Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 73-74 (16.9.1932)
- Date
- 1932-09-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 354 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 73/74, 16. IX 1932 deutschen Staatsbürgern in Deutschland keine Sympathie. Vor wenigen Monaten kamen hier in Frankfurt zum Sängertest Deutsche aus vielen Ländern zusammen, um eine Feier ihrer Einigung im deutschen Lied festlich zu begehen. Die Idee des Volkstums wurde bei diesem Fest so dargestellt, daß die Unmöglichkeit, Nation und Staat gleichzusetzen, in eindrucksvoller Weise offenbar wurde. Der Reichsinnenminister Freiherr von O a y 1 sprach von seinem Verantwortungsbewußtsein für die Einheit der Deutschen innerhalb und außerhalb des Reichs. Ein Deutsch-Amerikaner pries die Einheit der unter vielen Regierungen lebenden Deutschen durch das Lied, das die Brücke zu dem Qeburtslande der Vorfahren bildet. Der frühere Reichswehrminister Oeßler nannte den Begriff des Volk eine über die Staatsgrenzen herausgreifende Tatsache. Eine Entschließung feierte Deutschland als Kulturheimat aller Volksgenossen diesseits und jenseits der staatlichen Grenzen und gab ein Bekenntnis zum deutschen Schicksal. ״Schicksal ist uns die Zerstreuung über viele Länder hin. Aufgabe ist uns die deutsche Gemeinschaft•“ Uns Juden klingen solche Aeußerungen über das Wesen und die Forderung der Nation vertraut; sie können fast wörtlich aut den jüdischen Fall übertragen werden, auf die Lage des jüdisehen Volkes und auf die Bedeutung des Heimatlandes für das Volk. Sie zeigen aber auch die Berechtigung der grundsätzlichen Unterscheidung von Staat und Nation , die es verbietet, die Bewilligung des Staatsbürgerrechts von der Zugehörigkeit zu einer Nation abhängig zu machen. Eine solche Auffassung von Staat und Volkstum bedeutet, daß der nur äußerliche straffe Zusammenhang, in dem das Kommandowort an eine angeblich hundertprozentige Uniformmasse alles bedeutet, gering geschätzt werden muß gegenüber den Leistungen des Geistes und den Kräften des Gemütes; sie muß daher zur Frage der Gleichberechtigung der im Staat lebenden andersartigen Volksgruppen eindeutig positiv Stellung nehmen. Angehörige nationaler Minderheiten können nicht Bürger minderen Rechts sein, die auf aktive Teilnahme am Staatsleben und auch auf Beamtenstellung verzichten müssen. Würde man diese Auffassung ablehnen, dann ist nichts näherliegend, als daß der Durchschnittsjude aus einem leicht verständlichen aber doch auch wieder von deutscher Seite nicht gebilligten Opportunitätsgefühl assimilatorische Deklarationen abgibt, wodurch jene Ver- Fälschung gefördert wird, über die man sich auf deutscher Seite so sehr beklagt. Das Verhalten der an nationaler Erneuerung interessierten deutschen Umwelt würde sonst eine Prämie aut das Assimilantentum, ja geradezu auf das Renegatentum setzen. Eine Regierung, die sich als legitime Repräsentantin des Nationalempfindens fühlt, darf hier keine Politik mit doppeltem Boden treiben. Wir sind überzeugt und wir haben auch Grund zu der Annahme, daß die gegenwärtige Regierung nicht gewillt ist, dem Juden, der sich offen zu seiner nationalen Sonderart bekennt, deshalb in seiner Rechtsstellung zu beeinträchtigen. III. Wir sind überzeugt, daß gerade der Zionismus einen wesentlichen Beitrag zu dem Thema der Stellung der Juden im Staat liefern kann, weil er in voller Offenheit und unbelastet durch die Verstrickungen in einer früheren politischen Konstellatäon an diese Frage nerangeht. Wir gehen davon aus, daß wir unsere Stellung im Staat nicht durch Verschleierung oder Verbergung unseres Judentums erkämpfen sollen, sondern gerade durch seine stolze Bejahung und offene Betätigung. Wir sind davon überzeugt, daß die Juden ihren Wert nur als Juden erweisen können. Wir wissen, daß das Urteil darüber, ob man mit einer Umwelt identisch ist, von dieser Umweit abhängig ist. Und wir wissen ganz genau, daß unabhängig davon, wie deutsch wir uns fühlen, die anderen uns dennoch Immer als. undeutsch fühlen» Was wir auch innrer leisten, was wir auch als Individuen leisten, wie Vieles wir auch hervorbrinfen — viele von uns mögen es deutsch nennen und so empiinen, — die andern nennen es jüdisch, und wenn wir große Leistungen des Geistes hervorbringen, so scheint es oft so, als ob andere wünschten, das wir weniger leisteten. Das Problem des deutsch-jüdischen Kulturkonf 1 i k t s ist von uns oft genug schon vor dem Kriege freimütig behandelt worden. Sicherlich ist unsere Erkenntnis mit einem tragischen Schicksal vieler deutscher Juden eng verknüpft. Sie haben seit der Zeit der Emanzipation allzu oft Emanzipation mit Assimilation gleichgesetzt und man kann sie nicht einmal für so sehr schuldig erklären. Die nichtjüdische Welt erwartete ihr Aufgehen in die Umgebung und gerade hervorragende viel bemerkte jüdische Persönlichkeiten hofften unerkannt im Dickicht des nationalen deutschen Bestandes verschwinden zu können. Man baute ihnen die Brücke in die nichtjüdische Welt und beklagte sich dann darüber, daß die Juden allzu sehr den geistigen Besitz des deutschen Volkes verwalteten, wozu ihnen nachträglich die Berechtigung und die Fähigkeit abgesprochen wurde. Die Stellung der einzelnen Juden ist in ihrer Problematik zu verstehen, aber die Entwicklung der Welt hat dem Zionismus Recht gegeben, der schon vor 50 Jahren, als Pinskers Autonomie erschien, mit voller Deutlichkeit erkannte, daß die vielen interessanten Einzelnen, die den Uebergang von ihrer Art zu einer anderen Art, oftmals sogar mit Erfolg, zu gehen versuchten, nicht charakteristisch für das Schicksal der Judenheit sind. Wir stellten die Juden vor die sicherlich häufig schwere ,Wahl der Entscheidung und wir verlangten, daß sie ihr Leben und ihre Zukunft mit der Zukunft des eigenen Volkes verbinden sollten, nicht nur um des Judentums willen, sondern auch um der Normalisierung willen der Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden. Einmal kam es uns darauf an, den Irrtum zu zerstören, der in der Sicherung der jüdischen Existenz durch Assimilation zu liegen seinen. Wir fühlten, daß gerade die ürenzüberschreitung auf kulturellem Gebiet die schärfste Gegenwirkung zur Folge haben müsse. Dann aber war uns klar, daß w i r nicht das Recht und die Aufgabe haben, die deutsche Welt, die ihrer Eigengesetzlichkeit gehorcht, zu gestalten, ln der vergangenen Weltperiode wähnten die Juden, daß die Welt so werden wird, wie es ihren Wünschen und Bedürfnissen entsprach. Wir erkannten, daß es ausschließlich darauf ankommt, uns selbst so zu entwickeln, daß wir uns in der Welt zu behaupten vermögen. Die letzte Entwicklung hat sicherlich die Einsicht gefördert, daß wir nicht Wegweiser der deutschen Welt sein können. Wir können und müssen aber unsere Stimme erheben, wenn die uns unmittelbar beruhrende Frage der Beziehung des Staats zu seinen Bürgern und zu den in ihm lebenden andersartigen Menschengruppen akut wird. Die uns vertrauten gewaltigen Leistungen des deutschen Geistes geben uns die Hoffnung, daß das deutsche Volk imstande sein wird, einen menschlichen Nationalismus zu entwickeln. Der deutschen Welt stehen die Leistungen größter schöpferischer Persönlichkeiten zur Seite, die den Beweis erbracht haben, daß geniale Schöpferkraft sieh ausschließlich aus der Tiefe des eigenen Erlebens befruchten läßt und nicht die Verachtung des Andersartigen als Helfer braucht. Jener Nationalismus, der das Eigene liebt und das Fremde achtet, ist ja auch im Bannkreis der deutschen Nation erwachsen. Wir sind hier oft dankbare Schüler deutscher Ideen gewesen. Wir sind von ganzem Herzen bereit, mit Ehrfurcht die Besonderheit des deutschen Wesens zu respektieren. Wir müssen aber verlangen, daß unser Wesen in seiner besonderen Art, mit seinen Bedürfnissen und Forderungen von der anderen Seite respektiert wird. ״Diskriminationen“ kann keine Menschengruppe sich gefallen lassen und keine Mehrheitsnation wird ohne Schaden für sich selbst die Verachtung anderen Wesens zur Norm machen. Unserer Situation entsprechend verlangen wir in Deutschland nicht die politischen Rechte einer ״nationalen Minderheit“. Die Forderung nach völliger nationaler Autonomie für die deutschen Juden naben wir auf unserem XV. Delegiertentag, der am 25. Dezember 1918 in Berlin stattfand, mit aller Entschiedenheit abgelehnt. Wir haben auf diese Forderung nicht aus irgendwelchen opportunistischen Bedenken verzichtet, da wir den Gedanken ablehnen, daß eine solche Forderung an sich geeignet ist, die Stellung der Juden in irgendeinem Lande zu erschüttern. Es hängt jedoch ausschließlich von der Zahl der Juden und von ihrer Schichtung in einem Lande ab, in welcher Form sie ihre Forderung nach Gleichberechtigung geltend macht, ln Deutschland fehlen diese Voraussetzungen. Was wir den gegebenen Umständen nach verlangen können, ist jedoch jenes Maß freier innerer Entfaltung, das wir zu erfüllen vermögen. Will man für die Zukunft die bei uns sowie bei unseren nichtjüdischen Mitbürgern gleich unwillkommene Grenzüberschreitung auf kulturellem Gebiet vermeiden, so muß man uns die Möglichkeit für die Entwicklung unseres geistigen Lebens geben. Wir haben daher die jüdische Schule immer als unser wichtigstes Postulat betrachtet. Wir wollen unsere Kinder zu Juden erziehen und ihnen so die Möglichkeit zur eigenen Gestaltung ihres Lebens geben. Der seinem Volk eingegliederte Jude erliegt nicht mehr so leicht den verwirrenden und abweichenden Wirkungen der nichtjüdischen Welt. Er gewinnt sein inneres Gleichgewicht und lernt von selbst richtig auf die Erscheinungen der Umwelt zu reagieren. Miteinanderleben ist immer die viel berufene Frage des Takts, eines Takts, den man niemandem durch Belehrung beibringen kann, der in dem Moment von selbst vorhanden ist, in dem jeder von beiden Teilen heiligsten und höchsten Zielen, die ihm durch die natürlichen Gegebenheiten seiner Gemeinschaft vorgezeichnet sind, zustrebt. Wer seiner selbst sicher ist, hat die natürliche Distanz, die für die Gestaltung des allgemeinen politischen Lebeais erforderlich ist. Unter keinen Umständen kann die Beteiligung der Juden am Staatsieben gesetzlich anders geregelt werden als im Sinne der vollen staatsbürgerlichen Gleichberechtigung. Alle Versuche der mechanischen Lösung werden und müssen scheitern. Sie führen zu einem unwürdigen Versteckspiel, zu der viel berufenen ״Tarnung“ des eigenen Wesens und erreichen das Gegenteil von dem erstrebten Ziel. Je stärker das jüdische Leben sich in Freiheit entwickeln kann, um so größer die Garantie für eine erträgliche und würdige Beziehung zwischen Juden und Nichtjuden. Es ist sogar die einzige Garantie. IV. Die Zeit ist reif dafür, die Juden zu einer neuen Einsicht zu führen. Wenn wir bemüht sind, die neue Orientierung der Juden in jüdischen Dingen herbeizuführen, so wollen wir mit unseren jüdischen Mitbürgern auch frei über unsere Beziehungen zum Deutschtum reden. Wir scheuen uns, angesichts der unerträglichen Häufung patriotischer Beteuerung von jüdischer Seite, unsere Verbundenheit mit der deutschen Welt und dem deutschen Staat zu proklamieren. Hier sei aber gesagt, daß wir es tief empfinden, weich großer Teil von Werten, die unser Inneres erfüllen, vom Deutschtum stammt. Gerade wir national bewußten Juden sind bemüht, diese Welt und diesen Staat, in dem wir leben, und in dem für absehbare Zeit ein beträchtlicher Teil unseres Volkes leben wird, zu verstehen, und wir glauben, daß es sich hier nicht um das Verständnis von nur Außenstehenden handelt, sondern daß wir dieser Welt durch viele Fäden eng verbunden sind. Unsere Beziehung ist keine nur äußerliche, sie wird nicht nur durch die Tatsache wirtschaftlicher Zusammenhänge bestimmt and es handelt sieh für uns nicht um ein ״Vertragsverhältnis“, bei dem wir staatsbürgerliche Verpflichtungen erfüllen, um dafür staatsbürgerliche Rechte zu ernahen. Es war uns zwar verwehrt, die Erde zu pflügen und das Brot zu essen, das wir selbst gebaut naben, aber wir haben in langen Generationen uns im deutschen Leben gebildet und die Weile des Hasses, die uns entgegenbraust, kann nicht einen Augenblick die innere Beziehung beinträchtigen, die uns mit der Welt der deutschen Bildung verknüpft. Obwohl das so ist, haben wir es immer abgelehnt, mit unserer vaterländischen Verbundenheit zu paradieren, uns auf jüdische Leistungen zu berufen oder gar die Gefallenen im Weltkrieg zu beschwören und die Schar dieser Toten als Für- Sprecher bei einer uns feindlichen Welt zu verwenden. Gerade diejenigen aber unter uns, denen es möglich war, tief in die deutsche Welt einzutauchen, fühlten in ihr ihr Sondersein, ihr Anderssein. Für die politische Entscheidung, die wir heute vollziehen müssen, ist die Frage unserer seelischen Mischung unwichtig geworden. Beim schaffenden Menschen ist sie erheblich als Grundlage seiner Produktivität, beim Durchschnittsmenschen ist diese tausendfach erörterte psychische Angelegenheit allmählich uninteressant geworden. Einmal war die Feststellung der ambivalenten jüdischen Persönlichkeit für die politische Tendenz der Assimilation wichtig. Man verlegte die jüdische Komponente in die private Sphäre und die deutsche in die öffentliche. Durch bewußte und unbewußte U eberbetonung der nichtjüdischen Elemente im Juden glaubte man allmählich mit der Umgebung identisch werden zu können. Wäre das gelungen, so gäbe es heute keine Judenfrage. Es ist aber zweifellos mißlungen. Und wir müssen heute, so schmerzlich das vielen sein mag, erkennen, daß die Assimilation der Judenheit als Gesamtheit nicht geglückt ist. In der innerji'idischen Auseinander- Setzung kritisierten wir immer die Möglichkeit von Uebergangspositionen für den politischen Bedarf. Man ist entweder ununterscheidbar eins, oder man ist anders, ln der Wirkung aut die Welt macht es keinen Unterschied, ob eine Gruppe von Juden erklärt, daß sie nur ein wenig anders ist — nicht ״Volk“, aber vielleicht ״Schicksalsgemeinschaft“ oder etwa ״Stamm“ — oder daß eine andere Gruppe erklärt, daß sie einfach ״andersartig“ ist. Die Erfahrungen des Tags müssen jedem für die zionistische Behauptung beweiskräftig erscheinen. Verzichten wir heute darauf, noch einmal den innerjüdischen Kampf in seinen geschichtlifchen Bedingtheiten darzustelien. Es mag jüdische Menschen geben, deren einmal erlebte Grund- Vorstellungen durch keine Erfahrungen korrigiert werden können, die noch heute die Illusion einer ungefährdeten Ruhe lieben und ״Schwarzseher“ nicht dulden. Diese können aber nicht Wortführer der Judenheit in dieser Zeit sein. Wer aber die Kraft in sich fühlt, unter allen Bedingungen sich zu behaupten, der muß heute ruhig der Weltentwicklung ins Auge sehen und sich fragen, wie er seinem Sein und seiner Sehnsucht eine brauchbare Lebensgrundlage schafft. Die jüdische Wendung muß vollzogen werden. Unsere Aufgabe ist es, den Juden zu zeigen, welch unerhörtes Glücksgefühl sie erwartet, wenn sie alle mit Willen Kinder des jüdischen Volkes werden. Wieder können sie erleben, daß sie eine eigene große Geschichte haben, daß in ihnen allen ״Blut von Gewesenen zu Kommenden rollt“, daß es für sie eigene Vergangenheit und eigene Zukunft gibt. Wem das Glück beschieden ist, die klare Entscheidung zu treffen, der wird auch besonnen den Weg gehen können, der uns vorgeschrieben ist. Es ist interessant, daß heute gerade Nicht- Zionisten nationale Autonomie für die Juden in Deutschland tordem. Sie sind nicht geschult worden, Verantwortung für das Leben des jüdischen Volkes zu tragen und kommen deshalb XU lebensfremden Postulaten. Die Zeit verlangt, daß die Juden sich der Führung der jüdischnationalcn Idee anvertrauen. Eine uns wirklich restlos befriedigende Antwort aut unsere Judenfrage kann es in den Ländern der Welt nicht geben. Wie gute Beziehungen wir auch zur Umwelt herzustellen vermögen, wir leben 1m Galuth. Ist ein Jude aber zu dieser Erkenntnis gekommen, dann braucht er nicht mehr zu resignieren, weil er seine ganze Hoffnung mit einer bestimmten Phase der allgemeinen Entwicklung verbunden hat. Dann kann er Festigkeit auch in schwerster Zeit haben, weil sein wahres Schicksal nicht mehr durch die Pendelschwingungen der allgemein politischen Bewegungen allein bestimmt wird. Erfüllt von der Vorstellung an die den Juden elgentümliehen Aufgaben, tritt er mit offenem Visier und unbefangen in die politische Welt ein. Der Kampf um die wirkliche Gleichberechtigung beginnt erst dann, wenn alle luden die Gleichberechtigung für sich als Juden fordern. Man hat es uns Juden verargt, daß wir mit der Behauptung auftreten: erst die jüdischnationale Bewegung des Zionismus kämpft den Kampt um die Gleichberechtigung der Juden aus. Jene Gleichbcrechtigung, die auf einer vorgeschriebenen Gesinnungsgrund- Lage beruht, war bedingte Gleichberechtigung, stand im Gegensatz zur Anerkennung von der Gleichwertigkeit jüdischer Art, die den Gesetzen ihres Seins zu folgen gewillt war. V. Während uns Feindschaft zur Einheit — vielleicht zur Einheit wider Willen — zusammenschweißt, ist, wie der Nichtzionist Friedrich Brodnitz bemerkt, die Gefahr, daß der jüdische Inhalt unseres Seins immer mehr zu einer bloßen Formel erstarrt, heute größer denn je. Mit Reden ist dem Judentum nicht zu helfen. Alle Worte über jüdische Dinge sind unverbindlich und das Wort hat auch in der Welt im Laufe der Nachkriegsjahre an Wirkungskraft verloren. Man redet Abstraktionen, nicht Sachen. Die Konsequenzen aus dem Bewußtsein, daß die Juden eine jüdisch-geschichtliche Einheit bilden, liegen nicht in politischen Forderungen, liegen auch nicht in noch so differenzierten Darstellungen der jüdischen Gegenwart. Wenn wir bei Worten bleiben, dann werden wir den Gefahren erliegen, die in jedem Nationalismus verborgen sind und die unzweifelhaft auch der jüdische Nationalismus in sich trägt. Unserer Erkenntnis kann nur die Tat der Verwirklichung entsprechen. Was unser Ziel ist, wird zugleich zur Korrektur für unsere Gedanken: ich spreche vom jüdischen Palästina. Der Zionismus war vom Tage seiner Geburt an zugleich Bewegung und Verwirklichung in untrennbarer Einheit. Vor 50 Jahren begann das Werk, ein Werk der Erlösung eines Landes durch Arbeit. Seine charakteristische Form fand der Zionismus durch Theodor H e r z I, der Phantasie und Realpolitik verband und in unserer Organisation das Hauptinstrument unserer politischen Wirkung schuf. Was der Zionismus fühlte und wollte, mußte er von Anfang an in einem schweren Leben bewähren, und die Frucht dieser Arbeit zweier Generationen sehen wir heute vor uns. Auf Grund der sichtbaren Leistung erlangte man die internationale Anerkennung des Jewish National Home. Unser Land grünt wieder, es trägt wieder Früchte, es legitimiert uns, im Namen des jüdischen Volkes zur Welt zu sprechen. Wir treten hier nicht auf als die Lobpreiser der eigenen Leistung. Wir sind auf dem Wege und wir kennen besser als andere die Unvollkommenheit der von uns geschaffenen Realitat. Wir durchschauen auch alle das Getue und Gehabe, das anscheinend immer mit einer großen demokratischen Bewegung verbunden ist. Aber da wir selbst gewohnt sind, unablässig an unserem eigenen Werk Kritik zu üben und wir in unserer Presse und auf unseren Tagungen nichts beschönigen, können wir auch bei dieser Gelegenheit ruhig und fest von der Leistung sprechen, die durch die zionistische Bewegung geschaffen ist. Umgeben von böswilliger Kritik, von feindseligen Mißdeutungen, sind wir unseren Weg gegangen. Ein im Aufstieg befindliches Erez Israel steht heute hinter uns und zeigt uns und zeigt der Welt, daß Juden imstande sind, in eigener Freiheit konstruktiv zu wirken und die natürlichen Grundlagen ihres eigenen Lebens zu schaffen. Erfüllt von der Richtigkeit unseres Weges wenden wir uns in unserer Propaganda an die jüdische Welt. Wir haben es als eine unserer Hauptaufgaben betrachtet, die jüdische Jugend zionistisch zu machen. Unser Gegner ist heute nicht mehr die alte Form der Assimilation, sondern eine neue Form, die vor allem im Kleid des Kommunismus uns entgegentritt. Die Jugend hat heute naturgemäß ein tiefes Gefühl lür die soziale Frage, und wir haben Verständnis dafür, aber sie muß verstehen, daß sie nicht unter Ueberspringung ihres Zusammenhangs mit dem jüdischen Volk an diese Frage herangehen kann. Auch hier, genau wie in der früheren Aera, vermag der Jude erst dann als legitim Eingegliederter aufzutreten, wenn er seine Onentierung 1m jüdischen geschichtlichen und blutmäßigen Zusammenhang gefunden hat. Nur die zionistische Erkenntnis vermag die Juden vor neuen Illusionen eines vermeintlichen, die Grundtatsachen der geschichtlichen Zusammenhänge aufhebenden ״Fortschritts“ zu bewahren und sie ohne den Schmerz des Ausgeschlossenseins die Tatsache ertragen lassen, daß Juden Juden sind und bleiben. Nur der Zionismus ist daher imstande, der jüdischen Jugend die Richtung zu geben. Was wir heute durchleben, ist nicht so neu in unserer Oeschichte wie manche glauben. Nur die Juden haben sich geändert. Sie waren vormals so echt in ihrem Wesen, daß sie durch äußere Gefahr nicht erschüttert werden konnten. Das 19. Jahrhundert hat diese inneren Kräfte zerstört. Der Zionismus schafft in Palästina den neuen Rückhalt des jüdischen Volkes. Der Delegiertentag wird die Aufgabe haben, zu den hier naturgemäß nur kurz skizzierten politischen Gedanken und Forderungen seine Meinung zu sagen und in einer Res olution niederzulegen. Zweite Sitzung. 11. September, nachmittags. Vors. Blumenfeld verliest die Liste der seit dem Jenaer Delegiertentag verstorbenen Mitglieder und Freunde der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Jeder einzelne Name, so sagt er, weckt die Erinnerung an besondere zionistische Leistungen und darum ist der Zionistischen Organisation in Deutschland jeder verlesene Name eine teuere Erinnerung. Sodann wird die Generaldebatte über die Referate Goldmann und Blumenfeld eröffnet. Die Generaldebatte ln der Generaldebatte werden zum Teil Blumenfelds Bernerklingen zur Analyse des Nationalismus und die Frage des Verhaltnisses von jüdischem und deutschem Nationalismus behandelt, zum Teil Fragen der praktischen Politik und Arbeit des Zionismus Innerhalb des deutschen Judentums. Der erste Red# ner, Dr. Krojanleer, nimmt ausführlich zu Blumenfelds Thesen über das Wesen und die Entwicklung des Nationalismus Stellung. Er betont stärker als Blumenfeld die romantische Komponente des Nationalismus, der eine Synthese der liberalen Ideen der französischen Revolution und der Gedanken der deutsehen Romantik ist. Diese beiden Elemente finden sich in jedem Nationalismus, auch in dem unseren. Sie sind ״u n ־ versöhnlich und unzertrenniich“, und wir müssen beide bejahen. So sehr wir uns von gewissen EntartungscrscfaciAUBgea im Revisionismus abwenden. so dürfen wir doch