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Jüdische Rundschau · 1932-09-06 · Heft 71 (6.9.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 71 (6.9.1932)
Date
1932-09-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 342 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 71, 6. IX. 1932 Streichung des weitumfassenden Rahmens der revisionistischen Idee sagt Jabotinsky wörtlich: ״Wir haben auf alle Fragen des jüdischen Lebens eine Antwort gegeben bis auf die praktische Kolonisafionstätigkeit in Palästina. Was da zu tun ist, weiß ich nicht, ich bin kein Fachmann, vielleicht muß man mit Versicherungen arbeiten, vielleicht anders, jedenfalls werden wir uns auch mit dieser Frage beschäftigen müssen.“ Jabotinsky bekennt sich zu der von Oroßmann bekämpften ״Katastrophenhotfnung“, fordert aber in diesem Zusammenhange eine viel stärkere Hervorkehrung des Legionsged a n k e n s. Er erklärt, der die Legion betreffende Programmpunkt der Union sei ein integrierender Bestandteil des Revisio- Jiismus, die technischen Vorbereit ungs arbeiten müssen rechtzeitig getroffen werden, denn man könne nicht wissen, ob nicht wieder eine Weltkomplikation eintreten wird. ״Ich, rief Jabotinsky, wünsche nicht eine Weltkatastraphe, auch wenn unsere Erlösung dadurch verzögert werden sollte! Ich bin auch ein Gegner jedes egoistischen und aggressiven Nationalismus oder Militarismus. Aber die Wolken am Horizont sehen so aus, als ob ein Sturm zu erwarten sei. Wir müssen uns auf ihn vorbereiten und ein Kapital in den Händen haben — die Legion —, um es im gegebenen Moment an bieten zu können. Das ist unsere Hauptaufgabe für die kommende Zeit; man mag über Militarismus denken, wie man will. Ich weiß nicht, ob der liebe Gott uns Chancen geben wird, aber gibt er sie uns und haben wir dann nicht einmal den Legionsgeist, dann haben wir alles endgültig verspielt.“ Im Praktischen fordert er die Annahme der Be- Schlüsse von Calais und einer Resolution, die von jedem Revisionisten fordert, im Falle eines Konfliktes zwischen zionistischer und revisionistischer Disziplin, letzterer den Vorrang einzuräumen. In Palästina müsse man zu praktischem Widerstand gegen die englische Administration übergehen, die Beamten schikanieren, wo es nur gehe, stets protestieren, auch wenn kein Grund vorliege, kurz den englischen Beamten das Leben mieß machen. Keine der außerordentlichen Aktionen dürfe aber unter dem Namen der revisionistischen Partei oder des Brith Trumpeldor vor sich gehen; diese müßten weiter auf ihrem legalem Wege bleiben, und man dürfe niemanden die Handhabe bieten, sie aufzulösen. Darin bestände ja ihre Stärke. Als er nach den Unruhen vor der englischen Kommission aussagte, waren diese Herren nicht imstande, ihm irgend eine Teilnahme des Brith Trumpeldor nachzuweisen. — Weiter fordert er das Verbleiben des Achi-Meir-Flügels in der revisionistischen Union — ״anders spiele ich nicht mit“. Mit großem und leidenschaftlichem Pathos spricht er gegen die ״Verräter“ in der Zionistischen Organisation. Er werde erst wieder den Schekel anerkennen, bis die drei schmutzigen Flecke von ihm verschwunden sind: die Nicht-Judenstaatsformel, die erweiterte Jevvish Agency und die Arbeiterpartei. Unter dem Eindrücke dieses banalen Hasses erntet er den jubelnden Beifall von links und rechts. Was sich gestern auf das wütendste bekämpfte, die einander gegenseitig auszuschließen drohten, stehen wieder in einer Front! Ihre Basis ist recht schmal, die Gegensätze müssen wieder hervorbrechen, ein arbeitsfähiger Körper sieht anders aus. Diese Erkenntnis konnte ein jeder gewinnen, der den tagelangen Verhandlungen der Generaldebatte, einem Spiegelbild der revisionistischen Bewegung von heute, gefolgt war und nicht nur dem Klange der Rede Jabotinskys, s»ndern auch ihrem Inhalte gelauscht hatte. Die Beschlüsse Die Konferenz ging am Sonntag, dein 4. September, nachts, zu Ende. Es wurde eine fünfgliedrige Exekutive gewählt, die sich aus Jabotinsky, Meer Großmann, Dr. SoskI n, Robert Stricker und Machower zusammensetzt. Sitz der Exekutive wird Genf sein. Jabotinsky und Großmann werden wahrscheinlich ihren ständigen Wohnsitz in Genf nehmen. Es wurde beschlossen, die ״Petiti on“ auf Grund der in der Kommission ausgearbeitefen Richtlinien auf internationalem Boden gegen England durchzuführen. Es wurde eine Kommission zur Ausarbeitung der Richtlinien für eine politische Autonomie der palästinensischen Revisionisten eingesetzt. Die Beschlüsse von Calais wurden hestätigt. Demgemäß steht es Mitgliedern der revisionistischen Union frei, der Zionistischen Organisation anzugehören oder nicht. Es wurde aber beschlossen, daß sämtliche Mitglieder der Union, ob Schekelzahler oder nicht, ausschließlich der Disziplin der revisionistischen Union unterworfen sind. Ein* Antrag der ״Maximalisten“ auf Nichtzusammenarbeit (Non-cooperation) mit der Palästinaregierung wurde abgelehnt. Die Schlußworte hielten Oroßmann und Jaboti 11 s k v. Oroßmann legte ein Bekenntnis zur Zionistischen Organisation ab. Jabotinsky wies in seinem Schlußwort auf die politische Bedeutung der Verlegung der Exekutive nach Gent hin und sagte, dieser Beschluß sei als Protest und als Kampfansage gegen Englands Mandatsbruch zu werten. Diesen Beschlüssen gingen lebhafte Mein ungskämpfe in den Kommissionen voraus. Die organisatorischen Auswirkungen der Beschlüsse von Calais, insbesondere die Frage des Primats der Disziplin für die den Schekel entrichtenden Revisionisten und deren Mandatare in den verschiedenen Instanzen der zionistischen Weltorganisation waren Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen zwischen den beiden Teilen der Union. Jabotinsky bemühte sich, mit Lichtheim, der in Berlin geblieben war, telephonisch zu einem Einverständnis zu gelangen, um die Wiederwahl Lichtheims in die Exekutive, trotz des Widerstandes der Palästina-Gruppe, zu ermöglichen. Ein solches Einverständnis ist nicht erzielt worden, so daß die Wiederwahl Lichtheims auf seinen Wunsch unterblieb. In einem Gespräch mit dem Journalisten J. Kiinoff teilte Licht heim mit, er sei nicht zur Konferenz gekommen, weil er die Konflikte durch seine Anwesenheit nicht verschärfen wollte. Er würde in der Union nur unter den folgenden Bedingungen weiter arbeiten können: 1. Wenn die Beschlüsse von Calais abgeschafft werden; 2. wenn leere politische Demonstrationen vermieden werden; 3. wenn die Anarchie innerhalb der revisionistischen Gruppe Palästinas beseitigt wird. Wüstenkrietf und Oelpolüik Was geht am Akaba vor? (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) Die Meldungen über angeblich bevorstehende Kämpfe zwischen englischen Truppen und dem Wahubiten-König Ihn Saud sind in manchen deutschen Zeitungen unter der irreführenden Ucbcrschrift ״Krieg in Palästina“ veröffentlicht morden. Diese Meldungen stützen sieh in der Hauptsache auf eine Darstellung des Londoner ״Daily Herold“, die davon spricht, daß Ihn Saud neuerlich die Absicht habe, die jetzt zu Trans Jordanien gehörigen Städte Mann und Akaba zu besetzen. Der nachstehende Bericht unseres palästinensischen Korrespondenten zeigt, worum es sich bei diesen Meldungen handelt. Inzwischen hat auch die Palästina-Regierung ein Dementi veröffentlich!, das wir im. Anschluß an den Artikel unseres Korrespondenlen zum Abdruck bringen. Red. gl. Tel-Awiw, Ende August 1932. An den Aufstand im Hedjas, geführt von dem Beduinenscheich Ihn Rafada und in überlegener und offenbar genau geplanter Weise vom Herrscher Hedschas-Nedsch niedergeschlagen, schließt sich ein Epilog, der in mancher Beziehung interessanter erscheint, als jener Wüstenmarsch einiger hundert Kamelreiter. Der Aufmarsch Ihn Rafadas, der aus der Sinai- Halbinsel in hedschasisches Gebiet eindrang, seine Versuche, weitere Stämme dieses weiten Gebietes für sich zu gewinnen, seine Propaganda, die sich auf Dürre und Hungersnot, auf Unterdrückung durch den Herrscher und Träume neuer Um- Wälzungen gründete, erregte eine Welle angespannten Interesses in den weiten Gebieten Arabiens %'0n der Wüste an bis in die zivilisierten Randländer hinein. In Syrien, im Irak, in Transjordanien, in Palästina, war Wochen hindurch dieser Aufstand eines der Wiistensclicidis Gegenstand besorgter Aufmerksamkeit. Sind doch die Grenzen, die das weite arabische Gebiet durchziehen, zum Teil neu, zum Teil eher politischen als ethnischen Ueberlegungen entsprossen, und obwohl nur einzelne Gegenden durch moderne Verkehrsmittel erschlossen sind, so wandern Nachrichten und Stimmungen doch mit erstaunlicher Schnelligkeit über das weite Gelände, viele Familien haben Mitglieder, Anhänger, Freunde auch jenseits der eigentlichen Grenze ihres Vaterlandes; wer früher im Hedschas eine Rolle spielte, sitzt vielleicht heute in Transjordanien oder im Irak und umgekehrt. Zudem ist die Gestalt Ihn Sauds, des Wahabitenfürsten, überall geachtet, wenn auch nicht überall geliebt. Die eigentliche Rebellion ist vorüber; sie trägt alle Züge der aus den letzten zehn Jahren genugsam bekannten Wüstenkämpfe und schließt mit demselben Resultat, mit dem bisher alle Aufstände gegen Ihn Saud geschlossen haben, Unterwerfung oder Vernichtung der Aufrührer. Die hedschasischen Stämme bleiben dem Oberhaupte treu und sein Heerbann ist zuverlässig im Schlage. Es war kein Zufall, daß Philby, der Vertraute und Agent lbn Sauds, auf die teils besorgten, teils triumphierenden Meldungen der Presse über die Aussichten lbn Rafadas mit seinen kühlen und zuversichtlichen Briefen in der ״Times“ antwortete, die die Niederlage der Rebellen voraussagten. Er war eben aus erster Quelle informiert und kannte die Lage lbn Sauds, der sich trotz Hunger und Dürre im Sattel hielt. Das Nachspiel der Rebellion verdient nun besondere Aufmerksamkeit. Gleich von Beginn an hatte die erregte ״öffentliehe Meinung“ die Ursachen des Aufstandes nicht nur in der Sinai-Wüste gesucht, sondern auch in den Büros von J e - rusalem und Amman und im Colonial-Office in London. Man sprach über den Bau der Pipeline und der Eisenbahn Haifa-Bagdad, die durch das von den Aufständischen berührte Gebiet führen sollte, über die auffallende Tatsache, daß die Rebellen aus ägyptischem Gebiet kamen und englischtransjordanische Grenzwachen passieren mußten. Man konzentrierte sich schließlich auf die Bedeutung von Akaba, jenem kleinen Hafen in der Nordecke des Roten Meeres, vor einigen Jahren von den Engländern Transjordanien angegliedert, immer wieder der Mittelpunkt von Verhandlungen zwischen englischen Diplomaten und dem Wahabitenfürsten. Es fiel nicht nur aut, woher die Rebellen kamen und wohin sie gingen; es fiel auch auf, daß zu gleicher Zeit mit großer Schnelligkeit militärische Operationen von den Engländern unternommen wurden, sowohl in Transjordanien wie auch südlich von Beer Schewa und in Akaba selbst. Solange der Aufstand anhielt, konnte man diese Aktivität der Notwendigkeit zuschreiben, die Grenzen des Kulturlandes vor den Wirren der Wüste zu schützen. Aber lbn Rafada ist bereits tot, sein Kopf ist von den Kindern irgend eines Wüstendorfes als Fußball benutzt worden — oh groteskes Zeichen einer Zeit, in der sich die Traditionen mischen! — die Rebellion ist aus. Die militärischen Vorbereitungen aber gehen weiter. Im Süden Palästinas werden Lager eingerichtet, Beduinen für Heeres- und Wachtdienste angeworben, strategisch wichtige Punkte ausgebaut und das Netz der Flieger, Befestigungen, Beduinentrupps, Tanks und Militärlager zieht eine übersichtliche Linie um Akaba, das Pendant im Norden des Schilfmeeres zu Aden im Süden und weiter in einer Linie, die schon nach Petroleum schmeckt. Alle diese Unternehmungen sind durchaus geeignet, die Vermutung zu bestätigen, daß auch der Aufstand von lbn Rafada nach Oel, und zwar nach englischem Oel, geschmeckt habe. Möge nun der Aufstand von England verursacht, gefördert oder geduldet sein — das letztere scheint nahezu gewiß —, so ist es andererseits sehr klar, daß es vom ersten Moment an die Situation benutzt und während und nach dem Aufstande mit Nachdruck eine Sicherung der Grenzen und wichtiger Oellinien betrieb, auch zugleich eine Befestigung der Gegend um Akaba um gute Schritte vorwärts brachte. Der High Commissioncr von Palästina Sir Arthur Wauchope ist selbst nach Akaba geflogen und hat die dortigen militärischen Anlagen inspiziert. Diese Ereignisse und die Förderung der praktischen Arbeiten, die mit der Pipeline Zusammenhängen, zeigen schon jetzt deutlich, wie außerordentlich stark dieses Wirtschaftsunternehmen in die gesamte Entwicklung der berührten Staaten eingreifen wird. Der Oelkonzern, der sich in Sonderverträgen seine Rechte sichert, für eine möglichst reibungslose Arbeit in seinen Bauten und Werken sorgt, geht vielfach mit den Interessen des Imperiums, das seine strategischen Positionen ausbaut, parallel, so daß sie sich oft g e g e n s e i t i g stärken. Damit kommt ein stark ״moderner“ Zug in das Gemälde dieses Wüstenaufstandes, der sich sonst von den alten Raub- und Kriegsfahrten der Stämme nur durch die modernen Gewehre unterscheidet, die die Reiter auf ihren Kamelen mit sich tragen. * In einem von der Palästina-Regierung soeben herausgegebenen Communiqtiö wird den von manchen Zeitungen gebrachten Nachrichten Uber englische MilitMroperationen in und um Akaba entschieden entgegengetreten und erklärt, das transjordanische Grenzkorps und die britischen Luftstreitkräfte hätten bloß vorübergehend in Akaba Stationen errichtet, um eine Unterstützung der Gegner lbn Sauds durch Transjordanier nicht zuzulassen und so die vollständige Neutraiität Transjordaniens in den mittelasiatischen Kämpfen zu sichern. Presseschau ״Jewish Chronicle“ bringt in seiner Nummer vom 26. August einen Aufsatz ״Die Klagemauer am Jom Kippur 19®“ aus der Feder des früheren Polizeiinspektors Douglas V. Duff. Mr.Duff hatte an jenem denkwürdigen Jom Kippur die Scheidewand von der Klagemauer entfernt, welch unglückseliger Vorgang den Auftakt zu den blutigen Unruhen des August 1929 bildete. Mr. Duff bringt jetzt eine sehr ausführliche Darstellung jener Ereignisse, und es ist nicht ohne Interesse, sie den seinerzeit in der ״Jüdischen Rundschau“ veröffentlichten Schilderungen und den amtlichen Communiquds gegenüberzustellen. Schon damals ist einheitlich betont worden, daß der die Aktion an der Klagemauer leitende Polizeibeamte — eben Mr. Duff — auf höheren Befehl, gehandelt habe, und die Ausführungen von Mr. Duff beleuchten jetzt die verhängnisvolle Rolle, die der stellvertretende Distriktskommissar (Mr. Keith-Roach), der den Befehl erteilt hat, in der so schwere Folgen nach sich ziehenden Affäre gespielt hat. Anläßlich eines Abendspazierganges, den er am Vorabend des Jom Kippur mit Mr. Duff gemacht hatte, betrat er das der Klagemauer benachbarte arabische ״Mekhkameh Sharieh“ und erblickte dort von einem Fenster die Scheidewand an der Klagemauer: Er ließ durch Mr. Duff ar abische Scheiks herbeiholen, machte sie au• die Scheidewand aufmerksam und fragte sie, ob dies nicht eine Verletzung des Status quo sei. Die Araber bejahten diese Frage und forderten in großer Erregung die sofortige Entfernung der Scheidewand. Niemals, so schreibt Mr. Duff, hatten die Araber diese Scheidewand bemerkt oder ihr die geringste Aufmerksamkeit geschenkt, wären sie nicht daraut gestoßen worden. Das amtliche Communiqud berichtete damals nur von einer vom Inspektorat des Moslemischen Wakuf ausgehenden Beschwerde und verschleierte die Rolle dessen, der diese Beschwerde veranlaßt ,hatte. Auch im weiteren Verlauf der Angelegenheit zeigte sich der Stellvertretende Distriktskommissar sehr rigoros. Sowohl die dringende Bitte des jüdischen Aufsehers an der Klagemauer, Rabbi Noah, als auch von Mr. Duff selbst, die Wegnahme der Scheidewand auf den Tag nach Jom Kippur zu verschieben, weil es am hohen Festtag schwer möglich sei, wurde zurückgewiesen; Mr. Duff wurde beauftragt, spätestens am nächsten Morgen um 9 Uhr die Wand wegschaffen zu lassen. Als um diese Zeit die Scheidewand noch vorhanden war und Mr. Duff sich vor die heikle Aufgabe gestellt sah, den Befehl auszuführen, bat er nochmals telephonisch um Aufschub von 1—2 Stunden, um die Andächtigen am Gottesdienst nicht stören zu müssen. Auch dies wurde verweigert, der Stellvertretende Distriktskommissar berief sich auf seinen Befehl, der unter allen Umständen sofort ausgeführt werden müsse. Nun blieb Mr. Duff nichts anderes übrig, als durch Polizisten die Wand fortschaffen zu lassen, wobei er ihnen größte Schonung der empörten Beter einschärfte. Bekanntlich wandte sich damals der jüdische Volkszorn gegen Duff, der aber, wie er jetzt selbst enthüllt, nur Werkzeug war. Duff selbst hat durch sein Verhalten im August 1929 übrigens einen Umschwung der jüdischen Stimmung zu seinen Gunsten bewirkt. * Die englische Wochenschrift ״The Near East and India“ befaßt sich in ihrer letzten Nummer mit den letzten zionistischen Tagungen. Man pflegt gewöhnlich, so schreibt das Blatt, Stärke und Stillschweigen ln politischen Aktionen zu identifizieren. Diese Anschauung aber bricht zusammen angesichts des jüdischen Verhaltens bei dem Aufbau Palästinas. Die Zionisten können sich rühmen, daß keine ändere Organisation, die soviel über ihre Arbeit geredet hat, jemals soviel erreicht hat. Ob es nicht für den Zionismus und daher auch für Palästina besser wäre, wenn viel mehr von diesen Reden hinter geschlossenen Türen gehalten würden, ist eine andere Frage, die freilich in unserem demokratischen Zeitalter etwas verspätet kommt. Sicherlich haben die letzten Wochen mit ihren Verhandlungen des Aktions-Comitds und der 5. Weltkonferenz der Revisionisten den Arabern Palä» s t i n 4 s einen Ueberfluß an Material für ihre stereotypen Befürchtungen und Mißdeutungen geliefert. Und trotzdem würde man, wenn statt der vielen Reden nur ein zusammenfassendes Resümee veräffeutlicht würde, begreifen, daß kein Grund für Befürchtungen vorhanden ist. Im ganzen großen würden die arabischen Alarmisten nichts Konkreteres zum Ausgangspunkt nehmen können, als daß das A.-C. den Eindruck erweckte, daß die Dinge vom zionistischen Standpunkt etwas besser stehen. Das Blatt beschäftigt sich dann ausführlich mit Brodetskys Rede, insbesondere mit seiner Bemerkung, daß eine Verständigung mit den Arabern nicht durch ״diplomatische“ Verhandlungen herzustellen sei, sondern daß man andere Wege suchen müsse und daß insbesondere eine starke Regierungspolitik die Voraus- Setzung einer Verständigung sei. Brodetskys Auffassung, so schreibt ״Near East", wird wahrscheinlich von den Arabern geteilt werden, nur daß sie überall dort, wo er das Wort ״Juden“ gebraucht, ihrerseits das Wort ״Araber“ einsetzen würden. Gewiß soll die Regierung eine feste Politik haben, aber sie dürfe sich auch von keiner der beiden Part e i e n von ihrem festen Kurs abbringen lassen. Eine Zusammenarbeit von Juden und Arabern könne nicht dadurch gefördert w'erden, daß beide Teile an die Regierung appellieren, sie möge den anderen Partner im Zaume halten. Ob man nun an ״diplomatische“ Verhandlungen glaubt oder nicht, auf alle Fälle müßte eine Verständigung auf menschliche Weise eingeleitet werden, und unter voller Berücksichtigung der tatsächlichen Gegebenheiten des Falles. Norman Bentvvicli veröffentlicht in der englischen Wochenschrift ״The New Statesman & Nation“ einen leicht und elegant geschriebenen Aufsatz zum fünfzigjährigen Jubiläum der jüdischen Kolonisation in Palästina. Er vergleicht die unendlich mühseligen und kleinen Anfänge der Bilu-Kolonisten mit dem heute Erreichten: die Zahl der auf dem Lande lebenden Juden sei von ein paar hundert auf etwa 45 000 gestiegen; diese verteilen sicli auf etwa 200 Dörfer und Ansiedlungen. An Stelle der Chowevve Zion stehe heute die Zionistische Weltorganisation, die zum Nutzen des Landes in verschiedenen Formen etwa zwei Millionen Pfund im Jahre verausgabe. Und aus dem bloßen Ideal eines geistigen Zentrums 1a Palästina sei die Entwicklung der hebräischen Sprache und Literatur, ein ganzes Netz von hebräischen Schulen und ein weitreichender Einfluß des Jischuw auf die Weltjudenheit erwachsen. Bentwich beschreibt dann die bekannten Züge der jüdischen Kolonisation und berührt zuletzt Zukunftsfragen. So vorteilhaft sich die englische Verwaltung auch von der früheren türkischen unterscheide, so wenig erfülle sie doch die berechtigten Ansprüche von jüdischer und arabischer Seite; besonders müsse man bedauern, daß aus der Landentwicklungsanleihe noch nichts geworden sei, und daß aus dem ״Entwicklungsdepartement“ vorläufig nur ״die Entwicklung eines Departements“ geworden sei. Aber auf alle Fälle werde sich der jüdische Enthusiasmus weiter durchsetzen. Das Hauptproblem bestehe jetzt nicht mehr so sehr darin, die Ergiebigkeit des Landes zu steigern, als vielmehr in der Herstellung freundnachbarlicher Beziehungen zwischen Juden und Arabern.

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