Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 80 (7.10.1932)
- Date
- 1932-10-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 80. 7. X. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 391 Literatur ״Blatt Memoiren eines Abtrünnigen Otto Lubarsch, Ein bewegte* Gelehrtcnleben. Berlin, Jul. Springer 1931. Autobiographien von Gelehrten sind nicht nur dann von Wert, wenn der Lebensweg der Größten zur Darstellung gebracht wird. Auch sonst gewährt die Rückschau eines Forschers auf sein Wirken Einblicke in die Geschichte der Wissen- Schaft, in das Persönliche, das für die Aufhellung mancher menschlichen und sachlichen Beziehungen nicht ohne Bedcutung ist und oft die empirische Geschichte einer Disziplin bc- ^reiflicher macht. Denn die Darstellung der Geschichte einer Wissenschaft läßt das Zufällige und Menschliche gleichfalls sehr zurücktreten. Erwartungsvoll geht man gerade an ein Autoritrafto heran, das von einem Kämpfer lierriihrt, dessen Verfasser sich selbst als Streiter empfindet und dies mit Genugtuung feststellt. Wer sich niefit mit stiller Forschung begnügt, sondern überall in Lehrbetrieb und Kulturpolitik, ja darüber hinaus in die Politik eingegriffen hat, weckt Interesse. Besonders aber horcht man auf, wenn ein Mann, wie Lubarsch, ursprünglich Jude, mehr als einmal im Leben zum Judentum Stellung nehmend, nunmehr zusammenfassend seine Meinung zur Judenfrage sagt. Der Mediziner, der Mensch — der J u d e, wenn auch mit negativem Vorzeichen, wenn auch als Feind, fordern das Urteil heraus. — Der Mediziner, so interessant auch dieses Kapitel ist und gerade mich fesselt, kann hier nur gestreift werden; Lubarsch hat mit seiner großen Begabung und seinem staunenswerten Fleiß, seiner Präzision und seinem unermüdliehen Schaffensdrang eine ansehnliche Ernte eingebracht. Seine Verdienste liegen auf mancherlei Gebiet: die allgemeine Pathologie verdankt ihm viel. Die Geschwulstforschung, die Immunitätslehre, Stoffwechselprobleme sind durch ihn gefördert worden. Er ist ein enthusiastischer Lehrer, ein fruchtbarer Autor. Handbücher, Zeitschriften sind ihm als Autor und Herausgeber verpflichtet; die ״Ergebnisse der allg. Pathologie Usw.“ sind ein bedeutendes Unternehmen, das sich ähnlichen großen Bestrebungen dieser Art (Physiologie, Anatomie, klin. Fächer) an die Seite stellen darf. Trotz alledem: an seinen Namen knüpfen sich keine umwälzenden Entdeckungen oder Erkenntnisse, und wir können ihn höchstens als ein ungewöhnliches Talent, bestenfalls als Genie des Fleißes ansprechen. Die Einheit der Persönlichkeit, die in Lubarsch unverkennfcar ist, gestattet kaum eine isolierte Betrachtung des Gelehrten. Den Menschen Lubarsch können wir unmöglich gesondert von dem Juden, dem Judenfeind Lubarsch betrachten. Allzu sehr steht sein Menschentum, sein Verhältnis zu Menschen, zur Gesellschaft, zu Völkern und Geschichte in innigstem Zusammenhänge mit seiner Herkunft und der Antwort, die er auf sie erteilt. — Es ist nicht leicht, L’s. Gegner- Schaft genau festzulegen. Er wehrt sich dagegen, als Antisemit gewertet zu werden, und beruft sich darauf, mit Roethe (!) u. a. in der Deutscbuationalen Partei alle Ansätze zum ausgesprochenen (sic!) Antisemitismus, z. B. den Ausschluß von Juden aus der Partei, mit Erfolg bekämpft zu haben (S. 563). Er findet hin und wieder ein wort der Anerkennung für den einen oder anderen jüdischen Forscher und gelegentlich einmal für Juden überhaupt, obgleich er unleugbar strenger über Juden urteilt als über Nichtjuden. Den Rassenantisem'itismus lehnt er ab. Aber er bekämpft das Judentum als eine ״geschlossene, sich stets einig und besonders geartet fühlende und trotzdem auf '״völlige staatliche ־und ■gesellschaftliche Gleichberechtigung An- Spruch erhebende Gemeinschaft, die ein Aufgehen in das deutsehe Volkstum überhaupt nicht will“ (S. 563). Für die deutsehen Juden erblickt er in der Mischehe den Weg zur Eindeutschung, und so wird ihm sein persönlicher Weg: 1)ebertritt zum Christentum, Heirat mit einer Christin, völliger Bruch mit der jüdischen Gemeinschaft und leidenschaftliche Hinwendung zum deutschen Nationalismus zur beispielgebenden Tat. Große Gefahr bedeutet für ihn der Zuzug von Ostjuden, die das Problem der deutschen Judenheit erst recht eigentlich begründen, ln den Ostjuden siebt er unkultivierte und für das deutsche Volkstum verderbliche Menschen. So hat L. also eine Formel gefunden, die zwar keinen Feind und keinen Freund des jüdischen Volkes befriedigt, ihn aber zufriedenstellt. Es ist eine Formel, die das ernste geschichtliche Phänomen des Volkes im Exil in der primitivsten Form anpackt und höchstens zur Beruhigung oder Rechtfertigung seiner selbst taugt. In Lubarsch ist eine in der Mitte und zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhundert? häufige Erscheinung zu einer besonders unerfreulichen Ausprägung gelangt: Kinder von Familien, die emporstreben und erfolgreich sind, werden von ihren Eltern jüdischem Milieu, jüdischer Erziehung entzogen, In den christlichen Religlonsuriterrieht gesteckt, auf alles Nichtjüdische als erstrebenswertes Ziel hingelenkt; Adel, Militär erhalten so in den jugendlichen Augen romantischen Glanz, deutscher Nationalismus erwacht in jüdischen Herzen — was soll — um in,Abwandlung ein« Midraschwortes zu sprechen — das Kind tun, daß es nicht abtrünnig werde? Audi in Lubarsch? Falle trifft das Elternhaus die Verantwortung für den Werdegang des Kindes —, denn er ist hier nicht der einzige, der die restlose Assimilation erwählt 11 at. Ohne Kenntnis vom Judentum auf gewachsen, kehrt sich aut Grund eines sehr schwierigen Temperaments der Jüngling und Mann voll Abneigung gegen seinen Ursprung. Manche haben diesen Weg leidenschaftslos zurückgclegt, so der als Hcimholtzbiograph bekannte Mathematiker L, Koenigsbcrger (s. dessen Buch: ״Mein Leben״). Aber Lubarsch trägt in sich zuviele Züge des zerrissenen, unharmonischen Diasporajuden, ais daß er ein stiller Renegat hätte sein können. Mit seinem liebertritt war sein Ciiarakter und Temperament nicht «(!*;gewechselt, und sein unruhiger Geist, der vielleicht doch nicht selten die Anomalie des Wechsels von ״Glauben“ und Volkstum fühlte, suchte in der Theorie, in einer ausgeklügelten Meinung, die 11t11nm1n111nm11111111M1111111111mntu1111n11111(1n1n11)111n1mmn1u1111111t11n11n1um111i111nmt111mm11nmnu1(1nn1n;n(1111 (Ewiger, unser Richter, Nie wieder darfst du Noah retten und die Arche, Die Gerechten, Wenn dein Zorn flutet, Triff uns alle. Denn du schufst Diese Erde, Du allein, Heiliger, Das finstere Entsetzen. Deine Spur, Gott dieser Welt, Zu finden Müssen wir durch Durch alle Gänge des Todes. Du vermähltest unsrer Erde Lehen und Tod, Als du sie balltest mit beiden Händen. Zu dir, Vollkommener, Fährt nicht mehr Hell das Schiff, das sich rettet Hinauf zu dem linden Hügel. Wir müssen durch die Naeht der Erde durch Alle Oder keiner. Ewiger, sei uns gnädig, M axa Hardert. ווווווווו!!וווו111וווווווווווווו1וו11ווווו!ו1וווווו!ו1!1ו11ווווווו<ווווו1ו!!ו1ו1ומווווווו1וווווו!ו!ווווווו1וווווו1ו1וו1וווו!1וווווווווו!ווווווווו1וווו!ו!ווווו er sich über das Judentum und seine Mängel bildete, Ruhe, die er doch nicht fand. Alle Gehässigkeiten gegen Kutisker, alle heftigen Polemiken sind nicht so lehrreich, wie die Worte, die er nach dem Verluste seiner drei Söhne — ein Schmerz, der alle ergreift — niederschreibt: ״Fromme Juden werden vielleicht finden, daß es der gerechte Zorn des Herrn war, der mich für meine Abtrünnigkeit geschlagen“. . . . (S. 566). Wie wenig kennt Lubarsch die Seele der trcugehliebenen Juden, daß er ihnen solche Gefühle unterschiebt! Juden sind mitleidsvoll, רחמנים בני רחמנים, aber verräterischer als für Lubarschs Ein- Schätzung der Juden ist dieser Satz für sein Seelenleben selbst. Auch Im schwersten Schmerz kommt er nicht los von der Gemeinschaft, von der er sich für immer gelöst hat. fn der schmerzhaften Auseinandersetzung mit sich selbst, in schwerer Zerrüttung projiziert er die Front nach außen und richtet gegen das Judentum die Waffe. Jedenfalls ist Lubarsch ein beredter Beweis für die Fruchtlosigkeit von absoluter Assimilation und Flucht. Nicht nur löst man die Konflikte des jüdischen Volkes mit seinen Wirtsvölkern, die Problematik von Judentum und Umwelt, die Lubarsch gar nicht erfaßt, nicht durch Ucbertritt — er selbst, Lubarsch, ist nicht frei geworden als Renegat. Die mehr als naive Art, die Existenzberechtigung von Minderheiten (nationale, religiöse, kulturelle) zu leugnen, den Willen nicht unbedeutender Teile der herrschenden Nationalität eines Staates, die entweder die Charakterlosigkeit des erzwungenen oder utilitaristischen Uebertritts der Minderheit ablehnen oder aus anderen Gründen keine Vermischung «׳ollen, zu mißachten und die Ueberzcugung der Minorität gering zu schätzen, braucht liier nicht weiter gekennzeichnet zu werden. Sie ist entweder primitiv oder brutal. Im Buche scheint es an Widersprüchen nicht zu fehlen. Aber es ist doch eine starke Einheitlichkeit darin am Werke. Lubarsch ist den Weg zum Deutschtum —- jedenfalls mit dem Willen — zu Ende gegangen. Er hat sich nicht damit begnügt, dem Judentum den Rücken zu kehren, ihm das Daseinsrecht abzusnreclien, es im Innersten abzulehnen — und das nähert sich dem Haß; er ist als Deutscher nicht unter die Liberalen, Republikaner usw. gegangen, sondern unter die Reaktionäre. 111 einer Schicht des Deutschtums, die er für eine der tiefsten hält, wollte er Fuß fassen. Daher seine enthusiastische Ein- Stellung zu eien Faktoren des alten Preußen; sein Hohn und grimmiger Haß gegen das neue Regime, seine Sympathie für alle, die grollend abwärts stellen. Interessant ist in diesem Zusammenhangc sein Verhalten während des Kapp-Putsches. Dabei billigt er nicht alles, tritt Wilhelm II. mit den in vielen konservativen Kreisen üblichen Bedenken entgegen, tadelt auch, wie unbedacht der Kapp-Putsch unternommen wurde. Aber eben mir die mangelnde Vorbereitung kritisiert er. Lubarsch findet für manchen Gelehrten und Politiker ein «׳armes Wort; er ist nicht eigentlich hochmütig. Aber streng ist er und sicherlich — objektiv — nicht immer gerecht. Kampf und Auseinandersetzung durchzieht wie sein politisches so auch sein berufliches Lehen. In Zürich, Rostock, Posen, Düsseldorf heftigste Zusammenstöße. Nur wenige finden volles Lob: so der Chirurg Braun-Zwickau, Roveri, Mensen, und natürlich Lagarde, der ihm in der Behandlung der Judenfrage nahe ist. Besonders peinlich ist demgegenüber die Art, in der Lubarsch sieh über den Tod eines Gegners, Karg, äußert. Die Selbstbiographie ist voll Leben. Sie bringt viel, manehern mag scheinen: zuviel. Es gibt Dinge aus dem Leben des Autors, die selbst ihm Nahestehenden nicht wesentlich erscheinen werden; ein Wohnungswechsel, eine Abschiedsfeier, ein Spaziergang sind wirklich nicht wichtig. Mich würde mehr als die Angabe, mit wem L. in irgendeiner Stadt musiziert hat, interessieren, was ihm Musik bedeutet. Der Abschnitt über Wissenschaft und Weltanschauung ist ziemlich großzügig, vorurteilsfrei, aber ohne Originalität. Wenn man Lubarschs Memoiren mit denen von B. Naunvn vergleicht, die auch in das Leben und die Meinungen Einblick gewähren, so wird man dem großen Internisten als Menschen und Geist den Vorrang zuerkentien. Naunyn ist als Forscher und Selbstdarsteller schlicht und deshalb groß; Lubarsch gewiß ein Mann von großen Gaben, aber die Reife der Persönlichkeit ist ausgeblieben. Im Ringen mit der Umwelt und mehr noch vielleicht mit sich selbst, in der Unrast der Heimatlosigkeit, verzehrt er sich selbst und schafft zwar unermüdlich, aber der Segen der Harmonie stellt sich nicht ein. Oskar Wolfsberg. H. Schauss, 64 די נביאים S. New York 1931. Die Bedeutung der kleinen zur Besprechung stehenden Schrift liegt vor allem darin, daß sie in jiddischer Sprache erscheint. Ist in der reichen und vielseitigen Entwicklung unseres Schrifttums die Bibelwlssensehaft überhaupt auffallend vernachlässigt, so ist das doppelt in dem Ter! der Literatur der Fall, der den Bildungsbedürfnissen der breiten jüdischen Massen in der Alten und Neuen Welt dient. Dort hält man auf biblischem Gebiet entweder noch starr an der Tradition fest und lehnt jede wissenschaftliche Betrachtungsweise von vornherein ab, oder man ist so ״aufgeklärt“, daß man sich über alles Religiöse erhaben fühlt und daher alles, was mit der Bibel zusammenhängt, keines Interesses würdigt. Der Versuch von Schauss verdient daher den Dank weiter Kreise, in einer kurzen Einleitung stellt der Verfasser das bibelkundliche Material zusammen und schildert dann die traditionelle wie die wissenschaftliche Auffassung der Prophetie. Trotz der naturgemäß starken Anlehnung an die in englischer Sprache vorliegende Fachliteratur sucht er doch mit möglichster Selbständigkeit die wichtigsten Probleme dem Leser näher zu bringen. Das bei aller Knappheit leicht verständiieh geschriebene Buch wird, wie wir hoffen, seinen Zweck bestens erfüllen und die Bildung der jüdischen Interessenten, speziell der Arbeiter, auch auf diesem wichtigen Gebiet immer mehr heben, so daß der Verfasser zur Fortsetzung seiner Arbeit ermutigt wird. Den Druck ermöglichten mehrere jüdische Organisationen in Amerika. F. Perles. Der Versohnungsiag An* ״biblische Rhapsodie n," einem demnächst ersehetnenden Ruche von Dr. Helena S 0 k o l o so mit einem Vorwort von Schnlom Asch. Das Werk enthält Dichtungen m den jüdischen Festen und über die hervorragenden Frauengestatten des alten Testaments. Red. *Wer sind jene schattenhaften, elenden, schwankenden Gestalten, die in unzählbaren Scharen diuch die Welt irren und mit ihrem Jammern und Klagen die Luft erfüllen? Es sind die Sünden, die menschlichen Sünden, herbeigesehnt, begehrt, im Rausch der Lust genossen, dann aber verleugnet, verstoßen und verjagt, verdammt ln unendlicher Quai, so lange ruhelos umherzuirren, bis sie erkannt werden und Einlaß gefunden haben in das Gewissen. So irrten einst auch die Sünden der Kinder Israel. Vergebens rüttelten und schüttelten sie an den Gewissenspforten, verschlossen und verriegelt blieben die Tore und Türen und ungehärt verhallte ihr Flehen und Klagen. Im Himmel aber saß Gott auf seinem Throne, schaute auf das Land Israel hernieder, und sein Herz war voll weher Bitterkeit. War das sein auserwähltes Volk, das ihm am Berge Sinai geschworen hatte, seine Gesetze und Gebote heilig zu halten, Recht und Gerechtigkeit der Menschheit zu verkünden, ein priesterlicli Königreich, ein heiliges Volk zu werden und den Ruhm seines Namens vor der ganzen Welt zu preisen? Weit, weit, in unerreichbarer Ferne, lag der Weg der Wahrheit vor ihnen. Ihr Verstand hatte seine Gebote und Gesetze nicht erkannt, ihr Herz blieb ihnen verschlossen, das Recht und die Gerechtigkeit wohnten nicht in ihren Hütten, und ihr Leben war wie ehedem voller Sünde. Aber er fühlte keinen Zorn in sich aufsteigen. Er sah, es war nicht Treulosigkeit und Verrat an dem geleisteten Schwur, es war die finstere Macht der gottlosen Vergangenheit, die sie in ihren Banden gefesselt hielt, ihnen den Weg zur strahlenden Wahrheit versperrte und sie immer wieder in das Dunkel der Unwissenheit zurückstieß. Gefangene waren sie, festgebunden und angekettet an das Vergangene und hatten nicht die Kraft, sich von ihren Ketten loszureißen. Und er hatte Mitleid und Erbarmen mit ihrer Schwäche und Unzugänglichkeit. Nicht mit Blitz und Donner wollte er über sie herfahren und wie ein reißender Strom sich über sie ergießen. Nicht mit dem Schwert seines Grimmes die ehernen Tor« tmd Tire« ihr« Gewissens zerschlagen, die eisernen Riegel zerbrechen, im gewaltigen Zorn seinen strafenden Arm ausrecken, um sie zu vertilgen und zu vernichten . . . Geduld und Langmut wollte er üben, einem liebenden Vater gleich gnädig und gütig sich ihnen nähern, verzeihen, vergeben und sich mit ihnen versöhnen und sie mit hilfreicher Hand aus der Finsternis ihrer Unwissenheit auf den lichten Weg der Erkenntnis des Guten und Bösen geleiten. Und Gott redete mit seinem Diener Mose und sprach: ״Gehe zu den Kindern Israel, sage ihnen alle meine Worte und sprich: Höre meine Stimme, Du Volk Israel: Höret mir zu, Ihr Unwissenden und Verirrten. Gedenkt nicht an das Alte, achtet nicht auf das Vergangene, schüttelt den Staub von Euch ab und macht Euch frei von den Banden der Gefangenschaft: Denn ich bin Euer Gott: Und fürchtet Euch nicht, denn Ich bin bei Euch, nicht, weil Ihr mich gerufen habt, mir gedient und mich mit Brandopfern, Speisopfern und Weihrauch geehrt habt, sondern, weil ich Euch erwählt habe zu meinem Ruhm und Preis. ich habe Euer böses Tun und Treiben gesehen und es gefiel mir übel. Aber Ich will nicht zanken und hadern, strafen und mich rächen, sondern Gnade und Barmherzigkeit «׳alten lassen und Euere Missetaten, wie Wolken und Nebel, zerstreuen und vertilgen. Seht hin, Euere Sünden stehen draußen und weinen bitterlieh. Tut auf die Pforten Eures Gewissens und lasset sie hinein, daß sie erlöst werden von der ewigen Qual. Laßt los diejenigen, die Ihr gebunden habt, gebt frei, die Ihr bedrängt habt, teilet mit den Hungrigen Euer Brot, kleidet den Nackten, tröstet die Seele, die im Elend ist, verschließet nicht Euer Herz vor dem Suchenden, vergebt Euren Feinden und versöhnt Euch mit ihnen, wie ich mich mit Euch versöhnt habe! Weil ich Euch lieb habe und weil Ihr vor meinen Augen so wert seid, sollt Ihr herrlich sein! Ich will Euch von meinem Geist geben und Menschen aus Euch machen, die in meinen Geboten wandeln, meine Gesetze halten und danach tun. Kehrt Euch zu mir, Ihr Kinder Israel, neiget Eure Ohren her, dann wird Eure Seele leben, und ich werde Euch erlösen und selig machen, denn in mir wird gerecht aller Same Israels!“ Also sprach Gott, der Herr, durch Mose zu den Kindern Israel, und aus den Worten strahlte ihnen seine Herrlichkeit entgegen. Gewaltiger als der Blitz, seines Zornes und der Donner seines Grimms war die Kraft seiner Liebe und Barmherzigkeh. Sie drang tief in ihre Seelen und zerstreute dort die Finsternis. Sie machte ihre Augen sehend, ihre Ohren hörend und löste die Fesseln ihrer Gefangenschaft. Sie gingen ־ in ihr Herz, erkannten ihre Sünden, öffneten weit die Pforten ihres Gewissens und ließen sie hinein. Sie bereuten ihr böses Tun und Treiben, versöhnten sich mit ihren Feinden, kasteiten den Leib, fasteten und beteten Gott an. Gott aber sprach: ״Von nun an soll dieser Tag zum ewigen Gedenken an die gnädige Zeit Versöhnungstag heißen, bei Euch und bei Euren Nachkommen. Einmal im Jahre, am zehnten Tage des siebenten Monats, sollt ihr Zusammenkommen und ihn feiern. Ihr sollt dann keine Arbeit tun, Euren Leib kasteien, fasten von Abend zu Abend und dem Herrn opfern, denn es ist der Versöhnungstag mit Gott, Eurem Herrn. Und wenn der Abend naht, laßt mächtig in die Posaunen blasen . , , Versöhnung, Versöhnung soll es Euch von allen Seiten entgcgenhailen . . . Dann prüft noch einmal Euer Herz, ob sich nicht im innersfen Winkel ein Rest des Hasses und der Feindseligkeit versteckt hat und jagt ihn mit aller Kraft hinweg. Denn, wie ich an diesem Tage Gnade und Barmherzigkeit walten lasse, Euch vergebe und mich mit Euch versöhne, so sollt auch Ihr desgleichen mit Euren Feinden tun und Euch mit ihnen versöhnen von ganzem Herzen und von ganzer Seele.“ Und so ist es geblieben bis auf unsere Zeit. Ueberall in der Welt, wo es Juden gibt, wird der Versöhnungstag gefeiert, wie Gott es ihnen geboten hatte. Entrechtet ist an diesem heiligen Sabbat der Seelenliuferung der Leib, entlastet von allen zeitlichen Bedürfnissen die Seele, um sich mit freiem Flügelschlag zum höchsten Flug zu erheben. Wer sich aber zu solcher Höhe emporgeschw’1n״en hat, der ist eine Weile bei Gott gewesen, der hat aus der heiligen Urquelle der Seelenkraft geschöpft und wird nie mehr im Setup! des irdischen Daseins versinken. Dem wird die Sonne nicht nur am Tage und der Glanz des Mondes nur in der Nacht scheinen, Gott, der Herr, wird sein ewiges Licht sein. Und Gottes Wort wird sich an ihm erfüllen: ״Alsdann wird Dein Licht hervorbredien wie die Morgenröte und Deine Besserung wird schnell wachsen und Deine Gerechtigkeit wird vor Dir hergehen, und die Herrlichkeit de» Herrn wird Dich zu sich nehmen.“ Helena Sokolow. I