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Jüdische Rundschau · 1932-08-26 · Heft 68 (26.8.1932) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 68 (26.8.1932)
Date
1932-08-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 328 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 68, 26. VITI. 1932 Uebertreibiingexi? (Aus einer Nummer der ״Frankfurter Zeitung“) s. n. Genf, 24. 8. Die ״J. R.“ hat (vielleicht als erste jüdische Zeitung in Deutschland) in entschiedenster Weise gegen die Uebertreibungen bei der Schilderung der Lage der deutschen Juden Stellung genommen. In der Tat kann es keine schwerere Schädigung der jüdischen Interessen geben, als wenn man erfundene oder übertriebene Darstellungen über antisemitische Ausschreitungen in Deutseidand im Auslande verbreitet. Es!null daher mit Be* friedigung vermerkt werden, daß auf der Genfer Jüdischen Welt* konferenz kein Wort gesagt wurde, das die Situation der deutschen Juden noch düsterer gemacht hätte als sie ist. Daß diese Haltung der aus Deutschland Gekommenen, aber auch aller anderen Konferenzteilnehmer trotzdem in den Augen der Berufsantisemiten keine Gnade finden wird, war vor* auszusehen. Was der ״Völkische Beobachter“ auf der Genfer Jüdischen Konferenz alles gehört haben will und wie er diese Konferenz für innerpolitische Zwecke auszumünzen versucht hat, ist in der vorigen Nummer der ״J. R.“ bereits gekennzeichnet worden. Was jedoch nicht vorauszusehen war, ist, daß die ״Frankfurter Zeitung“ (Rcichsausgabe vom 23. d. M.) bei der Behandlung der Genfer Jüdischen Konferenz in einer Polemik gegen den ״Völkischen Beobachter“ die Meldungen des nationalsozialistischen Moniteurs als wahr unterstellt lind auf dessen An* gaben gestützt, ihrem Unwillen darüber Ausdruck gibt, daß man auf der Genfer Konferenz ״dumme Drohungen“ ausgestoßen hat. Daß der Bericht des ״V. B.“ in seinen tatsächlichen Angaben unzutreffend ist, braucht nicht erst ausdrücklich festgestellt zu werden. Die ״Frankfurter Zeitung“ hat ausnahmsweise — sie tut es sonst nicht — den ״Völkischen Beobachter“ als brauchbare Informationsquelle gelten lassen. Ueber die Bedeutung, den Wert, die Zweckmäßigkeit und den Verlauf der jüdischen Konferenz kann man verschiedener Meinung sein. Es soll darum mit der ״Frkft. Ztg.“ wegen ihrer ablehnenden Stellungnahme zur Konferenz und zu dem auf ihr beschlossenen Weltkongreß nicht gerechtet erden. Entschieden aber muß man sich gegen den Geist wehren, zu dessen Sprachrohr sich die ״Frkft. Ztg.“ gemacht hat, wenn sie andeutet, daß ״derartige Deklamationen immer eine fragwürdige Angelegenheit“ sind und daß man mit ״solchen Mitteln keine wirksame Politik“ machen kann. Diese schönen Betrachtungen der ״Frankfurter Zeitung“ befinden sich in einer Nummer, auf deren zweiter Seite tolgender Schlußsatz in dem amtlichen Berichte über den Prozeß in Beuthen (in welchem 5 Nationalsozialisten zum Tode verurteilt wurden), zu lesen ist: ״Die jüdischen Geschäfte in der Stadt haben sämtlich geschlossen und die Rolläden herabgelassen.“ Wenn man über die Situation der deutschen Juden bis heute noch nichts erfahren hätte, so würde dieser Satz genügen, um ein zutreffendes Bild 'der Lage zu vermitteln. In Beuthen ist ein Prozeß gegen National- Sozialisten, meist polnischer Abstammung, wegen Ermordung eines Kommunisten, gleichfalls polnischer Abstammung, vor einem Sondergericht verhandelt worden, ln der ganzen Affäre spielten Juden nicht die geringste Rolle. Aber — die jüdischen Geschäfte in der Stadt haben sämtlich geschlossen. Warum? Weil das Leben der Juden in Deutschland, besonders in den Mittel- und Kleinstädten, zur Hölle geworden ist. Das ist die wahre Sachlage. Es bedarf keiner ״Deklamationen“ — notabene es wurde in Genf weder von den Delegierten aus Deutschland noch von den anderen Delegierten ״deklamiert“. Nun könnte ja die ״Frkft. Ztg.“ sagen, sie hätte mit den Worten ״derartige Deklamationen“ die ״Drohungen“ gemeint, welche laut dem ״Völkischen Beobachter“ von den Juden in Genf ausgesprochen wurden. Das aber wäre eine wenig stichhaltige Ausrede, denn in den Augen der Nationalsozialisten ist schon die Existenz von Juden eine ״Drohung“ und ״Provökation“. Der ״V. B.“ hätte für jeden Fall die Genfer Konferenz zum Anlaß einer neuen Judenhetze genommen. Mit welchen Mitteln soll man also eine in den Augen der ״Frankfurter Zeitung“ ״wirksame Politik“ machen? Zeitschriften - Schau Die ״Bayrische Israelitische Gemeindezcitung“, die von allen jüdischen Gemeindeblättern Deutschlands (ein Verdienst ihres hervorragenden Redakteurs Dr. Ludwig Feuchtwanger) sich bei weitem den höchsten geistigen Rang erworben hat und zu einer bisher noch zu wenig beachteten Tribüne jüdischgeistiger Auseinandersetzung geworden ist, veröffentlicht in ihrer Nummer vom 15. August einen von Dr. Gerhard Scholem (Jerusalem) stammenden ״Offenen Brief“ an den Verfasser der Schrift ״Jüdischer Glaube in dieser Zeit“. Dr. Scholem setzt sich in diesem Brief mit dem Verfasser des genannten Buches, Hans Joachim Schoeps, auseinander. Das Buch von Schoeps ist in der ״Jüdischen Rundschau“ Nr. 31/32 von Rabbiner Dr. Maybaum kritisch besprochen worden. Wenn auch das Buch von bewußtjüdischer Seite im wesentlichen abgelehnt wurde, so ist doch das Streben des jugendlichen Autors, seine ernsten Bemühungen um eine Klärung des theologischen Sachverhalts im Judentum, auch von uns anerkannt worden. Die ״Bayrische Israelitische Gemeindezeitung“ betont in einer dem Brief von Scholem vorangesetzten Vorbemerkung, daß Scholems Darlegungen in ihrer konzentrierten Form an Bedeutung■ das Buch von Schoeps bei weitem überragen. Die ״Jüdische Rundschau“ kann leider den Aufsatz von Scholem, der — unnötig zu sagen — einen wissenschaftlichen und keinen Parteicharakter trägt, nicht in seinem ganzen Umfang wiedergeben. Wir veröffentlichen aber nachstehend ein Bruchstück, und zwar einen Abschnitt, der sozusagen ins ״Politische“ hinüberspielt. Scholem führt aus: ״... Ihre Tendenz auf eine Aktualisierung des theologischen Gehalts des Judentums scheint auch Sie, wie schon den Liberalismus zu einer Verwandlung des Judentums in Theologie zu verführen, und so sehr ich die erstere erstrebe, so sehr lehne ich die letztere (oder deren Aequivalente) ab. Solcher Verführung entspricht nicht nur Ihre Orientierung an Karl Barth und dessen bedenklicher Terminologie, sondern auch zweifellos eben als der Revers solcher Orientierung Ihre ausdrückliche Ablehnung der Tradition als der wesentlichen Kategorie religiöser Lebenshaltung im Judentum — eine Ab• lehnung, die auf einen Sprung ins Nirgendwo, biblische Theo* logie bei Ihnen genannt, hinausläuft. Dem gesellt sich dann als plötzlich in einem wahrhaft erstaunlichen Exkurs zur Neutralisierung jüdischen Geschichtsbewußtseins bestimmter, sich freilich in dessen Eskamotierung ins ״Sakrale“ erschöp* fender deus ex machina Ihr ״historisches“ Bekenntnis zum Deutschtum, ein Bekenntnis, das nicht nur in einer jüdisch• theologischen Schrift doppelt befremdet, sondern auch in seiner mehr als fragwürdigen begrifflichen Verankerung in ganz anders liegenden theologischen Distinktionen einen leicht blasphemischen Anhauch hat. Sie, der mit Recht den Zionisten den Mißbrauch messianischer Kategorien für politische Aktionen ankreidet (worin, um ehrlich zu sein, viele von uns, die es mit dem Zionismus — nicht mit Philantropie — ernst gemeint haben, Ihnen vorangegangen sind), sollten sich vor entsprechenden Pervertierungen zugunsten Ihrer solchen Diskussionen sich entziehenden deutschen Präokkupationen doppelt gehütet haben. Mit solcher Haltung weiß ich, der ich gewiß alles andere bin als was man zurzeit einen politischen Zionisten nennt und der Ihre Einwände gegen zionistische Säkularisation des Judentums schon lange vor Ihnen erhoben hat — fretlldi auch in hebräischen Schriften und ohne mein historisches Schicksal mit dem jüdischen Volk weder im profansten noch in irgendeinem sakralen Sinn verleugnen zu wollen — über• haupt nichts anzufangen. Welch Religionsquelle der Offenbarung Sätze zu legitimieren vermag wie die, in denen Sie den Juden profangeschichtliches ״Schicksal“ bestreiten, um es ihnen ״als Deutschen“ zuzuerkennen, Sätze, die eher aus sehr viel dämonischeren Quellen zu belegen sein dürften, ist mir unerfindlich. Und ich fürchte leider, hinter solchen Sätzen taucht wieder einmal nicht das Problem des Judentums, um das es in ihrer Schrift hätte gehen sollen, sondern das unfruchtbare des Deutschjudentums auf, spezieller gesagt: das eines deutschjüdischen (von Eduard Strauß zuerst klar proklamierten) Pietismus, der sich mit ״heilsgeschichtlichen“ Erwägungen (ein Begriff der christlichen Theologie, den das Judentum Gott sei Dank nicht kennt) um die Einheit unseres Daseins und die Dialektik dieser Einheit zugunsten einer lange erledigten Fiktion jüdischer Mimikry herumdrückt.“ * Die Wiener katholische Wochenschrift ״Schönere Zu - k u n f t“ veröffentlicht einen Aufsatz über ״Goethes Steilung zum Judentum“, dessen Schlußabsatz wir hier wiedergeben, weil er einen heute von weiten Kreisen von Gegnern des Antisemitismus eingenommenen Standpunkt formuliert. Bei aller Ablehnung der ״rohen“ und ״albernen“ Formen des Antisemitismus wird die Abgrenzung gegen das ״Wesensfremde“ für eine Voraussetzung eines tragbaren Zusammenlebens erklärt. In der ״Schöneren Zukunft“ heißt es: ״In diesem Jahre des Goethe-Jubiläums soll das deutsche Volk wissen, wie Goethe in der Judenfrage gedacht hat; es soll sich daran erinnern, trotz den geänderten Zeitverhältnissen und der Evolution der gesellschaftlichen Zustände seit Goethes Tode, daß es in dieser Angelegenheit von ihm gewarnt war. Wie er das jüdische Volkstum nie geschmäht hat und ausdrücklich fordert, daß man dem Juden als Mitmenschen und Genossen der gemeinschaftlichen menschlichen Wanderfahrt freundlich begegne (Wanderjahre, 3. Buch, 9.Kap.), so sollten es sich auch die Judengegner aller Schattierungen von heute gesagt sein lassen, daß man den hohen Ernst dieser für das deutsche Volkstum, für unser staatliches und kulturelles Leben dringlichen und schweren Zeitfrage nicht mit Rohheiten oder Albernheiten schädigen und herabsetzen darf. Die auch in der Gegenwart noch möglichen klaren und besonnenen Entscheidungen können nur das Ziel im Auge haben: den aut allen Gebieten des öffentlichen Lebens, der Politik, Wirtschaft und Kultur, übermächtig gewordenen Einfluß des Judentums auf ein erträgliches Maß zurückzuführen, auf das Maß, das dem prozentuellen Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung des deutschen Staates entspricht. Nach dem Vorbilde Goethes müssen erst recht wir Heutigen alles Wesensfremde ablehnen: ,Was euch nicht angehört, Müsset ihr meiden. Was euch das Inn’re stört, Dürft ihr nicht leiden, Dringt es gewaltig ein, Müssen wir tüchtig sein.‘ (Faust II, V. 11745 ״ ff.)“ ¥ Die liberale englische Wochenschrift ״The New Statesman and Nation“ (Nr. 74) bringt einen Aufsatz von Israel Cohen über: ״Die Herrschaft des Antisemitismus“, der noch vor der deutschen Attentatsserie geschrieben wurde. Vom Rhein bis zur Weichsei, von der Ostsee bis zum Aegäischen Meer habe sich in den letzten sechs Monaten der Judenhaß wüster denn je seit Kriegsende ausgetobt. Die zur Sicherung der bürgediehen und politischen Rechte der Juden bestimmten Minderheitenschutzverträge würden von den meisten Staaten Mittel- und Osteuropas nur dem Buchstaben nach eingehalten, von einigen aber nicht einmal soweit; der Völkerbund aber scheine außerstande, Abhilfe zu schaffen. In Berlin und Wien, Warschau und Wilna, Bukarest und Saloniki seien Juden brutal angegriffen worden, und besonders hart treffe der Antisemitismus die jüdischen Studenten. Cohen spricht dann von den 130 deutschen Friedhofsschändungen, den Ritualmordbeschuldigungen und den wilden Drohungen mit Boykott, Entrechtung, Enteignung und sogar Vertreibung, die von den Hitler-Leuten hier wie von der Gefolg- Schaft Cuzas in Rumänien gegen die Juden geschleudert würden. Die Haltung der Regierungen gegen diese Hetze sei sehr verschieden. Die deutsche habe ihr äußerstes getan, um den Ausschreitungen der Nazis Einhalt zu gebieten, aber ihre Hand sei nicht überall gleich stark spürbar gewesen. In Polen unterdrücke zwar die Regierung energisch Ausschreitungen, handhabe aber selbst Gesetzgebung und Verwaltung zum Nachteil der Juden, in Rumänien habe sich die Regierung weniger als irgendwo anders 11m die Unterdrückung oder auch nur Zügelung des Antisemitismus bemüht, woran kein Kabinettswechse! etwas geändert habe. Natürlich böte die Not und Verzweiflung der Volksmassen eine gewisse Entschuldigung für die Regierungen, aber was keine Regierung entschuldigen könne, das seien die empörenden J u s t i z s k a n d a 1 e bei der Behandlung, oder gar vorsätzlichen Nicht-Behandlung antisemitischer Ausschreitungen vor Gericht. Cohen schildert drei solcher Fälle ausführlicher: je einen aus Rumänien, Polen, Griechenland. Bialik als Mlschna-Kommentator. Die schöpferische Vielseitigkeit unseres Dichters Chajim Nachmann Bialik: Dichtung, pädagogische Arbeit, Popularisierung der Aggadah, Verlagstätigkeit und Kommentierung der mittelalterlichen hebräischen Poesie hat uns ein neues Werk geschenkt. Bialiks Dienst am Volk schreitet weiter, und jetzt hat er für uns die M i s c h n a vokalisiert und mit einem eigenen Kommentar herausgegeben (Schischa Sidre Mischna, Menukadim Umeforaschim Al Jede Ch. N. Bialik. Seder Rischon: Seraim. Tel-Awiw ״Dvir“ 1932. 1 Bl. + 17 -f- 1 206 ־1־ S.) Die Mischna erlebte zwar zahlreiche Ausgaben und hat auch sehr viel Kommentare. Diese sind jedoch — wenn ihr Wert auch unbestreitbar ist —, für einen modernen jüdischen Studierenden nicht ganz befriedigend. Eine wissenschaftliche, für die heutigen Begriffe passende Ausgabe der Mischna wird zwar in Lieferungen veröffentlicht, jedoch nicht von jüdischer Seite. Bialik meint: ״Wie es scheint, ist es unser Schicksal, daß (neben der Bibel) auch auf dem Gebiete der mündlichen Ueberlieferung unsere Arbeit durch andere getan werden soll.“ Er ist der Ansicht, daß die Mischna nicht so trocken sei, wie man es annimmt. Nur die schwierigen und komplizierten Kommentare machen sie so trocken. Hier wurde also ein Versuch gemacht, in Kürze das Wesentlichste zur Mischna-Erklärung zu sagen. Selbstverständlich wird auf verschiedene Textlesearten usw. aufmerksam gemacht, und bereits eingebürgerte Fehler werden ausgebessert. Bialik versucht eben neben der Aggadah auch die Halacha zu popularisieren, um auch sie den modernen Juden zugänglich zu machen. Wie wir in einer Bemerkung am Schlüsse der 17 Seiten langen, geistreichen Einleitung hören, hat Bialik vor Jahren für diesen Kommentar eine Prämie der Gesellschaft ״Marbe Hasskala Be-Jisrael“ erhalten. Wir hoffen und erwarten, daß die weiteren Teile der Mischna bald und in gleicher Weise erscheinen werden, und daß diese Ausgabe wirklich zum Volksbuch wird. R. M. Chasan. Aus den Gemeinden Gibf ei einen Thüringischen Landesverband? Die Bedrohung, der das deutsche Judentum heute von außen her ausgesetzt ist, darf uns nicht hindern, immer wieder festzustellen, daß die eigentliche Judenfrage eine innere Frage der Judenheit ist und daß keine Bedrohung von außen für den Bestand des Judentums so gefährlich ist wie die innere Zerbröckelung und Zersetzung des Judentums selbst. Dies kommt besonders in den Verhältnissen des thürin• gischen Judentums zum Ausdruck, wie sie sich bei den Ver- Handlungen mit Vertretern thüringischer Gemeinden in Oberhof in erschreckender Weise offenbart haben. Bald nach der Revolution haben sich sieben thüringische Bundesstaaten verhältnismäßig schnell und reibungslos zum Freistaate Thüringen zusammengeschlossen. Verwaltung und Gesetzgebung wurde vereinheitlicht. Auch die verschiedenen evangelischen Landeskirchen wurden ebenso schnell zu einer einheitlichen Thüringischen Landeskirche zusammengeschlossen, die zentral geleitet und über das ganze Land hin gleichmäßig durchorganisiert ist. Nur die Juden leben heute noch genau in der gleichen Zerrissenheit wie früher; sie haben noch (mit wenigen Ausnahmen) ihre sachsen-weimarische und sachsen-meiningensche und schwarzburg-sondcrshauscnsche Gemeindeordnung. Sie sind noch nicht einmal dazu imstande gewesen, sich einen wirksamen öffentlich-rechtlichen Verband zu schaffen, der die notwendige Neuordnung in Angriff nehmen konnte. Allerdings besteht schon seit Jahren ein ״Thüringischer Landesverband jüdischer Gemeinden“ auf dem Papier. Der Vorsitzende, Justizrat Dr. Simon-Meiningen, hat sich um das Zustandekommen Verdienste erworben, die unbedingt aner* kannt werden müssen. Es ist ihm aber nicht gelungen, diesen Verband lebensfähig zu gestalten. Der Verband besteht seit etwa acht Jahren; die kon* stituierende Vertreterversammlung hat aber bis heute noch nicht stattgefunden. Jahrelang haben die Gemeinden um die Satzung verhandelt; und es ist besonders den Bemühungen der Gemeinde Eisenach gelungen, zu erreichen, daß nach dem Zweckparagraphen die Aufgabe des Verbandes im wesentliehen auf die Vertretung nach außen beschränkt ist, so daß er tatsächlich wertlos ist. Die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse der letzten Jahre haben nun die Mißstände, die sich aus diesen Verhältnissen ergaben, immer deutlicher zutage treten lassen. Zahlreiche Juden in Thüringen leben in kleinen Städten verstreut und gehören gar keiner Gemeinde an. Für die jüdische Er* Ziehung des Nachwuchses geschieht häufig nichts. Es ist sogar vorgekommen, daß die Bestattung Verstorbener Schwierigkeiten machte; von einer sächsischen Gemeinde wurde berichtet, daß man Leichen aus Thüringen dorthin ohne Ankündigung einfach zur Bestattung geschickt hat. Wie das jüdische Leben in den meisten thüringischen Orten aussieht, kann man sich ungefähr denken. Wenn die Juden in Thüringen nicht einmal den Zusammenhang untereinander hersteilen konnten, so ist klar, daß sie den jüdischen Zusammenhängen in Deutschland und in der Welt zum großen Teil teilnahmslos gegenüberstehen. Daß die Verhältnisse auch geändert werden können, beweist die erfolgreiche Arbeit des Bezirksverbandes für Wohlfahrtspflege, der in Erfurt seinen Sitz hat. Dieser Verband konnte eine Reihe thüringischer Gemeinden, z. B. Gotha, Meiningen, Arnstadt u. a., bei sich organisieren und hat auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege Bedeutendes geleistet. Auch hier ist aber charakteristisch, daß die Gemeinde Eisenach sich von dem Verband getrennt hat und seinen Bestrebungen verständnislos, wenn nicht direkt feindselig, gegenübersteht. Bisher waren es hauptsächlich die Zionisten in Thü• ringen, die immer wieder versuchten, die Verhältnisse zu bessern und zu verhindern, daß die Fragen des Landesverbandes zur Ruhe kamen. Es verdient auch hervorgehoben zu werden, daß die führenden Mitglieder des gut arbeitenden Bezirksverbandes für Wohlfahrtspflege — auch diejenigen, die nicht Mitglieder der Zionistischen Organisation sind — tätig am Palästinawerk teilnehmen und dem Thüringischen Jewish Agencykomitee angehören, während die Gegner und Saboteure der Verbandsarbeit sämtlich scharfe Antizionisten sind: ein Beweis dafür, daß die Interessen der Juden in Deutschland gerade von denen wahrgenommen werden, die imstande sind, die Judenfrage unter größeren Gesichtspunkten zu sehen. Es ist zu begrüßen, daß heute in allen jüdischen Lagern außerhalb Thüringens Uebereinstimmung darüber herrscht, daß es so nicht weitergehen kann. Wir begrüßen insbesondere die dahingehenden Aeußerungen aus dem liberalen Lager und hoffen, daß es diesen Liberalen gelingen wird, ihre Freunde in Thüringen zu einer Aenderung ihrer bisherigen Haltung zu veranlassen. Diese Verhältnisse zeigen aber, wo in der heutigen Zeit wirklich der Hebel zur Besserung der Lage des Judentums angesetzt werden muß. Schließlich sind die Dinge in Thüringen nur ein besonders krasses Symptom für Entwicklungen, die sich auch in andern Gegenden zeigen. Nur ein Judentum, das innerlich geschlossen ist, das sich durch engeren Zusam• menschluß in seiner jüdischen Lebensenergie stärkt, kann ungebrochen die Not der Zeit überdauern, wie es vergangene Generationen getan haben. Dies gilt für Thüringen, dies gilt aber auch für das ganze deutsche Judentum. Kurze Nachrichten Das zur Prämiierung der besten in diesem Jahre erschienenen Werke der jiddischen Literatur in Warschau eingesetzte Komitee hat folgende Preise verteilt: Den Preis für das beste Werk der erzählenden Literatur (800 Zloty) erhielt J. M. Weissenberg, den Preis für die beste dramatische Arbeit (400 ZI.) Aron Zeitün, der 300 Zloty betragende Preis für die beste lyrische Arbeit wurde Keida Maladowska zuerkannt. Der für die beste wissenschaftliche Arbeit ausgesetzte Preis ist noch nicht zur Verteilung gelangt. Die Hebräische Universität Jerusalem wird auf dem Internationalen Mathematikerkongreß, der Anfang September in Zürich stattfindet, durch drei ihrer Mitglieder vertreten sein: Prot. A. Fraenkel, Prof. M. Fekete und Dr. B. Amira. Prof. F. Bodenheimer wird die Universität bei dem Internationalen Kongreß für Entomologie repräsentieren, weicher in diesem Sommer in Paris abgehalten wird. Prof. L. Roth wird die Universität bei den Spinoza-Feiern vertreten, die anläßlich des 300. Geburtstages Spinozas im Haag stattfinden werrden. Die von dem bekannten spanischen Abgeordneten und philosophischen Schriftsteller Ekrn Jose Ortega y Gasset herausgegebene republikanische Abendzeitung ״Luz“ veröffentlicht einen gegen die antisemitische Bewegung in Deutschland gerichteten Artikel, in dem besonders dagegen protestiert wird, daß deutsche Nationalsozialisten, die Spanien besuchen, dort Uniformen und Hakenkreuzabzeichen tragen. Die jüdische Kooperativbank ״Udzielowy“ in Szedletz (Polen), eine der ältesten und größten jüdischen Genossenschaftsbanken, die etwa 2000 Mitglieder zählte, ist zusammengebrochen. Das Defizit beträgt 100000Zloty.

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