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Jüdische Rundschau · 1932-09-02 · Heft 70 (2.9.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 70 (2.9.1932)
Date
1932-09-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 336 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 70, 2. IX. 1932 heit sollte gerade auf diesem Delegiertentage besonders stark in die Erscheinung treten. Bei allem, was wir erkennen und beschließen werden, steht eins für uns fest: Es gibt keine befriedigende Antwort für unser jüdisches Leben im Galuth, weder in den guten noch in den schlechten Zeiten. Der Zionismus strebt nach Palästina. Es gibt keine Ueberlegung in aktueilen Fragen, die parallel zu unserem Palästina-Streben einherläuft. Neben der großen Antwort Erez Israel sind alle anderen Entscheidungen bedingt und wandelbar. Die überzeugende Wirkung unserer Idee ist mit der realen Entwicklung Palästinas eng verbunden. Daher ist die zweite größere Hälfte des Delegiertentages ausschließlich der P a 1 ä s t i n a - S a c h e gewidmet. Unsere zionistische Entscheidung kann nicht dadurch beeinflußt werden, daß Palästina angeblich nicht imstande ist, einen erheblichen Bruchteil notleidender Massen aufzunehmen, gewiß auch nicht dadurch, daß es für eine Massenkolonisation von ungeahntem Ausmaß reif ist. Ich bin überzeugt, daß wir der Palästina-Entwicklung im Augenblick eine sehr günstige Prognose stellen können und daß es darauf ankommt, mit aller in uns liegender Energie die Einwanderung zu fördern, die Fonds zu stärken, den Bemittelten den Weg zu weisen und zu erleichtern. Die praktischen Erfolge unserer Arbeit sind ausschließlich von der inneren Durchglühtheit und der hingebenden Pflichterfüllung der Zionisten abhängig. Diese zionistischen Qualitäten werden Menschen nicht eingeredet, sind nicht durch noch so wirksame Propaganda zu erzielen, sondern sind das Ergebnis zionistischer Erziehung. Die jüdischen Massen wissen sehr gut zwischen Bluff und Echtheit zu unterscheiden. Auf die Dauer trägt nur die ernste Propaganda ihre Früchte. Auch die volkstümlichste Darstellung unserer Idee, der einfachste Ausdruck für unser Palästina- Streben muß in einer der Größe unserer Sache entsprechenden Form erfolgen. Unseren Anhängern sei es gesagt: es gibt den von vielen ersehnten einfältigen Zionismus so wenig wie es ein einfältiges Judentum gibt. Die Juden waren immer zum Denken gezwungen und die zionistisehen Propagandisten werden ganz gewiß nur dann Dauererfolge einheimsen, wenn sie sich auch geistig and politisch als Beherrscher der Situation erweisen. Vom XXIV. Delegierten tag soll ein Auftrieb ausgehen. Nach den Referaten unserer palästinensischen Freunde wollen wir die Arbeit neu organisieren und uns zu einer neuen Anstrengung entschließen. Gewiß haben wir auch bisher gearbeitet, aber wir fühlen bei einem Rückblick, was alles hätte geschehen können, wenn uns nur die organisatorische Erfassung der vorhandenen zionistischen Kräfte gelungen wäre. Auf und nach diesem Delegiertentag wollen wir wiederum versuchen, alle arbeitswilligen Kräfte, die sich dem einheitlichen Willen der Z. V. f. D. einfügen wollen, zusammenzufassen und mit Hilfe verbesserter Einrichtungen der Zentrale, mit Unter- Stützung neu gegründeter Arbeitsgruppen in den einzelnen Orten die Erweiterung unseres Kreises versuchen. Unseren Jugendorganisationen wollen wir beistehen in der Gewinnung und Erziehung von Pionieren für unser Land und die erwachsenen Zionisten und die deutschen Juden wollen wir unablässig an die Möglichkeiten der eigenen Alijah erinnern. Was kann ein Delegiertentag bedeuten? Denen, die ihn mit Spannung erwarten, die sich dort neue Kraft für ihre zionistische Arbeit holen wollen, die eine hohe Freude am Zusammensein mit aktiven Gesinnungsgenossen zu erleben vermögen, allen denen kann eine solche Tagung zu einem fruchtbaren zionistischen Erlebnis werden. Ans der panarabischen Bewegung Die Londoner ״Times“ meldet aus Bagdad: Wie die nationalistische Presse schreibt, wird im Herbst dieses Jahres unter dem Ehrenvorsitz von König Feisal, als dem ״wahren Vertreter aller arabischen Völker“, eine panarabische Konferenz in Bagdad abgehalten werden. Delegierte aus dem Irak, Syrien, Palästina, Transjordanland und dem Hodschas werden alle Fragen erörtern, welche die verschiedenen Länder berühren, in ersfer Linie ״die in Aussicht genommene Vereinigung des Iraks und Syriens“. König Feisal vom Irak hat sich nach Europa begeben, um in Genf bei der feierlichen Aufnahme des Irak in den Völkerbund während der Völkerbunds Versammlung im September anwesend zu sein; während seiner Abwesenheit wird sein Bruder Ali die Regentschaft im Irak ausführen. Der Jerusalemer Korrespondent der ״Times“ berichtet, daß der Jahrestag der Schlacht bei Chattin — in der Sultan Saladin im Jahre 1187 die Kreuzfahrer besiegte — von den Arabern am 27. August als besonderer nationaler Gedenktag gefeiert wurde. Die arabische Presse Palästinas brachte spaltenlange Berichte über große Versammlungen in Jerusalem, Haifa, Jaffa, Gaza, Akka und Nablus, wobei die meisten Redner die Kreuzfahrer mit den heutigen ״westliehen Eindringlingen“ verglichen. In Nablus betonte der Redner, daß der mit dem Blute siegreicher mohammedanischer Märtyrer getränkte Boden von Chattin heute eine zionistische Kolonie bildet (es handelt sich um die misrachistische Kwuza Chittin bei Tiberias — A. d. R.). Aus Palästina traf in Riga die erschütternde Nachricht ein, daß bei der Explosion eines Petroleumofens in der Zentralküche der Kolonie des Haschomer Hazair in Tiberia drei junge Mädchen, Phalia Michelson, Michla Weiner und Rachel Katz, die ihre Ausbildung in Lettland genossen haben, den Tod gefunden haben. Bei einem Autounfall am Karmel bei Haifa kamen zwei Angehörige der Kwuza Gescher, Menachem Jaffe, 28jährig, und Simon Osakowski, 26jährig, ums Leben, Mehrere andere Insassen wurden schwer verletzt. Acht Araber aus dem Dorfe Umkhald wurden zu G e - fängnisstrafen von ein bis zwei Monaten verurteilt, weil sie Juden, die auf ihren Feldern in der Nähe des Dorfes arbeiteten, bei der Arbeit gestört habenj Der jüdische Weltkongreß Von Dr, Nahum Ooldmajin. Df. Nahum Goldmann, der die jüdische Weltkönferenz ln Genf mit organisiert hat und der nun in Berlin das Büro zur Vorbereitung des jüdischen Weltkongresses leitet, äußerte sich über die Ergebnisse der Weltkonferenz und die Art, wie der Weltkongreß organisiert werden soll, u. a. wie folgt: Die Genfer Konferenz, erklärte Dr. Goldmann, entsprach in ihrer Zusammensetzung wie in ihrem Verlauf vollauf den Erwartungen, die ihre Initiatoren in sie gesetzt hatten. Es war für die meisten von uns von vornherein ziemlich klar, daß die antinational eingestellten, westeuropäischen und amerikanischen jüdischen Organisationen sich an ihr nicht beteiligen würden. Und wenn man sich doch entschloß, sie einzuladen, so geschah es, weil keiner Gruppe die Möglichkeit gegeben werden sollte, hinterher zu sagen, sie sei gar nicht aufgefordert worden, sich zu beteiligen. So war cs nichts Unerwartetes, daß zu der Konferenz fast ausschließlich nationaliüdiscn eingestellte Gruppen und Organisationen kamen. Diese jedoch waren sehr stark und repräsentativ vertreten. Die größten jüdischen Gemeinden Polens hatten Repräsentanten delegiert, wie überhaupt das polnische Judentum erfreulicherweise sehr viele Vertreter entsandt hatte. Die litauische, die lettische, die rumänische, die griechische, die tschechoslowakische, italienische, holländische und österreichische Judenheit war in maßgebender Weise repräsentiert. Die bulgarische und die jugoslawische Judenheit konnten keine Vertreter entsenden, stellten sich aber durch ihre Begrüßungsschreiben ganz auf den Boden der von der Genfer Konferenz vertretenen Tendenzen; von Deutschland waren die Volkspartei, die Zionistische Vereinigung, sowie der Ostjudenverband vertreten; aus Frankreich repräsentierte eine starke Delegation die große Zahl der ostjüdischen Bevölkerung in Paris; und — last not least — war aus Amerika eine Delegation gekommen, die formell und moralisch das Recht hatte, 1m Namen von mehr als einer Million amerikanischer Juden zu sprechen. Die Sympathie-Erklärungen vieler anderer jiidischer Gruppen (Südafrika, Südamerika usw.) erweiterten den Kreis der Teile des jüdischen Volkes, in deren Namen die Genfer Konferenz sprechen konnte, und wenn es sicherlich falsch wäre, zu behaupten, sie hätte die gesamte Judenheit der Welt repräsentiert — was niemand je behauptet hat —, so hat sie andererseits durchaus das Recht gehabt, im Namen des national bewußten Teiles der Juden der Welt zu sprechen, d. h. im Namen der sich als Teile des jüdischen V01kes\ bewußten Juden. Was den Verlauf der Konferenz betrifft, so liegt ebenfalls jeder Grund vor, befriedigt zu sein. Die Angst übervorsichtiger -jüdischer Notabein, die Konferenz werde unbedachte und in ihren Folgen schädliche Ausbrüche des Temperaments und der Verbitterung der Oeffentlichkeit demonstrieren, hat sich in jeder Hinsicht als unbegründet erwiesen. Eher könnte man eine zu große Zurückhaltung in den Aeußerungen der Vertreter mancher Länder tadeln. Daß der ״V ö I - kische Beobachter“ von einer Hetze gegen Deutschland faselt, wird wohl niemand Wunder nehmen und ändert wohl nichts an der jüdischen Lage in Deutschland. (Daß die ״Frankfurter Zeitung“ diese völkische Lügenmeldung glaubt, ist wohl erstaunlicher, aber nicht verwunderlicher als manche Aeußerungen dieser Zeitung in jüdischen Dingen aus letzter Zeit.) Ich bifkehe nicht zu betonen, daß in Wirklichkeit keine antideutsche Aeußerung fiel ן und meine diesbezüglichen Worte lediglich die antisemitisch nicht verseuchte Majorität des deutschen Volkes auf die Gefahr hinwiesen, die die,, ,aptkemitisdip. Infizierung Deutschlands IQI*׳Mine« «Näurfeh "‘iftä "'seine"Stellung in äß Welt darstellt. Die Reden der Vertreter der verschiedenen Länder gaben ein erschütterndes Bild der jüdischen Lage und stellten einen würdigen und verantwortungsbewußten Protest egen das Unrecht dar, das man uns antut, einen Appell an as Weltgewissen, der gewiß seine Wirkung nicht verfehlen wird bei jenen, die für diesen Notschrei eines verfolgten Volkes überhaupt noch empfänglich sind. Das wichtigste und historisch bedeutsame Ergebnis der Konferenz ist das einmütige Bekenntnis aller Teilnehmer zum Gedenke־, des jüdischen Weltkongresses. Ich habe den festen Glauben, daß der Weltkongreß 1034 zusammentreten wird und wirklich der Weltkongreß — nicht aller Juden, wohl aber des jüdischen Volkes sein wird. In Genf wurde der Weltkongreß des jüdischen Volkes proklamiert, und die nicht zum jüdischen Volk sich zählen, sind weder zum Weltkongreß geladen, noch wird er in ihrem Namen sprechen, und ihr Protest ist deswegen ein Kampf gegen Windmühlen. * Leonhard Stein nimmt im ״Daily Herald“ gegen die von Lord Melchett in einem ״Daily Hera!d“-Interview ausgesprochene Ansicht, daß die Juden Englands die Errichtung der־ Institution eines ״Weltkongresses für die Judenheit“ begrüßen würden, Stellung und erklärt, als Vorsitzender der Anglo-jewish Association halte er es für richtig, festzustellen, daß Lord Melchett über die wirkliche Haltung der englischen Judenheit falsch informiert sei: Der Board of Deputies of British Jews habe es abgelehnt, Vertreter zu der jüdischen Weltkonfe* renz nach Genf zu entsenden. * Die ״Germania“ behandelt in einem ausführlichen Autsatz die jüdische Weltkonferenz in Genf, iii der sie einen ״bedeutsamen Einschnitt in der politischen Entwicklung des jüdischen Volkes“ erblickt. Ihre Bedeutung läge darin, daß der Versuch gemacht wird, nicht nur Zionisten, sondern Juden Hier Parteigruppierungen aus allen Ländern der Welt zu einem Gremium zu vereinigen. Daß dieser Versuch nicht ganz geglückt ist, weil große jüdische Organisationen der Konferenz fernblieben, in dieser Zersplitterung des Judentums liegt die Schwierigkeit für das Zustandekommen des für 1934 einzuberufenden jüdischen Wcltkongresses. Dies dürfte als Vorbote zu betrachten sein für die in den nächsten Jahren unvermeidliche große Auseinandersetzung innerhalb des Judentums über die Frage: ״Ist das Judentum eine Konfession und eine Rasse oder ist es außerdem noch ein Volk?“ Dieses Kernproblem sei zwar auf der Genfer Tagung nicht erschöpfend behandelt worden, doch geht aus der Schlußresolution die iiidisch-nationale Grundeinstellung der Konferenz deutlich hervor. Zum Schlüsse gibt die ״Germania“ der Meinung Ausdruck: ״Diejenigen, welche die Genfer Konferenz vorbereiteten und nun die Vorbereitung des ״Weltparlaments“ in die Hand nehmen, haben insofern nicht unrecht, als sie in der gegenwärtigen jüdisehen Situation (Antisemitismus, Gefährdung jüdischer Grundrechte in mehreren Staaten) einen starken Anreiz auch für die bisher der Assimilierungstheorie verfallenen Juden sehen, sich zur Volksidee zu bekehren“. Auf der diesjährigen Dona umesse in Preßburg (Bratislava) wurde ein Palästina-Pavillon errichtet, der sowohl die national-kolonisatorische als auch die Privatwirtschaftliehe, industrielle und gewerbliche Entwicklung des Landes demonstriert. Fortgesetzte Judenhetze Die nationalsozialistische Presse fährt in den letzten Tagen in ihrer scharfen ludeilhetze, deren Losung durch den Artikel ״Die Juden sind schuld“ von Dr. Goebbels ausgegeben worden ist, fort. Fast täglich erscheinen in der ״N at i 0n alpost“, die die Stelle des verbotenen ״Angriff“ einnimmt, heftige antisemitische Schmähungen und Drohungen, und auch der ״Völkische Beobachter“ läßt es an antisemitischen Hetzartikeln nicht fehlen. Da das Verbot des ״Angriff“ nicht mit der von Goebbels betriebenen *Pogromhetze, sondern mit ״Verächtliehmachung der Regierung“ (Goebbels hatte geschrieben, daß der Reichskanzler kurz nach dem Mordurteil in_ Beuthcn einer Premiere im Admiralspalast beigewohnt hat, wo eine ungarische Jüdin, Gitta Alpar, sang und schöne Beine zeigte) begründet wurde, vermeidet die ״Nationalpost“ zwar Angriffe auf die Regierung, hetzt aber darum um so zügelloser gegen die Juden. Es würde zu weit führen, wollten wir alle die unbeschreibliehen Roheiten dieses Blattes registrieren; ein einziges Zitat genüge: Die ״Nationalpost“ berichtet über den Selbstmord des Schriftstellers Alexander Gergely, der ״als ungarischer Jude und geifernder Schmarotzer“ bezeichnet wird, unter der Ueberschrift ״Mit gutem Beispiel vorangegange#. Im Zusammenhang mit den letzten Prozessen gegen Reichsbannerleute, die zu dauernder antisemitischer Hetze benützt werden, heißt es, es habe sich gezeigt, ״wie richtig unser Kampf gegen dieses vol ksfremde Lumpenpack ist, dessen Stunden hoffentlieh bald gezählt sein werden“. In diesem Tone geht es fort. Es ist kein Wunder, wenn diese Art deutscher Publizistik im Auslande Aufsehen erregt, insbesondere die englische Presse beschäftigt sieh in den letzten Tagen mit den judenfeindliehen Aeußerungen der nationalsozialistischen Presse, wobei so verschieden gerichtete Zeitungen wie der liberale ״Manchester Guardian“ und der hitlerfreundliche ״Daily Expreß“ gegen diese tolle Judenhetze Stellung nehmen. Der ״Völkische Beobachter“ ist entrüstet über einen Artikel van Lord Melchett im ״Daily Herald“, der die Ueberschrift trägt: ״England kann die Juden retten“ und dafür eintritt, daß England als ein von Antisemitismus freies Land, das auch durch die Balfour-Deklaration bereits für die jüdische Sache eingetreten ist, sich der bedrohten Juden in anderen Tandem annimmt. Darüber berichtet der ״Völkische Beobachter“ unter der Ueberschrift ״Die zweite Internationale wird zum Judenschutz aufgerufen“. Der ״Völkische Beobachter“ erklärt, ״diese jüdische Aufforderung an England, sich in die inneren Angelegenheiten Deutschlands zu mischen, bezwecke, den alten Kriegshaß wieder aufzufrischen und einen internationalen Konflikt zugunsten der Juden zu inszenieren“. Das ist gewiß nicht Lord Melchetts Absicht (gerade Mond-Melchett wurde in England häufig als ״Deutsche r“ angegriffen). Es ^darf aber die Nationalsozialisten nicht wundern, wenn man fn anderen Kulturländern nicht achtlos an der systematisch und hemmungslos betriebenen Kampagne, deren Folgen unabsehbar sind, vorübergeht, und wenn sich im ausländischen Judentum Besorgnisse üjier das Schidcsal der deutschen Juden geltend machen. * In Wien drang eine Gruppe Nazis in den Justizpalast ein und bedrohte den Präsidenten der Advokatenkammer Dr. Kantor, der Jude ist. Dr. Kantor konnte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Die eingedrungenen Nazis zertrümmerten unter großem Gejohle die Einrichtung des Kammer-Büros, beschmierten die Wände mit Hakenkreuzen und Inschriften wie ״Juda verreclcel“ und ״Hängt den jüdischen Präsidenten!“ Als die herbdgerufeme Polizei an Ost und Stelle irschien, waren die Titer bereits eriwötnmen. ' ,, Die Danziger Beschlüsse ״Allweltliche Vereinigung“ der Zionistischen Arbeiterparteien -g. Warschau, Ende August Die Vereinigungskonferenz der Poale Zion und Hitachduth in Danzig endete mit einem positiven Ergebnis. Der strittige Programmpunkt bezüglich der Sprachenfrage wurde nach leidenschaftlicher Debatte beider Parteikonferenzen im Sinne der Forderungen der Hitachduth angenommen. Er lautet: ״ln den Organen des innerjüdischen Lebens anerkennt die vereinigte Partei beide Sprachen.“ Bezüglich des Na m e ns der vereinigten Partei konnte man zu keinem allseits befriedigenden Resultat gelangen. Es wurde folgender provisorischer Name beschlossen: ״Allweltliehe Vereinigung der jüdisch-sozialistischen Arbeiter-Partei Poale-Zion (vereinigt mit Z. S.) und der allweltlichen Zionistischen Arbeiterpartei Hitachduth“: Gekürzt: ״Allweitliehe V ereinigun g“. Die Konferenz wählte als gemeinsame Organe: den Zentralen Rat von 50 Mitgliedern, ein Zentralbüro von 20 Mitgliedern und ein Generalsekretariat, das aus 2 Mitgliedern besteht (Reiß, Tartakower). Die Jugendorganisation ״Gordoniah“, eine Schöpfung der Hitachduth, nach dem ״Haschomer Hazair“ heute die bedeutendste zionistische Jugendbewegung, hat sich der »AI•־ weltlichen Vereinigung“ formell nicht angeschlossen, wohl aber durch ihren Vertreter in Danzig sich für den Ichud ausgesprochen. Die vereinigte Partei beschloß, alle ihr nahestehenden Jugendorganisationen (״üordoniah“, ״Haschomer Hazair“, ״Hechaluz Hazair“, ״Brith Haolim“ u. a.) moralisch und materiell zu unterstützen. Die polnische Delegation der Poale Zion in Danzig hat ihren Widerstand gegen die Vereinigungsplattform nach heftigem Kampf aufgegeben und nur eine Erklärung abgegeben, daß sie sich eine mehr der ״Kampfpraxis der jüdischen arbeitenden Massen in Polen entsprechende Formulierung der Ichud-Plattform gewünscht hatte“, daß sie sich aber der Mehrheit unterwerfe und innerhalb der vereinigten Partei für ihre Forderungen kämpfen werde. Wie schon berichtet, hat sich die kongreßpolnische H it a c h d u th an der Vereinigungskonferenz in Danzig nicht beteiligt und nur schriftlich bekanntgegeben, daß sie die Danziger Beschlüsse nicht anerkennen werde. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob in Kongreßpolen eine selbständige Hitachduth-Partei sich wird erhalten können. Die Konsolidierung des Arbeitszionismus hat in Polen großen Eindruck hervorgerufen. Man betrachtet diesen Schritt als förderlich für die weitere Entwicklung des Zionismus, wenn auch in manchen allgemein-zionistischen Kreisen dem Bedauern Ausdruck gegeben wird, daß nunmehr die besondere Note der Hitachduth in der Weltbewegung fehlen werde. Beide Parteien geben sich natürlich Rechenschaft davon ab, daß nicht die Papierformeln, sondern die Praxis der nächsten Zukunft für die Haltbarkeit dieser oder jener Programmpunkte ausschlaggebend sein werden. Ben Gurion, der zusammen mit Sprinzak sich um den Ichud das größte Verdienst erworben hat, weilt soeben in Polen (leider nur zu kurzem Aufenthalt) und ist bestrebt, eine weitere Annäherung in Polen durchzuführen. Gleichzeitig hat Ben Gurion die Gelegenheit, festzustellen, wie ungeheuer groß, fast lawinenartig, der Drang nach Palästina in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung ist.

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