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Jüdische Rundschau · 1932-09-30 · Heft 78 (30.9.1932) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 78 (30.9.1932)
Date
1932-09-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 78,30. IX. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 379 Menschheit als eine neue Emotion. Es ist nicht zufällig, uah che I ropaganda jüdisch-christlichen Ursprungs ist. . nun hier Bergson der biologisch begründeten Moral eine absolute entgegensetzt, so unterscheidet er auch zwei "ץf:״ von Religion. Die eine ist biologisch bedingt, sie bildet ein Gegengewicht gegen die intellektuelle Uebcrzcugung von der Notwendigkeit des Sterbens. Ihre Funktion ist die einer Selbstverteidigung der Natur gegen den Intellekt. Der Mensch, zum Bewußtsein erwacht, würde der Furcht E , y״*״ciflu״g verfallen, wäre nicht jene ״fabulierende Funktion'‘, die ihm die Welt belebt und personifiziert. Der Intellekt würde nur allzu leicht die Verhaftung des Menschen an das Leben lockern; da kommt die Religion und gleicht dieses Manko aus und schenkt dein Menschen durch den Glauben an Vorsehung und gute Geister das erschütterte Vertrauen zum Leben wieder. Dieser von Bergson ״statisch“ genannten Religion aber steht eine andere biologisch durchaus nicht bedingte gegenüber, die ״dynamische Religion“ des Mystikers. In der Natur, soweit sie biologisch bedingt ist, gilt das Kräftespiel von Lcbenselan und materiellen Widerständen.!Der Lebensstrom wird immer wieder durch die Materie an fggehalton, aber gleichzeitig verfestigt und jedes Individuum, jede Spezies ist zum Stillstand gekommener Lebens- Schwung. Der Mystiker aber überschreitet die Grenze, welche in ihm als Individuum dem Leben durch den körperlichen Widerstand gesetzt ist, er taucht ein in den Lebensstrom, zerbricht den Widerstand und identifiziert sich mit der Kraft, die die Welt gestaltet. Die dynamische Religion will also dem göttlichen Willen über die Hindernisse der Materie, den Funken über die Schalen, wie die jüdische Mystik sagen würde, zum Siege verhelfen. Die Inder kannten die Versenkung in die Gottheit, aber sie glaubten nicht an die Macht des Menschen, Liebe, die sie an sich selbst erfahren hatten, in die Welt hinauszutragen. Dieser Glaube an die Liebe, diese ״robustesse“, kam erst durch den jüdisch-christlichen Einschlag in die Welt. Dieses Kapitel bei Bergson liest sich wie eine Paraphrase des Kapitels über die Erlösung in Franz Rosenzweigs ״Stern“, wenn auch auf ganz anderer Ebene. Bei Rosenzweig ist der Gottversimkene kein Mensch, er ist nur Gefäß, was er spricht, ist nur _ Antwort, nicht Wort, das in das Leben ginge, sein Leben ist nur Walten, nicht Wandeln. Erst der ״Heilige“, der sich der Welt zuwendet, ist der ganze Mensch. So stellt auch Bergson, wenn auch lange nicht mit Rosenzweigs Tiefe, den Weg von der indischen zur jüdisch-christlichen Religiositat dar, die i n s Leben geht. Bergson spricht mit großem Optimismus von dem Weg der Religion durch die heutige Welt. Den Gegensatz der heutigen materialistischen Zivilisation zur Religion halt er für vorübergehend. Zivilisation und Religion sind aufeinander angewiesen. Die gegenwärtige Weltkrise offenbart, daß die Zivilisation mit ihren eigenen Kräften die Probleme, die sie erzeugte, nicht lösen Kann, während umgekehrt die Religion die Zivilisation und Technik zu Hilfe rufen wird, denn nur ein Mensch, dem die Technik die Probleme des materiellen Daseins, mit Brod zu sprechen, das ״unedle Unglück“ gelöst hat, wird sich zu seiner kosmischen Aufgabe erheben können. Der Weg dahin ist freilich noch weit, Bergson verhehlt sich die Schwierigkeiten nicht. Insbesondere die Regelung des Zusammenlebens der Völker ist viel schwieriger als selbst die Pazifisten glauben wollen. Die geschlossene Gesellschaft und der Kampf einer Gesellschaft gegen die andere ist von der Natur gewollt. Während die schiedliche Ausgleidumg der Konflikte zwischen einzelnen Menschen in der Linie der Natur liegt, die ja die Unterordnung des Einzelnen unter die Gesellschaft gewollt hat, ist das Schiedsgericht zwischen Völkern widernatürlich, denn die Natur wollte hier ״.dep Kampf. Aber die vom Judentum und *Christentum in die Welt gebrachte absolute Moral und dynamische Religion bedeuten den Aufruhr gegen die Natur und der Mensch wird diesen Aufruhr siegreich vollenden. Eine Kritik der Bergsonschen Ausführungen würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen. Sie hätte wohl vor allem anzusetzen an dem Doppelsinn von ״Leben“, der diesen Aufstand des Menschen im Systeme ermöglicht. Leben ist für Bergson einerseits schaffende Energie im höchsten Sinne, Gott, andererseits aber Leben im biologischen Sinne, und so kann Bergson sagen, daß der Mensch den Aufstand gegen das Leben im Dienste des Lebens ins Werk setzt. Auch ist es fraglich, wieweit sich rein biologisch und ohne theologischanthropologische Fundierung die Sonderstellung des Menschen im Kosmos beweisen läßt. Wichtig aber ist, daß Bergson von seinen biologischen Voraussetzungen aus zu Konsequenzen gelangt, die nun förmlich nach jener Fundierung schreien. Der Ausblick, den er eröffnet, ist das Universum, das sich mehr und mehr beseelen wird. Mehr und mehr wird der Lebenselan, die spirituelle Energie über die ״Schalen“ Herr werden. Wiederum sei Rosenzweig zum Vergleich zitiert: ״ln der erlösten Ueberwelt wird die Welt, diese Welt aus Fleisch und Blut und Stein und Holz ganz erlöst von aller Dinglichkeit zu lauter Seele.“ Jerusalem. Hugo Bergmann. ״Das Jahr des Jüdischen Frauenbundes“. Wie alljährlich 1m E11111, sobald die Hörner zu blasen beginnen, hat sich auch in diesem Jahre der getreue Hausfreund der jüdischen Frau, der Kalender des Jüdischen Frauenbundes, pünktlich eingefunden. Diesmal zeigt er ein anderes Gesicht — neu und doch von altersher vertraut. Das Sabbatjahr seines Bestehens feiert er; und sinngemäß haben in diesem Jahr die sorgsam wählenden Herausgeberinnen ״Bilder zur Bibel“ die einzelnen Tage des jüdischen Jahres begleiten lassen. Die Auswahl bringt — mit der sicheren Hand, die wir schon an den Herausgeberinnen kennen, getroffen — sowohl alte Haggadah-lllustrationen wie Schöpfungen der großen Bibel-Darsteller aus Renaissance und Barock und fügt auch Werke aus unserer Zeit ein (Menkes, Szalit, Lesser Üry, Steinhardt u. a.). Sehr zu begrüßen ist es bei dieser sicherlich nicht leichten Auswahl aus unerschöpflichem Erbgut der Vergangenheit, daß häufig nicht die landläufigen und allgemein bekannten Wiedergaben eines Themas, sondern unbekanntere und manchmal schwerer zugängliche Darstellungen gewählt wurden, deren drucktechnische Wiedergäbe — ganz besonders bei plastischen Werken — glücklich gelang. Im einzelnen wird mancher hier und da ein Blatt vermissen oder durch ein anderes ersetzen wollen; so hätten wir etwa statt der anmutig beschwingten, aber ein wenig blassen Judith des Botticelli lieber die großäugig-geheimnisvolle Judith des Allori gesehen u. dgl. Aber solche Abweichungen des individuellen Geschmacks sind unvermeidlich; und als Ganzes gesehen ist der Versuch vortrefflich gelungen. Von gleichem Verständnis zeugen die Textstellen, die den einzelnen Bildern beigegeben sind. Neben Hinweisen auf die dargestellten Schriftworte finden wir hier Aussprüche jüdischer und nichtjüdischer Menschen aus alter und neuer Zeit — bis hin zu einer Stelle aus dem Nachlasse von Franz Kafka, die manchem Stoff zum Nachdenken geben wird. — Ausstattung und Einrichtung des Kalenders haben die gewohnte Art in diesem Jahre noch in Einzelheiten vervollkommnet: Es gibt manchen mehr, dem dieser Kalender zum unentbehrlichen Begleiter durch die Tage des jüdischen Jahres geworden ist; und der vorliegende Jahrgang wird die Zahl dieser Getreuen — wenn nicht alles trügt — noch erheblich steigern, Bertha Badt-Stra u ß. Osigalizisches Tagebuch Von Otto Abeies. Wegen Raummangele können wir nur einzelne Abeehnitte aus dem uns vorliegenden ״Tagebuch“ zum Abdruck bringen. Red, Manche Woche habe ich jüngst unter den Juden Ostgaliziens verbracht, manche bange Woche. Jetzt sammeln sich die Gestalten um mich, die ich in den Gassen sah, denen ich in vielen, vielen Stuben gegenübersaß, die ich in Verkaufsliiden, •Büros, Ordinationszimmern, Advokaturskan/leien sprach. Jetzt umdrängen mich die Eindrücke. Was ich hier aufzeichnen kann (und darf), sind Nachrichten vom Niedergang des Volkes, das dort auf der polnischen Erde wirtschaftlich zusammenbrieht, zu müde ist, um seine Verzweiflung zu äußern, viel zu müde, um dem kulturellen Untergang entgegen/uwirken. Die Särge von Zloczow. Das Städtchen gürtet ein anmutiger Kranz gepflegter Anlagen, mit freundlichen Ruheplätzen unter alten Bäumen. Vom Gebinde der Wiesen und Blumenbeete führen die Gassen und Gäßchen ins Zentrum, zu einem sehr großen rechteckigen Platz. Er ist bis an den Rand vollgestopft, dieser ansehnliche Marktplatz von Zloczow. ln dein weiten Häuser- Viereck drängen sich die Zeilen merkwürdig regelmäßiger, merkwürdig gut gebauter, merkwürdig ,,ausgerichteter“ und numerierter Verkaufsbuden. Die Leute hinter den sauber gestrichenen, richtig verglasten Schiebefenstern fühlen sich wahrscheinlich wie Insassen einer Nobelvilla im vornehmsten Kottage, wenn sie an die winzigen, windschiefen, halbzerfallenen, von Kindern und Ungeziefer wimmelnden Lehmhütten des Ghettos dort unten beim Pferdemnrkt denken. In diesen Buden liegen: kleine Häufchen WcilSgcbävk — man könnte den ganzen Bestand in einem einzigen Korbe wegtragen — oder etwas Pfaidlerware, oder ein paar Pappschachteln billigsteil Zuckerwerks, oder ein Schaff mit Gurken. Hinter jedem ״Warenlager“ sitzt der Mann, die Frau, die Familie. Ich glaube, in diesen gutge/immerten Holzbuden befinden sich ebcnsovielc Menschen wie Brote, oder, 11m nicht zu übertreiben, doppelt soviele Augenpaare als Weißwecken. Sitzen dort in den militärisch ausgerichteten, numerierten Baracken hinter dem Verkaufspult, vom keimenden Morgen bis zur behördlich angeordneten Sperrstunde und haben nichts zu tun, als das vom Sanitätsamt angeordnete, über die ״Nahrungs- und Genußmittel“ gebreitete Stück Organtin zu überwachen, das man, käme es abhanden, bei Gott, nicht zum zweiten Male anschaffen könnte. Und dann erst, wenn der Laden geschlossen werden muß, kommt Leben in die Bude. Da werden Posten aufgestellt, die angestrengt nach dem Auge des Gesetzes spähen. Nicht schließen, möglichst lange noch nicht schließen! Der Tag kann doch nicht so zu Ende gehen. Vielleicht wird man jetzt noch ein paar Groschen einnchmen. Der Monatsbeginn steht bevor, an den Magistrat sind zwei Zloty Monatsmiete zu zahlen. Eine Unsumme. Man hat mit ungeübten Händen nach einem geliehenen Muster das Gesuch um Stundung oder Erlassung hingemalt, aber das Bürgermeisteramt kann doch nicht alle Eingaben berücksichtigen. Diese netten Buden auf dem Marktplatz von Zloczow sind nette Särge ebensovieler Existenzen, ein Friedhof, sorglieh angelegt, von frischgrünen Anlagen weit umringt, ein Sinnbild für das langsame Niedersinken der polnischen Juden. Die Herztätigkeit wird durch regelmäßige Kampferinjektionen belebt: Durch die allwöchentliche Hoffnung auf den Markttag. Die Holzhäuschen vom Marktplatz warten auf den Mittwoch. Mit ihnen werten die Advokaten, — ich glaube, es gibt mehr Advokaturskanzleien als Brotbuden —, warten die Aerzte, warten die richtlgön protokollierten Kaufleutc mit Firmenschildern und Lichtreklame — alle warten sie auf die Bauernwagen vom flachen Lande. Aber die Bauern sind unsäglich arm, sie können kaum Salz kaufen, geschweige denn ein Stück Leder, sie können in ihrer Baucrnhütte kein Licht brennen. Die Naphtaindustrie von Drohobycz kriegt es zu spüren, daß der Bauer kein Geld für die Füllung der Petroleumlampe hat, nicht einmal für die magerste Kerze. Ich sah einen solchen Markttag kommen und trostlos vortibergehen. Der Kaufmann gegenüber dem sogenannten Hotel, Gemischtwarenhandlung mit Schaufenster, exequiert muskelstärkende Uebungen. Er reißt den Roilbalken hinab und hebt ihn allsogieich in halbe Körperhöhe. Immer wieder, immer wieder. Wink mit dem Zaunpfahl an die vom Markte Heimkehrenden, daß man hier auch nach der Sperrstunde unterkriechen und cinkaufen könnte. Rennt eine Strecke nach rechts und links, festzustellen, ob die Luft rein ist, und beginnt dann wieder das Spiel mit dem Rollbalken, rennt und krümmt sich wie einer, der in die Glasglocke gesperrt ist. Die Pumpe saugt langsam den Sauerstoff aus und das Opfer wehrt sich gegen das Ersticken. Versuch mit untaugliehen Mitteln. Sinnloser Lebensmut. Bei Zehngut, in dem bekannten Lemberger jüdischen Restaurant, eilt ein zwölfjähriger Zeitungsverkäufer von Tisch zu Tisch. Er benützt die schulfreien Stunden, um Geld zu verdienen, und man sagt mir, daß er die ganze Familie erhält. Der Junge ist von guten Eltern. Sein geflickter Rock, seine Stiefel, sein Kopfhaar sind nach Tunlichkeit gut gehalten. Er arbeitet {link, tüchtig, kennt seine Kundschaft und ihre Bedürfnisse, nützt jeden Augenblick, jede Verdienstmöglichkeit, ist ruhig und gesammelt wie ein Meistersportler, der ohne unnütze Kraftverschwendung in möglichst kurzer Zeit möglichst viel leistet. ״Ohne unnütze Kraftverschwendung“, schrieb ich nieder. Die Worte grinsen mich an. Hier ist jede Kraftverschwendüng, die schönste Kraftentfaltung unnütz. Wie richtete man sich sonst an solchen jüdischen Halbwüchsigen auf! Aber die Tapferkeit und Tüchtigkeit des Judenknaben von Lernberg ist sinnlos geworden, wie die opfervolle Bravheit des Speisenträgers bei Zehngut sinnlos ist. Der bezahlt einen Latein-Lehrer für seine Tochter, mit unsäglichen Entbehrungen natürlich, damit sie die Ergänzungsprüfung macht und auf die Hochschule kann. Der sympathische Zeitungsjunge wird sich nicht durchriiigen, die Tochter des Kellners wird nirgends Unterkommen, auch wenn sie alle Prüfungen mit Auszeichnung macht. Die Wogen schlagen zusammen und begraben alles. Den* Spekulant und Abenteurer mag eine Spanne Zeit obenauf schwimmen, die Finger mit Brillantringen bestecken, vielleicht sogar bis zu seinem seligen Ende einen großartigen Stadtpelz tragen. Sonst kommt keiner in die Höhe, keiner aus der breiten Masse, die sieghaft den ganzen Mittelstand, den ״Stand ohne Mittel“ an sich gebunden hat. Der Lebensmut, der unser Lebensglück ist, — hier wirkt er wahnwitzig, wie maskenfreies Atmen beim Giftgas- Bombardement. Nur der jüdische Hotelportier ln Tarnopol ist Herr der Situation. Das Haus leer, nichts zu tun. Aber den Zimmer- Schlüssel muß ich mir doch immer selbst vom Brett in der Portierloge holen. Der Mann hat keine Zeit für die Gäste, läßt sich nicht stören. Er spielt Schach. Mangels eines Partners sehr häufig mit sich selbst. Und der Führer der Stanislauer jüdischen Gemeinde hat recht, der mit unermüdlicher Geduld allen Parteien Aufmerksamkeit schenkt, die sieb immer wieder in sein Zimmer drängen, seinen Schreibtisch umlagern. ״Anhören, anhöien! — Solange die Leute den Weg zu mir finden, und Rat holen und klagen und Pläne haben und streiten, lebt die Gemeinde.“ In den Poren der Wirtschaft. Irgendwo, ich glaube, es war bei einem Meeting drüben fn Luxemburg, £and mein Korreferent für ein bekanntes ludenübel ein instruktives Bild: ,,Wir sitzen in den Poren der Wirtschaft“. Eine grausame Entwicklung ließ die Juden der Ver Streuung nirgends zum Boden zu, dessen Bearbeitung die Basis der Wirtschaft war. Wir sitzen überall — lockerer oder dichter — bloß in den Poren des Wirtschaftskörpers. .Ms Vermittler, Händler, Aer/te, Advokaten. Erkrankt die VI i־t* schaff, schüttelt sie das Fieber, so wird zunächst ausgeschieden, was in den Poren sit/t. In Polen trifft der medizinische Vergleich erschreckend zu. Die Juden hocken atembeklemmend aneinandergepreßt in den Poren der Wirtschaft. Das war schon längst so. Aber seit der Kricgsflucht sitzen sie noch dichter und unsicherer. Ich bin in Ostgali/ien mit mindestens 1000 bejahrten Männern persönlich in Fühlung getreten. Keiner unter ihnen, der nicht mindestens vier Jahre ״Flüchtling“ war. Wer wiederkam, mußte so ziemlich von vorne anfangen. Es gehört zu den Wundern der jüdischen Existenz, woher Menschen, die plötzlich mit der ganzen Familie abgegraben wurden, jahrelang die Hinterlandsfreuden des polnisch - jüdischen Fluchtlings genossen, die Elastizität, den Orientierungsgeist und vor allem den Mut nahmen, in der zerstörten Heimat von vor^e anzufangen. Klar, daß auch die erfahrensten nie wieder die Sattelfestigkeit von einst erzielten. Die wichtigste Bindung, die Jüdischkeit, die weit mehr als man es ahnt, die ökonomische Lage der Juden festigt, ist zerrissen oder sehr gelockert. Der Väter Sitte ging in der Fremde verloren, ihre nachbarlichen Beziehungen, das Maß an jüdischem Wissen, über welches jeder verfügte, und der äußere Habitus. Die bewußte polnisch-nationale Assimilation ist fast nicht mehr zu sehen, — die unbewußte Anglei ־!u׳1.׳j schreitet mit Riesenschritten fort. Die Menschen, deren Frwerbsieben sich neu einftigen mußte, diese Ameisenhaufen des Zwerghandels, von denen die Städte und Städtchen ü’־erquellen, sind nicht mehr so ״zu Hause“, wie vor dem österreichischen Ultimatum, man kennt einander nicht mehr beim Vornamen, die Seele der Gasse ist matt geworden, — ״mit dem Gürtel, mit dem Kaftan riß der schönste Wahn entzwei . . Und nun überkam Polen die denkbar schwerste Ökonom!- sehe Krise, die Wirtschaft wird vom Fieber geschüttelt, die Juden sitzen in den Poren, freundliche Aerzte der Wirts haft — und der Juden! — verabreichen Medikamente, den Fieberprozeß zu beschleunigen, den ״heilsamen“ Schweißausbruch zu fördern. — Als ich im Lande weilte, erschien gerade eine Verordnung, die einem ganzen Stand Intellektueller, einem sozusagen jüdischen Erwerbszweig, der Advokatur, die Kehle zuschniirte. י Und doch! Aus der Welf, fn der die Uniform, der gedrillte Schritt und Tritt, der gedrillte Sprechchor, die Kasernierung der Gesinnung, der Dienst am Partei-Häuptling Trumpf geworden ist, kam ich zu den demokratischen Ostjuden, zu den ,,heimischen Menschen“, die einander so frei und zutraulich, so königlich unbefangen, so wahrhaft würdig begegnen. Eine Erquickung, wenn man Berl, den Kutscher, mit dem Präses der Gemeinde von 35 000 Juden sprechen hört, das Markt* weib mit der ersten Frau der Stadt. Die protzigen Großverdiener, die übermütigen Plusmacher ' sind sö ziemlich alle geworden. Und diejenigen, welche über Grundbesitz verfügen, der einst so erträgnisreich war, über Forste, diejenigen. Welche in der Holzindustrie, im Großhandel mit Feidfrüchten seit Generationen stehen, sind von schwersten Sorgen, ja, Nahrungssorgen gepeinigt.. Jetzt gehören sie alle hinein in die breite jüdische Masse — und sie kann sich als solche sehen lassen. Wunderbar die Hilfsbereitschaft des Kleinbürgers, ergreifend die Scham derer, die für andere nichts mehr leisten können. Was ahnt der Wiener, Berliner, Budapester Jude von den Fürsorgelasten, welche dort der kleine Mann trägt, der noch ein Existenzminimum hat (nach Stanislauer Begriffen), vom Hillswerk der Frauen, von der alle Kräfte in Anspruch nehmenden Sammlung etwa vor den Osterfeiertagen, von der Bemutterung der Waisen, wie ich sie in Drohobycz oder Lcmberg beobachtet habe. Und wer ahnt im Westen, was den polnischen Juden Pal 3stina bedeutet! Wo die Sehnsucht nach Erez Israel stets weit lebensvoller wirkte als im Westen, ist sie jetzt, in der Aera der fortschreitenden Entjudung und des Massensterbens der Existenzen die Kraft geworden, welche wach erhält, was noch nicht zum Gleichmut des ßettlertums erstarrte, der Traum, der den dumpfen Alltag überglänzt. Kurz nach meiner Ankunft in Lemberg fand eine Gesellschaftsreise nach Palästina statt. Ich ging zum Bahnhof, um noch einige Freunde zu sprechen. Ich konnte nicht auf den Perron. Viele tausende Menschen füllten die Bahnhofshalle und den Raum vor dem Bahnhof, immer neue Scharen strömten zu. Man ist abgebrüht, hat manche Hoffnung welken gesehen, manche Hemmung und Störung des zionisiis heu Aufhauwerkes mitgelitten. Aber dieses Massenwatidern zum Bahnhof an dem sehr stürmischen unwirschen Spätwintertag — es war keine organisierte Demonstration, es gab weder Plakate noch Musikkapellen, noch Ordner, noch Faltnen, noch Vereinsaufmärsehe — diese sieghafte Bewegung, dieser gewaltige Drang der Menge, wenigstens die zu sehen, die das Glück haben, hinüberzufahren, rief zwingend zum Werke und zeigte seine Größe. Juwal: Hebräische Gedichte von Anda Pinkerfeld (Verlag D’wir, Tel-Awiw), ln allen Tonarten wollen diese Gedichte einer jungen Palästinenserin Ausdruck sein für die Liebe und absolute Zugehörigkeit zur Erde, zum Land, zu den Lebensgenossen. Wir vernehmen aus ihnen das Tönen der nächtlichen S.i.le und erleben die Erde, die ״von Gottes Liebe ausgebrannt ist“. Solche ekstatische Empfindung bindet sich nicht an konvcntionelle Sprachgesetze; aber es ist eine starke Sprache, die nicht den Ehrgeiz hat, anmutig und weich zu sein, was ihren Inhalten auch gar nicht entsprechen würde. I!1r Talent für den Sprachrhythmus und Formenreichtum des 1 Mbr.tischen ist unverkennbar. Das Unermeßliche der neuer.1:־ 01: ־;־.den und neugeschauten Natur möchte sich in dieser 1 i Iilung r.us* sprechen. Alle Vorgänge, die sich im Gemüt absMc'.cn, werden zu Natnrereigni'sen. lieb.'s c 'ichte von so c'ementarer Melancholie sind hier entstanden, wie sic nur ein bis ins Letzte naturverbundener Mensch schaffen kaum AI.; Pnriae für diese dichterische Begabung sei hier ein Gedicht verdeutscht: Vergib, daß deine Tiefen erst mich ängstigten Und mich aufschreckten, eine wilde Hindin. Als ich dann aber eintrat in das Dickicht deiner Wälder, Zutraulich ward die Hindin — trank Wasser des Lebens sich aus deiner Hand. Alice Jacob-Log w.easfla. 1 T .! ■i. M; ״I yX, \0 ]

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