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Jüdische Rundschau · 1932-08-23 · Heft 67 (23.8.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 67 (23.8.1932)
Date
1932-08-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 322 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 67, 2a Vm. 1932 tausende, die auf den ersten und letzten Blick ״gefühlsmäßig‘ als Fleisch von unserem Fleisch hlngenotnmen werden. Nur der bizarre Einzelfall fällt auf.“ Hier aber muß der Leser fragen: Was heißt ״unser Flgisch“? Da bekannt ist, daß Thomas Wehrlin ein altes Pseudonym des Schriftstellers Stephan Großmann ist, dessen ״Fleisch“ selbst jüdisch ist, obwohl er — sogar doppelt — getauft wurde, entbehrt dieser Satz nicht einer gewissen Komik. Und man wird sogar von tragischer Komik sprechen müssen, denn auch darin ent* hüllt sich das problematische Schicksal der Juden in der heutigen Gesellschaft, daß Stephan Großmann, ״getarnt“ als Thomas Wehrlin, sich der Juden annimmt und sie — für die Deutschen sprechend —• als ״unser Fleisch“ erklärt, während auf der anderen Seite Juden, die nicht das geringste mit Literatentum und Wortgewandtheit zu tun haben, für die Publizistik Stephan Großmanns verantwortlich gemacht werden. Schluljberidii aus Genf Wie bereits in der vorigen Nummer kurz berichtet, wurde die Genfer Jüdische Weltkonfcrenz am 17. August, 6 Uhr abends, nach Schlußansprachen von Dr, Stephen W i s e , Leo M o t z k i n und Dr. Nahum Goldmann geschlossen. Ungeachtet mancher Differenzen zwischen den zionistischen und nichtzionistischen Teilnehmern der Konferenz, die insbesondere auch bei der Bildung des mit der Vorbereitung des Weltkongresses beauftragten Exekutivkomitees in Erscheinung traten, gaben die Konferenzteilnehmer aller Richtungen ihrer Entschlossenheit, das Zustandekommen des Kongresses nach Kräften zu fördern, Ausdruck. Die Resolution der Organisationskommission über die Einberufung des Kongresses wurde, nachdem sie von Dr. N. Goldmann namens der Kommission begründet worden war, nach kurzer Debatte einstimmig angenommen. Sie hat folgenden Wortlaut: 1. Die Genfer Jüdische Weltkonferenz gibt Ihrer tiefen Ueberzeugung Ausdruck, daß die kritische Lage des jüdischen Volkes, die Gefährdung seiner bürgerlichen und nationalen Rechte in vielen Ländern, die Verelendung der jüdischen Massen und die Notwendigkeit durchgreifender Besserungsmaßnahmen sowie die der heutigen jüdischen Generation obliegende Aufgabe des Aufbaus des Jüdischen Natlonalheims in Palästina die Organisierung des jüdischen Volkes und die Einberufung eines Jüdischen Weltkongresses zur zwingenden Notwendigkeit macht. Dieser Weltkongreß, basierend auf dem Begrilf des jüdischen Volkes als eines einheitlichen Volksorganismus, soll eine legitime Repräsentanz darstellen, berechtigt und verpflichtet, alle Fragen des jüdischen Lebens zu behandeln und das jüdische Volk Im Kampfe für seine bürgerlichen und nationalen Rechte nach außen zu vertreten. 2. Die Delegierten des Weltkongresses sollen hervorgehen aus direkten, geheimen und proportioneilen Wahlen, an denen jeder Jude und jede Jüdin teilzunehmen berechtigt ist. Das aktive Wahlrecht soll an das Alter von 18, das passive an das Alter von 24 Jahren geknüpft sein. 3. Das Datum der Einberufung des Weltkongresses sowie die Zeitpunkte der Abhaltung der Wahlen in den einzelnen Lindern sollen vom Initiativkomitee bestimmt werden. Doch muß der Weltkongreß spätestens im Sommer 1934 zusammentreten. Zur Leitung der eigentlichen Vorbereitungarbeiten für den Kongreß wurde ein Exejeutlvkopiilee gewählt, dem folgende Personen angehörem: Bemard S. Deutsch, M. Dizengoff, Dr. Mayer Ebner, Dr. Nahum Goldmann, Abe Ooldberg, J. Grünbaum, J. jefroikin, M. Jocheimann, Dir. Georg Kareski, L. Krainin, Dr. E. Margulies, L. Motzkin, Dr. M. Nurock, Dr. H. Rosmarin, Robert Stricker, Dr. J. Tennenbaum (New York), Dr. Stephen Wise, Baruch Zuckermann. Drei Plätze wurden reserviert, und zwar: einer für einen Vertreter des Waad Leumi und zwei für Vertreter der zionistischen Arbeiterparteien, die von der Danziger Konferenz der Poale Zion und Hitachduth nominiert werden sollen. Außer dem Exekutivkomitee ist ein aus 50 bis 60 Mitgliedern, die die einzelnen Länder und Gruppen repräsentieren sollen, bestehender Rat vorgesehen. Das Exekutivkomitee erhält das Recht, den Rat nach Fühlungnahme mit den einzelnen Ländern und Gruppen zu nominieren. Im Sommer 1933 soll dieser Rat zu einer Vorkonferenz zusammentreten. Als Berichterstatter der politischen Kommission legte Dr. Emil Margulies der Konferenz folgende Resolution vor, die einstimmig angenommen wurde: ״Das jüdische Volk, das in seiner Gesamtheit seit mehr als 18 Jahrhunderten Uber die ganze Welt zerstreut ist, durchlebt jetzt in der Epoche der allgemeinen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Erschütterung in der Diaspora eine Zeit besonders schwerer Not. Nachdem die große französische Revolution durch die Emanzipation die bürgerliche Gleichberechtigung des jüdisehen Individuums eingeleitet hatte, ist in der. durch den Weltkrieg herbeigeführten staatlichen, politischen und rechtlichen Umwälzungen, welche so vielen Völkern die Befreiung und nationale Unabhängigkeit auf eigenem Boden Gebracht haben, auch dem jüdischen Volke die Anerennung als Volk gegeben und sein Anspruch auf nationale Existenz anerkannt und Im Völkerrecht verankert worden. Von der Durchführung dieser Rechte sind aber die Juden in vielen Ländern noch weit entfernt. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung des Juden wird oft durch die Praxis der Administration Illusorisch gemacht. Die jüdlsche Jugend wird von den Stätten der Bildung und dem Zugang zur Kultur durch Aufrichtung gesetzwidriger Schranken systematisch ferngehalten. Das dem Menschen eingeborene unentziehbare Recht auf Arbeit in Stadt und Land wird dem Juden verweigert und die Umschichtung zum Bauer und Handwerker behindert. Wo Staat, Stadt oder andere öffentliche Körperschaften Arbeit zu vergeben haben, wird der jüdische Handwerker und der Unternehmer des Mittelstandes durch Maßregeln der Behörde im Wettbewerb benachteiligt. Sogar die Rechtssprechung bietet in manchen Ländern in Anpassung an Instinkte der Gasse dem angegriffenen Juden nicht den ihm nach dem Gesetze gebünrenden gleichen Schutz für Ehre, Leben und Eigentum. Neben dieser faktischen Aufhebung der Gleichberechtigung der Angehörigen der jüdischen Minderheit machen sich in den Völkern mit verstärktem Gewicht und ln bedrohlicher Weise Bestrebungen geltend, die Gleichberechtigung auch In der Gesetzgebung aufzuheben und die Juden unter Ausnahmsrecht zu stellen und zu enteignen. Auf wirtschaftlichem Gebiete vollzieht sich als Begleiterscheinung der ökonomischen Krise die planmäßige Verdrängung der Juden aus allen Gebieten ihrer Betätigung, und zwar sowohl in der Privatwirtschaft, wie bei der Monopollslerung einzelner Wirtschaftszweige. Aus den Bezirken elstigen und künstlerischen Schaffens wird in wichtigen ■ ändern der Jude hinausgedrängt und ausgeschlossen. Die allgemeine Krise hat unter dem Einflüsse dieser Tendenzen die wirtschaftliche Situation der Juden hl den Ländern der Diaspora außerordentlich verschärft und zu einer Verarmung auch derjenigen dünnen Schichten und wenigen Gemeinschaften Im Judentum geführt, die noch bis vor kurzem in materiell günstiger Position waren. Die Massen des Volkes sind in äußerster Not und dem Hunger preisgegeben. Die gesetzlich garantierten Ansprüche auf nationales Eigenleben auf dem Gebiete der Kultur, des Unterrichtes und der Erziehung werden nicht verwirklicht. Juden, welche durch die neuen Grenzziehungen in Lindern, in denen sie und ihre Vorfahren gelebt haben, Fremde geworden sind, werden durch Verweigerung der Aufnahme in den Staatsverband zu Zehntausenden ndfmat- und staatenlos• Die in den krisenhaften Verhältnissen der Weit verstärkten Tendenzen des Hasses der Völker gegeneinander und der Unterdrückung andersnationaler Minderheiten, welche schon immer gegenüber den jüdischen Minderheiten in besonders krasser Form sich äußerten, sind heute in verschiedenen Ländern der Diaspora zu einer Bewegung hemmungsloser, auf Vernichtung und Ausrottung gerichteter Propaganda des Hasses gegen alles Jüdische geworden. Haß und Gewalttat schänden sogar die Friedhöfe, die allen Völkern geheiligt sind. Auch Völker, welche selbst die Schicksale nationaler Minderheiten erleiden, bleiben von der Haßpropaganda nicht frei. Es ist ein in der zivilisierten Völkergemeinschaft geltender Rechtsgrundsatz, daß der An- Spruch der Minderheiten auf staatsbürgerliche Gleichberechtigung des Einzelnen und auf Freiheit des Eigenlebens der Gemeinschaft in den Grundprinzipien der Zivilisation und Kulturgesinnung, auf der die heutige menschliche Gesellschaff aufbaut, begründet ist. Die ungehemmte Ausbreitung und die Duldung dieser auf Unterdrückung und auf völlige Vernichtung der jüdischen Minderheiten gerichteten Bestrebungen bedroht die Grundlagen dieser Gesellschaft. Die in Genf versammelten Vertreter des jüdischen Volkes, eines der ältesten Kulturvölker der Erde, das Jahrhunderte furchtbarster Verfolgung und Vergewaltigung erlebt hat, das trotzdem weder seine Mitarbeit am Fortschritt der Menschheit vermindert, noch seinen Glauben an den Sieg der Idee der nationalen und sozialen Gerechtigkeit verloren hat und das sich heute wieder als gleichberechtigtes Glied der Ge- Seilschaft der Völker fühlt, erheben Protest gegen den Rückfall in die Ideen der Herrschaft roher Gewalt und rücksichtsloser Beherrschung der Schwachen durch die Starken und den Irrglauben an die Macht; sie erheben Protest gegen die auf Vernichtung gerichteten antijüdischen Angriffe und gegen deren Duldung und offene oder heimliche Förderung. Die Entscheidung über das Schicksal eines Volkes liegt bei dem Volke selbst. Auch das jüdische Volk wird die wirksamen Waffen zu seiner Verteidigung und Befreiung nur in der Sammlung seiner Gemeinschaft und um den Gedanken der Wiederaufrichtung «einer nationalen Existenz und nur dann finden, wenn es die Gestaltung seines Schicksals In die eigene Hand nimmt. Nur ein in sich und in seinem nationalen Lebenswillen erstarktes jüdisches Volk wird die Unterstützung der öffentlichen Meinung der Weit finden. In der Organisierung der Vertretung des jüdischen Volkes zum Weltkongreß erblicken wir einen entscheidenden Schritt auf diesem Wege.“ * Der stellvertretende Sekretär des Völkerbundes I. Avenot empfing am 17. August das Präsidium der Genfer Jüdisehen Weitkonferenz. Dr. Stephen Wise, Bemard S. Deutsch, Leo Motzkin und M. Dizengoff legten Herrn Avenol Ziele und Aufgaben der Konferenz und des geplanten Jüdischen Weltkongresses dar. ln Beantwortung der von den Mitgliedern des Konferenzpräsidiums gehaltenen Ansprachen erklärte Herr Avenol, er freue sich, die Delegation der Jüdisehen Weltkonferenz begrüßen zu können. Der Völkerbund habe großes Interesse an der Bildung von Organisationen für internationale Kooperation und wünsche darauf gerichteten Bestrebungen vollen Erfolg. Erster Rückblick s. n. Genf, den 18. August 1932. Das Ergebnis der Genfer Jüdischen Weltkonferenz besteht aus der Annahme der an anderer Stelle dieses Blattes wiedergegebenen Resolutionen Und in der Wahl eines Exekutiv- Komitees, das gemäß den gefaßten Beschlüssen den jüdischen Weltkongreß für das Jahr 1934 vorbereiten soll. Sitz des Exekutivkomitees ist New York, das europäische Büro wird sich, wenigstens vorläufig, unter Leitung Dr. Nahum Goldmanns in Berlin befinden. Die Konferenz genehmigfe überdies den Entwurf eines Manifestes an das jüdische Volk. Diese Proklamation soll demnächst, wenn das Exekutivkomitee den noch zu redigierenden Text approbiert haben wird, der Oeffentlichkeit übergeben werden. Wer von der Jüdischen Weltkonferenz ein anderes Resultat als die Einsetzung eines Komitees und die Annahme von Deklarationen erwartet hat, wird den Erfolg der Genfer Tagung mager finden. Aber, wie die Dinge liegen, konnte man nichts anderes erwarten als das, was zustande gekommen ist. Vielleicht hätte der Wortlaut der beschlossenen Resolutionen schlagkräftiger werden können, wenn sie in Ruhe vorbereitet gewesen wären. Auch in anderen Hinsichten wurde die Organisation der Veranstaltung von vielen Seiten unter die kritische Lupe genommen und beanstandet. So soll man weder genügend noch zweckentsprechend für eine großzügige Publizität in der nichtjüdischen Welt gesorgt haben, jetzt und hier läßt sich jedoch das Echo der Tagung in der Welt weder dem Tone noch dem Umfange nach registrieren. Das alles aber sind Kinderkrankheiten. Maßgebend ist, daß man bei den Teilnehmern den ernsten Willen feststellen konnte, die Idee des Weltkongresses zu verwirklichen. Der überwiegende Prozentsatz der Delegierten waren Zionisten, der Rest bestand aus Nationaljuden oder solchen, die es zu werden versprechen. Kein Wunder, daß diese Teilnehmer- Schaft die Gedanken der öffentlichen Tribüne, der demo* kratischen Grundsätze und der Sammlung aller Juden im Zeichen des jüdischen Volkstums guthieß. Insofern erbrachte die Jüdische Konferenz in Genf noch einmal den Beweis für etwas, das die Zionisten schon längst wußten: daß im jüdischen Volke eine aktive, politisch reife Gruppe vorhanden ist, die den Willen und auch die Qualifikation besitzt, eine allweltliche jüdische Organisierung zustande zu bringen. Das ideologische Fundament dieser vorwiegend zionistischen und nationalen Gruppe ist die Erkenntnis von dem wahren Charakter des Judenproblems als einer Frage des jüdisehen Volkes und des jüdischen Volkstums. Das aber ist schon vor Jahrzehnten von P i n s k e r, Theodor H erz 1 und Achad Haam in klassischer Weise formuliert worden. Die. Debatten der Konferenz standen, von kleinen Entglcisungen einiger Doktrinäre abgesehen, auf hohem menschliehen und jüdischen Niveau. Auffallend war, daß kein einziger Vertreter aus irgendeinem Lande es als opportun ansah, die speziellen Klagen der Juden seines Landes vorzubringen. Angst vor den heimischen Judenfeinden? Oder Einsicht, daß alle Vorkommnisse in den verschiedenen Staaten nur Symptome des überall prinzipiell gleichen Gesamtproblems sind? Wird nach der Ouvertüre des Weltkongresses, genannt Weltkonferenz, dieser auch zur angesetzten Frist zusammen* treten können? Das hängt von der Arbeit der gewählten Organe und von dem Druck der jüdischen Massen ab. In Polen, Rumänien, Litauen und in der Tschechoslowakei wird es, nach Angaben der Vertreter aus jenen Ländern, zu allgemeinen Wahlen für den Weltkongreß kommen. Auch in Amerika sind die Aussichten für demokratische Wahlen nicht schlecht. Wenn gewählte Vertreter des jüdischen Volkes nur aus diesen Ländern zum jüdischenWeltkongreß kommen werden, dann wird er Wirklichkeit geworden sein, auch wenn Notabein und einige Organisationen in ihrer ablehnenden Haltung verharren sollten. Niemand kann die Entwicklung der kommenden Jahre bis zum angesetzten Kongreßtermin voraussehen. Neue fördernde, aber auch hemmende Momente können in bezug auf die Verwirklichung des Kongresses wirksam werden. Es wird am Exekutivkomitee, welches von der Genfer Konferenz gewählt wurde, liegen, ob es die fördernden Faktoren zu nützen und den hemmenden zu begegnen versteht. Wir Zionisten sind trotz verschiedener Bedenken im gesamt jüdischen Interesse, wie Leo Motzkin es ausgezeichnet formulierte, bereit, zur Verwirklichung des Weltkongresses beizutragen und einen Teil unserer Energien für diese Sache einzusetzen. * Eine scharfe Ablehnung erfährt die soeben in Genf geschlossene jüdische Weltkonfercnz im Leitartikel der letzten Nummer des ״Jewtsh Chronic! e“. Die unglückselige Versammlung in Genf, schreibt der Verfasser, die von ihren Initiatoren mit einem grandiosen Titel ausgestattet wurde, der zu seiner Bedeutungslosigkeit und zu seinem unrepräsentativen Charakter schlecht paßt, wird binnen kurzem in die Rumpelkammer der historischen Kuriositäten wandern. Es wurde nicht nur nichts Wesentliches zustande .. '' sozialen ”Mißstände, unter” denen die Juden in" vielen Teilen der Welt leiden, hätte führen können. Es wurde beschlossen, einen jüdischen Weltkongreß für 1934 einzuberufen, doch wird niemand erklären können, wie dies dazu beitragen könnte, die der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands infolge der hitieristischen Brutalitäten im Jahre 1932 drohenden Gefahren zu bannen, den jüdischen Massen Ost- und Mitteleuropas bei der Anpassung an die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse unserer Zeit beizustehen, die russische Judenheit vor der allzu unmittelbaren Gefahr der Vernichtung durch Assimilation zu retten oder auch nur die Judenheit der Vereinigten Staaten gegen die wirtschaftliche und soziale Zurücksetzung, die zu einer Alitagserscheinung im amerikanischen Leben geworden ist, zu schützen. ״Jewish Chronicle“ tritt dafür ein, daß die Juden in den einzelnen Ländern selbst für ihren Schutz kämpfen, ohne Einmischung von außen. Außerdem werde ein Appell an den Völkerbund nur durch Vermittlung der Mitgliedsstaaten des Völkerbundes möglich sein, und daher sei eine Körperschaft, die von Bürgern der Vereinigten Staaten, einem Nichtmitglied des Völkerbundes, geleitet wird, für ein solches Einschreiten ungeeignet. Gegen diese Auffassung des ״Jewish Chronicle“ lassen sich nach unserer Meinung sehr gewichtige Argumente anführen. Wir behalten uns vor, gelegentlich unserer eigenen Stellungnahme zur Genfer Konferenz auch auf diesen Einwand zurückzukommen. Presseschau Als ״Traumstadt — Wunschstadt — Heilige Stadt“ feiert der Dichter Kasimir Edschmidt, Jerusalem, in der ״Deutschen Allgemeinen Zeitung“ (Nr. 355). Obwohl der Wert des Aufsatzes, der von betont christlichen und deutsehen Gefühlen getragen ist, wohl nur in der Schilderung und Verherrlichung Jerusalems erblickt werden kann, und die aktuell-politischen Bemerkungen dagegen durch ihre Oberflächlichkeit abfallen, seien die Stellen über Judentum und Zionismus kurz wiedergegeben, um zu zeigen, wie ein deutscher Literat heute auf die Eindrücke in Paiästna reagiert. Palästina spiegele heute trotz seiner Kleinheit alle großen Ideen und Bewegungen wieder, die Europa erschütterten; das Land brodele von Experimenten. Auf seinen Besitz aspirierten nicht nur die Araber, obwohl sie in Palästina ״im wesentlichen Nomaden“ seien, sondern auch die Engländer und die Juden; bei diesen seien aber wiederum die widerstreitendsten Tendenzen lebendig. Bei dem zionistisehen Riesenaufwand schaue wenig heraus; mit einer Fünftel Milliarde (?) habe man noch keine 3000 Landwirtschaft ten angelegt. Und selbst die Siedelungen der ״fanatischen modernen intellektuellen Juden“ seien ja im Grunde genommen ganz klein; ״sie machen ein paar Malariagüter frei, verleihen den Pionieren den Hochmut der Mission, die sie ausüben, aber was sind ein paar Güter schon in einem so kleinen Lande, das von so großen Strecken Wüste durchzogen ist?“ In gewissem Sinne seien freilich diese Sieddungen beispielgebend und symbolisch; zeigten sie doch, daß die Juden ein Bauernvolk sein können, wenn sie wollen, und ihre in den Siedelungen aufwachsenden Kinder seien ״wunderschöne asiatische Kinder“. Abet: man könne die Juden Europas und Amerikas nicht ״in die Malariagüter Palästinas verpflanzen und die geistig hochstehende Schicht an der jüdischen Riviera Orangen pflanzen lassen, nur um dem adligen, aber hochmütigen Streben der Rasse nach einem eigenen Staat, der doch nur eine Kuriosität sein könnte, Genüge zu tun“. Schließlich beklagt Edschmidt, der sich offenbar weder über den kulturellen Sinn des Zionismus Gedanken gemacht hat, noch auch die kolonisatorischen Leistungen zu würdigen versteht, das Aufkommen des Hebräischen als ausschließlicher jüdischer Umgangssprache, durch welche die Juden dem Europäer ״so fremd wie die Beduinen“ würden, während doch früher die Deutschsprachigkeit der Juden in aller Welt ״nicht das schlechteste Bindemittel für die große Koionie der Ausländsdeutschen“ gewesen sei. Jetzt ließen daegen die jüdischen Eltern in Palästina ihre Kinder neben em Hebräischen höchstens Englisch lernen. — Vielleicht denkt Edschmidt einmal darüber nach, ob der heutige deutsehe Antisemitismus dazu geeignet ist, die alte Neigung der Juden zur deutschen Sprache und Kultur zu verstärken? * Anläßlich des 60. Geburtstages von Professor Moritz Sobernheim, der Vorsitzender der ״Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums“ ist, widmet diese Gesellschaft dem Jubilar eine Festschrift in Form eines Sonderheftes der ״Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums“, dessen Umfang von fast 200 Seiten über den eines normalen Heftes erheblich hinausgeht. Wie alle Hefte der Monatsschrift, enthält sie neben gelehrten Beiträgen auch solche, die für einen weiteren Leserkreis bestimmt sind. (Geschäftsstelle; Berlin-Schöneberg, Beiziger Str. 46, Aufgang 11/2,).

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