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Jüdische Rundschau · 1932-09-09 · Heft 72 (9.9.1932) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 72 (9.9.1932)
Date
1932-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer 0,25 Goldmark Ottawa, und der Orangcnzoll JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u.Freiug. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark.. Auslancisabonnemcnts werden in d«r Währung der einzelnen Linder berechnet Anzeigenpreis: 8 *•*p. NonpereiUezeil• 0.50 O-M. Stellengesuche 0.25 G..M. Nummer 72 | Berlin, 9. IX. 1932 Radaktion, Verlag und Anxeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., BerlinW15, MeinekestrJO. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Anzeigenschluß: Dienstag «nd Freitag fi• ebta<t« 1f• 4Ubr RedakdonsschluK Sonntag und Mittwoch nachmittag. F o 111 e h e c k - Konten: Berlin 17392, Basel V 9355, Belgrad 66032, Brunei 39433, Budapest 59693, DanHg 1973, Haag 140470. Frag 59410, Riga 4155, Strasaburg 16430. Warschau 190708, Wien 156030. Bank-Konten: Darmstidter- und Nationalbank, Depositen - Kasse Berlin, KurlüfetemUmm 52; Ruminiach« Kreditbank, Cemauti (Rumänien); Angl® Palestin® Co. in Hsila. Jerusalem, Tel -Aviv. xxxm JahrgT | ח, אלול תרצ״ב Der Zionismus erstrebt für Das jOdlsche Volk dl• Sckaftung oinor efffontllcli - rochtllcli goslckorton Holmstltto In Pallstlna. ״Baseler Programm.** Unser Delegiertentag Die Judenfrage neu gestellt — Das deutsch - jüdische Problem und die . Assimilation — Zweierlei Nationalismus — Von Jena bis Frankfurt I. Die letzten Delegiertentage der Z. V. f. D. waren ausgefüllt mit Kämpfen um die Fragen unserer zionistischen Politik, unserer grundsätzlichen Haltung in Palästina und unserer praktischen Kolonisationsarbeit. Der Frankfurter Delegiertentag wird, wenn die Anzeichen nicht trügen, einen etwas anderen Charakter tragen. Denn in den nicht ganz drei Jahren, die uns vom letzten Delegiertentag trennen, hat sich das Gesicht der Welt verändert. Hatte man viele Jahre nach dem Kriege gemeint, daß die Weltkata- Strophe im Grunde spurlos an uns vorübergegangen ist und die Entwicklung den Faden, der 1914 abriß, wieder aufnimmt, so ist in den letzten wenigen Jahren mit unbarmherziger Deutlichkeit klar geworden, daß die Struktur der Welt aus den Fugen geraten ist. Vielleicht noch niemals in der Geschichte vollzog sich eine derartige Erschütterung, die geographisch nicht begrenzt ist, sondern alle Räume der bewohnten Erde umfaßt. Vom Fernen Osten bis nach Südamerika sind alle Länder von politisehen und wirtschaftlichen Krisen und Fieberzuständen geschüttelt und wir sehen noch nicht, wie diese Erregung zur Ruhe kommen soll und welche neuen Formen des Völker- und Menschenlebens sich herausbilden werden. Die alten Grundlagen sind zusammengebrochen und das neue Fundament ist noch nicht vorhanden. Wir erleben das Ringen um eine Weltanschauung, um einen Glauben, der ^er MlPfAtlsii wie<Jer eifÄ Htligsben k§p11te4jtym steil ääfifcütlit konnie. Ti'' einer solchen Zeit ist auch das Judenproblem in seiner ganzen Schärfe wieder aufgebrochen. Nur in beruhigten und stabilen Zeiten konnte man wähnen, daß auch die Einordnung der Juden in das Leben der Völker stabil ist und — mit mehr oder weniger Reibungen — zu einem erträglichen Dauerzustand führen wird. Wir Zionisten haben das nie geglaubt, weil wir die wahren Wurzeln des Judenproblems sahen und weil wir fühlten, daß hier noch etwas zu bereinigen war, daß die Voraus- Setzungen für ein ehrliches Zusammenleben von Juden und Nichtjuden noch nicht geschaffen waren. Noch war das Mißtrauen zu deutlich fühlbar, noch schien die nichtjüdische Welt das zwiespältige Phänomen des Judentums nicht begriffen zu haben, und wir wußten, daß ein solcher ungelöster Rest, dessen Behandlung man auszuweichen suchte, pathologische Erscheinungen hervorrufen muß. Das deutlichste Symptom dieser vorhandenen organischen Störung war der Antisemitismus, den schon vor nun genau fünfzig Jahren der Arzt Dr. Leo Pinsker in seiner berühmten, heute zu wenig bekannten Schrift ״Auto- Emanzipation“ als soziale Krankheit, die er Judophobie nannte, diagnostizierte. Diese Schrift, die jetzt ein halbes Jahrhundert alt ist und aus der Juden und Nichtjuden י unserer Zeit noch sehr viel lernen können, zeigt uns, daß die Judenfrage im Grunde die gleiche geblieben ist und daß es sich rächt, wenn man in leichtsinnigem Optimismus auf die Worte des Arztes nicht hört. Heute ist es unmöglieh geworden, an dem Judenproblem gleichmütig oder interesselos vorüberzugehen. So kommt es, daß auch eine zionistische Tagung sich wieder mit den Problemen und Tatsachen beschäftigen muß, die gewissermaßen an der Wiege des Zionismus standen. Unsere grundsätzliche Erkenntnis, daß die Judenfrage vorhanden ist und einer Lösung bedarf, daß diese Lösung nur durch aktives Eingreifen derjuden selbst herbeigeführt werden kann, daß die passive Haitung des Geschehenlassens und der gelegentlichen Apologetik, die für die ersten Generationen der Emanzipation charakteristisch war, die Lage nur verschlimmert, — diese Erkenntnisse sind durch die Erfahrung bestätigt worden. Aber durch die tiefgreifenden Veränderungen der Umwelt ist die Judenfrage in einem Grade intensiviert worden, den auch wir nicht voraussehen konnten. Es ist ganz falsch, wenn uns von manchen Juden aus dem mchtzionistisehen Lager vorgehalten wird, wir trieben ״Katastrophenpolitik“ und wir empfänden ״Befriedigung“ darüber, daß die gegenwärtige Entwicklung unserer These von der Unrichtigkeit der assimilatorischen Vogel - Strauß - Politik recht gibt. Wir sind über das, was um uns vorgeht, genau so bestürzt und entrüstet wie alle Juden, wir leiden an den dem Judentum zugefügten Beleidigungen und Verunglimpfungen genau so, aber wir sind vielleicht nicht ebenso überrascht und haltlos» weil wir immer sorgenvoll emnlun- Tagesordnung Sonntag, den 11. September 1932: Eröffnungssitzung: 9—13 Uhr. Eröffnungsansprache des Vorsitzenden der Z.V.f.D. Begrüßungen. Menachem Ussischkin (Jerusalem): Ansprache. Referate: Dr. Nachum Goldmann: ״Das jüdische Volk in der Weltkrise“. — Kurt Blumenfeld: ״Die zionistische Aufgabe im heutigen Deutschland“. Zweite Sitzung: 15—19 Uhr. Generaldebatte. Wahl der Kommissionen. Dritte Sitzung: 21 Uhr. Referate: Prof. Dr. S. Brodetsky (London), Mitglied der Exekutive: Politischer Bericht. — Dr. Arthur Ru pp in (Jerusalem): ״Neue Entwicklungsphasen des Palästinaaufbaus“. — Heinrich Margulies (Tel-Awiw): ״Die Privatwirtschaft in Palästina und ihre Aussichten“. Montag, den 12. September 1932: Vierte Sitzung: 10—13 Uhr. Fortsetzung und Abschluß der Generaldebatte. Palästina-Debatte. fünfte Sitzung: 15—20 Uhr. und. Ab־ lerlKÄniissionen. Wahlen. Infolge des Delegiertentages in Frankfurt fällt die nächste Dienstag-Nummer der ״jüdischen Rundschau“ aus. Die Doppelnummer vom Freitag, dem 16. September, wird dann u. a. den Bericht Uber die Verhandlungen des Frankfurter Delegiertentages enthalten. den haben, daß aus der abnormalen Situation, die der Zionismus erkannte, sich schwere Verwicklungen ergeben können, wenn nicht die Juden selbst rechtzeitig handeln. Als Herzl seinen Appell an das Judentum richtete, hat die Mehrheit der Juden die Gefolgschaft verweigert, weil sie eine politische Maxime hatten, die man in Anlehnung an ein Wort des jetzt sehr populären Staatsrechtslehrers Carl Schmitt (dessen bei Duncker und Humblot, München, erschienene Werke, besonders ״Politische Romantik“, ״Der Begriff des Politischen“ und zuletzt ״Legalität und Legitimität“ auch für uns recht aufschlußreich sind) mit der Formel ״Status quo, was sonst“ bezeichnen könnte. Es ist die Haltung derjenigen Menschen, die anerzogene Grundansichten trotz aller gegenteiligen Erfahrungen nicht aufgeben wollen und die Veränderungen, die sich in der Umwelt und bei ihnen selbst vollziehen, nicht sehen wollen. Der Zionismus versuchte die Juden rechtzeitig für die Einsicht zu gewinnen, daß der ״Status quo“ unhaltbar war. Wenn wir nicht selbst handeln, so wird über unsere Köpfe weg gehandelt werden, ln diesem Zusammenhänge darf vielleicht ein charakteristisches und für das deutsche Judentum tief beschämendes Wort zitiert werden, das im letzten Heft der ״Deutschen Rundschau“ (September-Heft) steht. Der ungenannte Verfasser (wahrscheinlich der Herausgeber Dr. Pechei?) bespricht dort eine Schrift über die Judenfrage und fügt dann hinzu: ״Wir haben keinen Zweifel daran gelassen, daß wir von allen diesen theoretischen Erörterungen nichts mehr erwarten. Wir unterstreichen noch einmal, daß wir die Gefahren, die sich in Bälde ergeben können, für sehr ernst halten, und deswegen ist eine vernünftige Inangriffnahme des ganzen Komplexes ohne Tinte durch klare Köpfe das Gebot der Stunde. Wir befürchten allerdings, daß eine Unterhaltung unter Hinzu- Ziehung der Vertreter des Judentums keinen Zweck mehr hat. (Von uns gesperrt. — Red. ״J. R.“) Das Judentum ist so vielfältig gespalten, daß eine einheitliche Linie nicht erzielt werden kann, und die sogenannte offizielle Vertretung des Judentums ist in einer so hoffnungslosen Verkennung der tatsächlichen Situation und gefährlichem Ressentiment befangen, daß gegenwärtig jede Erörterung vergeudete Zeit ist. Darum ist es Aufgabe der vernünftigen Köpfe der Gegenseite, im Interesse des deutschen Volkes von sich aus die praktischen Lösungsmöglichkeiten ohne jede theoretische Diskussion durchzusprechen, eine einheitliche Meinungs- und Willensbildung zu erzielen und die vielleicht sich ergebende, allerdings ungewöhnlich schwierig zu findende Lösung dann mit allen Mitteln durchzusetzen z« versuchen.“ Was der deutsche Schriftsteller hier androht, das ist es, was der Zionismus verhindern wollte. Die Juden sollen wieder Träger und Gestalter ihres eigenen Schicksals sein, nicht aber die Objekte von Verhandlungen und Maßnahmen anderer, die entweder die Juden gar nicht als gleichwertigen Verhandlungspartner anerkennen oder aber an der Möglichkeit einer Zusammenarbeit wegen der Schwäche und Richtungslosigkeit des Judentums verzweifeln. Die Judenfrage ist heute wieder in ihrem ganzen Umfange akut. Wir stehen sozusagen in der gedanklichen Ausgangssituation des Zionismus mitten drin. Ein zionistischer Delegiertentag muß diesem Sachverhalt Rechnung tragen. Der Zionismus fühlt sich für die jüdische Zukunft verantwortlich, er sieht das Judentum von schweren Gefahren bedroht, und er stellt sich die Frage: Werden die Juden reif und charakterstark genug sein, um jetzt wenigstens der Wahrheit ins Gesicht zu schauen, liebgewordene Illusionen fahren zu lassen und alles an die Reparation einer verfahrenen geschichtlichen Situation zu setzen? Wir haben es heute viel schwerer. Wir leben in Deutschland in einer Atmosphäre des Hasses und Vernichtungswiilens. Wir haben als deutsche Juden um unsere Positionen zu kämpfen und die deutschen Zionisten haben nie einen Zweifel daran gelascen, daß sie zu diesem Kampf -ggtaddgsfleit'Stad. Wem es* se׳ weit gekannte» -isVd&B eine Partei, die viele Millionen Anhänger zählt, die Entrechtung der Juden und ihre Deklassierung als Staatsbürger in ihr offizielles Programm aufgenommen hat, dann befinden sich die deutschen Juden in einem Zustand der Notwehr. Die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ist ein Fundament des Rechtsstaates und eine Verletzung dieses Zustandes wäre ein Rückfall in barbarische Verhältnisse, ein Mißbrauch der Gewalt, dessen Folgen nicht nur für die Juden verhängnisvoll wären. Wir sind überzeugt, daß die Mehrheit des deutschen Volkes solche Gedanken auch heute ablehnt. Aber wie verworren sind im übrigen die Vorstellungen von dem Zusammenleben von Juden und Nichtjuden weit über das nationalsozialistische Lager hinaus! Die Idee des Nationalstaates wird vielfach dahin mißdeutet, daß von den Staatsangehörigen hundertprozentige Uniformität gefordert wird. Ist dies in Deutschland ohnedies aus vielen Gründen im Widerspruch mit der Realität, so kompliziert sich dieser Tatbestand weiter, wenn man überlegt, daß deutsche Minderheiten mit dem Anspruch auf Erhaltung ihres deutschen Wesens und zugleich auf ungeschmälertes Staatsbürgertum in vielen europäischen Staaten leben, und daß in maßgebenden Kreisen heute wieder die Idee des ״Reiches“ im Gegensatz zu der Enge des Nationalstaates propagiert wird. Manche deutschvölkische Fanatiker finden aus diesem Dilemma einen Ausweg, indem sie das Axiom der Superiorität der deutschen Rasse aufstellen, so daß z. B. Wilhelm Stapel schreiben kann, daß, wenn etwa in Polen nur zwei Deutsche lebten, diese zwei Deutschen mehr wären als die Millionen Polen im polnischen Raum. Wir nehmen an, daß von einer solchen Hybris, deren Konsequenzen für das deutsche Volk unabsehbar sein könnten, auch heute noch, trotz des nationalistischen Fiebers, die Mehrheit der Deutschen frei sind, aber in der Judenfrage können sich auch die besonneneren Eiemente von dem Grundsatz ״Zweierlei Maß“ augenscheinlieh nicht befreien. Man ist in der Frage der Einordnung des vorhandenen Elementes der Juden, dessen Andersartigkeit man ja selbst fortwährend betont, überaus inkonsequent. Als ein Beispiel für viele sei hier wieder ein Wort aus dem oben erwähnten Artikel im September-Heft der ״Deutschen Rundschau“ zitiert. Es wird darin ein Buch von Karl Lieblich besprochen, das den etwas sensationellen Titel trägt ״Was geschieht mit den Juden? Oeffentliche Frage an Adolf Hitler“. Lieblich ist der Gründer des aus 30 Mitgliedern bestehenden ״Bundes für neues Judentum“, über den Krojanker in der ״Jüdischen Rundschau“ vom 30. 12. 1931 berichtet hat. Sein Buch enthält neben manchen der zionistischen Ideologie entlehnten riehtigen Gedanken viel Krauses, und als praktisches Ergebnis macht Lieblich, der ehrlicherweise nur als Privatmann im eigenen Namen zu sprechen erklärt, den Vorschlag der Konstituierung der Juden in Deutschland als nationale 1 Minderheit, ein Gedanke, der bekanntlich aus zahlreichen,

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