Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 69 (30.8.1932)
- Date
- 1932-08-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 332 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 69, 30. VIIT. 1932 Von ähnlichen Irrtümern getrübt ist Blumenfelds Dar- Stellung der A. - C. - Diskussion über die transjordänische und die arabische Frage. Gewiß hat Arlosoroff sich in einer Nebenbemerkung egen eine ungeschickte Behandlung der transjordanischen rage gewandt. Aber keineswegs wurde, wie Blumenfcld erklärt, ״der Gegensatz in der politischen Methode, der in den letzten Jahren unsere innerzionistischen Diskussionen beherrscht hat“, bei der Behandlung dieser Frage ״besonders deutlich“. Das A.-C. hat diese ,,Methode“ überhaupt nicht diskutiert, es herrschte jedoch diesmal allgemeine Ueberein- Stimmung darüber, daß das Problem aufgerollt werden müsse, nachdem cs jahrelang geruht hatte und dann vom Revisionismtis als Teil des revisionistischen Programms (״zu beiden Seiten des Jordan“) wieder in den Vordergrund gestellt worden war. Die Ereignisse der beiden letzten Jahre, das drohende antizionistische Kolonisationsregitne, die Aufrollung der. Bodenfrage in Palästina haben numehr die ganze zionistische Bewegung dahin gebracht, die Einbeziehung Trans- Jordaniens in jeden größeren Kolonisationsplan zu fordern. Damit hat sich der revisionistische Standpunkt durchesetzt. Wie immer in solchen Fällen werden diejenigen, die iesen revisionistischen Programmpunkt seinerzeit bekämpft oder verhöhnt haben, den Beweis zu führen versuchen, daß diese Forderung, jetzt und so erhoben, etwas ganz anderes als die seinerzeitige revisionistische Forderung sei. Mir geniigt es, daß nach Sokolow in Amerika (der sich damit scharfer Kritik aussetzte) Weizmann in Südafrika und bei der Agency-Tagung in London die Einbeziehung Transjordaniens öffentlich forderte. Ich weiß nicht, worin sich hier ein ״Unterschied der Methode“ dokumentieren soll: lieber die Einzelheiten des wann und wie hat noch keinerlei Erörterung stattgefunden. Freilich hat Arlosoroff auf einen bestimmten Weg verwiesen, der von anderen, darunter auch von mir, nicht für den allein richtigen gehalten wurde. Aber er hat sich auch der von uns gelieferten ergänzenden Argumentation nicht verschlossen und auf eine sehr präzise Frage von mir geantwortet, daß die Aufrollung des Transjordan-Problems als Teil eines Kolonisationsplans und im engsten Zusammenhang mit den nächsten politischen Schritten erfolgen müsse. Ich bin hiermit zufrieden und mehr kann Blumenfeld doch nicht verlangen. Vielleicht wird noch einmal ein ״Methodenstreit“ über die Behandlung der Transiordanfrage ausbrechen — auf dieser A.-C,-Sitzung hat er jedenfalls nicht die Rolle gcspielt, die Blumenfelds Darstellung ihm zuweist. Völlig unbegreiflich ist mir auch seine Behauptung, daß es ״noch vor sehr kurzer Zeit unmöglich gewesen wäre“, das arabische Problem ״in so selbstverständlicher Weise in einer leitenden zionistischen Körperschaft zu behandeln“. Wenn ich auch Blumenfeld zugute halte, daß er als Anbänger Weizmanns eine besonders schlechte Meinung von den ״leitenden zionistischen Körperschaften“ hat, so ist dieser Vorwurt wirklich völlig aus der Luft geholt. Die arabische Frage ist schon sehr oft und sehr gründlich im A.-C. diskutiert worden. Wenn sich nun Blumenfeld zu der Behauptung versteigt, daß ״Vertreter von Gruppen, die früher schon bei Erwähnung der Araber-Frage nervös wurden“, diesmal Reden gehalten hätten, ״die bisher — durchaus mit Unrecht — als ,brithschalomistisch‘ oder geradezu ,antizionistisch‘ abgetan worden waren“ — so muß ich sagen, daß ich überhaupt nicht begreife, wovon Blumenfeld redet. Ich habe es geradezu als befreiend empfunden, daß auf dieser A.-C.-Tagung bei der Behandlung des arabischen Problems keinerlei Reden gehalten wurden, die als ״brith-schalomistisch“ — mit Recht oder Unrecht — aufgefaßt werden konnten. Offenbar hat die Erfahrung und eine nüchternere Betrachtung unserer politischen Lage jene Rhetorik beseitigt, die wir früher als ״brith-schalomisfisch“ bezeichneten. Mögen einzelne Mitglieder der Exekutive noch an der Weizmannschen ״Paritätsformel“ vom letzten Kongreß festhalten — auf dieser A.-C.-Tagung hat dieses brith-schalomistische Formehvesen, dessen blutlose Unlebendigkeit längst durchschaut ist, gar keine Rolle gespielt. Geber die Bedeutung des arabischeil Problems sind sich alle zionistischen Gruppen einig — allen voran, die revisionistische. In der Behandlung des Problems bestehen Meinungsverschiedendenheiten — aber sie kamen, vorsichtig ausgedrückt, auf dieser A.-C.-Tagung weniger zum Ausdruck als je zuvor — und zwar nicht wegen der Hinwendung irgendwelcher Gruppen zum Brith-Schalomstandpunkt, sondern gerade wegen der praktisehen Liquidierung dieses Standpunktes. Auf die Darstellung der wirtschaftlichen und organisatorisehen Diskussion des A.-C. will ich nicht weiter eingehen. Es wäre auch hier manches Berichtigende zu Blumenfelds Ausführungen zu sagen. Seine Darstellung der politischen Haltung des A.-C. konnte jedoch nicht unwidersprochen bleiben. Polygamie bei den Jemeniten? Ein angesehener jemenitischer Jude Palästinas klagte vor dem rabbinischen Appellationsgericht gegen seine Frau auf Scheidung wegen Ungehorsams, weil sie sich seinem Plane, eine zweite Frau zu heiraten und ins Haus zu nehmen, widersetzte. Er führte an, daß ihm, als Orientjuden, das Recht zustehe, mehr als eine Frau zu haben. Der Advokat Dr, B. Joseph, der im Aufträge des Zentralkomitees der Jewish Women’s Equal Rights Association die beklagte Ehefrau vertrat, wies darauf hin, daß das Vorgehen eines in der jemenitischen Gemeinde so einflußreichen Mannes auf andere Jemeniten als schlechtes Beispiel wirken werde. Dem Urteil des rabbinischen Gerichtes wird mit großem Interesse c.ntfjfefrEngesehen. Die Jewish Women’s Equal Rights Association fordert von der Regierung ein beschleunigtes Inkrafttreten der Gesetze, wonach die Heirat von Jugendlichen unter 16 Jahren verboten sein und Bigamie als ein Verbrechen bestraft werden soll. Statistik der Jewish Agency-Schulen. im Jahre 5692 erreichte die Schülerzahl an den hebräischen Schulen der Jewish Agency in Palästina eine Höhe von 23 145 gegenüber 22 533 im Vorjahre. Die vermehrte Schülerzahl rührte in der Hauptsache aus den Zentren des neuen Jischuw her. Demgegenüber verschlechterte sich der Zustand an den Plätzen des alten Jischuw, an denen entweder keine oder nicht genügend starke jüdische Gemeindeorganisationen bestehen. Die Zahl der jüdischen Schüler in sämtlichen Schulen des Landes betrug im Jahre 5690: 31418־ und im Jahre 5691: 34 154, sie vergrößerte sich also um 2736. Davon entfallen 1502 Schüler auf die Schulen der Jewish Agency und 1234 auf andere Schulen. Das Erziehungs-Budget betrug im Jahre 5692 £P. 109.443 (gegenüber £P. 132.847 i. J. 5691). Die Haupteinnahmequellen für dieses Budget waren: Jewish Agency £P. 40.000 (gegenüber £P. 77.785 i. J. 5692), Palästina-Regierung £P. 19.175, PICA £P. 5.500, Tel-Awiw £P. 18.200, Moschawoth £P. 4.785, Schulgeld £P. 12.350, Verzicht der Lehrer auf ein Monatsgehalt £P. 6.500, Haifa £P. 800, Waad Letimi (für die Gemeinde Jerusalem) £P. 600. Der Erziehungsabteilung der Jewish Agency unterstehen: 140 Kindergärten mit 180 Lehrern, 179 Klassen und 5163 Schülern; 110 Volksschulen mit 551 Lehrern, 516 Klassen und 15 587 Schülern; 5 Mittelschulen mit % Lehrern, 49 Klassen und 1529 Schülern; 4 Lehrerseminare mit 44 Lehrern, 18 Klassen und 403 Schülern; 3 Fachschulen mit 35 Lehrern, 23 Klassen und 359 Schülern; 3 verschiedene Werkschulen mit 11 Lehrern, 7 Klassen und 104 Schülers; insgesamt also 265 Institute mit 917 Lehrern, 792 Klassen und 23 145 Schülern, Man glaubt cs nicht, man verstellt es nicht s. n. Genf, 26. August. In Genf ist man skeptisch. Skeptisch wie ein Küchenjunge in bezug auf Hackbraten. Portiers, Kellner, Gepäckträger, Zeitungshändler und Taxichauffeure kennen die Großen dieser Erde von Angesicht zu Angesicht und wissen, daß diese Repräsentanten großer und kleiner Völker Sterbliche sind mit Fehlern und Schwächen wie der Schuster Dtibois oder der Budiker Lebon. Von den Zeitungsschreibern braucht man schon gar nicht zu sprechen. Diese Leute gucken direkt in die Töpfe, in denen die verschiedenen Speisen gekocht werden. Sie wissen ganz genau was, womit und für wen gekocht wird und sie kennen alle Ingredienzien, die den in ihrem Wesen schlechten und unverdaulichen Speisen Geschmack verleihen sollen. Diese Journalisten sind Skeptiker par exellence. Was soh man erst von dem großen Troß der Völkerbundsbeamten, den verschiedenen Agenten, Attaches, Sachverständigen und mit delikaten ״Missionen“ Betrauten sagen? Das sind nicht Skeptiker, sondern — man verzeihe das Wort, man lasse es aber ״stahn“ — Zyniker. Genf hat zwar seit Jahrhunderten eine eigene Stadtseele, aber diese Seele ist jetzt in einer Wandlung begriffen. Sie ist nämlich in das Kraftfeld des großen Genfer Magneten, des Völkerbundsbüros, geraten und die Wirkung dieses ״Kraft- Zentrums“ ist unverkennbar. Die Genfer sind Schweizer, also ohnedies nur sehr schwer zu emotionieren, überdies gleichen sie dem Gefolge eines Wunderrabbi — der Außenwelt gegenüber zugeknöpft; sie haben ein Geheimnis zu wahren, ein Geheimnis, das sie ernährt. Vielleicht sind sie darum, als Wissende um ein Geheimnis, wie die Mönche von Lourdes, so gar nicht leichtgläubig, wenn man ihnen was erzählt. Sie haben Erfahrung. Sie wissen, daß man stets zu irgendeinem Zwecke erzählt. Sie hören Bolivier und Paraguayer, Chinesen und Japaner und denken sich ihr Teil, nämlich, daß die Wahrheit auch nicht in der Mitte liegt. Vor dieser Genfer Gesellschaft hat nun die Jüdische Weltkonferenz ihr Herz über die Lage der Juden ausgeschüttet. In den offiziellen Reden mehr in allgemeinen Wendüngen; im privaten Verkehr mehr ins Detail gehend. Es sei festgestellt, daß man bei der Schilderung der jüdischen Situation in Deutschland wohl aufmerksame Ohren, aber skeptische Augen gelunden hat. Man hat nicht geglaubt. Die Journalisten glaubten nicht, die Herren von den Büros des Völkerbundes glaubten nicht, ja sogar die Genfer Juden glaubten nicht uneingeschränkt. Milde aber deutlich bekam man zu hören: ״Ja, ja, wir verstehen, Sic.schildern die Dinge so, weil Sie die Aufmerksamkeit auf sich lenken wollen. Aber, das alles wird doch nicht so heiß gegessen. Ihre antisemitischen Hetzer sind doch auch Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts. Man meint es sicherlich nicht so,• wie man redet und schreibt.“ Man zeigt den Zweiflern jüdische Zeitungen aus Deutschland mit den langen Listen von Ausschreitungen. Man verweist auf die amtlichen Wolft-Berichte; man macht auf die Meldungen der Schweizer Presse aufmerksam, die z. B. den Pogromartikel des Dr. Goebbels im ,,Angriff“ in umfangreichen Auszügen wiedergegeben habe. Und siehe, es geschieht ein Wunder: man beginnt zu glauben. Und nun kommt das zweite Stadium. Man versteht die ganze Sache nicht. Ein international bekannter Journalist ist schließlich aus einem Skeptiker ein Glaubender geworden. Den letzten Zweifel hat ihm der ״Angriff“-Artikel genommen. Und nun kam tags darauf die Nachricht: Der ״Angriff“ ist verboten wegen Verächtlichmachung der Regierung, wegen Schmähung, wegen und wegen — aber nicht wegen Aufforderung zu Pogromen und nicht wegen Autreizung gegen eine erkennbare Gemeinschaft. Das versteht der betreffende Journalist nicht. Wortlieh sagte er: ״Die Verbotsgründe sind geradezu ein Freibrief für antisemitische Pogrompropaganda. Warum hat das Berliner Polizeipräsidium es unterlassen, noch einen Grund, meinetwegen als letztgenannten, anzugeben, nämlich den Grund, daß zu Gewalttätigkeiten gegen eine Minderheit aufgefordert wurde?“ Dem Frager konnte keine Antwort gegeben werden. Aber diese Frage ließ einem schaudernd erkennen, woran man sich als Jude in Deutschland bereits gewöhnt hat. Man ist vogelfrei geworden, Gegenstand unausgesetzter Angriffe, rohester Beschimplungen und skrupelloser Bedrohung. Erst im Auslande, sozusagen vom jenseitigen Ufer, wird man dessen inne, wie schrecklich, wie häßlich, wie gemein und wie würdelos das alles ist. Zeitsdiriftenschau Die englische Monatsschrift ״Fortnightly Review“ bringt einen glänzend geschriebenen Aufsatz über ״Wandernde luden“ von C e c i 1 Roth, der sich mit dem Schicksal der einst vertriebenen spanischen Juden befaßt. Nach sehr interessanten historischen Untersuchungen kommt Roth zu dem Resultat, daß eine Rückkehr der in den Mittelmeerländern ansässigen Scphardim nach Spanien höchstwahrscheinlich nur in sehr geringem Maß stattfinden werde, so sehr man auch begreiflicherweise die romantische Tatsache, daß ein von seinen Tyrannen befreites Volk das vielhundertiährige Unrecht an den vertriebenen Juden gutmachen wolle, als Sensation empfinde und auswerte. Tatsächlich seien aber die Juden schon seit mehreren Jahrzehnten in Spanien stillschweigend wieder zugelassen gewesen und nicht im mindesten behelligt worden, ja, die spanische Regierung habe sich aus Griinden der Kulturpropaganda wie der Außenpolotik schon lange um die Sephardim bemüht; 1910 sei, besonders um dje Sympathien der marokkanischen Juden für Spanien zu gewinnen, die Allianza Hispano-Hebrea gegründet worden, und spaniolische Juden, die nach Spanien kamen, seien in Sa- Ions und wissenschaftlichen Vereinigungen sozusagen herumgereicht worden. Auch hätten schon seit Jahrzehnten in Madrid, Barcelona und Sevilla jüdische Gemeinden bestanden, mit Rabbinern, Synagogen und mehr oder weniger regelmäßigem Gottesdienst. Nichts außer ihrer eigenen Abneigung habe also die Juden daran gehindert, schon längst nach Spanien in größerer Zahl zurückzu kehren, aber obwohl die Sephardim in den letzten Jahrzehnten eine außerordentlieh starke Auswanderung aus ihren bisherigen Wohnsitzen auf dem Balkan (Saloniki!), in der Türkei und Nordafrika aufwiesen — wobei besonders die Balkankriege stark mitwirkten —, seien sie nicht nach Spanien, sondern zu Zehntausenden nach Paris und New York, sowie nach Lateinamerika, besonders nach Mexiko, Kuba, Chile und Argentinien gegangen, weil sie dort bessere Lebensbedingungen zu finden glaubten als in Spanien! Diesen Grund hält Roth aber auch in Zukunft für ausschlaggebend, und glaubt an keine nennenswerte Rückkehr der Juden nach Spanien, solange sich nicht die spanische Wirtschaftslage stark bessere. — Obwohl diese Ausführungen sicherlich gegenüber den Sensationsmeldungen und übertriebenen Erwartungen berechtigt sind, und man nicht vergessen darf, daß Spanien selbst eine starke Auswanderung hat, geht Roth in seinem Zweifel doch vielleicht zu weit. A. P. Bücherschau Palästina unter dem Mandat. Da gerade zehn Jahre seit der Bestätigung des Palästina-Mandates durch den Völkerbund vergangen sind, sei auf ein neues Buch hingewiesen, das darauf angelegt ist, ein ganz umfassendes Bild dieses zehnjährigen Geschichtsabschnittes zu entwerfen. Die Amerikanerin Fannie Fern Andrews hat Palästina bereist, ründlich alles relevante Material gesammelt und studiert, und at nun die Resultate ihrer Bemühungen in einem schoh äußerlieh imposanten, zwei dicke Bände füllenden Werk niedergelegt (״The Holy Land under Mandate“ 2 vol. Boston & New York,’ Houghton Mifflin Cy). Das Buch, das sei gleich vorausgeschickt, leidet an einer gewissen Weitschweifigkeir und mangelnder Gliederung. Es ist ein Mittelding zwischen Reisebericht und politischer Studie; das bringt cs mit sich, daß auch die politisch-historischen und staatsrechtliehen Partien einen etwas subjektiven, erlebnishaften Charakter tragen. Auch ist die Verfasserin, in ihrem Streben nach Vollständigkeit, etwas zu wenig rigoros in der Auswahl und Be- Schränkung des Materials verfahren, und die Fülle des Materials ist ihr dann sozusagen über den Kopf gewachsen. Dies hat freilich den Vorteil, daß das Buch, wenn es auch dem Kenner der offiziellen Dokumente und sonstigen Literatur nichts Neues bringt, wirklich eine nahezu vollständige Matcrialsammlung gibt. Aber man vermißt bei der Verfasserin den kritisehen Blick und das eigene Urteil. Sie schildert z. B. das äußere Leben im Lande und macht bei der Gelegenheit Mitteilung über die!Art und Weise der Gesetzgebung, oder sie schildert die Rolle der Presse im Lande und gibt in diesem Rahmen Regierungsverlautbarungen wieder, weil sie in der Presse erschienen. Sie gibt eine Charakterschilderung einzelner führender Persönlichkeiten oder hoher Beamten und benutzt den Anlaß, nun auch über deren Amtsfunktion und die konstitutionellen Verwaltungsformen sich auszusprechen. Diese Unsystematik beeinträchtigt den Wert des Werkes als wissenschafthche Arbeit. Auf der anderen Seite aber muß man anerkennen, daß Fannie Andrews eine gewaltige Literatur, auch über Geschichte und Wesen des Judentums, studiert und verwertet hat, und daß sie in ihrem Buch die wirklichen Kräfte, die im Lande miteinander ringen, darzustellen bemüht war. Dadurch unterscheidet sich ihr Werk vorteilhaft von dem kürzlich) hier besprochene Buch von Bent wich, der Geschichte Palästinas zu schreiben meint, wenn er die Entwicklung und) Tätigkeit des britischen Regierungsapparates analysiert. Andrews gibt eine so gut wie lückenlose uebersicht über die Geschehnisse seit der Balfour-Deklaration vom November 1917 bis zum MacDonald-Brief vom Februar 1931. Bei der Schilderung der Vorgänge bei der Friedenskonferenz wird die Rolle der Amerikaner und Wilsons besonders berücksichtigt. Damals war in den Notizen Wilsons stets die Rede von einem autonomen jüdischen ״Gemeinwesen“ (,,Commonwealth“), das in Palästina gegründet werden soll. Dann erstarkte der Vtiderstand der Araber, die gleichfalls durch Wilson, durch seine 14 Punkte, ermutigt worden waren. Die Entwicklung des arabischen Nationalismus in seiner Opposition gegen Balfour- Deklaration und Mandat wird mit großer Ausführlichkeit behandelt, bis dann schließlich die Zuspitzung des Klagemauer-• Konflikts, die Unruhen von August 1929, die darauffolgenden Untersuchungen, Kommissionen, Berichte und Weißbücher bis unmittelbar an die Gegenwart heranführen. Da das Hauptgewicht auf die Politik gelegt wird, vermißt man eine eingehende zusammenfassende Darstellung des von den Juden im Lauf dieser 10 Jahre in Stadt und Land Geschaffenen und der dadurch bewirkten Veränderung des Landes. Die Verfasserin hält sich in ihrem Streben, objektiv zu bleiben, an die Regierungsdokumente, ohne jedoch genügend zu berücksichtigen, daß diese — wie Shaw-Bericht, Simpson-Bericht von jüdischer Seite stark angefochten wurden. Tn ihrem abschließenden Urteil ist Andrews sehr vorsichtig. Sie begnügt sich mit der Feststellung, daß angesichts der Sachlage nicht mit einer baldigen Unabhängigkeit Palästinas im Sinne des Völkerbundpaktes (wie bei Irak, Syrien) zu rechnen ist. Alles in allem eine Kompilation, die manchem die Orientierung in dem gewaltig angewachsenen Stoff erleichtern wird. Eine Spezialstudie über das Mandatssystem veröffentlicht Edgar Pelichct in französischer Sprache unter dem Titel ״La Personalite internationale distincte des Collectivites sous Mandat“ (Paris, Rousseau & Cie. Editeurs, 1932, 25 Frs.). Der Verfasser diskutiert die viel umstrittene Frage, wem eigentlieh die Souveränität in dem Mandatsland zufällt, und setzt sich mit den in der Literatur hervorgetretenen Ansichten auseinander. Nach Pelichets Meinung müsse man die eigene internationale Rechtspersönlichkeit der Mandatsländer anerkennen und ihnen auch die Souveränität zuerkennen, obwohl ihre Handlungsfähigkeit beschränkt ist. Dadurch sei auch der Vergleich mit der ״Vormundschaft“ berechtigt, deren Begriff der Institution des Mandates eher zu unterlegen ist als die englische Vorstellung vom ״Trust“ (des Vertrauensauftrages). Leider wird in dem Buch das Palästina-Mandat und die Rechts- Stellung der Jewish Agency nicht erwähnt, obwohl gerade dadurch dem Thema interessante Seiten hätten abgewonnen werden können. R. Soziologische Studien. Zur Politik, Wirtschaft und Kultur der Gegenwart. Alfred Weber gewidmet. Verlag Alfred Protte, Potsdam. Fest- und Jubiläumsschriften waren schon immer und sind heute noch in viel stärkerem Umfang als früher eine Fundgrube interessanter Studien. Die Themen, die in diesem Band behandelt werden, sind nicht nur bezeichnend für ihre jeweiligen Verfasser, sondern auch für den Umkreis der wissenschaftlichen Beziehungen und die Bedeutung des Gefeierten. Emil L e d e r e r bringt eine Studie über: ״Durch die Wirklichkeit zur politischen Idee“, — Arthur Salz über: ״Die irrationale Grundlage der kapitalistischen Wirtschafts- Ordnung“, — W. Petzet: Eine Abhandlung über ״die Paradoxie des Revolutionärs“, — von Eckardt: ״Ueber die Depossedierung des Führers und die politische Praxis des Kollektivs“ —, um nur einige wenige der angeschnittenen Probleme zu nennen. Es ist natürlich an dieser Stelle nicht möglich, alle diese 17 Abhandlungen zu besprechen. Von besonderem Interesse für Leser dieses Blattes dürften die Auf- Sätze von Lederer und von v. Eckardt sein. Lederer erörtert Parteiwesen, Parlamentarismus und lnteressenpolitik im Zusammenhang mit dem Problem des ״sozialen Raums“, in dem jeweils Gruppenbildungen vor sich gehen. Die Aufgabe be- ן stehe darin, die Interessen so zu homogenisieren, daß sich daraus klare, große Gruppierungen ergeben. Diese Bernerkungen haben, wie uns scheint, auch Bedeutung für die Frage unseres zionistischen Parlamentarismus. — v. Eckardt behandelt im wesentlichen die Funktion des Führers im Zusammenhang mit dem sozialen Gebilde, das heute unter dem Begriff des Kollektivs zusammengefaßt wird. ״Führerpersönlichkeiten sind Trdtzki und auch Sinowjew — und gerade deshalb konnte man sie auch stürzen; das Kollektiv aber kann sich nur wandefn, wenn die Masse sich wandelt.“ — Für den zionistisch tätigen Menschen ist es sehr förderlich, solche Gedanken in ihrer Anwendung auf andere Gruppierungen zu studieren. F. M. In der philosophischen Fakultät der Leipziger Universität ist der Privatdozent mit der Lehrberechtigung für ״Wissenschalt vom späteren Judentum“, Dr, Lazar Gulkowjtsch« zum nichtplanmäßigen Professor ernannt .worden.