Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 69 (30.8.1932)
- Date
- 1932-08-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 69, 30. VIE 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Sette 333 ) Aus der Jugendbewegung Wir haben in diesen Tagen eine Aniahl von Berichten ans der I zionistischen Jugendbewegung erhalten. Da wir glauben, daß die Vor- I ginge in der zionistischen Jugendbewegung für die zionistische I Oeffentlichkrit, die darüber nur mangelhaft informiert ist, von | großem [nieresse sind, gehen wir diese Berichte nachstehend gekürzt wieder, wobei beachtet werden muß, daß die Vertreter der einzelnen Bünde für ihre eigene Organisation sprechen und daß die Redaktion zu dem Inhalt der Berichte keine Stellung nimmt. Red. Ein Jahr Briih Haolim Die jüdische Jugend heute. Nicht das zahlenmäßige Anwachsen des Bundes allein — der Bund hat im letzten Jahre seinen Mitgliederbestand immerhin um etwa 30 ס/י׳ vergrößert —, sondern seine innere Konsolidierung, sein Kampf um Geschlossenheit in erzieherischen und ideologischen Fragen sind kennzeichnend für die letzte Etappe des Bundesweges. Stellung zur deutschen Politik. Die politische Entwicklung in Deutschland stellte uns vor eine Reihe neuer Probleme, Die Bundesratssitzung am 4. bis 7. August (in Berlin) gab uns die Möglichkeit, einen Uebcrblick zu gewinnen. Gerade in dieser Zeit auf das Aeußerste verschärfter, ins Riesenhafte angewachsener Gegensätze liegt für den jüdischen Menschen die Versuchung näher denn je, den Pflichtkreis seiner nationalen Gemeinschaft zu verlassen. Gerade heute könnten Menschen der chaluzischen Jugendbewegung vergessen, daß unsere Ideologie nicht Summe, sondern Synthese zweier Gedankenreihen ist. Sie könnten den Versuch unternehmen, unsere Ideologie in ihre Bestandteile zu zerreißen. Die Losung ״Sei Jude drinnen, Mensch draußen!“ könnte in der modernisierten Form: ״Sei Zionist int Bunde, Sozialist auf den Barrikaden!“ wieder erstehen. Die Ausspräche im Bundesrat hat von neuem gezeigt, daß eine derartige Zweiteilung unmöglich ist. Es darf keine Ideologien im luftleeren Raume geben, es darf auch keine Ideologien geben, in denen von ihren Trägern und von ihrer soziologischen Stellung einfach abstrahiert wird. Wir sind keine Sozialisten ״an sich“. Es gibt gar keine Sozialisten ״an sich“; jeder Sozialist ist durch die nationale Basis seines Seins bestimmt. Das bedeutet r die Aufgabe eines Sozialisten ist, den Klassenkampf seines Proletariats führen. Diejenigen, die die in'.eriiationale Solidarität mit einer andersnationalen Betätigung verwechseln, verwechseln eine integrale Notwendig* keit des sozialistischen Befreiungskampfes mit einer von vornherein zur Unfruchtbarkeit verurteilten Wirkungsweise. Ausgehend von dieser Anschauung, hat der Bundesrat nunmehr den Beschluß des Bundestages 1928 insofern der egenwärtigen Lage angepaßt, als er nicht nur die Zugehörig־ eit zur K. P. D., sondern auch die Zugehörigkeit zur R. G. O. und zur ״Antifaschistischen Aktion“ für seine Mitglieder ablehnte. Diese Resolutionen stehen in einer gewissen Parallele zu )S1(ejnem anderen Beschlüsse des Bundes, der auf die Inkonseqiienz einer gleichzeitigen Zugehörigkeit unserer Menschen zum Bunde und zur S. J.V. biw. S. A.J, hinwies. Dieser Beschluß wurde weniger aus politischen Gründen gefaßt als aus der Erkenntnis heraus, daß Jugendbünde, wenn sie ihr Erziehungsziel erreichen wollen, den Menschen ganz erfassen müssen. Wir bereiten unsere Menschen zum persönlichen Einsatz im Kampf um die Verwirklichung des zionistisehen Sozialismus vor, und sie können darum nicht in einer Jugendbewegung sein, die zum Kampf für den deutschen Sozialismus erzieht, so wie sie auch nicht Organisationen angehören können, die die Berechtigung des zionistischen Sozialismus verneinen. Zionistischsozialistisches Parteiwesen. Wichtige Veränderungen im zionistisch - sozialistischen Parteiwesen (Gründung der S. J. A. J., Ichud der Weltverbände Poale Zion und Hitachduth) brachten es mit sich, daß die Diskussion über diese Dinge auf unserer Bundesratssitzung aufgerollt wurde. Es wurde uns die große Bedeutung der Vereinigung der zionistisch-sozialistischen Parteien klar, und darum glaubten wir, daß cs mit die Aufgabe der jüdischen Jugend sein müsse, an dem Aufbau der Vereinigten Partei regen Anteil zu nehmen; wir erkannten jedoch, daß es für den Bund von einer sehr großen Schwierigkeit sein würde, parteipolitische Betätigung mit chaluzischer Erziehungsarbeit zu verbinden. (Andererseits stehen wir auf dem Standpunkt, daß ein zionistisch-sozialistischer Jugendbund lebensunfähig und lebensunberechtigt ist, wenn er auf Chaluziuth als Erziehungsziel verzichtet.) Darum begrüßen wir die Gründung der S. J.A. J. insoweit, als sie sich die Aufgabe stellt, jüdische Jugend in einem Alter, in dem sie den erzieherischen Einflüssen eines Jugendbundes nicht mehr recht zugänglich ist, zu erfassen und ihre jugendliche Aktivität für eine innere Regeneration der Partei auszunutzen. Neue Formen in der Bundeserziehung. Die erzieherische Einheit des Bundes stellt die Kwuzah dar, d. h. eine Gruppe von 8—10 Menschen; Kwuzoth, die Mensehen ungefähr desselben Alters umfassen, werden zu einer Schichwan zusammengefaßt. Die erzieherische Tätigkeit dieser Schichwah wird von Scliichwah-Führerschaften geleitet. An den Führerschaften, die sich sowohl über theoretische als auch über praktische Erziehungsfragen auseinandersetzen, neh* inen alle Kwuzah-Fiihrer teil. Die Einrichtung dieser Führerschatten hat viel dazu beigetragen, die resümierende Tätigkeit der Führerlager zu erleichtern. Heute ist man schon soweit, daß mau zum ersten Male den Versuch unternimmt, einen konkret allsgearbeiteten Ein-Jahresplan für die Bundesarbeit aufzustellen. Die Tätigkeit eines Jahres soll unter eine bestimmte Parole gestellt werden und in eine große Bundesaus- Stellung, die den Niederschlag der Jahresarbeit darstellt, münden. Auch an äußeren Formen ist der Bund viel reicher geworden (Bundeskarte, Bundesnadel, Bundeskleidung, Bundes- . fahne. Kwuzah-Wimpel). Es ist selbstverständlich, daß diese Bundesformen erst nach Klärung der Erziehungsinhalte des Bundes geschaffen werden konnten. Erziehungsinhalte. Den Mittelpunkt der Erziehungsarbeit des letzten Jahres stellte die jüdische Erziehung dar. Es scheint, daß wir auf diesem Gebiete viele Erfolge erzielt haben, die wir nicht zuletzt dem sehr schönen Referate von Herrn Dr. Landauer (ge- Halten im Mai 1932 in Wurzen) verdanken. Mehr als je haben wir im letzten Jahre empfunden, daß es nicht nur darauf ankommt, Menschen heranzubilden, die wissen, was sie tun sollen, sondern die auch fähig sind, ihre Erkenntnisse zu realisieren. Deswegen war es uns wichtig, rein menschliche Fragen wie die Frage der Beziehungen zwischen Jungen Mensehen verschiedener sozialer Schichten und die Frage der Be- Ziehungen zwischen Jungen und Mädchen einer pädagogischen Lösung entgegenzuführen. Bund und H e c h a 1 u z. Je mehr neuere Kreise — seien es Chawerim aus anderen Bünden, seien es Unorganisierte — dem Hechaluz beitraten (eine Entwicklung, die durchaus zu begrüßen ist), desto mehr schwand die frühere Identität von Hechaluz und Britli Haolim. Der Hechaluz begründete in den Städten Snifc-Hechaluz, die auch ganz besonders für die sonst nicht organisierten Stamchaluzim bestimmt waren. Es bestand die Gefahr, daß die Verbindung zwischen Hechaluz und Bund sich lockerte. Der Bundesrat hat seine Auffassung, die die Auffassung des gesamten Bundes ist, in folgenden Resolutionen niedergelegt: ״Der Bundesrat begrüßt die Wirkung der erzieherischen und praktischen Arbeit des Hechaluz, der einzigen einheitliehen Organisation aller CHaluzim, auf die chaluzischen Judcndbünde. Der Bundesrat hält die Schaffung der Snifim für eine der wichtigsten Aufgaben des Hechaluz und verpflichtet die Chawerim des Bundes, sich aktiv an der Schaffung der Snifim und an ihrer Arbeit zu beteiligen. Der Bundesrat hält es für richtig zu betonen, daß er von den Chaluzim des Bundes erwartet, daß sie sich den zwingenden Erfordernissen der Hachscliarah im Rahmen des Hechaluz unterordnen.“ Auch weiterhin ist der Brith Haolim bereit, die volle Vcrantwortung für den Hechaluz zu tragen, was insbesondere in der vollen Mitarbeit unserer Chawerim in den Snife-Hechaluz zum Ausdruck kommt. Organisatorisches. Hand ir! Hand mit der inneren Fortbildung ging auch eine äußere Stärkung des Bundes. Bestehende Agudoth haben sich vergrößert, neue (wie Düsseldorf, Elberfeld, Bochum, Erfurt) sind hinzugekommen. Dadurch ist der Mitgliederbestand des Brith Haolim (ohne seine ca. 300 palästinensischen Chawerim) im letzten Jahre auf etwa 1500 Chawerim und Chaweroth angewachsen. Dadurch hat der Bund eine zahlenmäßige Größe erreicht, die er seit Jahren nicht aufweisen konnte. Von den Chawerim des Bundes befinden sich gegenwärtig 325 auf Hachscliarah. Entsprechend der Vergrößerung und den wachsenden Aufgaben des Bundes hielt es der Bundesrat auch für notwendig eine aus fünf Chawerim bestehende Bundesleitung zu wählen Der Bundesleitung gehören an: Heini Charas, Leo Leibmann, Fritz Lichtenstein, Georg Pape, Leo Steinberg. Ichud der chaluzischen Jugendbünde. Große, entscheidende Teile der chaluzischen Jugendbewegung (Haschomer Hazair (n. z. ch.)*), Hechaluz Hazair, Kadimah, Brith Haolim) haben sich zum Ichud bereit erklärt, und wir gehen jetzt der entscheidenden Zeit entgegen, in der dieser Beschluß verwirklicht werden soll. Der Bundesrat hat hierüber folgende Resolutionen gefaßt: ״Der Bundesrat begrüßt die rege Anteilnahme der Bundes- Ieituttg an den Bemühungen zur Vereinigung der zionistischsozialistischen chaluzischen Jugendbünde. Er nimmt mit Genugtuung davon Kenntnis, daß auf dem Wege zu diesem Ziele in den Beratungen von Danzig und Borohradek Grundlagen zur Vereinigung der Bünde Hechaluz Hazair, Haschomer Hazair (n. z. ch.), Kadimah und Britli Haolim gelegt worden sind, und betont den besonderen Wert des Ichud für die chaluzische Bewegung in Deutschland.“ ״Der Bundesrat erblickt in der inneren Bereitschaft der Bünde zu einer ideologischen und erzieherischen Synthese eine Vorbedingung für das Gelingen des Ichud. Er erhofft im Rahmen des Ichud eine gegenseitige innere Durchdringung und fruchtbare Wechselwirkung der Eigenwerte der sich vcr* einigenden Bünde. Gleichzeitig ist der Bundesrat sich dessen bewußt, daß die Welt-Organisation nur geschaffen werden kann, wenn jeder der daran beteiligten Bünde bei sich die psychologischen Voraussetzungen für einen Zusammenschluß auf neuer Basis schafft und um des gemeinsamen Zieles willen die Grenzen hündischer Tradition und Eigenliebe überwindet.“ Wir sind davon überzeugt, daß der Ichud nur werden wird, wenn die Bünde bereit sind, in die vereinigte Organisation ihre Eigenwerte, soweit sie befruchtend sind, hineinzutragen, aber auch entschlossen sind, sich nicht in kurzsichtigem Bundesegoismus an Bundestraditionen zu klammern, die unwesentlich und hinderlich sind. Wir gehen einer ganz neuen Situation entgegen. Dies ist wohl der letzte Bericht über ,,Ein Jahr Bund", in dem der Bund als isolierte Einheit figuriert. Hierin liegt die Hauptbedeutung dieses Jahres. Leo Lcibmann — Leo Steinberg. Der Weg des ״Kadimah“ Wer die Geschichte der jüdischen Jugendbewegung in Deutschland ein wenig kennt, wird sich erinnern, daß der ״Kadimah“ aus einem Zusammenschluß der Reste des ״Blau- Weiß“ mit den verhältnismäßig kleinen Bünden ״Ring jüdischer Wanderbünde“ und ״Bund jüdischer Pfadfinder“ hervorgegangen ist. ״Im Schatten des Blau-Weiß“ ist der ״Kadimah“ entstanden und das zusammcnhaltcndc Band war damals — 1926 — der Wunsch, ״hündisch“ zu arbeiten und doch die Fehler des ״Blau-Weiß“ zu vermeiden. Der Bund gab sich deshalb im betonten Gegensatz zum ״Blau-Weiß“ ein unpolitisches Programm. Er konstituierte sich als unpolitischer Jugendbund mit reinen Erzichungsaufgabe'n. Die überwiegende Mehrzahl der Führer bezeichnete sich zwar als Zionisten, faßte es aber nicht als Aufgabe des Bundes aut, die Jugend zionistisch zu erziehen. Man,wollte die Jungens und Mädchen in das jüdische Leben einführen, sie hebräisch und jüdische Geschichte lernen lassen, sie mit den Hauptproblemen des modernen Judentums vertraut machen, aber die sogenannte ״freie Entscheidung“ sollte jedem Einzelnen Vorbehalten bleiben. Man kann sich vorstellen, daß ein Jugendbund, der so- Zusagen programmatisch die Grundfragen des Lebens nur zeigen und nicht lösen wollte, nicht sehr attraktiv wirken konnte. Eine Vorstellung, daß man auf einem derartig weiten und unkonkreten Programm die jüdische Jugend in!Deutschland in einem Riesenbunde erfassen würde, erwies sich als irrig. Im Gegenteil: Man verlor viele seiner besten Menschen an andere Lager, zum geringen Teil an den chaluzisch-zionisti- *) Minderheit des Haschomer Hazair, die auf der Welt- Konferenz in Vrutky 1930 aus dem Gesamtbunde austreten mußte und sich als selbständige Weltorganisation konstituierte, scheu Brith Haolim, mehr an die sozialistische und kommt!- nistische Bewegung, wo man mehr Leben fand, als in den unaktuellen, akademischen Diskussionen des ״Kadimah“. Es zeigte sich weiterhin, daß es in Wahrheit nur einem' Teil der Gruppen mit der hebräischen und jüdischen Arbeit Ernst war, während ein großer Teil der sogenannten ״Pfadfinderschaft“ des Bundes in Betrieb, äußerlichem Scouting und Fahrtenleben aufging. Es war kein Zufall, daß es die zionistischen Gruppen des Bundes waren, die die jüdische und hebräische Arbeit konsequent durchführten. Aber auch die zionistische Arbeit dieses Bundesteiles war nicht sehr erfolgrcich. Man rieb sich in dauernden Auseinandersetzungen mit Nicht-, Halb- und Vorbehaltszionisten auf und verab* säumte es, den eigenen Weg einer zionistischen Verwirk- Iichung zu gehen. Nach langen inneren Kämpfen und nach dem Uebcrtritt eines Teiles des Bundes in das neutrale Lager des ״Reichsverbandes der jüdischen Jugendbünde“ nahm der ״Kadimah“ auf seinem vorletzten Bundestag in Dessau eine zionistische Resolution an, durch die er sich in die zionistische Bewegung einreihte. Man kann rückblickend feststellen, daß mit diesem" Bundestag eine neue Epoche in der Entwicklung des Bundes begann, die Epoche der zionistischen Verwirklichung; jetzt bestand die Hauptaufgabe darin, die gefundenen zionistischen Erkenntnisse in das Leben des Bundes und die Menschen des Bundes umzuseWn. Man bemühte sich um einen lebendigen Zusammenhang mit Erez Israel und der zionistischen Bewegung. Man fand Mitarbeiter aus der Jugend- und Arbeiterbewegung in Erez Israel, die viel dazu beitragen konnten, dem Bunde ein neues Gesicht zu geben. Als wichtigste Erscheinung dieser letzten Epoche der Bundesarbeit ist die Tendenz zur Chaluziuth hervorzuhebeti. Diese Tendenz und die Tatsache, daß ein Teil der Mensehen sich durch die Hachscharah bereits praktisch in die Arbeiterschaft cinordncte und viele andere sich innerlich darauf vorbereiteten, führte dazu, daß die Fragen der Arbeit, der Arbeiterbewegung und des Sozialismus besonders für die zionistisch fortgeschrittensten Gruppen in den Mittelpunkt des Nachdenkens rückten. Freilich trat der Sozialismus auch auf ganz andere Weise in den Vordergrund des Interesses. Ich meine damit die politische Entwicklung in Deutschland, die heute junge Menschen schon sehr früh zu einer politischen Stellungnahme zwingt. Hier kann man fast von einer zwangsläufigen Entwicklung zum Sozialismus sprechen; denn die nicht-sozialistischen Richtungen der katholischen Mitte und der antisemitischen nationalen und nationalsozialistisehen Rechten scheiden für den jungen Juden doch von vomherein aus. Hier liegt auch die Gefahr der neuen, viel-, genannten ״roten Assimilation“, die dann eintrat, wenn der Sozialismus isoliert von der jüdischen Problematik betrachtet wird. Diese Darstellung wird vielleicht deutlicher werden, wentl über einige Teile der letzten Bundestagsdebatten kurz referiert wird. Der erste Tag brachte ein Referat, in dem versucht wurde, die zionistische Entscheidung nicht, wie bisher, nur aus der kulturellen Lage der Juden allein abzuleiten, sondern aus der sozialen und ökonomischen Situation in Deutschland. Das Referat brachte auch eine Auseinandersetzung mit Gedankengangen des I. P. D. und der ״Kameraden“ hinsichtlich der Bedeutung der Golah und grenzte sich zwar gegen den Klatzkiiischen Standpunkt klar ab, zeigte aber, daß es nicht Aufgäbe des Bundes sein könne, seine Arbeit auf die Galuth zit Konzentrieren, wenn er erkenne, daß die Erneuerung des jüdisehen Lebens von Erez Israel ausgehen werde. Es wurde deshalb eine Konzentration der Kraft auf Erez Israel gefordert und verlangt, daß der Bund und die Menschen des Bundes hierauf ihre Arbeit richten müßten und sich an den zahlreichen auch von uns als wichtig anzusehenden jüdischen und außerjüdischen Aktionen nur in Ausnahmefällen beteiligen dürften. In der Diskussion wurde an dem Referat sehr heftig und unter Verkennung seines Zwecks das Fehlen einer kulturellen Fragestellung kritisiert. Wenn diese Angriffe auch sachlich' nicht berechtigt waren, so zeigten sie doch deutlich, daß die Jugend des ״Kadimah“ im stärksten Maße auf Grund einer ״kulturellen“ Entscheidung zu jüdischem Leben den Weg zurrt Zionismus findet, und daß für sie der Zionismus weit mehr ist als ein ״großzügiges Transportunternehmen“. Der Wille, zu neuen jüdischen Lebensformen zu kommen, ist in vielen Teilen des Bundes sehr ernst und lebendig. Eine Ueberraschung für viele war es, daß sich bei der! Diskussion über das Referat ״Bund und _ Sozialismus“ der ganz überwiegende Teil der Chawerim zu einer sozialistischen Anschauung bekannte und nur wenige dissentierten. Und auch von diesen erklärte ein Teil, daß sie sich mit diesen Fragen überhaupt noch nicht auseinandergesetzt hatten. Diese vielprophezeite Entwicklung im ״Kadimah“ ist unter dem Druck der politischen Verhältnisse in ungeheurer Schnelligkeit eingetreten. Die Diskussion bewies, daß über viele Teilfragen des Sozialismus noch große Unkenntnis und Uneinigkeit herrscht. Daß die Diskussion über die Beteiligung an sozialistischen Aktionen keineswegs eine akademische, sondern eine sehr reale Bedeutung hatte, zeigte eine sehr leidenschaftliche Debatte, wo gegenüber der fliese einiger Berliner Chawerim, die eine individuelle Beteiligung jedes einzelnen Kadimahmitgliedes an Aktionen der deutschen Arbeiterschaft forderte, sehr deutlich die Gefahr eines Untergehens in für uns nicht zentralen Arbeiten gezeigt wurde. Diese Frage wird noch in den nächsten Diskussionen des Bundes eine Rolle spielen. Einfn wichtigen Platz in den Diskussionen im Kreise der Aelteren nahm die Frage des Ichud (Vereinigung) ein. Hier ging es um die Frage, ob der ״Kadimah“ auf eine enge Zusammenarbeit mit ähnlich gerichteten Bewegungen Mittelenropas und Osteuropas hinstreben solle. Prinzipiell sprach sich hier der Bund für eine Kooperation aus. Freilich muß erst das Zusammentreffen mit diesen Bewegungen zeigen, wieweit eine reale Basis für eine wirklich enge Zusammenarbeit besteht. Eine Einleitung dieses Kenneiilernens bedeutet zweifellos die Veranstaltung des Kadimahlagers im Rahmen der Jüdischen Jugendrepublik des tschechoslowakischen Techeleth Lawan. Man muß auch hier sehen, daß der Wille zur zionistischen Zusammenarbeit der Jugendbewegungen mehrerer Länder eine zionistisch sehr bedeutsame Tendenz; ist, die für das spätere Leben im Lande wertvoll werden kann. Da das Lager aus politischen Gründen nicht in Deutschland stattfinden konnte, mußte leider ein großer Teil der Chawerim %aus den entfernt liegenden Orten wegblciben. Dennoch faßte der Bundestag und das ihm vorangehende Lager Menschen aus fast allen Ortsgruppen des ״Kadimah“ zusammen. Die innere Geschlossenheit des Bundes hat zugenommen, und man gewann den Eindruck, daß der Bund heute in einer aufsteigenden Entwicklung steht. In allernächster Zeit wird bereits eine Erziehungskonferenz aller in Betracht kommenden Bünde stattfinden. Josef Horovitz.