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Jüdische Rundschau · 1932-08-12 · Heft 64 (12.8.1932) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 64 (12.8.1932)
Date
1932-08-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 308 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 64, 12. VIR. 1932 Der Pogrom in Tunis Ueber die am 25. Juli in SI a x (Tunk) vor sich gegangenen judenfeindlichen Ausschreitungen geht der Jüdisehen Telegraphen-Agentur folgende Darstellung zu: Zwei Tage lang bot Sfax das Bild einer vonPogromborden heimgesuchten russischen oder ukrainischen Kleinstadt. Den Anlaß zu dem Aufruhr und den ,judenfeindliehen Ausschreitungen bildete ein Privatstreit zwischen Kaufleuten und einem von ihnen früher beschäftigten Arbeiter. Zu den Brüdern Didi, angesehenen Kaufleuten, die jahrelang im arabischen Stadtviertel gewohnt und sich bei der gesamten Bevölkerung größter Wert- Schätzung erfreut hatten, kam der betreffende Arbeiter, um ihm angeblich zukommende Lohnrüekstünde zu fordern. Es folgte eine heftige Auseinandersetzung, in deren Verlauf sich der Araber selbst gegen eine Glastür warf und sich so — wie von manchen behauptet wird, absichtlich — verletzte. Nun rief der Araber, die jüdischen Kaufleute hätten versucht, ihm die Kehle durchzuschneiden. Im nfiehsten Augenblick stürzten Tausende von Hafenarbeitern, Beduinen und Phosphatarbeitern, die anscheinend nur auf dieses Signal gewartet hatten, herbei und versuchten, die Didis zu lynchen. Diese verbarrikadierten ihren Laden und verständigten telephonisch die Polizei. Inzwischen aber hatte sich eine so große Menschenmenge angesammelt, daß die Kaufleute nur dadurch, daß die Polizei sie in Schutzhaft nahm, vor ihren Angreifern gerettet werden konnten. Wähfend die Verhafteten aus dem arabischen Stadtteil geführt wurden, rief ihnen die Menge Drohrufe zu und bewarf sie mit faulen Früchten. Von einigen Rädelsführern aufgehetzt, strömte die Menge sodann in ctie Straßen, in denen sich die Läden der jüdischen Juweliere befinden. Es kam zu scliweren Mißhandlungen von Juden, Plünderungen und Brand- Stiftungen. Zahlreiche Juden wurden verwundet. Selbst das Eintreffen des arabischen Gouverneurs an der Spitze einer Spahi-Abteilung machte auf den Mob wenig Eindruck. Der Gouverneur konnte bloß die verletzten und bedrohten Juweliere unter militärischem Schutz in sein Haus bringen lassen, während die Straße den Aufrührern zur Plünderung überlassen blieb. Sodann drang die aufgewiegelte Menge in das europäische Viertel ein, überfiel auf dem Wege dahin alle Juden, denen sie begegnete, und mißhandelte sie schwer. Im jüdischen Viertel entstand ungeheure Panik. Im Sturmlauf kamen die Aufrührer heran und versuchten, in die verbarrikadierte große Synagoge einzudringen. Die Kinder der benachbarten hebräischen Schule konnten rechtzeitig au! eine abgeschlossene Dachterrasse gerettet werden. Bei der Verteidigung der Synagoge wurde der Rabbiner Simon Cohen verwundet. Es wurde versucht, eine Selbstwehr zu organisieren, das kleine Häuflein der Verleidiger war jedoch gegen den wütenden Mob ohnmächtig. Erst um 4 Uhr nachmittags — die Unruhen hatten schon am frühen Morgen begonnen — wurden stärkere m i 1 i t ä - rische Kräfte eingesetzt, die die Straßen des Juden- Viertels räumten. Die ganze Nacht hindurch patrouillierten Polizei, sowie Abteilungen von Senegalesen und Spahis in den Straßen, während die Juden in ihren verbarrikadierten Häusern blieben. Am folgenden Tage glich Sfax einer ausgestorbe* Ben Stadt. Alle Läden waren geschlossen und von senealesischen Patrouillen bewacht. Trotz aller Maßnahmen er Behörden aber wurden die Plünderungen vielfach fortgesetzt. Die im arabischen Viertel lebenden jüdischen Familien flüchteten zu Freunden oder Verwandten im europiusehen Stadtteil Der Umzug erfolgte unter militärischem Schutz. Gegen 8 Uhr morgens traten di© Dockarbeiter in Streik. Die Arbeit wurde jedoch bald wieder aufgenommen und die Ordnung durch Senegalesen unter dem Kommando des Hauptmanns Mermet wiederhergestellt. Einige hundert •Aufrührer sowie einige Juden wurden verhaftet. Noch am selben Tage traf mittels Eilpost aus Sousse eine Untersuchungskommission, bestehend aus Staatsanwalt M. Bouisson, Untersuchungsrichter M. Calme und dem Sekretär M. Luciani, ein. Die Untersuchung wird nicht bloß gegen die an den Ausschreitungen unmittelbar Beteiligten, sondern auch gegen die intellektuellen Urheber de« Pogroms geführt. Das arabische Gericht in Sfax hat einige Araber, die an den Ausschreitungen teilgenommen haben, zu Gefängnisstrafen von einigen Tagen bis zu drei Monaten verurteilt. Aber auch zwei Juden, die sich gegen die Araber verteidigt hatten, wurden zu je 30 Tagen Gefängnis verurteilt. Die französische Presse schweigt. Die sozialistische Tageszeitung ״Populaire“ prote- Stiert dagegen, daß die Pariser französische Presse über die Ausschreitungen in Tunis schweigend hinweggeht. Die Zeitung behauptet, man habe es mit einer ״Verschwörung des Schweigens“ zu tun, die verheimlichen will, daß in einem Unter französischer Verwaltung stehenden Lande solche Aus- Bchreitungen stattfinden konnten. Der ״Populaire“ erhebt gegen den französischen Statthalter in Tunis, General Manceron, den Vorwurf, nicht rechtzeitig ausreichende Maßnahmen für den Schutz der jüdischen Bevölkerung getroffen zu haben. (Die Londoner ״Times“ berichtete am 4. August aus Paris über die Vorgänge in Tunis.) Die Pariser Tageszeitung ״L’Oeuvre“ erfährt, daß kurz vor dem Ausbruch der Unruhen in Tunis 30 Araber aus Palästina dort eingetroffen sind. Es wird angenommen, daß die Unruhen von den Palästinensern angezettelt wurden. Auch aus anderen Anzeichen will man darauf schließen, daß die Ausschreitungen vorbereitet waren. Vorarbeiten zum Reichsverband. Die Pressestelle des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden teilt mit: Am 7. August d. J. trafen sich die Finanzdezernenten der größeren Landesverbände in Oberhof zu einer gemeinsamen Aussprache, um einen Ueberblick über die Lasten, die eine Reichsorganisation der deutschen Juden zu tragen haben würde, zu gewinnen. Der Preußische Landesverband war bei der Beratung durch seine Schatzmeister K a r e s k i und Woyda, der Verband bayerischer israelitischer Gemeinden durch Justizrat Dr. Straus (München), dieser zugleich für den Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden Hessens, und Kommerzienrat Rosenzweig (Nürnberg), der Oberrat der israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs und der Oberrat der Israeliten, Karlsruhe, durch Ministerialrat Dr. Hirsch (Stuttgart) und der Sächsische israelitische Gemeindeverband durch seinen Vorsitzenden, Carl Goldschmidt (Leipzig) und Rechtsanwalt Dr. Goldberg (Plauen) vertreten. Im Vordergründe standen die Fragen, welche Institutionen als ״reichswichtig“ anzusehen seien und welche Mittel aufgebracht werden müßten, um im bisherigen Verhältnis Subventionen zu leisten. Beide Feststellungen konnten nach mehrständiger eingehender Prüfung getroffen werden. Gegen die Höhe des ermittelten auf den Kopf der jüdischen Bevölkerung entfallenden Betrages wurden durch die Vertreter Sachsens und Hessens Bedenken geltend gemacht, doch kann der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß ein Weg gefunden werden wird, der diese Schwierigkeit beseitigen wird. Am späteren Nachmittag schloß sich an diese Sitzung eine Aus- Sprache mit Vertretern thüringischer Gemeinden an. Die Judenfragc auf der Konferenz des Internat. Weltstudenten-Werkes In der am 3. August abgehaltenen Sitzung der von der gegenwärtig in Brünn tagenden XL Konferenz des Internationalen Weltstudentenwerkes eingesetzten Kommission für geistige Arbeit und internationale Studien wurde das jüdisehe Problem an den europäischen Hochschulen eingehend behandelt. Nach einleitenden Worten des General- Sekretärs des LS. S., Dr. Walter Kotschnigg, erklärte der Wortführer der englischen Delegation, Mr. Gareth Maufe (London), die bisherige Arbeit des l, S. S. auf dem Gebiete der Verständigung von Juden und Nichtjuden an den Hochschulen habe keine praktische Auswirkung gehabt. Namens der jüdischen Delegation erklärte Dr. Otto Pollak (Briinn), daß die jüdischen Vertreter im LS. S. einen Abbau der Verständigungsarbeit, die große erzieherische Wirkung besitze, wenn sie auch im Augenblick der Gefahr nicht zur Geltung komme, nicht wünschen. An das moralische Gewissen der Anwesenden und an die Studentenschaft aller Kulturnationcn der Welt müsse der Appell gerichtet werden, dieser Entwicklung des Boden zu entziehen. Der Sprecher der deutschen Delegation, Dr. Herbert Scurla (Berlin), meinte, daß die Nachrichten über die antijüdisclieu Ausschreitungen sehr oft tendenziös aufgebauscht werden. Der Kampf an den Hochschulen sei auch vielfach kein Kampf gegen die Juden, sondern der Kampf einer Jugend, die sich in einer materiellen und moralisch komplizierten Situation befindet. Die jüdische Frage sei Gegenstand einer langen Auseinandersetzung in der deutschen Delcgation gewesen, deren Mitglieder davon überzeugt seien, daß man auf dem Wege der Verständigung weitergehen und daß auch in Deutschland in dieser Hinsicht weiter gearbeitet werden müsse. Der Delegierte Bruno Gleitze (Berlin) führte aus, man müsse zwischen Exzessen und einer gewissen antisemitischen Haltung unterscheiden. Exzesse verurteile jeder anständige Mensch, auch der Antisemit. Jedoch sei die Ausschaltung gewisser Studierender und ihre Konzentrierung auf andere Universitäten eine Frage, die studiert werden müsse. Dieses grundsätzliche Problem bestehe auch in anderen Ländern. In erlin habe es keine Exzesse gegeben, sondern die Aus- Wirkungen einer grundsätzlichen antisemitischen Haltung. Den Vertretern der deutschen Studentenschaft antwortete Referendar Hans Klee (Berlin). Er erklärte, das Problem der Beziehungen zwischen jüdischer und nichtjüdischer Studentenschaft an den Hochschulen müsse entgegen der Tendenz gewisser Gruppen, die Frage in ihrem Lande, obskur zu lösen, international diskutiert werden. Klee gab der Genugtuung der jüdischen Delegierten über das Eintreten der deutschen Delegation für Verständigung Ausdruck, meinte jedoch, daß die Verständigungsarbeit nicht unter Ausschaltung des LS. S. den einzelnen Ländern überlassen werden soll. Die Kommission übermittelte schließlich dem Plenum folgenden Antrag der jüdischen Delegation: ״Die XL Konferenz des 1. S. S. stellt mit Bedauern fest, daß ungeachtet des Beschlusses von N y o n, durch welchen Gewalttat und Beschimpfung aus dem hochschulpolitischen Kampfe verbannt werden sollten, sich erneut schwere Exzesse gegen jüdische Studierende an den Hochschulen verschiedener Länder ereignet haben. Die Konferenz erwartet, daß von nun an durch die Studentenschaften, deren Vertreter diesen Beschlüssen beigestimmt haben, die darin enthaltenen Grundsätze restlos verwirktlicht werden.“ In der Schlußsitzung wurde ein Antrag angenommen, demzufolge demnächst eine Sachverständieenkoftie!• renz einberufen werden sali, um die Fragen 3er lieber* füllung der Hochschulen zu studieren. In dem Bericht über die Schlußsitzung der Konferenz wurde folgende Erklärung über die Regelung der Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden an den Hochschulen aufgenommen: ״Die von der XI. Konferenz des International Student Service eingesetzte Kommission für kulturelle Arbeit und internationale Beziehungen betont den Wert der vom Welt- Studentenwerk auf dem Gebiet wissenschaftlicher Studien über den Antisemitismus geleisteten Arbeit. Andererseits stellt die Kommission fest, daß trotz den Gewalttätigkeiten in den Beziehungen von Studenten untereinander verurteilenden Beschlüssen von Nyon weiterhin Ausschreitungen gegen jüdische Studenten in verschiedenen Ländern vorkamen. Sie hofft, daß die studentischen Verbände, die diese Beschlüsse angenommen haben, die in ihnen enthaltenen Grundsätze ausnahmslos verwirklichen werden. Angesichts der Dringlichkeit dieses Problems empfiehlt die Kommission dem Weltstudentenwerk, seinen Sekretär in jene Universitäts- Zentren zu entsenden, an denen antisemitische Bewegungen Vorkommen. Obwohl die Kommission die Ausschreitungen scharf verurteilt, glaubt sie nicht, daß gegenwärtig Proteste des Weltstudentenwerks zur Lösung der Konflikte beitragen könnten. Solche Proteste würden im Gegenteil die Situation noch erschweren.“ Kurze Nachrichten Der jüdische Polizeioffizier Goldman wurde am 7. August in der Altstadt von Jerusalem, als er einen Araber aus Hebron, der zwei andere Araber durch Revolver- Schüsse verletzt hatte, verhaftete, von einer großen Menge bedroht. Die Araber riefen, Goldman selbst habe geschossen. Britische Polizei zerstreute die Menge. Es wurde ein Polizeicommunique veröffentlicht, in dem der wahre Sachverhalt dargestellt wird. Eine auf Grund der letzten Volkszählung herausgegebene offizielle Statistik zeigt das ständige Anwachsen der jüdischen landwirtschaftlichen Bevölkerung in Palästina. Die jüdische landwirtschaftliche Bevölkerung macht jetzt 26 ס״ der gesamten jüdischen Bevölkerung aus, während nach der Volkszählung des Jahres 1922 der damalige Anteil der in der Landwirtschaft tätigen Juden in der jüdischen Gesamtbevölkerung nur 18 0/0 betrug. Der langjährige Finanzreferent der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, Bankdirektor Dr. Hermann Oppenheim, einer der Führer der ״Union österreichischer Juden“, hat infolge eines Nervenzusammenbruchs einen Selbstmordversuch durch Aufschneiden der Pulsadern unternommen. D. Oppenheim hat in letzter Zeit unter dem Eindruck der Fortschritte des Nationalsozialismus, in denen er den Beginn einer Zertrümmerung der jüdischen Gleichberechtigung sah, seelisch sehr gelitten. Die Hauptleitung der österreichischen Nationalsozia* listen hat einen Befehl ausgegeben, in dem den österreichisehen Nationalsozialisten untersagt wird, den Ruf ״Juda verrecke“ zu gebrauchen und religiöse Gemeinschaften öffentlich zu beleidigen oder zu bedrohen. Das Schweizer Bundesblatt veröffentlicht folgenden Be- Schluß des Bundesrats: ״Das Tragen von nationalsozialistischen Braunhemden aufSchweizcrGebiet wird verboten. Hinsichtlich des Gebrauchs von nationalsozialistischen Emblemen wird größte Zurückhaltung emofohlen “ Presseschau Naiionaldeuhche Jaden und NatlonaUozialf«ams Die ״Deutsche Allgemeine Zeitung“ veröffentlichte am 7. August in ihrer Briefbeilage mehrere Zu- Schriften, die sich mit dem von uns in Nr. 62 der ״J. R.“ zitierten Aufsatz von Dr. Max N a u m a n n befassen. Der ״nationaldeutsche Jude“ Naumann war dort für einen An- Schluß der Juden an den Nationalsozialismus eingetreten. Dasselbe wollten offenbar die Wahlplakate des ״Verbandes nationaldeutscher Juden“ bewirken, die die geschmackvolle Parole Ausgaben: ״Juden, wählt deutsch!“ Naumanns Verhalten ist für bewußt jüdische Kreis© keine Ueberraschung, aber trotzdem schämt man sich als Jude immer wieder. Nun wird Naumanns Appell von einem Mann namens Ciemens Marx, Berlin-Grunewald (der Name klingt verdächtig jüdisch, aber der Mann ist eingeschriebenes Mitglied der NSDAP., also wohl reinrassig), unterstützt. Er schreibt an die ״D. A. Z.“ u, a.: ״. . . Zunächst muß festgestellt werden, daß ein großer Teil der Nationalsozialisten keine Antisemiten sind. Die großen Taten der Juden werden vollauf anerkannt. Ich kann selbst aus eigener Erfahrung bestätigen, daß viel© Nationalsozialisten Juden zu ihren besten Freunden zählen. Eins muß jedoch festgestellt werden, daß viele Aeußcrungen, die das Deutschtum und damit uns verletzt haben, zu einem großen Teile von gewisser semitisches• Seite gemacht worden sind. Es ist daher nicht hoch genug anztierkennen, daß gerade von jüdischer Seite darauf hingewiesen wird. Der Artikel von Herrn Dr. Naumann könnte bahnbrechend wirken. Er könnte die innere Zerfleischung der Deutschen eindämmen, und zwar dann, wenn er den Erfolg hätte, daß sich mancher dieser, Gott sei Dank nur in der Minderzahl vorhandenen Juden darauf besinnen würde, daß er in Deutschland wohnt, deutsches Geld verdient und sich von Deutschen sein Eigentum schützen läßt. Mag diese Art Juden auch in manchem anders denken als wir. Gedanken sind zollfrei. Würden sie jedoch zunächst diese Gedanken für sich behalten und sich dann bemühen, auch das Gute der Deutschen anzuerkennen, und zwar laut, dürfte der Antisemitismus auf eine ganz kleine Anzahl von Fanatikern beschränkt werden.“ Auf diese zumindest naiven Ausführungen gibt ein anderer Einsender, Ernst Weiplcr, die Antwort, wenn er schreibt: ״. . . Vorausschicken will ich, daß ich deutsch und christlich von Kind auf erzogen bin, daß ich weder das ,Berliner Tageblatt1, noch die ,Weltbühne‘, noch Arnold Zweig lese, noch Kerrs Plaudereien höre, wohl aber lese ich die Flugblätter der Nazis vom Jahre 1932, wo es also lautet: ,Der Jude kann nicht deutscher Staatsbürger sein. Er muß unter Ausländergesetz gestellt werden.‘ Und weiter heißt es: ,Wenn es in Deutschland nicht gelingt, die eigenen Volksgenossen zu ernähren, dann müssen die Ausländer ausgewiesen werden.‘ Das Flugblatt ist unterschrieben von der Nationalsozialistischen Partei. Ist dies der Weg, der — wie Herr Naumann schreibt — allein zu Deutschlands Aufstieg führen kann, dann müssen alle deutschen Juden ihre Sachen packen und sind plötzlieh laut Parteibeschluß keine Deutschen mehr!“ Im ״Journal de Genöve“ vom 5. August bespricht de® bekannte internationale Journalist William Martin den Ausgang de® deutschen Wahlen und die Möglichkeiten einer Regierungsbildung. Dabei kommt er auf die Frage einer Koalition zwischen Zentrum und Nationalsozia* listen zu sprechen. Er erklärt es angesichts der parlamentarischen Mehrheits-Verhältnisse für Begreiflich, wenn das Zentrum eine Verständigung mit Hitler sucht. Aber kann das Zentrum auch die Verantwortung für alles übernehmen, was die Nationalsozialisten, einmal zur Macht gekommen, tun würden? Kann das Zentrum zulassen, daß durch absurde Provokationen gegen Polen und Frankreich die internationalen Beziehungen des Reiches verdorben werden? Kann es die Juden, von denen viele für das Zentrum gestimmt haben, den blutdürstigen Rachegelüsten einer Partei preisgeben, die in ihrem Programm und in ihrer Wahlkampagne ungeschminkt zum Mord von Leuten, deren Nase ihnen nicht paßt, aufgefordert hat? Das Zentrum wird hier genaue Garantien zu verlangen haben. Es ist dies eine moralische Pflicht und ein Erfordernis der politischen Klugheit. Denn die Nazis scheinen nicht zu Konzessionen geneigt und werden wohl die offene Diktatur vorziehen. William Martin hält es auch für wahrscheinlich, daß nicht durch parlamentarische Verhandlungen, sondern durch die Austragung von Machtkämpfen die Situation in Deutschland bestimmt werden wird. * Auf den von uns in der ״Jüdischen Rundschau“ zltierten Artikel von Professor Franz Oppenheimer über die hebräische Universität Jerusalem schreibt Professor A. Fränkel, Kiel, einen Brief, der in der ״Vossischen Zeitung“ vom 7. August veröffentlicht ist, worin er über seine Tätigkeit an der Universität Jerusalem berichtet und betont, daß die hebräische Sprache als UnteTrichtssprache für die Universität das gegebene sei und den Studierenden niemals Schwierigkeiten gemacht habe. * In der letzten Nummer des Frankfurter offiziellen Kirchenblattes ״Sonntagsgruß“ veröffentlicht der Herausgeber des Blattes, der Pfarrer an der Frankfurter Erlöser-Kirche, Hans Georg Probst, unter dem Titel ״Kampf gegen Jerusalem“ einen antisemitischen Hetzartikel, m dem die Juden als gemeinschädliche Parasiten des deutsehen Volkes bezeichnet werden, die ihre Vormachtstellung in Bank- und Finanzwesen zur Auspowerung ihrer Mitbürer ausnutzen. In dem Artikel wird offen ein Vernichtungsrieg gegen das Judentum gepredigt und zu einer ״zwei* ten Zerstörung Jerusalems“ aufgerufen. * Im Handelsblatt der ״Frankfurter Zeitung“ be* richtet der Jerusalemer Korrespondent des Blattes über die Entwicklung der palästinensischen Industrie wie folgt: ״Die im Zusammenhang mit der jüdischen Einwanderung in den letzten Jahren in Palästina entstandenen Industrien haben sich vielfach in der letzten Zeit so entwickelt, daß sie mit ihren Erzeugnissen an Stelleder bisherigen Einfuhr treten konnten. So hat die Einfuhr von Eisschränken aus dem Ausland auf gehört, da in Tel Awiw sich vier Werkstätten mit der Herstellung von Eisschränken beschäftigen. Tel Awiw hat auch durch die Gold Storage & Suppley Co. große und moderne Kühlräume erhalten. Auch die für die Kühlräume und Eisschränke erforderlichen Korkwände werden in einer neuen Korkfabrik in Tel Awiw hergestellt. Die Einfuhr von Biskuits nach Palästina ist von £ 20000 auf etwa £ 5000 zurückgegangen, da alle billigeren Sorten jetzt hier hergestellt und im letzten Jahr sogar für £ 3000 in die umliegenden Länder ausgeführt werden. Eine Strumpf - und Strickwarenfabrik in Tel Awiw beschäftigt heute 175 Arbeiter und stetlt monatlich etwa 10000 Dutzend Strümpfe her, von denen etwa zwei Fünftel im Inland und der Rest in den Nachbarländern, insbesondere in Syrien, verkauft werden“.

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