 100 Jahren jede Umstellung ermöglichte, ist der — nicht so ganz gerechtfertigte — Stolz auf das ״jüdische Köpfchen“ geworden, das uns schon wieder herausreißen werde. In Wirklichkeit vertrauen wir aber nicht hierauf, sondern warten auf das Gelingen der verschiedenen ״Ankurbelungen“, von denen wir, was man anscheinend vergessen hat, im Laufe der letzten Jahre schon einige erlebt haben. Wir glauben aus jeder mehr oder minder sinnlosen Börsenbewegung, jeder mehr oder minder geschickten Propagandarede den kommenden guten Tag hervorleuchten zu sehen. Bis dahin klammern wir uns an die letzten Reste von wirtschaftlichen Möglichkeiten, die uns aus vergangenen Epochen gerade noch übrig geblieben sind. Hierbei wird übersehen, daß selbst ein volles Gelingen der Pläne, die gegenwärtig vom Staat in der Rieht u n g einer wirtschaftlichen Besserung der Situation in Deutschland verfolgt werden, für die deutschen Juden eine Besserung ihrer Lage nicht bringen kann. Die Besserung würde vielmehr an den Schichten, in denen die Juden in ihrer iiberwiegenden Mehrzahl sitzen, vorübergehen. Es ist richtig, daß auch die gegenwärtige Regierung den Begriff der ״Mitteistandspolitik“ programmatisch stark zu betonen pflegt. Aber auch dieser Begriff hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Er hat — was durchaus als Korrelat unserer außenwirtschaftlichen Lage und unseres innerwirtschaftlichen Interventionismus an- Zusehen ist — einen zünftlerischen, ״ständischen“ Charakter erhalten, der ihm früher in Deutschland nicht anhaftefe. Verstand man ehemals hierunter die möglichst freie Entfaltungdes Unternehmungsgeistes im durchschnittlichen Kaufmann und Gewerbetreibenden, die Stützung dieser breiten Gruppe durch eine entsprechende Steuer- und Zollpolitik, so versteht man heute hierunter in Deutschland etwas ganz anderes. Denn einmal ist eine Steuer- und Zollpolitik, die diese Gruppe sich frei entfalten ließe, aus allgemeinen Gründen und mit Rücksicht auf Viel stärkere andere Gruppen des ‘deutschen Wirtschaftsaufbaues nicht mehr möglich, und zum anderen will man sie auch gar nicht. Was man will und was man unter ״Mittelstandspolitik“ jetzt versteht, das ist die Entlastung des durch- SchnittlichenKauimannsundGewerbetreibenden vonden Folgen freier, ungeregelter Konkurrenz, da man ihn Steuer- und zollpolitisch nicht entlasten kann. Das läuft darauf hinaus, daß wir von der Gewerbefreiheit wieder zu Zwangsorganisationen kommen. Es ist hierbei ganz gleichgültig, ob sich diese Entwicklung im Rahmen einer grundsätzlichen Verwirklichung ״ständischer Prinzipien“ Vollzieht, wie sie vielfach gefordert wird, oder ob man sie — ebenso wie die Autarkie —- auf ״kaltem Wege“ verwirklicht. Der Effekt für das Gros des deutschen Judentums und seine wirtschaftliehe l.age und Zukunft bliebe der gleiche. Es ist fernerhin in der Sache belanglos, ob man nach außen hin diese Entwicklungen mit romantisch-reaktionären Ideologien umkleidet, oder ob man mit der Zeit von diesen abkommt. Sicher ist soviel: Wer auch immer in Deutschland in Gegenwart und absehbarer Zukunft ״Mittelstandspolitik“ machen wird, ob eine Regierung ״autoritärer“ Art oder eine solche, die sich wieder auf tatsächliche oder scheinbare demokratische Grundlagen stützt — diese Politik wird immer dahin streben, den geschwächten deutschen Mittelstand wenigstens teilweise durch eine Verringerung des Wettbewerbes zu konservieren, den er sich auf stark geschmälertem wirtschaftlichen Raum untereinander macht. Diese auf Druckabbau, also auf Wettbewerbsregelung gerichteten Tendenzen müssen mit Naturnotwendigkeit nach dem Punkte des schwächsten Widerstandes zielen, und an diesem Punkte stehen wir, das heißt, der jüdische Teil des kaufmännischen und gewerblichen Mittelstandes — unser Wirtschaftlieber und sozialer Kern! Man mag nun vielleicht sagen, daß dies alles zu sehr unter dem Gegenwarts-Aspekt gesehen sei. Die wirtschaftlichen Barrieren, die die Länder voneinander abgrenzen, würden wieder niedriger werden; die politischen Spannungen würden sich ausgleichen; die Gruppen also, die früher in einer auf weltwirtschaftliche Sicht gestellten deutschen Wirtschaft wichtig waren, mit ihnen die Juden, würden also auch wieder wichtiger werden, als dies gegenwärtig und in naher Zukunft der Fall ist. Das ist eine sehr vage Hoffnung und zwar aus zwei Gründen: Es mag sein, daß die Welt allmählich zu einer gewissen politischen Entspannung kommen wird (es sieht freilich im Moment nicht gerade danach aus!). Es mag auch sein, daß das Welthandelsvolumen vorübergehend wieder ansteigt. Es kann aber auf die Dauer einen Abbau der wirtschaftlichen Grenzbarrieren nicht geben; es sei denn, daß auch die politisehen Grenzen abgebaut würden. Da dies eine Utopie ist, an deren Verwirklichung ernsthaft zu glauben im Augenblick nicht gut angeht, müssen wir uns darauf einrichten, daß die wirtschädlichen Sperren teils in höherem, teils vorübergehend in niedrigerem Grade bestehen bleiben. In höherem Grade wahrscheinlich deshalb, weil die Gebiete, nach denen sich bisher die wirtschaftliche Expansion Europas und Amerikas gerichtet hat, sich selbst rapide industrialisieren. Man denke an Indien und an Japan, an Südafrika und Südamerika. Diese Länder haben das europäisch-amerikanische Rezept des ״einseitigen Freihande's“, des Freihandels auf der Ausfuhrseite, aber nicht auf der Einfuhrseite, außerordentlich schnell anzuwenden gelernt. Die Quittung erhalten wir mit jedem Tag. Es ist daher utopisch, durch eine ״Konjunkturwende“ auf Grund von staatlichen Ankurbelungsmaßnahmen einen Abbau der wirtscliaftüchen Grenzsperren und damit einen expansiven Ausgleich des Ueberdruckes Innerhalb der einzelnen Wirtschaftskörper zu erwarten. Das gilt für Deutschland in einem noch weit höherem Grade als für die Länder mit weniger durch die Krise verheerter Wirtschaft oder mit größeren Binnenmärkten. Deshalb wird aber auch der Druckabbau bei uns radikaler sein müssen als anderswo, wenn man eine Explosion verhüten will; aus den oben angedeuteten Gründen wird er zunächst zu einem ״Judenabbau“ werden. Für Deutschland und seine Wirtschaft wird das Problem damit freilich nicht gelöst. Aber cs sieht heute nach außen hin ganz gut aus, wenn man gerade mit dem Judenabbau beginnt, es legitimiert als national, ״erdgebunden“ usw. Das heißt also: Selbst wenn wir voraussetzen — was noch nicht bewies»* ist daß nach dem ״eatschei- JÜDISCHE RUN DSC ff A U denden Jahr* des Papen-PIanes die deutsche Wirtschaft weniger krankhafte Züge aufweisen sollte, als bisher, so ist damit noch nicht zu erwarten, daß es uns Juden innerhalb der deutschen Wirtschaft besser gehen wird. Wir standen einmal auf Pionierposten. Heute stehen wir mit unserem Zentrum auf verlorenem Posten, Verloren deshalb, weil wir von ihm aus keine wirtschaftlichen Funktionen mehr zu erfüllen vermögen, die uns in der kommenden Zeit der Umorganisation noch Lebensmöglichkeiten geben. Wir dürfen also nicht mehr folgern: ״Weil es uns schlecht geht, muß es besser werden“, sondern wir müssen den Mut haben, zu sagen: ״Es kann besser werden — aber solange nicht für uns, wie wir in unserer gegenwärtigen beruflichen und sozialen Schichtung beharren.“ Man sieht, welch eine eminente Bedeutuqg unter diesem Gesichtspunkt die Frage der Berufswahl für unsere junge Generation hat. Man sieht fernerhin, daß wir Juden in Deutschfand, obwohl es eine ״jüdische Wirtschaft“ hier nicht gibt, doch vor besonderen Problemen stehen, deren Lösung der Einzelne für sich nur in den seltensten Fällen vollbringen kann. Die jüdische Zusammenarbeit in dieser Beziehung ist aber bisher über ganz schwache Ansätze nicht hinausgekoinmen. Verharren wir weiter in einer solchen Indolenz, warten wir darauf, daß die ״Ankurbelung“ auch 11ns wieder bessere Zeiten bringen werde, ohne daß wir uns auf den Wandel dieser Zeiten einstellen, so sind die Folgen für das deutsche Judentum leider nur allzu leicht abzusehen. Was sollen wir also tun? Zunächst erkennen, dann uns entscheiden! Erkennen, daß unser Schicksal uns recht schnell aus den höheren und mittleren Stockwerken des deutsehen sozialen und wirtschaftlichen Aufbaus in die unteren und untersten hinunterdrückt; daß keine ,,Ankurbelung“ uns hiervor bewahren wird; daß der Druck stark genug dazu ist, um einen Teil der deutschen Juden überhaupt aus dem wirtschaftlichcn und sozialen Rahmen hinaus in den leeren Raum des Luftmenschentums zu stoßen. Wenn wir das erkannt haben, heißt es, sich entscheiden: Entweder für die bewußte Unterordnung unter die nun einmal von uns nicht zu ändernden Tatsachen der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Deutschland, oder für den Versuch, uns anderswo eine neue Basis zu schaffen. Der erste Weg ist unendlich schwer; die Chancen des zweiten Weges sind klein, aber Palästina spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Aus diesen Erwägungen heraus versteht man auch, warum ein Ereignis wie die Erteilung von 4500 Palästina- Zertifikaten und die allgemein als sehr günstig beurteilten Einwanderungsmöglichkeiten des nächsten Jahres für das jüdische Bewußtsein eine so tiefgehende Bedeutung haben. Wir können der Entscheidung nicht ausweichen, wenn wir überhaupt weiter leben wollen. Nene Arbeiter-Konflikte in Palästina Jerusalem, 17. Oktober. (J. T. A.) In Jerusalem, Tel- Awiw und Haifa kam es in den letzten Tagen zu heftigen Zusammenstößen zwischen in der Histadruth gewerkschäftlieh organisierten Arbeitern und Arbeitern der ״nationalen Gewerksehaft“ (Revisionisten), bei denen es eine Aniähf Vtrlefzte gab und auch mehrere Verhaftungen: von der Polizei vorgenommen wurden. Ursachen der Streitigkeit sind Differenzen in der Frage des Arbeitsnachweises und der Umstand, daß gewisse Arbeitgeber revisionistische Arbeiter bevorzugen und die Revisionisten die Streikparolen der Histadruth nicht respektieren. Der Magistrat von Tel-Awiw erreichte es, daß zwischen den Streitenden für die Dauer eines Monats eine Art ״Waffenstillstand“ geschlossen werde. Bis zum Ablauf dieser Frist hofft man, daß eine Einigung in den strittigen Fragen erzielt werden wird. Der Waffenstillstand ist auch unter dem Druck der Regierungsbehörden zustandegekommen. In Haifa, wo es ebenfalls zu Zusammenstößen zwischen Angehörigen der Histadruth und Revisionisten kam, ließ die Regierung eine Warnung plakatieren, in der schwerste Bestrafung für Störung der ötfentlichen Ruhe angekündigt wird. Am ernstesten waren die Zwischenfälle in Jerusalem, wo eben erst nach dem Beispiel von Tel-Awiw ein einmonatiger ״Waffenstillstand“ geschlossen worden war. Der schwerste Zusammensfoß ereignete sich in der Biskuit-Fabrik von Frumin, hier wurden sieben Personen, davon zwei schwer, verwundet. Die Schwerverletzten sind Revisionisten; sie wurden ins Hadassa-Hospifa! überführt. Ursache des Kampfes war, daß revisionistischc Arbeiter den von der Histadruth in dieser Fabrik proklamierten Streik niciit respektierten, sondern ihre Arbeit fortsetzten. Ein größeres Aufgebot von Polizei stellte die Ruhe wieder her und verhaftete 15 Personen, Bei den Kämpfen wurden auch zwei Polizisten leicht verletzt. Am 18. Oktober kam es in der Biskuit-Fabrik Frumin abermals zu Zusammenstößen. Weitere neun Arbeiter und zwei der intervenierenden Polizisten wurden verletzt. Zwölt Arbeiter wurden verhaftet. Während die linksorientierte hebräische Presse Palästinas gegen den fortdauernden Arbeiterkrieg scharf Stellung nimmt und den Revisionisten vorwirft, sie wollten die palästinensische Arbeiterbewegung zerbrechen, erklärt ״Doar Hajom“, jeder Jude in Palästina habe das Recht, zu arbeiten, w׳ann und wo er wolle. Palästinas Wirfschaftserlolge io Aegypten Bekanntlich hat die Palästina-Regierung kürzlich eine gemischte Kommission zur Förderung des Handels mit Aegypten eingesetzt, die sich auch nach Aegypten begeben hat, um Verhandlungen zu führen. Der ägyptische Korrespondent der Berliner Zeitschrift ״Industrie und Handel“ berichtet in einem Brief aus Kairo über das V ordringen palästinensischer Produkte auf dem ägyptischen Markt. Der Wert des jährlich aus Palästina nach Aegypten eingeführten Weines beläuft sich auf etwa 40 000 Pfund. Der große Export von Orangen und Bananen wurde durch die Prohibitivzölle zum Stehen gebracht. Doch werden andere landwirtschaftliche Produkte in steigendem Maße in Aegypten verkauft, seitdem im vorigen Jahre die Verkaufsgenossenschaft ״Tnuwah“ eine Filiale in Kairo gegründet hat, die vor allem folgende Waren in fanz Aegypten verkauft: Honig, Käse, Oliven, eingemachte riiehte, weine, Sirup, Biskuits usw. Außerdem werden Schokolade, Bonbons und andere Kanditen aus den Schokoladefabriken in Tel-Awiw verkauft. Noch interessanter sind die Erfolge der palästinensischen I ndus tr ie, die um so höher einzuschätzen sind, als hohe Zölle bestehen und die Arbeiterlöhne in Palästina höher sind als in Aegypten. Es handelt sich um Damenhandtaschen, Herrenwäsche, Rohseidenkleider und andere Textilwaren, ferner Knöpfe, Seife, Küchengeschirr usw. Die große Mehrzahl dieser Artikel stammt aus jüdischen Fabriken. Planwirtschaft, Budget und Defizit Von Leo Herrmann (Jerusalem) (Schluß.) Die nachfolgenden Abführungen einet genauen Kennen der getarnten Nachkriegsentwicklung der Keren Hajessod-Wirtschaft stellen die persönlicke Meinung det Verfüttert dar, der Wert darauf legt, zu betonen, daß et ach hierbei nicht etwa um irgend eine offizielle Stellungnahme des Keren Hajettod-Direktoriums, dessen Sekretär er ist, handelt. Der Anfang des Artikels war in Nr. 83 der ״J. R" veröffentlicht. Verführung in die Sackgasse. Und alle diese Folgen und Nachteile schob und schiebt man dem Keren Hajessod zu, betrachtet sic als Wirkungen seiner mangelnden Fähigkeit, die Geldopfer des jüdischen Volkes zu steigern, während sie in Wirklichkeit nichts anderes sind, als Folgen einer mißverstandliehen Anwendung des unbeschränkten Budgetrechts, das der Kongreß zu seinem Hauptrecht gemacht hat. Es soll an dieser Stelle nicht untersucht werden, warum und inwiefern auch der Kongreß selbst am meisten gelitten hat, daß die Aufgaben, für die er zunächst geschaffen worden war, verkümmerten, weil sie vernachlässigt und geringgeschätzt wurden gegenüber dem parlamentarischen Budgetrecht. So hörte der Kongreß auf, eine wirkliche Tribüne zu sein, die Aufmerksamkeit der Welt wandte sich von ihm ab, die Reden auf den Kongressen verloren sichtlieh an Schlagkraft. Ein Kongreß, der nur die Ausgabenseite eines Budgets beschließt und um sie kämpft, aber nicht auch die notwendige _ Aufmerksamkeit und Energie aufbringt, um sich mindestens in derselben Weise um die Einnahmenseite zu bekümmern, den aber vor allem die entscheidenden Probleme der zionistischen Bewegung kalt lassen, gräbt sich selbst das Grab. Vergebens appellierten die Direktoren des Keren Hajessod und die Präsidenten der Zionistischen Organisation Jahr für Jahr an den Kongreß, die Frage der Propaganda für den Keren Hajessod, der Sicherung des Palästina-Budgets, ernst zu nehmen. Kaum wurde begonnen, über die Arbeit des Keren Hajessod zu sprechen, so erlosch das Interesse und der Saal leerte sich. Es gab noch ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit für die Verhandjungen, solange über Unkosten und über Sondersammlungen gesprachen wurde. Ging es aber an die Behandlung der wirklichen Einnahmen, das heißt an die Bestimmung der Beträge, die die einzelnen Länder und Fraktionen liefern sollten, dann war plötzlieh niemand zuständig, die Fraktionsführer wurden unsichtbar, die Redner der zweiten und dritten Garnitur traten auf den Plan und blieben allein mit den Keren Hajessod-Direktoren und beschlossen, wohl oder übel, die Behandlung der Einzeltragen in den Keren Hajessod-Kommissionen oder Keren Hajessod- Konferenzen vorzunehmen. So geriet der Kongreß, verführt durch die Lockungen des Budgetrechts, in eine Sackgasse und es kam aus all den angeführten Gründen zu dem jetzt bestehenden Zustand, daß ein großer Teil des Budgets den Beschlüssen des Kongresses von vornherein entzogen ist, daß alle Beschlüsse über künftige Pläne ihre Beschränkung und Begrenzung darin haben, daß zunächst (solange und weil ein Moratorium nicht eingeführt werden kann) die Schulden der Vergangenheit bezahlt werden müssen. Schulden und Defizit. An dieser Stelle gilt es allerdings, diesem Begriffe der Schulden und Defizite etwas schärfer an den Leib zu rücken als das allgemein üblich ist. Die Beleuchtung dieses anrüchigen Begriffskomplexes ist um so wichtiger, als er zumeist inj Schatten unklarer Vorstellungen verborgen bleibt — eine Qüelle bestimmter und unbestimmter Vorwürfe gegen zionistische^.Palästina-Wirtschaft und Keren Hajessod —י ein Rascrvöir ״sacMieher“ Argumente 'gef »1• dk!Forderung■ #■* Keren Hajessod flpf persönliche Leistung. Ein Defizit gilt als die Verkörperung schlechter Wirtschaft. Ist das Geld erst einmal ausgegeben, so melden sich die Zweifel, ob damit auch wirklich etwas bleibendes geschaffen worden ist. Schulden bedeuten passive Wirtschaft, sind nicht Zeichen und Frucht noch Quelle produktiver Arbeit. Wer wäre geneigt, Geld für den Zweck der Schuldentilgung zu sammeln, für die Deckung alter Defizite Geldopfer zu bringen? Löcher zu stopfen ist weder Anlaß zur Freude noch wirksamer Aufruf. Und doch müssen Schulden bezahlt werden, wenn man seine kaufmännische Ehrlichkeit bewahren will, ja sie müssen sogar den Vorrang vor anderen Erfordernissen haben. Wer das nicht will, wird leicht zum Bankrotteur. Die Folge war für die Palästina-Arbeit der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, daß ihr Budget zwangsläufig immer mehr festgelegt wurde. Es ist aber ein Unrecht, von Schulden und Defiziten nur so zu sprechen, als ob man sich ihrer zu schämen hätte. Kann man nicht ein Wort der Erklärung und der Verteidigung sagen, das sogar dem Sammler und Spender einleuchtet? Wer sich nicht eingesponnen hat in die Verehrung des uneingeschränkten, freien Budgetrechts des Kongresses, der allerdings kann dieses Wort der Verteidigung finden. Freies Budgetrecht und planmäßige Wirtschaft. Ist es denn wirklich ein Ideal, daß jedes Jahr aufs neue beschlossen werden muß, was mit den Einnahmen des nächsten Jahres, den geschätzten und erhofften, zu geschehen habe? Kann man nicht sagen, daß das eigentlich heißt, von der Hand in den Mund zu leben? Hängt es nicht vielmehr gerade mit dem Begriff des planmäßigen Arbeiten« zusammen, daß man Ausgaben für mehrere Jahre beschließt und sich damit selbst, freiwillig die Freiheit des jährlichen Beschließens beschränkt? Wenn der Keren Hajessod nunmehr seit einer Reihe von Jahren eine Anzahl von Siedlungen finanzieren muß, so wird das, weil es die Möglichkeit der Gründung neuer Siedlungen zunächst beschränkt oder verhindert, natürlich als Hemmung und Hindernis empfunden. Das ist aber doch nur scheinbar so. Es bedeutet in Wirklichkeit, daß der Kongreß, wenn er größere Ausgaben votiert hat, als die Einnahmen eines Jahres rechtfertigen, eben Ausgaben für mehrere Jahre produktiver Arbeit beschlossen und angeordnet hat. Kann man überhaupt anders planmäßig kolonisieren? Es gibt keinen Plan, der nicht die Zukunft irgendwie vorwegnimmt und in die Rechnung einstellt. Planmäßiger Bodenkauf. Schon beim Bodenkauf beginnt die Kalkulation mit künftigen Einnahmen. Man kann doch unmöglich gerade nur so viel Land kaufen, als man im Augenblick bar bezahlen kann; man würde sich so die Erwerbung angrenzender Strecken unmöglich machen, die durch die Entwicklung des ersten Bodenkomplexes im Werte gesteigert werden. Um die Bodenspekulation der Anrainer zu verhindern, um die Erwerbung zusammenhängender Bodenstrecken möglich zu machen, auf denen erst rationell kolonisiert werden kann, um billig und ökonomisch zu kaufen, muß man große Flächen kaufen, mehr und manchmal weit mehr Boden kaufen, als man augenblicklich bezahlen kann. Der Keren Kajemeth hat recht, wenn er die Tatsache, daß er große Schulden hat, Schulden an die Vorbesitzer seiner Böden, als Folge, sogar als Beweis seiner umsichtigen Bodenpolitik bezeichnet. Auf denselben Grundsatz haben Bodengesellschaften wie Haifa Bay, Amzic und PLDC ihre Boden- und Finanzpolitik einzustellen versucht. Allerdings darf das nicht so ausgelegt werden, als ob Bodenerwerb und Kolonisation ganz ohne Berücksichtigung der Grenzen künftiger Einnahmemöglichkeiten vorgenommen werden dürften. Es muß einen Mittelweg geben, denn sonst wird der Kolonisator in die eisernen Fesseln seiner eigenen Verpflichtungen gespannt und der Sklave seiner!□laubiger.