Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 80 (7.10.1932)
- Date
- 1932-10-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 388 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 80, 7. X. 1932 einzigen praktikabel״ c ■scheinen. Die Entschuldung des unter dem Druck von Wucherern seufzenden Kleinbauerntums kann, da andere Möglichkeiten von der Regierung gar nicht geboten werden können, nur dadurch erfolgen, daß die jüdische Kapitalin vestition auch diesem Zweck nutzbar gemacht wird. Die von R u p p i n wiederholt formulierten Pläne sind unseren Lesern bekannt: Durch den Verkauf eines Teiles seines von ihm gar nicht rationell ausgenützten Bodens kann der Fellache die Möglichkeit erhalten, seine Schulden zu bezahlen und auf dem Rest seines Bodens eine rentable Wirtschaft aufzubauen. Palästina, das in den Berichten der englischen Sachverständigen als ״übervölkertes“ Land erscheint, wird von jüdischen Sachverständigen, die nicht vom grünen Tisch und nicht aus Indien körnmen, sondern eine dreißigjährige landwirtschaftliche Erfahrung in Palästina haben, als ausgesprochen untervölke rt bezeichnet. Durch eine Förderung des jüdisclien Projektes würde die Regierung die Not der Fellachen mildern, die Steuerkraft des Landes erhöhen und überdies der Einwanderung arbeitswilliger Juden einen gewaltigen Stimulus geben. Das kommende Jahr wird in d.; ::1 wichtigsten Fragen der palästinensischen Politik vielleicht entscheidend sein, und es ist zu wünschen, daß der neue High Commissioner unbeeinflußt und tatkräftig an die Bewältigung dieser Aufgabe herangeht. * England als Mandatarmacht hat gewiß ein Interesse daran, Palästina ökonomisch zu heben und selbständig zu machen. Darum hoffen vyjr auch, daß die jetzt etwas verfahrene Angelegenheit der handelspolitischen Stellung Palästinas zu England doch noch eine befriedigende Lösung finden wird. Die palästinensische Orangen-Industrie sieht der kommenden Saison mit Besorgnis entgegen. Jetzt schon hat England zugunsten der südafrikanischen Orangen einen vom 1. April bis Ende November geltenden Orangenzoll eingeführt, der den Palästinensern eine Konkurrenz auf dem englischen Markt unmöglich macht. Nun fällt freilich die palästinencische Hauptsaison in die anderen Monate, aber auch die Monate April und November sind, wie Smilansky i:11 ״Boustenai“ *ausführt, für Palästina von größter Bedeutung und durch Verzicht auf diese zwei oder zweieinhalb Monate würde, meint er, Palästina fast ein Viertel seines Absatzes in England verlieren, während es für Südafrika kein Schaden wäre, wenn man die Monate April und November von dem Preferencezoll ausschlösse. Aber abgesehen von dieser Einzelfrage gibt diese Sache Gelegenheit zur Erörterung eines bisher nicht genügend gewürdigten Problems des Mandatssystems. In unserer Zeit des plötzlich wieder aufgekommenen Hoch- Schutzzoll-Systems, der Autarkiebestrebungen, der Ab- Schließung von Ländern und Kontingentierung von Einfuk;, Pt die Frage der handelspolitischen Handlungsfreiheit von viel größerer Bedeutung geworden als zur Zeit der Entstehung des Mandats- Systems, als man grundsätzlich für Mandatsländer das Prinzip der ״offenen Tür“ zugunsten aller Völkerbunds- «nächte aufstellte. Das Mandatsland ist heute in einer weit schlechteren Position als ein Kolonialland, das mit seinem Mutterland ein einheitliches Zollsystem verbindet. Palästina z. B. muß sich sogar von Engiand durch Zollmauern abschließen lassen, hat aber seinerseits nicht das Recht, durch eigene Zollverträge mit anderen Ländern handelspolitische Vorteile für seine Waren zu erzielen. Dies ist eine Anomalie, die von den zuständigen Stellen als schwere Ungerechtigkeit anerkannt werden muß, auch wenn es gelingen sollte, in der Frage des Orangenexportes nach England diesmal noch zu einer Regelung zu gelangen. In Kürze beginnt in Genf die Sitzung der Mandatskommission, bei der Palästina durch den High Commissioner vertreten sein wird. Vielleicht wird man bei dieser Gelegenheit etwas über die nächsten Absichten Wauehopes erfahren, vielleicht wird auch zu der Einzelfrage der handelspolitischen Schlechterstellung Palästinas durch die Mandatsbestirnmungen dabei ein Wort gesagt werden, obwohl die Mandatskommission nur die strikte Einhaltung der Mandatsbestimmungen zu kontrollieren, nicht aber diese zu kritisieren berechtigt ist. Palästina wird, da von der Emanzipation Syriens immer offener gesprachen wird, in kurzer Zeit das einzige A-Mandatsland sein. Es ist also keine übertriebene Förderung, wenn man verlangt, daß die allgemeinen Grundsätze des Mandats- Systems nicht in einer Weise angewandt werden, die der Entwicklung Palästinas geradezu hinderlich sein müssen. * In G e n f hat sich inzwischen eine entscheidende Aenderung vollzogen: Zum ersten Male ist seit 3. Oktober ein nationalarabischer Staat Mitglied des Völkerblindes. (Ueber dieses wichtige Ereignis berichtet unser Genfer Korrespondent, und unser Palästina-Brief nimmt gleichfalls darauf Bezug. — A. d. R.) Die Araber, die den Völkerbund verworfen haben, werden sich dennoch der Genfer Tribüne zweifellos zur Proklamierung ihrer weitergehenden Forderungen der Freiheit für alle arabischen Länder bedienen. Die Unabhängigkeit Iraks wird zwar in England als ein großer Prestigegewinn verbucht, aber sowohl in England als auch in anderen Ländern werden fortgesetzt Zweifel laut, ob Irak die ihm gewährte Stellung bereits auszufüllen imstande ist. (Vgl. z. B. Presseschau in Nr. 77 der ״J. R.“). Vor allem wird dabei auf die Kurdenfrage verwiesen, eines der klassischen Minoritäten- Probleme der Welt. Wie immer man diese Zweifel beurteilen mag, die Befreiung des Irak ist nunmehr eine Tat- Sache und als solche zu werten und die Jewish Agency, die durch ihre Genfer Expositur das Interesse aller Mitglieder des Völkerbundes für die zu den Vülkerbundagenden gehörende Angelegenheit des Palästinamandats zu gewinnen versuchte, wird an der Tatsache, daß in der Vöikerbundsvcrsanitnlmig gerade der arabische Staat in Fragen arabischer Länder eine besondere Aufmerksamkeit finden dürfte, nicht achtlos vorübergehen dürfen. Vielleicht ist dies der Moment, um die gesamte jüdisch-arabische Politik von dem kühleren Genfer Boden aus auf eine neue Basis zu stellen. Soll Haifa wirklich geholfen werden? Von Joseph Loewy (Haifa). Zu dem Auf »alt von Heinrich Marguliet in Nr. 76 ichickt ant Joseph Loewy, Haifa, t. Zt. Berlin, nachstehende Ausführungen, die wir, ohne uns mit ihnen tu identifizieren, der Oeffentlichheit übergehen. Hei, Seit einigen Monaten vernehmen wir Haifaner neue Töne! Man fängt in offiziellen Kreisen an, sich mit uns zu beschäftigen. Es ist aber auch Zeit. Lange genug hat man sich nur um Tel- Awiw und Jerusalem gekümmert und den Standpunkt vertreten, daß Haifa sicli schon selber helfen wird. Es mag vielleicht daran liegen, daß wir zum Schreien nicht genügend organisiert sind. Bezeichnend aber für diese Situation ist die Aeußerung, die noch vor kurzem ein prominenter Haifaner zu mir machte, der gleich mir ein gutes Stück seiner Lebensarbeit in Haifa hineingesteckt hat. Er meinte, daß wir beide unser Leben verfehlt hätten, wir hätten nach Tel-Awiw gehen müssen. Dieses ist bei weitem nicht der einzige Fall von Defaitismus, der mir hier in den letzten Jahren begegnete, aber es muß ausgesprochen werden, daß sich entgegen dem ersichtlichen Aufblühen von Tel-Awiw und Judaea in den letzten Jahren hier in Haifa eine starke Verstimmung und Hoffnungslosigkeit breitmachte, die kurz nach der Makkabiah unter anderem in dem folgenden bezeichnenden Witzwort zum Ausdruck kam: ״Purim in Tel- Awiw, Pessach in Jerusalem und Tisch ebeaw in Haifa.“ Selbstverständlich tragen wir Haifaner einen großen Teil der Schuld daran, daß es überhaupt so weit kommen konnte, es sei hier nur anerkennend festgestellt, daß man heute überall in Palästina zugibt, daß die jüdische Position in Haifa wirklieh gefährdet ist, und daß etwas getan werden muß, um Haifa zu helfen. Herr Margulies beeilt sich, der Wortführer dieser Stirnmung zu werden. Allerdings sind seine Motive ein wenig Zwangsläufig. Ihn drücken weniger die allgemeinen Sorgen Haifas als die Engagements, die Haifa gegenüber der Bank und dem Keren Hajessod hat, und die er gern liquidieren möchte. Auch das soll uns recht sein. Aber diese Einseitigkeit des Standpunktes verleitet Margulies zu gewissen Fehlschlüssen, und auch die Darstellung der Zusammenhänge wird durch diesen Standpunkt einseitig und schief. Wenn wir aber zu dem Ziel kommen wollen, nach dem wir alle streben, nämlich wirksame sachliche Hilfe zu leisten, dann müssen wir zunächst klar sehen. Ich bemerke einleitend, daß ich aus dem Gesamtprogramm, das Herz Margulies behandelt, nur das Teilobjekt Haifa herausgreife. Herr Margulies stellt also dar, daß die ,,Privatinitiative“ oder wie er es in diesem Zusammenhänge nennt, die ״Mittelstandskoionisation“ nach dem Kriege gezwungen wurde, eigene Wege zu gehen, weil der Kongreß ״der Exekutive 'die ausschließüche Kolonisation von Unbemittelten auf Keren Kajemeth-Böden aufoktroyierte“. Aus dieser Zwangslage heraus entstanden Gesellschaften wie die Amzic, der Meschek und die Haifabay, die zwar verschiedenes Gute leisteten, auch nicht unbedeutende Kapitalien ins Land brachten, schließlich aber doch infolge unzulänglicher Mittel und schlechter Leitung in Sclnvierigkeiten gerieten und die zionistischen Institutionen, vor allem die Bank und den Keren Hajessod, zwangen, mit einem Betrage von ca. 500 000 LP. zu Hilfe zu kommen, um einen Zusammenbrach dieses Kolonisaticnswerkcs zu verhüten. Das stimmt ungefähr, aber nur ,.ungefähr“. Ich habe keine Ursache, die Herren von der Amzic und vom Meschek reinzuwaschen. Jeder Kenner der ״Interna“ weiß, daß ich von Anfang an in Oppositionsstellung gegen sie war, aber es ist sehr leicht, hinterher zu kritisieren und über ״Fehlinvestments“ und ״schlechte Verwaltung“ zu reden. Ich möchte nur wissen, wie heute die jüdischen Interessen um Haifa aussehen würden, wenn wir nicht damals den ״mißlungenen Versuch“ gemacht und die Haifabay ohne Unterstützung der Bank und des Keren Hajessod gegründet hätten. Nun aber, geschehen ist geschehen, und fürs Gewesene gibt man bekanntlich nicht viel. Meschek und Amzic sind zusammen mit den Restbeständen der Haifabay in den Händen von Bank und Keren Hajessod. Wir wollen es hoffen, daß es jetzt besser gehen wird, wenn auch die bisherigen Erfahrungen kaum Anlaß zum Optimismus geben. Zunächst ist es schon mehr als drei Jahre her, daß der neue Zustand praktisch bestellt. Seitdem icii aus dem Direktorium der Haifabay ausgeschieden bin, ist die Majorität der Sitze in den Händen von Bank und Keren Hajessod. Auf dem Carmel ist es sogar noch länger her. Dort konnten weder Meschek noch Amzic überhaupt recht Fuß fassen, und dort bestellen die Engagements der Bank hauptsächlich gegenüber der PLDC und diese stammen aus einem ehemaligen Kompagniegeschäft der Bank mit der PLDC. Der Keren Hajessod ist dort überhaupt kaum in Erscheinung getreten. Ferner betragen diese beiden Engagements in der Haifabay und auf dem Carmel nur etwa 20 Prozent der von Margulies genannten Gesamtsumme, und von diesen 20 Prozent stammt der größere Teil gar nicht aus den Engagements gegen Amzic. Meschek oder Haifabay, sondern aus dem erwähnten Geschäft mit der PLDC. Trotzdem könnte diese von Herrn Margulies angekündigte Aktivität für die Entwicklung Haifas sehr nützlich werden. Dazu bedarf es aber einer Umstellung der bisher von Bank und Keren Hajessod geübten Politik, und es ist die Frage, ob es Herrn Margulies gelingen wird, diese Umstellung gegenüber den bishcrigen Widerständen durchzusetzen. Diese Widerstände äußerten sich nämlich hauptsächlich darin, daß man den Carmel und die Privatböden in der Haifabay von der Gewälirung von Krediten aus nationalen Beständen geradezu ausschloß. Während für eine Arbeitersiedlung in der Haifabay zweihundert Hausbaukredite und mehr von seiten der PEC. zur Verfügung gestellt wurden, dazu zweite Hypotheken sogar aus dem Keren Haesra, haben wir uns bisher vergeblich bemüht, für die Gegend um Cat/, den auch von Margulies erwähnten einzigen Pionier auf diesem Teile der Haifabay oder für die Achusah Sir Herbert Samuel auf dem Carmel noch so bescheidene Baukredite zu bekommen. Anstatt der Arbeiterschaft für ihre Schechunat Ovdim 200 Kredite zu bewilligen, wäre es doch durchaus auch mit 170 gegangen. Mit den restlichen 30 hätte man die Gegend um Catz und die Achusah bedenken können und damit diese beiden wirklich schwächsten Punkte um Haifa gesichert. Aber das scheiterte aus Gründen, die Herr Margulies selbst klarlegt, und die leider heute noch zutreffen. Der Mittelstand hat auf dem Kongreß keine genügende Resonanz lind auch keine genügenden Druckmittel auf die Organe der Bewegung. Seit Jahren bemüht sich die Gesellschaft Zur Schalom aus Siebenbürgen, die auch Herr Margulies in seinem Aufsatz erwähnt, um Zuteilung eines brauchbaren Geländes, um Ihr Siedehingsprogramm zu beginnen. Hier werden nicht einmal Kredite gefordert, hier würde einfach der gute Wille genügen. Aber eine ״Minorität“ im Direktorium des KKL, drei von acht, genügt, um diese Ge- Seilschaft seit Jahren vofti Beginn ihrer Arbeit abzuhaiten. Allerdings sind von dieser Minorität zwei die Vertreter der Histadruth. Wird es Herrn Margulies gelingen, hier die entscheidenden Widerstände zu überwinden? Sie liegen nur zum Teil ״außerhalb“ der Bank. Seit Jahren verlangen wir, daß die General Mortgage Bank, die doch vollkommen unter der Kontrolle der Bank steht, und die selbst bei dem bescheidenen Umfang ihres Geschäftsbetriebes ca. 15000 LP. pro Jahr an Hypotheken neu investieren kann, einen geringfügigen Splitter dieser Summe dem Carmel an Aufbauhypotheken zur Verfügung stellt. Vergeblich. Natürlich verdirbt diese Haltung der ״offiziellen“ Institute auch den privaten Hypothekenmarkt für den Carmel vollkommen. Dabei sind Interessenten und Baumöglichkeiten genug, und wir werden sie schon ״organisieren“, wenn man uns mir den kleinen Finger reicht. Vielleicht wird es auch ohne das gehen, und dann werden wir alle zusammen kluge Leute sein, nämlich wenn die nächste Konjunktur auch so kommt, wofür Anzeichen da sind. Fs ist uns zum Beispiel gelungen, von einem Privatmann, allerdings unter nicht sehr günstigen Bedingungen, vier kleine Kredite von insgesamt etwa 500 LP. für den Carmel zu erlangen und, siehe da, wir haben damit vier Häuser gebaut, nachdem die jüdische Bautätigkeit auf dem Carmel drei Jahre lang völlig geruht hatte. Man gebe uns die Möglichkeit, hundert Baukredite von 100—150 LP. pro Haus auf dem Carmel und der Haifabay planmäßig zu verteilen und Haifa wird ein anderes Gesicht bekommen. Man soll wenigstens Leuten nicht abraten, solche Kredite zu geben, wenn man schon selbst kein Geld hat. Unserer Ueberzeugung nach gehören solche Investments zu den sichersten Anlagen in ganz Palästina und wir verlangen, daß Bank und Keren Hajessod im Interesse der Liquidierung ihrer eigenen festgefrorenen Investments bei der Beschaffung solcher Kredite helfen. Wird das geschehen? Wenn ja, so kann der Versuch von Margulies gelingen, selbst wenn eine neue Verwaltung schlimmsten Falles auch nicht besser sein sollte als die gewesene. Neojahrsbotschalten Wie alljährlich, haben auch in diesem Jahre in den Vereinigten Staaten Präsident Hoover, Vizepräsident Curtis und überdies der demokratische Präsidentschaftskandidat Rooseveit, sowie der jüdische Vizegouverneur von New York Lehmann Glückwunschbotschaften an die jüdische Bevölkerung gerichtet. Vizepräsident Curtis benützte die Gelegenheit, um ״ein Wort warmer und herzlicher Ermunterung jüdischer Aspirationen auf Errichtung einer Jüdischen Nationalen Heimstätte in Palästina zu sagen“, Curtis fährt fort: ״Die Ideale des Zionismus geben dem jüdisehen Volke und der Welt neue Hoffnung auf eine geistige Wiedergeburt und auf alles das, was eine solche Wiedergeburt für das Werden einer besseren Zivilisation bedeutet.“ Curtis erwähnt schließlich die Gründung des American Palestine Committee, dem er mit Freude beigetreten sei. — Der Präsident des Internationalen Unabhängigen Ordens Bne Brith Alfred M. Coh e n geht in seiner Neujahrsbotschaft ausführlich aut die Verhältnisse der deutschen Juden ein. Er erklärt: ״Wie sonderbar, daß wir, die wir zu dem Besten beigetragen haben, was. Deutschland in Wissenschaft, Staatskunst, Literatur und Kunst hervorgebracht hat, jetzt mit Vernichtung bedroht sind, durch eine politische Partei, die unmittelbar vor der Uebernahme der Macht stand.“ Nahum Sokolow richtet gleichfalls eine Rosch Haschanah-Botschaft an die Juden, in der es heißt: ״Ueberblickt man die schwebenden Fragen unserer Tage: Jüdisches Nationalheim, neue Alijah, Frcnch-Bcricht, Hitlertum, Cuza, Numerus Clausus, rote Gefahr, so fragt man sich, hat es je, so• weit ein Lebender sich erinnern kann, einen drohenderen, zugleich einen von mehr Hoffnungen und Ungewißheiten bedeckten Horizont gegeben?“ Sokolow schließt seine Botschaft mit einem Bekenntnis zu einem wahren Völkerbund und zum Friedensgedanken. In Moskau fanden am Rosch Haschanah in dem kommunistischen jüdischen Klub antireligiöse Kundgebungen statt, die besonders stark von Jugendlichen besucht waren. Noch überfülller waren jedoch die Moskauer Synagogen. Der Ueberlall anl ein Bethaas in Wien Die nationalsozialistischen Demonstrationen am 2. Oktober in den Wiener Straßen trugen einen ausgesprochen a n t i - semitischen Charakter. Aus der Mitte der demonstrierenden Menge, die auf etwa 250 000 Personen, Manner und Frauen aller Altersstufen, unter ihnen zahlreiche Stadt- und Staatsbeamte in Beamtenuniform, geschätzt wurde, ertönten unablässig Rufe: ״Juda verrecke!“, ״Juden, geht nach Palästina“ u. ä. m. Die nationalsozialistischen Führer aus dem Reiche, wie G oering, Hauptmann Rohm, Dr. Frank II und Julius Streicher, hielten anfeuemde Ansprachen, von denen besonders die von Frank und Streicher sich durch eine bedenkenlose Judenhetze auszeichneten. Von der Ringstraße, wo die Hauptumzüge stattfanden, zogen Nazitrupps in die Nebenstraßen und machten Jagd auf Juden, die gerade die Bethäuser verließen. Vor einem Cafehaus in der Sperigasse, in der Leopoldstadt, sammelte sich ein größerer Nazitrupp. Räume dieses Cafehauses waren als Bethaus eingerichtet worden. Die Nazis drangen in das Cafehaus und in die Beträume ein und stürzten sich auf die Anwesenden. Da die Andachtsiibung bereits vorüber war, befanden sich nur noch etwa 15 Betende in den Räumen, die sich deti Eindringlingen entgegenstellten. Bei dem Handgemenge wurden fünf Juden und sechs Nationalsozialisten verletzt. Die verspätet eingetroffene Polizei verhaftete 42 Nationalsozialisten, die nach vorgenommenem Verhör zum größten Teil wieder entlassen wurden; bloß drei der Exzedenten wurden in Haft behalten und werden in das Landesgericht eingeliefert werden. Die Polizei steht den Behauptungen der Nazis, daß ihr Ueberfall nichts als ein Akt der ״Notwehr“ gewesen war, da aus dem Bethause im Cafe aut sie geschossen wurde, skeptisch gegenüber, führt aber die Untersuchung auch nach dieser Richtung hin. Gegen die in Haft behaltenen Nazis wird Anklage wegen Hausfriedensbruchs, Religionsstörung und Sachbeschädigung erhoben werden. Bei der Schlägerei ging das gesamte Mobiliar des Cafös in Trümmer. Der ״Völkische Beobachter״ versucht, aus den Wiener Vorgängen antisemitisches Kapital zu schlagen. Er überschreibt seine Wiener Berichte über angebliche Mißhandlung von Nationalsozialisten, unter ihnen auch Goering, durch Sozialdemokraten mit den Worten ״Auf Befehl der Juden . . .“ und behauptet, daß der ״jüdische Austromarxismus“ die Hitlerjungen urtd SA.-Männer in dunklen Gassen einzeln niederknalle oder niedermetzele.