Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 76 (23.9.1932)
- Date
- 1932-09-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 366 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 76, 23. IX. 1932 In Herziia sind 8760 Dunam parzelliert und restlos an ca. 380 Familien ausverkauft worden. 160 Familien sitzen auf dem Platz, ca. 125 Familien haben von der Amzic Bau- Hypotheken bekommen, ca. 40(» Dunam Orangen sind angepflanzt worden, es gibt schon Ernteerträge (100000 Kisten in diesem Jahr) und es ist kaum ein einziger Fall von Zwangs* exekution vorgekommen, fast alle Bodenschulden sind bezahlt und wenngleich sich das Inkasso der Häuser schulden schwieriger stellt, wickelt es sich in ruhigen Bahnen ab. Insgesamt beträgt die restliche Verschuldung (langfristig) der Käufer an die Amzic weniger als £ 25 00), d. h. weniger als der diesjährige Ernteertrag ausmacht. li. Es wurde schon im früheren Aufsatz erörtert, daß und wieso der Keren Hajessod in eine Politik hineingezwungen wurde, die ihn letzten Endes zum Herrn und Besitzer aller von den drei Bodengescllschaftcn: Amzic, Meshek, Haifa Bay eingeleiteten Siedlungsaktionen bzw. der noch bei ihnen verbliebenen unerschlossenen Böden machte. Er hat sich nach Kräften dagegen gesträubt. Er hat zwischen £ 200 000 und £ 3(» 000 dafür aufbringen müssen, er hat jede Bezahlung unter Protesthaltung vorgenommen und sie mit schweren Vorwürfen begleitet gegen jene Gruppen oder Personen, die die Zwangslage verschuldet haben. ״Durch eure Schuld, d. h. schuldhaftes Verhalten, und weil ihr in eine Notlage geraten seid, und weil wir euch mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung (lies: Keren Hajessod-Eingänge) nicht dem wohlverdienten Zusammenbruch überlassen durften, sind unserem Budget so große Summen entzogen worden, daß unser ganzes Finanzgebäude ins Wanken geriet-.“ Aber diese Protestnaltung, diese Antieinstellung: ״Wir“ auf der einen, ״Ihr“ auf der anderen Seite, ist unangebracht. Wenn man einmal die Geschichte der zionistischen Kolonisation schreiben wird, wird es dort heißen: jahrein, jahraus wurde das Kongreß- Budget infolge der Kräftegruppierung so auf geteilt, daß der unzulänglich organisierte Mittelstand leer ausging. Seine Proteste blieben wirkungslos. Nach wie vor wurde der Exe* kutive die ausschließliche Kolonisation von Unbemittelten auf Keren Kajemeth Boden aufoktroyiert. Da ging der Mittelstand zur Selbsthilfe über: er initiierte ein großzügiges Kolonisationswerk auf eigene Faust, mobilisierte mehrere hunderttausend Pfund aus seinen eigenen Reihen, brachte viele hundert Familien ins Land, schuf fruchtbare Kolonien, und als das Werk zusammenzukrachen drohte, teils weil man die üblichen Fehler beging, teils weil man die auftreibbaren Mittel überschätzt hatte, teils weil eine allgemeine Weltwirtschaftskrise ausbrach, teils weil man eine schlechte Verwaltung hatte, erwies es sich' schon als stark genug, um sich der zionistischen Organisation auch gegen deren Willen aufzuzwingen und alle im Wege stehenden Budgetbeschlüsse der Kongreßfraktionen zu über* rennen. Diesen Beschlüssen zum Trotz ist heute der Keren Hajessod Herr über einen ganz großen Block von aktueller oder potentieller Mittelstands- Kolonisation geworden. Und zu einer Zeit, wo Mittelstandskoionisation ein Schlagwort geworden Ist und wo die Exekutive selber nach Betätigungsmöglichkeiten sucht, um diesem Schlagwort gerecht zu werden, müßte man annehmen, daß sie ihre frühere Protesthaltung aufgibt und umgekehrt die Chancen ausnützt, die ihr mit diesem Block in die Hand fegeben worden sind: darauf hinweisen zu können, daß sie angst schon Mittelstandskolonisator größten Stiles geworden sei, daß alle Angriffe wegen Vernachlässigung dieses Arbeitsgebietes nicht mehr berechtigt sind, und daß es daher überflüssig sei, heute noch einen taktischen oder Prinzipienstreit über das Schlagwort) zu führen. Aber es scheint, daß bei unseren Zentralinstanzen dazu eine Umstellung erforderlich ist, die noch nicht eingesetzt hat. Nicht nur, daß man die großen, bisher investierten Gelder nach wie vor als ״abseitige“ Investierung betrachtet, die lediglich der transitorischen Besitzerhaltung diente und nunmehr ihren definitiven Abschluß gefunden haben soll, nicht nur, daß keinerlei Geneigtheit besteht, über die Besitzerhaltung hinaus neue Gelder für Erschließung, nämlich für tatsächliche Fortführung der erfolgreich begonnenen Mittelstandskolonisation bereitzustellen, sucht man für alle vom Kongreß endlich beschlossenen Mittel- Standsaktionen alle möglichen anderen Orte, Böden und Konibinationen heraus, bloß nicht solche, die mit dem schon vorhandenen Block in Verbindung stehen und die die dort offerierten Verbilligungsmöglichkeiten fruktifizieren. III. Die öffentliche Meinung ist unzufrieden mit dem bisherigen Verlauf dieser offiziellen Mittelstandskolonisation. Sie bezeichnet die Versuche als unzulänglich, erfolglos, und überdies teilweise als Versuche, die nichts mit der Mittelstandskolonisation zu tun haben: Zuweisung von Keren Kajemeth-Boden, z. B. Gruppen landwirtschaftlicher Arbeiter, welche Pflanzungen für ״absentce landlords“ anlegen sollen. Mag die öffentliche Meinung Recht haben oder Unrecht, eins ist klar: will man ernsthaft Mittelstandskolonisation treiben, so kann, soll, darf man nicht mit neuen Experimenten beginnen, die in kunstvollem Bogen den bisherigen und teilweise vortrefflieh fundierten Anfängen aus dem Wege gehen. Warum letzteres geschieht, ist völlig unklar, zumindest dem Laien, der als Spaziergänger daran vorübergeht, und dem es passieren kann wie Jenem, von dem der reiche palästinensische Anekdotenschätz berichtet: Er sah zu, wie ein Landmesser einen Weg absteckte und er wunderte sich, daß der Weg Biegungen machen sollte. Auf seine Frage gab ihm der Landmesser, im Vollgefühl seines Besserwissens und im richtigen Erfassen derVorstellungskraft beim Fragestellen die erschöpfende Antwort: ״Wenn ich kann gehen krumm, wozu brauch ich gehen grade?“ worauf der neugierige Spaziergänger tiefbefriedigt weiterging — das leuchtete ihm ein. Es leuchtet nicht allen ein, und nicht alle sind davon überzeugt, daß der Landmesser wirklich seine Gründe hat und daß er es wirklich besser weiß. Will der Kongreß Mittelstandskolonisation, so soll er die Leitung instruieren und ihr die Möglichkeit geben, jene Kolon»- sation fortzuführen, die durch den Uebergang der Bodengesellschäften an den Keren Hajessod sowieso schon unter ihre Kontrolle geraten i$t, und die nach wie vor zusammenzubrechen droht, wenn man sich weiterhin weigert, ihr laufend neue kolonisatorische Aktivitäten zur Verfügung zu stellen. Herziia ist nicht nur ein Erfolg, sondern es ist sehr populär. Angrenzend an das bereits besiedelte Herziia liegen noch 5000 Dunam Amzic-ßöden, Elharam, die noch nicht besiedelt, die aber ebenfalls schon restlos in Amerika verkauft sind. Sogar der Kaufpreis ist größtenteils schon einkassiert worden. Nur Kuschanschwierigkeiten haben die amerikanischen Käufer bisher von einer Uebersiedlung ferngehalten. Sobald diese Schwierigkeifen behoben sein werden, was man für die allernächste Zeit erhofft (auch diese jahrelange Versäumnis wäre vermeidbar gewesen, wenn es eine Zentraldirektion für die vier großen Bodengesellschaften gegeben hätte), werden zahlreiche Familien übersiedeln, die Stimmung in Amerika tendiert gerade jetzt danach. Die fruchtbarste, billigste und risikoloseste Mittelstandskolonisation würde heute darin bestehen, daß man diesen Uebersiedlungsprozeß fördert und beschleunigt: die Beschleunigung der Kuschanregelung ist eine Geldfrage, und biefet man den Kolonisten wieder 18jährige Baukredite zu 6 0/0 an und womöglich auch Equipierungskredite, so würde sich die Zahl der übersiedlungsbereiten Familien verdoppeln und verdreifachen lassen. Aennliches trifft auf die Haifa Bay-Böden zu. Es ist richtig, daß der ״Kolonisationstro“ für. dort nocli nicht so deutlich erkennbar Ist wie in und bei der erprobten Pflanzungskolonie Herziia. Trotzdem ist es nicht so schwer, in diese{ vorstädtisehen Ocgend einer so aufsteigenden Stadt wie Haifa diejenigen Formen zu finden, die den zahlreichen Käufern von Haifa Bay- Böden eine Existenz auf diesen Böden versprechen. Auch hier müßte die offizielle Mittelstandskoionisation einsetzen, sie müßte die Zuendeführung der geplanten Ameliorierungsarbeiten beschleunigen, sie müßte sie ausweiten und zumindest Baukfedite, möglichst auch Equipierungskredite miteinbeziehen und sie müßte überhaupt alles tun, um jenen Uebersicdlungsgruppen, die bereits darauf warten und die schon viel Geld investiert haben (z. B. Zur Schalom), die Uebersiedlung und An- Siedlung zu ermöglichen und zu erleichtern. IV. Ich habe in einem vorangegangenen Aufsatz zum Ausdruck gebracht, daß ein besonderes Department unserer Exekutive sich mit den privatwirtschaftlichen Böden befassen müßte. Man muß das präziser formulieren. Es handelt sich darum, daß die Kolonisation auf den Böden der jetzt kontrollierten Bodengesellschaften als gleichberechtigte Schwester in das allgemeine Kolonisationsbudget mit aufgenommen wird; Kolonisation von Mittelstand auf Boden mit privatwirtschaftlicher Besitzform, wobei jedoch nichts dagegen spricht, daß diejenigen Parzellen, deren Besitzer damit einverstanden ist, an den Keren Kajemeth überführt werden. (Es gibt Siedler, die absolut auf das private Eigentumsrecht am Boden Wert legen, und es gibt solche, denen es als finanzielle Entlastung erwünscht ist, wenn der Keren Kajemeth den Boden von ihnen erwirbt und an sie zurückverpachtet.) Hierbei soll klar verstanden werden, daß die Kolonisationsgelder, die noch in diese Böden hineingesteckt werden müssen, nichts weniger sind als ä fond perdu Gelder. Man hat an Herziia kein Geld verloren, man wird an Elharam nichts ver- Heren und man braucht an Haifa Bay nichts zu verlieren. Und nicht nur das: im gleichen Verhältnis, in welchem sich solche Mittelstandskolonien entwickeln, «׳erden die vom Keren Hajessod bisher notgedrungen investierten Gelder wieder inkassabei: Käufer, die noch Restbeträge auf Parzellen schulden, zahle!« diesen Rest ein oder aber die Verträge mit ihnen werden anullieft und die Plätze werden neu verkauft. Daß solche Neu verkaufe unter steigendem Interesse heute möglich sind, sofern man nur dem Publikum die Gewähr gibt, 1. für eine verantwortungsbewußte Handhabung der Verkäufe, 2. für eine additioneile Ergänzung des vom Käufer bereitgestellten Investicrungskapitals durch ein kolonisatorisches Kreditkapital, darüber gibt es keine zwei Meinungen. Es ist erstaunlich und unbegreiflich, wie falsch unsere eigene öffentliche Meinung zu diesen Dingen eingestellt ist. AHgemein beschwert man sich oder bedrückt es einen, daß ״nichts geschieht“. Keine neuen Bodenkäufe, keine attraktiven Neugründungen. Es gibt viel anlagewilliges Kapital, aber man versteht nicht, es in Immigration und Ansiedlung umzuwandeln. Der Keren Hajessod bringt nicht genug Geld aut, um allen alten Verpflichtungen gerecht zu werden. ״Abbau“ und ״Verkleinerung“ beherrschen die Ideologie- -- und hier gibt es, angeboten von einwanderungsbereiten Siedlern, in organisierter und geschlossener Form, ein roßes Kapital, teils bereits hineingesteckt in Böden, die auf rschließung warten, teils in Reserve, bereit heriiberzufheßen, sobald die Erschließung sichergestellt ist! Achtlos geht man daran vorüber, ignoriert es als ״Geschäftsintema“ von anarchisch nebeneinander vegetierenden ״Gesellschaften“, mit denen man nicht gern etwas zu tun hat, und in vielenjFällenweißv außer dem allerengsten Kreis um den jeweiligen Büroleiter herum niemand etwas von dem was vorhanden ist oder von den damit verbundenen Möglichkeiten, Mit einem geringen Aufwand von Mitteln, Mitteln vor allem administrativer und nur teilweise budgetärer Art, mit einer ״produktiven Rationalisierung“ (im Gegensatz zur unproduktiven, die sich in mechanischen Streichungen erschöpft) kann man hier nicht nur Spesen verringern, Verluste vermeiden, festgelegte Gelder wieder flüssig machen, abgeschriebene Forderungen eintreiben — sondern man kann, gruppiert um Elharam- Herziia und die Haifa Bay-Böden, eine populäre, große Mittelstandskoionisation treiben, die in raschem Tempo und in fühlbarem Ausmaß neue Gelder — und was wichtiger ist: neue Menschen hereinbringt. 300 Familien auf Herzlia-Elharam-Böden, 300 Familien auf Haifa Bay-Böden innerhalb eines Jahres anzusiedeln, ist eine sowohl technisch wie finanziell durchaus lösbare Aufgabe. Die Privatwirtschaft in Palästina Aus dem Referate des Dir. der Anglo-Palestine-Bank S. Hoofien, Tel-Awiw, auf dem Frankfurter D.-T. Welches sind die subjektiven Forderungen, die man an einen Mittelstandssiedler in Palästina stellen muß, der mit der Absicht kommt, sich in Palästina eine Existenz zu schaffen? Es sind die gleichen Anforderungen, die man überhaupt an Immigranten zu stellen hat. Man muß gesund, jung und anpassungsfähig sein, und vor allem den Willen haben, sich durchzusetzen. Und auch dann ist es nicht so leicht und so einfach, wirklich Fuß zu fassen. Wenn man verheiratet ist, sind all diese Anforderun- Pen im gleichen Maße auch an die Frau zu stellen. Auch die rage der Fachkenntnisse spielt eine Rolle, besonders wenn der betreffende Siedler die Absicht hat, sich auf Grund dieser Kenntnisse im Lande anzusiedelp. Bezüglich der Möglichkeiten in der Landwirtschaft ist folgendes zu sagen: Die Landwirtschaft ist nur ein Rahmenbegriff. Für die Privatinitiative kommt hauptsächlich die Zitrus-Kultur in Frage, ״Zitrus-Kultur“, weil neben der Orange die Grape Fruit eine steigende Bedeutung erlangt hat. Ist die Orange noch immer ein aussichtsreicher Artikel? Ich stütze mich auf die besten Sachverständigen, wenn ich diese Frage bejahend beantworte. Es gibt noch ein ziemlich großes Areal, das bepflanzt werden kann. Die technischen Möglichkeiten, zu pflanzen, sind heute besser als früher. Es ist leicht, sich Rat und Hilfe zu beschaffen. Wir haben in Italien und Kalifornien alles gesehen, was man auf diesem Gebiete lernen kann. Kennzeichnend ist, daß in der letzten Zeit ein Orangen- Sachverständiger der ״Pica“ aus Palästina nach Marokko eingeladen wurde. Kann sich ein deutscher städtischer Jude umstellen und Landwirt auf dem Gebiete der Orangenpflanzung werden? Ich bejahe diese Frage. Seit Jahren bekämpfe ich die These, daß Städter nicht Bauern werden können. Man braucht nur eine Woche in jüdischen Kolonien zu weilen, um zu sehen, daß ein städtischer Mensch sich auf ländliche Tätigkeit umzustellen vermag. Aber ein jüdischer Landwirt in Palästina zu werden, ist nur möglich, wenn auch die Frau dieses Landwirtes den besten Willen dazu mitbringt. Es ist zum großen Teile eine Frage des Kulturniveaus, das aber von unseren Bauern beibehalten wird. Welches sind die Möglichkeiten einer Betätigung in der Industrie? Es gibt solche ganz unbedingt. Natürlich handelt es sich darum, innerhalb der gegebenen Grenzen die Gelegenheiten herauszufinden, die durchführbar erscheinen. Palästina ist ein Land der kleinen Industrie. Diese entwickelt sich überall nicht nach Maßgabe der im Lande vorhandenen Rohstoffe, sondern nach der Eignung des Menschen, der die Sache unternimmt, und nach der Marktfähigkeit des Produktes. Ich verweise auf das Beispiel der Fabrik für künstliche Zähne in Tel-Awiw, Niemand kann behaupten, daß gerade Palästina sich besonders für die Fabrikation von künstlichen Zähnen eignet. Trotzdem floriert das Unternehmen mit wirklich materiellem Erfolg. Das ist auf die Fachkenntnisse des betreffenden Unternehmers zurückzuführen. Es gibt im Lande nur schwache Ansätze für eine B e k 1 e i d u n g s - Industrie. Es ist klar, daß gerade auf diesem Gebiete im Nahen Orient ein bedeutender Markt vorhanden ist. Gibt es objektive Voraussetzungen für eine Industrie? Kapital muß man mitbringen. Die Regierung hat bisher im wesentlichen Umfange Verständnis für die Bedürfnisse in der Industrie gezeigt. Auch mit der Arbeiterschaft läßt sich auskommen. Kreditmöglichkeiten sind vorhanden, wenn der Charakter des Unternehmens, dessen Aussichten, sowie die Person des Unternehmers das notwendige Maß von Garantien gewährleisten. Auf dem Gebiete des Handwerkes sind die Möglichkeiten gewiß vorhanden für solche Menschen, die ihr Fiandwerk tatsächlich verstehen. Ich habe in Palästina bisher keinen Handwerker getroffen, der Fachkenntnisse besitzt, fleißig und strebsam ist, der nicht zufrieden gewesen wäre. Der Handel ist für Palästina ein weniger produktives, aber dennoch wichtiges Fach. Welche Möglichkeiten bietet der Handel? Der Großhandel ist in seinem Wesen ein I m - portgeschäft. Die vorhandene Industrie exportiert selbst, ebenso wie der Orangenpflanzer. Ein neu ins Land gekommener Kaufmann sollte von beiden Zweigen lieber die Finger lassen. Der Imnorthandel wächst mit dem Wachstum des Landes. Aber dieses Wachstum vollzieht sich noch sehr langsam. In Palästina haben wir einen U e b c r f 1 u ß an D e t a i 11 i s t e n. Aber es gibt auch auf diesem Gebiete noch einige Möglichkeiten, denn mit der fortschreitenden Wohlfahrt kann man für neue Artikel ein Publikum finden. Der Transit-Handel eröffnet weite Ausblicke. Er bietet aber Aussichten für solche Menschen, die auf dem Gebiete des Welthandels erfahren sind. Für Angestellte ist in Palästina wenig Platz. Es ist nicht leicht, als Angestellter nach Palästina zu kommen. Um die freien Berufe ist es in Palästina genau so bestellt wie in der ganzen Welt. Sie sind überfüllt, junge Aerzte und Anwälte setzen sich zwar manchmal durch, aber schwierig bleibt es auf jeden Fall. Transport-Unternehmungen und Bau-Unternehmungen können nur von fachkundigen, kapitalkräftigen Personen mit Erfolgaussichten begründet werden. Solche Leute haben die Chance, sich durchzusetzen, denn sie fehlen geradezu. Hinsichtlich der Be r atun g ist oft Klage geführt worden, daß es nicht genug Beratungsstellen gibt. Das ist nicht zutreffend. Es gibt eher zuviel Beratungsstellen. Wir haben nun in der letzten Zeit ein kleines Gremium gebildet, das sich bemüht, fiir jede Nachfrage den entsprechenden Sachverständigen nachzuweisen. Die Zionistische Exekutive widmet gerade jetzt unter der Leitung von Farbstein der Frage der Beratung ihre besondere Aufmerksamkeit. Zusammenfassend kann ich sagen: Wer den Willen hat, sich in Palästina durchzusetzen, für den besteht die Möglichkeit, sich in die Wirtschaft des Landes einzufügen. Er kann nach Palästina kommen. Er wird natürlich ein Risiko eingehen, aber das Risiko, mit eignem Kapital ,sich durchzusetzen, ist in Palästina nicht größer als das Risiko, dieses Kapital in dem bisherigen Wohnlande zu behalten. Kleine Nachrichten Jerusalem, 19. September. (J. T. A.) König Feisal vom Irak, der in Amman zum Besuch seines Bruders Emir Abdullah geweilt hat, ist am 19. September in Jerusalem eingetroffem wo ihm der Oberkommissar einen Staatsempfang bereitete. Auch der Oberste Moslemische Rat gab zu Ehren Feisals einen Empfang. Man nimmt an, daß König Feisals Besuch in Transjordanien und Palästina mit der panarabischen Bewegung und dem geplanten panarabischen Kongreß, ebenso mit der Frage des Verhältnisses des Iraks zu Syrien in Zusammenhang steht. Jerusalem, 20. September. (J. T. A.) Wegen des vor einiger Zeit in der Kolonie ehemaliger jüdischer Soldaten ״N a - t h a n i a“ geschehenen Baumfrevels, durch den 600 Bäume entwurzelt wurden — auch einige den jüdischen Kolonisten gehörende Kühe wurden getötet — wurde dem der Kolonie am nächsten gelegenen arabischen Dorfe eine Kollektiv-Geldbuße in Höhe von 200 Pfund auferlegt. Zwecks Verhinderung weiterer Beschädigungen der Kolonie ״Nathania“ wurden in die ״Nathania“ benachbarten arabischen Dörfer auf Kosten der Dörfer Polizeiposten gelegt. Eine englische Patrouille wurde in der Nähe von ״Nathania“ stationiert. In der Angelegenheit des Arbeitskonfliktes zwischen der Histadruth und dem Hapoel Hamisrachi in Petach Tikwah, über die wir in der ״J. R.“ berichtet haben, hat der Waad Leumi eine Entscheidung gefällt, aus deren Wortlaut wir folgendes entnehmen: ״Die Leitung des Waad Leumi erkennt das Recht des Kibuz Rodges (Hapoel Hamisrachi) auf die Arbeiten im Betriebe Aratens an, weil es sich hierbei um feste Arbeitsplätze und einen neuen Arbeitsplatz handelt.“ G e n f, 20. September. (J. T. A.) Professor B r o d e ts k y hielt sich einige Tage in Genf auf. ln Begleitung von Dr. J acobson besuchte Prof. Brodetsky die Chef-Beamten des Völkerbundes und des Internationalen Arbeitsamtes, u. a. den Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Eric Drummond, und den Direktor des Arbeitsamtes, Butler, und trat auch mit gegenwärtig in Genf sich aufhaltenden Politikern in Verbindung. In einem Kreise Genfer Zionisten referierte Brodetsky über die gegenwärtige Lage des Zionismus. London, 19. September. (J■ T. A.) In London weilt gegenwärtig der Vorsitzende des jüdischen Jugendverbandes in Aden, Ben-Tow Messa, um bei der englischen Regierung wegen Entschädigung der Juden, die bei dem letzten Pogrom in Aden viel Schaden erlitten haben, zu intervenieren. Dem JTA.-Vertreter erzählte Messa, in Aden herrsche Furcht vor weiteren Unruhen, und auch die Zehntausende Juden in den benachbarten Ländern fühlen sich ihres Lebens nicht sicher. C a i r o, 18. September. (J. T. A.) Mohammed Ali Alotiba Pascha verhandelt mit Führern des Moslems über Einrichtung des permanenten Büros des Moslem-Kongresses in Cairo, wo auch, im kommenden Winter, der zweite Moslem-Kongreß stattfinden soll. Bukarest, 20. September. (J.T. A.) Im Hinblick auf die immer wieder sich ergebenden Fälle, in denen der Tätigkeit zionistischer Jugend gruppen in Rumänien unter dem Vorwand, in diesen Gruppen werde kommunistische Propaganda betrieben, von den lokalen Behörden Hindernisse in den Weg gelegt werden, hat der Jüdische Parlamentsklub beim Innenminister M1 h alach e dahin interveniert, daß in jedem derartigen Fall eine amtliche Untersuchung zur Feststeilung des wahren Tatbestandes eingeleitet werde. ״I n d us t ri e un d Hände 1“, Berlin, berichtet: Die ge- Samte Zitrusernte Palästinas für die Saison 1932/33 wird auf 4 Mill. Kisten gegen 3'/s Mill. im Vorjahr geschätzt. Da ein Teil des Mehrertrages auf neue zur Frucht gekommene Anlagen entfällt, läßt es sich im Augenblick noch nicht sagen, ob es sich um eine gute oder um eine Mittelernte handelt. Das Münchener Palästina-Amt teilt mit, daß am 13. September 1932 mit dem Berliner Nachtzug 109 Palästina-Fahrer, . 85 Chaluzim und 24 Touristen, sämtlich aus Litauen, München passiert haben. _