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Jüdische Rundschau · 1932-10-18 · Heft 83 (18.10.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 83 (18.10.1932)
Date
1932-10-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 83. 18. X. 1932 * ' l Seite 492 pfl.1״tungen sowohl seitens der Unterzeichner der Minderheitenverträge als auch seitens Deutschlands als taktische Gegenangriff- oder Abwehrwaffe benützt. Beide Seiten kennen sehr wohl die praktischen Schwierigkeiten der Durchführung einer Verallgemeinerung, die insbesondere in der unnachgiebigen Weigerung seitens Frankreichs und Italiens bestehen. Die einen — die Unterzeichner der Minderheitenvertrage — wollen durch die Entgegenstellung dieser Forderung die Kontrollgewalt des Völkerbundes über die Durchführung der einseitigen Verträge möglichst einschränken, die anderen — Deutschland — geben ihre Zustimmung zur Verailgemeinerung der Minderheitenschutzverpflichtungen in der stillen Ueberzeugung, daß sie wegen des Widerstandes der anderen Mächte niemals verwirklicht werden kann. Nun ist es aber T atsache, daß eine Bereinigung des ganzen Problem es des internationalen Minderheitenschutzes am besten und gerechtesten auf dem Wege einer V e r a 11 - gemeinerung der betreffenden Verpflichtungen durchgeführt werden könnte. Nur dann wäre es möglich, dieses für den Frieden Europas so wichtige Problem aus seiner jetzigen, durch politische Rivalitäten und Leidenschaften vergifteten Atmosphäre herauszuziehen und einer überparteiischen und rein humanitären Regelung näher zu bringen. Diese Ueberzeugung teilen heute schon viele wichtige, internationale Friedensorganisationen, wie der Weltverband der Völkerbundfreunde, die Interparlamentarische Union, die International Law Association n. a. Viele kleinere Staaten aus der Gruppe der sogenannten ״Neutralen“, die der Frage des Minderheiten- Schutzes ein um so wertvolleres als völlig unparteiisches Interesse widmen, beginnen sich darüber klar zu werden, daß das Prinzip der Rechtsgleichheit nicht nur in der Rüstungsfrage, sondern auch auf dem Gebiete des Minderheitenschutzes die größte Bedeutung für den Frieden der Weit hat. Die letzte Debatte in der sechsten Kommission hat zwar gar keine unmittelbare« praktischen Folgert gezeitigt, aber sie hat zweifellos zur theoretischen Klärung des Minderheiten- Schutzproblems in der öffentlichen Meinung der Welt beigetragen. Die Forderung der Verallgemeinerung der Minderheitenschutzvcrträge erklingt immer lauter. Ihre praktische Verwirklichung liegt sowohl im Interesse der Minderheiten als auch aller an ihrem Schutze aufrichtig interessierten Staaten. Kommunistischer Umsturz-Plan in Palästina? Aus Jerusalem, 14. Oktober, wird telegraphiert: Die Polizei hob hier die Zentrale der illegalen Kommunis tischen Partei aus, die auch in den Nachbarländern eine Organisation unterhielt. Hunderte von Dokumenten wurden dabei entdeckt, darunter ein genaues Programm zum Umst״rz des bestehenden Regimes. Es war die Errichtung eines arabischen Nationalstaates geplant, für den bereits eine ins einzelne gehende Verfassung sowie ein Wahlgesetz, Steuergesetze und Maßnahmen zur Landaufteilung unter die Fellachen vorgesehen waren. Die Staatsschulden sollten nicht mehr anerkannt werden, die Oelleitungskonzession Mossul- Haifa sollte aufgehoben werden. Für die Bagdadbahn war die Entziehung der Betriebserlaubnis vorgesehen. — Ein Araber namens Kamel Odeh und ein jüdisches Mädchen namens Rachel Fuchs, die in dem Hause dabei getroffen wurden, wie sie kommunistische Literatur vervielfältigten, wurden von der Polizei verhaftet. Die Polizei fand in dem Hause auch eine Liste der für die kommunistische Partei tätigen Personen in Palästina nebst einer Geheimkorrespondenz zwischen kommonistischer Partei in Palästina und kommunistischen Organisationen und kommunistischen Emissären im Ausland, darunter auch einen Briefwechsel mit der kommunistischen Partei in Deutschland. Kamel Odeh, der Palästinenser ist, wurde zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt, Rachel Fuchs zu 3 Monaten Gefängnis mit nachfolgender Landesverweisung. Die religiösen Belange in Palästina. Wie der ״Israelit“ aus Palästina berichtet, ließ der High Commissioner die Agudah- Zentrale wissen, daß er eine erneute Untersuchung darüber angeordnet habe, ob es technisch möglich sei, die Betonmischung für den Bau des neuen Wasserwerks in Romema (s. die Berichte über die diesbezüglichen Konflikte in Nr. 81/82 der ״J. R.“) regelmäßig über Sabbat zu unterbrechen, damit den jüdischen Arbeitern Sabbafruhe gewährt werden könne. Außerdem verständigte der High Commissioner die Agudas Jisroel, daß es zu seiner Freude gelungen sei, zu erreichen, daß die bei den Betonarbeiten beschäftigten jüdischen Arbeiter zunächst einmal am Neujahrsfeste und am Versöhnungstage von der Arbeit befreit werden. In der Frage der Einwanderung von orthodoxen Chaluzim, so berichtet der ״Israelit“ weiter, ist eine Verfügung des High Commissioner ergangen, aus der hervorgeht, daß die Regierung ernstlich bemüht sein wird, den berechtigten Ansprüchen der Orthodoxie auf gleichberechtigte Einwanderung nach Palästina durch Verhandlangen mit der Agency Rechnung zu tragen. Vom z i o - nistischen Standpunkt ist hierzu zu sagen, daß die Exekutive der Jewish Ageny niemals der Einwanderung orthodoxer Chaluzim Schwierigkeiten gemacht hat und schon früher wiederholt ihre Bereitwilligkeit erklärt hat, Bewerber um Zertifikate, die von der Agudas Jisroe! empfohlen werden, in gleicher Weise zu berücksichtigen wie andere, natürlich sofern sie den sachlichen Erfordernissen entsprechen, die in Regulationen festgelegt sind und auf alle Bewerber in Anwendung gebracht werden müssen, Dr. Ernst Marcus (Berlin) hielt, wie uns aus Riga berichtet wird, die Eröffnungsvorlesung bei der Einweihungsfeier der von der Zionistischen Organisation Lettlands begründeten Volks- Universität iri Riga. Während der Anwesenheit von Dr. Marcus in Riga fanden zahlreiche Veranstaltungen der Histadruth Hazionith, der Wizo, des K. J.V. und der Jugendorganisationen statt: die Veranstaltungen waren zahlreich besucht und dienten der Neubelebung der durch die Landespolitik beeinträchtigten zionistischen Arbeit. Am 6. Oktober fand im großen Saal des Jüdischen Klubs vor einem auserlesenen Publikum unter dem Vorsitz von Ing. Ettingen und in Anwesenheit des lettischen Bildungs- und Justizministers Kehninsch die Einweihung der Volksuniversität statt. Minister Kehninsch hielt eine außerordentlich warme Ansprache, in der er die kulturellen Leistungen der Juden feierte. Dr. Marcus sprach sodann über den historisehen Rechtsanspruch des jüdischen Volkes auf Palästina und das internationale Recht. Die Veranstaltung, die großen Eindruck machte, fand in der gesamten Oeffentlichkeit Lettlands grolle Beachtung. Der Volksbildungsminister lud Dr. Marcus ein, in Lettland weitere Vorlesungen zu halten. Am 8. Oktober wurde Dr. Marcus, der von Rechtsanwalt Pron begleitet wurde, vom Generalsekretär des Außenministeriums, Prof! Albat, empfangen. Alle Fragen der Beziehungen Lettlands zu Palästina wurden besprochen, ebenso die Bildung eines lettländischen Komitees Pro Palästina. Der Generalsekretär forderte Dr. Marcus auf. an der lettischen Universität als Gast zu lesen, und überreichte ihm eine Sammlung der lettischen Staatsverträge. Die lettische, deutsche, russische und jüdische Presse besprach die Veranstaltung und die völkerrechtlichen Arbeiten von Dr. Marcus ausführlich und brachte zahlreiche Interviews mit ihm, Notizen Im Bericht unseres Genfer Korrespondenten über die Minoritätenfrage (an anderer Stelle unseres Blattes) wird darauf hingewiesen, daß die Frage des Antisemitismus in Deutschland im Ausland und insbesondere in Völkerbundskreisen ohne Zutun der Juden, ja gegen den Willen der Mehrheit der deutschen Juden eine Rolle zu spielen beginnt. Eine Illustration dazu, wie der deutsche Antisemitismus ohne Zutun der Juden die Aufmerksamkeit aut sich zu ziehen weiß, ist das Verhalten jenes deutschen Akademikers, Dr. Betz, der in dem Gattenmords-Prozeß in Ascona aussagen sollte, da er der einzige Zeuge bei der Mordtat C e c c h i n i s an seiner Gattin Eva, geb. Koppel war. Herr Betz teilte dem Gerichte mit, er ״denke nicht daran, sich für die vielfache Millionärsfamihe Koppel, d a es Juden seien, weitere Mühe und Ausgaben zu machen. Das Gericht soll sehen, wie cs ohne ihn fertig werde“, im übrigen aber war Dr. Betz doch so gnädig, sein Erscheinen in Aussicht zu stellen, wenn man ihm die Reisekosten und 500 Frs. für die verlorene Zeit ersetzen werde. Das Gericht verzichtete auf einen Zeugen von derartiger Gesinnung. Der Briet des Dr. Betz hat natürlich gerade in der Schweiz und in der Zeit der Völkerbundstagung Aufsehen erregt und die Runde durch die gesamte Weltpresse gemacht. Wenn auch ein seltener Fall von Rohheit vorliegt, so läßt sich doch nicht verhindern, daß die Welt hier ein Bild von der Gesinnung eines heutigen Durchschnittsdeutschen akademischer Bildung vor sich zu haben meint. Es wird manchmal in Deutschland den Juden vorgeworfen, daß sie durch Berichte über den deutschen Antisemitismus dem Ausland gegen Deutschland moralische Waffen liefern. Die Antisemiten sorgen aber, wie der Fall Betz beweist, schon selbst dafür, daß die Außenwelt erfahre, wie cs damit steht. * Lincoln-Trebitsch, chema’iger Rabbinats-Kandidat, Methodistenprediger, Mitglied des englischen Unterhauses, angeblicli deutscher Spion während des Krieges in Amerika, nachmaliger Pressechef der putschistischen Kapp-Regierung, ist nunmehr buddhistischer Kleriker und hält in Berlin Vorträge. Trebitsch repräsentiert einen Abenteurertypus, wie er wohl in dieser Gestalt und Wandlungsfähigkeit ein zweites Mat in der jetzigen Welt nicht vorkommt. Zweifellos ist der Charakter Lincoln- Trebitsch in erster Linie auf eine individuelle Veranlagung zurückzuführen. Das wird auch in der Oeffentlichkeit empfunden, und wir haben bis jetzt kaum festzustellen vermocht, daß man, wie es schon üblich ist, Lincoln-Trebitsch auf das jüdische Konto setzt. Es ist immerhin ein Kuriosum, was für Gestalten aus jüdischem Ursprung hervorgehen. Im Grunde genommen müssen die Juden eigentlich froh sein, daß der entwurzelte und entlaufene Rabbinatskandidat, der entfesselte Jeschiwa-Bocher Lincoln-Trebitsch Methodistenprediger, Pressereferent der Kapp- Regierung und Buddhisten-Mönch geworden ist. Es hätte aus ihm auch eine Neuauflage eines Pfefferkorn werden können, wobei man nicht sagen darf, daß die Zeiten für Pfefferkörne nicht mehr so günstig sind wie im Mittelalter. Im Gegenteil! Ein richtiger Pfefferkorn könnte es auch heute in weiten Kreisen zu Ansehen und Lohn bringen und zu einer Geißel für die Juden werden. * Mit einer gewissen Genugtuung vermerken liberale und demokratische Zeitungen, daß der ehemalige Rassenschützler und Pogromanstifter, nunmehriger ungarischer Ministerpräsident Gömbös seine früheren antisemitischen Ansichten in Erklärungen revoziert und beteuert, daß er von nun an alle Juden, die sich treu zum ungarischen National- und Staatsgedanken bekennen, als gleichberechtigte Bürger betrachten und behandeln wolle. Die verschiedenen, über üömbös’s Wandlung erfreuten Zeitungen übersehen den Pferdefuß in den Erklärungen des neuen ungarischen Premiers. Jedes Versprechen, Gleichberechtigung zu gewähren, das sich auf die ,Forderung einer bestimmten Gesinnung stützt, ist wenig wert, um nicht zu sagen, ganz wertlos. Was ist das genügende Maß national-ungarischer Gesinnung? Bei Mißwollen wird auch die feurigste Beteuerung lind Zurschaustellung chauvinistischen Fuhlens durch die ungarischen Juden bei den echten Magyaren doch nur Mißtrauen und Geringschätzung finden. Außerdem erzeugt eine derartige Forderung, wie sic Gömbös erhebt, naturnotwendig gerade bei den weniger wertvollen jüdischen Elementen einen Hang zur Heuchelei, und überdies ist die ganze Einstellung des ungarisehen Premierministers, der sozusagen Verzicht auf das eigene Wesen verlangt und die Gleichberechtigung nicht von der objektiven Tatsache, daß man ein Mensch ist, abhängig macht, im tiefsten Grunde unmoralisch. Wir vermögen in der angeblichen Gesinnungsvvandlung des neuen ungarischen Regierungschefs keine günstige Konstellation für die ungarischen Juden zu erblicken. Im Gegenteil, der unangenehme Typus des ״jüdischen Magyaronen“ kann durch die Forderung des üömbös-Regimes die vorherrschende Erscheinungsform der ungarischen Juden werden. Die Ausgrabungen In Sieben! Der Jerusalemer Korrespondent der ״Frankfurter Zeitung“ meldet: Professor Ernst Sellin von der Berliner Universität hielt in Jerusalem einen Vortrag über die Ausgrabungen in Sichern, der aus der Zeit der Niederlassung Israels in Palästina bekannten kanaanitischen Stadt, die später die Hauptstadt des nördlichen Reiches Israel wurde. Prof. Sellin hat bis zum Mai 1928 die Ausgrabungen in Sichern selbst geleitet; diese werden seither von dem deutschen Archäologen Dr. Weiter weitergeführt. Die Ausgrabungen bewiesen, daß Sichern vier Umwallungen hatte, von denen eine große geböschte Zyklopenmauer und eine niedrigere gerade in die Höhe aufsteigende Doppelmauer schon bekannt waren. Weiter hat eine dritte, pyramidenförmig in die Höhe gehende Mauer und eine vierte Mauer entdeckt, die nach Funden der mittleren Bronzezeit angehört. Prof. Sellin hält diese Mauer für die älteste, sie gehört der Zeit von 2000 v. Chr. an und ist wahrscheinlich bei dem Siegeszug der Hyksos um 1800 v. Chr. zerstört worden; die Hyksos haben dann die pyramidenförmige Mauer gebaut. Die äußere Zyklopenmauer, die nicht vollendet wurde, ist zur späteren Bronzezeit um 1400 v. Chr. erbaut worden, die jüngste ist die Doppelmauer. Sellin vermutet auf Grund eines Hinweises in den Tel-el-Amarna-Briefen und aut Grund der Bibelerzählung vom Kampf der Stämme Simeon und Levi fegen Sichern, dab ihr Ueberfall damals die Vollendung der yklopenmauer gehindert habe. Nach dieser zweiten Zer- Störung Sichems wurde unter Leitung des Adeisgeschlechtes der Bnei Chamor die Doppelmauer gebaut, bis schließlich um das Jahr 1100 v. Chr. das im neunten Kapitel des Richterbuch es erzählte Ende des kanaanitischen Sichern kam, als es Abimelech zerstörte. Prof. Sellin weist darauf hin, daß der so anschauliche Bericht des Richterbuches durch die Ausgrabungen voll bestätigt werde. In dem biblischen Bericht wird erzählt, daß Abimelech die Bewohner Sichems, die aus der Stadt herausgekommen waren, in mehreren Treffen geschlagen habe. Dann heißt es weiter in Vers 45: ״Da stritt Abimelech wider die Stadt denselben ganzen Tag, und gewann sie, und erwürgte das Volk, das darinnen war, und zerbrach die Stadt, und säete Salz darauf. Da das hörten alle Männer des Turms zu Sichern, gingen sie in die Festung des Hauses des Gottes Berith.“ Umschwung 11 Palistlia Die ״Frankfurter Zeitung“ veröffentlichte am 15. Oktober einen Aufsatz ihres Jerusalemer Korrespondenten über ״Stimmungsumschwung in P a I ä s t i n a“, worin festgestellt wird, daß sich im letzten Jahre eine vollständige Neuorientierung in Palästina vollzogen hat. Die britische Regierung, die vor einem Jahre die arabischen Hauptforderungen befriedigen zu wollen schien, hat nunmehr nach Ernennung des neuen High Commissioner« ihre Politik auf eine entschiedene Förderung der zionistischen Bewegung abgestellt. Der Artikel beschreibt dann die durch das Einströmen jüdischen Kapitals geschaffene wirtschaftliche Konjunktur und schildert in seinem zweiten Teil die Schwierigkeiten der mit dem Problem der Europäisierung kämpfenden Araber. Zionistische Arbeit in Südafrika. Wie uns aus Sudafrika geschrieben wird, fand dort Anfang September eine Konferenz, statt, die dem Problem einer Stärkung der Z10nistischen Organisation und insbesondere einer verstärkten Jugendarbeit gewidmet war. Die Zionisten Südafrikas betrachteten es, wie bemerkt wird, als ihre Aufgabe, sofort auf die Resolutionen des A.-C. über die Notwendigkeit einer Ver- Stärkung der Organisation zu reagieren. Die Führung übernahm Dr. Alexander Goldstein. In seiner großen Ansprache wies Dr. Goldstein darauf hin, daß wir heute vor dem Problem einer neuen Generation stehen, die mit der zionistischen Geschichte nicht persönlich verbunden ist. Diese Menschen müssen mit dem vollen Gehalt der zionistischen Idee vertraut gemacht werden. Es wurde daher angeregt, einen J u g e n d v c r b a n d zu gründen, dessen Mitglieder in einer speziellen ״Zionistischen Akademie“ ausgebildet werden sollen. Ferner soll für Verbreitung der Kenntnisse des Hebräischen und der jüdischen Geschichte Sorge getragen werden. In der Konferenz, des Z10- .nistischen Verbandes wurde eine neue Kommission für Organisation und Propaganda eingesetzt. Auf einer gleichzeitigen Jugendkonferenz wurden die Vorschläge Dr. Goldsteins im I rinzip angenommen und für die nächste Zeit ein intensives Arbeits- Programm aufgesteltt. Das jüdische Kulturproblem in der Psychopathologie des Kindes. Der Mann, von dem diese Zeilen berichten, ist den Lesern der ״J. R.“ kein Fremder. Er kam vor Jahren in diesen Blättern mit dichterischen Erzeugnissen zu Wort. Es ist hier früher auch von seinen wissenschaftlichen Bestrebungen benchtet worden. Aeußerer Anlaß, ihm wiederum einige Worte zu widmen, ist seine Rückkehr nach Berlin aus dem Lande des Dollars. Wer Sehneersohn kennt, weiß, daß er in Amerika nicht Geld, sondern andere Ausbeute suchte. Er ging nach der Neuen Welt, um unter neuen Verhältnissen und mit neuen, durch die Andersartigkeit der Verhältnisse gegebenen Fragestellungen seine Arbeit fortzusetzen: ,,die Wissenschaft vom Menschen . Diese Forschungsrichtung, als deren Vater sich Schnecrsohn bekennt, bemüht sich, die Psychologie des Kindes und des Mensehen überhaupt aus dem Zentrum der Persönlichkeit, ״dem intimen Seelenleben“, zu begreifen und darzusfeilen. Unter Benutzung eigener und alter z. T. der experimentellen Psychologie entnommener Methoden versucht Schnecrsohn in diejemgen Gebiete des Seelenlebens vorzudringen, die, wie er glaubt, von herrschenden Richtungen der Psychologie, z. B. der Trieblehre Freuds, der Mindcrwertigkeits- und Machtstrebenslehre Adicrs, nicht ausreichend erhellt werden können. Als das_ intime Seelenleben bezeichnet er — zwar ungenau, aber vielleicht Verdeutlichend äusgedrückt — das ״Schicksalhafte“ im Seelenleben und er sucht seine Wohnstätte in den Bezirken des Reiigiösen und ׳des; Künstlerischen im Menschen. Von hier aus glaubt er den Zugang zur Erkenntnis der Gesamtpersönlichkeit zu finden. Bis dahin etwa war Schneersohns Arbeit gediehen, als er nach Amerika ging. Was er dort — neben der Vertiefung seiner Grundanschauungen — neu zu untersuchen Gelegenheit fand, war das jüdische Kulturproblem. Dieses Problem bot sich ihm deutlicher und zugespitzter als unter den jüdischen Kindern der alten Welt in den Immigrantenkindem. Amerikas dar. Denn der Konflikt, der hier bei uns seit Jahrzehnten gleichsam latent besteht, kann drüben in Statu nascendi und im Stadium der exnlosionsartigen Entwicklung beobachtet werden. Uebcr solche Beobachtungen sprach Schneersohn im Kreise der ״jüdischen Kinderhilfe“. Mehr impressionistisch und anekdotisch — und S. ist ein Meister der lehrhaften Anekdote — beleuchtete er einige Seiten des komplexen Problems. An dem glücklich gewählten Beispiel der Sprache suchte er das Problem zu entwickeln. Das jüdische Kind, das in frühem Alter, also zur Zeit der noch nicht abgeschlossenen Sprachentwicklung, nach einem anderen Kulturkreise verpflanzt wird, ״lernt“ dort die neue Sprache. Aber zunächst nur in einem Teilgehalt, dem sogenannten ״objektiven Gehalt“. Es ״lernt“, daß die ״Mamme“ dort ״mother“ genannt wird. Aber alt das Innerliche, Intime, Erlebte, das der ״Mammc“ innewohnt, fehlt der ״mother“. In dem Fehlen dieses Intimen, Erlebten erblickt er das Wesen des jüdischen Kulturproblems — das Immigrantenkind ist nur ein Sonderfall des jüdischen Kindes überhaupt. Durch den Eintritt des jüdischen Kindes in zwei Kulturkreise entsteht ein Konflikt. Der Kulturkreis des Immigrationslandes kann ״erlernt“, aber nicht intim ״erlebt“ werden. Und die aus dem jüdischen Kreise stammenden intimen Erlebnisse verkümmern. Das Kind steht nicht in, sondern zwischen zwei Kreisen. Und im Kulturkreis des Immigrationslandes wird man, weil man ihn nicht intim zu erleben vermag, bestenfalls ein guter Handwerker, aber kein Künstler. Auf diesem Mangel basiert die Psychopathologie des jüdischen Kindes. Sie stellt sich gleichsam als ״seelische Mangelkrankheit“ dar. Von dieser Erkenntnis führt auch der Weg zur Heilbeeinflussung. Fast überflüssig zu sagen, daß Schneersohn sie in der Entwicklung des Religiösen im jüdischen Kinde erblickt. — Fs ist nicht meines Amtes, die Schneersohnschen An- Behauungen und Methoden zu bewerten. Aber ich stehe nicht an, allen jüdischen Eltern die Lektüre der. im Druck befindlichen Bücher und den Besuch der weiteren Vorträge zu empfehlen. Wer ihm etwa nicht folgen kann, wird sich jedenfalls nachdenklieh und aufgewühlt von ihm trennen. Dr. H. N o t h m a n n (Berlin). Konzerte. Generalmusikdirektor Reichwein veröffentlichte vor kurzem im ״Völkischen Beobachter“' einen Brandartikel gegen die ״Verjudung“ der Musik und wandte sich besonders scharf gegen die Ueberschätzung des angeblich überwundedenen Gustav Mahler. Ob Mahler wirklich tot ist, darüber konnte man sich am letzten Donnerstag in der Philharmonie überzeugen. Die ״Gesellschaft der Musikfreunde“ (Dirigent: Dr. Heinz U n g e r) eröffnete die Saison mit einem Mahler- Abend großen Stils. Zuerst sang Alexander K i p n i s drei Orchesterlieder: ״Revelge“, ״Ich bin der Welt abhanden gekommen“ und ״Um Mitternacht“. Die Interpretation war von geradezu transzendenter Vollendung. Das Hauptwerk bildete Ungers ungewöhnlich vergeistigte D irchgestaltung der 9. Sinfonie, eines der reifsten, jüdischsten, und dabei romantischsten Werke des Meisters. Der Erfolg bewies, daß trotz aller Verhetzung es noch nicht unmöglich geworden ist, Erzeugnisse derartigen Formats zu lieben und zu verstehen. — Am nächsten Abend feierte an derselben Stätte der kleine Ruggiero Ricci, der 11jährige Geiger, Triumphe seines erstaunlichen Könnens. Er brachte diesmal neben mehreren technischen Bravourstücken Mendelssohns Violinkonzert. A. I.-L.

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