Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 83 (18.10.1932)
- Date
- 1932-10-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 83. 18. X. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 403 Planwirtschaft, Budget und Defizit Von Leo Herrmann (Jerusalem) Die nachfolgenden Abführungen eines genauen Kennen der gesamten Nachkriegsentwicklung der Keren Hajessod- Wirtschaft stellen die pers6n~ liehe Meinung des Verfassers dar, der Werl darauf legt, tu betonen, daß es sich hierbei nicht etwa um irgend eine offizielle Stellungnahme des Kertn Itajessod- Direktoriums, dessen Sekretär er ist, handelt. Bedürfnis nach Planwirtschaft. Im Anfang des Keren Hajessod stand der Plan, gebaut auf die Vorstellung der großen Einnahme von 25 Millionen Pfund Sterling und ihrer systematisch auf fünf Jahre verteilten Verwendung. Dieser ״Fünfjahrplan“ war die Frucht der Erfahrung planloser Arbeit. Bis zur Entstehung des Keren Hajessod gab es kein ״Budget“. Was man einnahm, gab man aus; kam mehr Geld ein, so gab man mehr aus, aus der Gunst der Verhältnisse wurde die Möglichkeit gesteigerter Ausgaben geboren. Stieg die Begeisterung, so kam mehr Geld ein; und man fand ohne Mühe Ausgabemöglich־ keiten und Verwendungszwecke. An diesen konnte ja kein Mangel eintreten; die nationale Wirtschaft war in den Anfangen so mangelhaft ausgestattet, daß alle zurückgedrängten Bedürfnisse gleichzeitig ihre Befriedigung verlangten — Ökonomische, soziale und kulturelle. Mit einem Schlage wollte man doch ein ״Staat“ werden, und zwar ein gut ausgerüstetes, moderncs, fortschrittliches Gemeinwesen, nicht etwa, bei weitem nicht zu vergleichen mit den zurückgebliebenen Gebilden des Balkans oder anderen kleinen Nationalstaaten, sondern entwickelt im Verhältnis zur Kulturhöhe der jüdischen Gemeinschalt, nicht wie sie war, sondern wie sie sein sollte. Aber diese schnell aufschießende Wirtschaft konnte, das sah man bald ein, nicht ohne geregelten Plan gebaut werden. Deswegen entwarf man 1920 den großen Plan für den Keren Hajessod, der alles in sich begreifen sollte, was notwendig war, der auch für die volle Befriedigung jener Bedürfnisse sorgen sollte, für die es zwar bereits Organisationen und fnstrumente gab, die aber für den gewaltig erweiterten Maßstab nicht ausreichten, wie vor allem der Keren Kajemeth, die für den Bodenkauf verantwortliche Institution. Der Beginn der Budgetwirtschaft. Tatsächlich entstand so zum ersten Male ein zionistisches Palästina-Budget. Und zwar ein recht merkwürdiges Budget. Vor allem hatte es keine irgendwie sichergestellte Einnahmenseite. Für die Einnahmen sollte die moralische Steuerhoheit des Keren Hajessod (eine andere besaß er nicht) sorgen: selbst sie mußte sich nicht nur in der Praxis, sondern sogar schon in der Idee, erst gegen den stärksten Widerstand von nichtzionistischer und zionistischer Seite durchsetzen, weil ja der Keren Hajessod in den Augen der Gegner mit allen wirkliehen und vermeintlichen Sünden und Unzulänglichkeiten des Zionismus identifiziert wurde. Staaten, die einen Steuerapparat haben, der seit Jahrzehnten und Jahrhunderten arbeitet, die eine historisch gewordene Wirtschaft haben, wissen mehr oder weniger genau den voraussichtlichen Ertrag ihrer Steuern zu schätzen. Trotzdem machen sie Fehler, wenn es sich um die Einschätzung neu eingeführter Steuermethoden handelt. Man kann ebenso leicht unterschätzen wie überschätzen, selbst wenn man ein reiches Erfahrungsmaterial in bezug auf die Produktionsmöglichkeit, das besteuerbare Material, die Kosten der Ein- Ziehung, die Schärfe der Sanktionen gesammelt und geprüft hat. Dies alles fehlte aber doch völlig beim Keren Hajessod. Trotzdem hat sich gezeigt, daß die Schätzungen des Keren Hajessod von Jahr zu Jahr immer genauer waren und von den Tatsachen in immer Wachsendem Maße bestätigt wurden. Die Schätzungen der im nächsten Jahr zu erwartenden Einnahmen, wie sie das Keren Hajessod-Büro jeweils vor der Aufstellung des Budgetvorschlages der Exekutive zu geben pflegte, haben sich fast immer als zutreffend erwicsen, deswegen sind auch die ersten Budgetvorschläge, die die Exekutive zur Vorlage an den Kongreß und später an den Council der Agency auszuarbeiten pflegte, soweit sie sich an die Schätzungen des Keren Hajessod hielten, real und ausführbar geblieben. Aber diese Entwürfe der Exekutive sind ja bekanntlich nie zu Beschlüssen geworden. Die Kongresse naben sie immer wieder gänzlich umgeworfen oder doch weitgehend umgestaltet. In den Finanzkommissionen behielten immer die Vertreter der verschiedenen Richtungen die Oberhand, die zugleich Vertreter von Interessenkreisen waren und für die natürlich in erster Reihe, ja fast ausschließlich die Ausgabenseite ausschlaggebende Bedeutung hatte. So versuchten sie auf dem Papier der Resolutionen ״die Einnahmen den Ausgaben anzupassen“. Wünsche wurden zur Grundläge von Budgetaufstellungen, ohne daß aber der Intensität des Wunsches auch immer die Stärke der Opferbereitschaft völlig entsprach. Hätte man es umgekehrt gemacht und die Ausgaben den Einnahmen angepaßt, so hätte das natürlich bedeutet, daß man von Jahr zu Jahr auf die Durchführung gewisser Arbeiten und Unternehmungen hätte verzichten miissen, an deren Wichtigkeit — das soll, um Mißverständnisse zu vermeiden, hier betont werden — in keiner Weise gezweifelt werden konnte und kann. Sich nach der Decke zu strecken ist aber nötig, wenn auch nicht populär. Wer die Selb'tverleugnung aufbringt, es zu fordern, macht sich nicht beliebt, besonders nicht im Stadium allgemeiner nationaler Expansion. Sich in das Prokrustes-Bett der begrenzten Einnahmen zu fügen, ist aber dennoch Regel ernster Finanzpolitik und sparsamer Wirtschaft und war immer der leitende Grundsatz. des Parlamentarismus und der sich entwickelnden Demokratie, solange der Beschluß über Budget und Steuern, über Ausgaben und ihre Deckung den Vertretern jener Stände oblag, die die Steuern auch zu zahlen hatten. Insbesondere gilt im englischen Parlament das Kardinalgesetz, daß das Haus zwar Budgetposten streichen oder verkleinern kann, daß aber nur die Regierung das Recht hat, Anträge auf Budgetbewilligungen einzubringen. Im Palästinabudget herrschte zunächst ein anderes System. Man hielt es für besser, wirtschaftlich richtiger und sparsamer. als wichtig erkannte Ausgaben auch dann zu beschließen und vor/unehmen, wenn die Einnahmen nicht gesichert waren. Man hoffte, die Einnahmen werden steigen, wenn die Ausgaben, die man als wichtig erklärt und beschlossen hatte, erst einmal gemacht und entsprechende Arbeiten eingeleitet, Werke begonnen, Institutionen begründet waren. Dann würde das Volk erkennen, daß es zur Sicherung wichtiger Unternehmungen erhöhte Anstrengungen machen müsse. ״Größere Ausgaben würden größere Einnahmen schaffen.“ Aber wie dem immer war; Es gab ein Budget, zum ersten Mal ein Budget von Jahr zu Jahr. Es war kein balanciertes Budget, es war ein Defizitbudget, aber doch ein Budget, che Art ״Planwirtschaft“. Diese Tatsache allein war von größter Bedeutung. Man hat sie immer unterschätzt, niemals richtig gewertet. Man tat, als wäre sie selbstverständlich, als wäre die Zionistische Organisation mit einem solchen Budget geboren und aufgewachsen. Demgegenüber ist zu unterstreidien: Das Budget ist eine Errungenschaft, und nicht die unbedeutendste, der Nachkriegszeit. Das kleine ״Budget“, das die Zionistische Organisation vor dem Kriege durch den Kongreß für ihr Palästinaamt beschlossen hatte, hatte in Qualität und Quantität noch sehr wenig Aehnlichkeit mit dem Rudget des Keren Hajessod. Es war im wesentlichen ein administratives Budget. Und der Keren Kajemeth hatte eigentlich niemals ein parlamentarisch beschlossenes Budget, er arbeitete nach dem Grundsatz: Haben wir Geld, so kaufen wir Boden, haben wir kein Geld, so kaufen wir auch, aber auf Kredit, und tun das, solange wir Aussicht haben, unsere Verpflichtungen zu decken. Aber keine parlamentarische Körperschaft wurde efngeladen, einen Arbeitsplan zu beschließen und die Tätigkeit des Keren Kajemeth für eine künftige Periode nach Richtung und Umfang festzulegen, indem sie einen finanziellen Rahmen dafür fixiert hatte. Budget und Kongreß. So kann man mit Recht sagen, daß die Nacnkriegstätigkeit der Zionistischen Organisation ihren besonderen Charakter bekommt durch die Aufstellung des Budgets, das durch den Keren Hajessod möglich geworden ist. Mehr und mehr hat dadurch der Kongreß seinen Charakter verändert. Er wandte sich mit Feuereifer der neuen Aufgabe zu und war sichtlich zufrieden, sich durch die Ausübung des Budgetrechtes eine neue Kompetenz geben zu können. War er bisher eine Tribüne für eine — gewiß sehr edle, sehr wichtige, sehr folgenreiche — Demonstration, so wurde er jetzt ein Parlament. Selbst Budgetbeschlüsse waren doch vor dem Kriege nur Demonstration gewesen. Aber nach dem Krieg entstanden im Kongreß sehr reale Kämpfe um Ausgabenosten von einigen hundert Pfund, und oft genug hing das chicksal von Kongressen von der Bewilligung oder Nichtbewilligung bestimmter Budgetpositionen ab. Es ging jedesmal um große Summen nach der Meinung derer, die für die Einnahmen zu sorgen hatten. Aber für den Kongreß und die in ihm kämpfenden Parteien waren sie oft genug klein und armselig, denn unser Parlament hatte sich gar rasch daran gewöhnt, daß der Keren Hajessod Jahreseinnahmen von mehreren hunderttausend Pfund aufzeigte und ihm zu beliebiger Verfügung überließ. So konnten später die zionistischen Gegner der Jewish Agency gegen den Agency-Plan mit dem wirksamen Argument auftreten, dem Kongreß werde nichts übrig bleiben an Recht, Macht und Wirkung, wenn er sein Budgetrecht mit der Agency zu teilen haben werde. Es war dem Kongreß ganz entschwunden, daß ein sehr wichtiger Abschnitt seiner Geschichte, die Entwicklung seiner Bedeutung als parlamentarische Tribüne für das jüdische Volk, sich vor der Entstehung des Keren Hajessod und des durch ihn erst ermöglichten Budgets abgespielt hatte. Man dachte gar nicht daran zu erwägen, ob es nicht vielleicht sogar im Interesse der Sache und letzten Endes auch des Kongrosses seihst liegen könnte, ihn wieder zu befreien von der Reratung und Beschlußfassung über ein Budget, das aufgebaut ist und aufgebaut sein muß auf der Einschätzung von Einnahmen, die gar nicht notwendigerweise ausschließlich aus den Taschen von Schekelzahlern kamen und kommen. Es ist doch gar nicht möglich, in Abrede zu stellen, daß die parlamentarische, die allzu parlamentarische, oder, wie man will, scheinparlamentarische Behandlung des Budgets in einer Körperschaft, die zusammengesetzt ist aus Parteien und Fraktionen politischer Art, die ihrerseits für die Aufbringung des Budgets nicht direkt verantwortlich gemacht werden können, zu schweren Unzukömmlichkeiten geführt hat, in erster Reihe dazu, daß Budgetposten Kompensationsobjekte im parlamentarisehen Kampf wurden, daß die Festlegung der politischen Riehtiinien beeinflußt wurde von Zugeständnissen bei bestimmten Budgetposten, und daß die Bedeutung der Mittelpartei, der allgemeinen Zionisten, die in der Hauptsache die Steuerzahler waren, in der Zeit zwischen den Kongressen groß war, wenn es galt, beschlossene Budgets aufzubringen, aber mit dem Zusammentritt des Kongresses aufhörte, weil diese Partei der Steuerzahler dann zum Spielball zwischen den verschiedenen Fraktionen wurde und selbst zu wenig Elastizität (oder zuviel Verantwortungsgefühl) hatte, um sich in diesem parlamentarisehen Kampf durchzusetzen und zu behaupten. Mit der Zeit führte das dann dazu, den Bestand dieser Gruppe überhaupt zu gefährden und damit die Aufbringung des Budgets selbst noch ganz erheblich schwieriger zu machen, als sie ohnedies in jedem Falle •war. Der Kongreß erhöht die Einnahmen. Aber der größte Nachteil der parlamentarischen Festsetzung des Budgets wurde und blieb die Neigung einzelner Gruppen, sich Popularität im Kongreß und außerhalb des Kongresses durch ״Bewilligung“ von Ausgaben zu schaffen, die gewiß an und für sich notwendig waren, aber nicht bewilligt und gedeckt worden wären, wenn man sich auch nur annähernd nach der Einnahmenseite des Budgets gerichtet hätte. So entstanden Ueberschreitungen des durch die Lage gerechtfertigten Budgets, die nur dadurch scheinbar gedeckt wurden, daß man künstlich das Gleichgewicht herstellte, indem man beschloß, die Einnahmenseite entsprechend der Ausgabenseite zu vergrößern, die vom Keren Hajessod vorgelegte ״Schätzung“ zu erhöhen, als ob dieser Be- Schluß allein schon ausreichte, die Balanzierung zu bewirken. Natürlich war man nicht naiv genug, es dabei bewenden zu lassen. Man glaubte aber das Nötige getan zu haben, wenn man den Beschluß über das Budget gleichzeitig zu einer verpflichtenden Aufforderung an die Zionisten (und die nichtzionistische Welt) machte, genug Geld aufzubringen, um das erhöhte Budget zu decken. Der Beschluß über das Budget war gleichzeitig Mahnung und Appell. Man vertraute (oder man tat doch so, als vertraute man) auf die bindende Kraft eines solchen Beschlusses, gefaßt nach langen Kämpfen, in Tag- und Nachtsitzungen. Das jüdische Volk, das mit Spannung den Ausgang jedes Kongresses erwartete, das Zeuge war (wie viele Spezialkorrespondenten berichteten über die wechselnden Situationen eines Kongresses!), wie um einzelne Budgetposten gcrungen wurde, mußte dann doch auch an die Realität eines solchen Beschlusses glauben. Die Illusion, die durch die Hitze des parlamentarischen Kampfes verdeckt wurde, würde schon dtircn den Keren Hajessod zur Realität werden. Man vergaß nur eins: Solange alle diese Beschlüsse sich im Rahmen der Möglichkeiten hielten, die vom Keren Hajessod erprobt waren, waren sie real. Innerhalb bestimmter Grenzen gab es wirklich ein reales Budget. Nur wenn man diese Grenzen verletzte, die natürlich nicht ein für allemal feststanden, wurden aus Realitäten Fiktionen, um so gefährlichere Fiktionen, wenn aus allgemeinen Gründen die Einnahmen sich nicht vergrößerten, sondern Rückgänge erlitten. Zur Rechtfertigung und Begründung des Beschlusses aut Erhöhung der Ausgaben- und Einnahmenseite wies man, oft genug mit vollem Recht, auf außerordentliche Notstände, außerordentliche Bedürfnisse, außerordentliche Momente hin, die besondere und außerordentliche Anstrengungen erforderlich, möglieh und fruchtbar machten. Allerdings zeigte sich zumeist auch wieder, daß außerordentliche Möglichkeiten der Geldbeschaffung, die durch ungewöhnliche Impulse eröffnet und durch besondere Maßnahmen genützt werden konnten, nicht durch Kongreßbesefilüsse geschaffen, noch dpreh planmäßige Vorbereitung und Arbeit ausgewertet werden können, sondern, unabhängig von parlamentarischer Behandlung, aus wirklich exzeptionellen Umständen sich ergeben, wie es z. B. die Sammlungen für den Emergeney Fund im Herbst 1929 zeigten. Man kann natürlich sagen, daß trotzdem Beschlüsse der Kongresse, Budgets über die Schätzungen hinaus zu vergrößern, berechtigt und reai wären, wenn und insofern man sofort neue Wege zur Vergrößerung der Einnahmen, neue Methoden und neue Impulse für die Arbeit des Keren Hajessod auf gezeigt hätte. Aber Kongreßbeschlüsse an sich schufen diese neuen Methoden, zeigten diese neuen Wege leider nicht. Solche neue Methoden und neuen Wege sind nicht nach Bedarf aus dem Aermel zu schütteln, sind nicht nur ״technisches Detail“. Deshalb wurden Beschlüsse auf Budgeterhöhung oft genug zu Quellen verwickelter Finanzlage: es kam so zu IJeberschreitungen, notwendigen Ueberschreitungen, Defiziten und wachsenden Schulden. Verpfandung künftiger Einnahmen. Die Folge war, daß man künftige Einnahmen verpfändete. Indem man für die Zahlung der Schulden sorgte, mußten künftige Budgets belastet werden, so daß ein immer kleiner «׳erdender Teil der Einnahmen den Beschlüssen zukünftiger Kongresse unterstand. Während sich die schwebende Schuld vergrößerte, bekam allerdings (las Rudget des Kongresses, das Ausgabenbudget des Keren Hajessod, immer mehr den Charakter eines Staatsbudgets, in dem ja auch ein gewisser Teil der Ausgaben von vornherein zwangsläufig feststeht. Aber das war eine unerwünschte, eine fatale Aehnlichkeit. Der Kongreß ertrug die Bindungen, die durch frühere Kongresse und die von ihnen befolgte Finanz- Wirtschaft geschaffen waren, mit immer größerem Unwillen. Wo blieb die Entschlußfreiheit des Kongresses, wenn er über einen immer kleiner werdenden freien Teil des Jahresbedarfs zu beschließen hatte, wenn über immer größere Beträge schon von früher und von vornherein verfugt war, ehe er an die Aus- Übung seines Rudgetrechtes gehen konnte? Wurde nicht der Kongreß, dessen Hauptrecht eben dieses Budgetrecht sein sollte, auf diese Weise selbst immer mehr zu einer Fiktion? Der natürliche Unwille derer, deren Budgetforderungen zu kurz kamen, entlud sich gegen die von früheren Kongressen her begünstigten Interessengruppen und Parteien. So rannte der Mittelstand gegen die Arbeiter an mit dem Argument, der größte Teil des neuen Budgets sei von früheren Jahren her schon ausschließlich für Arbeitersiedlungen festgelegt; die Sephardirn beschwerten sich immer heftiger darüber, daß die Aschkenasim ihnen nichts vom Budget übriggelassen _ hätten; die Interessenten von Handel und Industrie beklagten sich, daß die Landwirtschaft allzu sehr zum Nachteil, ja zum völligen Ausschluß von Handel und Industrie im Rudget bedacht wurde; die Vertreter der Forderung, daß das Budget zuerst für Ökonomische und ■produktive Aufgaben sorgen müsse, fühlten sich dadurch geschädigt, daß die kulturellen Tätigkeitsgebiete, vor allem das Schulwesen, den Löwenteil des Budgets verschlängen, während sich die Vorkämpfer kultureller Interessen wiederum darüber beschwerten, daß das Schulwesen nichts vom Budget habe, daß die Leistungen für kulturelle Arbeiten dauernd verkleinert statt vergrößert würden: Alles notwendige Folgen der Entwicklung, Kehrseiten des Budgetrechts, des freien durch nichts beschränkten Beschlußrechts des Kongresses. Denn unser Kongreß kennt nicht jenes Kardinalgesetz des englischen Parlaments. (Schluß folgt.) Ort* gruppen Zionistischer Gruppenverbandstag Nordwestdeutschland. Sonntag, den 30. Oktober, findet in Kiel, im Gemeindesaal der Synagogengemeinde, ein Gruppenverbandstag mit folgender Tagesordnung statt: Beginn: 10 Uhr vorm. Referat: Dr. Martin Rosenblüth (Berlin): ״Unsere zionistische Aufgabe nach dem Delegiertentag“. Diskussion. Mittagspause. — Nachmittagssitzung: 14,30 Uhr. Rechenschaftsberichte des Gruppenverbandes und der Ortsgruppen. Beratung über die kommende Winterarbeit. Sonderbesprechungen über Jugend- und KKL- Arbeit. — 20.30 Uhr: OeffentlicheKundgebung. Refereuten: Dr. Martin Rosenblüth und Dr. Edgar Marx - Anmeldungen werden bis zum 25. Oktober an das Büro der Hamburger Zionistischen Vereinigung e. V., Hamburg 13, Born- Straße 28, erbeten. Gemeinsame Fahrt im Autobus ab Hamburg 7 Uhr, Dam mtor-Bahnhof; Kosten ca. 2—3 Mark. In Kiel findet ein gemeinsames Mittagessen statt, zu dem auch vorherige Anmeldung erfolgen muß. Essen. Am 26. September fand die G e n e r a 1 v e r s a m m - lung der Essener Ortsgruppe statt. Eingeleitet wurde sie mit einem Bericht des Delegierten Dr. Erwin Mansbach über den Dclegiertentag. Sodann folgte ein sehr umfangreicher Tätigkeitsbericht, weil diese Generalversammlung die erste seit mehr als drei Jahren war. In diesem Zeitraum wurde der Versuch gemacht, die Ortsgruppe zu einem arbeitsfähigen Gebilde umzubauen. Zu diesem Zweck wurden der Reihe nach mehrere Kreise intensiviert. Zunächst bildete sich ein kleiner Freundeskreis, der die Hauptarbeit übernahm, sodann wurde ein Jungzionistischer Kreis, die Wizo und eine zionistische Makkabi-uruppe in dem neutralen Hakoah geschaffen. Zuletzt bildeten wir eine Intensiv-üruppe, den Gdud Awodah, dessen Aufbau und Arbeits-Grundsätze in dem Berieht der Arbeitskommission des Delegiertentages ausführlich dargestellt sind. Nach diesen Vorarbeiten wurde dann die Aktivierung der eigentlichen Ortsgruppen-Mitglieder in Angriff genommen. Alle Veranstaltungen der vergangenen drei Jahre waren diesem Reorganisations-Plan eingeordnet. Der Tätigkcitsbericht fand bei allen Anwesenden großen und ungeteilten Beifall und es entstand eine Atmosphäre der Arbeitsfreude und Opferwilligkeit, die auch unserer Rosch Haschanah-Aktion sehr zugute kam. Das augenblickliche Ergebnis ist fast doppelt so hoch wie das der Aktion vom letzten Jahr. Der bisherige kommissarische Vorsitzende Dr. Erwin Mansbach wurde durch Akklamation zum 1. Vorsitzenden gewählt, der bisherige Vorsitzende, Herr Auerbach, zum Ehrenvorsitzenden. Dr. Mansbach wurde es überlassen, den übrigen Vorstand nach eigenem Ermessen zusammenzustellen. Mainz. Eine Gruppe Mainzer Zionisten hat beschlossen, die Ortsgruppe neu aufzubauen und berief deshalb für den 5. Oktober eine Generalversammlung ein. Auf das einleitende Referat von Herrn R.-A. Haas über ״Gegenwartsaufgaben einer Zionistischen Ortsgruppe“ folgten die Neuwahlen. Den engeren Vorstand bilden außer dem Ehrenvorsitzenden Herrn Lazarus Friedmann die Herren Schottländer (1. Vors.), R.-A. Haas (2. Vors.), Nieteckmann (Schekelkommissar) und Hirschmann (Schriftführer), den erweiterten Vorstand: Frl. Friedmann, die Herren Gutfreund, Direktor Hofmann, Frl. Katzengold. Lazarus, Dr. Seide, Dr. Simon, Stub. Es wurde beschlossen, außer dem wöchentlichen Schulungskursus des Jung-Zionistischen Kreises jeden Monat eine Zusammenkunft im größeren Kreise und eine interne Aussprache stattfinden zu lassen. Verschiedene Anregungen für die Winterarbeit wurden gegeben, und es ist zu hoffen, daß nun für die Mainzer Z. O. G. eine Zeit eifriger Tätigkeit einsetzt. _ ' H.L. Breslau. (Hebräische Sprachschule ״Kirjath- S e p h e r“.) Wintersemester 1932/33. Der Unterricht beann Dienstag, den 11. Oktober, im Jüdisch-Theologischen eminar, Wallstr. 14, parterre, Zimmer 4. Unterrichtszeit: frühmorgens, nachmittags und abends. Für Fortgeschrittene bestehen spezielle Stunden für T’nach, Agada. Mischna (Anfänger), Grammatik, mittelalterliche und neuere Literatur, für Lektüre und Besprechung wichtiger Artikel aus den hebräischen Zeit- Schriften und neu erscheinender literarischer Werke. Bei genügender Beteiligung werden zwei neue Anfängerkurse — für Kinder und Erwachsene — nach Berlitz-Svstem eingerichtet. Für diejenigen, die in allernächster Zeit nach Palästina fahren wollen, wird ein besonderer Kursus organisiert, in dem die Hauptaufmerksamkeit auf die Erlernung der cp־ache für das alltägliche Leben gerichtet wird. Anmeldungen für alle Kurse nimmt der Leiter der Schule, Herr J. Reznicov, Montag bis Donnerstag, 19—20 Uhr, Wallstr. 14, parterre, Zimmer 4, entgegen. Schriftliche Anmeldungen oder Anfragen sind an seine Adresse, Breslau 6, Sprottauer Str. 1/1, zu richten.