Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 75 (20.9.1932)
- Date
- 1932-09-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 362 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 75, 20. IX. 1932 Zwei deutsche Krankheiten Von Arthur Prinz. Wenn heute ein Jude aus seinen vier Wänden heraustritt, hat er das Gefühl, als schlage ihm eine Welle des Hasses entgegen und folge ihm überall hin. Noch vor zwei Jahren hätten selbst von uns Zionisten, die doch nie auf ein Verschwinden des Antisemitismus gerechnet haben, wohl die wenigsten diese furchtbare Verschärfung des Judenhasses in einem der ersten Kulturländer für möglich gehalten; und im Grunde ist sie auch heute den meisten von uns unverständlich. Denn selbst wenn man all’ jene besonderen Lebensbedingungen Deutschlands nach dem Kriege sorgsam berücksichtigt, von denen hier mehrfach die Rede gewesen ist, — die Erbitterung des durch Inflation und Monopolkapitalismus enteigneten Mittelstandes, die Ueberreizung des Nationalstolzes durch die Niederlage und die vielen Demütigungen, und andererseits all׳ das, was von jüdischer Seite an Taktlosigkeiten und ״Grenz- Überschreitungen“ gesündigt worden ist — selbst dann bleibt vieles, vor allem aber d 1 e Haltung der deutschen Bildungsschicht, nahezu unfaßbar. Gerade wer mit Menschen dieser Kreise intimeren Verkehr pflegt, ihren geistigen und seelischen Reichtum kennt, der vermag am wenigsten zu begreifen, daß der judenfreundlichere Teil der Jedem Gerechtigkeitsgefühl und jeder Ritterlichkeit hohnsprechenden Judenhetze bedauernd, aber ziemlich tatenlos zusieht, wahrend ein weit größerer Teil, besonders der protestantischen Intelligenz, sie mehr oder minder wohlwollend duldet oder gar nach Kräften unterstützt. Dabei ist es erschütternd zu sehen, wie man sich vielfach ein bestimmtes Bild vom Judentum und jüdischen Wesen zurechtmacht, das mit der Wirklichkeit nur teilweise übereinstimmt — wie man zeitgebundene, zum Teil schon verschwindende Züge für unser wesen nimmt und den jüdischen Einfluß — den wir nicht nach Assimilantcnmanier zu verkleinern trachten — noch so durch das Vergrößerungsglas sieht, daß er schließlich an allem schuld erscheint, was augenblicklich überhaupt als schlecht empfunden wird. Die Ursachen dieses erstaunlichen Prozesses zu verstehen, ist für uns nicht nur wichtig, um zu einer fruchtbareren Auseinandersetzung mit der deutschen Intelligenz zu kommen — sondern vor allem, weil unser Selbstvertrauen und unsere innere Bewegungsfreiheit wachsen, wenn sich nachweisen läßt, daß jenes Zerrbild vom deutschen Juden nicht so sehr auf seine Eigenschaften als vielmehr auf bestimmte deutsche Bedürfnisse zurückzuführen ist. Eine solche Untersuchung — die wohl niemand für ein Zeichen von ״Anti-Germanismus“ halten kann, — muß allerdings weit ausholen; denn hier gilt ein Goethewort, das uns Juden besonders geläufig sein müßte: ״Wer nicht von dreitausend Jahren Sich weiß Rechenschaft zu geben, Bleibt im Dunkel, unerfahren, Muß von Tag zu Tage leben.“ I. Vor mehr als einem halben Jahrhundert schrieb Dosto- Jewski anläßlich des Kulturkampfes einen seiner genial hellsichtigen politischen Aufsätze über ״Deutschland, die protestierende Macht“. Die einzige und ewige Aufgäbe dieses Landes, so heißt es dort, sei sein Protestantentum, der Protest, ״wie er einsetzte einst mit Armin gegen die römische Welt, gegen alles, was Rom und römische Aufgabe war, und später gegen alles, was vom alten Rom aufs neue Rom und auf all die Völker überging, die Roms Idee, seine Formel und sein Wesen übernahmen, der Protest gegen die Erben Roms und gegen alles, was dieses Erbe ausmacht.“ Zu diesem Erbe Roms rechnet aber Dostojewski nicht nur die katholische Kirche, sondern in hervorragendem Maße auch die Französische Revolution und den später aus ihnen erwachsenden Sozialismus — übrigens ein Gedanke, der jetzt auch in den heftigen Anklagen Sombarts gegen den ״westliehen Geist“ des proletarischen Sozialismus anklingt. Dostojewski erblickt in dem immer wieder hervorbrechenden deutschen Protest gegen alle vom Westen ausgehenden Versuche zur ״Allvereinigung der Menschheit“ geradezu den ״charakteristischsten, wesentlichsten Zug dieses großen, stolzen und besonderen Volkes vom Beginn seiner Geschichte an“. ״Es protestierte gegen diese Weit diese ganzen zweitausend Jahre hindurch, und wenn es auch sein eigenes Wort nicht aussprach — und es überhaupt noch nie ausgesprochen hat, sein scharf formuliertes eigenes Ideal, zum positiven Ersatz für die von ihm zerstörte altrömische Idee — so glaube ich, war es doch im Herzen immer überzeugt, daß es noch einmal imstande sein werde, dieses neue Wort zu sagen und mit ihm die Menschheit zu führen.“ Vielleicht könnte man einwenden, Dostojewski habe die Deutschen hier mit der Hellsichtigkeit wie mit der Blindheit des Hasses gezeichnet. Aber bezeichnenderweise hat auch einer der bedeutendsten neueren deutschen Denker, Max Scheler, kurz nach dem Kriege eben dieses fortwährende Protestieren für eine der schlimmsten ״deutschen Krankheiten“ erklärt und, etwas anders nuancierend als Dostojewski, sich gegen die Sucht des Deutschen gewendet, ״sich entweder ohne Maß Fremdem hinzugeben oder nur durch Protest gegen Fremdes Gedanken und moralische Haltungen zu entwickeln, die er sich doch gleichwohl heimlich vom Fremden vorschreiben läßt, nämlich durch die Angriffsrichtung, gegen die er protestiert. Beides ist Schwäche, nicht nur eines von beiden; Hingabe wie Protest“*). Scheler verfolgt diese verhängnisvolle Neigung durch die deutsche Geistesgeschichte und weist besonders darauf hin, wie das Luthertum ״aus dem Protest gegen schwere Schaden der damaligen Kirche entsprang, nicht aber aus einem positiven, neuen, vom Kampf gegen die Hierarchie ganz unabhängig gewachsenen religiösen Bewußtsein“. Ein einziges Mal habe der deutsche Geist ganz frei aus sich heraus Herrliches geschaffen, nämlich in der Klassik; sonst aber habe die Methode des Protestgedankens immer wieder über die Geister Macht gewonnen, und besonders im Weltkrieg gefährliche Verbreitung gefunden, als man die Politik der Feindmächte in einem Atem als brutal, niederträchtig, skrupellos usw. darzustellen und — zur Nachahmung und Uebertrumpfung zu empfehlen pflegte. .״Wann wird es Deutschland lernen,“ so fragt Scheler, ״daß das Traurigste, Unerträglichste, das Haßerweckendste für jeden Menschen und so auch für jedes Volk das Bild des Doppelgängers ist; daß sklavische Nachahmung und sklavischer Protest nur die zwei polaren Gipfelpunkte ein und derselben verwerflichen Bewegung des Geistes sind?“ Nun, bisher hat es Deutschland nicht gelernt! Sondern gerade seit der zu früh verstorbene Philosoph im Jahre 1919 jene Sätze schrieb, hat das protestlerische Denken die unerhärtesten Triumphe gefeiert. Wurde der Gegensatz zum Westen schon durch den Kriegsausgang und die wachsende finanzielle Abhängigkeit auf das Aeußerste verschärft, so mußte die Einführung der aus dem Westen stammenden parlamentarischen Demokratie, der Machtzuwachs der in Dostojewskis Sinne durchweg ״westlich“ fundierten (und im alten Deutschland mehr oder weniger verketzerten) kafholischen, demokratischen und sozialistischen Parteien, sowie endlich der Eintritt in den höchst ״westlichen“ Völkerbund dem Protest des deutschen Nationalismus stärksten Auftrieb geben. Während in der Außenpolitik ״Das Deutsche Nein“ *1 Max Scheler, Nation und Weltanschauung, 1923; darin der Aufsatz ״Von zwei deutschen Krankheiten“ (1919). viele Jahre hindurch das beliebteste Schlagwort, wenn nicht das Programm, der Rechten war, und man gegen die Beschuldigungen des Versailler Vertrages und spätere Gewaltmaßnahmen des Auslandes tausendmal flammenden Protest“ erhob, obwohl man von der Nutzlosigkeit oft selbst überzeugt war, — wurde im Innern gegen altes Sturm gelaufen, was westlicher Herkunft verdächtig schien. Und gerade weil man den westlichen Ideen und Einrichtungen im Moment wenig Eigenes entgegensetzen konnte, suchte man sie um so gründlicher durch niederreißende Kritik zu entwerten, um für das kommende Eigene im Volke Raum zu schaffen. Da wir Juden durch eine besondere historische Verumständüng, von der letzthin besonders Krojanker gesprochen hat, die sichtbarsten Vertreter demokratischer und liberaler Ideen geworden waren, mußte der Kampf gegen den Westen auch die deutschen Juden treffen, und die beispiellose Kraft und Heftigkeit des heutigen Antisemitismus ist letzten Endes nur verstandlieh als Phase des zwei tausend jährigen und jetzt wohl kulminierenden Kampfes sehr starker deutscher Kräfte mit der westlichen Welt. Wenn man immer wieder, und oft hemmungslos, aut das antisemitische Argument zurückgreift, so geschieht es, um sozusagen an unseren Nasen aufzuzeigen, wie ״land- und rassefremd' jene aus dc».־n Westen importierten Ideen seien. Man sucht schlechthin alles Westliche als ״jüdisch‘, die Juden aber als Inkarnation des Bösen darzustellen. Und bezeichnenderweise lassen manche Führer des Nationalismus durchblicken, man werde später, in einem von fremden Einflüssen befreiten Deutschland, den Antisemitismus ״nicht mehr nötig haben‘. II. Erklären diese Zusammenhänge die gesteigerte Bedeutung der Judenfrage für Deutschlands Politik und Geistesleben, so bleibt ein anderes, ein moralisch-psychologisches Problem offen: wie kann eine solche geistige Auseinandersetzung in tausend Fällen und Formen in den brutalsten Pöbelantisemitismus übergehen, ohne daß die ganze Bildungsschicht im Lande Goethes und Kants mit aller Schärfe den Trennungsstrich zieht? Während das Ausland, das doch seine Juden wahrlich auch nicht liebt, sich über die hierzulande üblichen Methoden des Antisemitismus aufrichtig empört zeigt, halten offenbar große Teile der. deutschen Intelligenz sich schon für edel, wenn sie ihre jüdisehen Bekannten anständig, und zuweilen mit wirklicher Güte, behandeln und für ihre Person den Pöbelantisemitismus ״ablehnen‘. Daß aber der heutige Zustand eine Schande für Deutschland und für jeden ist, der ihn nicht bekämpft, dafür fehlt weithin das Gefühl! Vielleicht bietet auch hierfür der erwähnte Aufsatz Schelers die Erklärung, wenn er als die zweite große ״deutsche Krankheit‘, neben dem Protest-Denken, die ״falsche Innerlichkeit“ bezeichnet, — d. h. den unglückseligen Hang des Deutschen, sich mit großem Ernst seiner inneren Vervollkommnung zu widmen, dafür aber auf die Durchsetzung der eigenen Prinzipien in der Außenwelt, auf die verantwortliche Gestaltung des politischen und gesellschaftlichen Lebens zu v er zieht en. In Deutschland habe sich, meint Scheler, ein einzigartiges und verhängnisvolles ״Assekuranzsystem“ entwickelt, indem die Machthaber der Wirtschaft und Politik die Wirklichkeit ziemlich unbekümmert um ethische Prinzipien nach eigenem Vorteil und Oefallen gestalteten, dafür aber den Dichtern und Denkern volle ״Narrenfreiheit‘ gäben, die rigorosesten Moralsysteme auszudenken, — wenn sie dann nur, im Bewußtsein der eigenen Vortrefflichkeit schwelgend, die unverbesserlich schmutzige Wirklichkeit anderen überließen. Scheler führt dieses folgenschwere Mißverhältnis zwischen Tat und Gesinnung, Machthabern und Denkern auf mehrere historische Ursachen zurück, von denen uns hier vor allem die religiöse angeht. Luthers Grunderlebnis, die Verzweiflung über die Unmöglichkeit, Gott durch die dem Mönche vorgeschriebenen Werke zu genügen, habe ihn ״den rettenden Sprung in die Barmherzigkeit und Gnade Christi allein durch den Glauben“ vollziehen lassen, und ihn zu einer religiösen Zerteilung des Mensehen geführt: in eine Seele, die unabhängig vom Werk, nur kraft des Glaubens, in Christo geborgen sei, und in einen unveränderlich sündigen fleischlichen Leib, der sich, nach Luthers Wort, im ״Schweinekoben“ des Irdischen wälze. Der mächtige Einfluß, der von dieser Lutherischen Grundposition auf die spätere deutsche Philosophie und Wissenschaft ausging, und noch durch mehrere andere Faktoren verstärkt wurde, habe so die Deutschen zum Passivismus und Quietismus gegenüber den gegebenen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen geführt. So neige der Deutsche im allgemeinen dazu, die jeweiligen Verhältnisse ,als ״geschichtlich notwendig“ zu betrachten, auch wenn sie mit entschlossenem Willen durchaus geändert werden könnten; er sei stets versucht, die Auswirkungen seines besten Menschentums auf den engen Kreis seiner Familie und nächsten Umgebung zu beschränken und dem öffentlichen Leben pessimistisch-resigniert zuzusehen. Uns scheint, daß sich auf diese Weise die Haltung der gebildeten Deutschen zur Judenhetze noch am ehesten erklärt. Die Ueberzeugung, daß die politische Weit ohnehin mehr oder weniger des Teufels sei, und daß der Einzelne daran nichts ändern könne, lähmt die Energie derjenigen, die den heutigen Antisemitismus mißbilligen, und der dem mangelnden Vertrauen in die eigene Kraft entsprechende Respekt vor dem politischen Erfolgsmenschen und seinen Mitteln verleitet viele, die ״eigentlieh“ nur den geistigen Antisemitismus billigen, die gröberen Methoden als durch die Verhältnisse geboten und unvermeidlich zu betrachten. III. Wenn man von uns Juden heute Rat annehmen wollte — wir sprechen im ״Irrealist“ — so wäre, von den außenpolitischen und wirtschaftlichen Schädigungen Deutschlands durch den Antisemitismus einmal abgesehen, vor allem auf zwei Zusammenhänge hinzuweisen. Der wüsten Judenhetze müßte die deutsche Bildungsschicht im eigensten Interesse entgegentreten, weil die Methoden der fortgesetzten Lüge, Verleumdung und Terrorisierung, zuerst an Juden ausprobiert, bald allgemeinere Anwendung finden und ihren Weg, besonders über die Jugend, überallhin nehmen müssen — bis in die exklusivsten Kreise und vornehmsten Familien hinein! Einzelne Organe der deutschen Bildungsschicht haben jetzt endlich, wohl in Erkenntnis dieser furchtbaren Gefahr allgemeiner Verwilderung, ihre Stimme erhoben — aber es ist Zeit, daß sich alle Geistigeren ihrer Verantwortung bewußt werden! Was aber den Kampf gegen den ״jüdischen Geist‘ betrifft, so sei die deutsche Rechte an Schelers eindringliche Warnung erinnert, sich nicht in entscheidenden Stunden durch das Bild dessen bestimmen zu lassen, was man ablehnt, sondern nur durch das innerlich Bejahte, zur Gestaltung Drängende. Sieht man denn nicht das Krampfhafte, Gezwungene, Kranke am heutigen Antisemitismus, und fürchtet man nicht, daß diese Zeichen auch dem jetzt Werdenden anhaften müssen? Soli denn wirklich das Bild der deutschen Zukunft das Negativ des ״überwundenen“ liberalen Judentums werden? Wenn nicht, so starre man doch nicht so viel auf jenes Zerrbild! Für uns aber ergibt sich aus der Erkenntnis dieser beiden ״deutschen Krankheiten“ vor allem die Notwendigkeit, unsere innere Freiheit zu wahren, ln einem Moment, in dem die Judenheit an einem ihrer großen geschichtlichen Wendepunkte angelangt ist, dürfen wir uns in keiner Weise von dem bestimmen lassen, was man uns jetzt nachsagt oder antut. Man bekämpft in uns den Liberalismus? Wir werden nicht aus Trotz zu ihm zuriiekkehren! Das Bild unserer Aufgabe und Zukunft darf nur von unserer inneren Notwendigkeit bestimmt werden. Sanität und Erziehung Von unserem palästinensischen Korrespondenten. gl. Tel-Awiw, 6. September 1932. Das Oberkommissariat hat sich bereit erklärt, die Frage der Beteiligung der Regierung an dem Budget der Agency tür Erziehung und Sanität von neuem zu prüfen. Es wird daher der Schatzmeister der Administration zusammen mit dem Leiter des politischen Departements der Agency die mit diesen Punkten zusammenhängenden Einzelheiten studieren. Dieser Beschluß des High Commissioners, den vor einigen Tagen die zionistische Exekutive in einem offiziellen Bulletin der Oeffentlichkcit mitteilte, ist ein neues und wichtiges Glied in einer langen und schwierigen Kette von Verhandlungen. Die Höhe der Beteiligung der Regierung an den Ausgaben für das Schul- und Sanitätswerk der Exekutive im Lande ist seit' vielen Jahren ein Streitpunkt zwischen den beiden beteiligtem Faktoren. Die Juden, bei denen es Analphabetentum so gut: wie gar nicht gibt, verlangen von der Regierung, der ja doch1 durch das zionistische Schul werk ein gewaltiger Teil der ihr. zufallenden Last abgenommen wird, eine Budgetbeteiligung im! Verhältnis zur jüdischen Schüierzahl; die Behörden wollten j eine Beteiligung nur in Höhe der Proportion der Juden in der. Bevölkerung bewilligen. Durch die Vermehrung der Juden| im Lande in den letzten Jahren war aber auch die Beteiligung der Regierung nach dem von ihr angenommenen Maßstabe,: also der Bevölkerungsproportion, ungenügend geworden. Auch der Zuschuß, auf den das jüdische Sanitätswerk Anrecht hatte,; muß unter den veränderten Verhältnissen von neuem geprüft werden und die Ankündigung des Oberkommissariats, daß endlieh die nötigen Untersuchungen beginnen, ist von Wichtigkeit. Die Art jedoch, wie die Frage gestellt wird und wie sie sich entwickelt hat, bietet einen Maßstab für die anormale! Situation im Lande und für den Gesichtswinkel, aus dem In' der Regel politische Probleme betrachtet werden. Wie liegt; heute der Fall der Erziehung und Sanität im Lande und wie. wirken sich die politischen Gegensätze und Spannungen auf diesen lebenswichtigen Gebieten aus? Der Unterschied zwischen dem jüdischen und arabischen Erziehungsniveau ist auch heute noch, nach mehr als einem Jahrzehnt europäischer Administration und trotz beträchtlicher ökonomischer Fortschritte der Araber gewaltig. Während es bei den Juden kaum Analphabeten gibt, weil das Netz der Agency und eine Fülle privater Schulen verschiedenster Art — vom Cheder bis zur modernen Arbeitsschule — die Kinder erfassen, ist die arabische Volksbildung im letzten Jahrzehnt wenig weitergekommen. Es ist bekannt, daß der Schulplan Herbert Samuels, der eine Vermehrung der arabischen Volksschulen in rascher Folge vorsah, nach den ersten Anfangen steckenblieb und daß wenig geschehen ist, um die elementarsten Bedürfnisse, vor allem der Dorfbewohner, zu befriedigen. Bei den Juden wiederum, die von vornherein auf die Erziehung der nächsten Generation den größten Wert legten, war der Aufbau dieses Kulturwerkes nur möglich dadurch, daß sie eigene Mittel in beträchtlicher Höhe aufwendeten. Die Regierung wäre vielleicht bereit gewesen und hat das auch verschiedentlich angedeutet, eine höhere Unter- Stützung zu geben, verlangte aber dafür natürlich bestimmte Kontrollrechte. Die Juden jedoch, die vorerst nichts von ihrer Schulautonomie preisgeben wollten, haben in diesem Punkte nur ungern nachgegeben — eine bestimmte Kontrolle der Regierung hat sich mit der Zeit und mit ihrer Finanzbeteiligung nicht vermeiden lassen — und so sind die Verhandlungen nur immer sehr schleppend vom Flecke gekommen. Was die sanitäre Arbeit anbetrifft, so lagen ähnliche Verhältnisse vor. So wie die Regierungsschulen automatisch zu arabischen Schulen geworden sind, wurden die Regierungs- Spitäler nur oder hauptsächlich von Arabern 1n Anspruch genommen. Erst in allerletzter Zeit, als die Budgetschv*T{t1gkeiten immer drückender wurden, mußte man notgedrungen daran gehen, auch die Regierungsspitäler für Juden in Anspruch zu nehmen, und daraufhin ist es auch gelungen, an verschiedenen Stellen Aenderungen einzuführen, die die Aufnähme von jüdischen Patienten erleichterten. Spielt es doch für die Kranken eine große Rolle, daß man ihre Sprache versteht (und die öffentlichen Krankenhäuser sind eben auf arabisch eingestellt), daß sie einen jüdischen Arzt zur Verfügung haben usw. Auf dem Gebiete der Sanität wurden die Verhältnisse diesen Sommer zum Teil dadurch kritisch, daß die Arbeiterkrankenkasse gezwungen war, wegen Kürzung des Budgets ihr Zentralkrankenhaus bei Afule zu schließen, das das Emek und die Jordansenke versorgt. Der Zuschuß, den man von der Regierung verlangte, um eine Fortführung des Betriebes zu sichern, war nicht zu erlangen, und so mußte mitten im Sommer, wo die Gefahr von Typhus, Dysenterie und Malaria am stärksten ist, das Spital in Äfule geschlossen werden. Jetzt nach der Meldung über die Neuprüfung der Regierungsbeteiligung ist das Hospital zu einem Teil wieder in Betrieb genommen. Gerade an dem Fall des Krankenhauses im Emek wird der gewaltige Unterschied zwischen der Zivilisationsstufe des Arabers und des Juden deutlich. Dieses Hospital spielt nicht nur eine Rolle für Kranke und bei Infektionen, sondern auch für Wöchnerinnen. Es ist für die Frau in einem Moschaw oder einer Kwuzah sejbstverständlich, daß die Entbindung im Krankenhause stattfindet, und es ist das auch unter den hygienischen Verhältnissen und bei den zum Teil unbefriedigenden Wohnungsbedingungen notwendig. Diese Vorsicht ist nicht nur eine gewaltige Erleichterung für die Frauen, sondern rentiert sich auch in der Verhütung von allen mögliehen Komplikationen und zeigt seine bedeutenden Resultate — zusammen mit der gut organisierten Kinderpflege — in der geradezu rekordhaft geringen Säuglingssterblichkeit. Ebenso wichtig ist natürlich die Hospitalisierung infektiöser Fälle und tatsächlich nimmt die Verbreitung von Epidemien nach und nach in erfreulichem Maße ab. Nun stelle man sich gegenüber diesem Zustand bei den Juden, — wo auch noch überall verbessert und ausgebaut werden kann! — die Situation bei den Arabern vor! Welche arabische Frau — wir sprechen nicht von der dünnen städtischen Oberschicht, die selbstverständlich von den Europäern rasch gelernt hat — welche von den arabischen Bäuerinnen, den Nachbarn jener Kwuzoth und Moschawim kann auch nur auf einigermaßen sachverständige Hilfe bei einer Entbindung rechnen, von einer Aufnahme in ein Krankenhaus ganz zu schweigen? Wie ist überhaupt die sanitäre Versorgung dieser Hunderttausende ärmlicher Pächter und Fellachen? Und ist es nicht klar, daß zwischen mangelhaften sanitären Verhältnissen und Analphabetentum ein enger Zusammenhang besteht, daß ohne eine einigermaßen durchgreifende Volkserziehung an eine wirksame Hebung des sanitären allgemeinen Standards nicht zu denken ist? Nun ist es fraglos wichtig, daß die Juden und ihre Leitung dafür sorgen, daß sie den ihnen gebührenden Anteil am Regierungsbudget für Sanität und Erziehung erhalten. Ohnedies nehmen private Anstalten der verschiedensten Art sowohl von Juden wie von Nichtjuden der Regierung einen gewaltigen Teil der Last ab, den sie sonst zu tragen hätte. Aber für das Land, für den allgemeinen Standard der Er- Ziehung und der hygienischen Fürsorge können diese Anstrengungen der Juden für ihre Institutionen nicht genügen. Es ist mehr zu verlangen. Nicht nur eine Prüfung der Beteiligung der Regierung am Budget der Agency ist fällig, sondern eine Prüfung des gesamten Regierungsbudgets. Auf Forderungen nach mehr Schulen pflegt die Regierung mit einem Hinweis auf ihre Kassenlage zu antworten. Es ist kein