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Jüdische Rundschau · 1932-08-09 · Heft 63 (9.8.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 63 (9.8.1932)
Date
1932-08-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 3m JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 63, 9. Vin. 1932 Minderheiten zugrunde liegen, schwerer bestraft werden als gleichartige, dieser Grundlage entbehrende Vergehen, und daß sie immer — auch wenn dies normalerweise nicht der Fall ist — ex officio verfolgt wären. Andererseits milßten auch allerlei Handlungen, die den Ilaß oder die Vernchtung der ethnischen und religiösen Minderheiten zu entfachen suchen, als schweres Vergehen gekennzeichnet und bestraft werden. Man könnte dem nicht entgegenstellen, daß damit eine Bedrohung der Gedanken- oder der Pressefreiheit geschaffen wäre, da es ja nicht darum gehen würde, z. B. die Antisemiten für ihre Meinungen oder theoretischen Erörterungen, sondern nur für unzweifelhafte Aufwiegelungen zum Haß und zu Gewalttätigkeiten zu bestrafen. Eine Berufung auf Freiheitsrechte angesichts so ausgesprochen antisozialer Handlungen wäre nur eine bedauernswerte Verkennung dieser Rechte. Schließlich müßte auch die Gründung und Teilnahme an Vereinen, deren offener oder versteckter Zweck die Haßpropaganda gegen ethnisch-religiöse Minderheiten ist, verboten und bestraft werden. Line solche besondere Gesetzgebung würde eine wirk‘־ same Vervollkommnung des Minderheitschutzrechtes darstellen, das den Minderheiten nur in gewissen Ländern eine Anzahl von politischen und bürgerlichen Rechten garantiert, denn sie würde die ethnisch-religiösen Minderheiten aller Länder durch Strafgesetze vor Angriffen und Verletzungen ihrer Menschenrechte — die ja noch wichtiger als bürgcrliche und politische Rechte sind — schützen. Die Zweckmäßigkeit der Bekämpfung des Antisemitismus auf dem Wege einer internationalen Konven• t i o n ergibt sich logischerweise schon aus den oben angedeuteten internationalen Charakter der Judenfrage, Der Antisemitismus stellt für alle Staaten, selbst für die, die von ihm frei sind, eine schwere soziale Gefahr dar. Seine Bekümpfurg liegt nicht nur ideologisch, sondern besonders auch praktisch im Interesse aller Staaten, sei es, weil er ihre internationalen Beziehungen stört, sei es, weil er sich so schnell von einem Lande zum anderen übertrügt, daß keines vor Ansteckung sicher ist. Eine internationale Konvention würde den Kampf gegen den Antisemitismus erleichtern, da sie für alle sie unterzeichnenden Staaten die einheitliche Verpflichtung der Einführung einer besonderen Gesetzgebung vorschreiben, und die Einhaltung dieser VerpRichtungen unter die internationale Kontrolle stellen würde. Die Regierungen von Staaten, die wegen des Vorhandenseins starker antisemitischer Parteien in ihren Landern nicht in der Lage sind, einen strengen Kampf gegen den Antisemitismus zu führen, würden zweifellos bereitwillig einer solchen Konvention beitreten, da sie ihnen ein erwünschtes Mittel verschaffen würde, um gegen die Störer der Ordnung und Rechtsgleichheit in ihren Ländern mit entspreehender Energie Vorgehen zu können. Wie «ns Professor Tedesehi mitteilte, wird sein Vorschlag dieser Tage Gegenstand von Beratungen des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens sein und nach Annahme vom Verbände veröffentlicht und der jüdischen Weltkonferenz, die am 14. August in Genf Zusammentritt, zur Debatte vorgelegt werden. Um die Genier jüdische Wellkonlerenz Die Budapester Jüdische Gemeinde hat eine Resolution gefaßt, in der sie ihre Beteiligung an einem jüdischen Weltkongreß ab lehnt und eine Vertagung der nach Genf einberufenen Konferenz bis zu dem Zeitpunkt fordert, in dem die jüdischen Organisationen der ganzen Welt zu einer Einigung über die zum Schutz der jüdischen Bevölkerung zu ergreifenden Maßnahmen gelangt sein werden. Weiter wird in der Resolution erklärt, daß die ungarische Judenheit ihre Probleme intern, ohne Einmengung von außen, lösen wolle. — Die Resolution der Jüdischen Gemeinde wurde durch den offiziellen ungarischen Nachrichtendienst verbreitet. Der etwa 10 000 in Landsmannschaften zusammengeschlossene Mitglieder zählende Gesamtverband der Ostjuden Oesterreichs hat beschlossen, sich an der Genfer Vorkonferenz zu beteiligen. Das Zentralkomitee des Verbandes jüdischer Han d w e rker Polens hat beschlossen, eine Delegation, bestehend aus vier Mitgliedern der Zentrale und drei Vertretern der Provinz- Ortsgruppen, zu entsenden. Die jüdischen Wirtschaftsorganisationen Polens werden ein eigenes Sekretariat einrichten und der Konferenz eine Denkschrift über jüdisch-wiitschaftliche Probleme überreichen. Ein zionistischer Satiriker Randbemerkung zu einem Kunstgeschenk, das uns im Kino von einem Mann beschert wird, der auch als ״Zionist“ gilt: Der ausgezeichnete Charakterdarsteller Hans Moser stellt in einem Kurzfilm einen ״angenehmen P a t i c n t e n“ mit hundert Pointen so unübertrefflich komisch dar, daß man krank vor Lachen werden könnte, würde man es nicht vor Scham, angesichts der Peinlichkeiten, die ein Teil dieser Pointen und der Grundakkord des Stückes dem jüdischen Zuschauer bereiten. Daß ein ״Ekel“, wie wir es mehrmals in Max Adalberts Verkörperung belacht haben, einmal auch aus Czernowitz stammen kann, wird niemand abstreiten. Nun durfte man ja selten von den jüdischen Konfektionären der Amüsierbranche soviel Selbstachtung und Geschmack erwarten, daß sie darauf verzichten würden, eine ohnehin recht komische 1 igur noch mit den Humoren auszustatten, die sie in Kindheitstagen dem östlichen Deutsch des eigenen Großvaters treffend abgelauscht haben. Daß so ein Textschreiber ein reichsdeutsches Publikum mit sprachlichen Scherzen zu belustigen versucht, welche ihre Wirkung aus einer ostjüdischen Nuance beziehen, die man nur in Wien und Umgebung versteht, ist ein Mißgriff, offenbar nur zu dem Zweck, den weiten Horizont dieser Dramatiker zu enthüllen. Das Berliner Publikum ist denn auch in punkto Dialekt zunächst ratlos, gibt aber,, als endlich der erlösende Name ״Nussenblatt“ kommt, mit hörbarem Entzücken zu erkennen, daß es ״im Bilde ist“ — und nun ist der schmierige Bestechungsversuch an dem Arzt, der betrügerische Offenbarungseid und selbst die Anfangsepisode mit der lüsternen Skulptur in ein System gebracht und restlos verständlich. Und begeisternd für ein Parkett, das schachbrettförmig angeordnet ist aus Hakenkreuz- Wählern und Nussenblatts Vettern. Der Autor, vor Zeiten als Beda eine Geißel des Wiener Assimilantentums und eine Hoffnung, wie man so sagt, der zionistischen Publizistik, heute ein Wortführer des vulgärsten ״Antimarxismus“ und ein hemmungsloser Löhner der Erheiterungsindustrie, hat die zionistische Gesellschaft nun wohl genug kompriinittiert, und es ist Zeit, einmal deutlich von zionistischen Satirikern abztirücken, die sich zum bloßen Objekt der polemischen Kunst gewandelt haben. Dr. Ernst Mechner, Die friedliche Revolution Von unserem palästinensischen Korrespondenten* Nachstehend veröffentlichen wir den zweiten Artikel det Berichte! unteres Korrespondenten über die Entwicklung der Keren Hajestod• Siedlungen im Erncle Jesrecl. Der erste Artikel der Serie war in Nr. 59 der ״J. R.“ abgedruckt. Red. gl. Tel-Awiw, 2. Juli 19362. Die friedliche Revolution: die Aenderung der nationalen gemischten Wirtschaften der Juden in Palästina im Laufe eines Jahrzehnts; ihre Modernisierung, Mechanisierung, Intensivierung. — Was waren die Faktoren, die in dieser Richtung drängen? Bei einer Betrachtung dieses verflossenen Jahrzehnts lernt man vor allem mit Ueberraschung die Raschheit und Sprunghaftigkeit der Aenderungen bestaunen. Wie ein rollendes Rad überschlagen sich die Ereignisse; Voraussagen von Sachverständigen bewahrheiten sich oder werden durch die Praxis völlig widerlegt; Kulturen, vor! denen man mit Verachtung gesprochen hat, erweisen sich als rentabel; Siedlungen, denen man ein aussichtsloses Siechtum voraussagte, kommen in kurzer Zeit auf die Beine; andere, denen man einen leichten Weg prophezeit, stoßen auf ungeahnte Hindernisse und werden im Aufbau verlangsamt. Wer hätte noch vor zehn Jahren wissen können, daß Wirtschaften viele Hunderte von Dunam ״nebenher“ pachten und für Getreide bestellen würden, ohne daß ihre Arbeitskräfte fühlbar mehr belastet würden? Und doch machte der ״T raktor“ diese Art der Nebenarbeit nicht nur möglich, sondern auch nötig. Wer hätte in den ersten Jahren der Siedlung K i r j a t h Anawim bei Jerusalem glauben wollen, daß gerade da, wo kein Hiilmchen Futter gebaut wird und alles von auswärts beschafft werden muß, eine rentable Milchwirtschaft eingerichtet werden könne? Und doch haben die letzten Jahre bewiesen, daß das möglich ist und mit dem Wachstum des bewässerten Futterbaus in den Wirtschaften des Emek und der Jordansenke, kann die Trennung von Futterbau und Viehzucht zu einer Selbstverständlichkeit werden. Neue Kulturen, ohne Sicherheit und ohne theoretische Sanktion begönnen, bewähren sich; andere, auf die man große Hoffnungen gesetzt hat, stoßen auf Hindernisse. Wie vielfältig ist zum Beispiel im Laufe des letzten Jahrzehnts die Liste der im Lande gebauten Früchte geworden! Zu den einheimischen, der arabischen Landwirtschaft bekannten, kommen immer neue dazu, vor allem Kernobst verschiedener Art, die zuerst in kleinen, dann in immer größeren Quantitäten gebaut werden. Durch die Mechanisierung, durch Bewässerung, durch Einführung neuer Produkte und Produktionsniethoden haben sich die Verhältnisse kontinuierlich gewandelt und heute kann man sagen, daß alles, was die Sachverständigen vorausgesagt haben, zugleich falsch und zugleich richtig gewesen ist. Und jeden Tag muß man auf neue Ueberraschungen gefaßt sein, die diese und jene Prophezeiung bewahrheiten, diese und jene Voraussage widerlegen können. Die Faktoren, die jene Entwicklung vorwärtstrieben und in Fluß brachten, sind, grob gesprochen, drei: die Not der Betriebe und die Notwendigkeit, einen einigermaßen ausreichenden Lebensstandard herauszuwirtschaften, ohne sich auf die Ausbeutung der billigen Arbeit zu stützen — wie es zum Beispiel den deutschen gemischten Wirtschaften möglich war—•; die Traditionslosigkeit des Juden in allem, was Land*. Wirtschaft und ihre Methoden anbetrifft; der Drang zur Moderne, der den Juden überhaupt und den palästinensisehen Arbeiter im einzelnen auszeichnet. Ueber das erste, die Not und ihren Druck', brauchen wir nicht viel zu sagen. Es ist klar, daß die jüdische Wirtschaft, auf Eigenarbeit aufgebaut, europäischen Standardbedürfnissen nur gerecht werden konnte, wenn sie von vornherein die herkömmlichen Landesmethoden als ungenügend beiseite schob und neue Wege zum Vorwärtskommen suchte. Die ersten Anfange waren nicht gerade ermutigend. Prägte doch Wilkanski damals mit gutem Grunde das sarkastische Wort von den ״Einnahmen des Fellachen und den Ausgaben des amerikanischen Farmers“. Die moderne und umfangreiche Equipierung der Wirtschaften, das kostspielige Inventar, alles, was mit den modernen Betriebsmethoden zusammenhing, waren zu Beginn eher eine schwere Bürde für die Betriebe als eine Hilfe. Denn es mußte Jahre dauern, bis man die Erträge auf ein Niveau brachte, wo sie nicht nur die Menschen und das Vieh ernährten, sondern auch die großen Ausgaben einer modernen Farm decken konnten. Der Weg zurück, die Umkehr zu primitiven Werkzeugen und Methoden, schien jedoch aussichtslos, Denn dann hieß es, seinen Standard auf den des Fellachen zurückzuschrauben, und das hätte eine glatte Aufgabe der Betriebe bedeutet. Auf diesem Standard war mit einer Siedlung von Juden nicht zu rechnen. Die Not trieb also vorwärts, zu immer vervollkommneten Instrumenten, zu immer neuen Versuchen, immer besseren Rassen. Sie hat heute bereits zu einer Europäisierung der Siedlungen geführt und scheint im Begriff, es zu einer Amerikanisierung zu bringen. Der zweite Faktor, der Mange! einer jeglichen Tradition in der jüdischen Landwirtschaft, ist von größerem Interesse, wenn auch vielleicht von geringerer Bedeutung. Auf der ganzen Welt muß der Fortschritt in den landwirtschaftlichen Methoden in langer Zeit und mit großer Mühe alle möglichen Hindernise auss dem Wege räumen. Der sprichwörtliche bäuerische Konservatismus, Anhänglichkeit an durch Generationen gewohnte und geprüfte Methoden, Mißtrauen gegen den ״Theoretiker“, ein gewisser Fatalismus, erworben im engen Umgang mit der stets gleichen und doch immer wieder überraschenden Natur, läßt eine rasche Umwälzung in der Landwirtschaft nicht zu. Bei den Juden fielen alle diese Hinderungen weg. Hat man einerseits immer wieder auf den Mangel hingewiesen, der der jüdischen Landwirtschaft daraus erwächst, daß sie alles von neuem lernen muß, sich auf kein ererbtes Gefühl, keine von Vater und Großvater übernommene Arbeitsweise stützen kann, so hat es sich jetzt gezeigt, daß dieser viel bedauerte Mangel an bäuerlicher Tradition seine wirtschaftlichen Vorteile besitzt. Der Jude, der in die Landwirtschaft geht, ist beweglich, allen neuen Einflüssen und Anregungen offen, geneigt, Altes, das ihm ungeeignet scheint, kurz entschlossen beiseite zu legen und durch etwas Vielversprechenderes zu ersetzen. Er arbeitet gewissermaßen auf einer Tabula rasa. Warum soll er sich gegen einen Traktor sträuben, wenn er ohnedies auch erst lernen muß, mit Pferd oder Maultier umzugehen und nicht von Jugend auf mit diesen Tieren aufgewachsen ist? Warum soll er gerade am Getreidebau hängen, wenn ihm Pflanzungen oder Milchwirtschaft rentabler scheinen und wenn weder er noch sein Vater auf dem Acker groß geworden sind? Warum soll er nicht den riesigen Sprung wagen von der Feudal- Wirtschaft, wie sie in Palästina heimisch ist, zu den europäischamerikanischen Betrieben modernster Art, wenn für ihn ohnedies auch das primitive Feldbestellen ein völliges Novum ist? So erklärt sich gerade aus der Traditionslosigkeit die unge* wohnliche Beweglichkeit der Juden in den Wirtschaften, ihre stete Bereitschaft, etwas Neues zu versuchen, Experimente zu machen. Ein großer Teil der ״friedlichen Revolution“ ist auf diesen Faktor zu setzen. Der dritte treibende Faktor des Prozesses, der Drang zur Moderne, ist im Grunde nichts als der zweite, die Traditionslosigkeit, mit umgekehrtem Vorzeichen. Der zweite Faktor beseitigt die Hindernisse, die im allgemeinen auf dem Wege der fortschreitenden Landwirtschaft stehen. Der Drang zur Moderne strebt noch weiter hinaus und schießt oft über das unbedingt Notwendige vor. Wie meist bei Revolutionen, und seien sie rein technischer Art, ist die reine Tatsache des Neuen, des Modernen an sich, schon eine Empfehlung, das Attribut des Alten, Gewohnten wird als Mangel empfunden. So trieb der Drang zum Modernen in den Wirtschaften mit Hast zu neuen und neuesten Methoden und Maschinen, andererseits auch zu einer Vernachlässigung landesüblicher Errungenschaften, die mit gewissen Modifizierungen für die Wirtschaft hätten genutzt werden können* Während sich in der Regel ein Betrieb nur dann zu Neuerungen und Neuanschaffungen entschließt, wenn es durchaus unumgänglich ist, die Aenderung sozusagen bereits überfällig ist, ist hier das Interesse an Aenderungen und der Trieb zur Modernisierung so stark, daß man eher ein Zuviel als ein Zuwenig an Aenderungen zu erwarten hat. ln diesen Prozessen muß noch kurz auf die Rolle der Kwuzah (Genossenschaft) hingewiesen werden. Diese Kollektivform der Siedlung, noch bis vor kurzem aufs schärfste umstritten in ihrem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wert und auch heute noch durchaus nicht aus den Stadien des Ex-' perimentes heraus, hat in der ״friedlichen Revolution“ eine besonders starke Rolle gespielt. Selbstverständlich ist auch in den ״Moschawim“ (Einzelsiedlungen) außerordentlich viel geändert worden, bestimmte Kulturen wurden dort ausprobiert und dann in die Arbeit aufgenommen. Es hat sich jedoch gezeigt, daß gerade die Kwuzah die Möglichkeiten zu groß angelegten Experimenten hat und daß sie diese Möglichkeiten in weitem Maße ausnutzte. Da sie ein Großbetrieb ist, hat sie naturgemäß einen weiteren Aktionsradius und mehr Handlungsfreiheit. Zudem ist in ihrem Rahmen der Einzelne den unmittelbaren Nahrungs- und Arbeitssorgen nicht so untertan wie in der Familienwirtschaft des Moschavv, wo der Siedler die Arbeit und die Rechnungen und den Verkaul und die Dispositionen der Wirtschaft allein auf sich nehmen muß. Es ist also verständlich, daß in der Kwuzah sich leicht in den einzelnen Zweigen jemand findet, der sich um ihre Ausbreitung und Vervollkommnung bemüht, und die Größe der Siedlung als solche verleiht bereits eine größere Bewegungsfreiheit und eine breitere Basis für Versuche. Daraus ist es zu einem guten Teil zu erklären, daß Aenderungen, die mit der Einführung von Maschinen Zusammenhängen, häufig zuerst in den Kwuzoth gemacht werden und von dort aus weiter vordringen. (Es ist übrigens interessant, daß ein so überzeugter Anhänger der Individualwirtschaft und bisher scharfer Gegner der Kwuzah wie Mosche Smiianski diese Vorteile der Kwuzah für den landwirtschaftlichen Fortschritt der Emek- Siedlungen in , einem seiner letzten Artikel ״rückhaltlos״,,aner* kennt. — A. d. R.) Geändert hat sich auch im Laufe des letzten Jahrzehnts die Einstellung der jüdischen Landwirtschaft zur Marktfrage. Bei der Gründung der gemischten Wirtschaften spielte der Gedanke eine wichtige Rolle, daß es nicht gut sei, sich auf den Markt, noch dazu hauptsächlich den ausländischen, für den Absatz der Produkte zu verlassen, und daß ein Betrieb in erster Linie seine Besitzer ernähren, ihnen also die zum Leben notwendigen Produkte liefern müsse. Für den Markt käme dann nur ein Ueberschuß in Betracht. Diese stark ״autarkisch“ gefärbten Ideen machten dann im Laufe der Jahre verschiedene Wandlungen durch. Zwar daß man die meisten zum Leben nötigen Produkte — Milch und Milchprodukte, Eier, Gemüse, Früchte — selbst erzeugen müsse und könne, wurde als selbstverständlich bejaht, aber um die übrigen Bedürfnisse zu decken, die bei dem jüdischen Siedler erheblich sind, war man auf den Markt durchaus angewiesen. Die Beweglichkeit der Wirtschaft hat sich im Laufe der Jahre gehoben. Die jüdische Einwanderung brachte zuerst große Möglichkeiten für den Absatz der Produkte, denn die meisten landwirtschaftlichen Erzeugnisse, wie man sie in Europa gewöhnt ist, mußten erst einmal geschafft werden. Langsam füllte sich der Markt auf, neue Produkte erschienen, wurden aufgenommen. Insoweit es sich um eitle Befriedigung des Innenmarktes handelte, lagen die Verhältnisse relativ einfach. Da kannte man die Lage, konnte vorausschen, was sie erfordern würde. Mit dem Moment jedoch, wo an irgendeiner Stelle eine Ueberfüllung des jüdischen Innenmarktes drohte, mußte außerhalb der Grenzen eine Absatzmöglichkeit gefunden werden. Mit diesem Moment verflocht sich die Probiematik auch der gemischten Wirtschaften mit der aus der allgemeinen Weltwirtschaft und lehrte, daß an eine Autarkie nicht zu denken sei. Zu erreichen ist nur eine Vielseitigkeit der Wirtschaft, die es gestattet, einen Zweig, der im Moment schlechte Preise erzielt, in den Hintergrund zu verweisen und an seiner Stelle rentablere Produkte auf den Markt zu werfen, in dieser Beziehung haben die Wirtschaften große Fortschritte gemacht: es wird so vielerlei an Kulturen in die Wirtschaft aufgenommen, daß sie sich nach dem Marktstande richten und seinen Bedürfnissen anpassen kann. Eine Einstellung auf einen spezielkn Zweig, und scheine er im Moment noch so rentabel, wird vermieden und damit im Betrieb für ein genügendes Gleichgewicht gesorgt. Die Revolution des letzten Jahrzehnts hat uns also eine Modern isierung gebracht und dadurch erhebliche S t e i - gerung der Produktivität, verbunden mit einer Vielfäitigkeit der in den Wirtschaften erzeugten Produkte. Ginge es an, einen Betrieb allein nach dem abzuschätzen, was und wieviel er hervorbringt, so wären vermutlich die Betriebe längst aller Sorgen ledig. Bei der Notwendigkeit jedoch, Produktionskosten und Verdienst gegeneinander abzuwägen, wird man untersuchen müssen, wie sich die Modernisierung und die dadurch gesteigerte Produktivität in den Bilanzen auswirken, inwieweit die Preise den Investitionen entsprechen. Es muß sich herausstelien, ob diese modernisierte Wirtschaft auch wirklich imstande ist, deii von ihr verlangten Lebensstandard zu garantieren. Denn das muß der Prüfstein sein für jede wirtschaftliche Tragfähigkeit eines Unternehmens. Hat uns doch die Erfahrung gezeigt, daß wir nichts erreichen, winn wir unsere Rechnungen auf die Standardsenkung der Menschen basieren.

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