Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 81-82 (14.10.1932)
- Date
- 1932-10-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 396 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 81/82, 14. X. 1932 Ja, es ist richtig, auch bei den anderen Völkern und in vielen anderen Ländern Europas und Amerikas begegnen wir infolge der gegenwärtigen Krise demselben Probient. Aber die jüdische Jugend leidet doppelt und dreifach. In Polen sind die Staats- und Kommunalämter für die Juden verschlossen, in den etatisierten Wirtschaftszweigen werden keine Juden aufgenommen, von Industrie und Handel werden sie verstoßen, im Privathandel und im Handwerk, wo alle Juden zusammengepfercht sind, ist die Situation hoffnungslos, was bleibt also dieser Jugend zu tun? Man beschuldige nicht die jüdischen Eltern in Polen, sie haben gedankenlos ihre Kinder studieren lassen. Man spricht sehr viel von Umschichtung, Fachausbildung u. dgl. Leider sind es, in Polen wenigstens, nur abstrakte Theorien. Der Jude hat sehr oft keine Möglichkeit, seinen Kindern Fachausbildung zu geben, auch wenn er schon von der Not- Wendigkeit derselben überzeugt ist. Die handvoll jüdischer Gewerbeschulen können nicht alle aufnehmen, diese Schulen kämpfen sehr schwer um ihr Dasein — materiell und rechtlieh. Ihre Zöglinge finden kaum Arbeit und Stellen. Die Staatlichen professionellen Schulen sind auch verhältnismäßig gering an Zahl und Juden werden dort nicht aufgenommen. Also was bleibt jüdischen Eltern noch zu tun, wenn sie ihre Kinder fürs Leben vorbereiten wollen? Kein Wunder, daß die Mehrzahl ihre Kinder das Gymnasium besuchen läßt. Für einige Jahre hat man Ruhe und nach dem Abitur heginnt der oben geschilderte Leidensweg. Tausende und Abertausende jüdischer junger Menschen in Polen, insbesondere Studierende, gehen verzweifelt herum, ohne die geringste Möglichkeit für sich zu sehen, vorwärts zu kommen. Weder Fortsetzung des Studiums Im In- oder Auslande, noch irgendeine Berufsarbeit ist ihnen ermöglicht. Glückstrahlend sieht man die Jungen und Mädchen, denen es vergönnt ist, als Chaluzim nach Palästina zu ziehen. Mit bangem Sehnen werden diese Palästinazüge letztens in Polen begleitet. Was bleibt aber denen, die nicht auswandern können? Wahrlich eine Verzweiflung greift hier um sich, die man sich kaum vorstellen kann. Die Tragödie einer herrlichen, aber unglücklichen Jugend. Sturm Ober der palästinensischen Küste Jerusalem, 6. Oktober. (J.T. A.) Die palästinensische Küste ist am 6. Oktober von einem schweren Sturm heimgesucht worden, der in Tel-Awiw und auch im Landesinnem vielfach schwere Schäden verursacht hat. Das Zeltlager des Haschomer Hazair in Rischon le Zion wurde vom Sturm vollkommen zerstört, sämtliche 27 Zelte wurden fortgetragen, 70 jüdische Arbeiter mußten eine ganze Nacht im schweren Sturm ohne Dach über dem Kopfe verbringen, so daß mehrere von ihnen erkrankt sind. Die Zionistische Exekutive hat sofort den Lagerinsassen Hilfe gebracht und für ihre Unterkunft gesorgt. Besonders heftig wütete der Sturm in Tel - Awl w. Elektrische Maste wurden umgeworfen, das Lichtnetz wurde vielfach zerstört, so daß die Stadt Tel-Awiw die ganze Nacht in Dunkel gehüllt war. Eine w i 1 d e P a n i k entstand im Theater Matate, wo während der Aufführung am Abend das Licht erlosch und der Sturm um das Haus wütete. Das Publikum drängte zu den Ausgängen, glücklicherweise gab es keine Verletzte. Schwerer Schaden wurde an den Salomonischen Teichen angerichtet, wo Häuser im Rohbau und im Gerüst niedergerissen wurden. Auch die Ernte in der Küstengegend hat vielfach Schaden gelitten, besonders wurden große Telle der Weinernte ▼ernichtet. Man beziffert den Schaden auf etwa 2000 Pfund. Die ״verladeten“ Deutschnatlonalen Wie Hitler gegen die ehemaligen Harzburger Bundesgenossen kämpft. Der von Adolf Hitler herausgegebene ״Völkische Beo b a c h t e r“ hat seit seinem Bestehen mit dem Schlagwort gearbeitet, daß Judentum und Bolschewismus identisch seien und daß die Juden Deutschland durch marxistische Unterwühlung verderben wollen. Heute, wo es für die Nationalsozialisten gilt, die Regierung Papen als ״Juden-Regierung“ hinzustellcn, werden auf einmal die Juden als der Hort der Reaktion hingestellt. Unter der Ueberschrift ״Schlagt die Reaktion, und ihr trefft den Juden!“ führt der ״Völkische Beobachter“ in seiner Nummer vom 7. Oktober u. a. aus: Den Kampf gegen die Deutschnationalen wird der National- Sozialist auch vom Gesichtspunkt des Judengegners zu führen haben. Wie der Jude Friedrich Julius Stahl als einer der Gründer des alten konservativen Parteiprogramms bekannt ist, so gibt der bekannte deutschnationale Reichstagsabgeordnete Prof. Quaatz zu, von Juden abzustammen, so ist der Jude Dr. S. Breslauer noch heute als Schriftleiter in Hugenbergs Scherl-Verlag tätig. Der Verlagsdirektor des ״Berliner Lokal-Anzeigers“ führt den schönklingenden Namen Goldschmidt. Die illustrierten Beilagen des Scherl-Verlages bearbeitet Herr Proskauer, die Lokal- Chronik der ״Berliner Nacht-Ausgabe“ schreibt Herr Pollaczek, Herr Simson, früher Simonson, ist der Gerichtsberichterstatter, während Herr Tannenbaum den lokalen Teil der ״Nachtausgäbe“ zu betreuen hat. Bisher regierte der Jude mit seinen marxistischen Lakaien, jetzt aber mit deutschnationalen. Der Jude steht heute im Lager der Reaktion. Seine Fratze hat sich nicht geändert, nur die Fassade! Der Nationalsozialismus, schließt der ״V* B.“, hat es sich zur Aufgabe gemacht, das deutsche Volk, seine Politik, Kultur und Wirtschaft vom Juden zu reinigen. Am 6. November muß die Reaktion niedergerungen werden, damit Deutschland endlich aus den Klauen des internationalen Juden befreit wird. Arthur Kahane gestorben. Max Reinhardts Mitarbeiter während vieler Jahrzehnte, Arthur Kahane, stand im Mittelpunkt des Berliner Kunstlebens und hat als Dramaturg des Deutschen Theaters sehr viel zum Ruhme dieser Bühne beigetragen. Arthur Kahane stammte aus Oesterreich und verleugnete diese Herkunft in seinem Leben und in seiner Wirtssamkeit niemals. Weicher als norddeutsche Theatermänner, liebenswürdiger im Verkehr mit Autoren und Schriftstellern, wohlwollend gegenüber jungen Talenten — aber auch nonchalanter in bezug auf eine Kardinalfrage seines Lebens, nämlich auf seine jüdische Abstammung. Zeit seines Lebens ging er einer Auseinandersetzung mit diesem Probleme aus dem Wege. Erst kurz vor seinem Tode, als die iudenfeindliche Welle Menschen jüdischer Abstammung, besonders solche an Stätten weithin sichtbarer Wirksamkeit, zwang, sich mit der Judenfrage auseinanderzusetzen, schrieb Arthur Kahane sein ״Juden• buch“. Diese Bekenntnisschrift ist, man soll auch Toten gegenüber mit der Wahrheit nicht zurüekhalten, ein Versuch, in feuilletonistischer Weise Ausrede und Begründung für eine unhaltbare Situation, in der man lebt, zu finden. Neben schart und richtig gesehenen Einzelheiten jüdischen Assimilantendaseins finden sich im ״Judenbuch“ Dinge, die nur auf grobe Ignoranz zurückzuführen sind. Jedenfalls brachte der alternde Arthur Kahane den Mut auf, sich überhaupt zum Judenkomplex in ihm selbst und in seiner Umgebung zu äußern. Andere jüdische Literaten schweigen sich über diese Probleme bis zu ihrem •Tode aus. Notizen Ein Privatbrief aus Leningrad berichtet, daß am Rösch Haschanah die wenigen jüdischen Bethäuser überfüllt war«, und daß viele Besucher draußen bleiben mußt«, aber doch nicht weggingen, um wenigstens einige Worte und Melodien des Chase!« zu hör«. Unter den Leut«, die sich um die Bethäuser dringt«, befand« sich viele jüdische Arbeiter im Arbeitsgewand, die direkt von ihr« Arbeitsstätt« gekommen waren. Man muß bedenk«, daß in Leningrad und in Moskau an d« hohen jüdisch« Feiertag« von den Führern der Gottlosenpropaganda in Fabrik« Versammlung« gegen den ״jüdisch« Aberglaub«“ veranstaltet werden. Trotzdem haben viele Arbeiter, die durch die Umstände gezwungen sind, an den hoh« Feiertagen auf ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen, es doch zuwege gebracht, von der Arbeitsstätte zur Synagoge zu laufen, um wenigst«s einige Minut« mit ihren Volksgenoss« am Rosch Haschanah vereinigt zu sein. Das Verhalten der L«ingrader jüdischen Arbeiter ist modernes Marra nentum. Ob es Gläubigkeit war, die die Arbeiter zum jüdisch« Bethause zog oder die Sehnsucht, w«igst«s eine kurze Weile in der iüdisehen Heimat zu sein — in der GalutH ist Bethaus und Beth Hamidrasch jüdische Heimat — kann man im einzeln« nicht sag« Die Tatsache jedoch, daß Arbeiter im Werktagskittel trotz Denunriant«tum und Oesinnungszwang dm Weg zu ihrer Gemeinschaft such«, ist bezdehnmd für die Situation weiter jüdischer Schichten in Sowjetrußland. * In Bern veranstaltete ein deutscher Salonantlsemft in akademisch« Kreisen vor einiger Zeit einen Vortrag über Pazifismus. Dem Vortragenden ging der Ruf voraus, daß er es zu Hause mit den Nationalsozialisten halte. In der Versammlung wurde von jüdischer Seite dieser Tatbestand in der Diskussion aufgedeckt. Es «tstand ein Tumult und durch diesen wurdm Neugierige herbeigeloekt, die in einem Nebenraume bei ihrem Abendtrunk saß«. Unter d« Her beigelockten befand sich auch ein jüdischer Metallarbeiter namens Chramoj. Er erkundigte sich, um was es sich in der Versammlung handle und meldete sich zum Wort. Chramoj, ein Ostjude, lebt seit zwanzig Jahr« in der Schweiz und spricht ein Gemisch von Jiddisch und Berner Dütsch. Chramojs Rede lautete folgendermaßen: ״Ich bin beim Vortrag des Herrn Referenten nicht dabei gewesen. Ich habe aber gehört, daß er Nationalsozialist ist. Ich bin vor mehr als zwanzig Jahren vor den Pogrom« in Rußland geflüchtet. Damals haben wir uns nicht träum« lassen, daß ähnliche Stimmungen und Zustände jemals auch in Deutschland herrsch« könnten. Aber es besteht ein großer Unterschied zwischm d« Pogrom« in Rußland und der Hetz- Propaganda in Deutschland. Bei uns in Rußland mußten die Bauern und der Pöbel zuerst von den Polizeistellen besoffen gemacht werden, bevor sie zu Pogromtaten reif gemacht wurden. In Deutschland aber sind die Hetzer nicht Pöbel und besoffener Straßenmob, sondern Intellektuelle und Studenten. Das ist der Unterschied, und darum hatte die Versammlung vollständig recht, wenn sie es ablehnt, Vorträge eines Mannes ruhig anzuhören, der zu den Pogromhetzern in seiner Heimat zählt.‘* Der Eindruck von Chramojs stockender Rede war durchschlagend. Stürmischer Beifall der Zuhörer bewies, daß der jüdische Metallarbeiter d« wesratlichen Unterschied zwisch« den Pogrom« in rückschrittlichen Ländern und der antisemitisehen Hetzpropaganda in Deutschland herausgearbeitet hatte. Der Referent des Abends erklärte in seinem Schlußworte, niemals hätten Einwände gegen die Jud«hetze einen derartig« Eindruck auf ihn gemacht, wie die Ausführungen des jüdisch« Metallarbeiters. Ob dieser Eindruck auch nach der Rückkehr des Referenten in Deutschland vorgehalt« hat, läßt sich nicht feststellen. Vor den Reichstagswahlen. In einer Pressekonferenz des C.V. stellte Syndikus Dr. Alfred Wiener fest, daß sich angesichts der bevorstehenden Reichstagswahlen der Zustand der politischen Heimatlosigkeit der Juden verschärft hat. jüdische Wähler, die nicht sozialdemokratisch wählen wollen, wissen nicht, was sie anzufangen haben. Eine Unterstützung der Deutschnationalen komme nicht in Frage, denn es gäbe Grenzen für jüdische Würde, Die Deutschnationalen machen anscheinend Anstalten, in ihrer Konkurrenz gegen die Nationalsozialisten bei den kommenden Wahlen antisemitische Töne ' aiizuschlagcn. Dr. Reichmann wies auf Bestrebungen hin, in den Gewerkschaften einen Zusammenschluß auch mit solchen Elementen herbeizuführen, die ihrer Haltung nach antisemitisch sind. Hier liege eine gewisse Gefahr vor, daß sich ein gewisser stimmungsmäßiger Antisemitismus bemerkbar machen könnte, besonders in Verbindung damit, daß man einzelnen jüdischen Arbeitgebern vorwirft, daß sie sich die Lohnnotverordnung besonders rigoros zunutze machen. — Die Pressekonferenz des C. V. bewies, daß er den veränderten Verhältnissen völlig ratlos gegenübersteht. Der C. V. bemüht sich geflissentlich, die tieferen Ursachen der Isolierung der Juden zu übersehen. Er hält es für richtige Politik, dieser Erscheinung dadurch zu begegnen, daß er z. B. in der letzten Monatsausgabe der ״C. V.- Zeitung“ die Genfer jüdische Weltkonferenz als eine Angelegenheit dargestellt, mit der die deutschen Juden nichts zu tun hatten. Wenn das nicht die Antisemiten von der ״Loyalität“ der deutschen Juden überzeugen wird, so ist den Antisemiten eben nicht zu helfen. Lauscher entschuldigt sich. Wir haben in der vorigen Nummer über die Rede des Zentrumsabgeordneten L a u s c h e r in einem Ausschuß des Preußischen Landtages berichtet. In jener Rede gebrauchte Lauscher unter Betonung, daß er sich \om Antisemitismus frei wisse, Ausdrücke wie ״semitischer Einfluß“, ״jüdische Rasse“ usw., was ihm die Anerkennung des nationalsozialistischen Referenten eintrug. Nun veröffentlicht Abgeordneter Lauscher eine Erklärung, in der er feststellt, daß die ganze Geschichte des Zentrums zur Genüge beweist, daß es jedeantisemitische Einstellunggrundsätzlieh ablehne. ״Das hindert uns natürlich nicht, heißt es in der Erklärung weiter, auch unsererseits darauf zu bestehen, daß ebensowenig wie eine Zurücksetzung des jüdischen Eiementes eine Bevorzugung desselben stattfinden darf. Wir haben den Eindruck, daß eine solche Bevorzugung Im Rahmen der staatlichen Kunstpflege hier und da, namentlich auch bei den Staatstheatern, tatsächlich vorliegt. Wir glauben nicht, daß das künstlerische, zumal das musikalische Talent so stark überwiegend bei den Juden vorliegt, daß eine solche Bevorzugung sich rechtfertigen ließe.... Von irgendeiner Zustimmung zu der nationalsozialistischen Rassentheorie oder von Gehässigkeit oder von Feindseligkeit gegen das Judentum war in meinen Ausführungen keine Spur zu entdecken.“ Wir vermittein unseren Lesern die Kenntnis von Lauschers Ausführungen, müssen jedoch bei unserer Ansicht beharren, daß Lauschers Stellungnahme, zieht man Gelegenheit und Zeit- Punkt seiner Ausführungen in Betracht, in der Wirkung einer Unterstützung der nationalsozialistischen Haltung gleichkam. Feststellungen gewinnen unbeschadet ihrer Richtigkeit oder Schiefheit zwangsläufig unter bestimmten Bedingungen eine Tendenz, die vielleicht von demjenigen, der sie gemacht hat, nicht in ihrer objektiven Erscheinungsform beabsichtigt war. Fressesdiau Die ״C.-V.-Zeitung״ zu Blumenfelds Referat In der ״C.-V.-Zeitung“ behandelt Frau Eva Reich mann - Jungmann in einem länger« Artikel Kurt Blumenfelds Referat auf dem Frankfurter zionistischen Dclcgiertcntag. Die Verfasserin tritt weniger in eine kritische Auseinandersetzung mit Blumenfelds Anschauungen ein, als sie vielmehr die Gelegenheit benützt, die Anschauungen des C.-V. über das jüdische Leben in der Diaspora darzulegen. Auch der C.-V., so schreibt Frau Reichmann, glaube nicht an die Beseitigung aller Reibungsflächen zwischen Juden und Nichtjuden und wünsche nicht völlige Assimilation, sondern auch bei ihm spiele der Gedanke an die jüdische Zukunft die entscheidende Rolle. Das Programm heiße: ״Herstellung wiirdiger Daseinsbedingungen für eine lebensvolle jiitlischeGemeinschaft in deutscher Heimat und in untrennbarer Verbundenheit mit ihr.“ Es sei daher unrichtig, wenn Blumenfeld dem C.-V. einen seichten Aufklärungsoptimismus; zugeschrieben habe. Andererseits sei es nicht zulässig, aus dem Chaos der gegenwärtigen Krisenzeit endgültige Folgerungen über die Unmöglichkeit der Lösung der Judenfrage durch die Emanzipation zu ziehen. Wenn die Verfasserin ferner meint, daß Blumenfelds Forderungen nach Wahrung der Rechte der deutschen Juden auch vom C.-V. erhoben werden, so sind ihr die wichtigsten Teile von Blumenfelds Referat entgang«. Blumenfeld vertrat in Frankfurt Anschauungen, die seit jeher zionistisches Programm gewesen sind. Nicht die Bewertung der augenblicklichen krisenhaften Zuspitzung in Deutschland ist entscheidend, sondern es kommt darauf an, diese ■wie manche andere Erscheinung des gegenwärtigen Lebens als äußeres Symptom eines tieferen, nicht wegzuleugnenden Sachverhalts zu verstehen. Wahre Gleichberechtigung muß mit voller Gleichberechtigung für die Entfaltung der jüdischen Eigenart verbunden sein. Dieser Kampf um die Gleichberechtigung ist bisher nur von Zionisten geführt worden. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn die von rrau Reichmann behauptete Annäherung der Anschauungen in der Frage der Stellung der Juden zum Staat wirklich vorhanden wäre. Ist Judentum aber für den C.-V. nach wie vor ein von ihm zu definierender und für den politischen Kampf zurechtgemachter eingeengter Begriff, ist dieses Judentum mit dem jüdischen Volk, dessen Teile in den Ländern der Welt leben, nicht untrennbar verbunden, ist die Gestaltung der jüdischen Zukunft zu einer lebensvollen Wirklichkeit nicht bewußter Wille, dann werden wir sehr bald an den entscheidenden rnrikt kommen, wo leider die ״Uebereinstimmung“ zwischen Zio* nisten und C.-V.-crn, von der Frau Reichmann freundlicherweise spricht, endet. Wir haben volles Verständnis für jeden Versuch der Beseitigung überflüssiger Gegensätze. Wir glauben aber, daß in den grundlegenden Fragen die Verständigung nur auf dem Wege unablässiger kämpferischer Auseinandersetzung erfolgen kann. Die Erfahrung zeigt uns, daß unsere politischen Anschauungen in ihrer Wahrheit immer mehr erkannt werden und man wird den Fortschritt dieser Erkenntnis auch nicht dadurch aufhalten können, daß man in Hebenswürdiger Form die Ueberflüssigkeit dieses notwendigen Kampfes erklärt. * Die ״Literarische Welt“ (Berlin-Haknsee) hat ihre Toppeinummer vom 7. Oktober dem Thema ״Der neue Mensch und sein Bild“ gewidmet. Nach einer philolophisehen-Einleitung ״Die neue Frage nach dem Mensch« ron Fritz Heinemann enthält die Nummer Aufsätze über das regenwärtige Menschenbild in der Wissenschaft, Psychologie, Medizin usw., sodann Aufsätze über das Menschenbild des Nationalismus, des Bolschewismus, des Katholizismus, des Proestantismus und in dieser Rubrik dann auch einen Aufsatz ,,Der üdische Mensch“ von Gustav Krojanker. Kroanker geht davon aus, daß der jüdische Mensch von heute betimmt ist durch die ״Sehnsucht nach dem Eingegliedertsein . Nach einer kurzen Analyse der seelischen Situation des durch lie Emanzipation von seiner Tradition losgelösten und mit der leuen Umwelt nicht organisch verbundenen Juden zeigt Kroanker die verschiedenen Stuf«, die das Streben nach Zusamnenhang und Gemeinschaft bei d« Juden ausgeprägt hat. Die interste Stufe ist der primitive Versuch einer Verschmelzung nit der Umwelt. Auf höherer Stufe versucht der Jude eine Eingliederung in die M«schheit, die aber im Idealen und Ab-;trakten schweben bleibt. Der dritte Weg schließlich, der;teilst«, aber eigentlich jüdische Weg führt seine Menschen roch einmal zurück an die Quellen ihrer Herkunft, von der aus sie ein neues eigenes Leben aufbauen und sich dabei docli der gesamten Menschheit, in der alle Gruppen nach ihrem eigenen Pressefreiheit and Jndenhetze Ein Urteil des Schweizer Bundesgerichtes. Wohl in keinem Lande der Welt herrscht derartige Pressefreiheit wie in der Schweiz. Eifersüchtig wird von den Kantonats-Regierungen und dem Bunde darauf geachtet, daß dieser Grundsatz der Schweizer Verfassung nicht angetastet werde. Die Pressefreiheit als solche darf nicht unterbunden werden. Hingegen bestimmt Artikel 50 der Bundesverfassung, dal! alle Verwaltungsbehörden, eidgenössische, kantonale und koramunale, gegen Verhetzung einschreit« müssen. Seit einiger Zeit erscheinen in der Schweiz zwei radikal antisemitische Zeitschriften ״Der Eiserne Bese n“ in Zürich und ״Die Reaction“ in G«f. Beide Zeitschriften beziehen ihre Ideologie aus nationalsozialistischen Quellen in Deutschland. Auf Grund der in der Schweiz herrschenden Pressefreiheit kann man die Herausgabe derartiger Zeitschriften nicht verbieten. Hingegen kann man d« öffentlichen Verkant solcher gegen eine bestimmte Gruppe gerichteter Publikationen untersagen. Das hat denn auch der Regierungsrat von St. Gallen in bezug auf den ״Eisernen Bes«“ verfügt. Die Herausgeber der antisemitisch« Zeitschrift hab« sich nun an das Bundesgericht in Lausanne (entsprechend dem deutschen Staatsgerichtshof) beschwerdeführend gegen den Kanton St. Gallen gewandt. Das Bundesgericht hat die Beschwerde zurückgewiesen. In der letzt« Zeit haben Bundespräsident Motta, einzelne Regierungsstellen und schließlich das Lausanner Bundesgericht sich eindeutig gegen die antisemitische Verhetzung in der Schweiz ausgesprochen. Daß derartige Aeußerungert und Entscheidungen notwendig war«, beweist, daß es auch in der Schweiz, wo unter 4 Millionen Einwohnern 18 000 Juden leben, eine Judenfrage gibt. Bemerkenswert ist jedoch die Energie, mit der schweizerische Regierungsstellen gegen den radikalen, vom Auslande genährten Judenhaß zu Werke gehen. Sie werden dadurch die anti- und asemitische Haltung eines großen Teiles des Schweizervolkes nicht aus der Welt schaffen. Sie werden aber verhindern, daß der Judenhaß in der Schweiz derartig exzessive Formen annimmt wie in Deutschland. Wesentlich bleibt es immer, daß man rechtzeitig von den zentralen Stellen eingreift. W«n die antisemitischen Exzesse erst einen übermächtigen Umfang angenomm« haben, ist deren Eindämmung kaum noch möglich.; ,