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Jüdische Rundschau · 1932-08-19 · Heft 66 (19.8.1932) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 66 (19.8.1932)
Date
1932-08-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 318 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 66, 19. VIII. 1932 Um den jüdischen Weltkongreß Die Konferenz in Genf In der Generaldebatte, über deren Anfang wir bereits in der vorigen Nummer berichteten, sprachen an dem folgenden Tage noch eine Reihe von Rednern, darunter Dr. Nurok (Riga), Prulutzki (Paris), Dr, Rosmarin (Lemberg), B. Zuckermann (New York), Dizengoff und Sprinzak (Palästina), Oberrabb. Rubinstein (Wilna), Dr. Hans Klee als Vertreter des jüdisenen Studcnteiiwcltvcrbandes, u, a. Wir geben an anderer Stelle die Rede von Karcski wieder und bringen nachstehend den Inhalt einiger anderer Reden gemäß dem von der Konferenz herausgegebenen offiziellen Communique. Moses Waldmann, Berlin der Delegierte der Z. V. f. D., führte aus: Die Blicke der Juden der ganzen Welt sind heute auf Deutschland gerichtet. Sie haben die richtige Empfindung, daß das, was in Deutschland vorgeht, sich früher oder später in der ganzen Welt wiederholen kann. In Deutschland wird das Schicksal des Diaspora- Judentums prinzipiell entschieden. Die Juden bilden in Deutschland kaum 1 0/0 der Bevölkerung, und dieses Prozent stellt das Schiboleth der miteinander ringenden Richtungen in Deutsch׳- land dar. Ich will nicht von den politischen Verhältnissen in Deutschland sprechen. Das jüdische Glück hängt nicht vom Verschwinden Hitlers ab, denn wenn er auch nicht da wäre, das jüdische Problem würde doch bestehen. 120 Jahre seit der Emanzipation haben die deutschen Juden in beispiellosem Autstieg zur Entwicklung und zum Aufschwung Deutschlands als Künstler, Dichter, Erfinder und Politiker beigetragen, in der Industrie, im Handel und in der Finanzwirtschaft hohe Stellungen errungen, zehn Nobelpreise davongetragen. Heute werden die Juden auf allen Gebieten verdrängt und befinden sich hinter unsichtbaren Ghettomauern. Die Mehrheit des deutschen Volkes hegt die Ueberzeugung, daß es ohne die Juden geht. Man braucht die Juden nicht mehr; dies ist die allgemeine Meinung nicht nur in Deutschland, sie kann auch bald über Deutschland hinaus die Meinung in vielen Ländern der Welt werden: Der einzige Ausweg: Zurückfinden zu seiner eigenen Art, zu seiner eigenen Gemeinschaft. Nur durch sie können wir mit Aussicht auf Erfolg an die Welt appellieren. Bei dieser Vorkonferenz kommt es nicht darauf an, wieviel Organisationen vertreten sind, sondern darauf, daß das, was sie bringt, repräsentativ und geeignet ist zur Erfüllung der historischen Autgaben des jüdischen Volkes beizutragen. Es gibt keinen anderen weg fruchtbarer jüdischer Politik. Das Ob, WieundWann des Weltkongresses kann heute nicht entschieden werden. Richtige Politik kommt aus dem Herzen und nicht aus der zögernden Üeberlegung. Man muß wollen, und dann den ordnenden Verstand einschalten. Wenn erst der jüdische Weltkongreß zustande gekommen ist, wird er zur Einsicht gelangen, daß der Königsgedanke der jüdischen Gegenwart die Schaffung eines nationalen Zentrums ist. Zionismus ohne Zion muß schließlich als eine Fiktion erkannt werden. Das Volk muß ein greifbares Ziel haben. Das Judentum macht jetzt eine der schwierigsten Krisen seit seinem Bestände durch. Wir sind an einem Drehpunkt angelangt: Auflösung oder neue Konsolidierung. Wir haben aber die Ueberzeugung, daß das alte Haus Israel trotz aller Krisen noch immer eine gute und solide Firma ist. Die Filiale Deutschland, aber auch andere Filialen sind in schwerer Not. Man sollte ein Clearing-House schäften zur Stützung der notleidenden jüdischen Filialen. Es wird zum Weltkongreß kommen, denn stärker als alle Bedenken ist der Zwang der zum Zusammenschluß drängenden Tatsachen. Als Hauptvertreter der Richtung, die gegen die Be- Handlung zionistischer Fragen auf dem Weltkongreß ist, sprach der ehemalige Sejmdeputierte Noah Priludski Führer der Jüdischen ״Volkspartei“ in Polen. Er erklärte, solange das zionistische Problem nicht aus dem Aufgabenkreis des geplanten Kongresses aus ge schalt et werde, würde der Versuch, eine alle jüdische Parteien umfassende Körper- Schaft zu bilden, vergeblich sein, Er glaube, viele Organ!- sationen hätten die Teilnahme an der Konferenz nur aus dem Grunde abgelehnt, weil sie fürchteten, die Konferenz werde sich zu einer Beratung im Interesse der Förderung des Zionismus entwickeln. Bei der Organisierung des Kongresses müsse die Orientierung auf die Massen hin erfolgen. Der Redner warnte davor, den Notabeln-Organisationen nachzulaufen, Der Kongreß müsse aus demokratischen Wahlen hervorgehen; es müsse verhindert werden, daß er in irgendeiner Form parteipolitisch mißbraucht werde. Im Verlauf der Debatte sprach auch Leo Motzldn Er warnte vor einer Unterschätzung der Gefahren, die die Juden infolge der gegenwärtigen politischen Situation in Deutschland bedrohen. Er habe den Eindruck, daß die Vertreter der deutschen Judenheit, die bisher auf der Konferenz das Wort ergriffen hätten, diese Gefahren eher zu leicht genommen haben. Auch die russischen Juden hätten niemals geglaubt, daß Pogrome und Blutvergießen in ihrem Lande möglich sein würden, bis es tatsächlich zu den Pogromen gekommen sei. Das Schicksal der deutschen Juden sei eine Warnung für die ganze Welt. Abwehr des Antisemitismus sei notwendig, sie müsse sich aber neuer Methoden bedienen. Verleugnung des nationalen Charakters des Judentums stärke den Antisemitismus. Wenn die Zionisten für den Weltkongreß eintreten, so täten sic dies aus allgemeinen jüdischen Erwägungen heraus, denn von ihrem Parteistandpunkt aus hätten sie eher Grund, ihn abzulehnen. Zum Schlüsse betonte Motzkin die ungeheure Bedeutung der Errichtung eines Jüdischen Nationalheims in Palästina für die Hebung des Ansehens des jüdischen Volkes in der ganzen Welt und die Stärkung seiner Position. Namens des jüdischen Handwerkerverbandes in Polen erklärte Dep. R a 11 n e r - Warschau, alle großen jüdischen Organisationen in Polen seien bereit, sich an dem Weltkongreß zu beteiligen, doch müßten Garantien für seine Ueberpartcilichkeit gegeben werden. Dep. 1. Grünbaum (Warschau, dzt. Paris) erklärte namens des Zentralkomitees der Zionistisehen Organisation Kongreß-Polens, diese werde sich unter folgenden Bedingungen am Weltkongreß beteiligen: 1. der Kongreß müsse sich auf dem Standpunkt der zionistischen Lösung der Judenfrage durch den Aufbau Palästinas stellen; 2.. er müsse aus direkten proportionalen Wahlen hervorgehen, nicht aber Delegationen der einzelnen Parteien umfassen; 3. er müsse alle Galuth-Fragen behandeln und den Mut der jüdischen Massen zum Kampf für ihre Rechte wieder beleben. Der Präsident des Jüdischen Parlamentsklubs in Rumänien, Dr. Mayer Ebner der in seiner Rede ausführlich die Lage der Juden in Rumänien behandelte, machte außerdem folgende allgemeine Ausführungen: Der Weltkongreß «01! die Fragen, wie man am wirksamsten den Antisemitismus bekämpft und wie man der Verelendung der jüdischen Massen begegnen kann, beant- Worten. Auf die erste Frage haben die vorangegangenen zwei Generationen mit der Assimilation geantwortet. Das Mittel erwies sich als falsch. Die Reaktion auf die jüdische Assimilation war der moderne Antisemitismus. Wohl wird der Antisemitismus uns wie ein Schatten durch unser ganzes Leben begleiten, aber er läßt sich mildern, und zwar durch das Gegenteil von dem, was wir Assimilation nennen. Der Unterstaatssekretär für Minoritäten in Rumänien, Rudolf Brandsch, Philosemit, leidet nicht Juden, die sich deutsche Volksgenossen nennen. Der ehemalige rumänische Ministerpräsident Averescu ist gegen jüdisehen Hyperpatriotismus. Allgemeine Achtung sei der Anfang für den Abbau des Antisemitismus. In wirtschaftlicher Hinsicht sei möglichste Umschichtung und Auswanderung und weitgehendste Zerstreuung in der ganzen Welt mit Palästina als nationalem Zentrum anzustreben. In diesem Sinne müsse der Weltkongreß wirken. Schlußwort Dr. Nahum Goldmanns Dr. Nahum Goldmann faßte in seinem Schlußwort die Ergebnisse der Diskussion zusammen. Er betonte zunächst, der Verlauf der Diskussion habe bewiesen, wie unberechtigt die Befürchtungen der Gegner dieser Konferenz waren, daß durch unbeherrschte und unverantwortliche Aeußerungen Schaden für die Juden mancher Länder sich ergeben könne. Eine Rede, wie die von Herrn K a r e s k i, hat gezeigt, daß die demokratisch delegierten Repräsentanten, die an dieser Konferenz teilgenommen haben, mindestens ebenso imstande sind, wie viele unserer Notabein, sich beherrscht und verantwortungsvoll auszudrücken, nur mit dem Unterschied, daß sie als Juden dabei stolzer und mutiger sprechen, als es jene zu tun pflegen. Auch der schärfste Gegner dieser Konferenz werde nicht behaupten können, daß der Verlauf der Diskussion der antisemitischen Bewegung in Deutschland und anderen Ländern Nahrung hatte geben können. Zur Lage in Deutschland habe Kareski das wesentlichste gesagt. Aber eines soll von dieser Tribüne noch gesagt werden: Das jüdische Volk ist mit der deutschen Kultur, die die moderne jüdische Renaissance stark beeinflußt hat, eng verknüpft, und das deutsche Volk sollte es sich sehr überlegen, ob es durch eine Entrechtung der Juden sich das Judentum der Welt zu Gegnern machen wolle. Verschiedene Redner haben ihre prinzipielle Zustimmung zum Gedanken des Weltkongresses bekundet, hielten es jedoch für notwendig, ihrer , Angst vor den Zionisten Ausdruck zu geben. Wir Zionisten, erklärte Dr. Goldmann, haben vom parteipolitischen Standpunkt keinen Anlaß, für den jüdischen Weltkongreß einzutreten. Wir haben im Zionistenkongreß die einzige jüdisch-demokratische Tribüne geschaffen, und ohne unsere Mitwirkung werden die Nichtzionisten eine zweite ähnliche Tribüne nicht schaffen können. Wenn wir heute bereit sind, uns gewissermaßen selbst Konkurrenz zu machen und die große gesamtjüdische Tribüne des Weltkongresses aufzubauen, so tun wir es, weil wir in dieser tragischen Lage des jüdischen Volkes jüdische Interessen den parteimäßigen voranste11 en. Es wurde gesagt, daß die Zionisten den Weltkongreß wollen, um durch ihn die zionistische Stimmung des Volkes zu beleben. Nichts ist unwahrer und weniger den Tatsachen entsprechend als eine solche Vermutung. Palästina hat noch niemals im jüdischen Leben so sehr seine attraktive Uebung ausgeübt wie heute, da es die einzige freie, glückliche Insel ist im Meer der jüdischen Leiden. Wir brauchen keine künstlichen Mittel, um die Stimmung zu beleben. Einige Worte über den Charakter und Inhalt des Weltkongresses. Er muß eine ideologische Basis haben, eine Bewegung ohne eine zugrunde liegende Idee kann nichts erreichen. Ein Weltkongreß, der nur ökonomische Fragen behandeln soll und eine neue philantropische Institution bilden׳ soll, verdient nicht, einberufen zu werden. Lernen Sie aus der Geschichte des Zionismus, daß nur eine Idee eine Bewegung groß machen kann. Der Weltkongreß soll d i e Adresse des jüdischen Volkes schaffen, und deswegen kann er nicht darüber debattieren, wie eigentlich diese Adresse lauten soll, Volk, Religionsgemeinschaft, Rasse usw. Es gibt nur eine mögliche Basis f1:r den Weltkongreß, den Gedanken des jüdischen Volkstums. Nur ein jüdisches Volk kann einen jüdischen Weltkongreß einberufen und abhalten. Es ist nicht nötig, daß jeder, der sich daran beteiligt, ein Bekenntnis zum jüdischen Volke ablegt. Wenn der Weltkongreß als ein solcher des jüdischen Volkes proklamiert wird, dann bedeutet die Teilnahme an ihm implicite Bekenntnis der Zugehörigkeit zum jüdischen Volke. Es ist unnütz, über den Inhalt und das Programm des Kongresses zu sprechen. Der Weltkongreß soll das Pariament des jüdischen Volkes werden, und kein Volk bestimmt a priori die Tagesordnung und Kompetenzen seines Pariamentes. Der Jüdische Weltkongreß wird souverän sein oder er wird es nicht sein, und wenn er souverän sein wird, so wird er die Gesamtheit der jüdischen Fragen behandeln, die Probleme des inneren jüdischen Lebens, die Vertretung vor den Völkern der Weit, den Kampf gegen die Feinde des jüdischen Volkes. Aus diesem Grunde ist es unmöglich, daß der Kongreß davon absehen soll, wie hier verlangt wurde, sich mit den politischen Fragen der Juden der einzelnen Länder zu beschattigen. Wir Zionisten haben nicht deswegen in vier Jahrzehnten den Begriff einer internationalen jüdischen Politik ausgebaut und jüdische Minoritätenrechte durchgesetzt — wobei klar ist, daß beides nicht in Widerspruch steht mit dem Patriotismus der Juden und ihren bürgerlichen Rechten und Pflichten in den einzelnen Ländern —, um jetzt darauf zu verzichten, daß ein jüdischer Weltkongreß sich mit der politischen Lage der Juden in allen Ländern befaßt. Das Schicksal der Juden eines Landes betrifft das Schicksal des Gesamtjudentums, und der Weltkongreß des geeinigten jüdischen Volkes wird das Recht und die Pflicht haben, zu der politischen Lage und der Politik der Juden der verschiedenen Länder Stellung zu nehmen. Vom Gesichtspunkt der Souveränität des Weltkongresses ausgehend, halte ich es auch nicht für nötig, die Bedingungen zu stellen, die Grünbaum im Namen der Zionistischen Organisation Polens formuliert hat, dal) der Weltkongreß a priori die zionistische Lösung der Judenfrage durch den Aufbau Palästinas anerkennt. Wenn er es täte, würde er identisch mit dem Zionistenkongreß werden. Eine solche Festlegung widerspräche seiner Souveränität. Schließlich gab Dr. Goldmann der Hoffnung Ausdruck, dab der jüdische Weltkongreß in etwa U/s oder spätestens 2 Jahren zusammentreten werde, von der Einberufung schon im nächsten Jahre wolle man im Hinblick darauf, daß der Kongreß dann mit dem Zionistenkongreß kollidieren würde, absehen. Als Kongreßort habe man Genf bestimmt, da die Einberuf er ihre Arbeit nicht im Verborgenen führen wollen, sondern im Gegenteil größten Wert darauf legen, die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkcit in stärkstem Maße auf den Kongreß zu lenken. Unter den gegenwärtigen Umständen sei der jüdischen Sache am besten gedient, wenn man erkenne, daß jetzt eine möglichst kraftvolle Kundgebung vor breitester Oeffentlichkcit durchaus gerechtfertigt sei, und demgemäß handele. Redner schließt seine Rede mit folgenden Worten: Erlauben Sie mir, zum Schlüsse noch einige Worte zu sagen über die historische Bedeutung des Weltkongresses. Es war leider auf dieser Konferenz nicht die Möglichkeit gegeben, eine Analyse der Situation des jüdischen Volkes in der heutigen Welt vorzunehmen, aber ein Wort darüber will ich hier zum Schlüsse sagen. Man geht an den wirkliehen Problemen der heutigen Existenzfrage des jüdischen Volkes vorbei, wenn man meint, das entscheidende Charakteristikum unserer Lage sei der Antisemitismus. Der Antisemitismus war nie der beherrschende Faktor des jüdischen Lebens. Er war immer nur der sekundäre Ausdruck von viel tiefer liegenden Zeittendenzen. Und wenn wir heute erleben, daß die gesamte Stellung des Judentums unter den Völkern erneut bedroht ist, daß die scheinbar absoluten und für immer gesicherten Ergebnisse der jüdischen Emanzipation und Gleichberechtigung wieder in Zweifel gezogen werden, daß große Kulturvölker, die zu den führenden der Welt gehören, die Stellung des Judentums in ihrem Lande einer neuen Prüfung zu amterziehen beginnen, so ist dies alles viel mehr als Antisemitismus im vulgären Sinne, und muß uns Juden zum Bewußtsein bringen, daß wir in einer neuen Weltepoche leben. Die meisten von uns haben noch nicht begriffen, daß das 19. Jahrhundert der jüdischen Geschichte nicht nur chronologisch, sondern auch ideologisch zu Ende gegangen ist. Das 19. Jahrhundert war ein glückliebes Jahrhundert in der jüdischen Geschichte. Es hat uns die Emanzipation gebracht und die Proklamierung unserer bürgerlichen Rechte. Es hat uns Entwicklungs- und Aufstiegmöglichkeiten in großer Zahl gegeben. Es war ein uns günstiges Jahrhundert, weil es ein Jahrhundert der Freiheitsbewegungen, der nationalen Befreiung, des Liberalismus und der Demokratie, des Respektes vor dem Individuum und vor den Leistungen des Einzelnen war. Heute leben wir in einer neuen Zeit, in einer revolutionären Zeit. Die ganze Menschheit ist neu in Erschütterung geraten. Große Millionenvölker, die neu auf den Schauplatz des politischen Geschehens getreten, große neue Klassen verlangen ihren Anteil an den Gütern der Welt. Es ist eine brutale Zeit, in der große Massen, Nationen, Klassen, Gruppen, um ihre Positionen in der Welt kämpfen, eine solche Zeit geht über Individuen, und sie mögen die größten sein, zur Tages- Ordnung über. Nur organisierte Kollektiva spielen in ihr eine Rolle. Wir mögen 100 Einsteins haben, und es spielt in unserem Kampf für unser Dasein kaum eine Rolle. Wir können in einer solchen Zeit nur standhalten, wenn wir auch ein organisiertes Kollektivum werden. Die 17 Millionen atomisierter jüdischer Individuen werden durch diese Zeit, in der große Millionen-Massen organisiert gegeneinander kämpfen, rücksichtslos zur Seite gedrückt werden. Aber ein organisiertes jüdisches Volk von 17 Millionen wird seine Positionen wahren können und Anteil nehmen können an der Lösung der Probleme seiner Zeit. Wir Zionisten haben den Anfang zu dieser Organisierung gemacht, indem wir das Volk für ein bestimmtes Ziel zu organisieren unternahmen; die Not des Tages und die Tragik der Zeit verlangt jedoch die Organisierung dieses Volkes auch zur Lösung seiner täglichen Probleme und Bedürfnisse. Dies ist der eigentliche historische Sinn des jüdischen Weltkongresses. ln dieser neuen Zeit der organisierten Völker und Massen die Organisierung auch des jüdischen Volkes durchzuführen. Lessing hat einmal gesagt: ״Der Weg zur Wahrheit ist fruchtbarer als die Wahrheit selbst“. Dies gilt von jeder großen Idee und Bewegung. Herzl, in seinem großen Instinkt, hat dies für den Zionismus formuliert in seinem Wort: Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judeniahd. Gleiches gilt auch von dem Weg zur Organisierung des jüdischen Weltkongresses. Indem die Massen die Völker dazu aufrufen, zum Weltkongreß zu wählen, indem wir gegen die Gegner und die Opposition zum Weltkongreß wählen werden, werden wir eine große Leistung in der politischen Erziehung und Organisierung unseres Volkes vollbringen. Und deswegen, verehrte Konferenz, seien Sie nicht kleinmütig, haben Sie den Elan und den Mut, die Parole des jüdischen Weltkongresses in die Welt zu schleudern und seien Sie überzeugt, daß Sie legitimiert sind, es zu tun, nicht nur weil Sie Millionen von Juden repräsentieren, sondern vor allem, weil hier alle die jüdischen Gruppen und Teile versammelt sind, die den Mut zu einer neuen jüdischen Politik und zu einer neuen Haltung des jüdischen Volkes in der Welt haben. Wenn diese Konferenz den Mut haben wird, diese Parole in die jüdische und in die internationale Welt hinausgehen zu lassen, und wenn wir alle von hier nach Hause gehen, entschlossen mit allen Kräften an der Aufrüttelung des Volkes und an der Organisierung des Weltkongresses zu arbeiten, dann wird dieser Weltkongreß in kurzer Zeit zustände kommen, und diese Konferenz wird eine historische Leistung in der Geschichte des regenerierten jüdischen Volkes unserer Zeit vollbracht haben. * Aus Deutschland nehmen außer den in unserer vorigen Nummer genannten Vertretern Dr. Alfred Klee (Jüdische Volkspartei), Direktor Pernikoff (Verband russischer Juden) und Dr. Rosenfeld (Weltverband Makkabi) teil. Referendar Hans Klee ist Vertreter des Weltverbandes jüdischer Studenten. Am 16. fand im Hotel Bellevue ein von der Genfer Jüdischen Gemeinde für die Konferenzteilnehmer veranstalteter Empfang statt. Herr Meyer begrüßte die Gäste, worauf Stephen Wise, Bürgermeister Dizengoff (Tel-Awiw) sowie Dr. Alfred Klee (Berlin) namens der Konferenzdelegierten dankten. D i z e n g o f f lud die Gastgeber nach Jerusalem ein und Dr. Klee bezeichnete es als das erstrebenswerteste Ziel, daß die jüdischen Gemeinden die Träger aller gesamtjüdischen Arbeiten werden.

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