Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 78 (30.9.1932)
- Date
- 1932-09-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 78, 30, IX. 1932 Zionismus in Deutschland Von Dr. Alfred Landsberg. I. ״Wir haben eine hohe Meinung von unseren Tagungen, wir betrachten sie als Ausdruck dessen, was zionistische Bewegung fiir einen bestimmten Zeitabschnitt bedeutet, und wir verlangen von ihnen mehr als einen glatten Verlauf. Noch unter dem frischen Eindruck unserer Tagung müssen wir gestehen, daß ein Delegiertentag, wenn er nach allen Regeln eines Parlaments gestaltet wird, schon seiner äußeren Form wegen die inneren Fragen der Bewegung nur unvollkommen zur Klärung bringen kann.“ So schrieb ich vor über vier Jahren in einem Rückblick auf den Breslauer Delegiertentag (Nr. 47 ״Jüdische Rundschau“ vom 15. Juni 1928). ln Frankfurt suchte man vom!- zubeugen, und so wurde nach dem ersten Teil der (ieneraldebatte beantragt, eine Kommission ein/nsetzen, die man ״Arbeitskommission“ nannte, in der neben den bewahrten Delegiertentagsdebattern die Träger der Arbeit überall im Lande zu Wort kommen sollten, nicht nur um über Technik der Arbeit zu sprechen, sondern um zugleich oder zuvor die geistigen Grundlagen unserer Arbeit erneut zur Diskussion zu stelle״. Der Antrag auf Einsetzung dieser Kommission wurde, was bemerkenswert ist, von den Gästen spontan begrüßt, während aus den Reihen der Delegierten kaum Zustimmung, dagegen vielfach Widerspruch laut wurde. Es bedeutet etwas für die Beweglichkeit unserer Tagung, daß Dr. Siegfried Moses als amtierender Präsident dein Einwand einiger Delegierten, die Zustimmung komme nur aus den Reihen der Gäste, entgegnen konnte, daß auch diese Zustimmung den Delegiertentag bestimmen müsse, die Kommission einzusetzen. An der Arbeit der Kommission nahmen zunächst wenige teil, aber der Kreis wuchs immer mehr, und am Ende wurde die Meinung laut, daß diese interne Aussprache ebenso wichtig gewesen sei, wie die öffentliche Tagung selbst. Wir wollen das festhalten, damit auch in Zukunft neben jedem Delegiertentag eine solche Beratung aller Träger der zionistischen Arbeit stattfinde, nicht in der hergebrachten parlamentarischen Form, sondern so, wie es diesmal geschah: daß man einer Meinungsäußerung sofort den Einwand entgegensetzte, daß sich Gruppen bildeten, die neben der allgemeinen Diskussion das bisher besprochene draußen vor dem Saal weiter erörterten und dann das Ergebnis in den Saal hineinbrachten; so gelang es in verhältnismäßig kurzer Zeit, die Meinungen einander näher zu bringen, manches zu klären, vieles anzuregen und allgemein das Gefühl zu wecken, daß es eine Fülle des Stoffes für die nächste Arbeitsperiode gibt und neue Methoden, diesen Stoff zu meistern. II. Die Aufgabe lautet: dem Zionismus in Deutschland ist ein Stück der jüdischen Welt zugeteilt. Hier haben wir neue Mensehen zu gewinnen und zu erziehen, von hier aus arbeiten wir für Palästina. Hier ist Judentum und Judenheit in besonderer Gefahr, hier verlangt die Judenfrage erneut eine Antwort. Wir überprüfen an dieser Aufgabe unsere Kraft und stellen uns allen Schwierigkeiten ehrlich und offen entgegen, Am Anfmg aber dieser Schwierigkeiten steht die Erkenntnis: auch wir vermögen Galuth nicht äufzuheben, Palästina ist in melibarer Zeit nicht imstande, die jüdischen Massen in aller Welt aufzunehmen. Dieser Satz bleibt wahr, auch wenn wir alle in der Selbstverständlichkeit einig sind, daß dieses Palästina so groß und weit als möglich sein soll, daß dort allein Galuth überwunden wird, und daß nur dort die lebendigste Erneueru!*g der Gemeinschaft sich vollzieht. Dennoch also bleibt Galuth, und wir lehnen die noch so klug errechnten und erdachten Theorien ab, die diesem Galuth den Untergang prophezeien. Wir, dem ganzen Volk verpflichtet, dienen ihm in seiner Ganzheit und wollet! ihm auch hier die größtmögliche Freiheit erkämpfen, gerade weil wir wissen, daß es nicht Freiheit schlechthin sein kann, daß es Galuth bleibt. Es zeigt sich alsbald, daß es nicht leicht ist, uns zu diesem Kampf zu einen: viele stehen auf und sehen den Chatuzgedanken gefährdet. Ihnen ist Zionismus Chaluzbewegung, und wem es nicht gelingt, den Weg hinüber zu finden, den geben sie verloren. Ihnen sagen wir, daß wir ihre Sorge verstehen, daß es aber gar nicht darum geht, dem Chaluzgedanken eine Antithese entgegenzusetzen. In der Jugendarbeit soll der Chaluzgedanke weiter seine stärkste Wirkung üben und jungen Menschen — noch unbeschwert und ungebunden in der Umweit — den Weg in die volle Freiheit drüben ebnen. Aber dieser Chaluzgedanke ist kein Ding an sich, er ist begründet durch Zionismus und stark und lebendig nur durch ihn, auch wenn er sich mit Sozialismus verbindet. Es steht schlecht und gefährlich um ihn, wenn er nicht aus zionistischem Erlebnis erwächst, wenn er sich gewissermaßen selbständig macht oder seinen stärksten Grund im Sozialismus sucht, und es gibt darüber Erfahrungen genug. Nur der steht fest auf dem neuen Boden in Erez-Israel, der Zionismus in seiner umfassenden Gew׳alt erlebt hat und dann für sich die letzte und radikalste Lösung wählt. Der ist Chaluz im höchsten Sinn, der sich in seinem chaluzischcn Weg verbunden fühlt mit dem Volk und seiner Not überall, und der nicht wegsieht von dieser Not, weil ihm das Glück früher Bindung mit Erez-Israel zuteil wird. Andere mißverstehen uns, wenn wir dieses Galuth in den zionistischen Gedanken einbeziehen: sie fürchten, daß dieser Weg von Palästina abweiche, und denen Ausrede und Beruliigung gebe, die nicht die Kraft besäßen, sich trotz aller Schwierigkeiten auf Palästina zu konzentrieren. Ihnen antworten wir: Die Massen des Volkes leben im Galuth, sind in ihm durch Alltag und durch Beruf, durch geistige Anteilnahme und materielle Sorgen verstrickt. Ffier sind sie in Gefahr und neuer Assimilation preisgegeben, sei es im Kommunismus, sei es in Fahnenflucht schlechthin. Hier auch leben und wirken wir, die Zionisten.'nicht weniger verbunden mit diesem ״Hier“ als die anderen, und auch wir sind hier gefährdet; manche verzweifelten an der lösenden und allumfassenden Kraft des Zionismus, weil sie sein höchstes Ziel — Palästina — nicht erreichen konnten. Und schließlich: wer denn sind die Träger zionistischer Arbeit in Deutschland, wer denn gibt einem Delegiertentage das Gepräge: Menschen, die hier mitten im Leben stehen und auch in diesem Leben eine zionistische Haltung bewahren, deren Grundlage zu beschreiben und zu verdeutlichen nunmehr unsere Aufgabe ist. £ III. Wir pkennen eine neue Schwierigkeit: dieses Galuth in Deutschland hat seine besondere, einmalige Prägung. Es ist eine Zerstreuung eigener Art, in der wir leben, 550 000 unter 60 Millionen, nirgends konzentriert und doch wurzelnd in großer jüdischer Tradition und starkem Willen zu jüdischer Higencnt- Wicklung und geformt in tiefer Anteilnahme am Leben der Umweit. So ist dieses Galuth verschieden von dem jüdischer Masscnsicdhingen, denn dort ist noch, wenn auch nicht auf die Dauer, Konzentrierung im jüdischen Milieu möglich; anders auch ist Galuth in Ländern noch dünnerer Schichtung, wie in Italien und Frankreich. Dort gerade fehlt die spezifische jüdische Tradition, wie sie dem deutschen Galuth eigen ist und vielleicht auch die besondere Art des Einbezogenseins in die umgebende Welt. Und so sei einmal deutlich gesagt, was nicht mißverstanden werden darf: über die besondere Lage und Tragik des deutschen Juden kann im letzten nur der etwas aussagen, der von Grund auf in diesem Deutschland sein deutsches und jüdisches Erlebnis hatte, und unter diesen wiederum ist der zur Vorsicht verpflichtet, der im Beruf und Alltag von j ii - d i s c 11 e r Arbeit ausgefüllt ist und vielleicht doch nicht das letzte von denen weiß, die nicht nur im Geiste, in der Sprache und im Milerleben der deutschen Welt verstrickt sind, sondern auch im Alltäglichen und insbesondere im Beruf in ihr wur- /ein. Dem Nicht/ionisten sagen wir oft, daß er doch nicht glauben solle, er wurzele stärker im Deutschen als wir, die, wie er, hier leben und wirken: wir aber sollten uns nicht einreden, daß wir dieser Umwelt weniger stark verstrickt seien als er. Oft unterscheidet sich im Leben hier der Zionist zunächst gar nicht von dem Nichtzionisten, dem es auch um sein Judentum ernst ist. Zionistische Erkenntnis aber führt dann zunächst zu der Klarstellung der Grenzen, die unserem j ü d i ־ sehen Wollen hier in allen Bezirken gesetzt sind. Wir lassen es nicht zu, daß sich der Nichtzionist und zuweilen auch der Zionist damit beruhige, daß er glaubt, er könne hier ein erfülltes jüdisches Leben führen; auf keinem Gebiet ist dies möglich. Auch der religiöse Bezirk sogar, der vielleicht noch die lebendigste Form jüdischen Erlebens im Gallith sein kann, ist doch stets gefährdet, denn er steht fern dem pulsierenden Leben um ihn herum, das aus der Straße, aus der Zeitung, aus den täglichen Zuckungen der Politik und in allen geistigen Fragen deutsch an uns herankommt und Gewalt über uns gewinnt. Daran ändert auch nichts der noch so starke Wille, hier jüdische Substanz aufzufüllen. Solche Auffüllung müßte sich aus dem täglichen Erleben des Alltags heraus vollziehen, und dieser Alltag in all seiner Stärke liefert unjüdische Substanz und zehrt mehr an jüdischem Besitz als er ihn ergänzen kann. Wer das nicht wahr haben will, wer sich abkapselt in einem künstlich geschaffenen jüdischen Bezirk, wird starr und unfähig letzten Endes, wirklich lebendig auf Jüdisches zu reagieren. Das also ist schon Zionismus, diese Situation —- im Deutsehen und Jüdischen — ganz zu erhellen. Es wird dann deutlieh, daß der jüdische Mensch in solchem Galuth unausgesetzt den lebendigen Einflüssen der nichtjüdischen Welt unterliegt, und daß es bei allem guten Willen schwer ist, jüdisch zu existieren; daher kann in dieser Helle mir existieren, wer von Palästina weiß. Zionismus lehrt also den jüdischen Menschen von hier aus die Problematik seines Daseins mit letzter Klar* heit sehen, hält ihn von Irrwegen und Selbsttäuschungen ab, und schon diese Klärung richtet ihn auf und macht ihn freier. Man hat eingewandt, daß diese Gradrichtung des Galuthmenschen, diese Ehrliclimachting des Galuth nicht zum Zionismus zu führen brauche, sondern daß schon die Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft in aller Welt, das was wir unzulänglich ״nationales Judentum“ nennen, genüge, um diese Funktion zu erfüllen: ein Irrtum ganz gewiß für deutsches Galuth. Wenn man sich selbst vorstellen könnte, daß im jüdisehen Milieu nationales Judentum neben Zionismus Bestand habe und nicht zum Zionismus führen brauche — was auch ein Irrtum ist — so gibt es ganz gewiß keinen Weg zu diesem ״nationalen“ Judentum im deutschen Galuth, cs sei denn durch Zionismus. Nationales jüdisches Leben ist trotz ailem Willen zur Konzentration im Jüdischen innerhalb des deutschen Galuth ohne Palästina nicht möglich. Es wird nur möglich durch die Anteilnahme an dem neuen Lehen dort, eine mittelbare Anteilnähme gewiß, aber eine, die immer enger und stärker werden soll. Auch diese ״Lösung“ des Galuth — im Jüdischen zunächst — ist also unzulänglich, wenn es auch die beste ist, die der Galuthniensch zu finden vermag. Gerade deswegen aber führt sie zu immer stärkerer Bindung mit Palästina — bis zum Fiinübergehen. IV. So also sind die Gegebenheiten des Galuth, und wenn cs einen Anspruch auf Lebensraum liier in der n i c 111 j i'1 d i - sehen Umwelt gibt, so nur nach dieser Erkenntnis. Wer sich ihr entzieht, wer im Dunkeln zwischen deutscher und jüdischer Gebundenheit hin und her schwankt und die Erhellung furchtet, weil sie Schweres enthüllt, der mag sich eine Zeitlang sicher glauben, bis eine feindliche Welt ihm plötzlich Halt gebietet und ihn, den Ungerüsteten, vernichtet. Zionismus dagegen zerreißt den Nebel, sieht die Schwie* rigkeiten des Lebens am Beginn, macht aber dann bereit, seinen Menschern den weitesten Lebensraum zu erkämpfen. Nur so sind die Grenzen zu verstehen, von denen wir im Zionismus sprechen. Mit dieser Erkenntnis der Weite und der Grenzen ist das Höchste zu erreichen, was die Umwelt zu vergeben hat. Wir können 1ms vorstellen, daß ein Jude höchster Richter eines — allerdings sehr weiten und freien — Landes wird oder Repräsentant an sonst exponiertester Stelle. Wenn wir demgegenüber in anderen Fällen von einer Ueberschreitung der zulässigen Grenzen sprechen, so nicht deshalb, weil ein Amt begrifflich außerhalb dieser Grenzen läge. Verhängnisvoll aber wäre stets das Vordringen weit hinein in deutsche Pflicht und Aufgabe, wenn dabei das Jüdische ztiriickgelassei! würde. Wenn es einmal in Deutschland einen mit letzter Legitimation versehenen jüdischen Außenminister geben könnte, dann müßte es ein Jude sein, der alles Jüdische nicht nur im Geistigen und wie wir oft sagten, im Unkontrollierbaren hejalit, sondern der mit dem lebendigsten Bezirk jüdischen Lebens, nämlich mit Palästina, sich verbunden fühlt. Disraeli war zwar äußerlich vom Judentum getrennt, war mit englischem Leben tief verbunden, berufen und legitimiert wurde er aber mit dieser Verbundenheit als der Orientale, als einer, der die Bindüng mit seinem Volke immer spürte und zu seiner Zeit sein Palästinaerlebnis hatte. V, Das sollte ein Bericht über die interne Arbeit des Dolegiertentags werden und wurde in Fortsetzung der Aussprache ein persönlicher Beitrag zur Diskussion; aber gerade so gibt es einen Begriff von dem ernsten Ringen, das dort vor sich ging. Es gelang, den Boden zu lockern und den Inhalt für neue Arbeitsmethoden in der nächsten Zeit zu schaffen. Was bei der öffentlichen Tagung Regie gewesen sein konnte, wurde in diesen internen Beratungen zur Gewißheit: daß nämlich dieser deutsche Zionismus lebendig ist, daß in ihm Menschen der verschiedensten Grutulauffassung Platz haben, daß man miteinander in letzter Wahrhaftigkeit, aber auch in wahrem kämeradschaftlidicm Geist zu ringen vermag und daß man gewillt ist, in echter Einheit dann nach außen hin zu kämpfen, den schweren Kampf um die Seele des jüdischen Menschen, der sich uns entgegcnstellt. Presseschau ״T 11 e N e a r E a s t and I n d i a“ vom 22. 9. 1932 schreibt im Leitartikel unter dem Titel ״Die Zukunft des Zio- 11 i s m u s“ : Abgesehen von der unmittelbaren Anregung durch die Aktions-Goinitc-Sit/ung in London und die Wiener Revisionistcn-Konferenz sehen sich alle denkenden Juden -- durch die Lage der Weltjuderiheit und durch das Bewußtsein, daß die Situation in Palästina sich einem entscheidenden Moment der Geschichte dieses Landes nähert -״ gezwungen, den Fortschritt und die künftige Entwicklung des Zionismus in Palästina zu überdenken. Immer mehr, wie deutliche Zeichen beweisen, wird anerkannt, daß man dem wirklichen Problem weder durch die wilden Verdächtigungen der Mamlatarmacht durch die Revisionistt׳n begegnet, noch durch die Detailkritik, die die Zionistische Organisation an dieser oder jener Maßnahme der Palästina-Regierung übt. Bemerkenswerterweise hat bei der Londoner Sitzung,‘ in der beschlossen wurde, den French-Berieht zuriiek/uweisen, das Actions-Comite seine Bereitschaft erklärt, mit der britischen Regierung iri allen Angelegenheiten einer konstruktiven Politik und der Herbeiführung einer Ver-! ständigung mit den Arabern eng zusainmenzuarbeiten. Diese Deklaration aber, so außerordentlich befriedigend sie ist, führt alier keineswegs die Zionistische Organisation über die gegenwärtige Lage, wie sie sich glücklicherweise darstellt, hinaus. Es mag deshalb vielleicht in der Natur des Schattens liegen, den kommende Ereignisse vorauswerfen, daß Herr Sokolow, der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, in seiner Erklärung über die gegenwärtige Lage der Weltjudenheit und die Zukunft des Zionismus jenen anderen, immateriellen Aspekt des Zionismus stark betont. ״Es ist nicht vergessen worden“, sagt er, ״und es sollte nie vergessen werden, daß der Zionismus zuerst und in der Hauptsache eine sittliche und geistige Erneuerungsbewegung ist, eine Quelle der Inspiration für ganz Israel und nicht bloß' eine Basis ökonomischer und materieller Hilfe für unsere verfolgten und verhungernden Brüder in verschiedenen Ländern“. Herr Sokolow sieht die Zeit, ״da wir wiederum Hunderttausende Juden in ihren blühenden Wohn- Stätten in Palästina sehen werden, friedliche und geachtete Bürger, eine wertvolle Quelle der nationalen Gesundheit und Stabilität, ein Element des Friedens und des Fortschrittes“. Aber er füllt den Rest des Bildes von Palästina, das er heraufbeschwor, nicht aus; und doch ist es dieser Rest, der in einer gar nicht entfernten Zeit die harte Null (crux) im Palästina• Problem sein wird. Jeder vernünftige Mensch wird sich Sokolows zionistischer Konzeption anschließcn. Wenn sie aber vollständig ist, was soll dann die Sttttairoa von Palästina im ganzen «in, und weldies sein politischer Status? Es liegt nichts Provozierendes in dieser Frage, die ihrem Wesen nach eine der praktischen Politik ist. Denn das wäre ein armseliger Künstler, der, bevor er sein Bild im ganzen entworfen hat, jedes Detail eines Ab- Schnittes, noch dazu gefirnißt, ausführen würde. In manchen jüdischen Lagern wird die Frage weggeschoben, in der leichten Meinung, daß das Mandat früher oder später einem britischen Protektorat Platz machen muß. Eine Meinung, die nicht herbeigeführt ist, wie wir bedauernd zugeben müssen, durch eine besondere Rücks'eht auf Großbritannien, wie die Kritik an der Regierung und allen ihren Schritten in der letzten Dekade deutlich zeigten,cine.Meinung, die vielmehr auf der Annahme fußt, daß ein Protektorat die beste Möglichkeit für die Erfüllung der gegenwä-ligen zi ־!!H'ischen AsG a:ir>1;en biete. Diese Meinung zeigt ne.inge Kenntnis vom Gang internationaler Angelegenheiten. Selbst ein britisches Protektorat würde nicht mehr als einen Rahmen darstellen, während viel von dem Bild auf der Leinwand noch ausgehihrt werden muß. in der nächsten Woche wird Irak sich zur Stellung eines unabhängigen Staates emporgehoben sehen. Man nimmt allgemein an, daß Syrien diesem Beispiel zu gegebener Zeit folgen wird. Was wird wahrscheinlieh die Reaktion auf diese Entwicklungen in Palästina sein? Am Schlüsse des Aufsatzes heißt es: Unter diesen Umständen sollte man denken, daß die Interessen des Zionismus nach einer weitgespannteren. Vision rufen, als sie in der Konzentration auf jeden Einzelschritt oder jedes Stück Gesetzgebung liegen, für die die Palästina-Verwaltung oder die britische Regierung verantwortlich sind. Es ist heute eine Binsenweisheit, daß Großbritannien (mit guten Intentionen zu jener Zeit und ohne, durch Unkenntnis des Gegenstandes, den Widerspruch zu erkennen) Versprechungen an die Juden und eile Araber gemacht hat, die, wie die beiden sie zu interpretieren gesonnen sind, undurchführbar (irreeoncilable) dastehen. Die Aspiration, daß Palästina ein hundertprozentiger Judenstaat werden soll — so jüdisch wie England englisch ist, um den Zionismus von vor 10 Jahren zu zitieren —, ist in allen verantwortlichen Kreisen über Bord geworfen worden, aber es ist nicht nötig, in das andere Extrem zu verfallen, wie manche Juden möchten, zu glauben, daß die Errichtung einer verantwortlichen Regierung in Palästina das Ende des Jüdisehen Nationalheimes bedeuten würde. Zionismus, um seinen heutigen Führer zu zitieren, ist, zuerst und in der Hauptsache eine sittliche und geistige Erneuerungsbewegung, eine Quelle der Inspiration für ganz Israel und nicht bloß eine Basis Öko- Hämischer und materieller Hilfe für die verfolgten und verhungernden Juden in verschiedenen bändern. Was würde schließlich das Schicksal der kulturellen und geistigen Seite des Zionismus in einem mir jüdischen Staate sein, wenn eine große Majorität der Bevölkerung, durch ihre polnische oder russische Vergangenheit in die Reihen des Atheismus, des Sozialismus und Kommunismus getrieben, das Recht der Selbstverwaltung verlangen und das Land nach ihren Ideen verwalten würde? Dennoch gibt es Grund für die Annahme, daß, wenn die Ein- Wanderung des Rekord-Jahres 1925 fortgedauert hätte — die Beschränkung seitens der Palästina-Regierung, die doch nur im Interesse tles Landes erfolgte, bildet eine ständige Klage der Zionistischen Organisation —, daß dann die Infiltration von Atheismus und Kommunismus in das Jüdische Nationalheim den zionistischen Führern noch mehr Sorge gemacht hätte als heute. Die Zeit scheint daher gekommen zu überlegen, 06 ein System, das fiir die Erreichung eines heute als unerreichbar erkannten Zieles entwickelt wurde, nicht im Licht der neuen Einsichten sorgfältig revidiert werden sollte, um es den realen Erfordernissen anzupassen. Gegenwärtig wird es nur bruchstückweise, unter Druck und Protest den Erfordernissen des jeweiligen Augenblicks angepaßt und die kulturelle und geistige Seite des Zionismus muß sich mit dem zweiten Platz in den ' zionistischen Aspirationen bescheiden.