Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1932-09-09 · Heft 72 (9.9.1932) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 72 (9.9.1932)
Date
1932-09-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2651273-2653348-2653422--23164-2681494
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 346 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 72, 9. IX. 1932 in der Struktur des deutschen Judentums liegenden Qründen von allen deutschen Juden, auch von den Zionisten, abgelehnt wird. Die ״Deutsche Rundschau“ betont demgegenüber, daß nationale Autonomie auf dem freien Be- Kenntnis beruhen muß und daß die meisten Juden sich dann in die deutsche Matrikel eintragen würden: ״Ein Großteil würde sich aus ehrlicher Ueberzeugung, die breite Masse aus Opportunitätsgründen in die deutsche Matrikel eintragen, obwohl man ja eigentlich erwarten sollte, daß bei. angestrebter Uebereinstimmung von Theorie und Praxis sich alle Zionisten in die jüdische Liste eintragen müßten, wobei sie dann allerdings auf ihre Staatsstellungen zu verzichten hätten. (Sperrungen von uns. — ״j. R.“) Es würde alles beim Alten bleiben.“ Wir vertreten, wie gesagt, nicht das Programm der Konstituierung der deutschen Juden als nationale Minderheit, dessen Durchführbarkeit die ״Deutsche Rundschau“ mit Recht anzweifelt. Aber selbst wenn man einen Augenblick diese Konstruktion akzeptieren wollte, muß man mit Entschiedenheit die von der ״Deutschen Rundschau“ daraus gezogenen Folgerungen zurückweisen. Angehörige anerkannter nationaler Minderheiten sind nicht Bürger minderen Rechtes, die auf Staatsstellungen verzichten müssen. Stellt man eine solche These auf, dann ist nichts näherliegend, als daß der Durchschnittsjude aus einem leicht verständlichen, aber doch auch wieder von deutscher Seite nicht gebilligten Opportunitätsgefühl assimilatorische Deklarationen abgibt, wodurch jene Verfälschung gefördert wird, gegen die von deutscher Seite Sturm gelaufen wird. Das Verhalten der deutschen Umweit setzt eine Prämie auf Assimilantentum, ja geradezu auf Renegatentum, und wenn die Juden dieser Verlockung erliegen und sich im deutschen Leben als prononcierte Deutsche gebärden, dann wird dieses Verhalten als Motiv des Antisemitismus angegeben. Ja, es geht sogar noch weiter. Auch auf moralischem Gebiet begegnen wir dieser Kurzsichtigkeit. Anläßlich des bekannten Skandals des getauften Landger.-Dir. Soelling (ehemals Seligsohn) schrieb das ״Deutsche Volkstum“, angesichts solcher Fälle müsse man verstehen, es gäbe einen ״Antisemitismus aus Reinlichkeitsempfinden“. Hier hatte aber weniger das deutsehe Reinlichkeitsempfinden als das jüdische Anlaß, zu protestieren, denn Erscheinungen wie diese sind auf das Schuldkonto derer zu setzen, die Prämien auf Charakterlosigkeit setzen, und die ohne weiteres erklären, Juden, die sich zu ihrem jüdischen Volkstum bekennen, tnüßten auf ihre Staatsstellungen verzichten. Es ist Aufgabe des Delegiertentages, zur Klärung dieser Frage der Stellung der Juden im Staate beizutragen, und wir glauben, daß gerade von zionistischer Seite ein wesentlicher Beitrag zu diesem Thema geliefert werden kann, weil der Zionismus ohne Scheuklappen an die Frage herangeht Wir gehen davon aus, daß wir uns unsere Position im Staate und in der Ge- Seilschaft nicht durch Verschleierung oder Verbergung unseres Judentums erkämpfen müssen, sondern gerade durch seine stolze Bejahung und offene Betätigung. Wir wissen auch, wie in zahlreichen zionistischen Reden, Publikationen und in den Spalten der ״Jüdischen Rundschau“ oft dargelegt worden ist, um die sich für uns aus dem Zusammenleben mit einem andersartigen Volkstum ergebende Notwendigkeit, die spezifischen Güter dieses Volkstums nicht für uns national zu reklamieren. Die Demarkationslinie, ihrer Natur nach die Angelegenheit eines natürlichen Kräftespieles und niemals der gesetzliehen Normierung, wird mit Erfolg und zur wirklichen Zufriedenheit nur dadurch gezogen werden können, daß die Juden ein selbstverständliches jüdisches Selbstgefühl erworben haben werden. Dies zu bewirken, daran setzt der Zionismus alle seine erzieherischen Kräfte. Er schwimmt dabei vielfach gegen den Strom, denn die Umweit, die eine hemmungslose Verächtlichmachung des Judentums duldet, fördert damit die jüdische ״Tarnung'‘, was sie nicht hindert, dann über ״Grenzüberschreitung“ zu klagen. Wenn es dem Delegiertentag gelingt, zu diesem Gegenstand, dem vor allem Blumenfelds Hauptreferat gewidmet ist, ein weithin hörbares, zum Denken zwingendes Wort zu sprechen, ,dann wird er eine gewaltige Aufgäbe ein Stück weiterbringen. II. Diese Betrachtung über die den Zionismus bedrängenden Tcgesprobleme wäre unvollständig, würden wir nicht noch ein anderes Thema streifen. Der Zionismus ist eine nationale Bewegung, er geht aus von dem Bekenntnis zum jüdischen Volk. Nationalismv.s aber ist auch das Schlagwort, das uns aus unserer Umgebung entgegentönt und in dessen Namen Erscheinungen auftreten, die wir ablehnen müssen. Es ist begreiflich, daß viele Zionisten irritiert sind und sich über das Wesen des Nationalismus Gedanken machen. Dieses Thema ist in der zionistischen Diskussion, besonders des letzten Jahres, oft behandelt worden und es sind viel Mißverständnisse dadurch entstanden, daß Acußerungen der Diskussion auf einem Gebiet, auf dem wir alle noch Suchende sind, nämlich der Stellungnahme zu einer geistig und ideologisch sich fortgesetzt wandelnden Umwelt, als apodiktische Feststellungen hingenommen wurden, wobei vielfach keine klare Scheidung zwischen ideologischen Ueberlegungen und politischen Handlungen gemacht wurde. So ist bekannt, daß die Broschüre von Krojanker neben vieler Zustimmung auch manche Anfechtung erfahren hat, und ebenso erging es der ״Jüdischen Rundschau“ bei ihren gelegentlichen Hinweisen auf ideologische Analogien zwischen unserer nationalen Bewegung und dem Weltbild, das bei vielen jungen Deutschen heute als ihre nationale Erneuerungsbewegung im Entstehen ist. Von mancher— freilich• vereinzelter — Seite wurde dabei eingewandt, daß durch derartige Bemerkungen unser Gegensatz zu der politisch stärksten Repräsentanz des deutschen Nationalismus, der nationalsozialistischen Partei, abgeschwächt erscheinen könnte. Obwohl wir es für überflüssig halten, muß daher ausgesprochen werden, daß wir uns nicht nur als Juden in einem bitteren und ernsten Abwehrkampf gegenüber dem Nationalsozialismus befinden, sondem daß gerade wir auch der Meinung sind, daß unser jüdischer Nationalismus grundverschieden ist von dem Nationalismus, der sich politisch im Nationalsozialismus repräsentiert. Die ״Jüdische Rundschau“ hat sich stets zu einem Nationalismus der Humanität bekannt und ist nationalistiscben und chauvinistischen Erscheinungen auch im jüdischen Lager entgegengetreten, selbst wenn dies unopportun war, weil uns die geistigen Werte des National«- mus höher stehen als taktische Tagespolitik. Ein Nationalismus der Intoleranz und Gewalttätigkeit gegen andere ist nicht der unsere. Nationale Gesinnung bedeutet für uns vor allem Blick nach innen, dauernde Selbstkritik um der Idee willen, moralische Verantwortung nicht nur vor der Nation, sondern für die Nation vor einem höheren Richterstuhl. Nationalismus ist sinnlos, wenn er nicht erfüllt ist von der Idee der menschlichen Erneuerung. Schon aus diesen Gründen besteht keine Gemeinschaft zwischen unserem Nationalismus und den deutschen nationalistisehen politischen Bewegungen, die durch den Haß gegen die Juden stigmatisiert sind. Aber diese Abgrenzung darf uns unseres Erachtens doch auch wieder nicht dazu verführen, nun alles zu verkennen, was an geistiger Gärung und an nationaler Selbstentdeckung in ernsten, Achtung beanspruchenden Gruppen des großen deutschen Volkes, insbesondere seiner Jugend, vorgeht. Wir haben die Pflicht, uns mit diesen Dingen auseinanderzusetzen und unsere zionistischen Maßstäbe, nicht aber die der Assimilation, daran anzulegen. Die Aueinandersetzung mit dem empirischen Nationalismus ebenso wie mit dem empirisehen Sozialismus als den beiden größten Mächten unserer Tage wird im Zionismus nicht verstummen können. III. Es war ein weiter Weg von Jena bis Frankfurt. Wenn in den vorstehenden Bemerkungen hauptsächlich die deutsch-jüdische Frage beleuchtet wurde, so bedeutet das keineswegs, daß für uns als Zionisten andere Fragen von geringerer Wichtigkeit seien. Der Frankfurter Delegiertentag wird nicht nur der deutsch-jüdischen Frage gewidmet sein. Im Mittelpunkt aller zionistischen Tätigkeit und Gedanken, im Mittelpunkt jeder Tagung steht Palästina. Ohne das Jüdische Nationalheim wird keine jüdische Frage auf dem ganzen Erdenrund, auch nicht die Frage des Zusammenlebens mit anderen Völkern im Galuth gelöst werden können. Wir können jetzt an dieser Stelle nicht mehr in die Diskussion der uns bewegenden Palästina-Fragen eintreten. .Es ist vorgesehen, daß auf dem Delegiertentag vor allen» praktischer agen des Palästinaaufbaus behandelt werden. Wir werden auch Referate von Brodetsky und Ussischkin hören, die der Politik gewidmet sind. Wir dürfen nicht vergessen: Die Probleme von Jena sind vielleicht im Augenblick aus der Diskussion etwas zurückgedrängt, aber nicht aus der Welt. Sie bestehen weiter, und die grundsätzlichen Ein- Stellungen, die in Jena kulminierend sich manifestierten, sind auch heute noch unvermindert aktuell. Der letzte Zionistenkongreß hat sie aufleuchten lassen, und im palästinensiseben Leben können sie jeden Augenblick aufbrechen. Auch in der Beschäftigung mit andersgearteten Sorgen des Tages darf der deutsche Zionismus dies nicht vergessen. Es ist allgemein bekannt, daß die Einstellung der auf dem Boden der Jenaer Beschlüsse stehenden, die Leitung der Z.V.f.D. bildenden Koalition sich in diesen Fragen nicht geändert hat. Der Frankfurter Delegiertentag wird eine etwas andere Zusammensetzung haben als wir es gewöhnt waren. Die Revisionisten sind aus dem Landesverband ausgeschieden. Die linken Parteien, Poale Zion und Hitachduth, haben sich vereinigt, wodurch auch die Poale Zion, die früher außerhalb des Landesverbandes standen, ihren Anteil am Delegiertentag erhalten. Der deutsche Misrachi hat seine Beziehungen zum Weltmisrachi abgebrochen, er hat eine Sonderstellung in der Weltorganisation. Es ist der Ruhm des deutschen Zionismus und die einzigartige Leistung der Z. V. f. D., daß hier in Deutschland alle zionistischen Gruppen (nunmehr freilich leider mit Ausnahme der Revisionisten) in einem zionistischen Verband vereinigt sind, und zwar nicht nur in einem formalen und blutleeren Dachverband, sondern in einer Vereinigung, die auf inniger, die Sonderart aller Gruppen respektierender und doch das Gemeinsame in den Vordergrund schiebender Kooperation beruht. Wir glauben, daß auch in Frankfurt der deutsche Zionismus seine Stärke wieder erweisen wird. Abschied der Presse von Hans Goslar. Ministerialrat Hans Goslar, der vor 13 Jahren die Pressestelle des Preußisehen Staatsministeriums begründet und seit dieser Zeit geleitet hatte, wird von seinem Urlaub nicht mehr in sein Amt zurückkehren. Ministerialrat Goslar nahm am Mittwoch Gelegenheit, sich von den Vertretern der Berliner und auswärtigen Presse in Berlin zu verabschieden. Er betonte, daß sein zukünftiger Weg abseits der Politik verlaufen würde, aber er werde sich immer an die schöne Zeit erinnern, da er mit der Presse Zusammenarbeiten durfte. Sein Bestreben sei es gewesen, alle bürokratischen Hemmungen zwischen Preußischer Staatsregierung und Presse auszuschalten. Wenn auch der Posten des Preußischen Pressechefs notwendigerweise ein Kampfposten gewesen sei, in dessen Wahrnehmung sich mancherlei Konflikte ergeben hatten, so möge man bedenken, daß er sein Amt geführt habe aus der ehrlichsten und besten Ueberzeugung heraus, dem deutschen Vaterlande zu dienen. Ein Vertreter der Presse dankte Ministerialrat Goslar für seine Tätigkeit. Zeitschriften - Schau Die ״New Orient Society of America“ gibt in ihrer Schriftenreihe ״The Open Court“ ein 80 Seiten starkes Sonderheft über ״S y r i e n- P a 11 s t i n a“ heraus, das drei große, reich illustrierte Aufsätze enthält. Im ersten und umfangreichsten schildert A. T. Olmstead, Professor am Orientalischen Institut der Universität Chicago, mit ebenso großer Liebe wie Gelehrsamkeit ״Das Land und seine Vergangenheit“. Auf den Inhalt des Aufsatzes, seine Thesen und Hypothesen, einzugehen, verbietet der Raum, doch sei festgestellt, daß die Einstellung des Verfassers, seine Begeisterung Tür die Größe und Schönheit der Bibel, seine kluge, unbefangene Erörterung der Rassenfragen in der Geschichte Palästinas, durchaus wohltuend berühren. (Das neue Buch Olmsteads über Palästina wurde in Nr. 33/34 der ״Jüd. Rundschau“ besprochen.) Zum Schluß spricht Olmstead die Hoffnung aus, daß man in Palästina künftig eine neue religiöse ״Einheit des Herzens, wenn auch nicht des Dogmas“ finden und so einen neuen Beitrag zur Religion der Welt leisten möge. Der zweite Aufsatz stammt aus der Feder des amerikanischen Syrers Salloum A. Mokarkzet und behandelt ״Soziale und wirtschaftliche Entwicklungen im modernen Syrien“. Heute vollziehe sich ein mächtiger, tiefgreifender Umschwung in der Geisteshaltung des Syrers, der sich früher zwar intensiv um Politik, aber nicht um wirtschaftliche Dinge gekümmert habe, jetzt dagegen, und zwar teilweise gerade unter Führung der Geistlichkeit, sich mit seiner angeborenen Anpassungsfähigkeit bemühe, die Errungenschaften der modernen Wirtschaft und Technik zu übernehmen. Auch entwickle sich an Stelle des früheren Individualismus ein ganz neuer Geist der Zusammenarbeit, der viel zum wirtschaftlichen Auf- Schwung beitrage. Es gebe schon große moderne Unternehmungen, wie die Hydro-elektrische Gesellschaft Kadischa im Nordlibanon, die ganz auf der Initiative, den Arbeitskräften und dem Kapital der Einheimischen aufgebaut seien. Die Industrialisierung des Landes schreite fast auf allen Gebieten vorwärts. Im Bildungswesen sei Syrien schon immer das' fortgeschrittenste Land des Vorderen Orients gewesen; besonders das Libanon-Gebiet sei für den hohen Bildungsgrad seiner Bewohner bekannt gewesen. Doch sei bisher die meist von fremden Schulen vermittelte Bildung nicht den wirklichen Bedürfnissen des Landes angepaßt gewesen, und es habe eine ausgesprochene Ueberproduktion an Intellektuellen stattgefunden. Das Libanongebiet habe nur 800000 Einwohner, aber über 100 Zeitungen und Zeitschriften gehabt! Jetzt suche man statt unbrauchbarer literarischer Bildung praktisch anwendbares Wissen zu geben, wobei erstaunliche Fortschritte erzielt würden, und zwar, trotz aller religiösen Hemmungen, auch in der Mädchen- und Frauenbildung. Der dritte, sehr umfangreiche Aufsatz stammt von Professor Jacob Räder Marcus und behandelt ״Das jüdische Palästin a“. Seinen besonderen Wert sehen wir darin, daß hier einmal weniger von Fabriken und Laboratorien, Steuereingängen und Handelsbilanzen und politischen Problemen die Rede ist, als vielmehr von all den verschiedenen geistigen Triebkräften, Strömungen und Leistungen, die ungemein klar und bei aller Wärme nicht unkritisch geschildert werden. Aus dem reichen Inhalt des Aufsatzes können nur einige Gedanken hervorgehoben werden. Marcus wendet sich gegen die Ueberwertung der Landarbeit, die fast etwas Ungesundes habe und wohl zum größten Teil auf den Einfluß Tolstois, Dostojewskjs und der russischen Narodniki auf die ostjüdischen Palästinenser, besonders A. D. Gordon, zurückzuführen sei. — Bei der Beschreibung der kulturellen Leistungen des Jischuw hebt Marcus hervor, daß eine jüdische Architektur eigentlich noch nicht entstanden sei; keine monumentale; Synagoge oder dergleichen zeuge von neuem Form willen. Aber das sei in erster Reihe auf die Armut des Landes und die elementaren vordringlichen Bedürfnisse zurückzuführen. Wohl aber stehe die Musik, das Theater und auch das Kunsthandwerk auf hoher Stufe, Im ganzen liege aber der Nachdruck überhaupt nicht so sehr auf der Kunst als auf der Gestaltung des Gemeinschafts- 1 e b e n s, die man im Galuth niemals in eigener schöpferischer Weise habe vornehmen können. Tatsächlich befruchte aber die Existenz des jüdischen Palästina auf das stärkste die jüdische Kunst im Galuth und erfülle Dichter wie Andrt Spire in Frankreich, Arnold und Stefan Zweig bei uns, Ludwig Lewisohn in Amerika mit neuer Kraft und Selbstvertrauen, ln Palästina selbst sei noch nicht viel große Literatur entstanden, doch würden viele wertvolle ausländische Neuerscheinungen ins Hebräische übersetzt. — Zur politischen Lage bemerkt Marcus, daß die Engländer hier ihre alte, schon seit den Tudors übliche Politik der ״balance of power“ treiben, und zwar ״zur vollkommenen Unzufriedenheit beider Gruppen“, der Araber wie der Juden. Im ganzen sei Palästina heute in jeder Hinsicht ein Land der Widersprüche und Gegensätze, die eine schöpferische Entwicklung lösen müssen, wirtschaftlich, politisch, kulturell sei Palästina heute ein ״Land im Werden“. A. P. ״Vogel-Strauß-Politik“ Daß Deutschland zur Zeit im Mittelpunkt des Weltinteresses steht, ist sicher nicht zu viel gesagt. Fast jede ausländische. Zeitschrift bringt ausführliche Beiträge über die hiesigen Machtkämpfe. Dabei spielt die Judenfrage keine große Rolle, sondern der Antisemitismus der Nazis wird meistens nur kurz gestreift, wobei in der Regel weniger die feige und barbarische Bedrohung einer halben Million Menschen als vielmehr die Absurdität der Begründungen hervorgeh oben wird. Wenn die Nazis im Ausland eine so schlechte Presse haben, so liegt es viel weniger an der Judenhetze, als an ihrer allgemeinen ״Zügellosigkeit“ und Neigung zu Gewalttätigkeiten. Unter diesen Umständen ist es interessant, daß jetzt häufig versucht wird, die gleichen Methoden der dreisten Ableugnung dem Ausland gegenüber anzuwenden, die bei den verhetzten deutschen Massen oft leider Erfolg haben. ״The New Statesman and Nation“, das Organ des englischen Liberalismus, veröffentlicht z. B. zwei Briefe von Deutschen, in denen erklärt wird, die Zeitschrift beurteile die deutsche Lage ganz falsch; alle Gewalttätigkeiten wie Mord, Plünderung und Brandstiftungen seien bisher ״ausschließlich von Mitgliedem der kommunistischen Partei und in keinem Fall von den Nazis“ begangen worden. Die Redaktion druckt diese Zu- Schriften vollinhaltlich ab und hebt gewisse Sätze im Druck hervor, weil sie ״für die Vogel-Strauß-Politik der Nazis und derer, die ihre Exzesse verteidigen, typisch“ seien. In der Tat ist das ganz die richtige Be- Zeichnung für die Haltung des weitaus größten Teils der deutsehen Rechten! Wann'werden insbesondere die Intellektuellen mit dieser Unehrlichkeit Schluß machen und öffentlich verdämmen, was sie nicht billigen und nicht leugnen können? ״Die Juden sind schuld". Dem ״Prager Tagblatt“ entnehmen wir nachstehende Anekdote: Meine Tochter aus Wien ist mit ihrem 7jährigen Buben bei mir auf Besuch. Als sie eines Tages mit dem Dienstmädchen tschechisch sprach, hörte er zu und sagte; ״Daß ich das nicht verstehe, was du, Mutti, mit dem Mädchen sprichst, daran sind die Juden schuld'. Wenn die Juden nicht den Turm in Babel gebaut hätten, gäb’s nur eine Sprache.“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.