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Jüdische Rundschau · 1932-09-16 · Heft 73-74 (16.9.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 73-74 (16.9.1932)
Date
1932-09-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 73/74,16. IX. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 353 sehen Bourgoisie, das Proletariat Ist aufgestanden und verlangt seinen Anteil an den Gütern der Welt und jedesmal, wenn solche Zeiten kommen, in denen neue Völker und Klassen ihren Anteil verlangen, dann beginnt eine Zeit brutalen Kampfes, denn die Besitzenden geben nichts freiwillig her. Es gibt keine Geschenke in der Geschichte. Ein Volk und eine Klasse haben das, was sie sich erkämpften. Das ist der tiefste Grund des brutalen Charakters unserer Zeit; die Völker wollen nichts von Demokratie und Freiheit hören, sie leben in einem miiitaristischen Geist der Disziplin und der kollektiven Aktion, weil sie spüren, daß es hart auf hart geht und sie um die entscheidenden Positionen zu kämpfen haben. Eine solche Zeit Ist sehr ungünstig für Minoritäten, Sie ist doppelt ungünstig für uns Juden, politisch atomisiert, territorial verstreut, machtlos, preisgegeben den brutalen Kämpfen dieser Zeit, in denen auf uns wenig Rücksicht genommen wird, und in der die Gefahr besteht, daß wir rücksichtslos zur Seite gedrängt werden. Was haben wir zu tun? Ich will nur einige letzte Worte dazu sagen. Es sind alte zionistische Wahrheiten, die ich zu wiederholen habe. Vor allem müssen wir innerlich unsere Haltung revidieren. Was uns not tut, ist die Rückkehr zu einer bewußten Isolierung und Distanzierung zu unserer Umwelt. Das Judentum des Galuth hat nur durch seine innere Haltung sein Martyrium überstehen können, und auch wir müssen zu dieser Haltung zurückkehren können. Wir müssen das Bewußtsein unserer Sonderexistenz stärker in uns entwickeln. Ich pflegte früher nicht gern vom ״ewigen Volk“ zu sprechen, vom ״auserwählten“ Volk, aber ich glaube, wir müssen heute das Bewußtsein unseres metaphysischen Sonderschicksals stärker erleben. Denn nur dann werden wir unserem Leidensschicksal einen Sinn geben können. Dazu gehört auch, daß wir in bewuftter Opposition bleiben gegen die sögenannten modernen Ideale. Wir müssen festhalten an den großen immanenten Ideen unserer Geschichte: Recht und Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit, Toleranz und Universalismus. Wir müssen weiterhin stehen zu diesen Idealen von gestern und vorgestern, die auch die Ideale von morgen und übermorgen sein werden. Das bedeutet die Opposition zu allen Auswüchsen eines verrückt gewordenen Nationalismus, der alle menschlichen Ideale in den Staub zu treten wagt. Und es ist mir ein seelisches und ein politisches Bedürfnis, dies hier zu sagen, nicht nur angesichts der Auswüchse des Nationalesums bei anderen Völkern, sondern auch angesichts mancher Auswüchse des Nationalismus bei uns, deren Beispiele wir erst jetzt auf der Revisionistenkonferenz in Wien erlebt haben. Bei aller Achtung vor der subjektiven Ehrlichkeit und dem Idealismus dieser Vertreter eines wild gewordenen jüdischen Nationalismus müssen wir mit aller Deutlichkeit erklären, daß unser Nationalismus sich frei halten muß von diesen Auswüchsen und Verzerrungen, daß er eng verknüpft ist mit jenen großen sittlichen Menschheitsidealen, die ihm seine Würde und Legitimität verleihen. Und das zweite, was ich Ihnen sagen will, ist natürlich: Palästina. Ich brauche hier nicht viel darüber zu sagen. Das leuchtende Bild des jüdischen Lebens in Palästina, dieser einzigen Insel von Freiheit und Entwicklung, von schöpferischem Fortschritt und konstruktivem Aufbau, inmitten des Meeres jüdischer Leiden und Tragik, spricht so stark für sich selbst, daß jedes weitere Wort überflüssig wäre. Aber eines will ich hier nur noch unterstreichen: Mehr denn je zwingt die jüdische Lage heute, Palästina als die wirkliche volle Lösung der Judenfrage zu proklamieren. Wir haben in den letzten Jahren viel gekämpft 11m politische Formeln. Die Zeit für diese Kämpfe ist heute vorbei, und ich will die Diskussion keinesfalls wieder aufnehmen. Hier handelt es sich um ein anderes: Um die Konzeption eines maximalistischen Zionismus der praktischen Arbeit, der für Millionen Juden Platz schaffen will im vorderen Orient und damit eine wirkliche Lösung der jüdischen Existenzfrage bringen will. Diese maximaüstischc Konzeption ist verwirklichbar, nicht heute und nicht morgen, und vielleicht nicht in unserer Generation, aber alles, was bisher In Palästina geschaffen wurde, bestätigt den Glauben an die Möglichkeit dieser Verwirklichung. Nur wenn wir diese zionistische Lösung, verbunden mit der bewußt distanzierten Haitung und dem Erlebnis unseres Sonderschicksals und unserer Sonderexistenz proklamieren, werden wir und wird das jüdische Volk die Kraft haben, die Leiden dieser Zeit zu überstellen. Leiden sind für ein Volk nicht immer ein Unglück. Ein Volk kann stark aus seinen Leiden hervorgehen, größer und gefestigt er. Die Gefahr liegt nur im sinnlosen Leiden, wenn ein Volk nicht mehr weiß, wofür es blutet; und deswegen ist es unsere Aufgabe, durch die Proklamierung unserer seelisehen Haltung, durch die Proklamierung einer großen zionistisehen Idee als der Lösung der jüdischen Frage den Leiden dieser Epoche einen Sinn zu geben. Die jüdische Legende hat immer daran geglaubt, daß die Erlösung nur kommen wird nach einer Zeit furchtbarer Not. Wenn wir mit aller Energie an den Aufbau Palästinas gehen und dort die Fundamente legen für ein gesichertes und schöpferisches jüdisches Leben, dann werden wir den Leiden der Gegenwart ihren Sinn geben und sie zu einem Durchgangsstadium, — einem bitteren, aber vielleicht unvermeidlichen — für den Aufbau einer besseren und produktiveren jüdischen Zukunft werden lassen. Die zioidsf. Aufgabe im heutigen Deutschland Kurt Blumenfelds Referat L Die zionistische Bewegung hat seit dem Tage ihres Ent- Stehens die Verantwortung für die Gestaltung jüdischen Lebens übernommen. Sie gab dem Wort Galuth den ursprünglichen Inhalt wieder, sie erkannte den Irrtum der Assimilation, sie verjyjndete die Wahrheit vom lebenden jüdischen Volk, um! sie stellte den Satz a!>f, daß nur die Schaffung der Öffentlich-rechtlieh gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina die Antwort auf die Judenfrage geben kann. In den 50 Jahren, die seit dem Erscheinen von Pinskers ״Autoemanzipation“ imd der Klu-Auswanderung gerade in diesen Tagen verstrichen sind, ist die zionistische Position gegenüber dem Staat und gegenüber den Völkern immer wieder auf die Probe gestellt worden. Heute haben wir in einem besonders ernsten Augenblick allgemein politischer Entwicklung die Pflicht, mit voSer Klarheit der jüdischen Welt und der nichtjüdischen Öffentlichkeit unseren Weg darzustellen, unsere Forderungen zu erheben und das durchzuführen, was gleichzotig dem Judesein und der Zukunft des jüdischen Lebens dient. In den letzten 50 Jahren hat sich das Gesicht der Welt geändert, und in dem Zeitabschnitt, den wir heute erleben, sind wir Zeugen der gewaltigsten politischen Umwälzung, die den Charakter des Staats überall zu verändern scheint, unsere Bewegung entstand in der Periode des sogenannten ״liberalen Staats“, mit dem zugleich die Idee von der staatsfreien Sphäre der Persönlichkeit sich durchsetzte. Bei der Kritik, die heute an den politischen Formen geübt wird, die sich im 19. Jahrhundert nerausgebildet haben, wird meist übersehen, daß auch die leidenschaftlich abgelehnten Vorstellungen von der Freiheit des Individuums, von den Grenzen, die dem Geltungsbereich des Politischen überhaupt gesetzt wurden, einmal eine gewaltige revolutionäre Kraft gegenüber dem absoluten Machtstaat waren. Alles, was im gegenwärtigen Moment als ״antipolitisch“ empfunden wird, alle liberalen Bestrebungen, denen man das Verständnis für den Staat an sich abspricht, sie waren einmal eine das alte Staatssystem zerbrechende aufbauende politische Revolution. Der große Streit, ob der Staat um der Menschen willen da Ist oder ob die Menschen eigentlich mir um des Staates willen existieren, er ist in der Vergangenheit in Wahrheit schon oft ausgefochten worden. Unsere Gegenwart hat diesem Kampf neue Begriffe und schärfere Formulierungen hinzugefügt, aber dieser Kampf zwischen dem, was man heute ״totaler Staat“ nennt und zwischen Einzelmenschen und Menschengruppen, die das Recht auf ihre Lebenssphäre durch zusetzen versuchen, hat schon stattgefunden, ehe die moderne Nomenklatur existierte, im übrigen wird man der durch die französische Revolution eingeleiteten politischen Entwicklung nicht ferecht, wenn man nicht anerkennt, daß zugleich mit einem beralen Anarcho-Individualismus, der weder für die Nation noch für den Staat das volle Verständnis aufbrachte, in diesem 19. Jahrhundert auch der Gedanke der Nation eine schöpferische Neugeburt erfahren habe. Jener Nationalismus, der auch auf unsere Bewegung befruchtend und gestaltend eingewirkt hat, war im 19. Jahrhundert eine Freiheitsbewegung. Nach Zer- Störung des absoluten Staats konnte die Vorstellung entstehen, daß die Nation das ihr gemäße Leben führen müsse, und daß ein Zustand herzustellen sei, in dem jede Menschen gruppe ihren Beitrag zur Weltkultur dadurch leisten könne, daß man ihr die äußeren politischen Bedingungen geben müsse. Die nationalen Freiheitsbewegungen sind im Gegensatz zu einem Tradition und Bindung ablehnenden Liberalismus entstanden, sie sind aber zugleich aufs engste mit dem liberalen Gedanken von den Grenzen der Staatsgewalt verbunden; sie überwanden den mißverständenen Begriff von der Freiheit des Individuums, der die Kraft und den Wert der Gemeinschaft unterschätzte, sie ergänzten und ersetzten ihn durch die Forderung nach der Freiheit und Eingliederung jeder historisch gewordenen Menschengruppe. Suchte der Liberalismus die staatsfreie Sphäre sicherzustellen, so wollten die nationalen Erhebungen, wenn man das sagen darf, die nationsfreie Sphäre erkämpfen. Dieser Nationalismus, der den Staat als gestaltende Lebensmacht anerkennt und in seinen Konsequenzen sich vielfach die Eigenstaatlichkeit _ zum Ziel setzte, glaubte, daß im Staat die Gleichberechtigung Cikr Measdiengruppe garantiert werden müsse. Er stellt lest, daß Staatsgrenzen und Volksgrenzen nur in seltenen Fällen ganz oder fast ganz zusamtnenfallen, und daß die Mehrheitsnation, der gewiß das Recht zusteht, den Gesamtcharakter des Staats entscheidend zu bestimmen, immer Volksgenossen haben wird, — oftmals handelt es sich um Millionen von Menschen —, die in,anderen Staaten leben., und denen man nicht die Rolle von Parias zufiiuten dürfe. Einen ganz anderen Charakter tragen die beherrschenden nationalistischen Bewegungen unserer Zeit. Vor allem der als ״Nationalsozialismus“ auftretende neudeutsche Nationalismus. Es ist nicht Aufgabe dieses Referates, Gründe für diese Ent- Wicklung zu suchen und aufzuzeigen, warum der Weltkrieg, die übersteigerte Industrialisierung, die rasche Zunahme der Bevölkerung Europas, die Deklassierung der früher herrsehenden und besitzenden Schichten, die ungeheuere Not der Massen, die Technisierung des Lebens, die Zurückdrängung aller geistigen ithd kulturellen Interessen, die Religionskrise, diese Wandlung herbeigeführt haben. Wir stellen fest, daß wir in einer Welt leben, in einer deutschen Welt, die einen grundlegenden Strukturwandel durchgemacht hat und in der heute eine neue Staats- und Nationsauffassung sich durchzusetzen versucht und großenteils schon durchgesetzt hat. Die Demokratie, die in der geschichtlichen Wirklichkeit niemals Gleichheit für alle, sondern immer nur Gleichheit für gleiche war und stets nur die Herrschaft einer bestimmten Gruppe begründete, führte in ihrer übersteigerten Konsequenz 5u ihrer eigenen Aufhebung. Die nicht mehr durch politische Schulung in anscheinend übersehbaren politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen erzogenen Massen, die mit einer nur allgemeinen Hoffnung auf Besserung eines auch seelisch unerträglichen Zustandes lebten, verlangten nach Füllrang und Autorität. Und so entstand paradoxerweise auf demokratischem Wege der Wunsch nach der Diktatur, getragen von einem Großteil des Volkes. Dieses Verlangen war um so stärker als die Nachkriegsgeneration immer weniger imstande war, ihr eigenes Leben zu gestalten und sich mit irgendeiner Wahrscheinlichkeit auf einen ihm einen gesicherten Zionistische Kundgehung ״ARBEIT BODEN SPRACHE!“ Lehrervereinshaus Alexanderplatz Sonnabend, den IT. September. 20’4 Uhr 1. Hebräischer Chor des Brtth Haollm 1. ״Arbeit, Boden, Sprache": Nahum LEVIN (k*br.) 3. Begrünungen 4. Unsere Zionistische Aufgabe: Dr. Nahum GOLDMANN 5. .,Mul Haieschimon" (Angesichts der Wüste) Hebr. Säen« von D. Schlonsky S. Palästinensische Volkslieder BERLINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG Unkoatenüeitrag 30 Pfg., Jugendliche 10 Pfg. Erwerbslose mit Ausweis freit Platz bietenden Beruf vorbereiten zu können. Gerade fn den entscheidenden Jahren für die Förderung des Lebens fehlte die sichere Linie, die Selbstverständlichkeit der Lebensbehauptung auf der Grundlage bestimmter Ideale, und so verlief das Leben gleitend. Man ließ sich treiben und wartete auf das erlösende Wort von außen. Die innere Umbildung ist daher in der Masse durch eine beispiellose Vereinfachung des Gedankens gekennzeichnet. Reflexionen und logische Argumentation wird abgeleimt. Man hat das Denken nicht gelernt und will es nicht, haben. ״Gedanken zerstören Wirklichkeit und töten Leben“, sagt ein Theoretiker dieser Bewegung. Die emotionalen Kräfte, die dumpfen Triebe, deren Bändigung sonst oberstes Ziel jeder Erziehung und auch jeder Staatsordnung war, werden plötzlich nicht nur in ihrer Tatsächlichkeit erkannt, man hält sie sogar für das Beste und Wichtigste des menschlichen Wesens. Im Zusammenhang mit einer solchen, weit verbreiteten menschliehen Haltung werden die neuen Staatstheorien verfaßt, in denen der Staat nicht wegen der Menschen da ist, sondern die Menschen ausschließlich wegen des Staates. Die Meinung, daß: das Leben keines Menschen sich in konzentrischen Kreisen ab-; spielt, die von hervorragenden Theoretikern vertreten wird, und! die heute in den angelsächsischen Ländern in der sogenannten; ״pluralistischen“ Staatstileorie mit einem gewissen Erfolg ver-׳ fochten wird, findet grundsätzliche schärfste Ablehnung. Man! erblickt in der Behauptung, daß der einzelne Mensel! in zahl/ reichen verschiedenen sozialen Bindungen und Verbindungen׳ lebt, daß die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft, einer׳ Nation, einer Gewerkschaft, einer Familie ihn von Fall zu Fall in sehr unterschiedenen Formen bindet, eine Absage an die׳ Erforderlichkeit der politischen Einheit des Staats. Man verlangt den ״totalen“ Staat, in dem es keinerlei dem Politischen entzogene Gebiete des Lebens geben darf. Religion, Kultur, Bildung, Gesellschaft — sie alle sollen aufhören, als nicht-' politische Bezirke betrachtet ־zu werden; sie alle sollen nur in einem Staat existieren können, der potentiell jedes dieser Gebiete ergreifen kann, weil in ihm die ״Identität von Staat und Gesellschaft“ besteht. In diesem Staat soll alles wenigstens der Möglichkeit nach politisch seit!. Dieser Staat, den Ofhmar Spann den ״wahren“ Staat nennt, soll die ganze geistige, Wirklichkeit des Menschen in sich begreifen. Er ist das menschliehe Ziel schlechthin. Für diesen Menschen gibt es ebenso wie׳ für die Bewegung, die ihn erstrebt, nur einen einzigen Lebensinhalt: Kampf und wieder Kampf. Kampf um die Macht so schlechthin, daß sogar die politischen Erwägungen, die einem Ausgleich unter den Völkern das Wort reden und eine Stabilisierung der Beziehungen innerhalb der Staaten und innerhalb der Völker erstreben, als verabscheuungs würdiger Pazifismus empfunden werden. Die Tatsächlichkeit der kriegerischen Auseinsmdersetzung wird zur höchsten Lust und ־zum obersten Ziel' erhoben, die Stellung des Rechts im Staat wird entscheidend verschoben, die Rechtsstellung wird zum praktischen Behelf, sie führt kein Eigenleben mehr, Recht wird im Grunde zum technischen Ausdruck für die Durchsetzung der von einer nie genau bezeichnten, aber von allen scheinbar sehr deutlich empfundenen obersten Machtquelle des totalen Staats. Wir haben es heute nicht nur mit dem staatspolitischen Oberbau des neudeutschen Nationalismus zu tun. Die Bewegung, vor die sich die theoretischen Vertreter des totalen Staats gestellt haben, offenbart sich jeden Tag in eindeutigster Weise. Die Vernichtung des Judentums ist eins ihrer Hauptziele. 111 der offiziellen Programmschrift der nationalsozialistischen Partei heißt es: ״Antisemitismus ist gewissermaßen der gefühlsmäßige Unterbau unserer Bewegung.“ ln der großen Masse der Anhänger finden alle Ausbrüche des Judenhasses die stärkste Resonanz. Es gibt keine Minderwertigkeit des öffentlichen Lebens und kein diesen Kreisen unsympathisches Ereignis, für . die nicht die Juden verantwortlich gemacht werden untj-deretwegen man nicht an ihnen blutige Rache nehmen will. Ueberall ertönen Pogromdrohungen. Jede Aeußerung über Juden ist eine Verunglimpfung und Minderwertigkeitserklärung des Judentums. Der Mord an dem Menschen anderer Rasse und besonders am Juden wird verherrlicht. Man glaubt, der nationalen Erneuerang dadurch am besten dienen zu können, daß Haßgefühle gegen Andersartige erzeugt und bis zur Siedehitze gesteigert werden. Es ist charakteristisch, daß diese Bewegung sich selbst häufig als eine messianische gebärdet, die ihrem Volk eine Heilslehre verkündet. Es ist in der Tat die Ersatzreligion einer Welt, der echte religiöse Ideale verloren gegangen sind. Der Staat wird über Gott gestellt, die Idee der Religion dem politischen Kampf dienstbar gemacht. Es ist bezeichnend, daß zahlreiche: Geistliche in dieser Bewegung stehen und daß die Exzesse der Bewegung von niemandem, auch nicht von den sogenannten besonnenen und gemäßigten Elementen des Nationalsozialismus jemals kritisiert werden. Soweit wir sehen können, sind die Geistigen des Nationalsozialismus bisher bereit gewesen, jede Scheußlichkeit zu rechtfertigen und bestenfalls einmal von den ״Kinderkrankheiten“ dieser herrlichen Bewegung zu sprechen, wenn es schon ganz und gar nicht mehr möglich war, barbarische Brutalitäten einfach zu decken. Im Innersten erschüttert über diese irre geleiteten Kräfte fragen wir uns: wie schwer muß der Druck sein, wenn man mit so großem Erfolg an die schlechten Instinkte der Menschen appellieren kann! Wir fragen uns auch: Glauben die Führer wirklich, daß man auf diese Weise erst richtig zur Nation wird und daß die Erneuerung der Nation solcher Behelfe bedarf? Der entscheidende Unterschied zwischen dem echten Nationalismus und dem von Nationalsozialismus geführten neuen Nationalismus besteht in der Stellung gegenüber dem eigenen Volkstum. Ein starker, die Zeiten überdauernder Nationalismus kann der eigenen Volksart nicht mir freudig bejahend gegenüberstehen, sondern muß auch fähig zur Kritik am eigenen Wesen sein. Kritiklose Bejahung der eigenen Art ist immer der Begleiter schnellen Zusammenbruchs. II. Unsere Auseinandersetzung kann nur mit den außerhalb des Nationalsozialismus liegenden nationalen Erneuerungstendenzen erfolgen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß in allen Schichten des deutschen Volkes und, was gerade wir Zionisten sehr genau wissen, auch der anderen Völker,׳ der Gedanke der nationalen Selbstbehauptung stärker wirkt als in früheren Zeiten• Nach einer Periode einer äußerlichen Entnationalisierung gewisser Schichten, in der die ganze europäische und amerikanische Welt uniform zu werden schien, nach einer Zeit der Verflachung eines international gefärbten Gesellschaftslebens besinnt man sich auf den Wert des eigenen Lebensgefühls. Man findet die Kontinuität der geschichtlichen Existenz wieder, die nationalen Bindungen erstarken, aber das birgt in sich auch manche Gefahren, die wir in erschreckender Form beim N. S. festgestellt haben. Es kann aber keinem Zweifel unterliegen, daß ein solcher Versuch der Erneuerung nach innen sich ernsthaft vollzieht. Es kommt darauf an, ob diese weiten Schichten des Volkes für den Grundsatz der nationalen Toleranz genügend Verständnis aufbringen. Ein wirklicher deutscher Nationalismus kann mit dem Gedanken des totalen Staats allein seine nationalen Aufgaben nicht erfüllen. Deutschlands Bevölkerung ist nicht uniform. Ferner: Millionen Deutsche!eben außerhalb Deutschlands. Die nationale Idee will mit Recht sie alle umfassen. Sie kann es nicht ertragen, daß Angehörige des eigenen Volkes in einem anderen Staat unterdrückt und zu Bürgern zweiter Klasse degradiert werden. Daher finden bei hervorragenden Führern der de!1tsehen Minderheiten, unzweifelhaft überzeugten Anhängern des deutschen Volksgedankens, die im Sinne der nationalen Idee erhobenen Forderungen aut Entrechtung von andersnationaleä

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