Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 79 (4.10.1932)
- Date
- 1932-10-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 79, 4. X. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Sette 385 Fresseschau Bemerkenswert ist, welch starken Eindruck die antijüdische Propaganda und die gegenwärtige Lage der Juden in Deutsch- Jand bei solchen Stellen finden, die gewohnt sind, die politischen Verhältnisse in einem Lande unter internationalem Aspekt zu betrachten. Die September-Nummer der in Gen{ erscheinenden Zeitschrift ״Revue des Nationalitds et des Minor i t e s Nationales“ ein Organ, welches für die Rechte der Minderheiten in allen Ländern und auch für die Rechte der deutschen Minderheiten, die außerhalb der Grenzen Deutschlands leben, kämpft, ist zum größten Teile der Lage der Juden in Deutschland gewidmet. Nachstehend veröffentlichen wir einen Auszug aus dem Leitaufsatz, der den Abdruck zahlreicher Dokumente und Aeußerungen von Nationalsozialisten zur Judenfrage einbegleitet. Zu bemerken ist, daß diese Zeitschrift, wie aus dem Inhalt der Aufsätze hervorgeht, unter ausgesprochen christlichem Gesichtspunkt zu den behandelten Fragen Stellung nimmt. Es heißt in dem Leitaufsatz u. a.: Unsere Revue, die seit mehr als zwanzig Jahren der Sache des Friedens, der christlichen Zivilisation, der internationalen Zusammenarbeit und der Sicherung der vollen Achtung der Rechte der Nationalitäten und der Minderheiten in bezug auf Rasse, Sprache und Religion dient, erachtet es als ihre eiementarste Pflicht, vor der öffentlichen Meinung der Welt gewlssse Tatsachen und Dokumente betreffend die antijüdischen Anschläge der Hitleristen zu beleuchten; das wenigste, das man von diesen Anschlägen sagen kann, ist, daß sie eine brutale Herausforderung an jedes menschliche Gefühl bedeuten. . . Wir achten die Souveränität des deutschen Volkes, dessen Erwählte als seine legitimen Vertreter angesehen werden müssen. Man muß mit der Tatsache rechnen, daß die National- Sozialisten, die auf Grund demokratischer Wahlen weit mehr als ein Drittel aller Sitze im Reichstag erlangt haben, bald in der einen oder in der anderen Form die Macht ausüben werden. Nach den Regeln internationaler Höflichkeit würden sie dann in Genf und anderswo von den Regierungen aller zivilisierten Länder als die legitimen Vertreter des deutschen Volkes betrachtet werden. Aber neben den Regierungen und dem Völkerbund gibt es eine öffentliche Weltmeinung, die, wenn sie auch dem deutschen Volke durchaus Achtung entgegenbringt, nicht schweigend hinweggehen l^ann über gewisse Punkte des nationalsozialistischen Programms und gewisse Piiänomene des politischen Lebens in Deutschland.Die jüdisehe Gemeinschaft in Deutschland bildet keine politische Partei; in ihrer Gesamtheit hat sie niemals, sei es in Fragen innerer oder in solchen äußerer Politik, eingegriffen. Niemals hat sie die Nationalsozialisten herausgefordert, immer war nur sie Gegenstand des Angriffs. Brutaler Krieg gegen die Juden ist eine direkte Konsequenz des Programms und der ״Philosophie“ der Nationalsozialisten. . . Solche Parolen werden von den Anhängern in Beschimpfungen und Demiitigungen der Juden, in Gewaltakte von beispielloser Brutalität und Zynismus umgesetzt. . . Dies fällt um so schwerer ins Oewicht, als es sich um einen Staat handelt, bei dem man es nicht für nötig befunden hat, ihn zur Unterschrift der Verträge über den Schutz der rassischen, sprachlichen und konfessionellen Minderheiten heranzuziehen, und der sich im Schoße des Völkerbundes stets das Recht angemaßt hat, als Vorkämpfer der Rechte aller Minderheiten der Welt aufzutreten. Abgesehen von den Absichten der Nationalsozialisten auf dem Gebiete zukünftiger Gesetzgebung befinden wir uns schon heute Tatsachen gegenüber, die eine Verletzung der Rechte der Juden in Deutschland als Menschen und als Bürger be- ,.,deuten. Diese Tatsachen dürfen von dem Weltgewissen nicht .״jjphne Protest hingenommen werden״ Selbst wenn sich einmal die Regierungen aller Länder herbeilassen sollten, die Nationalsozialisten als legitime Vertreter des deutschen Volkes zu behandeln, so würde die freie öffentliche Weltmeinung eine solche Haltung gegenüber Leuten, die sie als die geistigen Urlieber der Synagogen- und Friedhofsschändungen und des Pogroms auf dem Kurfürstendamm ansehen muß, nicht billigen. Man komme uns nicht damit, daß es sich um eine interne Frage Deutschlands handelt! Die Verfolgung einer Gemein- Schaft wegen ihrer Rasse, ihrer Abstammung oder ihrer Reiigion war — auch als der Völkerbund noch nicht existierte — nicht ״interne Angelegenheit“ eines Landes. Vom christlichen Standpunkt aus dürfen wir es nicht zulassen, daß ein historisches Volk, das der Welt Jesus Christus und die Bibel gegeben hat und dessen Söhne sich unter den höchsten Repräsentanten von Wissenschaft und Literatur befinden, Gegenstand einer so abscTieülichen Verfolgung sein soll, wie es die ist, deren Herd jetzt Deutschland ist. In dem Aufsatz wird die bekannte Erklärung des Reichs- Präsidenten von Hindenburg an den Central-Verein erwähnt und dazu bemerkt, dies sei recht wenig und überdies zu spät gekommen. Bloße Erklärungen und Mißbilligungen genügen nicht, wenn sie nicht von unmittelbaren und strengen Maßregeln begleitet werden. Die Lage der Juden in Deutschland ist jetzt der der russischen Juden zur Zeit der Pogrome 1880—1890 vergleichbar, und sie verschlimmert sich täglich. Statt platonisclier Mißbilligung müßte energisch gehandelt werden — bevor es zu spät ist. Es geht um die Ehre Deutschlands. Ein Land, das in unseren Tagen eine auf Pogrome hinzielende Agitation duldet, dürfte schwerlich Anspruch erheben auf einen ebenbürtigen Platz in der Familie der Kulturvölker. Das Heft enthält eine große Zahl Dokumente (naiionalsoz. Programme und Gesetzentwürfe, Reden der Führer usw.) sowie Illustrationen. N. Barou schreibt in der Septembernummer der ״Internationalen genossenschaftlichen Rundschau“ (Hamburg) über ״Die genossenschaftlichen Organisationen in Palästina“. Barou beginnt mit der Darstellung der Wirtschaftliehen und sozialen Zustände Palästinas; beschreibt dann die Arbeiterinstitutionen (Chewrat, Owdim, Nir u. a.j, ferner die Kwuzoth, iiher die er sich anerkennend äußert. ״Sie leisten die außerordentlich schwierige und gefährliche landwirtschaftliche und kolonisatorische Arbeit . . . Die Siedlungen haben bei der Entwicklung neuer landwirtschaftlicher Methoden Hervorragendes geleistet.“ Spricht dann über ״Jachin“ (30 488 Pfund Einnahmen 1931). Von der ״Tenuwah“ berichtet er die Umsatz- Steigerung von 19 651 Pfund im Jahre 1924 auf 139 102 Pfund im Jahre 1930. ״Hit“ (Orangenabsatzorganisation der Arbeiter• schaft) führte 1931 70000 Kisten Orangen aus, 1932 voraussichtlich 100 000 Kisten. Unter den übrigen Organisationen der Arbeiterschaft schildert er den ״Hamaachbir“ (Einkaufszentrale, Umsatz 1931: 68 145 Pfund), Transportgenossenschaften und die Darlelms- und Spargenossenschaften. ״Sie zählen 7211 Mitglieder (22 Prozent der organisierten jüdischen Arbeiter und verfügen über ein Kapital von 10 741 Pfund sowie über Einlagen m der Höhe von 17 225 Pfund. Zu den Mitgliedern gehören auch einige hundert arabische Arbeiter.״ Auch für die Arbeiterbank, Versicherungsgesellschaft ״Hasne“ und ״Arbeiterinnenrat“ (ihm unterstehen eine Reihe van Institutionen) gibt er instruktive, zum Teil sogar neue Zahlen. Im zweiten Teil seines Aufsatzes beschreibt er die kapitalistische Genossenschaft*- bewegung in Palästina, die 1930 44 tätige Organisationen umfaßte, von denen 17 städtische und 27 ländliche Genossenschäften waren. 33 dieser Genossenschaften hatten Ende 1931 28 490 Mitglieder und Spareinlagen in Höhe von 641096 Pfund. An Darlehen wurde den Mitgliedern 803057 Pfund gewährt. Er spricht dann über einige besondere Genossenschaften, z. B. über die der ״Winzer in Rischon lc Zion und Sichrem Jakob“; ferner über ״Pardess“ und ״Hachaklai“, die mit der Arbeitergenossenschaft ״Hit“ 40 Prozent zum Orangenexport stellen. Am Schluß des zweiten Teils erwähnt er die 2 Versicherung*- enossenschaften, 12 Wassergenossenschaften und die ״Zentralank für genossenschaftliche Einrichtungen“. Barou schlägt, die Gründung eines ״Instituts für genossenschaftliche Ermittlungen in Palästina und im Nahen Orient“ vor, um die reichen Erfahrungen und Erfolge des jüdischen Genossenschaftswesens auch den Arabern und den umliegenden Ländern nutzbar zu machen. * Die antisemitische Presse in Deutschland ist seit Jahr und Tag darum bemüht, das ״Weltjudentum“ zu einem ausgesprechen deutschfeindlichen Element zu stempeln. Nun hat vor kurzem der Führer der national-demokratischen Partei in Polen, Senator Kozicki in dem Organ dieser antisemitischen Partei ״Qazeta Warszawska“ einen Aufsatz veröffentlicht, in welchem gesagt M־ird, daß das ״Weltjudentum“ seinem Wesen nach ausgesprochen deutschfreundlich sei. Dieses freundliche Verhältnis des ״Weltjudentums“ zum Deutschtum habe sich schon im Weltkriege gezeigt und in einem noch viel höheren Grade in der Zeit nach dem Weltkriege. So stellen also die polnischen Juden eo ipso ein polenfeindliches Element dar. Mit Bedauern stellt der Senator fest, daß die polnischen Gebiete an der deutschen Grenze ganz verjudet seien, was dein Deutschtum naturgemäß Vorschub leiste, während es das Polentum im höchsten Grade gefährdete. Aber dabei bleibt der Verfasser des Aufsatzes nicht stehen. Er ist sehr ungehalten darüber, daß Danzig gegenwärtig 8000 polnische Juden zählt; die wegen ihrer deutschfreundlichen Einstellung bekannten polnischen Juden seien alles andere als eine Vortruppe des Polentums in Danzig. Die Konsequenzen ergeben sich von selbst: Die antisemitische Hetze der Nationalsozialisten in Danzig, der geschworenen Feinde Polens, sei sehr zu begrüßen.... St. S. * Zum 30. Todestag (29. September) von Emile Zola brachte das ״Berliner Tageblatt“ einen Aufsatz, von Ger hart Pohl, der Beachtung verdient. Gerhart Pohl weist auf die Aehniichkeit der Zeitverhältnisse zwischen dem Frankreich von 1898 und dem Deutschland von 1932 hin. Vorherrschen der Reaktion im öffentlichen Leben, Gärung, wachsende Unzufriedenheit und starke Spannung in den Volksmassen. Und überall der Ruf: ״Die Juden sind an unserem Elend schuld“. Damals stellte sich Zola in Frankreich der Welle des Antisemitismus entgegen und warnte seine Mitbürger in seinem kühnen Aufsatz ״Pour les juifs“ davor, die Schuld des Juden Dreyfus dem ganzen jüdischen Volke anzukreiden. Und als er durch Bernard L a z a r e von der Schuldlosigkeit des Kapitain Dreyfus überzeugt worden war, entlud sich sein flammender Protest in jenem berühmten Brief ״J'accuse“, den die sozialistische Zeitung ״L’Aurore“ veröffentlichte, der ihm den Haß des reaktionären Frankreich zuzog und seine Verurteilung herbeiführte. ״Meine Pflicht ist zu reden; ich will nicht mitschuldig sein“, schrieb Zola — und hat damit der Welt ein großartiges moralisches Beispiel von leidenschaftlichem Bekennermut und Wahrheitsdrang }unterlassen. Aber Deutschland hat keinen Zola. Pohl erhebt gegen die Geistigen im heutigen Deutschland, die Künstler und kulturellen Führer, die die Verantwortung genau so tragen, wie sic Zola trug, den Vorwurf, daß sie, anstatt den Kampf aufzunehmen, sich in Schweigen hüllen. l.B. S. Jahresversammlung der ״Hadassali“ New Y 0 rk , 28. September. (J. T. A.) In New York fand vor einigen Tagen die 18. Jahresversammlung der ״Hadas sah“ statt. Dr. Chaim Yass ky, der Direktor der Hadassah Medical Organisation in Palästina, erstattete Bericht über die Gesundheitsfürsorge der Hadassah und führte u. a. aus: In Palästina hat die Gesundheitsfürsorge größere Bedeutung als in irgendeinem anderen Lande. Einwanderer aus allen Teilen der weit kommen in dieses Land und müssen sich den völlig verschiedenen klimatischen und sozialen Bedingungen anpassen, was oft außerordentlich schwer ist. Im vergangenen )anre wurden 360 Kinder regelmäßig beköstigt und dies hat sehr viel zur Besserung des Gesundheitszustandes der Kinder beigetragen. Obwohl die Gesundheitsarbeit reduziert werden mußte, ist die prophylaktische Arbeit auf zwei Hauptgebieten uneingeschränkt fortgeführt worden: 1. Kinder-Hygiene, Fürsorge für schwangere und gebärende Mütter, Säuglings-Fürsorge, Schul-Hygiene und Gesundheitsunterricht; 2. Bekämpfung ansteckender Krankheiten, wie Trachome und Tuberkulose. Es wurden Begrüflungstelegramrne vom High Commissioner für Palästina, von Nahum Sokolow und dem Vizegouverneur des Staates New York, Herbert H. Lehman, verlesen, woraufhin der Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas, Morris Rothenberg, Richter Julian W. Mack, Rabbi Dr. Stephen S. Wi 8 e und Prof. Mordeeai M. Kaplan Ansprachen hielten. Israel B. Brodie, Vorsitzender des American Economic Committee for Palestine, führte in seiner Ansprache aus, es sei notwendig, den Strom jüdischer Ein- Wanderung nach Palästina zu verstärken; es sei wesentlich, daß Palästina in einer verhältnismäßig kurzen Zeit von sich selbst erhaltenden Juden bevölkert werde, Juden, die sich zu einem geschlossenen Volk als dem Träger hoher jüdischer Ideale entwickeln, bis sie schließlich ein sich selbst regierendes Gemeinwesen bilden können. Das in New York und Tel-Awiw existierende ״Economic Bureau“ erleichtert den wirtschaftlichen Kontakt mit Palästina für jeden, der mit Kapital einwandern oder Kapital in Palästina investieren will. Die Hadassah-Präsidentin Frau Edward Jacobs eröffnete die von mehr als 1500 Frauen besuchte Tagung mit einer Anspräche, in der sie mitteilte, e* bestehe begründete Hoffnung, daß sehr bald ein mit der hebräischen Universität verbundenes großes Medizinisches Zentrum in Jerusalem er* baut werde. Zunächst wird eine Geburtsklinik samt Mütterberatungssteile errichtet werden, deren Entstehen den persönliehen Anstrengungen des Vorsitzenden des Amerikanisch-Jiid. Aerzte-Komitees, Dr. Nathan Ratno ff, zu danken sein wird. Die Hospitalsarbeit außerhalb Jerusalems!nacht immer weitere Fortschritte. Umfassende Programme der Gesundheitsarbeit werden in Tel-Awiw und in Haifa gleichmäßig durchgeführt. Die Kupath C h 0 1 i m Amamith (Volkskrankenkasse), die im vorigen Jahre für die ländliche Bevölkerung begründet worden ist, entwickelt sich vielversprechend. Jerusalem, 29. September. (J. T. A.) Der High Commlssioner empfing am 28. September eine Abordnung der Agudas JisroeL die an ihn die Forderung nach offizieller Anerkennung der extrem orthodoxen jüdischen Gemeinde Palästina* stellte und ferner besondere Einwanderungszcrtiflkate für jüdische orthodoxe Elemente, sowie Befreiung der in öffentlichen Aemtern tätigen Juden von der Arbeitspflicht an Sabbattagen verlangte. Der High Commissioner erklärt!, er achte durchaus die. religiösen Gefühle der Orthodoxie und werde sich bemühen, für die zur Sprache gebrachten Angelegenheiten eine Lösung zu finden. Revisionismus und zionistische Disziplin Von Richard L i c h 111 c i m. Im Zusammenhang mit den Beschlüssen der Wiener Revisionistenkonftrtm erhalten wir nachstehende Aus/ührungm. Red. Je mehr sich die zionistische Presse mit den Beschlüssen von Calais, London und Wien befaßt, um so größer wird die Verwirrung. Da irrige Meldungen von allen Seiten kommen, sei hier der Sachverhalt nochmals zusammenfassend dargestellt: 1. In Calais wurde beschlossen, daß die Revisionistische Union künftig Schekelzahler wie Nicht-Schekelzahler umfasse (sofern sie das revisionistische Programm anerkennen), und daß alle Revisionisten der Disziplin der Union unterstehen. 2. ln Wien wurden die unter 1. genannten Beschlüsse von Calais bestätigt. Ein Beschluß über den Vorrang (Primat) der revisionistischen Disziplin gegenüber der Disziplin der Zionistischen Organisation wurde nicht gefaßt. 3. Daß die Ita und die gesamte Presse — einschließlich der ״Neuen Welt“ — den irrigen Bericht über den ״Primat“- beschluB brachte, beruht auf einer L) e 11111 n g der Wiener Beschlüsse, die sich auch revisionistische Journalisten und andere Teilnehmer der Konferenz zu eigen machten. Nunmehr ist — durch die Veröffentlichung des Textes der Beschlüsse und Erklärungen Großmanns — der Sachverhalt so klar lestgestellt, daß alle Kommentare zu dem angeblichen PrimatbeschluB überflüssig werden. Die irrige Deutung der Wiener Beschlüsse entstand durch die Abgabe einer offiziellen Erklärung im Plenum der Konferenz, derzufolge die revisionistischen A. C.-Mitglieder in London gegen gewisse Disziplinbeschlüsse des A.C. gestimmt und protestiert hätten. Diese ״Erklärung“, welche die tatsäehliehen Vorgänge bei der A. C.-Sitzung in London nicht mit der nötigen Deutlichkeit darstellte, rief auf der Konferenz bei vielen Teilnehmern den Eindruck hervor, daß die revisionistischen A. C.-Mitglieder die generelle Disziplinforderung des A. C. zurückgewiesen hätten. Dies in Verbindung mit der Annahme des im Calais-Beschlüsse enthaltenen Grundsatzes der revisio« nistischen Parteidisziplin erzeugte die irrige Meinung, daß ״im wesentlichen“ nunmehr nur die Disziplin der revisionistischen Union für die Revisionisten verbindlich sei. So entstand die Legende vom ״Primat“. 4. Was wurde in London beschlossen, was haben die revisionistischen A.-C.-Mitglieder angenommen und was haben sie bekämpft? Angenommen haben sie den grundsätzlichen Disziplinbeschluß, welcher lautet: ״Die Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation setzt die Unterordnung unter ihre Gesetze und die Beschlüsse ihrer leitenden Instanzen voraus.“ Die A. C.-Fraktion der Revisionisten war einmütig der Auf• fassung, daß dieser Beschluß annehmbar und unter den ge• gebenen Umständen unvermeidlich sei. Es haben daher fünt Mitglieder der revisionistischen Fraktion für diesen Beschluß gestimmt, während die übrigen fünf zwar nicht dafür, aber auch nicht dagegen stimmten. Es wurden dann aber noch weitere Beschlüsse gefaßt, die sich auf die Führung außenpolitischer Verhandlungen, auf politische Sonderaktionen, auf den Vorrang (Primat) der zionistischen Disziplin und auf Strafmaßnahmen im Falle der Disziplinverletzung bezogen. Gegen diese Einzelbestimmungen, welche nach unserer Auffassung teils zu weitgehend, teils mit dem Statut der Z. O. unvereinbar erscheinen, ist die revisionistische Fraktion aufgetreten. Mit vollem Recht hat sie dagegen protestiert, daß eine auf freiwilliger Mitarbeit beruhende politische Organisation ein Disziplinarrecht zu schaffen sucht, das eine ln der Praxis völlig undurchführbare Bevormundung der Zionisten anstrebt. Es ist daher ein Irrtum, wenn die ״Jüdische Rundschau“ in Nr. 76 schreibt: ״Der Beschluß des A. C., der auch mit den Stimmen der revisionistischen Mitglieder an* genommen wurde, stellte eindeutig fest, daß die Disziplin gegenüber der Zionistischen Weltorganisation unbedingt den Vorrang hat.“ Für diesen ״Primat“-beschluB des A.C. haben die Revisionisten nicht gestimmt. Dagegen haben sie den Grundsatz der zionistischen Organisationsdisziplin als solchen anerkannt. 5. Aus diesen Vorgängen ergibt sich, daß die revisionistisehen Schekelzahler sich zur Disziplin einerseits gegenüber der Z. O., andererseits gegenüber der Revisionistischen Union verpflichtet haben. Die beiden vom Revisionismus anerkannten DiszipiinbcschÜisse stehen unvermittelt nebeneinander, ohne Bezugnahme des einen auf den anderen, und ohne Anerken* nung des ״Primats“ der einen gegenüber der anderen Disziplin, Es ist völlig verfehlt, aus der Tatsache dieser ,,doppeiten Disziplin“ den Schluß zu ziehen, daß der Revisionismus in einen unlösbaren Konflikt mit der Z. O. geraten müsse. Jeder Zionist anerkennt eine ״mehrfache“ Disziplin durch seine Zugehörigkeit zu verschiedenen Verbänden und Vereinen. Der Misrachist muß sich den Beschlüssen des Misraclii und der Z. O. fügen. Ob die beiden Disziplinen in Konflikt geraten, ist Sache der Praxis, nicht des Prinzips. Entscheidend für das künftige Verhältnis des Revisionismus zur Z. Ö, wird nicht die Tatsache der ״doppelten Disziplin“ und die in London wie in Wien erfolgte Zurückweisung des Primatanspruchs nach beiden Seiten sein, sondern die praktische Politik der Union, In der zwei Strömungen miteinander ringen. Bleibt die überwiegende Mehrheit der Union, wofür alle Anzeichen sprechen, als Sonderverband in der Z. O., so wird die ״doppelte Disziplin“ in formaler Hinsicht kein andercs Problem sein, als etwa im Falle des Misraclii. Eine Verletzung der offiziell anerkannten Organisationsdiszi- 7!in seitens eines po.itisch-zionistisclien Verbandes ist immer mögich und durch Paragraphen nicht zu vermelden, wenn sie zur Gewissenssache wird, Je mehr sich der offizielle Zionismus den revisionistischen Gedankcngiingen nähert, desto geringer wird die Gefahr eines solchen Diszinlinbruchs. Je feindseliger sich die zionistische Leitung zum Revisionismus stellt, desto eher wird die Union geneigt sein, ihre eigenen Wege zu gehen. Setzt sich die andere Richtung durch, welche den Revisionisinus von der Z. O. loslösen will, so wird es in der Frage der Disziplin keine formalen Schwierigkeiten geben, weil es dann für die Revisionisten nur noch eine Disziplin geben kann. Das wird alle Paragraphenreiter höchstlich befriedigen — aber ist dem Zionismus damit gedient? Ich bin angesichts der Wiener Beschlüsse in die Opposition gegangen — nicht wegen der ״doppelten Disziplin“, die mich wenig kümmert, sondern wegen der Unklarheit über den künftigen Weg der Union. Ich wollte Klarheit darüber, daß die Revisionisten Schekelzahler sind, in der Z. O. einen Sonderverband bilden und den Zionismus von innen her erobern wollen. Die Mehrheit der Revisionisten hat die gleichen Wünsche wie ich — nur wollte sie die von mir geforderte Klarheit nicht schaffen. Calais wurde bestätigt— was praktisch bedeutet, daß die beiden Richtungen vereint bleiben, aber verschiedene Wege gehen wollen — eine sehr schwer zu lösende Aufgabe. ' ln der Entscheidung zwischen diesen beiden Richtungen liegt das Schicksal des Revisionismus beschlossen. Zugleich wird diese Entscheidung für die Zukunft der Z. O. von größter Bedeutung sein. Die vielerörterte Frage der ״doppelten Disziplin“ ist demgegenüber von ganz untergeordneter Bedeutung.