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Jüdische Rundschau · 1932-09-09 · Heft 72 (9.9.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 72 (9.9.1932)
Date
1932-09-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 72, 9. IX. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 347 Das neue Antlitz des Revisionismus Beirachtungen eines Beobachters der Wiener Konferenz Von S. Picker, Wien. Will man den Revisionismus in seiner neuesten Wandlung betrachten, so muß man Jabotinsky recht geben, der in seiner Wiener Schlußrede sagte, der Revisionismus sei in eine neue Phase, die der Selbständigkeit, eingetreten. In der Tat ist in der Calais-Formel in ihrer Kristallisation nicht etwa ein gewisses Kompromiß mit dem organisierten Zionismus 7.11 finden. Lediglich erlaubt wurde cs für Revisionisten, die in allem ganz und gar der e i g c n e n Disziplin zu unterstehen haben, auch den Schekel zu erstellen, ohne daß dies zu offizieller zionistischer Abhängigkeit binden darf. Unfaßbar ist. es geradezu, wie während der!ganzen Verhandlungen in Wien sich gar 11 i e m and dar 11 m scherte, was d ie Zionistische Organisation zu de m o der 7. u jene m s a g e n w ü 1 cl e. I )ns Problem Wei/mann war ja nicht da; alles andere ist doch nicht lebenswichtig. Alles, worauf die Revisionisten jetzt hinzielten, war die Frage wie man selber etwas werden soll. Die innere organisatorische Fälligkeit beizubelialtcn — gelang. Die Abspaltung von der Zionistischen Organisation ist aber hierbei vollständig. Wie erwähnt, zerbrach sich hierüber niemand den Kopf. Alle Aufmerksamkeit, alle Energien, gingen aut einen tinabhän* gigen Revisionismus. Bezeichnenderweise wurde nicht ein einz.iges mal sogar des Keren Kajemeth Erwähnung getan, es wäre denn, daß ein etwas gemäßigter Redner einmal sagte, daß tiir ihn auch der Keren Kajemeth nicht das Heiligste sei.' Die Energien werden jetzt nur eigenen Sorgen Vorbehalten. Haben sich ja bereits budgetäre Sorgen im Revisionismus eingestellt. Benötigie dessen Organisation und Politik im abgelaufenen Jahre 1800 Pfund, so war das üeld!sicht aufzutreiben, ohne die bekannte Opferwilligkeit der Verantwortlichen selbst. Nun soll bereits für 8000 Pfund gesorgt werden! Was aber von Jabotinsky als die bevorstehende, schier gigantische Leistung bezeichnet _ wurde, dies ist die Uebersiedlung der Leitung nach Genf im kommenden Februar. Wenn dies schon als etwas Gewaltiges gewertet wird, kann man sich hieraus bereits ein Bild von dem großen Programm der Revisionisten machen. Wie hoch die Uebersicdiung nach Genf gewertet werden muß? Der große Staatsmann jabotinsky begeisterte sich; ״Fortab werden wir es nicht mehr mit einer'einzigen Macht zu tun haben, sondern mit den Mächten der Welt.“!! Und da man auf dem Wege zu höherer Politik sich befindet, wird man auch vorsichtiger, ja ganz reserviert; man spricht von einer gewissen angepaßten ״Vibrierung der Tonalität“, die als notwendig erscheinen kann; und man mahnt eindringlich zu Vorsicht und Geduld. Wie oft mußte Großmann bitten, doch einer einmal gewählten Leitung eine Chance 7.u geben, bis man sich eine neue aussuchen mag; wie oft wurde aut dieser Konferenz von den Führern auf das selbstverständliche Gesetz der Disziplin gepocht. Nun ist Disziplin das letzte, was im Revisionismus zutage tritt. Offensichtlich einer Abmachung hinter den Kulissen zufolge, wurde am Anfänge der Schlußsitzung aus der Mitte der Delegierten eine Anfrage gestellt, ob die revisionistischen Vertreter im Aktions-Comite den Punkten über Disziplin in der Zionistischen Organisation ihre Zustimmung gaben, worauf diese Anfrage verneint wurde. (Diese Erklärung steht im Gegensatz zu den Tatsachen, was auch durch Lichtheims Ausführungen bestätigt wird. — A. d .R.) Sokolow bildete einmal auf einem Kongreil aus einem Zitat aus der Mischna ein wunderbares Wortspiel, das auf Deutsch besagt: Wer Fraktionen macht, wird selbst vom Himmel mit Fraktionierung gestraft werden. Nun erlebte man in Wien Fraktionierung und innere Disziplin-Kalamitäten, daß es eine Lust war! Die ״Maximalisten“ «aus Erez Israel and auch aus andefen׳ Ländern forderte» •zwar1 den Diktator, ärgerten aber nichtsdestoweniger ziemlich viel den ihnen doch etwas Hörigkeit diktieren wollenden Abgott. Sie stimmten gegen das mit der Erez Israel-Landsmannschaft zusammen zu errichtende Büro; sie enthielten sich der Wahl der Leitung, sie stimmten sogar gegen die ״Petition“, deren Inaugurierung und Ueberreichung sie als neues ״illusorisches und fiktives“ Auskunftsmittel zur Bedeckung der Ratlosigkeit auch der revisionistischen Führer erklärten. Mußte doch einmal in der Debatte auch der Revisionismus mit Jabotinsky selber zurück zu HerzI, ״zurück eben zu Jabotinsky“ gerufen werden. Denn erleben mußten es die Führer, daß die politische Kommission ihre Formel in der Petitions־ frage für unzulänglich, weil sehr vorsichtig gehalten, befand. Die Kommission wollte nämlich die Leitung binden, die geplante Petition dem Völkerbund zu überreichen. Als Führer nun besonnen, lehnten sic jede Bindung überhaupt ab und stellten zunächst eine Petitionsbewegung nur mit einzelnen Mächten als Adressaten in Aussicht. Die Führer drangen am Ende mit ihrer Desavouierung der Kommission wohl durch, mußten hierfür aber auf die Stimmen mancher Gruppe verziehten. Als Revanche hierfür drang der Wunsch einer anderen Kommission in bezug auf die Höhe des ״Dinars“ gegen einen heftigen Widerspruch der Führer durch. Wie weit wir mm mit dem Revisionismus gelangt sind, trat auf dieser Konferenz klar zutage. Sie wollen jetzt mit einer ״Petitionsbewegung“ anfangen, das ist ihr nächstes politisches Programm, welchem sie selbst mit kühler Hoffnung gegenüberstehen. Sie stellen auch in der Form von vagen Resolutionen, die der Konferenz am allerwenigsten Zeit raubten, die Gründung von Institutionen für Alijah und Kolonisation in Aussicht Vor allem brauchen sie jedoch Geld für ihre Politik, und eine bittere Pille, die wahrscheinlich auch gar nicht wird geschluckt werden können, ist die Organisation in Erez Israel, abgesehen von innerlieh keimenden Krisen in anderen Ländern, die auch schon dieser Konferenz alle Schwierigkeiten, aucli Krawalle darunter, eines Kongresses boten und die den Revisionismus frühzeitig als bereits innerlich zerrissen zeigen. Der Beschluß des A.-C., den Revisionismus als einen ziojiistischen Sonderverband anzuerkennen, wird wahrscheinlich gegenstandslos sein. Eine Erklärung Lichtheims Wir haben bereits in der vorigen Nummer mitgeteilt, daß Herr Richard Licht heim den Vorsitz im deutschen Landesverband der Zionisten-Revisionisten niederlegt, weil er die von der Fünften Revisionistischen Weltkonferenz in Wien gefaßten Beschlüsse nicht billigt und nicht vertreten kann. Herr Lichtheim übergibt nun der Presse nachstehende Erklärung: ״Ich habe schon vor einer Reihe von Wochen in einem vertraulichen Brief an das revisionistische Exekutiv-Komitee in London einige Forderungen aufgestellt, die für meine weitere Beziehung zur revisionistischen Union von Bedeutung sein würden. Dieser Brief ist ohne mein Wissen und Zutun veröffentlicht worden, was ich seinerzeit sehr bedauert habe. Andererseits vertrete ich selbstverständlich den Inhalt der Forde» rungen heute genau so, wie ich sie damals in dem Briete niedergelegt habe. Ich halte es für notwendig, den Beschluß von Calais aufzuheben. Ferner verlange ich nach wie vor eine Klarstellung der politischen Beziehungen zu England und wende mich gegen leere Demonstrat i o n s p 0 1 i t i k , die ihrer Natur nach nur aus Worten bestehen kann, denen niemals Taten folgen werden — es sei denn, daß man Dumme• Jungen-Streiche in Palästina als Taten ausgibt. Schließlich habe ich verlangt, daß den jetzigen Zuständen in der revisionistischen Partei Palästinas ein Ende gemacht wird. Diese Zustände sind unerträglich. Leider hat die Wiener Konferenz, an die ich diese Forderungen ebenfalls in einem langen Briefe gestellt habe, meinen Wünschen nicht entsprochen. Ich hatte midi allenfalls mit der Verlängerung des Calais-Provisoriums abgefunden, und zwar mit Rücksicht auf die besondere Stellung, die der Präsident der Revisionistischen Union einnimmt, (d. 11. mit Rücksicht auf die Tatsache, daß Jabotinsky aus der Zionistischen Organisation ausgetreten ist, so daß mail für ihn gewissermaßen ein ״Sanderrccht“ schaffen muß. — A. d. Red. ״}. R.“), jedoch konnte ich mich nicht damit abfinden, daß die anderen von mir erwähnten Fragen in einem Sinne besprochen und behandelt wurden, der meinen Auffassungen widerspricht. Sehr überrascht bin ich durch die Tatsache, daß der Calais-Beschluß nicht nur bestätigt wurde, sondern daß darüber hinaus noch eine besondere Resolution gefaßt wurde, worin gisagt wird, daß Hie Revisionisten ausschließlich der Disziplin der r e v i - s i 0 n i s t i s c 11 c n Union unterstehen. Ich weiß nicht, wie dieser Beschluß mit den Erklärungen in Uebcreinstinimiing gebracht werden kann, die wir (״wir“, d. h. die revisionistischen A.-C.-Mitglieder — A. d. R.; kürzlich im Aktions-Comite zur!־rage der Disziplin gegenüber der Zionistischen Organisation abgegeben haben. Ich will aber diesen Gegenstand nicht weiter erörtern, solange mir der genaue Text nicht vorliegt. 111 jedem Falle kann ich nach den in Wien gefaßten Beschlüssen nicht mehr an führender Stelle im Revisionismus mitwirken. Ich werde abwarten, bis sieh in der Partei eine bessere Erkenntnis durchsetzt.“ * Wie uns Herr Licht heim weiter mitteilt, lauten nach seinen Informationen die Beschlüsse der Wiener Revisionisten- Konferenz anders als aus den in der Presse veröffentlichten Berichten zu entnehmen war. Insbesondere wird erklärt, daß der Beschluß über die ״Disziplin“ einen anderen Wortlaut hat als ursprünglich veröffentlicht. Wir haben bereits in unseren Bernerkungen in Nr. 71 der ״Jüdischen Rundschau“ die Korrektheit des übermittelten Beschlusses angczweifelt, da er in zu deutiichem Widerspruch zu der Haltung der jetzt in die revisionistisclie Leitung gewählten revisionistischen A. C.-Mitgliedcr bei der Londoner Sitzung steht. Es ist jedoch nicht ganz verstandlieh, wieso ein unrichtiger Text der gesamten Presse übermittelt wurde. Immerhin müssen wir jetzt zunächst den authentisehen Text abwarten, den die revisionistische Exekutive wohl veröffentlichen wird. Man darf wohl vermuten, daß die Schwicrigkeiten der Textierung auf die spezifischen parteimäßigen Verhältnisse zurückgehen, da die revisionistische Leitung einerseits die Beziehungen zur Zionistischen Organisation nicht vollständig lösen möchte, andererseits unter dem Druck ihres radikalen Flügels steht, der eine selbständige, straffe, nach innen disziplinierte, diktatorisch kommandierte Partei wünscht. Sachlieh freilich ändert sich wohl auch durch andere Formulierung nicht viel an der ״Disziplin“-Auffassung der Revisionisten. Herr Lichtheim teilt uns weiter mit, daß durch eine eventuelle andere Textierung der Wiener Beschlüsse seine persönlieh Haltung nicht geändert wird, da er die Be- Schlüsse von Calais für unrichtig hielt und deren Abschaffung gefordert hat, was nicht durchzusetzen war. Reisebrie! ans Danzig Von H. Ritter, Stockholm. Zoppot, Anfang September. ,״ ״ Mein ,diesjähriger Jferienaufenthalt führte mich - in den , Freistaat Danzig und ich benutzte die Gelegenheit, mich über hiesige zionistische Verhältnisse zu orientieren. Mein Besuch galt dem 1. Vorsitzenden der Partei, dem bekannten Danziger Arzt Dr. Isaak Landau, seit 25 Jahren aktiv tätig, der mich in liebenswürdigster Weise empfing und mir folgendes erzählte: ״Bei den Gemeindewahlen erhielten die Zionisten 48 0/0 der Stimmen (Danzig zählt 7000—8000 Juden) und bei den nächsten werden wir mit entschiedener Mehrheit siegen“, meint Dr. Landau enthusiastisch. In dem auch hier geführten Kampfe zwischen Liberalen und Zionisten sind die letzteren als erfolgreiche Sieger hervorgegangen. 20 Leute haben ca. £ 20 000 für Palästina aufgebracht, und eine Kommission wird sich von hier aus nach Erez Israel begeben, um Bodenkäufe zu tätigen. Es bestehen zahlreiche sehr aktiv arbeitende Vereinigungen. So der 500 Mitglieder zählende Bar Kochba, 2 Jugendbünde, Revisionisten und Sozialisten, je 200 Mitglieder, der Tarbuth (die hebräische Sprache pflegend), die zionistische Studentenverbindung Hermonia, sowie die sehr starke Jüdische Volkspartei, die unter der Redaktion Dr. Landaus seit fünf Jahren eine achtseitige Monatsschrift herausgibt. Für den Keren Kajemeth sowie Keren Hajessod führt Danzig jährlich ca. £ 1000 ab. — Natürlich kamen wir im Laufe der Unterhaltung auf den Antisemitismus zu sprechen, der hier im Freistaate ein anderes Gesicht als im Reiche zeigt. Der Freistaat Danzig stellt — laut Friedensvertrag — unter Schutz des Oberkommissares de; Völkerbundes, jetzt der italienische G r a f Gravi na. ״Wir haben hier ein bedeutend sicheres und ruhigeres Leben als unsere Glaubensgenossen in Deutschland“, meint Dr. Landau, da Umzüge und öffentliches Auftreten der S. A,-Leute hier selten sind.“ — Nicht unerwähnt möchte ich hierbei ein Gespräch mit dem Zoppoter Kurdirektor, Freiherr von Wechmar, lassen, der sich gegen den Antisemitismus aussprach. Er hat sämtliche Hakenkreuzflaggen am Strande strengstens untersagt. Selten sah ich in Städten soviel hebräische und jiddische Zeitungen in allen öffentlichen Buchhandlungcn und Ständen ausliegen wie hier — selbstverständlieh fehlt auch nirgends die — ״Jüdische Rundschau“. Auch die Stadt Zoppot besitzt eine aktiv arbeitende zionistische Vereinigung. _ Palästinensische Zwischenfälle Jerusalem, 6. September. (J. T. A.) Mehrere B e d u - inen-Hirten betraten am 3. September nachmittags widerrechtlich die Felder der jüdischen Kolonie Beth Alpha und mißhandelten einen Kolonisten, der sie zum Verlassen der Felder aufforderte. Der Kolonist erlitt Verletzungen. Herbeigerufene Polizei vertrieb die Beduinen von den Feldern und verhaftete 13 von ihnen. Eine starke Polizeitruppe wurde am 4. September in die der jüdischen Kolonie Nathania benachbarten arabischen Dörfer entsandt, um die Baumfrevler zu ermitteln, die in der letzten Zeit im Baumbestand der Kolonie Nathania Schaden angerichtet haben. In diesen Dörfern wurde in den letzten Wochen eine Hetzpropaganda gegen die Juden betrieben. Die Polizei verhaftete zwei der Agitatoren. Eine Abordnung der Kolonisten von Nathania hatte am vergangenen Freitag den High Commissioner General Sir Arthur Wauchope besucht und ihn über die Lage informiert. ________ Im Monat Juli 1932 kamen 513 Einwanderer, davon 418 Juden, nach Palästina. Von den jüdischen Einwanderen! wanderten 74 auf Grund der Kapitalistenklausel ein. Jaden nnd Deutsche in der Bukowina In diesen Tagen feierten die Deutschen der Bukowina im Beisein der Führer des Deutschtums in Rumänien das 150jährige Jubiläum ihrer Seßhaftigkeit in der Bukowina. Aus diesem Anlaß widmet Deputierter Dr. Mayer Ebner, Präsident der Jüdischen Partei der Bukowina, In der ״Ostjüdisehen Zeitung“ den Deutschen seiner engeren Heimat einen Gruß; er führt 11. a. aus: ״Auf die Jubiläumsfeier der Deutsehen in der Bukowina fällt der Schatten des an Breite und Tiefe wachsenden reichsdcutschen Judenhasses, den späfere Geschichtsschreiber als eine Psychose des durch den Krieg arm und unglücklich gewordenen deutschen Volkes erklären werden. Aber wir Juden, gewohnt in Zeiträumen von Jahrhunderten zu denken, wollen uns den Augenblick, in dem wir unsere deutschen Heimatsgenossen zu ihrer Anderthalbjahrhundertfeicr beglückwünschen, durch die schmerzlichen Ereig-' nisse in Deutschland nicht verdüstern lassen. Wir wollen dem deutscher! Volke in der Bukowina herzliche Worte der Anerkennung seiner hundertfünf/igjnhrigen Kulturarbeit sagen und uns mit ihm mitfreuen. Die Welt soll es wissen, daß die Buk> wina der gesegnete Fleck der Erde ist, wo Deutsche und Juden anderthalb Jahrhunderte lang in fast nie getrübter Eintracht friedlich und freundschaftlich nebeneinander gelebt haben und — so Gott will — auch weiterhin leben werden ...“ Zar ersten hebräischen Jugend-Tagung (in Berlin am 17. und 18. September) In den letzten Jahren sind die Anstrengungen für die Hebraisierung der jüdischen Jugend Deutschlands wesentlich erstärkt. Mit ihrem gesunden Instinkt erkannte die Jugend, daß nur die Sprache die Brücke zwischen der Jugend und dem Lande und Volke sein kann. Wer jemals Gelegenheit hatte, die Ent- Wicklung des ״Blau-Weiß“ in Palästina zu verfolgen, wird klar erkannt haben, daß es die Unkenntnis der hebräischen Sprache in erster Linie war, die es den Blau-Weißen erschwerte, sich im Lande zu verwurzeln. Hunderte von Jugendlichen in den Bünden in Berlin und in der Provinz sind heute mit Ernst und Begeisterung dabei, sich die Kenntnis des Hebräischen anzueignen. Die Resultate dieser Anstrengungen sah man u. a. auch beim ersten hebräischen Jugendlager, welches zu Beginn dieses Jahres in Rüdersdorf stattfand. Zahlreiche Jungen und Mädchen, von denen die meisten vor einigen Jahren noch kein Wort Hebräisch verstanden, diskutierten Fragen der jüdischen Kultur und Gegenwart. Alle hatten dabei das Gefühl, daß hier eine wirklich gesunde Grundlage für eine hebräische Jugendbewegung geschaffen ist, die nicht so leicht erschüttert werden kann. Dies war der erste Schritt, mit dem wir uns natürlich nicht zufrieden geben können. Was jetzt geschehen muß, ist eine Konzentration und Organisation der verstreuten hebräischen Kräfte für gemeinsame Aktionen und die Schaffung einer hebrä!- sehen Atmosphäre in den jüdischen Jugendbünden. Zu diesem Zweck haben wir die erste hebräische Tagung der jüdischen Jugend einberufen. Die Leitungen der verschiedenen Jugendbünde, die unseren Aufruf unterschrieben haben, haben ihre Mitverantwortung für das Zustandekommen der Tagung bekundet. Vielleicht darf man darin einen Beweis dafür erblicken, daß der Moment gekommen ist, in dem die Jugendbünde mit ihren Resolutionen und Be- Schlüssen für die Hebraisierung Ernst machen wollen. Der 18. September d. J. kann für die Entwicklung der hebräischen Bewegung in Deutschland ein Wendepunkt werden, der Erfolg hängt einzig und allein von uns ab. Nah um Levin. BOcherschaa Jüdische Nationalbiographie. Die von S. Wininger, Czernowitz, herausgegebene Große Jüdische National-Biographie ist vor kurzem fertiggestellt worden und liegt nunmehr vollständig vor. Sie umfaßt volle sieben Bände Lexikon- Format, über 4500 Seiten, enthält über 10000 Biographien von jüdischen Männern und Frauen aller Zeiten und Länder, die auf irgendeine Weise im öffentlichen Leben hervorgetreten und bekannt geworden sind. Der Herausgeber hat durch eine ungewohnliche Liebe zu seinem Werk in privater Tätigkeit dieses riesige Material gesammelt, und angesichts einer solchen gewaltigen Arbeit kann man auch in Kauf nehmen, daß in der ersten Auflage eine Reihe von Irrtümern enthalten sind, insbesondere dadurch, daß eine Reihe von Persönlichkeiten, die keine Juden sind, in das Werk aufgenommen wurden. Wir haben bei der Besprechung früherer Bände bereits auf mehrere solcher Fehler aufmerksam gemacht, und es wäre sehr zu wünschen, daß der Herausgeber, der jetzt irn siebenten Band Nachträge veröffentlicht, auch diese ״negativen“ Nachträge beigäbe, indem er richtigstellte, wo fälschlicherweise Nichtjuden aufgenommen wurden. Durch einen solchen Anhang würde das Werk an Zuverlässigkeit viel gewinnen. Die vorliegenden Bände enthalten überaus reichen und vielseitigen Wissensstoff, den der Verfasser ohne eigene literarische Ambitionen zQsammengestellt hat, wobei die Einfügung von Literatur-Beispielen bei Schriftstellern besonders begrüßenswert ist. Es ist jedenfalls das erste und einzige Werk dieser Art und kann nicht nur als Nachschlagebuch, sondern auch als Lesebuch wertvolle Dienste leisten. Die ersten sechs Bände liegen abgeschlossen vor. (Preis pro Band gebunden M. 28,—, der Bezug kann auch in Ratenzahlungen erfolgen.) Um das Werk soweit als möglich, und zwar bis auf die allerletzte Zeit vervollständigen zu können, wendet sich der Autor durch uns an die jüdische Öffentlichkeit mit der Bitte um biographische Daten über jene bedeutenden jüdischen Persönlichkeiten, welche im Hauptwerke vermißt werden, sowie um etwaige ergänzende Daten zu bereits im Werke vorhandenen Biographien. Diese werden sodann im siebenten Band, der als Nachtrags- und Ergänzungsband erscheinen wird, verwertet. Zuschriften an den Herausgeber S. Wininger, Cernauti, Bucovina, Piata Decebal 4. Zola, sein Leben, sein Werk, sein Kampf. Geschildert von seiner Tochter Denise Leblond-Zola. Herausgegeben und kommentiert von F. C. Weiskopf. Mit 44 Bildern, RM. 5,50. Malik Verlag Berlin. Die Gestalt Emile Zolas ist nicht nur für uns als Menschen unserer Zeit wichtig, sondern gerade als Juden haben wir allen Grund, diesen Mann nicht zu vergessen. Ist er doch in eigentümlicher Weise in die jüdische Geschichte verflochten. Zola hat in jener Affäre, die für das Schicksal des europäischen Judentums am Ausgang des 19. Jahrhunderts repräsentativ ist, in der Dreyfus-Affäre, eine ausschlaggebende Rolle gespielt. Nicht aus irgendeiner ״Judenfreundschaft“, sondern aus unbedingtem furchtlosen Festhalten an Gerechtigkeit und Wahrheit ist Zola zum Fürsprecher des ungerecht verurteilten luden geworden. Die mit dieser Affäre zusammenhängenden Probleme sind heute so aktuell wie je. Daher kommt eine Zola-Biographie, die natürlich auch sein Wirken in der Dreyfus-Affäre unter Zugrundelegung des dokumentarischen Materials ausführlieh behandelt, in diesem Moment sehr gelegen. Die Tochter Zolas hat in einer angemessener! und gut lesbaren Form die fesselnde Geschichte dieses großen Lebens und Werkes erzählt. ין. "11 1

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