Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 78 (30.9.1932)
- Date
- 1932-09-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 378 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 78, 30. IX. 1932 Lüeraiur»Blaii Wüste und Gelobtes Land Geschichte Israels von den Anfängen bis zum Tode Salomos Von fflias Auerbach (Kurt Wolff Verlag A.-G., Berlin 1032. Preis 16.— RM.). Die wissenschaftliche Erforschung und Darstellung der allen Geschichte Israels ist bisher, wenn man absieht von den Kapiteln, die ihr Gractz um! Dubnow in ihren Gcsamtdarstelhingen der Geschichte des jüdischen Volkes gewidmet haben Darstellungen, die zugestandenermaßen nicht auf eigenen Forschungen beruhen — die unumschränkte Domäne nichtjüdischer Theologen und Orientalisten gewesen. Das ist kein Ruhme.;b!ait in der Geschichte der an hervorragenden Leistungen sonst so reichen Wissenschaft des Judentums und erklärlich nur dadurch, daß die Träger dieser Wissenschaft, in ihrer über- Wiegenden Mehrzahl jüdische Theologen, selbst wenn sie nicht dogmatisch durch den Traditionsglauben gebunden waren, dem biblischen Texte, der I iauptijueile der aitisraelitischen Geschichte, gegenüber nicht die Unabhängigkeit gefunden haben, die Voraussetzung für die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte Altisraels ist. Es hat aber 11er Entwicklung dieses Zweiges der Geschichte des jüdischen Volkes auch nicht zum Vorteile gereicht, daß es bisher ausschließlich niclitjüdisehe Theologen und Philologen gewesen sind, auf denen die Arbeit der wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte des alten Israel geruht hat. Denn bei allen unvergänglichen Verdiensten, die sich Männer wie Ewald, Guthe, Lehmann-Haupt, Winkler, Jeremias, Gressmann, Kittel und vor allem Julius Weühausen und Eduard Meyer um die Grundlegung einer wissenschaftlichen Erkenntnis der Geschichte Israels erworben haben, darf doch nicht verschwiegen werden, daß ihre Arbeiten nur allzuoft im Philologischen und Religionsgescliichtiidien Sterken geblieben sind und das Soziologische des historischen Werdens eines Volkes nicht erschaut oder — was noch bedenklicher ist — daß sie sich von christlich-theologischen Vorurteilen nicht frei gemacht oder gar — lind das gilt z. B. für den genialen Historiker des Altertums Eduard Meyer —, daß sie. ihr Urteil über Geschichtsvorgänge der altisraelitschen Zeit von antijüdischen, aus dem Leben des Tages stammenden Ressentiments haben beeinflussen lassen. Es ist daher erklärlieh, daß es immer der Wunsch aller an der Geschichte ihres Volkes interessierten Juden gewesen ist, daß endlich einmal ein jüdischer Historiker käme, der, dogmatisch ungebunden, ausgestattet mit dem Bück des Historikers und im Besitze der Kenntnis aller methodologischen Forschungsmittel, die von der nichtjüdischen Wissenschaft für die aitisraelitischc Geschichte in so hervorragender Weise entwickelt worden sind, es sich zur Aufgabe setze, die Anfänge der Geschichte unseres Volkes zu erforschen und darzustellen. Der Wunsch ist erfüllt woa־- den: in Elias Auerbachs Werk ״Wüste und Gelobtes Land“ liegt der erste Teil der ersten von einem jüdischen Historiker auf Grund selbständiger wissenschaftlicher Forschung dargestellten Geschichte des alten Israel vor, und, um es mit einem kurzen Worte einleitend zu sagen, dieses Werk ist ein Meisterwerk geworden. Ich bin mir zutiefst der großen Verantwortung bewußt, die ich mit diesem Urteil vor der wissenschaftlichen Welt und dem Laienpublikum übernehme, und kann doch nicht umhin, es in dieser Form auszusprechen. Was sind denn die Kriterien echter historischer Forschung? Ich sehe sie in einem Dreifachen: der Historiker muß die kritische Fähigkeit und die kombinatorische Gabe besitzen, ans der Fülle oder Dürftigkeit der vorhandenen Quellen das Letzte herauszuholen, was als Material zum Aufbau seines Geschichtsbildes geeignet ist. Er muß daneben mit der Kraft der Intuition und Phantasie begabt sein, die ihn fähig macht, das geschichtliche Werden einer Merischheitsgruppe oder eines Individuums so zu schauen, wie es sich nach den Gesetzen soziologischen, politischen, kultureilen und psychologischen Geschehens vollzogen haben muß. Und der echte Historiker muß endlich die Begabung besitzen, das, was ihn das Studium der Quellen und seine rückwärts gewandte Phantasie schauen ließ, zu einem darstellerischen Bilde zu formen, das so lebendig ist wie das gelebte Leben der Menschen und eben dadurch den lebenden Menschen fesselt. Tritt man mit solchen Maßstäben des Urteils an die Lektüre des Werkes von Auerbach heran, das — wir wiederholen es — der erste Versuch eines Juden ist, die Geschichte Alt- Israels auf Grund eigener wissenschaftlicher Forschung zu schreiben, so ist man überrascht, in weich hohem Maße der Autor dieses Buches, obwohl er nicht aus der zünftigen Wissenschaft der Geschichtsschreibung hervorgegangen ist, die Fähigkeiten des Historikers in sich entwickelt hat. Würden wir zum Beweise dieser Behauptung nur darauf himveisen können, daß Auerbach in souveräner Weise nicht nur den biblisehen Text, sondern auch die außerbiblischen, durch Ausgrabungen gewonnenen Quellen zur Geschichte des alten Israel beherrscht, so wäre damit noch nicht viel gesagt. Hierin zeiclinet er sich vor seinen nichtjüdischen Vorgängern nicht aus. Was ihn über diese erhebt, ist vielmehr die hervorragende, ja manchmal geradem geniale Fälligkeit, im biblischen Text mit kritischer Intuition diejenigen Teile aufzufinden, zu kombinieren und, wo es notwendig erscheint, zu ergänzen oder wiederherzustellen, die echtes historisch.es Quellenmaterial für die Er- Kenntnis des üeschichtsverlaufes sind. Derjenige, der die textkritische Methode der christlich-theologischen Bibehvissensehaft kennt, weiß, wie gewaltsam oft auf Grund von reügionsgeschichtlichen Hypothesen mit dem Text der Bibel umgegangen worden ist, ohne daß dadurch ein wirklicher Gewinn für die Erkenntnis der eigentlichen Volksgeschichte erzielt worden wäre. Auerbach nimmt im Gegensatz hierzu dem BibeUcxte gegenüber eine weit konservativere Haltung ein und gelangt doch und gerade mit Hilfe dieser Art von Quelicnbehandhmg zur Aufdeckung von großen, zusammenhängenden Teilen ganz alter, ja sogar auf ältester Uebeiiieferung beruhender, echter geschicldserzäliiendcr Quellenschriften. Es wäre ungemein reizvoll, dies liier im einzelnen darzustellen, aber das setzt doch eine solche Vertrautheit mit dem Text der Bibel und mit den Methoden der Quclleninterpretation voraus, wie sie bei der Mehrzahl der Leser nicht erwartet werden kann. Es muß daher genügen, liier darauf hinzuweisen, daß Auerbach u. E, einwandfrei der Nachweis gelingt, daß in den geschichtserzählenden Teilen des Bibeltextes Reste einer Geschichtsdarstellung feststellbar sind, die bereits zur Zeit des Königs David (1003 bis 970 v. d. gew. Zeitrechnung) geschrieben worden ist und r.iit ihren älteren Nachrichten über das Werden des Volkes Israel sogar wahrscheinlich aur Traditionen der Familie Moses zurückgeht. Stimmt man der von Auerbach hierfür beigebrach* ten Beweisführung zu — und es spricht alles dafür, daß sie zutreffend und daß sogar auch die Vermutung Auerbachs über die Person des Geschichtsschreibers, des von König Salomo abgehetzten und verbannten Oberpriesters Efajatar, richtig ist —, dann ist damit nicht nur nebenher erwiesen, daß das Volk Israel dasjenige ist, in dem am frühesten bewußt Geschichte geschrieben wurde, sondern daß die Geschichte des Volkes nach der Darstellung dieses ältesten Geschichtsschreibers, soweit sie erhalten ist, erzählt werden darf und muß. Auerbach kann jedetrfafls $Q die fieschichte des Volkes Israel bis zu ihren alte- I sJe.n Zeiten zurück — Ucbertritt nomadisierender Israaelitischer Stämme aus der Wüste im Osten nach Aegypten und Einbruch dieser und anderer Stämme in das kanaanäische Kulturland — auf Grund gut beglaubigter Quellen und mit Hilfe einer manchmal wirklich genialen Textinterpretation darstellen. Daß ihm bei dieser, bei der Herausholung des Letzten, was die immerhin ja noch hinreichend dürftigen Quellen an Material bieten, bisweilen auch zu gewagte Schlußfolgerungen unterlaufen, kann unserem Urteil über seine Fähigkeit, die Quellen der Oeschichte im Texte der Bibel aufzufinden und zu deuten, keinen Abbruch tun. Das ist auch dem fähigsten Historiker schon passsiert. Vielleicht noch mehr Bewunderung aber ringt dem aufmerksamen Leser des Werkes Auerbachs seine Kunst ab, Geschichte richtig zu schauen. Hier ist wirklich zum erstenmal der Versuch unternommen und gelungen, die Geschichte des alten Israel als das historische Werden eines Volkes, einer Gemeinschaft lebendiger Menschen mit allen ihren politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Strebungen zu rekonstruieren. Was das im tiefsten bedeutet, wird vielleicht wiederum am schärfsten aus dem Gegensatz klar. Die christliche Theologie hat die Geschichte des alten Israel vornehmlich unter dem Gesichtswinkel der Entwicklung seiner Reiigionsanschautingen dargestellt, sie schrieb Religionsgeschichte, nicht Volksgeschickte. Nun leugnen wir gewiß nicht, weiche besonders bedeutsame Rolle die Entwicklung der religiösen Vorstellungen beim Werden des Volkes Israel gespielt hat. Das darf aber nicht dazu führen, zu vergessen, daß auch das Volk Israel in seinem Werden, in den Entscheidungen der Führer und des Volksganzen, von den Instinkten gelenkt wurde, die als die geschichtlich vorwärtstreibenden bei allen Völkern bekannt sind, von den Mächten der Wirtschaft und Politik, daß also Geschichte auch beiin israelitischen Volke die Auseinandersetzung mit den Kräften und Mächten von draußen und der inneren Kräfte des Volkes gegeneinander ist. Auerbach weist als erster nach Eduard Meyer der politischen Entwicklung des Volkes die zentrale Steilung zu, die ihr auch in der Geschichte Israels zukommt. Der Einbruch vom Hunger getriebener israelitischer Beduinenstämme in die Gebiete seßhafter Völker, Aegypten und Kanaan, ihr Vorwärtsdrängen von Osten und Süden, ihre kriegerische und später kulturelle Auseinandersetzung mit der bodenständigen Bevölkerung Kanaans, ihr Zusammenwachsen zu einem Volke, die kriegerische Verteidigung des ihnen zur Heimat gewordenen Bodens gegen den Vorstoß neuer wandernder Elemente aus dem Westen (Philister), die Expansion des von genialen politischen Führerpersönlichkeiten zu einem einheitlichen Reiche zusammengeschmiedeten territorialen Besitzes nach allen Seiten, die innere militärische und administrative Organisation des Staates — das alles rückt Auerbach in den Vordergrund seiner Erforschung und Darstellung der Geschichte Israels. Für die Geschichte aller anderen Völker ist das nichts Besonderes, für die Geschichte Israels, die Jahrzehnte lang einseitig und darum falsch nur als das Werden einer Gemeinschaft von Trägern religiöser Vorstellungen und Formen behandelt worden ist, ist es ein Neues. Zum erstenmal sieht man die Geschichte Israels in dein Bilde, das Auerbach von ihr zeichnet, so, wie man gewohnt ist, die Geschichte einer Gruppe lebendiger Menschen mit allen ihren natürlichen, drängenden und gestaltenden Instinkten und Trieben zu sehen. Ja, man sieht sie ganz deut'ich, weil es Auerbach gelingt, die handelnden Menschen, die Massen und die Einzelnen, nicht mir in diesem ihrem Tun bildhaft darzustelien, sondern auch die seelischen Motive bloßzulegcn, aus denen heraus ihr Hande'n bestimmt wird. Das erhebt dieses geschiehtliehe Schauen weit hinaus über alles, was bisher als das Werden des Volkes Israel geschildert worden ist. Ein Historiker, der die Fähigkeit zur inneren Schau des Werdens eines Volkes hat, hat dieses Buch von der Geschichte Israels geschrieben. Aber vielleicht würde aü das, was wir bisher als das Bewunderungswerie an Auerbachs Werk darzulegcn versucht haben, dem Leser des Buches nicht so lebendig vor das Auge treten, wenn Auerbach nicht noch ein Drittes besäße, eine ungewöhnliche Kunst der Darstellung, die Fähigkeit, das eigene Erlebnis der Geschichte eines Volkes im Wort nach außen zu projizieren. Einer, der Auerbachs Buch von mir׳ gelesen hat, faßte sein Urteil über es im Gespräch mit mir in die kühne Formel zusammen: ״Das liest sich ja wie ein spannender Roman!“ Man kann kaum ein treffenderes Urteil über diese neue Darstellung der Geschichte Israels abgeben. Gewiß, es liegt auch am Stoff, an der unerhörten Kraft, mit der in der Geschichte Israels eine kleine Menschheitsgruppe, Führer und Geführte, ihr Schicksal schmieden, wenn diese in der Darstcllung fast zum Roman wird. Aber wir wissen doch aus anderen wissenschaftlichen Geschichtsdarstellungen, wie nüchtern und trocken die Bearbeitung seihst eines solchen Geschichtsverlautes hätte werden können, wenn einer, der mir zu forschen und nicht zu schildern versteht, oder einer, der nicht mit ganzer Leidenschaft an den Schicksalen der von ihm geschilderten Mensehen Anteil nähme, das Geschichtsbild zu zeichnen linternommen hätte. Auerbachs Buch ist gewiß, ein Werk ernstesten wissenschaftlichen Charakters, immer wieder wird die Erzählung von streng wissenschaftlichen Untersuchungen unterbrochen, in denen man den Forscher bei seiner Forscliungsarbeit direkt beobachten kann. Trotzdem wird niemals und nirgends die unerhörte Spannung, die den Leser bei der Lektüre dieses Volksschicksals packt, zerrissen, weil die Fesselung des Lesers eben durch die Kraft der Anschaulichkeit und Eindringlirhkeit, mit der die Darstellung des Ganzen fortschreitet, aucli Pausen im Fluß der Erzählung überdauert. Man lese einmal jene Stellen des Buches, die den ersten von Debora unternommenen Versuch schildern, die im Lande seßhaft gewordenen, von einem gemeinsamen Volkserlebnis noch nichts ahnenden’ israelitischen Stämme zu gemeinsamer Aktion gegen den äußeren Feind ziisammenzubringen; oder man lese die Darstclhing der Schlachten Israels mit den Kanaanitern in der Ebene Jisreel und mit den Philistern bei Michmas, Schilderungen, die jedem kriegsgeschichtlichen Werke Ehre machen würden: oder man lasse einmal das Nebeneinander feinster psychologischer Zergliederung der Charaktere der drei ersten israelitischen Könige Saul, David und Salomo auf sich wirken; oder man gebe sich einmal ganz dem Eindrücke der unerhört plastischen Zeichnung des menschlichen und familiären Erlebnisses König Davids hin — man wird nicht umhin können, von selbst zu sagen: ein Künstler der Anschauungs- und Darstellungskraft hat diese Gemälde gezeichnet. Das alles macht die Lektüre von Auerbachs Werk nicht nur zu einem Genuß historischer Erkenntnis, sondern läßt sie zu einem Erlebnis hoher ästhetischer Befriedigung werden. Wir haben an einigen Stellen dieser Besprechung darauf hinweisen müssen, daß die Lektüre dieses neuen Werkes über die Geschichte Alt-Israels für den, der mit dem Text der Bibel und der Methode bihelwissenschaftlich-gcschichtliclier Forschnng nicht einigermaßen vertraut ist, wie übrigens wohl die Lektüre jedes wissenschaftlichen Werkes für den Laien, mit einigen Schwierigkeiten verbunden ist. Aber hieraus ist mir eine Folgerung zu ziehen. Wenn erst der zweite Band des ,Werkes Auerbachs vollendet sein wird — und man Kann diesem Augenblick nur mit größter Spannung entgegensehen —, dann stellt der Verfasser u. E. vor einer neuen, vielleicht noch schöneren Aufgabe. Er sollte dann daran gehen, sein Geschichtswerk zu popularisieren. Wir brauchen für die jüdischen Menschen, die jungen und die alten, ein Buch, das die Ergehnisse der Forschungen Auerbachs, ohne die Beschwerung durch die wissenschaftliche Form, dein Laien vermittelt, ein Buch, das israelitische Geschichte auf der Grundlage der Forschungen Auerbachs einfach erzählt. Die nichtjüdische Welt besitzt für die Geschichte Israels ein solches Buch aus der Feder von Hermann Weinhciiner. Unser jüdisches Geschichtsbuch vom Werden des alten Israel sollte Elias Auerbach schreiben. Er hat durch sein Buch ״Wüste und Gelobtes Land“ bewiesen, daß er die wissenschaftliche Erkenntnis und die Kraft der Dar- Stellung besitzt, die ihn zum geeignetsten Autor eines solchen schmerzlich vermißten Buches machen würden. Dr. Georg Herlitz. Henri Bergsons Bekenntnis Als in den letzten Vorkriegsjahren die Philosophie Bergsons in weite Kreise drang, wurde, gerade auch von jüdischen Kritikern beanstandet, daß seine Philosophie rein naturalistisch sei, und daher zur Begründung der Religion und Moral ungeeignet. Der Lehensstrom, der für ihn mit der Substanz der Welt identisch ist, hat sich, so lehrt bekanntlich Bergson, auf unserer Erde in zwei Richtungen ergossen: die eine endet in den Hautflüglern, das ist die Richtung des blinden Instinktes, der mit somnambuler Sicherheit sein Ziel, etwa den komplizierten Bau einer Bienenwabe, fertigbringt; die andere Richtung erreicht ihren Höhepunkt im Menschen, es ist die Richtung des Intellekts, welcher ein Ziel auf verschiedenen Wegen, einen Zweck mit verschiedenen Mitteln erreichen kann, daher sehr wach und beweglich ist, aber allerdings auch nicht die Sicherheit hat, mit der das Instinktwesen, Ameise oder Biene, Aufgaben löst, die uns — gesehen vom Standpunkte der zerlegenden Intelligenz —- sehr kompliziert erscheinen. Gegen diese auf biologische Erwägungen gestützte Philosophie wendete man damals ein, es fehle in ihr das Persönliche, das Individuum sei bloß gleichgültiger Durchgangspunkt des Lebensstroms. Ethos und Religion seien dem Naturalismus zum Opfer gefallen. Nun hat Bergson selbst ein Buch geschrieben, das den Problemen der Moral und der Religion, über die er damals beinahe schwieg, gewidmet ist. (״Les deux sources de la morale et de la religion.“ Paris, Felix Älcan, 1932.) Er hat durch einen kühnen Griff sein naturalistisches System so umgebogen, daß in ihm der Glaube Platz erhielt. Der Mensch kann sich über das Leben erheben, das ihn als biologisches, von biologischen Gesetzmäßigkeiten allein beherrschtes Wesen geschaffen hat. Auch diese Herrschaft des Menschen über das Biologische wird naturwissenschaftlich belegt: dem Menschen gelingt es z. B., den Sexualtrieb von seinem Fortpflanzungszweck loszulösen. Dies Beispiel zeigt, daß die menschliche Intelligenz, die zunächst vom Leben als sein Werkzeug geschaffen war, sich von der Natur emanzipieren und über sie erheben kann. Durch diesen Kunstgriff gewissermaßen gelingt es auch Bergson, sich von der Herrschaft der Biologie zu befreien, und andererseits doch wieder, diesen Bruch dem System einzuordnen, indem" er den Verrat des Menschen an der Natur doch wiederum, von höherer Warte aus gesehen, einem Leben im höchsten Sinne, dem Schöpfer, dienstbar macht. Er selbst gebraucht Spinozas Terminologie; die natura naturata wird zur natura naturans, das biologische Leben zum göttlichen Schöpfer, dessen Willen wir vollführen, indem wir dem Leben untreu werden und — Moral lind Religion schaffen. Es gibt freilich zwei Arten von Moral und Religion und in deren Auseinanderhaltung liegt das große Verdienst des Buches. Zunächst ist die Moral eine rein biologische Funktion. Wir sind der Gesellschaft verhaftet wie die Bienen ihrem Schwarm. Biologische Gründe zwingen uns den Gehorsatn gegenüber der Gesellschaft auf. Unser Ich selbst würde auseinanderstieben, wollten wir uns der Gesellschaft und ihrer Moral entziehen. Der Engländer in Kiplings Er- Zahlung, der einsam im Urwald für sein Dinner Abend- Kleidung anzieht, tut es, weil er durch die so symbolisierte Verbindung mit der menschlichen Gesellschaft sich selbst als Individuum retten will. So ist Moral eine Notwendigkeit des Individuums. Aber diese Moral — und hier kommt die überraschende Wendung — ist auf die geschlossene Gesell- Schaft beschränkt. Die Natur kennt nur Pflichten der Biene gegenüber ihrem Schwarm, jede fremde Biene, die in den Stock kommt, wird getötet. So kennt die biologische Moral nur geschlossene Gesellschaften: die Stadt, das Volk oder andere. Nie kann sie aus sich heraus zur Menschheit führen. Von der geschlossenen Gesellschaft zur Menschheit führt biologisch kein Weg, die offene Gesellschaft, die Allmenschheit kann nicht Gegenstand einer biologisch fundierten Moral sein. Von hier aus gesehen, kann der Kosmopolitismus nur als Verrat angesehen werden. Daß die Menschheit sich dennoch, gegen ihre biologischen Notwendigkeiten, zur Idee ihrer selbst erhoben hat, verdankt sie einzelnen, welche den Sprung ins Ungewisse wagten, indem sie ihre Intelligenz weiter Vortrieben als die Natur gewollt hatte. Dort, in der sozialen Moral, wirkt die Lebensnotwendigkeit. Die Entwicklung dieser Moral geschieht daher instinktiv und anonym. Hier dagegen weisen Einzelne den Weg. Man kann nicht etwa sagen, daß der Kreis sich nach und nach erweitert hat. Hier hat vielmehr die Menschheit einen plötzlichen Ruck getan und dies verdankt sie in erster Linie den Propheten Israels. ״Wir hören ihre Stimme, wenn eine große Ungerechtigkeit verbrochen oder zugelassen wurde. Aus dem Grunde der Jahrhunderte erheben sie ihren Protest. Wohl ist es wahr, daß seither die Gerechtigkeit sich erweitert hat, aber sie haben der Gerechtigkeit jenen gewaltsam befehlenden Ton gegeben, den sie bewahrt hat und den sie einer seither unendlich gewachsenen Materie eingeprägt hat.“ Dieses Wachstum hat sich nicht von allein gemacht. Jede Etappe darin ließe sich mit einem Eigennamen belegen. Jede war eine Schöpfung und die Tür wird immer offen bleiben für neue Schöpfungen. Der Prophetismus aber war entscheidend für die Form. Diese Form, die Forderung der absoluten Gerechtigkeit, ergreift immer neue Materie, aber nicht in der Weise, daß sich die Grenzen nach und nach erweitern, sondern daß die Richtung in das A11, welche die Propheteil und das Christentum gewiesen haben, mehr und mehr Inhalte ergreift, Menschen und Tiere und Dinge. Diesen Fortschritt konnte die Philosophie nicht vollbringen. Plato kannte die Idee des Menschen, aber er zog daraus nicht die Folgerung, die Sklaverei zu verurteilen und die Konzeption des Barbaren aufzugeben. Selbst der Stoiker auf dem Thron dachte nicht daran, die Schranken zwischen Freien und Skiaven, zwischen römischen Bürgern und Barbaren aufzugeben. Dieser Sprung von der geschlossenen zur offenen Gesellsclraff geschah durch die neue Emotion, den neuen Elan def Propheten und des Christentums, sie schufen die Idee des