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Jüdische Rundschau · 1932-09-02 · Heft 70 (2.9.1932) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 70 (2.9.1932)
Date
1932-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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GERMANIA JUDAILA Die revisionistische Weltkonferenz Einzelnummer 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dien■ tag u.Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldtnark. Au*land8ahonn«raems werden in dar WMfaraog der einzelnen Linder berechnet Anzeigenpreis: 8 gesp, Nonpareitlezexle 030 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. Nummer 70 I Berlin, 2. IX. 1932 Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekeatr.10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag nichnii ttigi 4Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Postscheck - Konten*. Berlin 17392, Basel V 9355, Belgrad 68032, Brüssel 39*433. Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140 470, Prüf, 59410, Riga 4155, Strast-hurg 164 30, Warschau 190708, Wien 156030. Bank-Konten: DarmatSdter- und Natjonaibank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfürsten dämm 52; RumSnieche Kreditbank, Cernatiri (Rumänien); Anglo Paleetine Go. m Haifa, Jerusalem, Tel -Aviv. א, אלול תרצ״ב | xxxvii. Jahrg. Oer Zionismus erstrsbl für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich ■ rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm.« (11 r i sl<: n 111 m und Drittes Reich In immer stärkerem Maße gelingt es den Nationalso/ialisten, in der evangelischen Kirche Fuß zu fassen. Schon elegentlich der letzten Wahlen haben nationalsozialistische fairer in die Politik eingegriffen und für den Nationalsozialismus agitiert, auch sonst wird von Pfarrern in Wort und Schrift für den Nationalsozialismus «‘!!getreten, ohne daß die kirchlichen Behörden, die sonst gegen parteipolitische Betätigung z. B. bei religiösen Sozialisten einzuschreiten pflegen, gegen diese Haitung Stellung nehmen. Die Nationalsozialistische Partei hat sogar offiziell die Parole ״Eroberung der Kirche“ ausgegeben, und bei den nächsten Wahlen zu den evangelischen Gemeindekörperschaften, die sonst nur unter rein kirchlichen Gesichtspunkten vor sich gehen, werden zum ersten Male politische Momente ausschlaggebend sein, da die Nationalsozialisten unter dem Namen ״Deutsche Christen“ mit einer eigenen Liste in den Wahlkampf treten. Es ist ohne weiteres klar, was es bedeuten würde, wenn die Organe der Kirche zu parteipolitischer Verhetzung mißbraucht werden könnten. Das Problem, um das es sich hier handelt, 1'st aber nicht eine Angelegenheit der Tagespolitik, sondern rührt an die tiefsten geistigen Grundlagen der europäischen Zivilisation. Man ist sich in verantwortlichen christlichen Kreisen der kr! s c n - haften Zuspitzung dieser Auseinandersetzung wohl bewußt. Unveräußerliche Grundlagen der christlichen Lehre drohen erschüttert zu werden, so z. B. ist die Ueberbetonung des Rassegedankens eine Negation des christlichen Universalismus. Unter diesem Gesichtspunkt hat der Katholizismus sich stets gegen die Rassentheorie gewandt und erst dieser Tage veröffentlichte die ״Germania“ in ihrer kulturellen Beilage vom 31. August eine Reihe von Beiträgen zu dem Thema ״Rasse und Volk in katholisch er Betrachtung“, deren Tendenz man dahin zusammenfassen kann, daß die Rassenlehre und die Ueber- Schätzung der nordischen Rasse als Dilettantismus hingestellt und insbesondere den Juden gegenüber ein universalistischer Standpunkt eingenommen wird. Im evangelischen Lager bemüht sich jüngst die sogenannte ״politische Theologi e“, die Antinomie von Politik und Religion aufzulösen und durch Zweiteilung der Bereiche mit theologischer Sanktion die Politik für dta» Nationalismus freizipiachen. Hier ist Wilhelm Stap.jJl mit-seinem ״Cnristlxchew'Stäatsmann*‘ zu nenttw, feiner Hans Mäher, der in seinen neuen Büchern ״Die Erhebung Israels gegen die christlichen Güter“ und ״Der Standort des Christentums“ (beide erschienen in der Hanseatischen Verlagsbuchhandlang Hamburg) den Antisemitismus ״theologisch fundiert“. Das ist freilich diabolische Pseudotheologie, aber die Problem- Stellung ist bezeichnend. Von großem Interesse ist daher eine Sammeischrift, die unter dem Namen ״Die K irche und das Dritte Reich“ von Leopold Klotz (im gleichnamigen Verlag, Gotha 1932) herausgegeben wurde. Der vorliegende Band, in welchem sich 23 Theologen aus verschiedenen politischen Lagern zum Problem des Nationalsozialismus äußern, ist nur ein Anfang, weitere Sammelbände sollen folgen. Die Enquete ist also noch unvollständig und etwas zufällig. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalismus in Deutschland hätte für die Theologie längst eine Gewissensfrage sein müssen. Die ״Abkehr vom Liberalismus“, die sich heute vollzieht, ist ja in erster Linie ein religiöses Phänomen. Wenn man z. B. die Schrift von Wilhelm Michel ״Bekenntnis zur Kirche“ (Edwin Runge Verlag, Berlin 1932), die als erstes Heft einer sehr beachtenswerten Serie deutscher Zeit- und Streitschriften erschienen ist, betrachtet, dann erkennt man deutlich, daß ein lieutiges Weltgefühl im Streben nach Bindung, Zusammenhang, Autorität im Gegensatz zur herkömmlichen ״Eselsfreiheit“ sich zu den Grundpositionen religiösen Empfindens und Denkens zu-׳ rückfindet. Nun erhebt aber der Nationalismus diesen Anspruch, das Leben des Einzelnen in die ersehnten höheren ״Bindungen“ einzubetten. Die Konfrontierung von Nationalismus und Religion ist also eine der schärfsten Aktualitäten unserer Tage. Wenn nun die Theologen in dem erwähnten Sammelband gegen die pseudoreligiösen Aspirationen des Nationalismus auftreten, so ist es doch bemerkenswert, daß aus zahlreichen Beiträgen die Besorgnis spricht, die evangelische Kirche könnte durch eine Bagatellisierung des Nationalsozialismus die Fühlung mit der Wirklichkeit und mit dem Volke verlieren und denselben Fehler begehen, den sie ein halbes Jahrhundert zuvor gegenüber dem Sozialismus begangen hat. Mehrere Autoren anerkennen das Verdienst des Nationalsozialismus um die Wiede rerweckung der Volkstums-Idee, manche machen einen Unterschied zwischen ״Pflege eigenen Volkstums“, die durchaus zu bejahen ist, und nationalistischen Uebertreibuugen, die als Dämonie zu werten sind. Man spürt auch die Unvereinbarkeit des ״völkischen Machtgedankens“ mit dem ״christlichen Opfergedanken“. Eine große Rolle spielt in diesen Betrachtungen natürlich die Juden frage. Der Antisemitismus wird von den Nationalsozialisten als die ״ideologische Grundlage“ ihrer Bewegung bezeichnet und alle prinzipiellen Fragen allgemeiner Natur finden ihre spezielle Anwendung gegenüber den Juden. Die in dem Sammelband vertretenen Theologen bekennen sich zum Teil mehr oder weniger offen zum Antisemitismus. Es ist da immer wieder die Rede von ״jüdischer Zersetzung“, von ״verhängnisvollem jüdischen Erbe“ usw. Ernst B i z e r anerkennt zwar das Unrecht, das das nationalsozialistische Programm gegenüber den Juden begeht, erklärt aber, nicht dieser Punkt habe ihn als Studenten gehindert, der NSDAP beizutreten. Der aus dem Dehn-Konflikt bekannte Professor Karl Eger schreibt: ״Sowohl Internationalismus wie Marxismus sind die listigen Erfindungen des jüdischen Geistes, die Seele des deutschen Volkes zu vergiften.“ Demgegenüber schreibt Friedrich Heiler: ״Vom .Nationalsozialismus drohen der evangelischen Kirche im Augenblick größere Gefahren als von irgendeiner anderen Seite.“ Natürlich wird auch die Tatsache, daß der Stifter der christlichen Religion ein Jude war, erörtert. Das Bestreben von völkischer Seite, Jesus für die germanische Rasse zu reklamieren, wird von mehreren Autoren des Buches scharf zurückgewiesen, am wirksamsten von Paul Fi e big, dem bekannten christlichen Forscher des rabbinischen Judentums. Der Nationalsozialismus tritt schon mit seiner Zielfor/nulierung ״Drittes Reich“ in die Fufitapfen des christlichen Chiliasmus, und besonders abgeschtnaaR wirkt es, wenn dementsprechend dem Führer der Nationalsozialisten ״Attribute eines Messias“ beigelegt werden. Mit wohltuender Schärfe wendet sich gegen Sem'lesueh Hitlers In Marbufg'während der‘ Reichspräsidenten-'' wahl-Kampagne folgende reizende Episode erzählt: ״Bauern hatten Wechsel auf den 14. März, den Tag nach der Präsidentenwähl, ausgestellt in der Hoffnung, sie brauchten sie im Dritten Reich nicht einzulösen. Andere sahen sich schon um im Dorf, um die Häuser der jüdischen Einwohner unter sich zu verteile n“. Auch Johannes H e m p e i spricht von ״Uebermalung des Bildes Jesu mit Zügen Adolf Hitlers“. So werden von mehreren Theologen die Gefahren des Nationalsozialismus nicht nur für die Kirche, sondern für Christentum und Religion überhaupt, klar erkannt. Es finden sich in dem Buche mutige Worte entschiedener Gegnerschaft. Inwieweit diese Erkenntnis sich zu einer realen Abwehr, zu einer wirklichen geistigen Ciegenbewegung verstärken wird, läßt sich natürlich nicht beurteilen. Sollte es den Nationalsozialisten gelingen, die Kirche zu überrennen, dann wäre sicherlich eine ganz neue Situation gegeben, die für die christliche Theologie verhängnisvoll werden könnte. Wir Juden haben keinen Einfluß auf die Vorgänge innerhalb der christlichen Welt, aber wir sind in hohem Maße mitbeteiligt: Die Stellung zu den Juden ist immer wieder der praktisch entscheidende Prüfstein. Warum spricht keiner dieser theologischen Autoren ein cindeu- . tiges Wort gegen die nationalsozialistische antisemitische Praxis, gegen die Friedhofsschändungen und andere Exzesse? Auch die Gegner des Nationalsozialismus unter den Autoren der Sammelschrift distanzieren sich meist von den Juden. Häufig wird die Judenfrage unter dem Gesichtspunkt der (von den Nationalsozialisten aus Rassegründen abgelehnten) Juden-MiSsion, aber nur selten unter dem der Unchristlichkeit, Unmenschlichkeit der Judenhetze betrachtet. Daß die Juden frage als solche besteht, daran wird von keiner Seite gezweifelt. An den Juden ist es, da es um ihre Sache geht, den Faden aufzunehmen, das wahre Wesen der Judenfrage und den Weg zu ihrer Lösung auf die Tagesordnung zu stellen. 1!1111!111111111111111[1111111111111111111!111111111111)11111111111111111111111111111[11111111111111111111H1111i1111111n111111111111111111111111111i11111111111111!11111111111111111111111111111111111111111111)11111M1m11111111111m111111111n)11111111111111111111111111111111)1n1t11111[11i11111111111111m11111111111111)11 Der Kampf um jüdische Arbeit Bei dem Bau des großen Wasser-Reservoirs im Jerusalemer Viertel Romema, den die Stadtverwaltung an einen Bauunternehmer vergeben hatte, ist vor einiger Zeit wegen ungenügender Beschäftigung jüdischer Arbeiter ein Konflikt ausgebrochen. Der Jüdische Ärbeiterrat Jerusalems forderte eine stärkere Berücksichtigung von jüdischen Arbeitern. Nach langen Verhandlungen, an denen Vertreter der Regierung und als Vertreter der Jewish Agency Dr. Arlosoroff teilnahmen, kam es schließlich zu einer Verständigung, wobei der Unternehmer sich verpflichtete, daß über die Hälfte der beschäftigten Arbeiter Judensein sollen. Vorher hatte der Unternehmer nur für qualifizierte Arbeiten jüdische Arbeiter beschäftigen wollen. Nach Zustandekommen des Ausgleichs veröffentlichte der Jüdische Arbeiterrat Jerusalems eine Proklamation an die infolge dieser Neuregelung entlassenen arabischen Arbeiter, w׳orin diesen auseinandergesetzt wird, daß die jüdischen Arbeiter ihren Anteil an der Arbeit gefordert haben, weil die jüdischen Steuerzahler den größeren Teil der Einnahmen für diese Arbeit beistellen. Es läge aber — so wird hinzugefügt — der Jüdischen Arbeiterorganisation fern, die Rechte der arabischen Arbeiter antasten zu wollen, vielmehr werde auf eine Zusammenarbeit zwischen Jüdischen und arabischen Arbeitern größter Wert gelegt. Die Proklamation warnt die arabischen Arbeiter, der kommunistischen Propaganda Glauben zu schenken, die mit dem Argument operiert, daß die jüdischen Arbeiter die arabischen Arbeiter von ihren Arbeitsplatzen verdrängen wollen. . Das Ergebnis der Vorhandlungen wird als ein großer Erfolg der Jüdischen Arbeiter- Organisation und der Jewish Agency in ihrem Kampf um die Durchsetzung eines entsprechenden jüdischen Anteils bei öffentliehen Arbeiten betrachtet. ln aller Kürze Die Jewish Agency in Jerusalem teilt mit, daß der High Commissioner den Argumenten Dr. Arlosoroffs betreffend Erhöhung der Regierungssubvention für das hebräische Schulwesen der Jewish Agency zugestimmt und den Schatzmeister angewiesen hat, gemeinsam mit Dr. Arlosoroff die Frage einer neuerlichen Prüfung zu unterziehen. Anläßlich des Jahrestages des Ausbruchs der August- Unruhen im Jahre 1929 fanden in ganz Palästina Gedenkgottesdienste für die Opfer der Unruhen statt. Der rumänische. Ministerpräsident, Vaida-Voevod, empfing die Mitglieder des jüdischen Parlamentsklubs Dr. Mayer Ebner, Dr. J. Fischer, Dr. M. Landau und Dr. E. Marton, sowie den Generalsekretär der jüdischen Partei Dr. S. Stern in längerer Audienz, in deren Verlauf die Nöte der jüdischen Bevölkerung Rumäniens und deren dringendste Postulate besDrochen wurden Der Frankiurlcr Deleglerlcnfag Von Kurt BI u m e 11 f e 1 d Ist es nötig, unsern Freunden die Tragweite und Bedeutung des bevorstehenden zionistischen Delegiertentages besonders ins Bewußtsein zu rufen? Wir hatten in der Geschichte des deutschen Zionismus noch keine Tagung, die unter so eigenartigen Umständen zusammengetreten wäre und so unmittelbare Verantwortungen zu tragen hat. Muß man da noch ausdrücklich sagen, daß wir gerade diesmal die Mitarbeit aller Gesinnungsgenossen brauchen, daß trotz äußeren Schwierigkeiten die deutschen Zionisten sich in großer Zahl in Frankfurt versammeln sollen? Fast scheint es, als ob die innere Anteilnahme gerin׳ ger wäre als sonst. Die vom Landesvorstand angenommene komplizierte Wahlordnung, die für jede größere Ortsgruppe Proportionahvahlrecht vorschreibt, ist nirgend zur Anwendung gekommen. In allen Orten haben die verschiedenen Gruppen sich auf eine Einheitsliste geeinigt. Es hat sich gezeigt, daß nur sensationelle politische Ent- Scheidungen oder Personalfragcn imstande sind, Wahlkämpfe zu erzeugen. Dabei ist der Gegenstand, der als erster Punkt auf der Tagesordnung des Delegiertentags steht, von brennender Aktualität. Wir haben als deutsche Juden unsere Beziehungen zu unserer Umwelt zu klären, uns über die veränderten äußeren Bedingungen unseres Lebens in Staat und Gesell- Schaft Rechenschaft zu geben. Wir wissen, daß dies mit innerer Konsequenz und Wahrhaftigkeit nur in zionistischein Geist geschehen kann. Obwohl die zionistische Bewegung nur einen Teil des deutschen Judentums darstellt, ist ihre Haltung doch von größter Bedeutung. Sie ist dem ganzen jüdischen Volk eindeutig verbunden, sie allein tritt mit dem Anspruch auf, die jüdische Lösung der Judenfrage herbeizuführen. Der größere Teil der nichtjüdischen Welt hat heute die Ueberzeugung gewonnen, daß die!t.nushr. jj|läfl.4«reh I.--_4: . •. . . .. : kgJfHCWtj sehen Konstellation entstanden sind und deren Vorsteilungsweit im Grunde mit der Idee eines nur privaten Judentums verknüpft ist, das im öffentlichen Leben weder eine Rolle zu spielen habe noch spielen dürfe. Nicht nur die programmatisch antisemitischen Nationalsozialisten fragen heute nach der durch Abstammung und Schicksal bestimmten Sonderart des Menschen, auch in ganz an deren Kreisen wird die Judenfrage neu gestellt. Die zionistische Auffassung findet bei manchen Verständnis, aber auch viel Mißverständnis. Wir haben unsere Grundhaltung zu überprüfen und in ihren praktisch-politischen Konsequenzen zu bestimmen. Das ist eine Aufgabe, die in die Lebenssphäre des ganzen deutschen Judentums hineinreicht. Wir verlangen von den Nichtzionisten eine Neuorientierung, aber wir können nur hoffen, daß diese neue Orientierung in unserem Sinne erfolgt, wenn wir selbst überzeugend zu zeigen vermögen, wie es um die Juden in Deutschland und in der Welt bestellt ist. Die Annahme, daß die Verschlechterung unserer Lage, der politische und wirtschaftliche Druck, dem wir ausgesetzt sind, allein ausreichen, um die Solidarität der Juden zu befördern und um die Einheit der Weltjudenheit allmählich herzustellen, ist nach allen Erfahrungen trügerisch. Unerträglicher Druck gibt dem Einen eine aufrechtere Haltung, veranlaßt den Anderen erst recht zu sklavischer Anpassung an die Umgebung. Wir Zionisten wissen, daß der Ruf ״Nieder mit den Juden“, der Herzl zum Zionisten machte, auf andere Juden die entgegengesetzte Reaktion erzeugte. Heute können wir sehen, daß Juden ihr Schicksal nicht nur mit dem Aufstieg sozialrevolutionärer Bewegungen zu verbinden suchen, genau so wie sie einmal ihr Heil, die Lösung der Judenfrage, vom Liberalismus erwarteten. Es gibt auch, vielen Zionisten unbekannt, in ziemlich beträchilichen jüdischen Kreisen jene verstärkte, primitive Assimilationstendenz, die uns seit jeher vertraut war. Mit Hilfe von eng anliegenden Scheuklappen und von gefärbten Brillen weicht man dem Blick auf die Wirklichkeit aus, durch Isolierung und Trennung von der eigenen Gemeinschaft hofft man sich selbst ein besseres Sonderschicksal zu bereiten. Aber auch in der Menge derer, die nicht gewohnt sind, ihr Judentum zu verstecken, weiß man nicht genau, was gesagt und was gefordert werden soll. Der Delegiertentag der Z.V.f.D. steht also vor einer überaus wichtigen Aufgabe. Es kommt darauf an, alle Erkenntnisse und praktische Lebenserfahrung unserer Freunde aus allen Teilen des Reiches nutzbar zu machen. Daher sollte diese Tagung von Zionisten besonders stark besucht werden, auch wenn dieser Besuch mit materiellen Opfern verknüpft ist. Auf unseren Zusammenkünften kommt es nicht nur auf die Delegierten an, wir fülllen uns, Delegierte und Gäste, in hohem Maße als Einheit und dieses Gefühl verantwortlicher Verbunden-

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