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Jüdische Rundschau · 1932-09-27 · Heft 77 (27.9.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 77 (27.9.1932)
Date
1932-09-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 372 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 77, 27. IX. 1932 Aber noch niemals war das jüdisch-deutsche Problem so brennend, und noch nie ist es in so grundlegender Weise behandelt worden, wie in Frankfurt. Oer entschlossene Wille des deutschen Zionismus, die deutschen Juden zu klarer Erkenntnis und offenem Bekenntnis ihrer wirklichen Lage zu nötigen — deren sie sich gefühlsmäßig durchaus bewußt sind —, fand in Blumenfelds Ausführungen überzeugenden Ausdruck, zugleich aber auch die unbedingte Bereitschaft, im verein mit allen anderen jüdischen Gruppen für Existenz und Rechtssteilung des deutschen Judentums zu kämpfen. Bei der aktuellen Bedeutung der deutsch-politischen Ausspräche war es unvermeidlich, daß sie einen Teil der Zeit beanspruchte, die viele lieber der Beratung über aufbauendc zionistische Arbeit gewidmet hätten. Die Rangordnung, welche den einzelnen Aufgaben zuerteilt wird, läßt sich durchaus nicht mechanisch nach der für ihre Besprechung aufgewendeten Zeit beurteilen. Wollte man insbesondere die Anteilnahme des Delegiertentages am Palästinaaufbau und die innere Verbundenheit aller Besucher mit Erez Israel nach dem Ausmaß der hierüber im Plenum gehaltenen Reden beurteilen, so würde man kein angemessenes Bild erhalten. Erez Israel versteht sich heute mehr als je von selbst; es gab noch nie einen deutschen Delegiertentag, dessen Teilnehmer in so großer Zahl mit Palästina persönlieh verbunden waren und sich mit persönlichen Palästinaplänen trugen. Das gilt keineswegs nur für die Jugend, aucn eine überraschend große Zahl von Aelteren entwickelte ernsthaft die Absicht einer baldigen Uebersiedeluttg. Ucbcr die Situation der im üaluth verbleibenden Zionisten entspann sich eine bemerkenswerte Debatte im Arbeitsausschuß, in dem die quantitativ und qualitativ erfreulich vertretene. Jugend, besonders zu Worte kam. Darüber ausführlich zu berichten, ist hier nicht der Ort. Ihren Höhepunkt fand sie in der Aussprache zwischen Blumenfeld und Sereni, einer geistigen Auseinandersetzung zweier Generationen, die sicherlich das beiderseitige Verständnis gefördert und manche ältere Zionisten von unbegründeten Minderwertigkeitsgefühlen befreit hat. Ob ein Delegiertentag gut oder schlecht war, entscheidet nicht die Spannung, mit der er geladen war und noch weniger die Aufnahme der Reden, sondern seine nachhaltige Wirkung auf die zionistische Arbeit und Politik. Aus diesem Grunde läßt sich ein abschließendes Urteil über die Frankfurter Tagung noch nicht fällen. Schon jetzt scheint mir sicher, daß sie für die Auseinandersetzung innerhalb des deutschen Judentums eine entscheidende Bedeutung haben wird# Welche außerordentlichen neuen Antriebe der Delegiertentag der spezifisch zionistischen Arbeit gegeben hat, lassen schon jetzt die Berichte der Teilnehmer erkennen. Es muß dafür gesorgt werden, daß diese Stimmung sich in zielbewußte Tätigkeit umsetzt. — Zu diesem Zwecke muß die Leitung ständig mit den Ortsgruppen in Fühlung bleiben, ihnen Anweisungen geben, wie sie die proklamierte Auseinandersetzung mit der deutschen und jüdischen Umwelt durchführen sollen, und in Schulungswochen die aktiven Mitarbeiter über die wesentliche Literatur Unterrichten. Weitergehend scheint es mir aber in diesem Zusammenhang notwendig, das vorhandene Schrifttum zu ergänzen, besonders durch eine vergleichende Untersuchung über die Stellung der Juden in anderen Ländern. — Die Anerkennung der Pflicht, die Hachscharah zu fördern, darf nicht ein leeres Wort bleiben. Es können hierzu auch weite Kreise herangezogen werden, etwa in Form von Vereinen zur Förderung landwirtschaftlicher und handwerklicher Ausbildung unter deh Juden. -־־ Besonderes Augenmerk ist auf die Erfassung der in zionistischen Elternhäusern heranwachsenden Jugend zu richten. An ihnen soll sich erweisen, daß der Zionismus eine lebendige, sich stets verjüngende Bewegung, nicht ein mechanisferter Äppäräf ist. Htfef legt natüftfeh Tn erster Linie eine Aufgabe der Elfem, die aber erschwert ist, wenn der jüdische Unterricht in den Schulen nicht endlich mit neuem Geiste erfüllt wird. Das Programm für eine grundlegende Umgestaltung des jüdischen Erziehungswesens, mit dem sich die dazu Berufenen schon länger beschäftigen, dürfte daher nicht länger hinausgeschoben werden. Hoffen wir, daß die belebende Kraft des Delegiertentages zur Durchführung dieser und aller anderen zionistischen Aufgaben entscheidend beiträgt. Zoll-Union zwischen Palästina und England Jerusalem, 21. September. (J.T. A.) Eine von der Jewish Agency einberufene in Tel-Awiw abgehaltene Ver- Sammlung jüdischer Wirtschaftsführer, an der neben Vertretern der Jewish Agency und des Waad Leumi noch Vertreter des Verbandes jüdischer Landwirte, des Industriellen- Verbandes und des Verbandes der Citrus-Züchter teilnahmen, behandelte die Frage der Gründung einer Liga zur Herstellung einer Zoll-Union zwischen Pa-!ästin a und England. Dr. A. I. Kasteliansky trat für die Abschaffung des Zoll-Systems der Offenen Tür in Palästina, das auf der sogenannten Meistbegünstigungs-Klausel (Most Favoured Nations Clauses) basiert, ein und forderte die "Inaugurierung einer eigenen Handels- und Zollpolitik in Palästina. _ Palästina soll die Freiheit haben, Zollabkommen mit verschiedenen Ländern gemäß seinen eigenen Bedürfnissen abzuschließen. An die Reae Kastelianskys schloß sich eine Aussprache, in der die Frage der Einbeziehung Palästinas in die imperial Preference, damit Palästina-Orangen in Großbritannien zollfrei eingeführt werden könnten, behandelt wurde. Dr. Chaim Arlosoroff übernahm die Leitung des Komitees zur Organisierung der neuen Palästina-Liga zur Her- Stellung einer Zoll-Union zwischen Palästina und England. Er wird einen Aktionsplan für Vorbereitung eines Handelsabkommens mit dem britischen Reich ausarbeiten. Haifa, 22. September. (J. T. A.) Ein Fall von Auto- Banditentum ereignete sich am 20. September auf der Straße zwischen Haifa und Akko: Ein jüdischer Chauffeur namens ltkin sollte einen arabischen Passagier nach Akko fahren. An einer einsamen Stelle des Weges zwang der Araber mit vorgehaltenem Revolver ltkin zu halten, den Wagen zu verlassen und Chloroform einzuatmen. Der Araber ließ ltkin bewußtlos liegen und fuhr mit dem Auto davon. Ein zweiter jüdischer Chauffeur nahm den inzwischen wieder zur Besinnung gekommenen ltkin auf, beide machten sich an die Verfolgung des Auto-Räubers. Inzwischen hatten sich dem arabischen Banditen drei andere Araber zugeselit. Ais das verfolgende Auto an sie herankam, drohten sie zu schießen und zwangen die Verfolger zum Rückzug, ln diesem Augenblick kam ein Autobus aus der entgegengesetzten Richtung. Die Araber eröffneten gegen denselben ein Feuer, durch das zwei Autobus-Passagiere verletzt wurden, und flüchteten. Der geraubte Wagen wurde später beschädigt auf der Straße aufgefunden. Die arabischen Banditen trugen alle Masken, einer von ihnen die Uniform eines Polizisten. Jerusalem, 21. September. (J.T.A.) Der jüdische Arbeiter-Sportverein ״Hapoel“, der soeben aus dem palästinensisch-jüdischen Sportverband mit der Begründung ausschied, daß der Verband vom Makkabi beherrscht wird, lud arabische Sportvereine ein, mit ihm einen allgemeinen Palästina-Sportverband zu bilden. Die Araber lehnten das Angebot ab. Brief aus Bulgarien Es gibt kaum irgendwo eine so stark zionistische Judenschalt, wie gerade in dem kleinen jüdischen Siedlungsgebiet Bulgariens. Wohl ist die jüdische Bevölkerung klein, sie zählt 49000 Seelen, von denen 22000 in der Hauptstadt Sofia und der Rest verstreut in 33 Gemeinden leben. Dank der systematischen Aufklärungsarbeit der Zionistisehen Organisation in den letzten vier Dezennien ist es gelungen, die ganze jüdische Bevölkerung national zu erfassen. Das gesamte jüdische Leben steht hier im Zeichen zionistischer Beeinflussung. Kein Wunder, daß jüdische Gemeinden mit dem Zentralkonsistorium durchweg unter zionistischer Führung stehen, die auch in der Tat bemüht ist, das jüdische Schulwesen und alle übrigen Institutionen in einem wahrhaft jüdisehen Geiste zu führen. Schon bei einer flüchtigen Uebersicht des Budgets des Zentralkonsistoriums merkt man das große Interesse der hiesigen Judenschaft an allem, was vom schöpferischen Inhalte des heutigen Judentums Zeugnis ablegt. Nicht ״Rituaiia“ und ״Rabbinica“ allein bilden hier das ausschlaggebende Moment, sondern Jugenderziehung, Anpassung des Galuthjuden an das Schöpferische, welches aus Erez Israel kommt. Daher wird ein besonderes Augenmerk dem Schulwesen, der wirtschaftlichen Um- Schichtung und Vorbereitung des wertvollen Teiles unserer Jugend für Erez Israel gewidmet, Aufgaben, die hier nicht von Parteien oder Gruppierungen, sondern von der Repräsentanz des Gesamtjudentums durchgeführt werden. Wenn hier noch vor einigen Jahren der Klub ״Union israelite‘‘ das Bollwerk des antizionistisch eingestellten Teiles der bulgarischen Juden bildete, so mußte auch er unter der Wucht zionistischer Leistungen im jüdischen Alltagsleben seine Stellungnahme zu Palästina ändern und eine propalästinensische Haltung proklamieren. Im Zentralkonsistorium sind auch Nicht-Zionisten vertreten, aber wie weit ist dieser Begriff von dem entfernt, was wir darunter in Mitteleuropa verstehen. So ist es auch begreiflich, daß das hiesige jüdische Gemeindeleben von dem üblichen ״Kehille“- Leben weit entfernt ist und jenen inhaltsreichen Aufgabenkreis schuf, der das Wesen einer wirklich-jüdischen Autonomie ausmacht. Die Gemeindeautonomie existiert de facto, obwohl sie vom Staate de nomine noch immer nicht anerkannt worden ist und das Zentralkonsistorium um ihre formale Anerkennung kämpft. Diese wird vom Staate eigentlich nicht aus prinzipieller Gegnerschaft, vielmehr aber aus Angst, mit dieser Anerkennung einen juristischen Präzedenzfall für die recht erhebliche Anzahl anderer hier lebender ethnischer und religiöser Minoritäten, wie Armenier, Türken, Gheusen u. a. zu schaffen, heute noch verweigert. Ungeachtet dieser Formalität ist die jüdische Gemeindeautonomie eine im Leben bereits fest verankerte Institution, die dem Willensausdruck der hiesigen Judenschaft vollste Rechnung trägt. Es ist sicher, daß dies ohne die positive Einstellung der bulgarischen gesellschaftlichen Strömungen zur Judentrage nicht denkbar gewesen wäre. Jene Erscheinung, die fn den anderen Ländern die Be- Ziehungen zwischen Staat, Majoritätsnationen und Minderheiten einerseits und den Juden andererseits verschärft, ja vergiftet —> der Antisemitismus ist hier ein Faktor, der im Staatsieben noch keine besondere Rolle spielt. Wohl war Bulgarien bereits mehrmals Schauplatz antisemitisch er Ausfälle. Wir erinnern an die recht starke antijüdische Stimmung der Bulgaren in den Jahren 1877/78, die es nicht verstehen wollten, daß der Jude, der Jahrhundertelang ״*echt und gut unter den Türken lebte, lüf die Bestrebungen.der bulgarischen Unabhängigkeitsbewegung nicht jenes Maß von Verständnis aufbringen konnte wie der bulgarische Revolutionär. Nicht minder traurig waren die Peßachexzesse 1m Jahre 1890, denen zufolge die Juden sogar die Stadt Wralza verlassen mußten oder gar die Tatsache, daß die von der damaligen Regierung inaugurierte landwirtschaftliche Ansiedlung von Juden in dem bulgarischen Kalifornien — in der Dobrudscha — nach der Erklärung des Ministerpräsidenten Radoslavow in dem Sobranje infolge der feindlichen Haltung der örtlichen Bürokratie und Landbevölkerung fallen gelassen werden mußte. Ungeachtet all dieser temporären Erscheinungen konnte hier der Antisemitismus nicht in diesem Ausmaß Fuß fassen, daß er jene Wirkung hätte hervorrufen können, wie in Mittel- und Osteuropa. Der Bulgare ist an und für sich entgegenkommend, korrekt und gegen Andersnationale und -gläubige nicht haßerfüllt. Er ist vielmehr tolerant im vollsten Sinne dieses Wortes, vor allem aber in allen Belangen, die im Interesse seines Staates liegen, für dessen Unabhängigkeit er solange kämpfen mußte. Der Bulgare hat die Bitternis seiner ״Galuth“ nicht so rasch vergessen wie andere Völker, die, obwohl gestern noch verfolgt, heute aber im Vollbesitze ihrer Freiheit ärger als Unterdrücker sind als es ihre eigenen Unterdrücker gewesen waren. Die gekennzeichnete bulgarische Einstellung hat eben ein gutes Einvernehmen zwischen dem bulgarischen Staatsvolk und den Juden gezeitigt Bulgarischen Parteien war jedweder Judenhaß fremd und der Jude ist voll und ganz gleichberechtigt, wenn auch im aktiven Offizierskorps — bis auf drei Juden aus der Vorkriegszeit, die bereits pensioniert sind — und im Beamtentum Juden nicht zu finden sind. Bulgarien ist heute vielleicht das einzige Land in Mittel- und Osteuropa, wo es keinen offiziellen oder offiziösen Antisemitismus gibt und der Jude das Gefühl der vollsten Sicherheit und des Schutzes nicht nur der Staatsorgane, sondern auch der Ge- Seilschaft besitzt. Leider scheint sich letztens in dieser Hinsicht die Situation ein wenig zu ändern. Bulgarien hat eine größere Anzahl von Studenten, die an ausländischen, hauptsächlich deutschen Universitäten studieren. Diese Studenten brachten aus der Fremde nebst ihrer wissenschaftlichen Bereicherung, auch eine zweite Gabe mit — den H i 11 e r i s m u s. Hitler wurde die Losung eines wenn auch sehr kleinen Teiles der hiesigen Jugend. Die bulgarische Hitler-Kopie heißt Christo Kuntschef. Er begründete die bulgarische nationalsozialistische Partei, die das Nazi-Programm inklusive Judenhaß aut ihre Fahne schrieb. Ihr Organ die ״Ataka“ (Angriff, selbst diesen Namen entlehnte Kuntschef den deutschen rlitleristen), ist nichts anderes als ein bloßer Abklatsch der deutschen Nazi-Presse. ״Stawaj Blgarjo“ (״Bulgarien erwache“) ist der ständige Mahnruf, und in jeder Nummer wimmelt es von judenhetzerischen Ausfällen. Boykott jüdischer Geschäfte, Vernichtung jüdischer Banken, Ausschaltung des jüdischen Einflusses — Scnlagworte der deutschen Nazis, wobei aber nicht vergessen werden darf, daß sie in Bulgarien völlig sinnlos sind, da die hiesigen Juden weder im Wirtschafts- und Finanzleben, noch im bulgarischen Geistesleben Irgendwelche nennenswerte Rolle spielen. In der Industrie, Hochfinanz und im Großhandel sind die Juden so gut wie nicht vertreten. In der Literatur gibt es, — die Jüdin Dora Gab6, eine namhafte Kinderschriftstellerin ausgenommen, -- keine jüdischen Namen. Angesichts dieser Tatsachen wirken derlei Auslassungen komisch und bleiben daher eirtfe Zeitlang wirkungslos. Zur Entfachung des Judenhasses haben auch die hier lebenden russisehen Emigranten, zumeist gewesene Angehörige der von ihren Pogromen sattsam bekannten Denikin- und Wränge!-Armeen das ihrige beigetragen. Auch die seit einigen Jahren tätigen Faschistengruppen, wie die ״Nacjonalna Zadruga za poiititschesko Bjesraschdane“ unter Dr. Stalyskis Führung und die ״Rodna Zasch-Tschita“ (Heimwehr) des Obersten Schkojnoft sind stark antisemitisch eingestellt, Ihre Organe! speziell das des Obersten SchkojnoH, nährest ihre Leser allwöchentlich mit antisemitischen Oeistesprodukten ärgster Provenienz. Von all dem scheint aber die breitere bulgarische Oeffentlichkeit noch wenig berührt zu sein. Der vor einiger Zeit verhandelte Prozeß gegen den antisemitischen Terroristen Kaipaktschjef und dessen strenge Bestrafung haben klar bewiesen, daß Bulgarien noch bei weitem nicht antisemitisch verseucht und der Staat keineswegs gesinnt ist, dieser exzessiven Bewegung Tür und Tor zu offnen. Dessenungeachtet will die jüdische Oeffentlichkeit diesen Erscheinungen gegenüber nicht passiv verbleiben. , ..... Das Zentralkonsistorium hat die Bekämpfung des Antisemitismus — bis nun hier ein unbekanntes Gebiet — in sein Arbeitsprogramm •— wohl nicht im Sinne der üblichen deutschen Abwehrvereine — aufgenommen. ... .. ,, Für jeden Fall ist die hiesige Judenschaft bereit, alles zu tun, um das bisherige gute Einvernehmen zwischen ihr und den Bulgaren durch von auswärts kommende Einflüsse nicht beeinträchtigen zu lassen. , .. ״ ״ inwieweit dies gelingen kann, wird erst die Zukunft zeigen. Sassoon Jechcskel Effendi gest. 1932. Zum Tode des Bagdader Ministers. Das mangelnde Interesse der westlichen Judenheit an dem Leben und Geschehen der Juden im Orient hat dazu geführt, daß selbst eine Persönlichkeit wie Sir Jecheskel Sassoon, der langjährige Finanzminister und Staatsmann des Königreichs Irak, in Europa fast nicht bekannt war. Und doch nahm er, der eben 73jährig in Paris gestorben ist, einen der ersten Plätze ein unter den führenden Gestalten des neuen Königreiches. Mitglied jener berühmten Familie, die mit Recht ״die Rothschilds des Ostens“ genannt werden kann, war er schon in der Türkenzeit Abgeordneter Mesopotamiens im türkischen Parlament zu Konstantinopel. Nach der Eroberung Bagdads durch die Engländer und der Errichtung eines unabhängigen Nationalstaates wurde er in das erste national-arabische Kabinett berufen. Er genoß das Vertrauen und die Achtung aller Kreise und wurde auch die Stütze der englandfreundlichen Politik im frak. Mit Sir Percy Cox fuhr er zu Jener entscheidenden Orientkonferenz in Kairo im Jahre 1920, auf der die Linien der englischen Orientpoiitik unter der Führung von W. Churchill festgelegt wurden. Sassoon Eff. muß dem britischen Imperium wertvolle Dienste geleistet haben, über die vielleicht einmal Aktenveröffentlichungen mehr Auf- Schluß geben können. Ihm wurde der Titel Sir verliehen und von den Ehrungen, die ihm in Bagdad von Arabern und Juden zuteil wurden, weiß noch heute jeder Iraker viel zu berichten. Infolge seiner Beziehungen zu den englischen Politikern im Vorderen Orient (Philby, Clayton usw.) konnte er einen nicht geringen Einfluß auch auf Englands Palästina- Politik ausüben. Es muß leider gesagt werden, daß er diesen seinen Einfluß in einem antizionistischen Sinne geltend machte. Das Churchill’sche Weißbuch ist in nicht unwesentliehen Punkten von ihm beeinflußt worden. Der zionistischen Politik ist es nicht gelungen — Weizmann soll sich jedenfalls bei der Konferenz in Kairo darum bemüht haben —, die Sympathien dieses jüdischen Staatsmannes zu gewinnen. Sassoon war eben — es muß dies bei aller Hochachtung vor seiner menschlichen Persönlichkeit gesagt werden —, kraft seiner Er- Üebtmg und Ausbildung (Alliance-Schule) zu jenem Typ jupes irakischen Staatsbürgers jüdischen Glaub e n s geworden, der sich in fast nichts von der psychologischen Haltung des deutschen Assimilantentums, mit all den bekannten Konflikten zwischen Deutschtum bzw. Arabertum und Judentum, unterschied. Er batte nie sein Judentum verleugnet und war eines der vornehmsten und wertvollsten Mitglieder der Bagdader Gemeinde. Aber den Zusammenhang mit dem jüdischen Volksorganismus hatte er verloren, und. so konnte er das Palästinaproblem nur vom arabischen Gesichtspunkt aus be- und verurteilen. Von Bagdad aus sah der Zionismus gewiß anders aus als etwa von London oder Berlin. Es war das besondere Schicksal von Sassoon, daß gerade er, 'der Jude, als Präsident parlamentarischer Kommissionen mehr als einmal Resolutionen gegen die Balfourdeklaration und Proteste von seiten des palästinensischen Großmufti zur Abstimmung bringen lassen mußte. Nach den Unruhen in Palästina im Jahre 1929 war er es im Verein mit anderen Notabein, die einen Aufruf erließen, zwecks Bereitstellung von Mitteln für die arabischen Opfer der Unruhen. Es zeigt die Tragik der jüdischen Situation auch im islamischen Galuth, daß der arabische Hilfsfond des Mufti mit nicht wenigen Geldern der irakischen jüdischen Oberschicht gespeist wurde. Bei der Eröffnung des irakischen Parlaments im Jahre 1930, der ich beiwohnen konnte, war Sassoon einer der vier jüdischen Abgeordneten, und es war ein unvergeßlicher Anblick, als nach der feierlichen Thronrede des Königs Faisal di® aristokratische Gestalt von Jech. Sassoon sich auf den Präsidentensitz begab, um als der Aelteste das Parlament bis zur Wahl des Präsidiums zu leiten. Noch in den letzten Jahren war er der stete Berater des Königs und der Regierung in allen Fragen wirtschaftlicher und finanzpolitischer Art. An dem Zustandekommen der neuen irakisehen Währung hatte er einen bedeutenden Anteil. Er war ausersehen, nach erfolgtem Eintritt Iraks in den Völkerbund, die Vertretung des Landes in Genf zu übernehmen. *Keinen besseren hätte das junge Königreich Irak für diesen Posten wählen können. Am Vorabend des Eintritts Iraks in die Familie der Völker jedoch schloß Sassoon seine Augen. In der Liste jüdischer Staatsmänner großen Formats wird auch stets seiner zu gedenken sein. Jerusalem. Dr. Walter Fi sehe I. Kurze Nachrichten Moskau, 18. September. (J. T. A.) 35 palästinensische luden, 21 Männer, 5 Frauen und 9 Kinder, passierten Moskau auf dem Wege nach Biro-Bidschan: Es sind gelernte Arbeiter, wie z. B. Traktorführer, Chauffeure, Bauarbeiter und Wasser-Installatoren. OZET teilt mit, daß am 8. September eine dritte Gruppe Palästina-Juden Palästina verlassen, und sich nach Biro-Bidschan begeben hat. New York, 20. September. (J.T. A.) Der aus Wilna stammende jüdische sozialistische Führer A. Litvak, der unter dem Pseudonym Chaim Jacob Helfant eine große Reihe von Schriften veröffentlichte, verstarb in New York im Alter von 58 Jahren. Er spielte eine Rolle in der russischen revolutionären Bewegung und im ״Bund“. Jerusalem, 23. September. (J.T. A.) Der JTA. wird mitgeteilt, daß im Verlauf der diesjährigen Saison 30000 Dun am Boden neuer Orangenpflanzungen in Palästina angelegt wurden. Czernowitz,22. September. (J.T.A.) Eine in Czernowitz abgehaltene Konferenz von Delegierten der Parteileitungen der zionistisch-sozialistischen Arbeiterparteien ZeireZion und P o a 1 e Z i o n Rumäniens hat die Gründung einer E i n h e i t s - Partei für Rumänien auf Grund der durch die Danziger Welt- Konferenz angenommenen Einigungsformel beschlossen.

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