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Jüdische Rundschau · 1932-09-27 · Heft 77 (27.9.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 77 (27.9.1932)
Date
1932-09-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 77, 27. IX. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 373 Die politische Lage des Zionismus Von Prof. S. Brodetsky, Mitglied der Exekutive der Jewish Agency. In seinem Referat auf dem Frankfurter Delegiertentag der Z. V. f. D. gab Prof. Brodetsky cino Gesamtüborsirht über die Judenfrage und würdigte die Bedeutung des Zionismus für die Juden im heutigen Augenblick, «.1 durch die Weltkrise in den meisten Ländern da» Fundament der jüdischen Existenr. rarstört oder erschottert wurde. Er wies auf einen Ausspruch hin, den Sir John Hope-Simpson, den Verfasser des bekannten Sachverständigen- Berichtes über Palästina vom Oktober 1930, jüngst im Vorlauf eines Interviews gemacht hat. Simpson erklärte, daß ״nichts den Zionismus aufhalte 11 kan n“. Diese Erkenntnis, so zeigte Brodetsky ausführlich, wird von den Tatsachen bestätigt. In politischer Beziehung, so fuhr er fort, ist am wichtigsten die durch die letzter! offiziellen Untersuchungen erfolgte Wider- I 0 g u n g der Beschuldigung, daß di« Juden durch ihre Bodenkäufe Araber in erheblicher Zahl landlos gemacht haben. Das Märchen von den ״displaced Ara ha“ ist zusammengebrochen. Nach einer längeren Polemik gegen die Revisionisten, die durch ihre Wiener Beschlüsse eine neue organisatorische Lage geschaffen haben, charakterisierte der Redner die gegenwärtige politische Lage folgendermaßen: Durch eine Reihe von Jahren war die politische Situation schlecht, zeitweise sogar katastrophal. Wie ich bereits dem Aktions-Comite gegenüber geäußert habe, gibt es Anzeichen für eine Besserung der Lage. Während des vorigen Jahres gab es manch« Anzeichen dafür, daß die Politik, die das Passfield-Regime charakterisierte, fortgesetzt werden würde. Wenn auch anerkannt werden muß, daß seit der Amts- Übernahme des neuen Kolonialministers und des neuen High Commissioners ein deutlicher Unterschied zwischen ihrer und und der vorher herrschenden Einstellung besteht, kann doch die Situation noch nicht als befriedigend bezeichnet werden. Trotzdem ist es meiner Meinung nach von außerordentlicher Bedeutung, die Tendenz zu einer Aenderung in Betracht zu ziehen. Hinsichtlich der Immigrationsfrage können wir nicht mit der Lage zufrieden sein und wir müssen alles tun, was in unseren Kräften steht, um eine fundamentale Aenderung der Regierungspolitik zu bewirken. Und doch muß Zugegeben werden, daß das Jahr 1931 viel schlimmer war als 1932, und daß die Verbesserung nicht nur darauf zurückzuführen ist, daß die Aufnahmekapazität Palästinas durch günstigere ökonomische Bedingungen größer geworden ist, sondern — zumindest teilweise — auch auf die durch London estützte Haltung des neuen High Commissioners. Die icherheitsverhältnisse sind keineswegs befriedigend. Und doch muß auch hier zugegeben werden, daß gewisse Verbesserungen eingetreten sind und daß hinsichtlich der Aufrechterhaltung Öffentlicher Ordnung das Vertrauen in die Palästina-Regierung ein wenig gewachsen ist. Der Anteil der Regierung am jüdischen Erziehungsbudget ist sehr mager und der am jüdischen Gesundheitsbudget durchaus unbefriedigend. Man darf jedoch auch hier auf eine Besserung hoffen, die nicht ohne Zusammenhang mit der veränderten Einstellung gegenüber unserer Arbeit sein dürfte. Hinsichtlich der Regierungs- und Munizipalitätsarbeiten sind wir außerordentlich unzufrieden, besonders angesichts der Zusicherungen des Premiermlnisters, und wir müssen auch weiterhin uns dagegen wehren, daß 'die Umsetzung dieser Zusicherungen in die Tat in einer unentschuldbaren weise verzögert wird. Doch auch hier sind während der letzten paar Monate Fortschritte sichtbar geworden und wir können mit einigem Vertrauen in die Zukunft blicken. Wenn man die eben erwähnten Oebiete und noch manche andere betrachtet, so ist es ebenso wichtig, die *T e n d e n z zur Besserung wie die Besserung seU»t,|es|- zustellen. Wir dürfen wohl heute hoffen, daß der Widerstand, den wir noch vor zwei Jahren zu bekämpfen hatten, nachgelassen hat, und daß wir heute sowohl in London als auch in Jerusalem mit Regierungen zu tun haben, mit denen man freundschaftlich verhandeln kann und von denen man ein gewisses Verständnis und Sympathie erwarten darf. Es gibt allerdings noch verschiedene Gebiete, auf denen bisher keine Besserung zu verzeichnen ist; das wichtigste davon ist die B o d e n f r a g e. Hier ernten wir heute, was vor zwei Jahren von Verleumdern gesät wurde. Trotz der im Briefe des Premierministers gemachten Zusicherungen bedeutete der uns am 1. August 1931 übersandte Entwirf einer Verordnung zur Bodenkontrolle nichts anderes als eine Wiederholung der Politik des Weißbuches und obwohl es sich doch nun herausgestellt hat, daß das Problem des ״landlosen Arabers“ gegenstandslos geworden ist, sehen wir uns doch noch den sich aus der Theorie der Dislozierung ergebenden Gefahren gegenübergestellt. Das Aktions-Comite und das Administrative Committee haben sich mit bemerkenswerter Einstimmigkeit auf ein bestimmtes Vorgehen in bezug aut die French-Berichte geeinigt und ich bedauere die Versuche, die gemacht wurden, dadurch Verwirrung hervorzurufen, daß Gerüchte in die Welt gesetzt wurden, wonach im Aktions-Comitö oder in der Exekutive hinsichtlich der Behandlung der Berichte Meinungsverschiedenheiten bestanden hätten. Die Exekutive hat sich bei Abfassung der ״Bemerkun- 6en der Jewish Agency“ zu diesen Berichten in genauester ebereinstimmung mit den Beschlüssen des A.-C. und des Administrative Committee gehalten, und genau so wie die Exekutive ja nach dem letzten Kongresse sieh weigerte, irgendwelche Bodenpolitik auch nur zu erwägen, die eine Einmischung in unsere Arbeit in Palästina bedeuten würde, genau so können die Zionisten sich heute darauf verlassen, daß die Exekutive das Möglichste tun wird, um die jüdi• sehen Interessen hinsichtlich dieses vitalen Faktors im jüdisehen Nationalheim zu schützen. Die Frage lautet heute: welche Linie sollen wir in der Zukunft verfolgen? Herr Jabotinsky gibt uns das Ergebnis des letzten Versuches mit Großbritannien als Mandatarmacht, nämlich daß Großbritannien das Recht auf das Palästina-Mandat verwirkt habe und daß wir daher mit ihm als Mandatarmacht brechen müssen. Er nimmt sich noch nicht einmal die Mühe zu sagen, was nach diesem Bruch mit Großbritannien geschehen soll — wahrscheinlich weil er es selbst nicht weiß. Ich frage aber: Was wird dann geschehen? Unsere Kraft als Volk ist durch äußere Umstände berenzt. Selbst wenn wir wünschten, Militaristen zu sein, önnten wir, ein zerstreutes Volk, es nicht sein. Mit der Mechanisierung der Kriegswaffen verliert auch die physische Kraft einer in alle Winde zerstreuten Gemeinschaft mehr Und mehr an Bedeutung. Daraus folgt, daß eine Politik des Bruches mit der Mandatarmacht, wie sie in Wien vertreten wurde, nur die eines moralischen Widerstandes sein kann. Richtig ist, daß es Leute gibt, die — von ihren Führern irregeleitet, an Gewalt denken. Mit der Ermunterung derartiger Gedanken erweist ein Jude seinem Volke den denkbar schlechtesten Dienst, denn es ist ja ganz offensichtlieh, daß diese Gewalt nur sehr kurze Zeit angewandt werden kann, und zu einem in unserer Geschichte noch nicht dagewesenen Unglück führen muß. Andererseits ist ein moralischer Widerstand nicht undurchführbar und bedeutet eine Politik, die, flüchtig gesehen, einer Erwägung wert zu sein scheint. Wir haben doch in der Vergangenheit Widerstand geleistet und haben dabei Erfolge erzielt. Wenn wir uns widersetzen, so haben wir dabei drei Möglichkeiten im Auge: die erste und für uns günstigste ist die, daß die Macht, der wir uns .widersetzen, weichen und ihre Haltung ändern wird; wenn das eintritt, so kann das Endresultat unter Umständen nicht nur eine Modifizierung der Handlungen und der Politik dieser Macht sein, sondern vielleicht sogar die Wiederherstellung einer Freundschaft. Die zweite Möglichkeit ist die, daß eine andere, neutrale Macht die Berechtigung unseres Widerstandes anerkennt und ihren Einfluß auf die Macht, der wir uns widersetzen, dahin geltend macht, daß diese ihre Haltung ändert. Ein solches Resultat ist jedoch ziemlich unwahrscheinlich und schließt eine weit geringere Möglichkeit der Wiederherstellung freundschaftlicher Beziehungen ein. — Drittens und letztens könnten wir Widerstand leisten in dem Bewußtsein, daß cs für uns keine Möglichkeit auf Erfolg gibt, daß wir uns aber deshalb weiter widersetzen, weil es nichts mehr zu verlieren gibt und uns nicht besseres übrig bleibt als unsere Würde und unsere Selbstachtung zu retten. Es gibt natürlich auch noch eine vierte Möglichkeit: wir können durch unseren Widerstand eine andere Macht dazu veranlassen, in unserem Namen zu intervenieren, und dadurch die Macht, der wir uns widersetzen, ihrer Jurisdiktion über uns berauben. In unserem Falle würde das ein Autgcben des Palästina-Mandates durch Großbritannien bedeuten. Diesen Gedanken können wir, glaube ich, als auch nicht eines Augenblickes Erwägung wert, fallen lassen. Anscheinend gibt es überhaupt keine Körperschaft, die dazu legalisiert wäre, einer Mandatarmacht ein Mandat über irgendein Gebiet zu entziehen, und, selbst wenn ein solches Recht existierte, so scheint es mir die höchste Torheit zu sein, auch nur anzunehmen, daß wir in der Lage sein würden, eine Macht oder Mächte dazu zu bewegen, gemeinsam mit uns von Großbritannien die Zurückgabe des Palästina-Mandates zu verlangen, oder aber Großbritannien so in Schrecken zu setzen, daß es aus Palästina fortläuft. Wie ein Jude auch nur so naiv sein kann, zu glauben, daß irgendeine Macht, sei sie schwach oder stark, aus reiner Freundschaft zum jüdischen Volke sich mit Großbritannien Überwerfen und es aus Palästina verdrängen würde, übersteigt meinen Verstand. In welchem Lande der Welt sind wir Juden so geliebt, so machtig, die Regierung dazu überreden oder zwingen zu können, unsere Sache in diesem Sinne zu vertreten? Und wenn jemals die eine oder andere Regierung geneigt erscheinen sollte, etwas Derartiges zu tun, so würde ich eindringlichst warnen vor abenteuerlichem Eingreifen in internationale Rivalitäten und Eifersüchteleien, besonders wenn es sich um ein Land wie Palästina handelt, mit seinen so komplizierten religiösen und strategischen Bedingungen. Es soll niemand mit dem Palästina-Mandat spielen. Möge es nun ein gutes oder ein schlechtes Dokument sein: es ist unser nationaler Charter und wir haben es als den Ausgangspunkt für unsere nationale Freiheit zu benutzen. Man kann natürlich nicht Voraussagen, ob dje Zukunft nicht vielleicht neue Bedingungen mit sich bringen wird; jetzt aber haben wir mit Großbritannien zu arbeiten, und das müssen wir so gut wie nur möglieh tun. Großbritannien hat uns nicht zufriedengestellt, aber wir sind trotzdem in unserer Arbeit vorwärts gekommen, und Palästina weist heute eine Bevölkerung von beinahe 200 000 jüdisehen Seelen auf. Wie die Dinge heute liegen, ist jüdischer Aktivität und jüdischem Fortschritt in Palästina ein weites Feld gegeben, ln unserem eigenen Interesse müsssen wir — ohne unsere Rechte als Volk zu opfern — solche freundschaftliehen Beziehungen mit Großbritannien aufrecht erhalten, die zu einer weiteren Entwicklung unserer Arbeit in Palästina führen können. Wir müssen dem neuen Regime die Möglichkeit geben, eine entgegenkommende Politik uns gegenüber zu entfalten. Ich möchte sogar noch weiter gehen und sagen, daß wir alles tun sollen, was in unserer Macht steht, um die anscheinend doch vor sich gehende Aenderung der Haltung zu fördern, ln dieser Richtung geht die Politik derExekutive. Vielleicht aber steht es mit uns wirklich so schlecht, daß wir nichts verlieren können, wenn wir mit Großbritannien brechen? Ich behaupte, daß das unwahr ist. Wir können in Palistina vorwärtskommen, und es ist unsere Pflicht, alle uns gebotenen Möglichkeiten voll auszunutzen. Trotz aller Einwanderungsbeschränkungen und der Schwierigkeiten in der Bodenfrage können wir in Palästina arbeiten und eine große Anzahl Juden kann jetzt dort Raum finden. Wenn wir bessere politische Bedingungen für unsere Arbeit suchen, so dürfen wir nicht die bereits vorhandenen Möglichkeiten vergeuden, denn jedes neue Mitglied des Jischuw, jeder von uns erworbene Dunam Land erhöht unsere Verhandlungskraft und damit die Möglichkeit einer Verbesserung unserer politischen Situation in der Zukunft. Es erhebt sich die Frage, ob wir uns mit einer Auflehnung an die ganze Welt, an das ״Gewissen der Menschheit“ wenden sollen. Mit diesem Gedanken wird heute sehr gespielt, und ich möchte sagen, daß er zugleich annehmbar und auch unannehmbar sein kann; unannehmbar, wenn er eine internationale politische Kampagne gegen Großbritannien bedeutet; annehmbar, wenn es ihm gelingt, nicht die freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Mandatarmacht und uns abzubrechen und wenn er in der Form eines ehrlichen Appells an das Gewissen der Welt ausgeführt wird. Uns steht hier ein großes Tätigkeitsfeld offen. Die allgemeine Unwissenheit über die Tragödie des jüdischen Volkes und den Zionismus als die erlösende Bewegung ist größer als man glauben möchte. Wir können nur an eine Auflehnung denken, die von der Mandatarmacht eine Aenderung ihrer Politik hinsichtlich einer augenfälligeren Aenderung unserer Rechte und einer Erleichterung unserer Arbeit in Palästina bewirken will. Die Exekutive bemüht sich fortgesetzt, die Politik der Mandatarmacht zu beein- Bussen. Und die Geltendmachung unserer Mandatsrechte und unserer Rechte als einer Nation, auf freundschaftlicher' Basis zwischen der Mandatarmacht und uns, ist die ständige Politik der Agency. Wir glauben, daß durch die Anwendung dieser Methode immer wachsende Möglichkeiten gegeben sind, und führen diese Politik mit großer nationaler Würde und jedem nur möglichen Nachdruck durch. In dem Maße, wie das Jüdische Nationalheim von Jahr zu Jahr wächst, wächst auch unsere politische Kraft. Sehr viel politische Arbeit muß noch geleistet werden. Wir müssen erreichen, daß die Mandatarmacht die Legende von der Dislozierung der Araber vergißt und endgültig diese psychologische Basis ihrer Politik aufgibt. Wir müssen auch alle anderen, die an Palästina interessiert sind, lehren, das Märchen vom Zionisten, der andere aus Palästina vertreibt, als ungerechte Verleumdung zurückzuweisen; — wir müssen uns dem palästinensischen Araber nähern und ihm über das, was •in seinem eigenen Interesse liegt, die. Augen öffnen: daß nätnlieh seine Interessen mit den unseren eng verbunden sind, daß er keine Zukunft hat Ohne die ihm durch jüdisches Unternehmen gebotenen Möglichkeiten, und daß Palästina ohne den Aufbau eines Jüdischen Nationalheimes keine Zukunft hat. Wir müssen die Politik des jüdischen Nationalheimes in den führenden politischen Kreisen der Nachbarländer Palästinas sowohl auf diplomatischem Wege als auch durch Herstellung wirtschaftlicher Beziehungen sichern; wir müssen die Vorgänge im nahen Osten beobachten und unsere Methoden und unser Vorgehen so anpassen, daß das Jüdische Nationalheim aus allen Veränderungen, die in dem politischen Kaleidoskop dieses Teiles der Welt etwa eintreten mögen, unversehrt hervorgehen wird; wir müssen nach Anerkennung unseres Rechtes streben, auf dem ganzen, von dem Mandat eingeschlossenen Gebiet siedeln zu dürfen. Prcssesdiau Am der arabischen Presse Die arabische *Istiklal״) -״Unabhlngigkeits“-) Partei, welche die Aufhebung der Mandate und die Schaffung eines großarabischen Reiches anstrebt, hat mit der Herausgabe einer Wochenschrift ״A1 - A r a b“ begonnen, die in Jerusalem erscheint. Die beiden ersten uns vorliegenden Nummern enthatten Berichte über die politische Lage und die patriotische Bewegung in den einzelnen arabischen Ländern, wobei ausführlich die Analogie der Einigung Deutschlands und Italiens herangezogen wird. Ueber Palästina schreibt in der ersten Nummer Advokat Subhi Bcy Alchadra. Er wendet sich in scharfen Worten gegen die arabischen Notabehl in Palästina, welche wohl den Zionismus, aber nicht den englischen Imperialismus bekämpfen und ihre politische Energie in momentanen Aufwallungen gegen die Zionisten verpuffen. Der Zionismus aber sei nur eine Erscheinungsform des Imperialismus. Der wahre Feind sei England, das den Arabern zuerst Hilfe für die Erlangung ihrer Unabhängigkeit zusagte und dann sein Versprechen brach, Palästina von den arabischen Ländern loslöste und jetzt die Araber mit Eisen und Feuer regiere. Eine Karikatur ״Vor 16 Jahren und heute“ zeigt auf der einen Seite John Bull im Jahre 1916, die Araber zum Aufstand gegen die Türken hetzend, auf der anderen Seite die arabische Halbinsel heute von John Bull in eine Boxerbühne verwandelt, auf der lbn Rafada gegen Ibri Saud kämpft. Der Generalsekretär der Partei, Auni A b 11 u I h a d i, veröffentlicht Erinnerungen aus der Zeit der Friedensverhandlungen in Paris, denen er als Begleiter des damaligen Prinzen (jetzigen Königs) Feisai beigewohnt hat. Er druckt Teile eines Dokumentes ab, das die Engländer am 14. Dezember 1919 Feisai eingehändigt haben, in welchem sie ankündigten, daß die britischen Truppen Syrien entsprechend dem Sykes-Picot-Vertrage räumen und französische Truppen es besetzen werden. Das war, sagt Abdulhadi, das erste offizielle Dokument, in welchem den Arabern bekanntgemacht wurde, daß die britische Regierung beabsichtige, den ״verhaßten Sykes-Picot-Vertrag“ durchzuführen. Abdulhadi erzählt von den verzweifelten Anstrengungen, welche Feisai machte, um diese Zerreißung der arabischen Einheit zu verhindern und zitiert Teile der Antwort, welche Feisai am 21. Dezember 1919 an Lloyd George richtete und in welcher er erklärte, der Sykes-Picot-Vertrag bedeute eine Verletzung der den Arabern von England und Frankreich gemachten Versprechungen und erweckten Hoffnungen und verlangte, daß sämtliche europäische Truppen aus allen arabischen Ländern zurückgezogen und die Verantwortung den arabischen Regierungen überlassen werde. Abdulhadi verspricht weitere Veröffentlichungen in dieser Frage. Große Teile der beiden Hefte der Zeitschrift sind dem ״Chittin-Tage“ (27. August) gewidmet, an welchem die Araber die Wiederkehr des Tages des Sieges Saladins über die Kreuzfahrer feierten. Die Zeitschrift preist den aus diesem Anlasse zutage getretenen Patriotismus und bemüht sich zu zeigen, daß die Feier nicht einen antichristlichen, sondern einen anti-imperialistischen Charakter getragen habe, so daß auch die arabischen Christen an ihr teilnehmen konnten und teilgenommen haben. (In letzter Zeit sind die Beziehungen zwischen arabischen Mohammedanern und Christen vielfach sehr gespannt ) — Die Redaktion schreibt übrigens statt Palästina ״Südsyrien genannt Palästina“. * Das Septemberheft der englischen Zeitschrift ״Fort• nightly Review“ bringt einen sehr beachtenswerten Aufsatz über ״Die Unabhängigkeit von Irak“, der auf die Politik der Beendigung der A-Mandate, vm denen in kurzer Zeit, wenn auch Syrien aus dem Mandatsverhältnis enüässen sein, nur Palästina übrig bleiben wird, ein bemerkenswertes Licht wirft. Der Verfasser, der mit dem Pseudonym ״Fü* silier“ zeichnet, beurteilt mit äußerster Skepsis, ja Pessimismus die Tatsache, daß in der Septembertagung des Völkerbundes das englische Mandat über das Königreich Irak endgültig aufgehoben werden soll und es als unabhängiger Staat in den Völkerbund eintritt. Selbst viele Araber stehen, ungeachtet aller Prestigegründe, dem Aufhören der Verantwortlichkeit Englands als Mandatarmacht mit gemischten Gefühlen gegenüber. Die nicht-arabische Bevölkerung erwartet jedoch dieses Ereignis mit Bangen, wenn sie auch klug gem^j ist, ihre wahren Gefühle zu verschleiern. Der Autor schildert sehr eingehend die Entstehung und Entwicklung des britischen Mandats über Irak und bemerkt, es wären wiederholt Meinungen in Europa laut geworden, England habe das Mandat über Irak so frühzeitig beendet, nicht etwa, weil Irak dafür schon reif gewesen sei, sondern weil die innere Politik der britischen Regierung es erforderte. Diese olitische Notwendigkeit gebot der Mandatarmacht, die Zuunft Iraks in rosigen Farben zu malen, zwar nicht in falscher Darstellung, aber von einem sehr optimistischen Standpunkt aus die Dinge betrachtend. Für dip nächsten 5 Jahre — solange soll die englische Luftflotte noch im Lande verbleiben — befürchtet der Verfasser eine Reihe politischer Wirren. Denn wenn auch in den letzten Jahren die Entwicklung der Dinge im Irak sich reibungslos vollzogen habe — mit Ausnahme des Kurden-Aufstandes —, so sei zu erwarten, daß nach der sicher vollzogenen Aufnahme in den Völkerbund die lange Periode einer kontinuierlichen Politik ein Ende haben wird und allerhand Veränderungen im politischen Leben Bagdads eintreten. Von großer Wichitgkeit werde es sein, ob di» staatlichen Organe eines völlig unabhängigen Königreichs Irak in Zukunft den Rat englischer Beamter und Sachverständiger, die ja in größerer Anzahl im Lande verbleiben, werden einholen wollen. Aber das entscheidende Problem sei nicht, ob Selbst- Verwaltung besser sei als eine gute Regierung, sondern die Frage: Wird Irak zusammenbleiben? Oder werden aus dem Norden die Türken und aus dern Süden die Wahabiten in das Land eindringen? Gegenwärtig unterhält König Feisai gute Beziehungen zu seinen Nachbarländern, von keiner Seite droht Gefahr, aber diese Politik des Friedens ist 80 sehr an die Person der jetzigen Beherrscher dieser Länder geknüpft, daß mit dem Ableben auch nur eines von ihnen unvorhergesehene Verwicklungen eintreten können. Dazu kommt die Möglichkeit innerer Unruhen. Es besteht die Gefahr, daß der alte Gegensatz zwischen den Stämmen und der städtischen lntelligenz einerseits, den Schiiten und den Sunniten andererseits, der unter dem Druck der Notwendigkeit, der Mandatarmacht gegenüber eine Einheitsfront zu bilden, solange in den Hintergrund getreten war, Jetzt wieder aufleben könnte und die Zukunft Iraks schwer bedroht. Es muß also bezweifelt werden, ob durch die frühe Unabhängigkeitserklärung des Königreiches Irak dem Weltfrieden und der Weltentwickulng gedient ist. I. B. S. Die Deutsche Reichspost läßt — wie auch andere Telegranhenverwaltungen — zum jüdischen Neujahrsfest (1. Oktober) wieder einen Glückwunschtelegrammdienst zu wesentlich ermäßigter Gebühr zu. Solche Glückwunschtelegramme können vom 26. September bis 10. Oktober bei sämtlichen Telegrammannahmesteilen aufgeliefert werden; sie sind zugelassen im innerdeutschen Verkehr, im Verkehr mit Belgien, Bulgarien, Dänemark, Finnland, Jugoslawien, Lettland, Litauen einschl. Memelgebiet, Luxemburg, Oesterreich, Polen, Portugal, Rumänien, Saargebiet, der Schweiz, der Tschechoslowakei, Un- Karn, Aegypten, Palästina, Irak, U. S. A. und Kanada.

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