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Jüdische Rundschau · 1932-08-02 · Heft 61 (2.8.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 61 (2.8.1932)
Date
1932-08-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 61, 2. Vm. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 293 Seelische Abwehr Von Dr. I. Grünfeld, Würzburg Vor kurum fand in WArtburg •ine Gemeindeversammlung statt, tu welcher die Ortsgruppe des Central-Vereint deutscher Staatsbürgte jüdischen Glaubens, des Reiehtbunies Jüdischer Frontsoldaten und die Zionistische Ortsgruppe gemeinsam eingeladen hatten. Thema des Abends war: ״Wird die Reichstagswahl zur Sehicksalsstunde für die deutschen Juden?" Jede der drei Organisationen stellte einen Redner, Namens der Zionistischen Ortsgruppe hielt unser Gesinnungsgenosse Dr. Grünfeld eine Ansprache, die weit über den aktuellen Anlaß hinaus das Problem der jüdischen Stellung tum Antisemitismus grundsätzlich beleuchtete. Unser Berichterstatter stellt fest, daß die Ausführungen Dr, Grünfelds gerade auch bei sehr vielen anwesenden Nichtzionisten den stärksten Eindruck hinterließen. Wir geben nachstehend den Text der Rede Dr, Grünfelds mit einigen kurten Weglassungen wieder. Red, In einer Zeit, in der die deutsche Judenheit tun ihre nackte Existenz ringt, um ihre Existenz im buchstäblichen Sinne des Wortes, ist die Einheit aller die es angeht, die Einheit der Kampfes- und Schicksalsgenossen, eine Selbstverständlichkeit. Wenn daher in einer Versammlung, wie der heutigen verschiedene Weltanschauungsgruppen innerhalb des Judentums ihre Wortführer entsenden, so braucht man nicht zu betonen, daß eine Polemik mit dem Zweck des Zerreißens der Einheit der Bedrohten ein Verbrechen gegen die eigene Gemeinschaft und gegen sich selbst wäre. Einheit der Bedrohten tut not. Denn dieser Einheit der Bedrohten steht gegenüber eine Einheit des Hasses. Dieser Haß fragt nicht nach orthodox oder liberal, nach zionistisch oder nichtzionistisch, dieser Haß ist dämonisch. Für die dämonische Tiefe dieses Judenhasses zeugen die Ereignisse der Gegenwart. Nicht im Sinn einer solchen einheitsstörenden Polemik Wollen daher meine Worte aufgefaßt werden, sondern als Ausdruck dessen, wie die verschiedenen Auffassungen vom Sinn des Judentums und Judeseins verschiedene Arten seelischer Reaktion auf den Judenhaß erzeugen. Es muß in diesem Zuiammenhang betont werden (um Mißverständnisse zu vermeiden), daß wir Zionisten die Abwehrarbeit des Centralvereins, soweit sie nicht einer von uns abzuiehnetiUen Auffassung vom Wesen des Judentums entspringt, durchaus anerkennen. Diese Abwehrarbeit ist notwendig. Würde sie nicht vom C.-V. geleistet, so müßte eben eine andere Abwehrorganisation geschaffen werden. Dabei kann jedoch nicht unerwähnt bleiben, daß auch die Leistungen des Zionismus, der ja nicht ln erster Linie der Abwehr nach außen, sondern schöpferischer Leistung nach innen gewidmet ist, positive Abwehr als Reflexwirkung erzeugen, im Sinn der Widerlegung von gegen uns geschleuderten, unhaltbaren Verleumdungen. Ich denke dabei in erster Linie an die Widerlegung des Märchens von der Unfähigkeit des Juden, körperliche, produktive Arbeit zu leisten, durch das lebendige Beispiel unserer Chaluzlm, die unter härtesten Bedingungen und durch aufopfernden Idealismus den steinigen und sumpfigen Boden unserer alten Heimat in fruchtbares Ackerland verwandeln. Oder aber, um ein Beispiel aus der Industrie zu nennen, an die ungeheuere, die ganze Welt mit Bewunderung erfüllende Leistung unserer jüdischen Ingenieure bei der Erbauung des erst kürzlich eingeweihten grandiosen Ruthenberg-Werkes zur Elektrifizierung Palästinas und des Vorderen Orients. Worauf es mir aber am heutigen Abend am wesent- ,Jichsten ankommt, das ist die Betonung der religiösen, seejlischen und kulturellen Problematik des Judenhasses, besser gesagt, die Frage nach der seelischen Widerstandskraft gegenüber dem Antisemitismus. Und hier gilt es zweierlei zu betonen: die Ablehnung der Assimilation und den Anschluß an die religiöse, kulturelle und historische Tradition unseresVolk e s. Dabei bin ich mir bewußt, daß dadurch die praktisch-politische Abwehrarbeit nicht ersetzt werden kann. Aber diese praktisch-politische Abwehrarbeit allein genügt mitnichten. Gerade das geistige, seelische und kulturelle Element war es ja, was uns in den Jahrtausenden der Verfolgung die innere Widerstandskraft gegeben hat. Vor allem die jüdische Jugend braucht etwas positiv Jüdisches zu ihrem Halt, sie bedarf sittlicher Werte religiöser und allgemein-kultureller Art, um diesen furchtbaren Kampf ungebrochen an Leib und Seele bestehen zu können. Dazu ist aber eine Kenntnis und ein eingehendes Studium unseres Schrifttums und der hebräischen Sprache als Schlüssel zu ihm eine dringende Notwendigkeit. Die jüdischen Gemeinden müßten alles tun, um unserer heranwachsenden und auch erwachsenen Jugend dieses Studium zu ermöglichen. Nur s o erhält die Jugend ein positives Gegengewicht gegenüber dem Negativen des Judenhasses, nur so weiß sie, warum und wof ü r sie all diese Leiden erduldet und nur so kann sie ihr seelisches Gleichgewicht erhalten. Das ist es, was ich seelische Abwehr nenne. Wir sprachen von der unbedingten Ablehnung der Assimilation. Es liegt nahe, in Zeiten des Judenhasses das spezifisch Jüdische, die eigene Art, als das Objekt des Hasses verdecken zu wollen, um damit vermeintlich den Haß selbst zu beseitigen. Nichts ist verkehrter als dies. Jede Assimilation, die sich bewußt als Verleugnung der eigenen Art und des eigenen Seins vollzieht, beruht auf mangelnder Selbstachtung und ist deshalb verächtlich. Sie widerspricht dem sittlichen Persönlichkeitsideai und ist deshalb unsittlich. Die Assimilation im obigen Sinne führt aber auch gar nicht zu dem von ihrem Träger erstrebten Ziel der Beseitigung des Judenhasses, sondern, da sie das Judentum als etwas Verdächtiges, zu Verdeckendes erscheinen läßt, zum Gegenteil. Assimilation ist deshalb geradezu dumm. Sie nimmt dem Juden durch das ständige Versteckspielen die innere Geschlossenheit und Harmonie und damit seine schöpferischen Kräfte. Nur der Mensch, der das, was er ist, frei sein darf und sein will, der nicht ständig Versteck spielen muß mit der eigenen Art, ist harmonisch, selbstsicher und in sich geschlossen. Nur der harmo* nische Mensch aber kann wirklich Kulturwerte schaffen. Die Assimilation ist deshalb auch kulturwidrig. In diesem Zusammenhang ist es sehr interessant, die Stimmen objektiv denkender Nichtjuden (von den Antisemiten wollen wir hier gar nicht sprechen) zu der angeschnittenen Frage kennen zu lernen, ln dem vom Verlag ״Tradition“, Berlin, herausgegebenen Buche ״Klärung, Zwölf Autoren und Politiker über die Judenfrage“ schreibt Hans Johst: ״der Jude , . . sollte sich auf sein Volkstum besinnen. Dann , . . könnte er als Einheit, als klar begrenztes Ethos und einheitliche Substanz ... mit uns wirksam sein. Uns trennt nur Mimikry, Verleugnen , . . Verwischen . . . In-Abrede-Stellen“ Und die ״Rheinisch-Mainische Volkszeitung“ eines der führenden Organe der westdeutschen Zentrums-Partei, schreibt anläßlich der Kritik eines Buches über Zionismus: ״Man muß ehrlicherweise aus der Erfahrung zugeben, daß diese Juden durch die Einfügung in die Geschichte ihres Volkes eine sichere Plattform gewannen, von der aus sie mit einer weitaus größeren Ruhe und Sicherheit an die Lösung der tilgemein menschlichen Probleme herangehen können als der Jude der vergangenen Emanzipationsepoche. Denn dieser war in dem Bestreben, seiner eigenen Geschichte zu entrinnen und sein eigentliches Wesen zu verstecken, um dadurch den gewünschten Habitus der nichtjüdischen Umgebung zu gewinnen, innerlich brüchig und unsicher geworden, was in nicht wenigen Fällen zu einem pathologisch gesteigerten und oft genug tragisch endenden ,jüdischen Selbsthaß‘ führte.“ Was not tut ist deshalb nicht Verdecken der eigenen Art, sondern bewußter Anschluß an die religiöse, kulturelle und historische Tradition unseres Volkes. Daß dabei die Kenntnis unseres ererbten religiösen Kulturgutes, überhaupt die Kenntnis unserer Literatur und der in Bibel und Talmud niedergelegten Geistesschätze erweitert und vertieft werden muß, ist die dringendste Forderung einer seelischenAbwehr. Es ist beschämend, welche Unkenntnis selbst in gebildeten jüdischen Kreisen in bezug auf unser ererbtes geistiges Kulturgut, das der Menschheit so viel gegeben hat, herrscht. Vor kurzem ging durch die jüdischen Blätter folgender typischer Bericht, anläßlich des Hinscheidens des berühmten Juristen und Politikers Oeheimrat Wilhelm Kahl. Als der Genannte mit einer gebildeten jüdischen Dame einst an einem Gotteshaus vorüberging, sah er eine hebräische Inschrift, ein wundervolles Zitat aus den Propheten über dem Eingang des Gotteshauses. Er bat die Dame, die Inschrift zu lesen und zu übersetzen. Er erhielt die Antwort: ״das kann ich nicht“. Und Kahl begann den hebräischen Text fließend zu lesen und zu übersetzen. Die Dame schaute beschämt zu Boden. Kahl antwortete: ״Ja, sie haben allen Grund, sich zu schämen. Wie kann man nur dem jüdischen Volke angehören und diese herrliche heilige Sprache nicht kennen. I c h habe mir die Mühe genommen, sie zu erlernen. —“ Diese Anekdote sollte zu Denken geben. — — In diesem Moment liegt mir vor allem auch daran, zu betonen, daß unsere historische Einheit gewahrt werden muß. Diese historische Einheit ist die Einheit des gemeinsamen Gewordenseins. Gerade dem historischen Bewußtsein kommt im Judentum eine besondere Rolle zu. Berdjajew, der idealistische Geschichtsphilosoph, ein Nichtjude, kann uns allen in seiner Auffassung vom Judentum und seiner Sendung ein leuchtendes Beispiel geben. Berdjajew, früher ein materialistischer Oeschichtsphilosoph, wurde durch das Studium d#r jüdisehen Geschichte an der materialistischen Geschichtsauffassung irre und wandte sich der religiös-idealistischen Geschichtsauffassung zu. Vielleicht ist es gerade heute, in dieser düsteren Zeit, wo sich ein jeder von uns mit der Sinnlosigkeit des Judenhasses im tiefsten Innern quält und nach einem höheren Sinn all dieses Geschehens sucht, besonders wichtig, immer und immer wieder von höherer Warte aus das historische Geschick des Judentums betrachtet zu sehen. In Berdjajews Buch ״Der Sinn der Geschichte“ heißt es wörtlich: ״Dem Judentum kam eine ganz ausnahmsmäßige Rolle in Sachen der Erzeugung des geschichtlichen Bewußtseins zu - . . Gerade das Judentum hat ins Weltleben der Menschheit das Prinzip des ״Geschichtlichen“ hineingetragen. Das Judentum hat in der Geschichte eine zentrale Bedeutung. Das Judenvolk ist vorzüglich das Volk der Geschichte und aus seinem historischen Geschicke ist die Unerforschlichkeit der Geschicke Gottes zu verspüren. Das historische Geschick dieses Volkes kann nicht auf materialistische Weise erklärt werden, well am alierdeutlichsten in ihm das ״Metaphysische“ sich zeigt. . . . Es muß gestanden werden, daß von jeglichem materialistischen und positiv-geschichtlichen Standpunkt aus dieses Volk hätte längst aufhören müssen zu bestehen. Sein Bestehen ist eine sonderbare, geheimnisvolle und wunderbare Erscheinung, die darauf hinweist, daß mit dem Geschicke jenes Volkes besondere Absichten verbunden sind. —“ Hier ist der Schlüssel für die Lösung der Frage, wie überhaupt ein denkender und feinnerviger Jude das tragische Geschick der Judenfeindschaft ertragen kann: die Einbettung des Judenhasses in das gesamte Juden problem als geschichtsphilosophisches, methaphysisches Problem, in das Problem der Sendung des jüdischen Volkes. Nur so verliert der Judenhaß das niederdrückend-sinnlose und wird in einen sinnvollen Zusammenhang eingereiht. Er bekommt den Charakter des dämonischen Widerstandes gegen den Träger einer religiösen, kulturellen und sittliehen Idee. Wir sagten schon, der Judenhaß sei etwas Dämonisches. Diesem Dämonischen muß etwas Metaphysisches entgegengestellt werden, nämlich derGlaube und die Ueberzeugung von der göttlichen Sendung des jüdischen Volkes. Diese Sendung des Juden in der Geschichte kann ich nur dann bejahen, wenn ich die Geschichte überhaupt, insbesondere die Geschichte meines Volkes erfasse als etwas im tiefsten Sinne Meines, als meine Geschichte, als mein Geschick. Erst wer die Identität zwischen seinem historischen Geschick und dem Geschick seines Volkes erlebt hat, ist reif für den Gedanken der Menschheit. Um das Geschick des Judentums spielt sfeh ein besonderer Dramatismus der Geschichte ab. Dieser geschichtliche Dramatismus wird bestimmt von der messianisehen Idee und diese wiederum ist beherrscht von dem Glauben an den Fortschritt der sittlichen Idee, insbesondere der Gerechtigkeitsidee in der Menschheit. Auch von dieser Warte her bekommt der Antisemitismus seinen höheren Sinn. Die Judenfeindschaft nur aus wirtschaftlichen und soziologisehen Gründen erklären zu wollen, wäre platt und geradezu banal. Der Stand der Judenfrage ist der Gradmesser für den Stand der Gerechtigkeitsidee. Denn nicht darin, daß der Starke dem Starken sein Recht gewährt, kann ein Fortschritt der Gerechtigkeitsidee erblickt werden (Klugheit und Zweckmäßigkeit allein können dem Starken dies Verhalten diktieren), sondern darin, daß der Mächtige dem Schwachen sein Recht gewährt. Und wir Juden sind nun einmal eine schwache, wehrlose Minorität. So sollte es wohl sein. Berdjajew erkennt den Sinn der jüdischen Geschichte im leidenschaftlichen Kampf um die Gerechtigkeitsidee. Ob damit der letzte Sinn des Leidens der Juden in der Geschichte gegeben ist? Wer kann dies wissen? Meine Damen und Herren! Die jüdische Geschichte spricht eine Sprache, deren Grammatik noch nicht geschrieben wurde. Nur mit ahnungsvollem Schauer können wir ihren Kadenzen lauschen, bange ahnend, daß eine transzendente, übersichtliche Macht die Gesetze ihres Werdens bestimmt. Aber eines dürfen wir nie unterlassen, wenn anders wir nicht aufhören wollen, Juden zu sein: den leidenschaftlichen Kampf um den Fortschritt der Gerechtigkeitsidee. Und noch eines: wir dürfen nie den Glauben verlieren an den endlichen Sieg der Gerechtigkeitsidee, an das endliche Hervorbrechen des helfen Morgens aus dem Dunkel der Nacht. Das gebietet uns der Messianismus. Wir dürfen nie vergessen: Die Geschichte irrt nicht. Nur die Menschen irren. Ich will meine Ausführungen, die ein Kapitel darstellen sollten, zu dem was man seelische Abwehr nennt, schließen mit einem Zitat aus Jesaja, dem Propheten der messianischen Idee: ״Schicksalslast des Schweigens; mir ruft es aus Seir zu: Wächter, wie stehts um die Nacht? Wächter, wirds eine lange Nacht? Und es kündet der Wächter: Es kommt der Morgen, trotz der Nacht.“ Reisebriefe aus dem Irak Von Dr. A. Ruppin, Jerusaslem. Wir haben in Nr. 69 der ״J. R." Reiseeindrücke aus dem Irak von Ruppin veröffentlicht. Wir bringen nachstehend den zweiten dieser Reiseberichte, der um so mehr Aufmerksamkeit verdient, als die Frage des Mossul-Petroleums für Palästinas Zukunft von erheblicher Bedeu* tung ist. Red, Petroleum Auf dem Bahnhof in Bagdad ist wenig Verkehr. Nur ein Dutzend Leute besteigen den Zug, der in löstündiger Fahrt nach dem neuen Pctroleumzeritrum Kirkuk fährt. Auf dem Bahnsteig bietet ein Fischer seine eben gefangenen Tigrisfische feil. Ungeheuer billig. Ein Fisch von mittlerer Karpfengröße 10 Pf. Einzelne Reisende kaufen sie, um sie nach ihren vom Tigris weiter entfernten Städten mitzunehmen. In meinem Abteil sitzt noch ein Offizier der Irak- Armee, ein frischer und intelligenter junger Mann. Er fährt an die irakisch-türkische Grenze, wo die Kurden noch immer zu Unruhen geneigt sind. Er hat seine ganze Feldausrüstung einschließlich Zelttuch und Bettzeug mit sich, aber das Abteil ist so breit und geräumig, daß er alles ohne Schwierigkeit unterbringen kann. Die Landschaft, die der Zug durchfährt, Ist einförmig. Gelbe Steppe. Nur selten eine menschliche Siedlung. Erst nach 5 Stunden Fahrt wird das Land hügelig und zeigt eia schwaches Grün. Es ist in diesem Winter wenig Regen gefallen, und der Graswuchs ist spärlich. Herden von Schafen weiden das Gras ab. Getreide kann in diesen Gebieten nur unter Bewässerung gedeihen, und das Wasser des Tigris kommt nicht bis hierher. Kirkuk. das man am Abend erreicht, war bis vor Jahren eine kleine Provinzstadt, die davon lebte, daß sie von den Beduinen der Umgebung ihre Produkte (Wolle, Felle, Schafe) aufkaufte und sie dafür mit Tee, Zucker, Reis versorgte. Aber seitdem im Jahre 1927 in der Umgebung der Stadt ausgedehnte Bohrungen nach Petroleum durch die Irak Petroleum Company begonnen und viele Tausende von Menschen als Arbeiter bei den Bohrungen und beim Transport der Maschinen, bei der Beschaffung von Unterkunft und Lebensmitteln für die Beamten Geld verdienten, hat die Stadt den Charakter einer kleinen Goldgräberstadt angenommen. Es gibt zwar nur eine gepflasterte Straße, von ein paar hundert Metern Länge, aber in dieser Straße reiht sich zu beiden Seiten Laden an Laden. Sogar eia englisches Geschäft für Sportausrüstung ist vorhanden. Und Wunder über Wunder: auf dieser Straße fährt ein Sprengwagen. Und er fährt nicht nur, sondern er funktioniert auch wirklich und schützt die Straße vor der sonst infolge des kalkigen Pflastermaterials unvermeidlichen starken Staubent- Wicklung. , Neben ,dem modern gebauten Teile Kirkuks steht die alte Oberstadt (aus dem ersten vorchristlichen Jahrtausend unter dem Namen Arrapha bekannt) auf einem Schutthügel von 10 m Hohe. Die Scherben von Tongefäßen, me sich an den Außenseiten des Hügels von unten bis oben zeigen, beweisen, daß hier seit ältesten Zeiten Menschen gelebt haben und daß durch die Abfälle jeder. Generation der Hügel immer um ein Weniges gewachsen ist. Die Straßen und Wohnungen hier oben sind eng aneinander gebaut. Wasser ist spärlich, und ein paar Blumen in einem Hausgarten sind eine große Seltenheit. Ich bin in einer Familie zu Gast, an die ich von Bagdad her ein Empfehlungsschreiben hatte. Wir sitzen in dem Zimmer, das als größten Schmuck eine große Petroleumlampe hat. Ein Luxus, den man sich wegen der Billigkeit des Petroleums hier erlauben kann. Der Wirt, mit dem ich njich nur mit Hilfe eines französisch sprechenden griechisch-katholischen Priesters verständigen kann, sucht mir das Beste anzubieten, was er hat, indem er mir eine stark duftende Blume aus einem Garten bringt und mir ein Parfüm von durchdringendem Duft über die Hände gießt. Das arabische Hotel in Kirkuk ist elend, hat aber bereits gelernt, von Fremden doppelt und dreifach so hohe Preise ztl nehmen als sonst üblich. Ueberhaupt ist im ganzen Irak der Unterschied in den Ausgaben zwischen einem Einheimischen und einem Fremden so groß wie kaum irgendwo sonst. Der Fremde genießt nichts von der im Lande herrsehenden Billigkeit. Der Einheimische kann in vielen Fällen für 1 Anna dasselbe kaufen, besonders was Lebensmittel anbetrifft, wofür der Fremde 1 Rupie (gleich 16 Anna) zu zahlen hat. Der Anna- und der Rupienstandard gehen hier für Einheimische und Fremde nebeneinander her. Von Kirkuk nach Mossul führt eine große Strecke weit eine asphaltierte Straße, die von der Irak Petroleum Company angelegt ist. Schon wenige Kilometer nach Kirkuk sehen wir die ersten Zeichen der unterirdischen Kräfte. Auf einem Feld züngeln nebeneinander viele Flammen empor — die aus der Erde kommenden Petroleumdämpfe, die sich bei der ■Berührung 1n.it der Luft entzünden. Sobald man mit einem Stock hier in der Erde herumstochert, schlägt eine neue Flamme heraus. Wenn man noch um eine weitere Hypothese verlegen wäre, wie das Feuer den Menschen geschenkt worden ist, so könnte man hier leicht eine neue Hypothese hinzufügen. Man sieht, wenn man weiterfährt, am Wege riesige Maschinen und große Depots von Rohren. Bohrtürme zeigen rechts und links ihre schlanken Gerüste. Aber das Erstaunliche ist, daß man nirgends einer menschlichen Seele begegnet. Man fährt an dem Bohrloch Baba Gurgur vorbei, das bereits im Jahre 1927 erbohrt wurde und einen außerordentlichen Ausbruch von Petroleum zur Folge hatte, bei dem der ganze Platz überschwemmt und mehrere Arbeiter getötet wurden, bis es gelang, das Bohrloch zu schließen. Ein einziger Wächter ist zur Bewachung am Platze, sonst kein Zeichen von Leben. Alles schläft einen Dornröschenschlaf und wartet darauf, daß die über 1000 km lange Rphrleitung nach dem Mittelmeerhafen Haifa (und Tripoli) gelegt werden und das Petroleum dem Markte zugeführt werden soll. Die Bohrung auf Petroleum im Irak hat eine lange Vorf'־'־־ ־*— ־'־־' ־־*־ ־*־ 'י״י י י' , ’ ־1־'׳־׳ T "־־ ’־■'־ _ Seilschaft, der Turkish Petroleum Company, eine Konzession für die Gewinnung von Petroleum ln den beiden Wilajets Bagdad und Mossul. Die Irak-Regierung war genötigt, diese Kori- Zessionen nach dem Kriege als rechtsgültig anzuerkennen. Aber die Verhandlungen darüber, in welcher Weise die Irak-Regiernng an den Gewinnen der Gesellschaft beteiligt sein sollte, zogen sich sehr in die Länge. Es kam hinzu, daß auch europäische Gesellschaften unter dem Schutz ihrer Regierungen das Recht beanspruchten! Im Irak nach Petroleum zu bohren,

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