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Jüdische Rundschau · 1932-10-04 · Heft 79 (4.10.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 79 (4.10.1932)
Date
1932-10-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 384 JÜDISCHE RUNDSCHAU 0 Nr. 79, 4. X. 1932 Wirtschaitsiördernde Palästina ■Arbeit I. Unter den Beschlüssen des Frankfurter Delegiertentagea beansprucht für das zukünftige Arbeitsprogramm der Z. V. f, D. folgende Resolution besondere Aufmerksamkeit: ״Der Qeschäftsführende Ausschuß wird beauftragt, die Frage des Ausbaues der bestehenden Wirtschaftsahteilung beim Palästinaamt zu einer Zentralstelle für praktische Palästina* arbeit (Pnliistina-Wirtschafts-Amt) zu prüfen.“ Das Palästinaamt der Z. V. f. D. diente in den letzten Jahren so gut wie ausschließlich mir als beratender und organisierender Apparat für Auswanderung, speziell für die Chaluz- Auswanderung. Verschiedene Versuche, auf dem Gebiete der Wirtschaftsberatung und Förderung der palästinensischen Wirt*!chaft erfolgreich zu arbeiten, blieben meist im Anfangsstadium stecken, da nicht einmal die bescheidensten Mittel für eine solche Arbeit freigemacht werden konnten, und es daher an einem systematischen Aufbau und Arbeitsplan mangelte. Der ganze Charakter unserer Arbeit, auch wenn sie nicht auf den engsten Arbeitskreis des Palästinaarntes beschränkt war, ist ausgesprachen ״reaktiv“, d. h. Anfragen werden beantwortet, vorgelegte Plane werden geprüft und Informationen gegeben oder beschafft. Wir alle aber spüren, daß dieser Charakter unserer Arbeit eine völlige Umgestaltung erfahren muß, daß sie akt i v , initiativreich, fordernd, planend und autba 11 e 11 d zu sein hat. Will man eine solche Arbeit organi- Bieren, so darf man sich nicht allzu sehr von den bisherigen Methoden unserer Arbeit und unseres ganzen notgedrungen ,,amtlichen“ und damit immer bürokratischen Apparates leiten lassen. Andererseits muß über das Arbeitsprogramm und die Arbeitsmethoden auf diesem für die zukünftige Entwicklung unserer gesamten zionistischen Arbeit so wichtigen Gebiet volle Klarheit herrschen. Die besonderen Schwierigkeiten einer so!־ dien Tätigkeit, die in der gleichzeitigen Verbindung von offiziösem Informationsdienst und werbender Initiative, von nationalwirtschaftlicher Politik und privatwirtschaftlicher Beratung, von Sachkenntnis und Menschenbehandlung liegen, müssen i!n Programm und in den Methoden weitgehend berücksichtigt werden. Auch darf man von vornherein nicht die Gefahren vergessen, die jede wirtschaftliche Initiative als Risiko in sieh tragt, noch über die Grenzen im Unklaren sein, die jedem halbamtlichen Apparat gesetzt sind. II. Der logische und organische Aufbau dieses Arbeitsgebietes kann nur stufenweise vor sicli gehen; jedoch müßten einige der nachstehend gekennzeichneten Aufgaben vorsichtig neben* einander von Anfang an durchgeführt werden. 1. Informationen: Der neu zu schaffende Apparat hat hier ungefähr die Aufgaben zu erfüllen, die von den entsprechenden Abteilungen der Handelskammern, pder den bei vielen Regierungen bestehenden ״Außenhandelsstellen“ erfüllt werden. Das wirklich wichtige, grundlegende Material muß gesammelt, und es muß vor allem auch dafür gesorgt ein, daß stets die neuesten Daten und Informationen zur Verfügung stehen. Da die palästinensische Regierung von sich aus kaum etwas tut, um die Kenntnisse auch der wichtigsten Bestimmungen außerhalb Palästinas und Englands bekannt zu geben, muß diese Arbeit von Grund auf angefangen werden. Natürlich darf hier auf keinen Fall ein ״Archiv“ geschaffen werden, dessen größter Schatz fleißig gesammelte Zeitungsausschnitte sind, sondern auch die Materiaisammlung muß planmäßig auf ganz bestimmte Gebiete beschränkt bleiben, hierfür müssen aber, und zwar durch direkte Verbindungen mit den letzten Quellen, alle Materialien hundertprozentig ״ä jour" sein, Folgende wären die wichtigsten Abteilungen; Handelspoll־ tik (Zollbestimmungen — Hafenbestimmungen) etwaige Konsulatsbestimmungen — Usancen usw.; Industrie (Unterlagen für die bereits vorhandenen Industrien, Kapazität und Fabrikationsprogramme, genaue Kenntnis der Wasser- und elekirischen Stromverhältnisse usw.; Baupreise und Mietspreise; Bodenpreise; Handelsstatistik mit spezifizierter Kenntnis der Einfuhrmengen und Werte nach Waren und Ländern; Konzessionen; Lohn* und Arbeiterverhältnisse; Berufsorganisationen und Handelskammern; Staatsaufträge und Ausschreibungen; Genossenschaftswesen; Banken und andere Finanzinstitute, Kreditverhäitnisse, Transportverhä'.tnisse; Ausstellungswesen; Auskunfteien und Investment-Gesellschaften, Diese Liste macht keinen Anspruch auf absolute Vollständigkeit, sollte jedoch nicht allzu sehr erweitert werden. 2. Auf Grund des so gesammelten Materials, dessen Wert, wie nicht oft genug betont werden kann, mehr noch in seiner Aktualität als in seiner Vollständigkeit Hegt, können dann Auskünfte und Informationen an die Interessenten erteilt werden. Als wichtigster Grundsatz hat hierbei zu gelten, daß nicht Ratschlage, sondern Material zu geben ist. Die Beschlüsse, wie das Material auszuwerten sei, hat stets der einzelne Interessent zu fassen. Wollen wir uns nicht mit grenzenlosen Verantwortungen belasten, so müssen wir auf dieser Stufe unserer Arbeit besonders zurückhaltend sein, sonst diskreditieren wir die weitere Entwicklung. Reicht das vorhandene Material nicht aus, so ist es unsere Aufgabe, die Interessenten möglichst rasch mit den letzten Quellen der Informationen in direkte Verbindüng zu bringen, wobei auf die Auswahl dieser Informationsstellen ganz besonderer Wert hinsichtlich ihre״ Zuverlässigkeit und Objektivität geübt werden muß. 3. Hier beginnt bereits unsere Initiative. Auf Grund der gewonnenen Kenntnisse und Materialien können wir anfangen, auf sachlichem Gebiet Anregungen zu gehen und Pläne zu entwerfen. Das gründliche Studium der Einfuhrverhältnisse wird Anregung zu mancher kleineren oder größeren Industrie geben, die ebenso gut in Palästina aufgebaut werden kann wie anderswo. Neue Erfindungen und neue Bedürfnisse hier oder drüben werden dies Programm erweitern. Schon heute gibt es mindestens vier bis fünf solcher Projekte, die unter Mihvjrkling einzelner unserer Freunde iri dieser Richtung arbeiten und die zweifellos bei genügender Vorbereitung und Snchkenntnis nicht weniger erfolgreich sein können als das berühmte Musterbeispiel der Bloom’schen Fabrik für künstliche Zähne, in ständiger, lebendiger Beziehung zu Palästina auf der einen und zum wirtschaftlichen und industriellen Fortschritt auf der anderen Seite muß unsere Arbeit hier in der Lage sein, schöpferisch zu wirken und .neue Menschen und neues Kapital für die Palästinaarbeit heranzuziehen. Dieses Arbeitsgebiet wird vollständig erst auf der niiehsten, der 4. Stufe entwickelt. Diese ist der wichtigste Teil der Arbeit überhaupt, denn hier kommt es darauf an, das wichtigste Element des Palästinaaufbatis, unser Menschenmaterial, in den Prozeß der wirtschaftlichen Entwicklung richtig und produktiv einzusetzen. Subjekte und Objekte auf dieser Stufe unserer Tätigkeit sind sehr.mannigfach. Da gibt es zunächst die große Zahl der ״Klein-Kapitalisten“, Menschen, die in ihrem Beruf meist als kleine Kaufleute, bisweilen auch als Handwerker cs zu einem kleinen Vermögen gebracht haben. Man muß hierbei außerordentlich bescheiden sein; Ein ״Kapital“ von wenigen tausend Mark, noch dazu wenn es wirklich greifbar und flüssig ist, ist meist alles, was diese unsere Mensehen gerettet haben: und dennoch können sich auch für sie Möglichkeiten der Uebersiedlung und der Nutzbarmachung für den Palästinaaufbau finden. Allerdings Ist große Zurückhaltung am Platze, denn es ist eine strenge Auswahl, nach menschlicher Eignung des Einzelnen (Alter, Familienverhältnisse, Sprachkenntnisse, Gesundheit, Schulung), nach Beruf und nach Geldmittein notwendig. Das ungünstige Verhältnis, das immer noch zwischen der Zahl der Interessenten und der Zahl derer, die ihr Ziel erreichen konnten, liegt, verbietet — neben manchen politischen Gründen — eine systematische Propaganda; und vor allem sind hier noch manche Hindernisse aus dem Wege zu räumen, die nicht nur in Deutschland (durch die Devisengesetzgebung), sondern auch in Palästina durch die noch immer außerordentlich schwere Einwanderungsgesetzgebung hindernd im Wege stehen. Einen wesentlichen Aufstieg könnte diese Arbeit erfahren, wenn sich die Kreditverhaltnisse in Palästina bessern. Es ist ein grotesker Widerspruch, wenn bei den palästinensischen Banken ein noch nie dagewesener Geldüberfluß herrscht, und manches geplante und sicherlich gesunde kleine Unternehmen noch in Europa steckenbleiben muß, weil zu dem kleinen eigenen Kapital des Auswanderers kein ergänzender Kredit zu beschaffen ist. Unsere Arbeit würde eine außerordentlich wichtige Funktion erfüllen, wenn die palästineniisehen Geldinstitutionen unter Berücksichtigung all ihrer banktechnischen Notwendigkeiten und Vorsichtsmaßnahmen einmal dazu kommen würden, Kredite und Darlehen solchen Einwandmmgskandidaten zur Verfügung zu stellen, deren Kredit- Würdigkeit in privatwirtschaftlicher und kolonisationspolitischer Hinsicht von uns geprüft wurde. Die Zahl der Auswanderer, die Höhe des nach Palästina gebrachten Kapitals und die Menge und Kraft neuer wirtschaftlicher Initiative würden einen ungeahnten Aufschwung erleben. Selbstverständlich bedarf die technische und formale Organisation einer solchen Tätigkeit noch genauer Bearbeitung und Festlegung. Natürlich gibt es auch noch in Deutschland nicht wenige, denen ein größeres, manchmal beträchtliches Kapital zur Verfiigung steht, und die entweder von sich aus die Absicht haben, selbst nach Palästina auszuwandern oder wenigstens Kapital dort zu investieren, oder die unschwer hierfür zu gewönnen sind. Einzelne sow'ohl wie Gesellschaffen könnten Im Rahmen der oben skizzierten Arbeiten dafür gewonnen werden, Zweigfabriken in Palästina zu eröffnen, Montagewerkstätten aufzumachen, Halbfabrikate erst durch geeignete Fabriken in Palästina zu Fertigwaren zu machen usw. usw׳. Es liegen hier viele Pläne vor und die Aufgabe unserer Arbeit ist nicht, nur solche Pläne auszuarbeiten, sondern vor allen Dingen die geeigneten Elemente zusammenzubringen. Hier liegt ein gewisser Bedarf in Palästina vor *— dort ist eine Fabrik, die die Patente und Herstellungsmethoden besitzt — einem Dritten steht das notwendige Kapital zur Verfügung, ein Vierter, ein Fachmann, hat vielleicht etwas Geld, um sich an dem Projekt zu beteiligen und findet als Berater oder Leiter oder Beauftragter so den Weg zu seiner Palästina-Existenz. In unendlichen Variationen wird sich diese Situation häufig wiederholen, und mancher Plan mag schon frühzeitig vor seiner Reife aufgegeben worden sein, nicht etwa, weil er falsch war, sondern weil es nicht gelang, die geeigneten Menschen und Objekte zusammenzubringen. Auch für eine letzte Form auf dieser Stufe unserer Arbeit gibt es in Deutschland Möglichkeiten: Ansiedlungsgruppen. Weniger leicht als in anderen Ländern aber immerhin doch möglich ist es, daß sich auch bei uns in irgendeiner Stadt oder einer Provinz, vielleicht auch aus Kreisen einzelner zianistieher Organisationen heraus, Pinne entwickeln, eine gewisse Anzahl von Familien gemeinsam in Palästina anzusiedeln, Die gesammelten kleinen Kapitalien der einzelnen Familien bieten unter Umständen eine verbesserte Chance zu Bodenkauf und Ansiedlung. Die Kosten der Vorbereitung, der Erforschung der günstigsten Kauf- und Ansiedlungsverhältnisse werden für den Einzelnen verringert. Mut und Initiative wachsen in gemeinsamer Arbeit mit mehreren Gleichgesinnten. Es erscheint durchaus nicht unmöglich, daß auch Deutschland seine Kolonie ln Palästina haben wird, so wie es viele andere Länder haben. Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß auf dieser Stufe unserer Arbeit wir daran denken müssen, durch ständige Verbindung mit Palästina, Kenntnisse und Interesse aller In Frage kommenden Kreise zu vermehren, und daß die Förderung und Organisierung von Gesellschaftsreisen nach Palästina hierzu das wichtigste Mittel ist. Mehr als bisher sollte die Reise zum Studium einer zukünftigen Uebersiedlung, mehr auch noch die gemeinsame Reise von wirtschaftlich interessierten Berufsgruppen ins Auge gefaßt werden. In Deutschland wird diese Arbeit im Zusammenarbeiten mit׳ den erfahrenen Schiffahrt«- und Reisebüros keine besonderen organisatorischen Schwierigkeiten machen. 5, Gerade dieser letztgenannte Programmpunkt leitet zu der nächsten Stufe über, in der nämlich in unserem Arbeitsgebiet nicht nur indirekte, sondern auch direkte Hilfe für unsere palästinensische Wirtschaft geleistet werden kann. Palästina besitzt heute noch keine Konsuln im Ausland, keine Handels- Vertretungen oder ähnliches, die dem palästinensischen Wirtschattier in seinen Beziehungen im Auslande zur Seite stehen. Es gibt keine irgendwie geartete Wirtschaftspropaganda für palästinensische Produkte, es gibt aber auch nicht einmal eine Stelle, an die sich der palästinensische Fabrikant, Importeur oder Exporteuer planmäßig wenden könnte, wenn er Informationen oder gar Hilfe (bei Werbung, Rechtshilfe, Personalbescliaffung usw.) finden will. Das völlige Fehlen einer organisierten Fremdenverkehrswerbung sei hier nur erwähnt, aber auch unsere Ausstellungen und Messen beispielsweise bedürfen dringend einer solchen Hilfe und Mitarbeit. Ganz von selbst wird sich aus dieser Arbeit die Notwendigkeif entwickeln, daß wir beginnen, auch eine planmäßige H a n d e I s p o 1 i t i k zu treiben. In Palästina sind ja seit einiger Zeit Ansätze hierzu festzustellen, die allerdings meistens von akuten Notwendigkeiten her bestimmt sind. Ein freundschaftlieber Verkehr mit ähnlichen Instituten der deutschen Wirtschaft, mit fremden Handelskammern und Vereinigungen wird unsere Arbeit ergänzen müssen und dem palästinensischen Wirtschaftsleben häufig neue und interessante Verbindungen erschließen und manche wichtige Information an die dafür geeigneten Stellen gelangen lassen. III* Eli! so bewegliches und umfangreiches Arbeitsgebiet ist natürlich schwer in einem organisatorischen Apparat unterzubringen. Wir haben es mit einer der typischen Mischformen zu tun, die aus der ganzen nicht privat und nicht amtlichen, nicht rentabilitätswlrtschaft'ichen und nicht ausschließlich propa* gaullistischer Art unserer Arbeit hervorgehen. Wir brauchen hier eine Kombination von Konsulat-, Handelskammer-, Außenhandelsstelle, Wirtschaftsvereiniguiig und wirtschaftlicher Werbestelle. Der Apparat, den wir uns aufbauen müssen, krankt vor allem daran, daß er zu mindesten in einer recht langen ersten Zeit unrentabel Ist und nur über ganz gering• ftigige Einnahmen überhaupt verfügen kann. Der Apparat darf dabei um Gottes willen nicht bürokratisch aufgezogen werden, wie es bei unseren amtlichen Institutionen nur gar zu leicht geschieht, er darf aber auch nicht sich zu einer im wesentlichen privatwirtschaftlich interessierten Unternehmung auswachsen. Die Menschen, die in dieser Arbeit tätig sind, müssen Palästina genau kennen, müssen auch zu den in Frage kommenden palästinensischen Institutionen Beziehungen unterhalten. Es wird vermutlich ratsam sein, um diese Stelle, in deren Namen das Wort ״Amt“ nicht Vorkommen sollte, sondern die am ehesten mit dem Namen ״Palästina- Wirtschafts-Dienst“ zu bezeichnen wäre, einen kleinen Beirat zu gruppieren, der aus Vertretern verschiedener Berufe und .Wirtschaftsgebiete und aus Menschen mit guten Be- Ziehungen zu anderen, ähnlichen Organisationen zusammengesetzt sein soll. Es erscheint mir richtiger, daß dieser ganze Apparat als eine eigene Organisation aufgezogen wird und nicht eine der vielen Unterabteilungen bildet, die die Z. V. f. D. hat. Natürlieh müßte die Z.V i.D. und eventuell die Fonds, die die gesamte Arbeit ja zu finanzieren haben, auf Programm und Methoden der Arbeit eine genaue Kontrolle ausüben. Man wird hierfür leicht die richtige juristische Form, vielleicht durch Schaffung eines eingetragenen Vereins, oder durch Angliederung an irgendein bestehendes Institut finden. Es erscheint aber nicht als unmöglich, anzunehmen, daß eine solche Stelle im Laufe der Zeit auch die Möglichkeit zu eigenen Einnahmen haben wird, ja sich sogar selbst finanzieren kann. Bescheidene Gebühren für Materialsammlung und Ex־' pertisen können genommen werden. Die Bearbeitung größerer1 Projekte kann entgeltlich erfolgen. An der Werbung für palästinensische Messen kann etwas verdient werden, desgleichen bei der Organisierung spezieller Reisen. Manche palästinensischen Institute werden vielleicht dieser Stelle Auftrüge erteilen, für die ebenfalls Honorar gezahlt werden kann und es ist nicht unmöglich, daß ein funktionierender, organisatorischer Apparat auch Beiträge von einzelnen interessierten Fabriken und Kaufleuten, von palästinensischen und hiesigen Wirtschaftsverbänden oder Individuen, vielleicht auch von dieser oder jener Stadtverwaltung in Palästina erhält. Aber dieses ist im Augenblick nur Zukunftsmusik, nur ein fertig organisierter Apparat, der praktische Erfolge nachweisen kann, kann Mitglieder werben und Beiträge erheben. Nur dann kann aber dieser ״Palästina-Wirtschaftsdienst“ erfolgreich auf gebaut werden, wenn zugleich mit seinem Arbeitsplan und der organisatorischen Form auch seine Finanzierung für längere Zeit im Mindestmaß gesichert ist. Die Durchführung dieser praktischen Palästinaarbeit, wie sie der Itelegiertentag wünschte, hat anders vor sich zu gehen, als manche andere zionistische Arbeit begonnen zu werden pflegt, und manchmal auch begonnen werden mußte: Am Anfang steht nicht die laute und vernehmliche Verkündung; nicht die Propaganda für etwas, das erst noch werden soll, leitet sie ein; sondern am Anfang steht die systematische Arbeit und erst ihr Ergebnis wird gleichzeitig auch ihre Werbung sein. E. A. Zur Frage der Einkommensteuer Wie kürzlich gemeldet, hat der High Commissioner für Palästina ein Komitee ernannt, das die Frage der E i n f ü h ־ rung einer Einkommensteuer in Palästina studieren und ein entsprechendes Gesetz vorbereiten soll. Die Araber haben, so heißt es, die Mitarbeit an dem Komitee abgelehnt. Sie stehen auf dem Standpunkt, daß sie sich jeglicher Schritte enthalten müssen, die den Anschein erwecken könnten, als anerkennten sie die Rechtmäßigkeit des gegenwärtigen Regimes. Die Juden, so wird weiter gemeldet, stehen der Einführung einer Einkommensteuer ablehnend gegenüber. Es besteht somit die bedauerliche Situation, daß bei einer so einschneidenden, die Bevölkerung unmittelbar tangierenden Maßnahme die Regierung ohne jede Teilnahme von Vertretern der Landesbevölkerung bandeln müßte. Die Schaffung einer Einkommensteuer ist begreiflicherweise sehr unpopulär. In keinem Lande sind neue Steuern beliebt, lind Palästina war bisher in dem Meer europäischer Hochbe- Steuerung die selige Insel ohne Einkommensteuir, was auch eine gewisse Attraktion ausübte und die Privatwirtschaft1 erleichterte. Bisher konnte das Land trotzdem seinen Etat balancieren. Aber das ändert sieh jetzt, da sich auch die Struktur der Bevölkerung dank der jüdischen Aufbauarbeit ändert. Bisher war Palästina ein reines Bauernland, und von der Landwirtschaft wurden die Bodenertragssteuern in Form des ״Oscher“ (״Zehent“) eingetrieben. Die alte türkische Form dieser Steuer wurde zwar im Lauf der letzten Jahre mehrmals reformiert, aber angesichts der furchtbaren Agrarkrise der ganzen Welt war es auch in Palästina immer weniger öglich, den Oscher einzutreiben. Die Regierung ermäßigte den scher und mußte doch im letzten Jahr den Bauern nicht weniger als £ 170 000 erlassen! Die Haupteinnahmen der Relerung sind indirekte Steuern, die naturgemäß die Lebensaltung der Bevölkerung verteuern und sich daher nicht weiter steigern lassen. Auf der anderen Seite hat die Regierung wesentliche Aufgaben bisher vernachlässigt. Die Juden fordern — mit Rieht — höhere Subventionen für ihr Schulwesen und Gesundheitswesen; auch der übrige Kultur-Etat der Regierung läßt viel zu wünsehen übrig. An den Ausgaben kann noch manches gespart werden, besonders an den übermäßigen Gehältern der englischen Beamten. Aber ohne neue und modernere Einnahmequellen wird es auf die Dauer nicht abgehen. Die geplante Einkommensteuer wird wohl noch immer wesentlich niedriger sein als in europäischen Ländern. Jedenfalls wäre es gut, ihre Festsetzung nicht dem automatischen Machtspruch der Verwaltung zu überlassen. Die Einführung von Einkommensteuern in Ländern, die diese Steuer bisher nicht kannten, ist nicht auf Palästina beschränkt. Wie schon so häufig, geht in Ostafrika eine parallele Aktion vor sich; haben doch auch die Palästina-Weißbüch er von 1922 und 1930 ihr Pendant in Ostafrika (und auch die große Palästina-Anleihe ist mit Ostafrika verbunden). Die in der englischen Oeffentlichkeit geführte Diskussion über Ostafrika gibt uns daher auch einigen Aufschluß für die psychologische Einstellung bei Beurteilung dieser Fragen, zu denen Palästina hinzugerechnet wird. Die ״Times“ veröffentlichte dieser Tage einen Artikel über die Einkommensteuer In Kenya, wobei die zwei gegensätzlichen Standpunkte charakterisiert werden. Die weißen Siedler in Kenya widerstreben der Schaffung einer Einkommensteuer, betrachten sie als Hindernis der wirtschaftlichen Entwicklung und berufen sich darauf, daß das Land ihnen alles zu danken hat, auch der höhere Lebensstandard der Eingeborenen sei eine Frucht der weißen Kolonisten und deren Zivilisationstätigkeit. Auf der anderen Seite steht die Regierung auf dem Standpunkt, daß sie die Interessen der wirtschaftlich schwächeren ein geborenen Bevölkerung gegen die weißen Kolonisten (in di >sem Fall also gegen Engländer) zu schützen hat. Darum ist sie gegen eine Ueberbelastung der Konsumenten durch indirekte Steuern und für eine Heranziehung der Kolonisten durch direkte Steuern. Der Korrespondent der ״Times“ weist darauf hin, daß eine Einkommensteuer wahrscheinlich sehr wenig ergeben, und daß die beabsichtigte Erleichterung für den ״kleinen Mann“ wahrscheinlich auch ausbleiben würde Denn die ganze Bevölkerung hänge direkt oder indirekt von der Prosperität der Großbetriebe, die in den Händen der Weißer sind, ab. Das sind Argumente, die mutatis mutandis in manche! Hinsicht auch für Palästina zutreffen, wenn auch dort besonders durch die rapide städtische Entwicklung, die Dinge etwas anders liegen. Jedenfalls wird man bei Einfiihrung einer Einkommensteuer auch in Palästina sehr vorsichtig zu Werke gehen müssen, damit nicht eine Schädigung der Wirtschaft entsteht, die die Entwicklung des Landes aufhält und sich letzten Endes auch in einem Sinken der Einkttnfte des Fiskus auswirken müßte,

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