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Jüdische Rundschau · 1932-09-02 · Heft 70 (2.9.1932) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 70 (2.9.1932)
Date
1932-09-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sehe 338 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 70, 2. IN. 1932 Vor Rosdt Haschanah5693 Ein Aufruf der Jugend Sodann wird ein Brief Lichtheims an die Tagung verlesen, in dem er die Zurücknahme der Beschlüsse v o!1 C a 1 a i s fordert, die nur Unklarheit und Verwirrung angestiftet haben. Jabotinsky und Genossen mögen wieder In die Zionistische Organisation zurückkehren. In ganz scharfer Weise wendet Lichtheim sich gegen die palästinensischen Revisio* nisten, bei denen nun Achi-Meir am Ruder sei. Wenn ein Kranker um sich schlägt und Geschirr dabei zerbricht, ist es keine Heldentat, auch wenn er dabei eingesperrt wird. Die Verlesung dieses Briefes erregt wiederum Unruhe und Lärm auf der Rechten. Namens der Exekutive sollen nunmehr Großmann und Jabotinsky antworten. Während Großmanns Rede mußte die Sitzung abgebrochen werden, da — 3 Uhr früh — die polizeilich bewilligte Zeit bereits überschritten war. G r o ß in a n n distanzierte sich von Lichtheims Auffassung über die Beschlüsse von Calais. Das gebe aber niemandem das Recht, Lichtheini gleich ״Verräter“ zu schelten, lieberh a u pt soll inan mit dem WorteVerrat v o r s i c htiger umgehen. Gestern habe man es Weizmann, heute Lichtheim entgegengchalten, morgen werde es vielleicht auch ihm und Jabotinsky gellen. Die vielen Oppositionsredner haben keinen eiti/igen Vorschlag gebracht, wie die rev. Arbeit anders und besser geleistet werden kann. Sie haben gewohnheitsgemäß wie am Kongreß und im Waad I.ctimi Opposition betrieben. Leute, die früher auf Händen und Füllen um A.-C.-Mandate gebettelt haben, machen den rev. A.-C.-Mitgliedern auf einmal ihre Tätigkeit im A.-C. zum Vorwurf. Auf die Aufforderung, dies namentlich zu erklären, nennt Großmann Ben Chorin und Weisl, was einen unbeschreiblichen Sturm der Entrüstung rechts und lauten Lärm im ganzen Saal hervorruft. Die Palästinenser schreien erregt: Lügner! und drohen zu Großmann. In diesem Trubel wird die Sitzung aus den oben erwähnten Gründen geschlossen und auf den nächsten!Tag verlegt. Wien, 29. August. (J. T. A.) In Kreisen der revisio- «Istischen Delegierten erzählt man sich, daß Jabotinsky während seiner jüngsten Anwesenheit in London von Dr. Welz mann zu einer Unterredung eingeladen wurde Und dieser Einladung auch Folge leistete. Man rechnet damit, daß Jabotinsky in seinem Berichte vor der politischen Kornmission der revisionistischen Weltkonferenz neben den Mitteilungen über seine politischen Schritte auch über den Inhalt seines Gespräches mit Dr. Weizmann Aufschluß geben wird. I Dr. Samuel Goldflamm I (Von unserem polnischen Korrespondenten.) —g. Warschau, 27. August. Wie von der ״Jüd. Rundschau“ bereits gemeldet, ist Dr. Samuel Goldflamm im 82. Lebensjahre gestorben. Von Beruf Neurologe, hat sich Dr. Goldflamm mit seinen viel beachteten wissenschaftlichen Arbeiten einen europäischen Ruf erworben. Jugendfrische und Arbeitsfreude zeichneten den schlanken Greis fast bis in die letzten Tage seines fruchtbaren Lebens aus. ln diesen Spalten gebührt derfi Verstorbenen ein herzlicher Nachruf als demjenigen, der in hohem Lebensalter den Weg von der polnischen Assimilation zum aktiven Judentum mutig und unerschrocken zurückging, und als die Jewish Agency entstand, sich an die Spitze der Nicht-Zionisten in Polen stellte. Auf der Gründungstagung der Jewish Agency in Zürich hielt er eine vielbemerkte enthusiastische Ansprache, wurde dort zum Mitglied des Administrativ-Committees der J. A. gewählt und hat sieh seither, trotz hohem Alter und Ueberbürdung mit berufiieher Tätigkeit, mit einem solchen Eifer an der Palästina- Arbeit in Polen beteiligt, daß er zum Muster nicht nur für Nichtzionislen, aber auch für viele, viele Zionisten wurde. Sein hohes Pflicht- und Verantwortungsgefühl, seine Charakterstärke und Begeisterung für die Palästina-Idee ließen ihn keine Sitzung der polnischen J. A.-Repräsentanz, des Direktoriums des ״Keren Ha je sso d“, des Hechaluz - Committees verfehlen. Wir sahen ihn oft bei Sitzungen spät nachts, bei schlechtem. Wetter, als den einzigen Nichtzionisten und zusammen mit nur wenigen Zionisten, die zur Sitzung gekommen waren. Und im vorigen Jahre bestieg der 81jährige ein Luftschiff, um ja nicht die zweite Council-Tagung der Jewish Agency iri Basel zu versäumen. Die Delegierten des Keren Hajessod in Polen konnten stets nicht genug die Arbeitskraft und die Bereitschaft Dr. Goldflamms bewundern. Er war einer der tüchtigsten und erfolgreichsten Sammler für den Keren Hajessod in Warschau und hat dank seiner Beziehungen und großer Autorität, die er in allen Kreisen genoß, dem K. H. namhafte Geldspenden zugeführt. Alan sah, wie die Palästina-Idee den Verstorbenen in den letzten Jahren jung, lebenslustig und — kampfesfroh machte. Als im Vorjahre um ■die Wahlen zur jüdischen Gemeinde in Warschau ein heftiger Kampf entbrannte und die reaktionäre ״Agüda“ mit allen Mitteln die Herrschaft an sich reißen wollte, stellte sich der greise Dr. Goldflamm an die Spitze einer deinokratischen Liste, die mit den Zionisten zusammenging und ließ sich in die Gemeinde wählen. Dr. Goldflamm war ein Förderer und Mitarbeiter sehr vieler jüdischer Organisationen und Anstalten in Polen, insbesondere in Warschau. Als Kunstmäzen und feinfühliger Kunstsamm- 1 e r hat sich L>r. Goldflamm ein großes Verdienst um die Pflege der jüdischen Kunst in Polen erworben. Das polnische Judentum verlor einen seiner besten Söhne, die Palästina-Idee einen der tapfersten und begeistertsten An-!länger und Förderer. Ehre seinem Andenken! Der verstorbene österreichische Bundeskanzler Dr. Hans Schober war von der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs als ein Mann veu! Gerechtigkeitssinn und Vorurteilslosigkeit geschätzt, der in zahlreichen kritischen Momenten der Nachkriegsgeschickte Wiens tatkräftig die Judenscliaft vor jeder Bedrohung durch antisemitischen Pöbel schützte. Schober interessierte sich auch für die zionistische Bewegung. Als er während des Krieges Chef der österreichischen Staatspolizei war, wurde durch Denunziationen von verschiedenen Seiten Mißtrauen gegen die Loyalität der Zionisten zu verbreiten gesucht. Schober ließ damals den Führer der österreichischen Zionisten, Robert Stricker, kommen und besprach die Angelegenheit in aller Offenheit mit ihm, da er an die aus antisemitischen und assimilatorischen Kreisen stammenden Verdächtigungen nicht glaubte; seit jener Zeit bestand ein auf Respekt und Verständnis basierendes Verhältnis zwischen ihm und der Zionistischen Organisation Oesterreichs. Wir zehntausend Jugendliche, die in zionistischen Bünden Deutschlands organisiert"sind, wenden uns zu Beginn des neuen Jahres an die jüdische Oeffcntlichkeit mit folgendem Aufruf: Wir sind Schüler und Studenten, Angestellte, Handwerksgehilfen und junge Arbeiter. Die Werktätigen unter uns sind zur guten Hälfte erwerbslos, die Aussichten der Uebrigen sind traurig. Die Schüler und Hochschüler unter uns mühen sich zum großen Teil durch harte Jahre, die Berufsaussichten nach dem Studieriabschluß sind trostlos. Unser Weg durch die Schnlen ist voller Demütigungen, unser ökonomisches Ringen ist schwerer als das der anderen Arbeitsuchenden, weil wir Juden sind. In dem neuen Kampf um die Gleichberechtigung in Deutschland wollen wir uns nicht abseits halten. Aber als die Lebensaufgabe, welche die entschlossenste Anstrengung verlangt, sehen wir den Zionismus an. Wir wollen uns unsere Existenz aufbauen im Sinne jüdischer und konstruktiver Ideen. Für uns bedeutet Palästina, der Inbegriff unserer nationalen, unserer sozialen und Traditions-Ideale, noch in ganz anderem Maße als für die Vätergeneration eine Hoffnung, es ist unsere einzige Hoffnung. Und es ist ein reales Ziel. Wir glauben daran, daß Palästina in unserer Generation Hunderttausende aufnehmen kann — und wir wollen dazu gehören! Sechshundert von uns sind bereits Mitglieder der Chaluz-Verbände und in landwirtschaftlichen und handwerklichen Ausbildungsstellen. Zweihundcrtachtzig haben seit 1929 den Weg ins Land gefunden und die grollen Siedlungen Giwath Brenner und Naaneh und die gesetzestreue Kwuzah Rodges mit aufgebaut. Schafft uns die Möglichkeit, daß nicht knapp einhundert, sondern einige Hundert im Jahr hinübergehen! Schafft Arbeitsplätze in Palästina für Jüdische arbeitslose Jugend Deutschlands! Wir wissen, wie sehr Tempo und Umfang der nationalen ■ Kolonisation unter den Mindereinnahmen der Fonds in diesen Jahren der Wirtschaftskrise zu leiden haben. ■Wir kennen die Schwierigkeiten der Spender, zu denen auch unsere Eltern und die Acltesten unter uns gehören. Aber noch immer gibt es gewaltige Möglichkeiten, nicht alle Zionisten tun, was sie zu tun imstande wären, auf dein Wege der Spende für die nationale Kolonisation und auf dem Wege der privaten Unternchnningen in Palästina. Noch lange nicht ist die Masse der deutsehen Juden darüber unterrichtet, was Palästina heute ist: Eine glückliche Insel im Meer des jüdischen Leids und der Weltmisere. Ueberall Abbau — dort Aufbau. Ueberall Ausweglosigkeit — dort Produktivierungsmöglichkeiten. Nährboden unlöslicher Tragik hier — ein täglich freieres Feld für den Kampf urn äußere und innere Freiheit drüben! Neues Jahr — neuer Boden! Der Keren Kajeineth Lejisrael beginnt die zionistische Arbeit des Jahres 5693 mit seiner traditionellen Rosch Haschanah-Aktion. Wir Jugendliche rufen Euch auf: Arbeitet mit! Gewinnt neue Menschen für die Palästina-Idee! Spendet! Jeder neue Dunam in Erez Israel ist neuer Lebensraum für Eure Jugend, für Aufbau der jüdischen Zukunft und Freiheit! Brith Haolim (Georg Pape); Brith Chaluzim Datijim; Haschomer Hazair (Adolf Schiff); Hechaluz, Deutscher Landesverband (Lilli Reinberg); Makkabi Deutscher Kreis (Dr. Rabau); Kadimah (Schaut Weinberg); Karteil Jüd. Verbindungen (für die Aktivitas: Heinz Geriing); Klub Junger Zionisten (Max Tischler); Zeire Misraehi u. Brith Hanoar sehe! Zeire Misrachi (Benno Offenburg, Eugen Michaelis); Jüd. Sozialistische Arbeiterjugend (Erwin Pollak); Zionistische Studentinnen-Gruppe (Ruth Kollenscher); Zionistischer Jugendbund Nordaii (Heinz Engländer). Ein Jerusalemer Mord-Prozeß (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) gl, Tel-Awiw, 23. August 1932. Heute ist der dritte Jahrestag des Beginns der Unruhen des Jahres 1929. In diese Tage fällt ein Mordprozeß, der kraß die Lage der öffentlichen Sicherheit in Palästina beleuchtet. Das Problem der Befriedung des Landes ist seit jener Zeit nicht mehr von der Tagesordnung verschwunden. Hat auch die Angst vor neuen Unruhen sich verflüchtigt und hat auch die Reorganisation der Polizei, die noch immer im Gange ist und die Konzentrierung genügender Streitkräfte im Lande zur Beruhigung der Gemüter beigetragen, so bildet sich doch niemand, der die Verhältnisse kennt, ein, daß bereits alles in Ordnung sei. Im Laufe der letzten Jahre sind immer wieder Gewaltakte zu verzeichnen gewesen, die den Jischuw aufs schwerste erschütterten; mitten im ökonomischen Aufstieg gab es Schreckschüsse, die um so schmerzhafter empfunden wurden, weil sie zu einem guten Teil un gesühnt blieben. Mehr als einmal hat man die Behörden der Gleichgültigkeit und Fahrlässigkeit beschuldigt, wenn es sich um die Aufklärung von Morden an Juden handelte. Dennoch hatte die Regierung auch hier und da einen Verteidiger. Denn es zeigte sieh, daß es kein Kinderspiel war, in Palästina Ruhe zu halten und Verbrechen zu verhüten. Eine von nationalistischen Instinkten schwangere Atmo- Sphäre, eine durch Propaganda immer wieder aufgestachelte Leidenschaft; große Teile der Bevölkerung, denen es an der elementarsten Erziehung gebricht und die daher allen möglichen Einflüssen ohne Möglichkeit einer Kritik ausgeliefert werden; schließlich lange, erst vor kurzem gezogene, außerordentlich schwer kontrollierbare Grenzen. Alle diese Umstände zusammen müssen die Arbeit der Polizei erheblich erschweren, ohne daß man Gleichgültigkeit gegenüber jüdischem Schicksal vermuten muß. Der Prozeß, der in diesen Tagen beginnt, liefert neues Material zur Beurteilung dieses Problems. In Jerusalem wurde vor einiger Zeit von einem Araber die Frau eines höheren englischen Beamten, Miller, ermordet und der Beamte selbst schwer verletzt. Man dachte zuerst an einen politischen Terrorakt; aber es wurde sofort klar, daß man es mit einem gewöhnlichen Einbruch zu tun hatte, bei dem sich der Besitzer der Wohnung zur Wehr hatte setzen wollen, wobei er selbst schwer verletzt wurde, seine Frau aber dem Dolche des Einbrechers zum Opfer fiel. Also eine im Grunde uninteressante, von jeder Politik völlig freie A׳■ Gelegenheit, wie sie überall in der Welt passieren kann. Es setzte nun sofort eine fieberhafte Tätigkeit der Polizei ein; eine sehr hohe Belohnung wurde ausgesetzt; die Kriminalbeamten wußten sich der untersteil Schichten Jerusalems zu bedienen und mit Hilfe von Dirnen, Zuhältern, Einbrechern und Dieben, nach zahllosen Verhaftungen, stieß man schon nach Tagen auf die Hauptverdächtigen. Noch während Miller im Krankenhause lag, führte man ihm Dutzende von Gefangenen zur Identifizierung vor; die Voruntersuchung wurde mit allem Nachdruck betrieben und der Prozeß hat bereits begonnen. Es besteht kein Zweifel, daß diesmal der oder die Schuldigen mit Extrapost ihrer Strafe entgegeneilen. Stellt man nun diese Prozedur und diesen Fall irgendwelchen anderen Morden gegenüber — sei es an Juden oder auch an Arabern — so sticht das Verfahren sehr stark ab. Es geht alles ungewöhnlich schnell, mit großen Anstrengungen, mit gewaltigen Belohnungen, und es kann doch wohl nicht reiner Zufall sein, daß man die Mörder einer Engländerin im Laufe von Tagen aufspürt, den Mördern von ״Palästinensern“ aber monatelang nicht auf die Fährte kommen kann. Es ist einleuchtend, wieviel böses Blut solch eine Gegen- Überstellung — und sie wird von allen im Lande gemacht — hervorbringen muß. Die reinliche Scheidung, die zwischen Regierung und Bevölkerung im Kulturellen, im Gesellschaftlichen, in den Lebensformen besteht, scheint sich auf die Gerichte auszudehnen. Dieses Gefühl der Rechtsungleichheit, das, ob berechtigt oder nicht, durch derartige Beobachtungen über das Verhalten der Behörden geschaffen wird, ist ein schlechtes Fundament für eine Regierung, und die Mandatarmacht sollte sich der Konsequenzen solcher Zustände bewußt sein. * Wie die palästinensischen Blätter melden, wurde der Hauptangeklagte in dem Mordprozeß, Hamdan Osntan, zum Tode durch den Strang verurteilt, ein zweiter Angeklagter zu fünf Jahren Zuchthaus. Der Prozeß hat in Jerusalem großes Aufsehen hervorgerufen. Nach dem Urteil erhob sich der Angeklagte und rief: ״Ich bin unschuldig!“ Der Verurteilte hat Berufung eingelegt. Jüdische Wirtschaftshilfe Tagung des Wirtschaftsausschusses des Preußischen Landesverbandes Der 1m April d. J. vom Verbandstag neugewählte Wirtschaftsausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden trat am Sonntag, dem 28. August, unter dem Vorsitz von Dipl.-Ing. Bruno Woyda zu seiner ersten Sitzung zusammen. Zunächst wurde der Ausbau des jüdischen Darlehnskassen Wesens behandelt. Der Vorsitzende teilte mit, daß den bereits seit über einem Jahre geführten Verhandlungen mit den internationalen Hilfsorganisationen wegen Gewährung eines angemessenen Kapitaldariehens für Zwecke des Darlehnskassenatisbaus in allernächster Zukunft ein Erfolg beschicden sein dürfte. Am Ende der eingehenden Diskussion, in der viele Anregungen gegeben wurden, wurde beschlossen, 5000 RM. als Zinszuschüsse für Darlehnskassen und 500 RM. zur Förderung des Genossenschaftsgedankens zur Verfügung zu stellen. Ueber die Arbeiten der von der Arbeitsgemeinschaft für Wirtschaftsfragen der Juden in Deutschland, der auch der Preußische Landesverband angehört, eingesetzten Kommission zur Durchführung einer Branehenenquete berichtete Dr. Kurt Zielenziger. Im weiteren Verlauf der Tagung gelangten die aktuellen Probleme der Erwerbslosenhilfe zur Behandlung: Freiwilliger Arbeitsdienst, Arbeitsnachweis und Arbeitsbeschaffung, Selbsthilfewerkstätten und Fortbildungskurse. Ueber die ausgezeichneten Erfahrungen, die mit der Beteiligung von Juden am Freiwilligen Arbeitsdienst auf dem Gute in Neuendorf gemacht worden sind, berichtete Alfred Berger. Das zuständige Arbeitsamt hat Neuendorf als Musteranstalt bezeichnet und voii sich aus die Zuweisung weiterer Arbeitsdienstwilliger und die Ausgestaltung des Betriebs als Führerschule für den FAD. angeregt. Die Anstalt soll auch dem Reichskotnmissar Syrup gezeigt werden. Zur Durchführung der Beteiligung von Juden am FAD. in allen Teilen des Reiches soll in den nächsten Tagen ein ausführ- Iiches Merkblatt von der als Zentralstelle für den FAD. fungierenden Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge herausgegeben werden. Rechtsanwalt Horovitz (Frankfurt a. M.) regte an, die zahlreichen verfallenen Friedhöfe nicht mehr bestehender jüdischer Gemeinden durch den Landesverband selbst im FAD. wieder herrichten und einzäunen zu lassen. Auch sonst wurden in der Debatte zahlreiche wertvolle Anregungen gegeben, denen nachgegangen werden wird. — Ueber den Ausbau der jüdischen Arbeitsnachweise und die Organisierung der Erwerbsbeschaffung erstattete Adler-Rudel den Bericht. Er schlug vor, im Herbst einen Werbemonat zu veranstalten, durch den die gesamte jüdische Oeffcntlichkeit — Arbeitgeber und Arbeitnehmer — auf die Bedeutung der jiidischen Arbeitsnachweise und die Möglichkeiten einer organisierten Erwerbsbeschalfung hingewiesen werden sollen. Es wurde beschlossen, für die geplante Werbeaktion einen Beitrag von 2000 RM. zur Verfügung zu stellen. Ueber die Selbsthilfebestrebungcn von Selbsthilfe- Werkstätten wie in Berlin und durch kollektive Selbsthilfe von Erwerbslosen für Erwerbslose, sowie über die Einrichtung von Fortbildungskursen referierte Szanto. Als Ergebnis der Aussprache konnte festgestellt werden, daß die Nachahmung des in Berlin geschaffenen kleinen-Arbeitskollektivs auf genossenschaftlicher Grundlage nicht überall zu empfehlen ist. Als nächster Punkt der Tagesordnung wurde das Problem des Boykotts jüdischer Angestellter und jüdischer Firmen behandelt. An ein sehr ausführliches Referat von Dr. Ludwig Holländer, der auf die bisherigen Wege der Boykottbekämpfung und auf die Problematik der ganzen Angelegenheit, besonders auch auf die Gefahren, die von jüdischer Seite selbst einer wirksamen Bekämpfung des Boykotts erwachset!, hinwies, schloß sich eine lebhafte Ausspräche an, in der zahlreiche Anregungen und Vorschläge gemacht wurden. Zum Schluß der Tagung erstatteten R.-A. Dr. Elkeles und Direktor Benario Bericht über die Siedlungsbestreb ungen und ihre Bedeutung für die Berufsumschichtung der deutschen Juden und die Bekämpfung der Arbeitslosekeit. Die Siedlung in G r o ß - G a g 1 o w könne als konsolldiert angesehen werden. Allgemein wurde der Wunsch ausgesprochen, den jüdischen Charakter von Groß-Gaglow stärker als bisher zu wahren. Dem Reichsbund für jüdische Siedlung wurde für seine weiteren Arbeiten ein Betrag von 3200 RM., der im Einvernehmen mit dem Landesverband verwendet werden soll, bewilligt. Für die Gartenbauschule in A 11 lern beschloß der Ausschuß eine Subvention von 4000 RM. Ebenso wurde für das jüdische Lehrgut in Geringshof bei Fulda (früher Rodges), das sowohl in bezug auf Aus- Bildung wie Betrieb sehr gute Erfolge gezeigt und die erste jüdische Kolonne des Freiwilligen Arbeitsdienstes geschaffen habe. 2500 RM. bewilligt.

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