Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 60 (29.7.1932)
- Date
- 1932-07-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 288 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 60, 29. VII. 1932 Kein Geld da? Viel Geld dal Ein DttkuMionibelirag zur Frage unserer Propaganda Von Julius Berger, Jerusalem. Die Geschichte des Zionismus der letzten Jahre steht unter dem Zeichen des Geldmangels. Eigentümlich an dieser Erschei* nung ist lediglich der Fatalismus, mit dem man sich damit abgefunden hat. Und während die Finanzämter aller Linder heute fieberhaft bemüht sind, die Gründe für das Versagen ihres Steuer- Systems /u erforschen u!1d neue MittcLund Wege der Einnahmeerhöhung zu finden, läßt es die ganze zionistische Ocffentlichkeit seit Jahr und Tag bei dem Bestehenden bewenden und begnügt sich mit der Feststellung ״Kein Geld da!“ Und mit der Begründung, daß die Weltwirtschaftskrise wie an vielem andern so auch an diesem Uebel schuld sei. Es ist eigentümlich, daß eine so demokratische Bewegung wie die zionistische in diesem einen Punkte so sehr an traditioneller Autorität hängt. Als man mit dem Ergebnisse der zionistischen Politik unzufrieden war, machte man ihren Leiter dafür verantwortlich und probierte es einmal mit einem neuen System una mit neuen Kräften. Nur bei der Propaganda scheint man ein Versagen des Systems nicht annehmen zu wollen. Es wäre sinnlos zu leugnen, daß unsere zionistische und unsere Fondspropaganda Ungewöhnliches geleistet haben. Die Arbeit der beiden Fonds in den letzten zehn Jahren war in vielem ein Meisterwerk und verdient uneingeschränktes Lob. Aber das kann an der Tatsache nichts ändern, daß wir in den letzten Jahren auf propagandistischem Gebiete nur mehr Mißerfolge wahrnehmen. So sehr wir das Verdienst der Propagandaleitungen anerkennen — und kein Wort ist stark genug für diese Anerkennung —, so sehr müssen wir jedoch die Frage stellen, ob das System von damals noch das richtige ist für die veränderten Verhältnisse von heute. Gerade Propaganda darf sich nie mit den Schwierigkeiten ausreden, die ihrem Erfolge entgegenstehen. Sie wird ja nur nötig, weil es gilt, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Oder, wie mir einmal einer der erfolgreichsten Reklamechefs Deutschlands sagte: ״Bei gutem Wetter Strohhüte zu verkaufen, ist kein Kunststück.“ Man muß gerade umgekehrt sagen, daß die zionistische Propaganda ihre eigentliche Wirksamkeit erst erweisen kann, wenn es der Judenlieit schlecht geht. Wir haben jahrelang schlechtes Wetter für die Galuthjudenheit vorausgesagt, und man hat uns Wetterpropheten nicht geglaubt. Damals war es schwer, erfolgreiche Propaganda zu machen, und daß es uns damals so gut gelungen ist, spricht sehr für das System. Aber heute, wo jeder Tag den Beweis für die Richtigkeit unserer Prognose bringt, wo das Judentum der ganzen Welt von Tag zu Tag mehr verelendet und wo zudem — welch unvorhergesehenes Wunder! — Palästina sich im geraden Gegenteil dazu einfach glänzend entwickelt und nicht mehr einen Zukunftstraum darstellt, sondern lebendige Gegenwart und Lösung der Judenfrage für viele hier und in unseren Tagen zu werden verspricht, — da soll es plötzlich schwerer sein, als damals, die Juden davon zu überzeugen, daß der Zionismus recht hat und daß es gut und richtig, daß es notwendig ist, Palästina aufzubauen? Wenn unsere Propaganda damals, als es für den Zionismus schlechtes Wetter war, Strohhüte in un* geahnter Zahl verkaufen konnte, soll es ihr heute, wo die ganze Situation für uns spricht, unmöglich sein? Hier muß ein Fehler vorliegen. Nie mehr als heute sollte Geld für zionistische Arbeit zu bekommen sein, nie sollte es den Fonds besser gehen, als gerade heute. Da darf die einfache Fest• Stellung nicht mehr genügen: Kein Geld da! Da heißt es zu untersuchen, warum kein Geld da ist und ob nicht doch Geld da sein könnte. In der Tat läßt sich leicht feststellen: Nie In den letzten zehn Jahren stand die Judenheit der zionistischen Propaganda so aufgeschlossen gegenüber wie heute, nie war sie mehr als heute bereit, ihr Schicksal mit dem des Zionismus und Pa• lästinas zu verbinden und Opfer dafür zu bringen. Daß wir kein Geld haben, beruht lediglich auf einem grandiosen Mißverständnis der zionistischen Propaganda. Die zionistischen Fonds könnten heute mindestens ebensoviel Geld einnehmen wie in ihren besten Zeiten. Sie hätten zu dem Zwecke nichts anderes zu tun, als sich endlich auf die Gegenwart einzustellen. Das wirksamste Mittel unserer, wie jeder anderen, Propa• ganda war die Kontrastwirkung. Zu einer Zeit, da Materialis* mus die Welt beherrschte und alles von Prosperity träumte, übte natürlich das Beispiel unserer Chaluzim eine Unvergleichliehe Wirkung auf die ganz anders eingestellte Welt aus, und es war nicht nur ideologisch, sondern auch propagandatechnisch absolut gerechtfertigt, daß die zionistische Propaganda von ihrem Idealismus den weitesten Gebrauch machte. Inzwischen ist die Welt verarmt. Das, was unsere Chaluzim damals geleistet haben, ist heute selbstverständliche Tagesfron für den Großteil der Welt. Und in der Tat kann z. B. die Betonung der Not der palästinensischen Schulen und Lehrer als Mittel der K. H.-Propaganda in dem Augenblick keinen Eindruck mehr machen, wo im ganzen. Osten, aber auch in Amerika, die jüdischen Schulen denselben harten Kampf um ihre Existenz führen und es ihren Lehrern zum mindesten nicht besser geht als in Palästina. Es ist darum unter jedem Gesichtspunkte falsch, wenn unsere Fondspropaganda auf die ausgezeichnete Kontrastwirkung verzichtet, die in der Gegenüberstellung der uten Lage des heutigen Palästina mit der miseraolen des eutigen üaluth liegt. Hier liegt der Grund des bisherigen Versagens und der Schlüssel zum zukünftigen Erfolg unserer Propaganda. Die Bejahung, die Betonung, die Unterstreichung des Palästina, wie es heute ist — dieses Tel-Awiws, dieser modernen, ganz und gar unromantischen Landwirtschaftsindustrie der Orangenzone, dieser hübschen städtischen Häuser ״mit allem Komfort“, dieser — sagen wir es ruhig — bürgerliehen Behaglichkeit, die Palästina so sehr von allem unterscheidet, was sonst in der Welt zu sehen ist, die es aber der Anschauung und der Sympathie gerade jener Kreise nahebringt, auf die wir bei der Geldpropaganda ebenso wie bei der Auswanderungspropaganda in erster Linie angewiesen sind, — das zur Basis unserer Propaganda gemacht, würde Wunder wirken. Viel zu sehr ist Palästina in den Herzen der ״Geber“ als das Land verankert, dem es immer schlecht geht, für das immer gesammelt wird, das ״einem auf der Tasche liegt“ und von dem man ״nichts hat“. Aber das Gegenteil ist richtig. In diesem Augenblicke der schlimmsten Not des Galuthjudentums bietet Palästina und nur Palästina die Rettung, die es allein für den jüdischen Bürger, das jüdische Vermögen, die jüdische Nation noch gibt. Sagen wir das! Schreiben wir das! Nie wirkte Palästina verblüffender, nie anziehender als heute, wo es sich verbürgerlicht zur selben Stunde, da die ganze übrige Welt sich proletarisiert. Und natürlich liegt in dieser Verarmung, in der glatten Unmöglichkeit, Geld zu steuern, eine schwere Hemmung für unsere Propaganda. Aber sie wird aufgewogen durch die Hoffnung, die wir verbreiten können und sollen und die jeden, den Armen wie ganz gewiß den Wohlhabenden, nocli einmal zu einer besonderen Anstrengung treibt. Der jüdische Bürger bangt heute um sein Vermögen. Wohin in der Golah er blickt, er sieht es unter seinen Händen schwinden. Nirgendwo fast gibt es noch eine Chance für das jüdische Kapital, für den jüdischen Unternehmungsgeist. Nirgendwo außer in Palästina. Es heißt nicht nur Propaganda für Palästina machen, wir üben eine Rettungsaktion am Judentum aus, wenn wir ihm zeigen, daß nicht nur die Zukunft des Judentums, daß die Gegenwart des Juden in Palästina liegt. Warum schweigt unsere Propaganda davon? Sie braucht nur zu reden, und der Jude wird sich dankbar erweisen. Wenn wir ihm die Chance zeigen, wie er seine Existenz in Palästina neu aufbauen oder wie er sein Kapital in Palästina sicher und produktiv anlegen kann, dann wird er — oh wie gerne! — bereit sein, uns seine Dankbarkeit zu zeigen, und uns behilflich zu sein, die Einrichtungen zu schaffen und zu erhalten, die die Sicherheit seines Kapitals, die Entwicklung seiner Existenz, die Erhaltung seines Volkstums, die den Aufbau der nationalen judisehen Heimstätte verbürgen. Wenn unsere Propaganda Vertrauen in Palästina zeigt, wird das jüdische Volk Vertrauen in unsere Propaganda haben. Zusammenschluß der ״Rechten" Von unserem palästinensischen Korrespondenten. gl. Tel-Awiw, 19. Juli 1932. Politische Ereignisse größeren Formats hat es in der palästinensischen Judenheit in den letzten Monaten nicht gegeben. Politische Kämpfe sind abgeflaut, politische Kontroversen fade und schwach. Dennoch hat sich im Laufe des letzten Jahres ein Umschwung der Meinungen vollzogen, der gewissermaßen unterirdisch vor sich ging, ohne lärmende Manifestation nach außen sich abwickelte und jetzt bereits in sein Blütestadium getreten ist: die ״bürgerlichen“ Elemente des Jischuw haben sich konsolidiert, zum Teil mit Erfolg eine Organisationsform gefunden und beginnen mit merkbarer Macht einen Vorstoß gegen den linken Flügel der Bewegung und des Jischuw. Es ist vorauszusehen, daß diese Strukturänderting im Jischuw nicht ohne Folgen bleiben kann, daß sie auch einen Einfluß auf das Galuth haben muß und daß sie schließlich in irgendeiner Form auch in der bevorstehenden Sitzung des Aktionskomitees und des Agency-Councils zum Ausdruck kommen wird. Bis vor kurzem bestand eine starke Ungleichheit in der Organisationskraft der Besitzenden und der Arbeiter. Während die allgemeine Arbeiterorganisation im Laufe von Jahren einen umfassenden und schlagkräftigen Apparat aufbaute und die wirtschaftliche Fundierung dieses Organisationsbaus mit Eifer betrieben wurde, blieb der Zusammenschluß der Rechten lose und ungenügend. Die Industrie lag in den ersten Anfangen und war weit davon entfernt, einen festen Zusammen- Schluß der Fabrikanten mit Nachdruck zu betreiben. Unter den Pflanzern brachte erst die Ausbreitung der Pflanzungszone und damit die Vergrößerung ihres Wirtschaftsgewichtes eine stärkere Aktivität hervor. Unter ihnen begann denn auch — parallel mit dem Aufstieg der Zitrusindustrie — eine gesteigerte Tätigkeit mit stark politisch gefärbten Tendenzen. Freilich war hier eine Zusammenfassung aller Kolonistenkreise durch verschiedene Umstände erschwert. In ihrem Lager zeichneten sich zwei gegnerische Kreise ab, die verschiedenen Tendenzen folgten. Den alten eingesessenen Kolonisten Judäas standen die neuen Siedler des Scharon gegenüber, die in einer moderneren zionistischen Ideologie aufgewachsen waren und sich unter der Führung Schuchowitzkis aus Magdiel daran machten, neue und frischere Luft in die etwas stickige Atmosphäre der ״alten“ Kolonien zu blasen. Diese neuen Siedler schlossen sich auch vor mehreren Jahren zu einem besonderen Verbände zusammen, dessen Kenn- Zeichen die Betonung jüdischer Arbeit und die Neigung zu einem Zusammengehen mit der Arbeiterorganisation war. Ueberhaupt wurde die Frage der jüdischen Arbeit, seit Jahrzehnten ein Problem der Siedlung, zum Streitobjekt. Die alten Siedler beschäftigten Nichtjuden, zum Teil in größerer Zahl, und ihre Presse trat zuzeiten auch ausdrücklich für ״gemischte Arbeit“, also die gemeinsame Beschäftigung von Juden und Nichtjuden ein. Im Laufe der Jahre haben sich das alte Jehudah und der neue Scharon jedoch einander stärker genähert. Und heute sieht man bereits trotz aller unterscheidenden Nuancen eine gemeinsame Front der Orangenpflanzer sich bilden. Diese Front zieht sich jedoch nicht nur durch wirtschaftliches Gebiet, sondern greift zu gleicher Zeit ins politische hinüber. Das Organ des Kolo* nistenverbandes ״Bustenai“ beschäftigt sich nicht nur mit den engeren Fragen des Bundes, sondern mit allgemeinen Problemen der jüdischen Politik im In- und Auslande und seine Stimme wird — ein Zeichen der Zeit! — auch außerhalb der Reihen seiner engeren Anhänger gehört. Eine wichtige Rolle spielte und spielt die Kolonistengruppe in den Kämpfen um die Neuorganisation des Er- Ziehungswerkes, die mit unendlichen Mühen vorwärtsschrcitet und zu einem Zankapfel zwischen den Parteien und Klassen zu werden droht. Mit dem Moment, wo sich unwiderruflich herausstellte, daß die Agency als alleiniger Träger des Schulnetzes nicht mehr in Frage kommt und der Waad Leumi, als das zusammenfassende Organ der palästinensischen Judenheit, seine Kontrolle übernehmen sollte, i:t der Kampf zwischen den verschiedenen Instanzen — Waad Leumi, Kolonien, Stadtverwaltung Tel-Awiw — nicht mehr zum Stillstand gekommen. Und das Gewicht der Zitrussiedlungen erwies sich bereits als so bedeutend, daß seine Gegnerschaft vom Waad Leumi, in dem die Arbeiter die ausschlaggebende Macht darstellen, bis heute nicht überwunden ist. Dieser Haltung der Kolonisten und der ihnen nahestehenden Kreise ist es zu einem guten Teil zuzuschreiben, daß die organisatorische Reform des Erz.iehungswesens und ihre Liebergabe an den Jischuw bis heute noch mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat und auch für das nächste Jahr eine Klärung des Schulbudgets nicht gesichert ist. Deutet das Auftreten der Pflanzer im letzten Jahre auf eine Konzentrierung ihrer Macht und den Willen, ihre speziehen Interessen zu verteidigen, ihre Ansichten über Politik und Wirtschaft durchzusetzen, so bewies die letzte große Auseinandersetzung in der Tel-Awiwer Politik einen ähnlichen Zusammenschluß unter den städtischen Elementen. Bei den letzten Wahlen zur Stadtverwaltung, die vor wenigen Monaten stattfanden, blieb zwar in der Verteilung der Sitze alles so ziemlich beim alten. Die Bürgerlichen Gruppen, die schon in der vorigen Session der Munizipalität am Ruder gewesen waren, erlangten auch jetzt die Majorität der Mandate. Die Arbeiter blieben nach wie vor die stärkste Fraktion, aber sie sahen sich, als der neue Stadtrat zusammentrat, einem geeinten Block der verschiedenen Rechts- und Mittelparteien gegenüber. Von den Hausbesitzern an bis zu den kleinen Ladenbesitzern schloß sich eine geeinte, wenn auch aus den verschiedensten Flicken zusammengestoppelte Wand den Arbeitern gegenüber zusammen. Und es «wurde sofort bei der Verteilung der leitenden Posten und der Besetzung der Kornmissionen klar, daß dieser neu geschmiedete bürgerliche Block darauf ausging, den Einfluß der Linken so weit als möglieh zu beschränken. Das Resultat ist, daß die Arbeiter in der Stadtverwaltung in die Opposition abschwenken. Auch sieht man auf bestimmten Gebieten eine Fühlungnahme dieses bürgerlichen städtischen Blocks mit den Kolonistenkreisen, die sich vor allem in der schon erwähnten Erziehungsfrage auswirkt. Das letzte und vielleicht klarste Zeichen von dem Ausschlagen des Pendels nach der bürgerlichen Seite ist die eben abgeschlossene Konferenz der Allgemeinen Zionisten, die in tagelangen Diskussionen sich über zionistische und palästinensische politische Fragen verbreitete. Der Verband der Allgemeinen Zionisten 1m Lande hat bisher vielleicht in noch stärkerem Maße als die anderen bürgerlichen oder halb-bürgerliehen Gruppen eine gewisse Farblosigkeit, ein Schwanken und Lavieren gezeigt. In dieser Gruppe und vor allem in dem ihm nahestehenden Organ, dem ״Haarez“, kam in den Zeiten der ״heroischen Kolonisation“ jene Ehrfurcht vor den* Arbeiter, dem Chaluz zum Ausdruck, die damals die gesamte zionistische Bewegung auch in ihren rechten Färbungen auszeichnete. Das liberale Gesicht dieser Gruppe hat niemals eine Verbindung mit den durch ihre materiellen Interessen bestimmten, ausgesprochen arbeiterfeindlichen Gruppen, wie zum Beispiel den Hausbesitzern in Tel-Awiw, zugelassen. Im Kampf um die jüdische Arbeit hat diese Zeitung seit jeher für die Ziele der Arbeiterorganisation gekämpft und überhaupt in ihrem Lavieren immer eher nach links als nach rechts geneigt. Auf der letzten Konferenz aber wehte ein völlig anderer Wind. Jn einer Zeit, wo die Arbeiter in erster Linie für die Erhaltung der Fonds kämpfen, war von einer Hinneigung nach dieser Seite nichts zu spüren. Im Gegenteil, es häuften sich die Angriffe gegen die Linke, ihre Politik, ihre ökonomischen Tendenzen, ihre Okkupation der Einwanderungsmöglichkeiten. Und zu gleicher Zeit — ein Charakteristikum der Gesamthaltung! — wurde von einem großen Teil der Konferenz der Versuch gemacht, den Revisionisten näherzukommen, ihre Beteiligung am Waad Leumi zu erwirken, ihren Austritt aus der zionistischen Organisation zu verhindern, kurz, sie mit allen Mitteln heranzuziehen. Und das zu einer Zeit, wo wichtige Landsmannschaften der Revisionisten den allgemeinen zionistischen Fonds den Boykott erklären und damit die ohnedies im argen liegenden Finanzen der Agency auf eine bittere Probe stellen. In der Frage der jüdischen Arbeit hat man sich — ein Zeichen der Ueberwindung ideolo gischer Momente durch wirtschaftliche Interessen — auf einen einigermaßen unklaren Kompromißstandpunkt gestellt, obwohl radikale Elemente zum mindesten eine Proklamation für rein jüdische Arbeit zu erkämpfen suchten. Diese Konferenz der Allgemeinen Zionisten ist vielleicht der beste Gradmesser für die Stimmung des Jischuw außerhalb der Arbeiterschaft. Denn hier werden die Dinge nicht nur von den momentanen wirtschaftlichen Interessen diktiert, sondern die hier geäußerten Gedanken und Wünsche sind ein Abbild der allgemeinen Stimmung. Diese Stimmung ist picht eigentlich arbeiterfeindlich im europäischen Sinne; hier spiegelt sich vielmehr die heute herrschende Einstellung zur Kolonisationsfrage. Man glaubt nicht mehr recht an die nationalen Fonds, daher auch nicht mehr an eine Ansiedlung von Arbeitern aus öffentliehen Mitteln. Der Orangentamnel bringt es mit sich, daß man von der Privatinitiative, deren Leistungen immer wieder hervorgehoben werden, jetzt den Aufbau des Landes in Bausch und flogen erwartet. Die Arbeiterwirtschaften aber, die Zeiten der Chaluzim, sind vergessen, und wenn man sich an sie erinnert, so meistens mit Hinblick auf das Defizit in der Kasse der zionistischen Organisation. Zu einem Teile mag sich auch die steigende Welle der Reaktion in der ganzen Welt im Lande widerspiegeln. Entscheidend ist jedoch der Umschwung in den Ansichten über den Aufbau Palästinas, die Hoffnung auf das Privatkapital, die heute weit unbegrenzter ist als zur Zeit der ״vierten Alijah“. Und da die Arbeiterschaft, gestützt durch eine organisatorische Erfahrung von Jahrzehnten, dennoch ihre Reihen zusammenhält, die Disziplin wahrt und trotz des steigenden Zusammenschlusses der andern immer noch den weitaus stärksten Block unter den Parteien darstellt, bemüht sich die Rechte, alle Bundesgenossen heranzuziehen, die sie nur bekommen kann. Zum ersten Male vielleicht hat dieser rechte Block Aussicht, sich zu konsolidieren, denn er ist auf einer Ökonomischen Basis zusammengeschweißt. Mit der zunehmenden Kapitaleinwanderung verbreitert sich seine Peripherie und diese Peripherie besteht zu einem guten Teile aus Menschen, die die heroischen Zeiten nicht nur nicht selbst gesehen, sondern nur undeutlich von ihnen gehört haben. Ideologien spielen heute keine entscheidende Rolle. Ausschlaggebend wird auch hier die Rente. Und sie ist es, die heute das im Lande ansässige und das einwandernde Kapital zusammenschließt und ihm eine eindeutige Richtung gibt: gegen die Linke. Elias Auerbach SO Jahre Am 28. d. M. wurde Elias Auerbach 50 Jahre alt. Sein 50. Geburtstag gibt uns den seit langem erwünschten Anlaß, ihm zu sagen, welcher Liebe und Verehrung er sich im deutsehen Zionismus erfreut. Auerbach ist nicht nur einer der ersten und glänzendsten Wortführer und Repräsentanten des deutschen Zionismus, sondern er war auch einer der ersten Pioniere, die nach Palästina gezogen sind. Der Generation der Jahrhundertwende sind Tätigkeit und Wirkung Elias Auerbachs in unvergeßlicher Erinnerung geblieben. Durch Wort und Schrift hat Elias Auerbach unzählige junge Juden in Deutschland der zionistischen Ideenwelt gewonnen. Sprosse eines von besten jüdischen Ueberlieferungen erfüllten Hauses, verkörpert Elias Auerbach in sich die geglückteste Synthese wurzelechten Judentums mit wahrer europäischer Bildung. Sein Zionismus ist erdgeboren, und diese ungebrochene innere Haltung erklärt die Wirkungsfähigkeit dieses seltenen Mannes. Als Redner, Publizist, Pionier und als Schriftsteller repräsentiert Elias Auerbach den Typus des modernen Juden, der, in der Vergangenheit seiner Volksgeschichte verankert, den Schwung und die Energie besitzt, seiner Generation die Wege der Zukunft zu weisen. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Arzt und seiner unermüdlichen, nie unterbrochenen Hingäbe an die praktischen Arbeiten zionistischer Aufgaben hat Elias Auerbach auch für wissenschaftliche Tätigkeit Zeit gefunden und überdies der deutsch-jüdischen Jugend die beste Jugendschrift ״Joab, ein Heldenleben“ geschenkt. Elias Auerhach ist ein ernster, besonnener Mann mit einem glühenden Herzen. Wer nicht das Glück genossen hat, mit ihm persönlieh zusammenzuarbeiten und ihn als Kameraden kennenzulerneiij dem erschließt sich seine Art aus den größeren Publikationen, die er bisher veröffentlicht hat. Klar, lebendig, voll inneren Feuers leuchtet die seelische Kontur dieses Mannes aus seinem Buche ״Die israelitische Prophetie“. Elias Auerbach arbeitet jetzt an einer Geschichte des jüdischen Volkes. Wir haben vor kurzem das Vorwort zum ersten Bande ״Wüste und gelobtes Land“ veröffentlichen können. Mit Spannung erwartet man das Erscheinen des Werkes. Lehman Gouverneur des Staates New York New York, 25. Juli. (J.T. A.) Die Wahl Colonel Herbert L e h nt a n s , des bisherigen stellvertretenden Gouverneurs von New York, zum Gouverneur dieses Staates wird in politisehen Kreisen von New York als gesichert betrachtet, da der bisherige demokratische Kandidat auf diesen Posten, der gegenwärtige Gouverneur Franklin D. Roosevelt, von der demokratischen Partei für die Stelle eines Präsidenten der Vereinigten Staaten kandidiert wird. Der Posten eines Gouverneurs des Staates New York gilt als sicherer Besitzstand der Demokratisehen Partei. Oberst Lehman würde der erste jüdische Gouverneur des Staates New York sein*