Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 68 (26.8.1932)
- Date
- 1932-08-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653348-2653418--23141-2681467- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr, 68, 26. VIR 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 327 Der richtige Blickpunkt Zur Delegierieniag* «Vorbereitung Von Dr. Ernst Mechner Mit diesem Artikel setzen wir die Diskussion zur Vorbereitung des Delegiertentages fort. Red. In seinem Artikel in Nr, 66 der ״Jüd. Rundschau“ verlangt Dr. Landsberg richtig, die Z. V. f. D. müsse zur Judenfrage im jetzigen Deutschland aus zionistischer Erkenntnis heraus neu Stellung nehmen, neue Wege der Propaganda und Erziehung suchen und damit neue Antriebe im Kampf gewinnen. Er setzt dabei — ebenfalls richtig — voraus, daß unsere jüdischen Gegner angesichts des gegenwärtigen offensichtlichen Zusammenbruchs der Assimiiationsideologie wacher und aufgcschlossener auf uns hören werden. Die Auseinandersetzung aber, die neu beginnen soll, leitet Dr. Landsberg mit der Fest- Stellung ein: ״Palästina ist nicht imstande, die notleidenden Massen in aller Welt oder auch nur einen erheblichen Bruchteil von ihnen aufzunehme n“. Bestürztes Kopfschütteln des schlichten zionistischen Lesers. Es ist absolut unerklärlich, wie ein Mann vom Range Dr. Landsbergs mit solchen allgemeinen, Jahrhunderte überschauenden Formulierungen in einer Stunde herauskommen kann, in der man mit bestem Gewissen umgekehrt sagen darf: Palästina ist durchaus imstande, einen erheblichen Bruchteil der jüdischen Massen in den nächsten Jahrzehnten aufzunehmen. Und vor allem ist es imstande, heute schon einen erheblichen Bruchteil des noch nicht völlig verarmten jüdisehen Mittelstandes, der sich dort eine neue Existenz aufbauen will, aufzunehmen. Die wenigsten von uns sind seit 1929 selbst im Lande gewesen, ein richtiger Eindruck von der ungeheuren Entwicklung, die Palästina seither genommen hat, fehlt selbst in unseren Reihen, und es gibt bei uns eine Menge überholter und falsch gewordener Auffassungen. Wenn die Nachrichten von einem neuen Aufschwung, die man nun schon seit einiger Zeit hört, in Deutschland mit Zurückhaltung aufgenommen wurden, so ist das aus der allgemeinen Bedächtigkeit und soliden Betrachtungsweise verständlich, durch die gerade die deutschen Zionisten sich wiederholt in Zeiten eines überstürzten Optimismus bewährt haben, wie bei der Vierten Alijah, oder in der Zeit der Durchsetzung des Konsolidierungsgedankens. Aber inzwischen ist ja die Entwicklung noch weiter positiv vorgeschritten, und vor allem Dr. Landsberg war doch im Frühjahr selbst im Lande. Angenommen, daß er gewissenhaft den Festestrubel der Touristen-Saison nicht mit der tatsächliehen Lage identifizieren wollte, die er im Lande vorfand — wie darf er nach einem halben Jahre weiterer glänzender Ent- Wicklung eine solche Aeußerung tun? Alle Vorwürfe, die man den deutschen Nichtzionisten macht, weil sie in den letzten 15 Jahren, als es hier gut ging und Palästina in der schwersten Bedrängnis der Aufbau-Jahre war, es versäumten, Kontakt mit dieser neuen Welt zu finden, sind richtig. Und es wäre wirklich ungeheuer viel, wenn einigen tausend jungen jüdischen Menschen, die heute hier materiell und moralisch nicht aus noch ein wissen, in diesen Jahren zu einer neuen Heimstätte drüben verhelfen worden wäre. Aber Dr. Landsberg überschätzt das jüdische Bürgertum des ausgehenden Liberalismus, wenn er beklagt, daß es die sittliehe Forderung damals nicht vernommen hat. Jede Bewußtseinsstufe hat ihre Grenzen für die Weite und Höhe ihrer Entscheidungen. Der Alltagsmensch ist oft gar nicht so weit von sittlichen Entschlüssen entfernt, aber er bleibt oft schon in jenen Vorstadien stecken, wo sich primitive Bedenken wegen der realen Durchführbarkeit einer Sache dem Entschluß hindernd in den Weg stellen. Der Zionismus war eben in diesen ersten Jahren, wo hier anscheinend das meiste ganz gut und in Palästina alles, aber auch alles fragwürdig war, einfach zu schwer für diese Menschen. Heute ist alles deutlicher, heute sprechen Tat- Sachen drüben und hier. Machen wir uns doch deshalb fern von Selbstzufriedenheit klar, daß wir damals ein Griipplein idealistischer Avantgardisten waren und daß es immerhin etwas Gewaltiges ist, was wir doch mit dem bloßen sittlichen Appell zustande gebracht haben. Unsere Ueberzeugungen und unser Glauben sind auch weiter unsere edelste Waffe, zugewachsen aber ist uns inzwischen durch unsere Arbeit die Realität Palästinas als unsere stärkste Waffe und heute haben wir überdies in dem Hinweis auf die neuen Chancen Palästinas unsere praktischste Waffe. Die Nichtzionisten verdienen den Vorwurf, daß nicht einige tausend Menschen aus Deutschland bereits in Palästina ihre Existenz haben. Aber auch wir verdienen einen Vorwurf, wenn wir nicht unausgesetzt zeigen, daß wir lächerliches Häuflein doch einigen hundert Menschen aus Deutschland dazu verholfen haben, und wenn wir nicht unermüdlich verkünden, was wir jetzt mit gutem Gewissen sagen können, daß heute und morgen und übermorgen Tausende die Chance Palästina haben. Es ist unendlich viel leichter, heute die Wahrheiten unserer Idee zu verbreiten. Es ist aber vollkommen unmöglich, wenn inzwischen wir selbst den Glauben an die Durchführbarkeit verloren haben, oder wenn wir blind sind für die realen Möglichkeifen der nächsten Etappe, die der simple Schekelzahler und Nochnichtzionist für sich selbst zu sehen verlangt — und die wir ihm heute doch bieten können! Ich war 1929 in Palästina, und ich bin vor einigen Wochen von meiner zweiten Palästinareise zurückgekehrt. Damals in mancher Beziehung von leiser Skepsis angerührt, heute von hellem Enthusiasmus erfüllt. Palästina mit der Zitruskultur und der Gartenwirtschaft und vor allem der aufblühenden Industrie bietet nach meiner festen Ueberzeugung, wenn die begonnene Mittelstandseinwanderung anhält, in unseren Tagen vielen.hunderttausenden Juden Lebensmög- 1 i c h k e i t. Diese Einwanderung Bemittelter kann ebenfalls in unseren Tagen Möglichkeiten für einen Teil der unbemittelten Massen schaffen. Mehr kann wahrscheinlich in unserer Generation nicht zustande gebracht werden. Aber ist das nicht ungeheuer viel, ist das nicht ein Stück Volkserlösung, ein Anteil auch für viele von uns hier in Deutschland? Was aber jenseits unserer Generation aus Palästina gemacht werden kann, können wir nicht absehen, das geht uns im Grunde auch gar nichts an, das können wir getrost der halben oder drciviertel Million Jischuvv jenes Zeitpunktes überlassen und unseren Kindern und wahrscheinlich auch der Galuth, die bis dahin von der Realität Palästinas und von den neuen, heute in Bildung befindlichen Formen der Judenfrage zu einer positiven Stellung zum Zionismus gezwungen sein wird. Nur unter solchen Gesichtspunkten, glaube ich, kann man einen neuen Versuch zur Gewinnung von Anhängern machen, und es scheint, man muß unter diesen Gesichtspunkten erst in unseren Reihen Propaganda machen. Ehe Zionisten fragen sich — und die Fragestellung von Dr. Landsberg im zweiten Teil seines Aufsatzes ist sicher furchtbar ernst und die Fragestellung eines feinen Geistes und eines klaren Denkers — wie sie sich nun hier einrichten sollen. Aber haben wir nicht vor allem ein Baseler Programm und hat unsere Fragestellung nicht vor allem auf den Blickpunkt Palästina hin zu geschehen? Wir können um unser Lebensrecht hier nicht weniger energisch kämpfen, wenn wir zu gleicher Zeit den Ausgang nach drüben aufrichtig suchen, insbesondere für diese ausweglose, hoffnungslose Jugend, die auch Dr. Landsberg kennt. Der jüdische Bürger weiß zwar, daß er hier nichts mehr zu verlieren hat, aber zweierlei fürchtet er doch: Die Exstirpation aus der deutschen Kultur und den Verlust der Bequemlichkeiten ihrer Zivilisation. Er fürchtet sich vor den Sümpfen und Baracken, von denen er durch die Fonds-Propaganda des letzten Jahrzehnt immer wieder gehört hat. Aber wir können ihn beruhigen: Tel-Awiw und Haifa sind schöne, saubere Städte, und er wird seinen bürgerlichen Komfort dort nicht missen. Aus der deutschen Verwurzelung freilich muß er sich heben. Aber es ist besser, das selbst mit zarter Hand zu tun, bevor man mit rauher Faust herausgestoßen wird. Ein neues jüdisches Jahr beginnt in einigen Wochen, und der Zionismus ruft seine Getreuen zu neuer Arbeit auf. Ohne das Pathos der großen Manifeste diesmal; die Tatsachen der letzten Monate haben deutlich genug gesprochen. Die Illusion eines Jahrhunderts, daß wir durch andere und als einzelne ״emanzipiert“ werden können, ist zerbrochen. Unsere Jugend steht ratlos in der deutschen Wirtschaftswüste da. Wir müssen von vorn anfangen. Mit Emanzipation durch uns selbst, mit Emanzipation der Juden als Koliektivum. Wohl im Kampf um unsere Lebensrechte hier, aber den Blick nach Palästina gerichtet, das die einzige wahre Lösung bietet. Palästina i s t eine Lösung. Es steht heute da als eine glückliche Insel im Meer des jüdischen Leids und der Wirt- Schaftsmisere der Welt. Die Fundamente sind gelegt. Die öffentliche Sicherheit ist keine Frage, im Gegensatz zu hier. Mit dem Mufti wird man sich eher verständigen können als mit Hitler. Der politische Kurs Englands wird wieder von Tag zu Tag bestimmter. Der jüdische Mittelstand Polens, Südafrikas, Amerikas beginnt, nach Palästina zu wandern. Wie im ersten Nachkriegsjahrzehnt jeder einwandernde Chaluz Platz für nachfolgende Gruppen geschaffen hat, schafft heute jeder neue Kleinkapitalist Arbeitsmöglichkeiten für neue Chaluzim. Unsere Jugendbünde haben in einem Aufruf ״Schafft Arbeitsplätze in Palästina für arbeitslose jüdische Jugend“, der dieser Tage zur KKL-Aktion erscheint, der Erwachsenenweit ihre Lage vor Augen gestellt. Sie sind Schüler und Studenten, zum kleineren Teil Handwerksgehilfen und Arbeiter, der große Rest kaufmännische Angestellte. Die Schüler wären bereit, aufs Abitur zu pfeifen, wenn man ihnen die Möglichkeit gäbe, die Knabenjahre in der Werkstätte oder auf dem Lehrgut zu verbringen. Die Studenten beißen sich durch finstere Hochschuljahre durch, an deren Abschluß sie keine Niederlassungschance sehen. Die Handwerker und Angestellten, soweit sie noch nicht stempeln gehen, sind gefaßt darauf, morgen damit beginnen zu müssen. In einem Zeitstück, wenn auch zionistisch einseitig durch die Ueberhöhung des Motivs Wirtschaftsantisemitismus, haben unlängst begabte jüdische Jugendliche doch erschütternd zum Ausdruck gebracht, welches Plus an Leid sie im Wirtschaftskampf zu tragen haben, weil sie Juden sind. Für diese Tausende ist nicht die abgeklärte Lehre vom geistigen Zentrum, das eine Lösung der Judentumsfrage bringen wird durch Ausstrahlungen in eine ewige Diaspora, ohne daß es beträchtlichen Teilen der Judenheit materielle Erleichterung zu schaffen braucht. Diese Doktrin erscheint der Jugend heute als ideologischer Ueberbau über eine Wirtschafts- und Gesellschaftssituation von gestern, in der man schon imstande war, die zionistische Lösung zu sehen, aber es nicht nötig hatte, für sich selbst den Verwirklichungsversuch zu machen. Diese Jugend ohne Monats- Wechsel und ausreichende Löhne kann mit einem vorwiegend geistig orientierten Zionismus nichts anfangen. War früher die Ueberwindung des Gegensatzpaares ״Aeußere Freiheit — innere Knechtschaft“ eine Tat, so will man heute innere Freiheit nicht mit äußerer Knechtschaft gepaart ertragen, sondern sucht nach einer beidseitigen Lösung. Sie existiert, sie heißt noch immer Zionismus. Ein aktivistischer Zionismus, neu formuliert aus den Nöten der Zeit, muß heute ungeheure Kräfte ins Rollen bringen können. Jede geistige Bewegung ist eine Entsprechung für die ökonomische und politische Situation der Gesellschaftsgruppe, die von der Bewegung erfaßt wird. Der östliche Zionismus entstand als Freiheitsbewegung einer wirtschaftlich, kulturell, politisch namenlos gedrückten Proletariermasse. Was in Palästina geleistet worden ist, geht im wesentlichen auf die unbändigen Kräfte zurück, die diese Lage im russischen und polnischen Judentum zur Eruption brachte. Als es den nach Amerika ausgewanderten Juden aus Rußland gut zu gehen begann, verflüchtigte sich das nationale Ideal zu einem charitativen. Heute taucht hinter dem Scherzwort ״Wailing Wall- Street“ wieder Jerusalem —י oder, warum nicht zugeben?, eher Tel-Awiw — auf. Und unsere Bewegung wächst in Amerika außerordentlich. In Deutschland, wo es ein großes jüdisches Proletariat nicht gab, wurde der Zionismus von der nächsthöheren Schicht aufgenommen, jenem kleinen und mittleren Bürgertum, das damals noch nicht vollen Anschluß an die ökonomische Aufwärtsentwicklung der höheren Bourgeoisie gefunden hatte. (Die Anteilnahme einiger weniger aus dieser höheren Schicht und der vielen Studenten sagt nichts dagegen, sondern ist hier, wie in jeder anderen Bewegung, durchaus natürlich.) Die Geschichte der Z. V. f. D. spielte sich dauernd ab innerhalb dieser Kleinbürgerschicht, die wie der Amerikaner Jude bis zum Krieg den Weg des Wohlstandes autwärtsging. Eine Doktordissertation, die sich einmal mit einer allseitigen Analyse der Wandlungen und Reifung jenes deutlichen Phänomens ״deutscher Zionismus‘‘ befassen wird, mag im Detail zeigen, wie es kam, daß Deutschland dem Palästina-Aufbau eine Anzahl von Akademikern und Lehrern, aber fast keine großen Unternehmer gestellt hat; eine Reihe von Chaluzim, aber keine große kollektive Leistung, von Giwath Brenner und Naaneh abgesehen, die ohne Zutun der zionistischen Oeffentlichkeit Deutschlands entstanden sind; einige wenige Gewerbetreibende und kleine Industrielle, aber keinen großen Fabrikanten, und keine große gemeinschaftliche Unternehmung, daß es aber zum besten Keren Hajessod-Land geworden ist, wie Amerika zum wichtigsten Joint-Land. Und daß, da in Deutschland zum Unterschied von Amerika Ideologien produziert werden müssen, ein subtiler Pcrsönlichkeits- Zionismus geschaffen wurde. Dieser bei allen Schwächen ernste und sympathische Zionismus Deutschlands, ein geistig und materiell doch sehr wichtiger Teil der Weltorganisation, durchlebt in seiner uns bekannten Form seine letzten Jahre. Sein Gedanken- und Willensinhalt hält noch die Getreuen einigermaßen zusammen — eine Ideologie dauert bis zum Ende ihrer Trägergeneration, auch wenn die Voraussetzungen andere geworden sind — aber die Bewegung hat von ihrer Attraktionskraft ein gut Teil eingebüßt, denn unsere ökonomische und politische Situation ist anders geworden, sie verlangt eine Neuformulierung der Ideale, neue Orientierung an der Realität und daraus neue Utopien, Programme, konkrete Zwischenziele. Müssen wir warten, bis wir ganz arm geworden sind und uns die Not neue Flügel leiht? Ich glaube, das verfallende jüdische Bürgertum ist von jenem Lebensniveau nicht mehr weit entfernt, das der Urboden der großen Bewegungen ist: Wo der einzelne nichts mehr vermag und neu das Wunder der gegenseitigen Hilfe entdeckt, wo neu die Solidarität als höchste Tugend an die Sterne geschrieben wird. Wo die einzelnen nichts mehr vorstellen und sich zusammendrängen, bis sie wieder in der Gruppe als neue Macht in Erscheinung treten. Wo im Koliektivum die Qual der wirtschaftlichen und die Schande moralischer Existenzbedingungen so stark empfunden wird, daß eine Persönlichkeit wieder zum Mund der Schweigenden wird und urbi et orbi die Hoffnungen und Wünsche der Gruppe so verkündet, daß sie als sittliche Forderungen auch vom Weltgewissen neu bestätigt werden. Das stolze deutsche Judentum naht heute der Tiefe, in der wir früher ״unsere armen Brüder aus dem Osten“ sahen. Die Welt hat sich an das Ostjudenleid gewöhnt, wir aber sind neu als Klagende und Ankläger und Fordernde. Richten wir unsere Beratungen so ein, daß sie ein Aufruf, und ein zwingender Appell nicht nur der Z. V. f. D., sondern der Zionistischen Weltorganisation werden; ein Aufruf nicht nur fiir die deutschen Juden, sondern für Juden anderer Länder in gleicher Weise; ein Aufruf an das Gewissen der anderen Völker, eine große zionistische Weltaktion. Und dann beginnen wir sofort mit praktischer Verwirklichung. Zusammengefaßt; Die These von Dr. Landsberg ist falsch, ihre Verwendung in der Diskussion verwirrend, in der Propaganda selbstmörderisch. Palästina ist eine Lösung. Die besondere Aufgabe des deutschen Zionismus heute ist Zurechtrücken des zionistischen Blickpunktes auf Palästina; eine aktivistische Palästina-Propaganda, bei der Erez Israel der Zentralgedanke einer überzeugungsvollen und überzeugenden nationalen Aufbau-Bewegung ist; eine volkstiim liehe Propaganda, unmittelbar erwachsend aus der heutigen gesellschaftlichen und ökonomischen Lage lind der damit gewandelten Geistesstruktur unserer Anhängerschaft, des weiteren deutschen Judentums und insbesondere der kommunismusgefährdeten Jugend. Eine Propaganda aber auch, wie sie sich einer in der Hauptsache nicht spekulativen, sondern konstruktiven Bewegung geziemt, in der der physische Begriff Palästina richtig placiert erscheint vor dem darum nicht weniger mächtigen Hintergrund des geistigen Begriffes; eine realistische Propaganda also. Eine Propaganda, die hinausgreift über Deutschland, eine zionistische, politische Propaganda. Vielleicht darf ich zum Schluß diese Gesichtspunkte der Propaganda verdeutlichen, indem ich ganz flüchtig markiere, was für nächste Maßnahmen der Organisation mit ihnen parallel ergriffen werden müßten. Der ZVfD. würden in dieser Konstellation wichtige neue Aufgaben Zuwachsen. Die politische Demonstration zuerst. Dann die vorbereitende Organisierung der Mittelstandswanderung, also z. B. Förderung einer populären Palästina-Touristik. Gründung von Palestinc-Corporations, wie die neuen amerikanischen Umsiedlungssparvereine, intensive Unterstützung unserer Aufnahmekadres in Palästina, der deutsehen Kibbuzim und der Histadruth Olej Germania u. a. m. Unser Apparat wird so umgclagcrt, daß in den Vordergrund das Palästina-Amt tritt, die private Initiative weckend, ermunternd, beratend. Zugleich wird dem Hechaluz die Möglichkeit gegeben, die führende Gruppe in der zionistischen Erziehungsarbeit der Jugend zu werden. Die ermüdete Fondsarbeit muß dadurch von selbst neue Auftriebe bekommen; der KKL übrigens hat schon gewisse Versuche zu einer Neuorientierung gemacht und mit einem gewissen Erfolg. Die Inangriffnahme und Durchführung aller dieser Arbeit muß erfrischend auf unsere Organisation als Ganzes wirken, und sie kann in einem starken Maße die Aufmerksamkeit jener Kreise fesseln, die wir gewinnen wollen. Und es sei nochmals unterstrichen: AU das bedeutet nicht, daß die gedankliche Seite jetzt abdiziert werden soll; was der Augenblick hier und in Palästina fordert, ist, daß die urzionistische Ausgangsposition neu bezogen wird und bestimmte Fragen forciert werden, praktische und gedankliche. Nämlich nicht die Frage, wie diejenigen von uns, die hierbleiben müssen oder wollen, sich einrichten sollen, sondern wie wir möglichst vielen ermöglichen sollen, sich drüben einzurichten. Ein neues Bach von Ludwig Lewisohn (Ludwig Lewisohn, The Golden Vase. Roman Summer. — ״The Albatross“ Verlag, Hamburg.) Achtung — Achtung! — Wer über dies Buch schreibt — zum mindesten über die erste dieser beiden Novellen von dem aucli in unseren Kreisen wohlbekannten Ludwig Lewisohn ״The Golden Vase“ — der setzt sich der Gefahr aus, von dem Helden dieser Novelle, dem verstorbenen John Ridgevale, der offenbar ein entfernter Verwandter des höchst lebendigen Ludwig Lewisohn zu sein scheint, unter die Klasse des ״steinernen Jungvolks“ oder gar der ״wütenden Weiber“ eingereiht zu werden. Denn zu diesen angenehmen Menschensorten rechnet John Ridgevale alias L. Lewisohn die Mehrzahl der Rezensenten. Trotz dieser drohenden Gefahr sei es gesagt, daß uns diese Novelle nicht zu den stärksten Sprößlingen ihres Vaters zu gehören scheint. Langsam, allzu langsam erreicht diese halb verhüllte Autobiographie, in der freilich manch kluges Wort über Dichtertum und Menschentum in Amerika und anderswo steht, das eigentliche Thema der Erzählung: die Darstellung der Verjüngung eines alternden Dichters durch einen kurzen Nachsommer, den ihm Frauenreiz und Frauenjugend beschert. Hier ist der Höhepunkt der Novelle — der ״Falke“, hätte Paul Heyse wohl gesagt; und dies Erlebnis ist denn auch zart und stark mit aller Psychologie, die wir an Lewisohn kennen und lieben, geschildert. Man durchlebt die Sonnentage, die den schon Verzichtenden nach glückloser Ehe mit seiner jungen Uebersetzerin Lisi Schönbrunn verbinden, und zugleich fühlt man die heiß flimmernde Luft des südlichen Meeres, an dessen Strande sich die beiden zusammenfinden. — Aber auch hier noch stören ein paar Schönheitsfehler. Was soll etwa der Seitenblick auf eine ״geistig bedeutende jüdische Dame in Wien, die ihre lesbischen Neigungen durch ethische Kultur in unermüdliche Güte gegen ihre Schülerinnen umwandelte?“ — Das klingt fast wie ein — Kreuzworträtsel; und das soll es doch gewiß nicht sein. . . . Auf jeden Fall bleibt es eine ebenso zweckwie taktlose Unergiebigkeit. Mit viel freierem Herzen begrüßen wir die zweite Noveile, den schon vor einigen Jahren entstandenen ״Römischen Sommer“, nun auch in der anmutigen und handlichen ״Albatross“-Ausgabe; wenn wir nur mehr der fast unerschwinglichen englischen und amerikanischen Neuerscheinungen bald in diesem ebenso geschmackvollen wie preiswerten Gewände sähen! — Hier ist das Lebensthema Ludwig Lewisohns, die Paarung zweier Menschen aus verschiedenem Stamme und Geblüt einmal nach der anderen Seite hin abgewandelt. Ist’s im ״Erbe im Blut“ — und wohl auch im ״Falle Herbert Crump“ — der Jude, der sich mit der Christin vereint und alle Leiden und Schwierigkeiten dieses verhängnisvollen Bundes zu tragen hat, so erscheint hier in Esther Azancot, der marokkanischen Jüdin, eine ihrer Herkunft und ihrer Stammesgeschichte voll bewußte Frau, die mit schmerzlicher Einsicht au! die Vereinigung mit dem geliebten Manne verzichtet, der, ein Enkel der Puritaner, schließlich doch noch im Bunde mit einer blonden Louise das Glück findet, das sie ihm versagen mußte. Im Zwielicht bleibt die Mädchengestalt der Esther — eine der reizvollsten, die Lewisohn gelang; um so reizvoller, weil sie auf dem gleißenden Hintergründe des sommerlichen Rom doch das Geheimnis wahrt, das sie umgibt. Und endlich sehen wir mit den Augen des Schöpfers von allen Kirchen und Palästen der alten Roma nichts mehr so deutlich wie unter Marmor und blutrotem Mohn den tragischen Triumphbogen des Titus auf dem Forum . . . Leuchter und Schaubrote des Tempels in Jerusalem im Staube der fremden Erde. B. B.-St.