Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 61 (2.8.1932)
- Date
- 1932-08-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653348-2653411--23099-2681418- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 292 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 61, 2. VIII. 1932 englischen Kabinetts, darunter auch mit Mac Donald, und machte einige Bemerkungen über Charakter und Tendenzen des vom Landcntwicklungsdircktor French erstatteten Berichtes. Zum Schluß erläuterte Sokolow die finanziell« Lage und zeigte an Hand von Ziffern, unter welch schwerem finanziellen Druck die Executive steht. Gedenkrede für die Toten Der Präsident des Zionistischen Aktions-Comltees, Leo Motzkin, hielt einigen in letzter Zeit verstorbenen hervor• ragenden Mitgliedern oder Freunden der Zionistischen Organisation einen warmempfundenen Nachruf. Er gedachte insbesondere Joseph Cowcns, eines der ersten Anhänger Herzls, und erinnerte an Covvens Tätigkeit in führenden Stellungen der Organisation und als Leiter ihrer finanziellen Institutionen. Er nannte ferner Prof. Boris Schatz, den Gründer und langjährigen Leiter der Kunstgcwerbeschule Bezale!, Lewin Epstein, Prof. Simonsen, der zwar nicht ausgesprochener Zionist, aber ein aufrichtiger Freund der Bewegung gewesen sei, und den verstorhenen Präsidenten des Hilfsvereins der deutschen Juden, Dr. James S i m o n , der stets großes Interesse für den Palistina-Aufbau bekundet hat. Von den in letzter Zeit verstorbenen christlichen Palästina-Freunden erwähnte Motzkin den früheren Leiter des Internationalen Arbeitsamtes Albert Thomas und den ehemaligen Obcrkommissar von Palästina Lord P 1 u m e r. Arlosorofts Bericht Am zweiten Verhandlungstage erstattete der Leiter der politischen Abteilung der Palästina-Executive Dr. Chajim Arlo* s o r o f f sein Referat. Er stellte fest, daß der jetzige Ober* kommissar für die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims wirklich Verständnis zeige. Auch die vielfach verbreitete Meinung, die Beamtenschaft der englischen Verwaltung in Palästina bestehe zum größten Teil aus Antizionisten, treffe nicht zu. Richtig sei allerdings, daß sich von den früheren Verwaltungen her gewisse antizionistische Traditionen innerhalb dieser Beamtenschaft erhalten haben, doch würden diese Tendenzen durch den High Commissioner entschlossen bekämpft. ln der Frage der ״landlose n“, resp. durch die jüdische Kolonisationstätigkeit angeblich von ihrem Boden verdrängten Araber habe sich eine gewisse Klärung ergeben. Während früher die Zahl der ״landlosen Araber“ stets mit etwa 4000 angegeben wurde, hat die jetzige Palästina-Regierung bloß 219 Araber in diese Kategorie eingereiht. Davon entfallen etwa 200 auf die bisherigen Siedler im Wadi Hawarith-Gebiet. Einen breiten Raum in den Ausführungen Dr. Chajim Arl> soroffs nahm die Behandlung des arabischen Problems ein. Dr. Arlosoroff stellte fest, daß der Executive gegenwärtig keine entsprechenden Mittel zur Vornahme von Boden kaufen in Trans jordanien zur Verfügung stehen. Es seien aber Verbindungen mit einer Reihe von Scheichs und anderen arabischen Bodenbesitzem, die bereit sind, Boden in Transjordanien zu verkaufen, angeknüpft worden. Man müsse sich klar darüber sein, daß für den Aufbau des Jüdischen Nationalheims in Palästina die Lösung der transjordanischen Frage, die Einbe- Ziehung dieses Gebietes in die Sphäre jüdischer Kolonisationstätigkeit, von entscheidender Bedeutung sei. Besondere Aufmerksamkeit müsse seitens des Aktions- Comitees auch der Tatsache zugewandt werden, daß der Groß-Mufti von Jerusalem seine antizionistische Tätigkeit jetzt nicht mehr bloß in Palästina selbst und bei den maßgebenden Faktoren in Europa entwickelt, sondern sie auch durcit eine von ihm entfesselte heftige antijüdische Agitation in den arabischen Ländern um Palästina unterstützt. Es sei im Interesse der zionistischen Politik unbedingt erforderlich, dieser Agitation entgegenzutreten. Das Aktions-Comitee werde sich darüber klar werden müssen, welche Maßnahmen ergriffen werden können, um dieser ge- Jährlichen Propaganda in den arabischen Ländern Einhalt zu gebieten. Die Generaldebatte An die Ausführungen Dr. Arlosorofts schloß sich eine lebhafte Aussprache, in der u. a. Dr. Georg Halpern namens der Allgemeinen Zionisten und Jizchak Grünbaum namens der Radikalen Zionisten das Wort ergriffen. Grünbaum stellte fest, daß es gelungen sei, innerhalb des Aktions-Comitees eine weitgehende Uebereinstimmung in politischen Fragen zu erzielen. Auf der Forderung, daßderrrench-Bericht durch das Aktions-Comitee bedingungslos zurückgewies e n werde, müsse er jedoch namens der Radikalen Zionisten weiterhin bestehen. ln der am 29. nachmittags abgehaltenen Sitzung ergriffen noch der Vertreter der Poaie Zion Ing. Kaplansky, der Vertreter der Radikalen Dr. Nahum Gold mann, der palästinensische Arbeiterführer Sprinzak, sowie einige andere Redner das Wort. In der Debatte wurden Einzelheiten der politischen Berichte Dr. Brodetskys, Dr. Ariosor o f f s und Dr. Victor Jacobsons, der die politische Arbeit in Gent dargestellt hatte, behandelt. Am Sonntag, den 31. Juli wurde die Generaldebatte über die politischen Berichte der Executive fortgesetzt. Leo Motzkin gab der Meinung Ausdruck, daß bei früherer Einberufung des Aktions-Comites eine Abänderung des French-Berichtes vielleicht noch möglich gewesen wäre. Allgemeine Befriedigung löste die versöhnliche Haltung der Revisionisten aus, die in der Rede ihres Führers Richard Licht heim zum Ausdruck kam. Lichtheim stellte fest, daß die Differenzen zwischen der Auffassung der Revisionisten und der der Exekutive sich in letzter Zeit a 11 mählichverringert haben und daß das Programm der Exekutive nunmehr so geartet sei, daß es aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Unter- Stützung der Revisionisten werde finden können. Im allgemeinen wurden in der Debatte hauptsächlich drei Punkte, nämlich die Benehungen zwischen der Organisation und dem neuen High Commissioner General Sir Arthur Wauchope, der French-Bericht und die Frage der Wadi Hawarith- Böden behandelt. Auf die au der Tätigkeit der Exekutive hinsichtlich dieser drei Punkte von den Mitgliedern des Aktions-Comites geübten Kritik antworteten namens der Exekutive Präsident Nahum Sokolow׳, Dr. Brodetsky und Dr. Arlosoroff. Präsident Sokolow behandelte die allgemeinen politischen Riehtlinien der Exekutive, während sich Dr. Brodetsky vor allem mit dem French-Bericht und der mit diesem in Zusammenhang stehenden Tätigkeit des Aktions-Comites befaßte. Er trat nachdrück!ich der von einigen Mitgliedern des Aktions-Comites vertretencn Auffassung, daß dieser Bericht bedingungslos abgelehnt werden müsse, entgegen und begründete den Standpunkt der Exekutive, die es für notwendig hält, in Verhandlungen über Einzelheiten des Berichtes einzutreten. Dr. Arlosoroff legte dar, warum die Exekutive genötigt gew'esen sei, auf die Forderungen der Palästina-Verwaltung Tn der Frage der Wadi Hawarith-Böden einzugehen. Nach den Antworten der Exekutive wurde die Sitzung um 2 Uhr morgens geschlossen. Die Haltung der Arbeiterpartei Wie der T. A. seitens der Delegation der jüdischen Arbeiterpartei mitgeteilt wird, hat diese bestimmte Richtlinien festgelegt, die für ihre Vertreter auf der A.-C.-Sifzung gegeben sind. Die Delegierten der Arbeiterparte! werden dafür Eintreten, daß die vom letzten Kongreß auf der Basis einer bestimmten vereinbarten Politik eingesetzte Koalitions-Exekutive ungestört weiter funktionieren könne. Die Arbeiterpartei steht auf dem Standpunkt, daß es notwendig ist, demnächst Verhandlungen mit der Mandatarmacht aufzunehmen im Hinblick auf Erzielung einer klaren Vereinbarung und Aufstellung eines genauen Einwanderungs- und Kolonis a t i 0 n s p 1 a n e s für die nächsten vier oder fünf Jahre, durch den der Zionismus der Verwirklichung seiner kolonisatorischen Ziele nähergebracht werden soll. Für diese Verhandlungen müssen alle einflußreichen und schwerwiegenden Kräfte des Zionismus eingesetzt werden. Die jüdische Arbeiterpartei Palästinas, die jede jüdische Initiative privater oder öffentlicher Art für das Aufbauwerk in Palästina billigt, erachtet es als eine der wichtigsten Pflichten des A.-C., dem Keren Hajessod und dem KKL die bedeutende Stellung wiederzugeben, die diese Fonds in der zionistischen Arbeit eingenommen haben. Die jüdische Arbeiterpartei ist der Ansicht, daß die gegenwärtige organisatorische Lage der erweiterten Jewish Agency ungesund ist und in Widerspruch steht zu den bei ihrer Gründung angestrebten Zielen. Die erweiterte Jewish Agency war in ihrer Entwicklung, gemäß der bei ihrer Gründung festgelegten Richtung, ein Medium zur Organisierung der Nation für den Aufbau Palästinas zu werden, gehemmt. Es ist nach Ansicht der jüdischen Arbeiterpartei Pflicht der gegenwärtigen Tagung des A.-C., alle notwendigen Schritte zu unternehmen, um die Organisation der Jewish Agency auf eine breite volkstümliehe Basis zu stellen. Die jüdischen Arbeiter-Delegierten auf der A.-C.-Sitzung haben den besonderen Auftrag, darauf zu achten, daß in dieser Beziehung etwas unternommen wird. Ferner haben die Delegierten den Auftrag, vom A.-C. einen Bericht über die Aufgaben und die Tätigkeit des Paläsiina-Notfonds (Emergency-Fund) zu verlangen und zu fordern, daß die Verwaltung des Notfonds der erweiterten Agency übertragen werde. In Nahalal fand eine Massenversammlung der jüdischen Siedler des Etnek J es re e I statt, um zu den auf der Tages- Ordnung des A.-C. stehenden Problemen Stellung zu nehmen. An das A.-C. wurde ein Telegramm gerichtet, in dem die Mitglieder des A.-C. aufgefordert werden, die Parteiditterenzen zu überbrücken, die Kräfte der Diaspora zu vereinen, die Knesseth Jisrael zu konsolidieren, N.-F• und Keren Hajessod zu stärken, um die Absorptionsfähigkeit des Landes für alle Schichten der Judenheit, darunter tausende Chahizim, zu erweitern. ' * Die Stellung Weizmanns Dr. ChaimWeizmann erklärte in einem Gespräch mit dem J. T. A.-Vertreter, er beabsichtige nicht, sich an den Debatten des A.-C. zu beteiligen, werde jedoch bei den Verhandlungen anwesend sein, um einer Mißdeutung seiner Haltung in dem Sinne, daß er das A.-C., dessen Mitglied er ist, boykottieren wolle, vorzubeugen. Der einzige Grund seiner Zurückhaltung sei der, daß er sich gegenwärtig ausschließlich seiner wissenschaftlichen Arbeit, die ihn vollständig in Anspruch nehme, widme und nicht beabsichtige, seine augenblickliche Lebensführung zu ändern. Es ist nicht ganz verständlich, wodurch diese Aeußerung Dr. Weizmanns veranlaßt wurde. Vielleicht steht sie im Zusammenhang mit den von gewisser Seite planmäßig verbreiteten Gerüchten, Dr. Weizmann beabsichtige, auf der A.-C.-Sitzung• seine Rückberufung zum Amt des Präsidenten der Bewegung zu betreiben. Diese Gerüchte sind von denjenigen Gruppen, die auf dem Baseler Kongreß gegen Weizmann gestimmt haben, bereits unmittelbar nach dem Kongreß in Umlauf gesetzt worden und verstärkten sich vor der A.-C.-Sitzung. Insbesondere revisionistische Zeitungen bringen über die ״Umsturz“-Absichten Dr. Weizmanns und seiner Freunde völlig absurde Darstellungen mit dem sehr durchsichtigen Zweck, die antirevisionistischen Gruppen bloßzustellen. Dies ist um so seltsamer, als die Revisionisten keineswegs erkennen lassen, daß sie das mit ihrer Hilfe gewählte gegenwärtige Präsidium der Zionistischen Organisation positiv unterstützen. Auch der Beschluß der Philadelphia-Convention der amerikanischen Zionisten, der eine besondere Vertrauenskundgebung und Begrüßung für Weizmann enthielt, hat zu Legendenbildungen Anlaß gegeben. In der revisionistischen Presse wurde auch behauptet, daß die ,,Jüdische Rundscha u“ sich für die sofortige Rückberufung Dr. Weizmanns einsetze. Uns ist von einer derartigen Stellungnahme unseres Blattes nichts bekannt. Wir haben niemals Zweifel darüber gelassen, daß wir Dr. Weizmann für den besten Mann der zionistischen Bewegung halten, der unter allen vorhandenen Kandidaten auch der fähigste Fiihrer wäre. Ebenso aber ist es uns klar, daß bei dem gegenwärtigen Zustand der Bewegung eine Wiederkehr Weizmanns im jetzigen Moment nicht in Frage kommt und auch nicht erwünscht ist. Dr. Weizmann hat, obwohl man mit ihm nicht gerade sehr glimpflich umgesprungen ist, als einfacher zionistischer Soldat in diesem vergangenen Jahre seine Pflicht in vorbildlichster Weise erfüllt, lind insofern ist die in der vorstehenden J. T. A.-Aeußerung gemachte Bemerkung, daß er sich nur seiner wissenschaftlichen Arbeit widme, eine übertriebene Bescheidenheit. Wir können uns vorstellen, daß in einem gegebenen Moment die Bewegung Dr. Weizmann wieder rufen wird. Heute aber kann nach unserer Meinung von einer Uebernahme des Präsidentenamtes durch ihn nicht die Rede sein. Weltkonferenz der Hitachduth In Danzig. Unmittelbar vor dem Zusammentritt der Welt-Ichudkonferenz wird die letzte Weltkonferenz der Hitachduth in Danzig tagen. Die Konferenz soll am Abend des 13. August eröffnet werden und sieht Referate über den bevorstehenden Ichud und die von der Hitachduth anzustrebende Tätigkeit des neuen gemeinsamen Weltverbandes vor. Die Konferenz hat ferner die Delegation zu wählen, die den Weltverband Hitachduth auf der am 15. August, gleichfalls in Danzig, beginnenden Vereinigungskonterenz vertreten wird. Das vom panislamitischen Kongreß eingesetzte Komitee für die Organisierung einer muselmanischen Universitat in Jerusalem hat beschlossen, folgende drei Faknltäten an der geplanten Universität zu errichten: eine theologische Fakultät für 600 Hörer, eine technische Abteilung für 20Q Hörer und eine medizinische Fakultät für 300 Hörer. Zur veränderten Weltlage Von Dr. H. Kadiseh, Vöslau. Die europäische Krise hat sich immer mehr und mehr zu einer Weltkrise weiterentwickelt. Und nur derjenige, welcher sich über ihren engen Zusammenhang mit der Krise des Judentums und des Zionismus klar geworden ist, kann Ziel und Weg einer jüdischen Renaissancebewegung und die Aufgaben einer jüdischen Volks- Politik erfassen und programmatisch gegenüber einer einseifigen jüdischen Fraktionspolitik vertreten. Was sich heute im jüdischen Lager abspielt, alle zunehmende Zerklüftung und Zersetzung, alle die maß- und ziellosen Kämpfe haben in letzter Linie ihren Grund in einer veralteten Assimilation an die nationalen , religiösen und sozialen Programme anderer Volker, in einer vielfach veralteten Ideologie und schließlich auch in einer vollständigen Verkennung der Weltlage. In einer Zeit, in der immer machtigere Strömungen bei anderen Völkern, eine Erneuerung der alten Programme in Angriff nehmen, hat man leider innerhalb der Judenschaft dies unterlassen und durch ideologische Ver- Schmelzung jüdischer und sogar zionistischer Programme mit durch die Entwicklung überholten Anschauungen anderer Völker die bereits lange latente Krise im Judentum verschärft und zugespitzt, eine Krise, die ohne Umgruppierung des jüdischen Parteilebens, ohne eine Revision aller bestehenden üdischen Parteiprogramme und ohne Umwertung der alten deologie nicht überwunden werden kann. Daß dies nicht etwa nur theoretische Betrachtungen, sondern eine conditio sine qua non für die Erneuerung der jüdischen Renaissancebewegung ist, zeigen nicht nur die Kämpfe zwischen den verschiedenen jüdischen Gruppen, sondern auch innerhalb der einzelnen zionistischen Fraktionen, die vielfach ein analoges Bild des Parteilebens der übrigen Völker bieten und deren letzte Konsequenz sich im Niedergange des gesamten Parlamentarismus, in der zunehmenden Parteimüdigkeit aller Völker und auch in äußerst starkem Maße in der Abkehr der Jugend von aller Politik spiegelt. Die erste Assimilation des Judentums ist fast parallel mit dem Zusammenbruche des alten Liberalismus, niedergebrochen; der nationale Chauvinismus und der mit ihm Hand in Hand gehende Rassenantisemitismus, die den Liberalismus ablösten, ebnefen der zionistischen Bewegung den Weg. Der Abschluß des Krieges und die darauf folgende politische und soziale Entwicklung hat einerseits die Krise der Nationalstaatsidee durch die wachsende und sich vertiefende nationale Minderheitenbewegimg, mit der die jüdische und speziell zionistische Welt in wachsendem Maße in Zukunft wird rechnen müssen, und andererseits die Krise des kapitalistischen Systems in Eo• scheinung treten lassen und die zionistischen Parteien vor neue Aufgaben gestellt, nicht nur in Europa, sondern auch in Asien. Weder das nationale, noch das ökonomische Herr- Schaftsprinzip ist in irgendeinem Staate auf längere Dauer mehr unter irgendeiner politischen Firma möglich und nichts kamt den überall anwachsenden Antisemitismus mehr stärken, als wenn eine jüdische Volkspolitik sich entgegenstellt den nationalen Forderungen der europäischen und nichteuropäischen Minderheiten nach nationaler Autonomie oder den sozialen Postulaten, die auf Beseitigung der wirtschaftlichen Not gerichtet sind. Je mehr die Wirtschaftslage der ganzen Kulturweit und mit ihr die Wirtschaftslage sämtlicher jüdischen besitzlosen Schichten sich immer katastrophaler gestaltet, j« größer die nationalen Gegensätze werden und je mehr die religiösen sich vertiefen, um so mehr wächst die Notwendigkeit, in Europa und Palästina, sich den seit dem Tode Theodor Herzls geänderten Verhältnissen in der zionistischen Organisation aller Gruppen theoretisch und t&ktisch anzupassen. Auch ihr« Zeit- und Streitfragen sind durch die Vorgänge in allen europäischen und asiatischen Staaten, die in der letzten Zeit vielfach das Weltbild veränderten, naturgemäß innerhalb und zwischen den jüdischen Fraktionen in den Hintergrund gedrängt worden und erheischen mit Rücksicht auf die allgemeine Weltlage und die wachsende wirtschaftliche Weltkrise eine die Bedürfnisse der Diaspora in höherem Maße berücksichtigende Arbeit. Die neue Zeit braucht neue Menschen; daher ist es ein Gebot der Notwendigkeit, die Jugend in einem Geist zu erziehen, der den neuen Aufgaben einer erneuerten jüdischen Volksbewegung gerecht wird. Diese verlangt vor allem Einigkeit und ein einheitliches Vorgehen in allen wesentliehen Punkten. Das gemeinsame Ziel kann nur durch eine gemeinsame Aktion auf der Grundlage eines einheitlichen Programmes in Europa wie in Asien erreicht werden. Lehrauftrag für jüdische Theologie. Aus Frankfurt wird uns geschrieben: Die neueren deutschen Universitäten besitzen keine theologischen Fakultäten mehr. In Frankfurt a. M. ist dafür ein Ersatz geschaffen worden, indem ״Lehrbeauftragte für theologische Vorlesungen“ über theologische Fragen der beiden christlichen Konfessionen und des Judentums berufen wurden. Der erste Inhaber eines jüdisch-theologischen Lehrauftrags in Frankfurt a. M., des einzigen, der in Deutschland besteht, war Martin Bub er. Durch die Verleihung der Honorarprofessur für Religionswissenschaft an Buber wurde sein jüdisch-theologischer Lehrauftrag erledigt. Soeben ist, wie wir erfahren, eine Neubesetzung dieser Stelle erfolgt; ihr Inhaber ist jetzt ein Schüler Bubers und des verstorbenen Prof, Josef Horovitz, Dr. Nahutn Norbert Gl atz er. Glatzer, der aus Lemberg stammt und jetzt im 30. Lebensjahre steht, hat eine ungewöhnliche Ausbildung hinter sich. Das Gymnasium hat er ursprünglich nur bis zur Obersekunda besucht und sich dann auf die Rabbinische Lehranstalt nach Frankfurt a. M. begeben, um zuerst an der Anstalt, später durch Selbstunterricht alttestamentüche und talmudische Literatur zu studieren. Lange bevor er das Abitur ablegte, war er bereits Lehrer an Rosenzweigs Freiem Jüdischen Lehrhaus in Frankfurt a. M., später an der dortigen Israelitischen Religionsschule und an den Religionslehrerkursen für die jüdischen Studenten an der Pädagogischen Akademie Frankfurt. Nachdem er 1928 die Begabtenreifepriifung abgelegt hatte, konnte er auch an der Universität immatrikuliert werden. Im Dezember 1931 bestand er das philosophische Doktorexamen in Frankfurt mit einer Dissertation ״Zur Geschichtslehre der Tannaiten“, die im Schocken Verlag, Berlin, als Buch erscheint. Die Arbeit hat in der Fakultät eine ungewöhnliche Aufnahme gefunden; es ist kein Zweifel, daß sie nicht nur zahlreiche neue Erkenntnisse zur Geistesgeschichte der Mischnazeit enthält, sondern auch eine grundsätzlich neue Betrachtungsweise der Vergangenheit des jüdisehen Geistes eröffnet, eine Betrachtungsweise, der in der gegenwärtigen Situation des Judentums eine besondere Aktualitat zukommt. Der Oeffentliehkeit ist Glatzer vor allem durch den von ihm in Gemeinschaft mit Ludwig Strauß bearbeiteten 1. Bande des bei Schocken erscheinenden, vom Ausschuß für jüdische Kulturarbeit herausgegebenen Jüdischen Lesebuchs unter dem Titel ״Sendung lind Schicksal“ (1931) bekannt. Schon dieser Band zeigte, daß die jüdische Wissenschaft von Glatzer viel zu erwarten hat. Wir freuen uns, daß Glatzer Gelegenheit gegeben wird, seine Kenntnisse und Fähigkeiten an einer deutschen Universität zu bewähren, und hoffen, daß die wissenschaftliche Lehrtätigkeit auch seinen Forschungen ständig neue Impulse geben wird. Es soll schließlich nicht unterlassen werden, darauf hinzuweisen, daß Glatzer ebenso wie sein Lehrer und Vorgänger Buber Zionist ist; seine Familie lebt in Palästina,