Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1932-09-16 · Heft 73-74 (16.9.1932) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 73-74 (16.9.1932)
Date
1932-09-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2651273-2653348-2653423--23171-2681502
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 352 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 73/74, 16. IX. 1932 Disziplin nicht so bewandert waren, haben die deutschen Zl> nisten mit das Verdienst, Strenge und Disziplin in unsere Organisation getragen zu haben. Deswegen muß ich gerade hier etwas klar sagen, in dnem Zeitpunkt, wo unsere Bewegung an einem Scheidewege steht. Es kam in den letzten Jahren eine gewisse Resignation in unsere Bewegung, und je mehr den theoretischen Grundlagen nach- Begangen wird, desto gefährlicher werden die Entscheidungen. he Sabotage Englands gegenüber seiner Palästinaverpflichtung, die Feindschaft der Araber in Palästina gegen uns naben vor drei Jahren das Problem neu aufgerollt: wohin gehen wir, wonach streben wir? Von ihrer ersten Stunde an war unsere Bewegung eine idealistische, eine ethische, in einem solchen Ma&e, daß sie die Konkurrenz der größten Ideen der Welt auszuhalten imstande war. Auch hier sehe ich in den letzten Jahren manche Resignation. Unsere Gegner entdeckten, daß die Bestrebungen der »Juden, das Land zu erschließen und Millionen Menschen umzupflanzen, ״unethisch“ sind, daß sie die Verdrängung eines anderen Volkes beinhalten. Unsere Jugend, besonders empfindlieh für ethische Fragen, begann zu grübeln, ob die Gesichtspunkte und Ziffern der anderen nicht wahrer seien als die unserer Experten. In dem Moment, wo bet uns innerlich ein Zweifel entsteht, daß unsere Arbeit nicht ganz rein und idealistisch sei, haben wir auch nicht mehr den Mut und die Kraft, alle unsere Energie auf den Aufbau zu konzentrieren. Was heißt Ethik? Was wollen wir, was tun wir? Wir wollen unser historisches Ideal, mit dem wir durch zweitausend Jahre Diaspora wanderten, wieder selbständig in unserem eigenen Lande zu leben, verwirklichen. Es gibt nicht ein Problem: hie Juden, hie Araber in Palästina. Das Problem muß so gestellt werden: Wir 17 Millionen Juden in der Welt, die an eigenem Boden in allen Ländern der Welt nichts haben, als Friedhöfe und dort ein großes arabisenes Volk von 40 Millionen, von Gibraltar bis Damaskus mit ungeheuren leeren Landstrecken, wo noch einmal soviel Millionen leben und sich entwickeln können. Dort hat ein Volk die Fülle, hier hat ein Volk nichts. Ein Volk hat Raum im Ueberfluß, und ein bescheidener Nachbar, der niemandern schaden will, soll untergehen? Wenn es eine ethische und idealistische Bewegung gibt, so ist es die zionistische, die ein Volk von 17 Millionen retten will. Unter uns haben viele begonnen zu resignieren, und man hat sich ein kleines neues Ideal gesetzt, ein ״kulturelles Zentrum“ auf dem Skopusberg. Nicht das ist unser Bestreben, nicht dafür wird das jüdische Volk seine Kräfte hergeben. Ein großes Erez Israel, Millionen Menschen, in selbständigem nationalem Leben, das ist gewiß ungeheuer schwer zu erreichen, dazu braucht man Opferwilligkeit, politische Konjunkturen, Arbeit, Glauben, Geld. Aber es ist möglich; ein kleines kulturelles Zentrum in dieser arabisch-levantinischen Umgebung ist nicht leichter, das ist unmöglich 1 Mit Sprache und Kultur allein werden Sie nichts schaffen, wenn Sie nicht Millionen Juden im Lande haben. Und nun kommt noch von Rußland diese gewaltige idealistische Welle des Kommunismus. Sie ist ungeheuer anziehend für unsere Jugend, der sie ein Zukunftsparadies vor Augen stellt, wo auch das jüdische Volk seine Ruhe hat. Und dieser zauberhaften Verlockung wollen Sie ein ״Kulturelles Zentrum“ auf dem Har Hazophim gegenüberstellen? Gegen Größe muß man Größe stellen. Wir haben dieses Große, es ist der Wille des jüdischen Volkes zurück nach Hause. Wir wollen die Millionen, die hier leiden, physisch und sittlich, in die Heimat zurückführen. Ist das überhaupt praktisch möglich? Ich werde es nicht unternehmen, hier Ziffern darzulegen. Aber niemand kann mir sagen, daß es unmöglich ist. Die Welt mag sich verändern, eines bleibt und wächst, der Wille des Volkes. Hätten vor 50 Jahren die Bihi, die nach Palästina in eine Wüste kamen, gefragt, ob es möglich ist, man hätte sie zurückgeschickt. Sie fragten nicht, sie wußten nicht, wie man’s macht, und sie haben die ersten Kolonien geschaffen. Vorwärts, Mensch für Mensch, Schritt für Schritt, Dunam für Dunam, unsere Kräfte dorthin konzentrieren und glauben 1 Das Land ist groß genug in seinen historischen Grenzen, die technische Entwicklung kommt uns zu Hilfe, und vor allem, wenn ein lebendiges Volk will, verwirklicht es seine Ideale! Im Zentrum unserer Arbeit steht der Boden, im Zentrum unseres Kampfes steht die Bodenfrage. Und erlauben Sie mir, zu sagen, obwohl ich hier nur Gast bin, daß Sie deutsche Zionisten gegen diese Erkenntnis gesündigt haben. Der K. K. L., der Träger des Bodengedankens, ist bei Ihnen nicht an der Stelle, die ihm gebührt bei einer so guten und disziplinierten zionistischen Organisation. Die Behauptung von French und die Meinung vieler Zionisten, daß der K. K. L. genügend Bodenreserve habe, ist eine Legende! Kommt heute ein Zionist von hier und anderswo nach Palästina und will Boden von uns haben, wir können ihm keinen geben, alles ist verteilt! Die Juden kommen heute und wir müssen ihnen Boden geben können, sie haben das Recht, Boden zu verlangen, und Sie haben die Pflicht, für Boden vorzusorgen. Redner appelliert an die Orthodoxie, deren Zentrum Frankfurt ist, sich der Palästina-Arbeit anzuschließen und schließt seine Rede mit den Worten: Wir durchleben jetzt eine Zeit, wo der Druck auf unser Volk überall, in barbarischen Ländern wie in hochzivilisierten Staaten, einem kaum mehr überschreitbaren Höhepunkt nahe ist. Und deshalb sind wir sicher, daß das jüdische Volk jetzt das Maximum von Willen und Begeisterung geben wird für unsere große und gerechte Bcwegung; wir werden unser Land aufbauen, wir werden unser Volk befreien! Dr. Landsberg, der den Vorsitz übernommen hatte, dankt dem alten Kämpfer Ussischkin auch dafür, daß er neben der Anerkennung für die Verdienste des deutschen Zionismus an ihm auch Kritik geübt hat. Wenn auch ein großer Teil der deutschen Zionisten sich in seinen Anschauungen von Ussischkin unterscheidet, so sind doch alle Zionisten einig in der Ueberzeugung, daß der Aufbau Palästinas und in erster Linie die Arbeit für den Bodenfonds die beherrschende Stellung im Zionismus einnehmen muß. Es folgen Verlesung einiger Begrüßung s telegramme und Briefe an den Delegiertentag. Hervorzuheben sind eine Depesche Salman Schocken*, der aus Gesundheitsgründen verhindert war, am Delegiertentag teilzunehmen, und ein Brief von Leo Motzkin (Paris). Der Delegiertentag beschließt, Salman Schocken telegraphisch Wünsche auf baldige Wiedergenesung zu übermitteln. Namens der Jüdischen Gemeinde Frankfurts begrüßte Prof. Freimann, namens des Frankfurter Rabbinats Rabbiner Dr. Hof fmann, namens des Initiativ-Komitees Frankfurt für die Jewish Agency Dr. Wolff und namens der Zionistischen Ortsgruppe Frankfurt Zahnarzt Loew die Tagung. Die Vormittags-Sitzung wurde durch das Referat Dr. Nahutn Goldmanns über ״Das jüdische Volk in der Weltkrise“ und das Referat Kurt Blumenfelds über ״Die zionistische Aufgäbe im heutigen Deutschland“ ausgefüllt. Das jüdische Volk in der Weltkrise Referat von Nahum Goldmann Die zionistische Situation ist heute dadurch charakterisiert, daß die ursprünglichen und elementaren Motive, aus denen der Zionismus entstanden ist, zu einer erneuten Aktualität gelangt sind. Der Zionismus ist aus zwei großen Urmotiven geboren worden: Aus der Erkenntnis der Unhaltbarkeit der objektiven Lage der Juden im Oaluth und aus dem Gefühl der Unerträglichkeit der psychischen Lage, der Seelenlage des einzelnen Juden in den Existenzbedingungen des Oaluth. Meine Aufgabe ist es, Ihnen ein Bild von der äußeren Lage des jüdischen Volkes in der Welt zu geben. Die große Polarität, von der der Zionismus getragen wird, die Antithese der beiden Begriffe Galuth und Palästina, ist heute stärker fühlbar als je zuvor in der Geschichte des Zionismus. Galuth ist heute hundertfach mehr Galuth als es in den Zeiten war, in denen der Zionismus begründet wurde. Aber — und dies ist unser Trost und dies charakterisiert die veränderte jüdische Situation nach einer 40 jährigen zionistischen Arbeit — Palästina ist heute nicht mehr nur Wunschbild und Theorie, sondern wird von Tag zu Tag mehr Erez Israel. Beim Versuch einer, wenn auch flüchtigen, Analyse der jüdischen Situation in der Welt ergibt sich eine in der Natur der Sache liegende Einteilung des jüdischen Volkes in drei große Gruppen. Das osteuropäische Judentum, das mittel- und westeuropäische Judentum und das amerikanische Judentum. ■ Das osteuropäische Judentum war bis zu nt Krieg das eigentliche Innerjüdische Zentrum', das große Kraftreservoir, aus dem der größte Teil der schöpferischen jüdischen Energien floß. Das ehemalige russische Judentum hat die moderne hebräische Kultur geschaffen, css hat die moderne jiddische Literatur geschaffen, es war das Zentrum eines starken religiösen Lebens und einer starken jüdischen Bildung. Dieses ehemalige russische Judentum existiert nicht mehr. Was man heute das osteuropäische Judentum nennt, ist zwar der physische Erbe des russischen Judentums, hat aber an inneren Energien, an schöpferischen Möglichkeiten wenig nur mit ihm gemein. Das osteuropäisehe Judentum ist politisch atomisiert worden. Wo ehemals ein 5-Millionen-Judentum saß, territorial geeinigt, leben heute verschiedene neue territoriale jüdische Gemeinschäften, voneinander getrennt und damit einer der Quellen Ihrer Kraft beraubt. Die Juden in den russischen Nachfolge- Staaten sind durch den Krieg nicht nur in den Besitz der völligen Emanzipation gekommen, sondern haben darüber hinaus nationale Autonomie und Minderheitsrechte für sich zugesichert erhalten. Wir wissen heute, daß der Besitz der nationalen Minderheitsrechte sehr wenig hilft. Die jüdische Lage im Osten ist trotz dieser Errungenschaft immer ärger geworden. Zu der politischen Atomisierung kam der Prozeß der!ökonomischen Pauperisierung hinzu. Die wirtschaftliche Lage des größten Teiles des Ostjudentums ist heute ärger als sie in den schlimmsten Zeiten des Zarismus des 19. Jahrhunderts war. Die neuen Staaten versuchen mit allen Mitteln die Wirtschaft der Mehrheitsvölker zu fördern, ihre eigene Bourgeoisie, ihr Bauerntum zu entwickeln, und notgedrungen verdrängen sie daher die Juden aus Jahrhundertealten ökonomischen Positionen. Hier liegt die vielleicht tragischste Seite der Lage im Osten: Es handelt sich gar nicht um Antisemitismus im brutalen Sinn! sondern was vor sieb geht, ist eine langsame Zermürbung der Juden, eine langsame ökonomische Verarmung und Verdrängung. Die polnische und die russische, die litauische und die lettische Regierung sind nicht programmatisch antisemitisch. Was heute dort besteht, ist der Normalzustand. Und deswegen bietet er keine Perspektive einer absehbaren Besserung. Es ist nicht verwunderlieh, daß ein so zerschlagenes und pauperisiertes Judentum auch kulturell langsam zerbrochen wird. Die hebräische Literatur m Osteuropa ist am Untergang. Es gibt keine hebräische Tageszeitung mehr; es gibt keinen hebräischen Verlag, und wenn nicht Palästina, wo heute 8/.o der hebräischen Buchproduktion beheimatet ist, die Rettung gebracht hätte, stünden wir heute vor dem völligen Zusammenbruch der großen modernen hebräischen Literatur. Dies ist nur ein Beispiel für viele andere, und das Resultat aller dieser Analysen ist die bittere Erkenntnis, daß der ungeheure Aktivposten, den das russische Judentum früher in einer Bilanz des jüdischen Lebens dargestellt hat, heute nicht mehr vorhanden ist, und daß dieses Reservoir, das die größten innerjüdischen Leistungen des 19. Jahrhunderts gespeist hat, versiegt ist. Ich möchte ein besonderes Wort über die Lage der Juden in Sowjetrußland sagen. Ich will hier nicht das besonders delikate Problem der Beziehungen zwischen Zionismus und Kommunismus eingehend erörtern. Aber ein Wort möchte ich sagen, das manchem von Ihnen als ״ketzerisch“ erscheinen mag. Ich glaube, es gehört zu dem tragischen Verhängnis der neueren Entwicklung des Zionismus, daß zwischen Zionismus und Kommunismus eine Feindschaft auf Tod und Leben sich entwickelt hat. Es hätte nicht so sein müssen. Es gibt nichts in den Grundideen dieser beiden großen Bewegungen, was sie zu Todfeinden machen müßte. Und ich fürchte, daß ein späterer Historiker dieser Zeit es als einen großen historischen Fehler unserer Bewegung bezeichnen wird, daß wir diesen Antagonismus als etwas Naturgegebenes und Unvermeidliches hingenommen haben und es zu dem heutigen Zustand unversöhnlicher Feindschaft haben kommen lassen. Aber wie man auch darüber urteile, die wirkliche Situation ist die, daß das Judentum in Rußland völlig zugrunde geht. Es hat gar nichts mit Antisemitismus zu tun, es wäre absurd und ungerecht, die Sowjetregierung antisemitischer Neigungen zu bezichtigen; sie ist ehrlich gegen den Antisemitismus, aber in ihrem Fanatismus, in der Einseitigkeit und Brutalität ihres Kampfes für die eine kommunistische Idee hat sie jedes jüdische Sonderleben vernichtet. Wir haben eigentlich in Ruß-!and unsere Rechnung bereits abgeschlossen. Wie immer auch die Dinge dort kommen mögen, wir haben eine Generation von Juden in Rußland verloren, und zwar eine Generation bester, opferwilligster, idealistischer Menschen, deren Verlust für die jüdische Sache von unabsehbaren Konsequenzen ist. Ich will nur kurz über die Lage des west- und mitteleuropäischen Judentums reden und einige Worte sagen zu der Situation der deutsehen Juden, und zwar nicht vom Standpunkt der Auseinandersetzung mit den politischen und geistigen Tendenzen in Deutschland selbst, sondern vom Standpunkt einer gesamtjüdischen Betrachtung. Das deutsche Judentum war bisher der Wortführer des mittel• und westeuropäischen Judentums, das Zentrum des emanzipierten Judentums, das Zentrum der jüdischen Weltgeltung. Das östliche Judentum hat un 19. Jahrhundert unsere großen innerjüdischen Leistungen vollbracht, das deutsche Judentum hat unsere großen Leistungen vor dem Forum der Völker gezeitigt. Wenn wir unseren Anteil an der modernen Kultur proklamieren wollten, dann waren cs vorwiegend Namen deutscher Juden — Börne und Heine, Lasker und Bamberger, Mahler und Einstein und viele andere —, auf die wir hinzuweisen pflegten. Und das hat dem deutschen Judentum ein ungeheures Prestige in der jüdischen Welt gegeben. Alle Theorien der Emanzipation und der Assimilation sind von deutschen Juden geschaffen worden, und bis in die fernsten Weiten jüdischen Lebens — und ich habe es besonders häufig in Amerika empfunden — ist der Einfluß und die Autorität des deutschen Judentums fühlbar gewesen. Diese Position des deutschen Judentums ist in den letzten Jahren zusammengebrochen. Ich spreche gar nicht über die Fakten des neuen deutschen Antisemitismus. Diese r akten sind nicht das Schlimmste an der Lage, nicht die Gefahr von Pogromen und nicht die Gefahr der politischen Entrechtung, an die ich nicht glaube. Schlimmer als all das ist die Atmosphäre, in der deutsche Juden heute leben: Die Atmosphäre vom Paria-Menschen. Schlimmer als die Brutalitlt des Hitler-Antisemitismus ist vielleicht noch die Passivität der nicht-antisemitischen Deutschen, der deutschen Inteiligenz, der sogenannten fortschrittlichen Kreise in diesem Lande. In Rußland hat unter einem zaristischen Regime, in dem es gefährlicher war als hier, die Intelligenz heftig und' laut gegen Pogrome und Antisemitismus zu protestieren gepflegt. Wo bleibt, frage ich, die Stimme der deutschen Intellektuellen? Ich spreche hier nicht von den internationalen Wirkungen, die diese Entwicklung in Deutschland haben wird, von den Rückwirkungen auf die internationalen Beziehungen der Juden zu Deutschland, mit dessen Kultur das moderne Judentum besonders eng verknüpft ist, dessen Sprache noch bis heute die vorherrschende Sprache auf internationalen jüdischen Zusammenkünften ist. Die ״Frankfurter Zeitung“, die so wenig wie andere Zeitungen den nötigen Mut in der entschiedenen Zurückweisung antisemitischer Angriffe aufbringt, soll nicht wieder von ״Drohungen gegen Deutschland“ sprechen, wenn ich darauf hinweisc, daß die Entwicklung in Deutschland die innere Einstellung des internationalen Judentums zu Deutschland entscheidend zü ändern mag. Wichtiger als all das vom jüdischen Standpunkt sind die Gefahren der moralischen Wirkungen dieser Ätmosphäre auf die deutschen Juden. Die Gefahr des russi* sehen Antisemitismus war physische Vernichtung für Juden, aber nicht die Demoralisation des jüdischen Menschen. Der deutsche Jude, der an Deutschland naiv und hingebungsvoll glaubte, hat nicht mehr diese schützende Haltung der freiwilligen Distanz. Die ganze moralische Auswirkung der antisemitischen Atmosphäre in Deutschland, die Juden zu Menschen zweiter und dritter Klasse degradiert, auf das Gros der deutschen Juden ist die ärgste Gefahr in all diesem Zustand. Die dritte große jüdische Gruppe unserer Zeit ist das amerikanische Judentum. Amerika war das Land, von dem Juden bis vor kurzem glaubten, daß dort die jüdische Existenzfrage eigentlich gelöst sei. Es war das Land ohne die europäische Tradition, ohne den jahrhundertelangen Judenhaß, das Land, das als erstes die Gleichberechtigung der Menschen proklamiert hatte, gegründet von Menschen, die für Toleranz und religiöse Freiheit kämpften. Die Juden haben dort große Expansionsmöghchkeiten gehabt. Der Krieg und die Nachkriegsjahre brachten ihnen Wohlstand, und bis vor kurzem noch glaubte die Majorität der amerikanischen lüden, auch viele unserer zjonistischen Freunde, daß der Begriff ״Galuth“ auf Amerika eigentlich nicht zutreffe, daher die etwas philanthropische Färbung des zionistischen Lebens in Amerika bis vor kurzem. Diese letzten Jahre der Krise in Amerika haben eine völlig radikale Wandlung herbeigeführt. Es gibt heute-jein latentes, überall fühlbares jüdisches Problem. Die Wirtschaftskrise der Juden ist doppelt groß, weil sie Juden sind, weil sie in den großen ökonomischen Positionen des Landes nicht drin sitzen und weil ein starker ökonomischer Antisemitismus sich bemerkbar macht. Es gibt große Berufe, fast die ganze Industrie, alle Großbanken, die dem Juden hundertprozentig verschlossen sind; die vornehmsten Universitäten des Landes haben einen nuinerus clausus für jüdische Studenten, es herrscht ein gesellschaftlicher latenter Antisemitismus, der leise ist, aber so fest gegründet, daß er unüberwindlich. erscheint. Und in den letzten Jahren haben amerikanische Juden das Erlebnis ״Golus“ zu erleben begonnen, und das ist der Grund, warum die zionistische Stimmung in Amerika stärker ist denn je, denn erst, wenn man Golus erlebt, erlebt man auch Zion! Ich bin mit dieser notgedrungen flüchtigen Darstellung der Situation in den drei großen jüdischen Gruppen zu Ende. Das Gesamtbild ist ein sehr trauriges. Es ist das Bild eines armen, gehetzten und unglücklichen Volkes, und es zeugt von der ganzen Unanständigkeit und Dummheit der antisemitischen Propaganda, wenn man gegen dieses ärmste aller ärmsten Völker, für dessen Millionen hungernder Menschen keine Regierung sorgt, mit dem Argument hetzt, daß es die anderen Völker wirtschaftlich ausbeutet. Das Wichtigste, was ich in dieser Darstellung der jüdischen Lage nach dem Krieg hervorheben möchte, ist die ungeheure Lehre, die in ihr enthalten ist. Diese Jahre haben fast alle Möglichkeiten des Versuchs einer Lösung der jüdischen Frage im Galuth verwirklicht und ihr Scheitern aufgezeigt. Die ״Lösung“ durch die Emanzipation ist in Deutschland ad absurdum geführt worden. Die ״Lösung“ durch die nationale Autonomie hat sich in Osteuropa als Fehlschlag erwiesen. Wir haben in Amerika erlebt, daß auch in freien Ländern, in denen das Argument von der Ueberfüllung durch Juden nicht zutraf, in denen antisemitische historische Vorurteile nicht vorhanden waren, eine Judenfrage sich entwickelt. Und wir haben in Rußland schließlich erlebt, daß eine große revolutionäre Bewegung, aus idealistischen Motiven geboren, darauf eingestellt, das Schicksal von Millionen Menschen zu bessern, uns auch nicht die Lösung bringt, sondern im Gegenteil den Niedergang und Untergang jüdischen Lebens mehr beschleunigt als es anderswo der Fall ist. Zu allem kommt noch hinzu der allgemein gegen uns gerichtete Charakter der Zeit, in der wir leben. Es gibt nichts, worüber sich Juden stärker klar werden müssen, als über das Faktum, daß das 19. Jahrhundert für uns nicht nur chronologisch, sondern auch wesensmäßig zu Ende ist. Das 19. Jahr־! hundert war ein sehr günstiges Jahrhundert, ein Jahrhundert des Liberalismus und der Demokratie, der Freiheit und der Toleranz, des Respekts vor dem Individuum und den Minoritäten. Es hat uns die Emanzipation gebracht, es hat uns große Entwicklungsmöglichkeitcn eröffnet, und wir haben unseren Anteil an der allgemeinen Kultur geleistet. Das 20. Jahrhundert trägt einen ganz anderen Charakter. Es ist ein Jahrhundert der brutalen Kämpfe. Hunderte Millionen neue Menschen sind in die Arena des politischen und sozialen Geschehens getreten. Die Geschichte von heute wird nicht nur gemacht durch einige aristokratische mittel- und westeuropäische Völker, sondern ganze Rassen und Kontinente sind erwacht und Subjekte der Politik geworden. Asien ist erwacht, Rußland ist erwacht, morgen werden Indien und China bestimmende Faktoren der Weltpolitik sein. Die Geschichte von heute ist auch nicht meF das Privileg einer kleinen, saturierten Schicht der westeuror

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.