Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 73-74 (16.9.1932)
- Date
- 1932-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die zionistische Aufgabe im heutigen Deutschland Einzelnummer 0£5 GoldmafS JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dien■ tag!!•Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Au«l.nds.bonnements werden In der WShratiR der einzelnen Under berechnet Aaxeigenpreis: 8 gggp. Nonp««iIWxci\e 0,50 Stellengesuche 0,25 G.-M. Redaktion, Verlag und Anzeigen - Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m.b. H״ Berlin W15, Meinekeatr.IO. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Postscheck - Konten : Berlin 17392־. Basel V 9355. 680*2, Brüse«! 39433. Budapest 59693. Danzig 1973. Haag 140470, Prsg 59410. Riga 4155. Sirssaburg 16430, Warschau 190708. Wien 156030. Bank ־ Konten: Daimgtädter• tmd Nationalhank, Depositen * Kasse Berlin, KurJümendamsri 52; Rumänisch« Kreditbank, Ornauti (Rumänien); Angja Pabstm* Co. in Haifa, Jerusalem, Tel-Aviv. Nummer 73/74 | Berlin, 16. IX. 1932 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ט״ו אלול חרצ״ב | xxxvil Jahrg. Per Elonlamu» «rstrebt für Ja» jUdlaghe Volk dl« Schaftiing einer öffentlich. rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.« Der 24. Delegiertentag der z. u. f. D. Resolution zur Lase in Deutschland L Der XXIV. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland billigt die im Referat des Vorsitzenden der Z. V. f. D. dargelegten Anschauungen und erklärt! Die Juden in Deutschland stehen im Kampf um Rechtsstellung und Existenz. Beleidigungen und Herabwürdigung des Judentums, Drohungen und Gewalttätigkeiten gegen Jüdisches Leben und Jüdisches Eigentum sind die dauernden Begleiterscheinungen einer Bewegung, die sich im Namen der nationalen Idee an das deutsche Volk wendet. Dieser Gefährdung unserer Ehre und unserer Rechte gilt unser schärfster Kampf. Der Zionismus verwirft eisen Nationalismus, zu dessen Grundlagen die Ueberzeugung von der Minderwertigkeit anderer nationaler Gruppen gebärt. Diesem Nationalismus, der mit den Mitteln der Staatsgewalt Menschen anderer Art oder anderer Meinung Freiheit und Lebensmöglichkeit nehmen will, setzt der Zionismus als die nationale Erneuerungsbewegung des Jüdischen Volkes das Bekenntnis zur wahren nationalen Idee entgegen! aufbauende Arbeit und Entfaltung der schöpferischen Kräfte der Nation, nicht Kampf verschiedener Menschengruppen gegeneinander. Von dieser Auffassung des nationalen Gedankens geleitet, kämpft die zionistische Bewegung für die Rechtsstellung der Juden in Deutschland. Wie sie die Bedeutung des Volkstums für das Leben anderer Nationen anerkennt, fordert sie Respektierung auch des Jüdischen Volkstums. Ein Judentum, das sich frei und selbstbewußt zur jüdischen Art, zum jüdischen Schicksal, zu seinem geistigen Erbe und zu seiner nationalen Aufgabe — Palästina — bekennt, wird die Kraft zur Selbstbehauptung finden. Vom Staate, dem wir durch Recht und Schicksal eingegliedert sind, fordern wir Wahrung der vollen Gleichberechtigung und Freiheit der Entfaltung unserer eigenen. Art«. H. Die verantwortiiehen Instanzen der Z. V. L D. werden beauftragt, den Kampf Mur die in der Erklärung des Delegiertentages proklamierten Ziele mit allen Kräften zu führen. Frankfurt, 13. September. Auf diesem Frankfurter Delegiertentag ist häufig das Wort gefallen, daß der Zionismus sich bewußt ist, in einer Zeitenwende zu stehen. Der Delegiertentag, der in einer Zeit schwerer innerer und äußerer Krise zusammentrat, hat schon durch sein äußeres Gepräge, aber auch durch seinen inneren Verlauf bewiesen, daß der Zionismus sich in dieser Krise behauptet und bewährt. Das elementare Lebensgefühl des jüdischen Volkes hat sich diese Bewegung geschaffen, und ihre Wirkung liegt heute nicht mehr in Erörterungen und Kundgebungen, sondern in den Bezirken des wirklichen Lebens. Suchen wir auch für die Problematik unseres Daseins zwischen den Völkern eine Formel zu finden, suchen wir auch Theorien und Ideologien gegeneinander abzugrenzen, immer erweist sich, daß ungeachtet aller Abstraktionen das Leben sich durchsetzt. Das Leben, das bedeutet für uns: Erez Israel. So hat sich in Frankfurt gezeigt, daß auch bei Erörterungen, die scheinbar andere Fragen zum Mittelpunkt haben, der Palästinagedanke beherrschend in den Vordergrund tritt. In all den Kämpfen mit der Not des Tages strahlt das Licht der Hoffnung von dort her, wo jüdische Menschen in eigener Arbeit ein neues Leben und ein echtes Volkstum aufbauen. Der Delegiertentag hat sich in seinem ersten Teil mit der Notlage des deutschen Judentums beschäftigt und er hat in einer Deklaration, die einstimmig angenommen wurde, ein stolzes Wort der Zurück- Weisung demagogischer Angriffe und der Forderung eigener Selbstbehauptung gesprochen. Die Diskussion, 4Mb «ich4 «*< ׳M-Tid1ten®eb«nit׳ Referat Biumenfekls anschloß, war charakterisiert durch rückhaltlose Ehrlichkeit; sie versuchte nach echter zionistischer Tradition die Situation des deutschen Judentums und die Vorgänge in seiner Umwelt nicht aus dem Geiste der Verärgerung und des Ressentiments zu beurteilen, sondern mit objektiven Maßstäben und geistesgeschichtlicher Analyse daran heranzugehen. Vielleicht hatten manche Redner nicht unrecht, wenn sie sagten, daß eine solche Erörterung nach einem andersgearteten Forum verlangt hätte als der Delegiertentag es bietet. Sind doch Form und Technik unserer Tagungen aus einer anderen Praxis hervorgegangen. Schon die Differenzierung nach innerzionistischen Parteien und die übliche Art der Debatteführung durch Parteiredner ist eigentlich einem solchen Thema nicht adäquat Wenn daher vielleicht auch nicht jeder Punkt geklärt werden konnte, so mußte doch jeder Beobachter anerkennen, daß die Diskussion im Gefühl echter Verantwortung geführt wurde. Es ist vielleicht als ein Mangel zu buchen, daß fast ausschließlich Berliner Redner zu Worte kamen, während man gerade die Meinungen der Freunde aus dem Reiche gern gehört hätte. Trotz aller Nuancenunterschiede in der Bewertung einzelner Details muß man sagen, daß die Tagung und die Debatten von einer einheitlichen Stimmung beherrscht waren. Als bezeichnend darf vielleicht hervorgehoben werden, daß die Beschäftigung mit der Frage des Nationalismus, der uns in unserer Umwelt entgegentritt, im Zusammenhang mit einigen Erscheinuungen des innerzionistischen Lebens der letzten Zeit, bei fast allen Rednern zu einem Bedürfnis der Abgrenzung des legitimen jüdischen Nationalismus gegen gewisse Auswüchse geführt hat Es wurden Zweifel ausgesprochen, ob die Form des Parlamentarismus für die zionistische Arbeit der richtige Ausdruck ist Die Zweifler können zur Stütze ihrer Meinung heute die Tatsache verbuchen, daß diejenige Veranstaltung des Delegiertentages, die am stärksten ein Bild der zionistischen Entschlossenheit und Arbeitsfreude gab, außerhalb des parlamentarischen Rahmens fiel. Eine Sitzung der ״Arbeitskommission“, die zur Besprechung praktischer Fragen zusammentrat, gestaltete sich spontan und elementar zu einer Kundgebung zionistischer Begeisterung und Verbundenheit, die allen Teilnehmern die stärksten Impulse gab. Hier war auch den Vertretern der einzelnen Ortsgruppen Gelegenheit gegeben, Erfahrungen auszutauschen und sich ungezwungen auszusprechen. Diese Zusammenkunft wird sicherlich reiche Früchte tragen. Sie war beherrscht vor allem von Palästinawillen und Chaluzgeist. Die Wichtigkeit jüdischer Erziehung, hebräischer Bildung und Kulturarbeit, von der in der Debatte vor allem Dr. Wolfsberg sprach, konnte infolge der begrenzten Zeit nicht mehr in entsprechender Weise zur Geltung kommen und es muß eis richtig anerkannt werden, wenn die Z. V. f. D. es verschmähte, dieses Ge- I biet als einen Nebenpunkt in einen Winkel der ohnedies überladenen Tagesordnung zu verweisen, und es vorzog, für den Beginn der Wintersaison eine Sondertagung, die nur der Kulturfrage gewidmet sein soll, in Aussicht zu nehmen. Der kritische Betrachter darf zum Schluß vielleicht von zwei Mängeln des Delegiertentages sprechen. Der erste ist ein rein technischer: Man hatte etwas zuviel Referate angesetzt, und unter ihrer Häufung litt die Beweglichkeit und Arbeitsfähigkeit der Tagung. Der zweite Mangel betrifft die parlamentarische Konstellation. Es war auf diesem Delegiertentag keine Opposition vorhanden, und es fehlte daher die Funktion, die eine verantwortliche und ernste Opposition auszuüben hat. Was im Parteisinn sicherlich ein Vorzug ist, die Einheitlichkeit des Wollens und der Richtung, bedeutet eine gewisse Lücke in der Mechanik und Spannung des parlamentarischen Betriebs. Aber schließlich ist für den Zionismus nicht der Parlamentarismus seiner Tagungen, sondern die wirkliche Arbeit entscheidend. Die neue Leitung der Z. V. f. D., die in der Hauptsache mit der bisherigen identisch ist, findet ein gewaltiges Arbeitsfeld vor, und mit Recht durfte Blumenfeld in seinem Schlußwort aussprechen, daß die Hilfe aller Zionisten, die aktivste Mitarbeit aller Gruppen, von der neuen Leitung beansprucht werden muß, wenn die zionistische Arbeit die gewaltigen Aufgaben, die ihr gesetzt sind, erfüllen soll. Die neue Leitung der Z. V. f. D. (gewählt auf dem Frankfurter Delegiertentag) Vorsitxender der Zionistischen Verein!- gang für Deutschland! Kurt Blamenfeld GeschäftsSührender Ausschuß! Alexander Adler, Laxaras Barth, Alfred Berger, Isaac Feuerring, Georg Landauer, Georg Lnblnski, Siegfried Moses, Martin Rosenblüth, Heinrich Straaß, Oscar Wolfsberg. Die Liste der Landesvorstands-Mitglieder bringen wir an anderer Stelle. Der Verhandlungsbericht Unter außergewöhnlicher Beteiligung von Delegierten und Gästen aus dem Reiche — 104 Delegierte, davon 34 Vertreter der Linken und 16 Vertreter des Misrachi, sowie der meisten Mitglieder des Landesvorstandes wurde am 11. September von dem Vorsitzenden Kurt Blumenfeld der XXIV. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland im großen Saale des Frankfurter Volksbildungsheims eröffnet. Blumenfeld gedachte zunächst der Tatsache, daß in Frankfurt bereits vor mehr als zwanzig Jahren ein Delegiertentag stattgefumlen hat, und zwar merkwürdigerweise auch an einem 11. und 12. September. Damals wurde eine Resolution angenommen, daß der nationale Charakter des Zionismus in der Propaganda betont werden soll, und zum Vorsitzenden wurde zum erstenmal Dr. Hantke gewählt. Seit jener Zeit hat sich der Zionismus gewaltig entwickelt, aber sein Anspruch auf Führerschaff im Judentum beruht nicht auf seiner zahlenmäßigen Stärke, sondern auf dem Bewußtsein, den Gedanken zu besitzen, der allein die Lösung der Judenfrage herbeiführen kann. Redner gedenkt des 50jährigen Jubiläums des Erscheinens von Pinskers ״Autoemanzipation“ und der Entstehung der Chibbat Zion. Heute sind aus den Worten von damals Taten in Erez Israel geworden. Blumcnfeld begrüßt den Vertreter der Exekutive Dr. Brodetsky, den Präsidenten des Keren Kajemeth Ussischkin, den Vertreter des Deutschen Iniativkomitees für die Jewish Agency Dr. Wolff, die Vertreter der Frankfurter Behörden, der jüdischen Gemeinde Frankfurts und ihrer Institutionen, die erschienenen Rabbiner, den polnischen General- Konsul, ferner die Vertreter zionistischer Verbände, sodann von engeren Freunden des deutschen Zionismus Dr. Hantke, Dr. Ruppin und schließlich unseren 84jährigen Freund Lazarus Friedmann aus Mainz, der schon beim ersten Kongreß anwesend war. Sodann erklärt der Vorsitzende den Delegiertentag für eröffnet. Das Präsidium Aut Vorschlag von Dr. Fritz Millner (Frankfurt-Main) wird Kurt Blumenfeld durch Zurut zum Vorsitzenden des Delegiertentages gewählt. Dr. Landsberg (Wiesbaden), Dr. Moses (Berlin), Dr. Marcus (Düsseldorf), Bernhard Lustig (München), Zahnarzt Loew (Frankfurt) und Dr. Rabin (Breslau) werden als stellvertretende Vorsitzende der Tagung bestellt. Mit stürmischem Beifall begrüßt, hielt der leitende Direktor des Keren Kajemeth Lejisrael, M. M. Ussischkin (Jerusalem), folgende Ansprache: Ussisdikins Ansprache Die Zionisten Deutschlands haben vom ersten Tag einen sehr wichtigen Posten in unserer Bewegung inne, viel wichtiger als nach ihrer numerischen Stärke in der Weltorganisation zu erwarten wäre. Denn sie haben immer zwei Eigenschaften an den Tag gelegt; während die Zionisten Osteuropas, die die Bewegung geschaffen haben, ihre volkstümliche Verwurzelung, ihren Schwung und ihre Intuition mitbrachten, haben die deutsehen Zionisten ihr tiefes Denken, ihr Bestreben, jeden Schritt theoretisch zu fundieren, als Mitgift eingebracht. Diese Vereinigung war nützlich für die ganze Bewegung. Und während 1 die ostiüdischeu Zionisten ia den Fragen der Organisation und