Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 64 (12.8.1932)
- Date
- 1932-08-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 64, 12. VIH. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU ' Seite 307 Vereinigung des Arbetts-Zionismus Zur bevorstehenden Danziger Konferenz Widerstände in Polen Anläßlich der für den 15, d. M. nach Danzig einberufenen Vereinigungskonferenz der Wellverbände ״Poale Zion" und ״llitachduth“ erhalten wir aus Polen nachstehende Darstellung der Verhältnisse in den beiden Parteien. Red. -g. Warschau, Anfang August. Wir stehen im Zionismus vor einem historischen Markstein. In den nächsten Tagen soll die endgültige Vereinigung (,,Ichud“) der beiden ״arbeitszionistischen“ Parteien — Poale Zion“ und Hitachduth — Zustandekommen. Damit wird eine Epoche zu Ende gehen — es sind gerade 25 Jahre seit der Gründung der Poale-Zion- Partei und 12 Jahre seit der Prager Gründungskonferenz der Hitachduth verstrichen — die für die zionistische Idee und Praxis von großer Bedeutung war. Es beginnt eine neue Phase, die sicherlich sowohl für die vereinigte Front des sozialistischen Zionismus als auch für Palästina und für die Weltbewegung große Möglichkeiten in sich birgt. Dieser ״Ichud“ stellt einen langwierigen Prozeß dar, der nicht ohne leidenschaftliche Kämpfe nun zu Ende geht. Es wird wahrscheinlich nicht zu vermeiden sein, daß auf beiden Seiten Unzufriedene noch lange Zeit versuchen werden, nicht nur ihre Ideen selbständig zu bewahren, sondern ihnen auch weiter einen selbständigen organisatorischen Rahmen zu sichern. Und niemand vermag heute mit Bestimmtheit zu sagen, ob sich nicht neue ideologische Gruppen bilden werden. Zunächst einige historische Tatsachen. Die im Jahre 1907 gegründete Poale Zion- Partei war von Anfang an eine ausgesprochen sozialistische, auf dem Prinzip des Klassenkampfes stehende Arbeiterorganisation, die vor dem VIII. Kongresse in die zionistische Weltorganisation eintrat und nachher durch die Vereinigung mit der palästinensischen jüdischen Landarbeiterorganisation ״A c h d u t h A \v o d a h“ eine territoriale Basis für den Anschluß an die sozialistische Internationale erhielt. Sie hat seit dieser Vereinigung auch einen immer größeren Einfluß in der zionistischen Weltbewegung und in der Kolonisationstätigkeit in Palästina ge- Wonnen. Damit waren aber auch die Poale Zion immer mehr gezwungen, in ihrer Praxis in Palästina und in bezug auf Palästina von manchen abstrakten, strengmarxistischen Doktrinen abzugehen. Nach dem Weltkriege, als die sozialrevolutionären Tendenzen auch in den Reihen der Poaie Zion sich stärkten, kam es zu einer Spaltung, da ein Teil der Poale Zion (die sog. ״Linken“) sich gegen die Cooperation mit zionistischen Parteien und Instanzen und für eine stärkere Betonung der Klassenpolitik und des Jiddischismus in der Galuth erklärten. Das Abrücken dieser Elemente ermöglichte einige Zeit später (im Jahre 1925) den Anschluß der Zionisten- Sozialisten (Zeire Zion), die in der vereinigten Partei die palästinozentrische und kongreßzionistische Richtung stärkten und in den Golusländern die chaluzischen Reihen für die Poale Zion bzw. für Acliduth Avvodah erzogen. Unter dem Einfluß der palästinensischen ״Achduth-Awoaah“ und der neuaufgenommenen Mitglieder, hat der Weltverband Poale Zion immer mehr — ohne seine Mitarbeit in der sozialistischen Internationale zu vernachlässigen — zionistische .Arbeit geleitet und sogar die noch auf dem XII. u. XIII. Ziopistenkongreß vorhandenen Zweifel bezüglich offizieller und “^rkhtwÖftlicher4TMIfiäbm^TÄ׳ tWr E»ktrt#e det Zionistischen Weltorganisation Überwunden. Allerdings gingen in der Goluspolitik die Poale Zion ihre eigenen Wege, die sie überall, aber insbesondere in Polen zur jiddischistischen Kultur- und Schulpolitik, wirtschaftlichem Klassenkampf und Ablehnung jedes Zusammengehens mit jüdischen nichtprolelarischen Parteien führte. Es spielte dabei sehr oft Prinzipienreiterei und Rücksicht auf die konkurrierenden jüdischen Arbeiterparteien (insbesondere Bund) mit. Die Hitachduth stellt bekanntlich eine Vereinigung der ältesten palästinensischen Arbeiterpartei ״Hapoel Haz a i r“ und der jungzionistischen, zuerst im ehemaligen Rußland gegründeten und dann auch in Galizien und Rumänien entstandenen Gruppen der ״Zeirei Zion“, dar. Die Vereinigung, die in Prag unter geistiger Führung A. D. Gordons im Jahre 1920 stattfand, schuf eine zukunftsverheißende Bewegung, die zunächst große Scharen der Jugend und intellektueller Kräfte des Zionismus an sich zog. Es waren gerade die Jahre der dritten Alijah und einer starken Aufrüttelung der jüdischen Jugend, die während der Revoiutionsstürme sofort nach Beendigung des Krieges ihren Weg nicht in politischer Agitation, sondern in der persönlichen Verwirklichung des Palästina-Ideals suchte. Kein Wunder, daß ihnen die Pioniere der zweiten Alijah, die Gründer und Führer des Hapoel Hazair, zu Wegweisern wurden. Die chaluzische Bewegung von damals gab der neugeschaffenen vereinigten Partei Anstoß und Inhalt. Bald wurde die Hitachduth zur stärksten Kongreßfraktion und nahm an der zionistischen Leitung teil. Die Hitachduth stand im Zeichen des konstruktiven Sozialismus in Palästina, der chaluzischen Tat und des hebräischen Kulturschaffens. Das Rückgrat der neuen Partei befand sich natürlicherweise in Osteuropa, in den neuen Staaten, wie Polen, Litauen, Lettland, Estland und auch Rumänien. Hier in den Gebieten jüdischer Massensiedlung, im Wirbel mannigfaltiger landespolitischer Aktionen, angesichts der sich neubildenden staatlichen und sozialwirtschaftlichen Zustände, brachte es die (naturnotwendige?) Entwicklung mit sich, daß die bei Geburt so stark palästinozentrische, ein wenig abstrakt-geistige Bewegung, allmählich sich gezwungen sah (oder gezwungen zu sein vermeinte), eine Partei im übliehen Sinne zu werden, in landespolitische Aktionen einzugreifen, allerlei Wahlen mitzumachen, sich gegen andere Parteien abzugrenzen. Bei der Konferenz in Berlin (1922) schuf man Ansätze zu einem neuen Programm der Gegenwartsarbeit, das weltfremd genug aussah und bald auch im Anprall mit den realen Bedingungen des Goiuslebens sich als weltfremd herausstellte. Man wollte Sozialismus verwirkliehen ohne Klassenkampf und ohne echte Proletarier, jüdische Massen hebraisieren trotz des Faktums: Jiddisch als Massensprache, den jüdischen Wirtschaftskörper normalisieren durch Berufsumschichtung, trotz Widerstreben der Juden und Widerwillen der Nichtjuden. Dazu hätte man ein neuartiges starkes Werkzeug gebraucht. Statt dieses — wie die Idee — mutig neu zu modeln, hat man altes Werkzeug aus der Rumpelkammer Europas und — der jüdischen Gasse herauskramt: Die Hitachduth wurde zur — Partei, allen Parteien gleich. Einige Jahre hatte sie Erfolge, als sie Anhänger gewann, unter der Jugend und unter greisgrauen Männern, als sie die fast unerträgliche Last des T arbuthwerkes auf sich nahm und das hebräische Schulwesen entwickelte, als sie in die Jointarbeit eingriff, mit dem Produktivierungs- Programm ernst zu machen begann, die kooperative Bewegung in die Hand nahm, als sie den Allgemeinen Zionismus aufrüttelte und als erste ohne Scheu dem Revisionismus den Kampf ansagte. Die Hitachduth verstrickte sich aber zugleich in vermeintliche Triumphe, als sie, eine Partei ohne professionelle Parteiführer, aber auch ohne Massenan hang, mit ethisch-revolutionären Losungen, die der Durchschnittsjude nicht zu begreifen vermochte oder mit Achselzucken aufnahm — bei Wahlen in Parlamente, Stadträte, Kehilloth Siege errang, Mandatare entsandte, Interessen, tagtägliche Lebensintcrcssen des kleinen Mannes zu verteidigen hatte. Von unten begann man nun auf Revision, ja auf genaue Formulierung des Gegenwartsprogramms zu drängen; so manche, die während der ״Inflation“ in der Partei zu Führern wurden, hatten Eile, um Führern anderer Parteien gleichzukommen; als die Zahl der Zertifikate immer mehr abnahm und die Jugend ungeduldiger wurde und sich ebenfalls an die Golusarbeit klammerte ~ stand die ״Hitachduth“ vor dem Problem ihrer Grundexistenz. Ihr Blick war nach dem Urquell, ^lem palästinensischen Hapoel Hazair gerichtet. In diesem Augenblick hatte aber dieser einen neuen Weg beschritten. * Der ״Hapoel Hazair“ hatte eine Entwicklung durchgemacht, die der größte Teil der Hitachduth in der Galuth nicht bemerkte. Die ״Histadruth Haowdim“, an der beide führende Parteien: Achduth Avvodah und Hapoel Hazair, zu Beginn gleich starken Anteil nahmen, dann die Arbeitsbedinbungen und die innerpolitischen Verhältnisse im Lande, hatten immer mehr Mitglieder beider Parteien einander näher gebracht. Ueber allen Theorien stand die Wirklichkeit Palästinas, die keinen Unterschied zwischen Arbeiter und Arbeiter machte. Und so kam 1930 die Vereinigung beider Arbeiterparteien Palästinas und die Schaffung der ״Maflegeth Poalei Erez Israel“ (״Vereinigte Arbeiterpartei Palästina“) zustande. Als die jüdischen Arbeiter Palästinas sich vereinigten, dachten sie in erster Linie an die Notwendigkeiten des Landes und des Aufbaus. Aber gleichzeitig geben sie der Hoffnung Ausdruck, daß auch in der Galuth es zu einer Vereinigung beider arbeitszionistischen Parteien kommen werde. Nun ist es richtig, daß schon seit dem XII. Kongreß eine Kooperation der Poale-Zion und Hitachduth von Zeit zu Zeit zu verzeichnen war. Auf den Kongressen bildeten beide Parteien den sog. Arbeitsflügel, der oft gemeinsame Beratungen abhielt und solidarisch auftrat. Ein gemeinsames Arbeitsfeld fanden beide Parteien in der Galuth im Hechaluz und in den Sammlungen für die Fonds des arbeitenden Palästina. Aus dieser Zusammenarbeit entstand der Plan der ״Liga für Erez Israel Haowedeth“. Es soll nicht verschwiegen werden, daß in einigen Ländern diese Zusammenarbeit manchmal zu Reibungen führte, so namentlich in Polen. Hier gab es sogar ernste Differenzen, ja sogar politische Zusammenstöße im Hechaluz, in der Liga, sogar während öffentlicher Kundgebungen derselben. Alle diese Konflikte hatten ihre Ursache teils in der Sprach- und Kulturfrage, teils in der gegenseitigen Parteirivalität. Die Poale-Zion in Polen haben mehrmals ihren Unmut gegen Betonung des Hebräischen, z. B. in der Propaganda des Keren Kajemeth, der Liga usw. heftigen Ausdruck egeben, haben lange Zeit die jiddischistischen Schulen der JScfiO. (Zentralen Jüdischen Schülorganisätlon) unterstützt* und das Tarbuthwerk ignoriert oder sogar bekämpft. In der Landespolitik gingen die Wege beider Parteien streng auseinander. Während die Hitachduth die Koalition mit anderen zionistischen und jüdisch-nationalen Parteien bejahte und demgemäß handelte, beobachteten die Poale Zion streng das Prinzip, keine Verbindung mit jüdischbourgeoisen Parteien einzugehen, auch dort nicht, wo karclinaie jüdische Volksinteressen auf dem Spiele standen. Sie gingen sogar so weit, daß sie z. B. während der vorletzten Sejmwahlen in Polen eine gemeinsame Wahlliste mit der — polnischen sozialistischen Partei aufstellten, und bei den letzten Wahlen zusammen mit ihrem Todfeind, dem ״Bund“, auftraten, in beiden Fällen ohne, irgendwelche Resultate zu erreichen. Die Vereinigung in Palästina kam zustande, als gerade in Polen die Beziehungen zwischen beiden Parteien ziemlich gespannt waren. Und nun begannen sich die Vertreter der palästinensischen Arbeiterpartei dafür einzusetzen, daß baldigst eine Vereinigung auch in der Galuth durchgeführt werde. In beiden Parteien begann es in den Golusländern zu gären. Es stellte sich nach einiger Zeit heraus, daß in beiden Lagern Teile vorhanden sind, die zur Vereinigung hinneigen. Die Exekutiven beider Weltverbände beschlossen zunächst, daß keine ihrer Landesorganisationen auf eigene Faust die Vereinigung durchführen könne. Dies solle nur im Weltmaßstabe geschehen. Man war sich auch darüber einig, daß keine mechanische Vereinigung wünschenswert und möglieh wäre, daß vielmehr ein Durchdringen beider Parteien mit gegenseitigen Prinzipien und Anschauungen eine S y n - t h e s e hervorbringen könne, die allein Grundlage einer fruchtbaren Vereinigung sein könne. Dies zu schaffen, verlange aber viel Zeit und Geduld. Nun sind nach etwa drei Jahren die Parteien so weit, daß sie am 15. d. M. in D a n z i g zu einer Verein igungskonferenz zusammentreten. Die ursprüngliche Absicht, keine Einzelvereinigungen zuzulassen, konnte nicht verwirklicht werden. In einigen Ländern, so in den Vereinigten Staaten, in Lettland, Belgien und Oesterreich, haben sich beide Parteien vereinigt, ohne die allgemeine Fusion abzuwarten. In U. S. A. gab man das Signal. Die Besonderheit der amerikanischen Verhältnisse, die wohl beide Parteien zwang, von manchen ihrer Doktrinen abzusehen und andererseits es beiden nahelegte, mit vereinigten Kräften an dieselben Aufgaben heranzutreten, bewirkte, daß zur Verblüffung vieler Teile beider Parteien in Europa in Nordamerika die erste Fusion erfolgte. Dort gab es ja keine Reibungen auf dem Gebiete der Landespolitik, in Palästinafragen herrschte vollständige Uebereinstimmung, betreffs Sozialismus brauchten Parteien in Amerika nicht streng orthodox zu sein.... In Kulturfragen — was sehr bemerkenswert ist— hat dort die Hitachduth ihren intransigenten hebräischen Standpunkt aufgegeben und deren Wortführer (unter ihnen ehemalige bedeutende und verdienstvolle Träger des Tarbuthgedankens) haben sogar theoretisch ihre neuen Anschauungen — von der Notwendigkeit für Jiddisch in Amerika einzutreten — verteidigt. In Lettland, das nach Amerika als zweites Land folgte, haben die dortigen Bedingungen und Kämpfe um die nationale Autonomie, die in diesem kleinen Lande lange Zeit faktisch bestanden hat und noch, wenn auch geschmälert, besteht, sowohl die hier schwächere Poale Zion als auch die stärkere Hitachduth im tagtäglichen Ringen mit dem ״Bund“ einerseits und der Agudath andererseits einander nahegebracht, ln Oesterreich, d. h. in Wien, hat wohl das siegreiche Fortschreiten des S o z i a I i s - mus in den Reihen der jüdischen Jugend die Hitachduth für den sozialistischen Gedanken nachgiebiger gestimmt und das Fehlen eines Kulturkampfes die Poale Zion der Hitachduth näher gerückt, nachdem doch auch hier schon seit langem Palästinaarbeit gemeinsam geleistet wurde. Während so in einigen Ländern die Vereinigung bereits durchgeführt, in anderen wieder, wie in Deutschland, in Vorbereitung war, entbrannte in Polen ein harter Kampf um die Vereinigung, und zwar in den Reihen sowohl der Poale Zion als auch der Hitachduth. Hier im Lande der größten jüdischen Massensiedlung, wo beide Parteien das Gros ihrer Anhänger haben, wo sie die größten Siege wie auch Niederlagen im Laufe ihrer Entwicklung zu verzeichnen hatten, hier, wo sie sich oft stark bekämpften, wo sie die Augen so vieler feindlicher Parteien auf sich gerichtet sehen, hier, wo die Worte Klassen- und Sprachenkampf keine leeren Begriffe sind — hier in Polen ist der Vereinigungsprozeß ein sehr schwieriger. Als im März d. J. die Vertreter der Weltverbände der Poale Zion und Hitachduth in Lemberg nach langwierigen Verhandlungen die sog. Vereinig ungsplattform Unterzeichneten und veröffentlichten, wurde es schon klar, auf welche Kompromisse beiderseits eingegangen wurde, bzw. weiche Grundsätze bereits als Gemeingut beider Parteien zu betrachten seien. Aus der Vereinigungsplattform ist zu ersehen, daß die Poale Zion auf starke Berücksichtigung des nationalen, chaluzischen und hebräischen Gedankens sowie der Zulässigkeit der Koalitionspolitik mit bürgerlich-jüdischen Parteien eingegangen sind. Dagegen hat die Hitachduth vollständig den Grundsatz des Klassenkampfes mit all seinen Konsequenzen und die jiddische Sprache als Grundlage der nationalen Autonomie in der Galuth, ebenfalls mit allen Konsequenzen, anerkannt. Als strittig werden noch in der Plattform bezeichnet: die Frage der Gleichberechtigung beider Sprachen im inneren Volksleben in der Galuth, sowie der Name der vereinigten Partei. Bezüglich dieser Punkte soll in Danzig eine Einigung herbeigeführt werden. Die polnischen Landesorganisationen beider Parteien, insbesondere der Hitachduth, haben diese Vereinigungs- Plattform abgelehnt, sich gegen den Ichud ausgesprochen und die Exekutiven ihrer Weltverbände ob des geschlossenen Paktes heftig bekämpft. In Galizien allerdings hat die Mehrheit der Hitachduth, nach durchgeführtem Plebiszit unter den Mitgliedern, sich f ü r den Ichud ausgesprochen. Dies ist u. a. damit zu erklären, daß in diesem Lande, besonders in Ostgalizien, das wohl einst vor dem Weltkriege eine starke Poale-Zion-Partei ausbildete und der Weltbewegung der Poale Zion viele talentvolle Führer schenkte, nach dem Weltkriege die Poale Zion fast keine Rolle mehr spielten, infolgedessen keine Reibungen mit der Hitachduth vorhanden waren und diese hier zur stärksten zionistischen und einzigen jüdischen Arbeitspartei auswuchs. Die Anhänger des Ichud in der Poale-Zion-Partei Polens behaupten, in der Vereinigungsplattform eigentlich den Sieg ihrer Grundsätze zu sehen, und meinen, daß die aus taktischen Gründen zugestandenen Kompromisse in der Praxis der zukünftigen Partei den Poale Zion die Oberhand geben werden, zumal die Hitachduth als organisatorisch geschwächt in die Vereinigung eintritt. Die Gegner innerhalb der Poale Zion befürchten ein weiteres Anwachsen (nach der vor einigen Jahren vollzogenen Vereinigung mit den Z. $,) der palästinapetalen Strömungen, eine weitere Vernachlässigung der Golusarbeit und der jiddischen Kulturtätigkeit und im allgemeinen eine ״Verbürgerlichung“ der Partei. Dia Mehrheit der Poale Zion in Polen hat aber die Ichudplattform grundsätzlich anerkannt und eine Delegation zur Danziger Konferenz gesandt. Die Anhänger der Vereinigung in der Hitachduth, In Kongreßpolen in der Minderheit, erklären, daß auch in der Galuth dfe Paupcrisierung der jüdischen Massen und die Katastrophe der kapitalistischen Wirtschaft das Verstandnis für den Sozialismus geweckt habe und die Berechtigung desselben immer weitere Kreise im jüdischen Volke einsehen; daß ferner die Hitachduth eigentlich seit ihrem ״Berliner Programm“ diesen Weg beschritten habe. Was nun die Sprach- und Kulturfrage betrifft, sei es ja auch in Zukunft möglich, im Rahmen der vereinigten Partei das hebräische Schulwerk fortzuführen, da gerade die Hachscharah für Palästina, ein Sorgenkind beider Parteien, Pflege des Hebräischen unumgänglich mache. Daß im äußeren Kampfe für die nationale Autonomie das Jiddische vorherrschend sein müsse, sei nicht mehr zu negieren. Dieselben Anhänger meinen weiter, wenn die Hitachduth geistig stark und numerisch zahlreich in die vereinigte Partei eintreten würde, sie ihre Prinzipien, die Prinzipien von A. D. Gordon, in der neuen Partei wahren werden können, zumal die Hitachduth über wertvolle und intellektuell hochstehende Persönlichkeiten verfüge. Ein wichtiges Argument ist auch dies, daß durch diese Vereinigung eine gewaltige Stärkung des Arbeitszionismus gegenüber dem Revisionismus erfolgen und eine neue Stoßkraft dem Zionismus gegenüber dem Kommunismus — welch beide Richtungen: Revisionismus und Kommunismus, unter der jüdischen Jugend sich letztens immer mehr ausbreiten — gegeben würde. Die Gegner des Ichud in der Hitachduth sehen in der Vcrcinigungsplattform eine — Liquidation der Gedanken und Ideen von A. D. Gordon und des Hapoel Hazair, die Verleugnung der fundamentalsten Grundsätze der Bewegung. Von einem Klassenkampf-Sozialismus wollen sie nichts hören und bejahen nur den ״konstruktiven Sozialismus“, ohne in der Lage zu sein, ihn jetzt genauer als vor Jahren — in bezug auf die Galuth — zu formulieren. Sie verlangen ferner Primat des Hebräischen auch in der Galuth und halten die Konzession der Poale Zion bezüglich Koalitions- Politik für illusorisch, nachdem dabei nicht das Interesse des Volksganzen, sondern der ״Arbeiterklasse“ maßgebend sein solle. Die Hitachduth in Kongreßpolen hat demgemäß beschlossen, an der Vereinigungskonferenz in Danzig nicht teilzunehmen und erst nach Bekanntgabe der Danziger Beschlüsse eine Landeskonferenz einzuberufen und über das weitere Schicksal der Partei in Polen zu entscheiden. Viele Stimmer! wurden schon jetzt laut, daß, wenn auch in allen anderen Ländern die Hitachduth aufhören sollte zu existieren, sie in Polen die Pflicht und Möglichkeit habe, als treue Behüterin der Prager und Berliner Beschlüsse, selbständig sich weiter zu entwickeln. Es ist kaum heute vorauszusehen, wie sich die Dinge in Polen entwickeln werden. Das Werk der Vereinigung bliebe fragmentarisch, wenn gerade in Polen beide Parteien, oder gar eine vereinigte und zwei oder eine besondere, weiterbleiben sollten. Andererseits ist vorauszusehen, daß im Fall einer gänzlichen Vereinigung Splitter — linke Elemente bei den Poale Zion und rechte bei der Hitachduth — abfallen und vielleicht der ganzen Bewegung verloren gehen. In beiden Fällen würde es sieh um nicht unbedeutende Personlichkeiten handeln. Dieselbe Gefahr, die in Palästina nach der Vereinigung vorhanden war, jedoch durch die Realität Palästinas aufgehoben wurde, ist in der Galuth, vornehmlieh in Polen, viel ernster. Vom Standpunkte der zionistischen Weltbewegung und des arbeitenden Palästina ist unbedingt die Konsolidation der arbeitszionistischen Front nun auch in der Galuth zu begrüßen, und deswegen wird die gesamte Bewegung die Danziger Beratungen mit Interesse verfolgen.