Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 60 (29.7.1932)
- Date
- 1932-07-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 60, 29. VII. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 287 ״Non - Cooperation V* Von Dr. Alfred Marcus. Dr. Alfred Mareut, der Autor des vielbeachteten Buchet ״Die wirtschaftliche Krise des deutschen Juden", äußert sich im nachstehenden mr Frage der Stellung des deutschen Juden innerhalb der vor sich gehenden politischen Entwicklungen im deutschen Volke. Obwohl gegen manches, was Dr. Marcus sagt, Einwände erhoben werden können, lassen wir den Autor doch zu W'orle kommen: schon der überragenden Bedeutung des Themas wegen, das er hier mit Wahrheilswillen anschneidet. Red. 1. Die Frage nach der ״richtigen“ politischen Haltung des deutschen Juden in dieser Zeit findet eine Unzahl von Ant- Worten. Man sollte meinen, daß diese in zwei Gruppen teilbar seien: entweder müßten sie von der deutschen Politik her bezogen sein, oder aus dem Bestreben der deutschen Juden stammen, ihre Positionen innerhalb Deutschlands zu verteidigen. Im allgemeinen ist aber eine strenge Scheidung dieser beiden Bezugsgruppen nicht gegeben. Sie laufen meistens durcheinander. Man kann beobachten, daß die Fundierung deutsch-politischer Gesichtspunkte mit jüdischen Argumenten und jüdischer Gesichtspunkte mit solchen aus der deutschen Politik an der Erörterung von Haltung und Situation des deutscheu Judentums sogar einen ganz überragenden Anteil hat. Diese Vermischung der Sphären wird von dem Gros der deutschen Juden für eine Selbstverständlichkeit gehalten und kaum noch bemerkt. Sie ist auch nicht etwa auf bestimmte Kreise beschränkt. Sie ist in nationaljüdischen Kreisen ganz ebenso anzutreffen wie in liberalen, orthodoxen, sozialistischen oder ״nationaldeutschen“. Sie geht in der Mehrzahl der Fälle auch nicht bewußt vor sich. Denn es ist nur natürlich, daß der in Deutschland aufgewachsene, in weiten Teilen seines Wesens assimilierte Jude, ganz, gleich welcher jüdischen Parteirichtung er angehört, gar nicht die Fähigkeit mehr dazu hat, hier klare Unterscheidungen zu treffen. Kraß ausgedrückt: Für viele deutsche Juden ist es heute tatsächlich ein Problem, ob sie nicht die eigentlichen T räger der deutschen Anschauungen von dem sind, was not tut. Aeußerungen repräsentativer jüdischer Stellen aus Anlaß der letzten Wahlen konnten jedenfalls mit einiger Begabung für Ironie so gedeutet werden. Nun, Wahlpropaganda hat noch niemals eine Verpflichtung bedeutet, am wenigsten in Deutsch* land; es wäre daher auch ungerecht, diese Aeußerungen für immer im Gedächtnis zu behalten und die Stellen, von denen sie stammen, hierauf auch nur nach einigen Wochen noch festlegen zu wollen. Es ist auf diese Dinge hingewiesen worden, um anzudeuten, wie weit heute die Verwirrung im deutschen Judentum geht. Sie ist um nichts kleiner als die im deutschen Volke; vielleicht haben wir es auch hier mit einer Erscheinung der beginnenden letzten Assimilationsphase zu tun, und für den größten Teil des deutschen Judentums wird man sich hiermit abzufinden haben. Was können aber die Menschen tun, die sich hiermit nicht abfinden wollen? Man ist bisher ja im allgemeinen der Auffassung gewesen, daß diese Menschen vor allem im. nationaljüdischen Lager zu finden seien. Diese Auffassung ist falsch, wie sich jetzt herausstellt. Die Vorgänge der letzten Monate haben gezeigt, daß auf der nationaljüdischen Seite die Kraft zur Distanzierung von den Verwirrungen deutscher Tages- Politik ebensowenig vorhanden ist, wie sonst irgendwo innerhalb des deutschen Judentums. Eine solche Distanzierung ist natürlich nicht zu fordern im Sinne einer snobistischen Abkehr, ׳־vbitÄer Politik überhaupt; sie ilt .vielmehf ztt fofdewfm Inter* esse der jüdischen Selbsterhaltung und in dem der Erfüllung des jüdischen Lebens mit jüdischen Werten. Sie muß aber darüber hinaus gefordert werden, weil sie für den bewußten Juden ein notwendiger Bestandteil eines von Selbstachtung getragenen Lebens ist. Wenn wir nämlich ganz ehrlich sind, und die Dinge, die uns augenblicklich verwirren, einmal bis zu Ende denken, so werden wir finden, daß wir zu dem, was augenblicklich in Deutschland vorgeht, keinen Standpunkt haben. W i r h a b e n ihn deshalb nicht, weil wir diese Vorgänge in ihren Wurzeln nicht begreifen. Gewiß reagieren wir, was ja ganz selbstverständlich ist, auf die Außenseite der deutschen Entwicklung. Wir urteilen, wir lehnen ab, wir stiinmen zu. Aber aus welcher Wurzel stammen diese Urteile bei uns? Sind sie wirklich aus der Quelle dessen geschöpft, was heute das deutsche Volk im Innersten aufwühlt? Und sind sie daher so eindeutig und konsequent, daß sie nur der Frage gelten, ob hier wirklich vom deutsch-politischen Standpunkt aus erstrebenswerte oder abzulehnende Entwicklungen vor sich gehen? Das ist doch offenbar nicht der Fall. Wir urteilen vielmehr immer mit einer gewissen reservatio mentalis: ״Was bedeutet der Vorgang für mich als Juden?“ Diese reservatio ist weit entfernt von einer jüdisch-politischen Haitung. Sie ist ebenso als eine Entfernung von dem wahren Begreifen der deutschen Entwicklung zu betrachten. Sie verfälscht und verwässert in uns beides und führt zu einer Opportunitäts- Politik, deren verhängnisvolle Folgen wir schon heute täglich verspüren. Man wird nun sagen, der Katholik in Deutschland habe ahnliehe Einschränkungen zu machen, wenn er deutsche Politik treibe, und es sei auch noch gar nicht lange her, daß beispielsweise die bayerischen Protestanten in ihrer Landespolitik ganz genau so bedingt urteilten. Aber es sind hier absichtlich diese rein konfessionellen ״Analogien“ gewählt worden, um zu zeigen, dafi sie — falsch sind. Wenn der Zentrumsmann seine katholische Weltanschauung durch das Medium deutscher Politik hindurchscheinen läßt, so will er damit doch die F o r m u n g der deutschen Politik durch diese Weltanschauung. Wir Juden wollen das nicht. Es gibt wohl kaum Anhänger der jüdischen Missions-Idee, die sich so weit versteigen würden, deutsche Politik bewußt nach ״jüdischen“ Ideen formen zu wollen, und wenn es solche Leute gibt, haben sie längst dem Judentum den Rücken gekehrt; sie beschränken sich auch auf die Verfechtung allgemcinmenschlicher Ideen, die einmal vom Judentum geprägt worden sind, ihren spezifischen Charakter aber längst verloren haben. Wir haben also keineswegs, wenn wir ais Juden deutsche Politik treiben, ein geistig fundiertes Programm. Wir gehen vielmehr zu den Parteien, von denen wir erwarten, daß sie uns wohlwollend behandeln werden, wenn sie an der Macht sind, und wir stimmen gegen die Parteien, von denen wir das nicht erwarten. Dieser Relativismus zerbricht in uns jede politische Haltung. Das ist alles sehr einfach, wenn man es einmal seines verwirrenden Beiwerkes von Phrasen, Programmen, Aufrufen usw. entkleidet. Kompliziert wird die Geschichte erst dann, wenn es sich herausstellt, daß die ״wohlwollenden“ Parteien es entweder nicht mehr sind, oder nicht mehr die Macht dazu haben, uns dieses Wohlwollen zu zeigen. Hier stehen wir augenblicklieh. Die Zeit nach der Hindenburg-Wahl brachte die erste Enttäuschung des jüdischen Wählers, der geglaubt hatte, die Vorgange in Deutschland wirklich zu begreifen, und der der Meinung war, sie ließen sich auf einen staatsbürgerlich-formalen Nenner bringen. Es zeigt sich heute, wie falsch das gewesen ist. Es wird sich in Zukunft noch stärker zeigen. Es geht eben nicht mehr um Dinge, die sich rein intellektuell formulieren, die sich überhaupt einwandfrei formulieren lassen, W i r können durchaus der Meinung sein, daß es nur solche Dinge gibt und daß es einfach ein Intellektmangel sei, wenn man hierzu nicht imstande wäre. Aber hierauf kommt es nicht an, denn das deutsche Volk ist offenbar in weiten Teilen durchaus anderer Meinung, und stets wird sich die deutsche Politik nach dem Willen der aktiven Teile des deutschen Volkes richten, mag es auch manchmal einige Jahre hindurch nicht so aussehen. Wenn also der deutsche Jude heute sagt: Die Entwicklung, die Deutschland zurzeit von innen heraus nimmt, ist ״falsch“ und sich dementsprechend politisch einstellt, so ist das in deutschpolitischer Hinsicht völlig belanglos und in iüdisch-politischer ein Unglück. Denn wir müssen uns schließlich darüber klar sein, daß die deutschen Juden keineswegs eine Instanz sind, an die das deutsche Volk zu appellieren gewillt ist; daß unser Urteil unter den Verhältnissen, die sich zurzeit in Deutschland herauszubilden beginnen, keine Beachtung findet. Wir urteilen in den leeren Raum hinein und ohne Resonanz. Wir sehen das auch nicht nur bei rein politischen, sondern vielleicht noch deutlicher bei wirtschaftlichen Entwicklungen. Vom Standpunkt des wirtschaftlich durchgebildeten jüdischen Praktikers und Theoretikers aus sind die meisten Dinge, die in wirtschaftlicher Hinsicht in Deutschland in den letzten Jahren getan oder begiinstigt worden sind, ,,falsch“ gewesen, Aber das deutsche Volk in weifen Teilen hat nun einmal offenbar einen anderen Standpunkt, und es kann nicht unsere Aufgabe sein, es hiervon abbringen zu wollen. Gewiß, ein deutscher Bauer wird immer anders denken als ein jüdischer Kaufmann und als ein deutscher Kaufmann. Aber entscheidend ist, daß wir Juden in Deutschland eben zu fast 70 Prozent Kaufleute sind, und das deutsche Volk in seiner Gesamtheit nur zu ungefähr 17 Prozent im Handel tätig ist. Bei uns also denkt die überragende Majorität ״kaufmännisch“ in wirtschaftlicher Hinsicht, in der Mehrzahl des deutschen Volkes tut sie es nicht, und deshalb ist auch hier ein gemeinsamer Nenner einfach nicht zu finden. Auf keinen Fall aber können w׳ir vernünftigerweise erwarten, daß unsere wirtschaftlichen Anschauungen die des gesamten deutschen Volkes stärker zu formen vermögen als unsere politischen, zumal unsere wirtschaftliche Position in den letzten Jahren auch relativ betrachtet wesentlich schwächer geworden ist. Aehnlich liegen die Verhältnisse noch unter einem anderen Blickpunkt, wenn wir nämlich endlich einmal einsehen, daß die großen Städte, in denen wir sitzen, durchaus nicht ganz Deutschland darstellen, sondern nur einen Teil hiervon, der an politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gewicht seit Jahren mehr und mehr verliert. Die Tatsache, daß wir heute in Deutschland ein fast ausschließlich städtisches Eiement sind, muß mit Naturnotwendigkeit unseren Blick für die Summe der Dinge trüben, die augenblicklich in Deutschland vor sich gehen. Sie führt mit der gleichen Notwendigkeit zu ganz gefährlichen Fehlurteilen. Wir deutschen Juden sehen also in die deutschen Dinge heute nicht hinein. Wir glaubten es so lange zu tun, wie es schien, daß Deutschland zu den Städten hin und von ihnen her sich entwickele, daß Deutschland ein demokratisches Land geworden sei, daß Deutschland weltwirtschaftliche Verbundenheiten zum wirtschaftlichen Primat erhoben habe. Es zeigt sich jetzt, daß dies nur ein vorübergehender Zustand war. (Es wird sich das vielleicht auch noch mit der Zeit in einer Reihe von anderen Ländern erweisen.) Es würde hier zu weit führen, auf die Gründe einzugehen, weshalb das so war. Festzustellen bleibt, daß wir Juden in Deutschland heute keinen Standpunkt haben, von dem aus wir für uns den Umschwung zu klären vermögen, der sich gegenwärtig im deutschen Volke als Uebergang zu einer neuen Entwicklungsphase ankündigt, — es sei denn einen jüdischen! ־ Äbef was heißt das? Wie viele deutsche Juden gibt es, welche' die Quellen jüdischen Denkens überhaupt noch auch nur den! Namen nach kennen, geschweige denn dazu imstande wären, sich hieran jüdisch zu orientieren und so einen Standpunkt zu gewinnen, der distanziert genug ist, um die gegenwärtige Wirrsal zu überblicken und zu ordnen? Wir können in dieser Hinsicht keineswegs optimistisch sein. Es muß sogar gesagt werden, daß auch im nationaljüdischen und konservativen Lager die ״Verwirrung der Gefühle“ erschreckend groß ist. Das läßt sich mit einem einfachen Versuch beweisen. Unterhält inan sich mit Nationaljuden, Zionisten, Orthodoxen über diese Dinge, so findet man mit fast lOOprozenfiger Sicherheit bei ihnen die gleiche Vermischung der Sphären, wie sie dem deutschen Judentum im allgemeinen anhaftet. Deutsches wird vom jüdischen Standpunkt aus beurteilt, jüdisches vom deutsehen, das Durcheinander ist kaum noch zu übertreffen. Man kann also nicht einmal sagen — was man eigentlich hätte erw׳arten sollen —, daß diese Anschauungen ihre Anhänger dazu erzogen hätten, in deutschen Dingen mit dem Respekt der Distanz zu urteilen. Es wird ihre Aufgabe sein, dieses Erziehungswerk erst noeh zu vollbringen. Die Erziehung des noch seiner selbst bewußten Teiles des deutschen Judentums zu einem Standpunkt, der eine Beurtcilung aller Vorgänge, die sich in uns und um uns abspielen, unter bewußter Ueberordnung ihrer Wirkung auf das Judentum (und zwar auf das Gesamtjudentum) ermöglicht, wird nicht zu umgehen sein, wenn man schwerste Gefahren abwenden will. Dazu gehört vor allem, daß dem deutschen Juden klar gemacht wird, er müsse nicht unbedingt zu jeder Entwicklung in Deutschland, die er für ״falsch“ oder ״richtig“ hält, leidenschaftiich Stellung nehmen. Das ist gar nicht unsere Aufgabe. Man soll hierbei nicht davon ausgehen, daß eine solche Stellungnahme von der anderen Seite nicht gewünscht und sogar bekämpft wird. Auch das ist für uns nicht entscheidend. Entscheidend hat für uns zu sein, daß wir uns durch eine solche leidenschaftliche und dennoch oft geradezu grotesk oberflächliche Anteilnähme den klaren Blick für die Dinge trüben, die d em Judentum nottun, und die für seine Erhaltung notwendig sind; daß wir sogar Dinge begünstigen, die dieser Erhaltung schädlich sind, weil sie uns aus irgendeinem deutschpolitischen Parteiprogramm heraus im Moment als vertretbar oder opportun erscheinen. Die Erziehung des gesamten Judentu ms zur Politik ist eine Unmöglichkeit, wenn sie in jedem Lande lediglich unter politischen Aspekten dieses Landes erfolgt. Seine Erziehung zur jüdischen Politik ist aber eine Not- Wendigkeit, wenn das Judentum erhalten bleiben soll. Im Augenblick bedeutet das für uns Juden, daß wir uns von dem Geschehen, das gegenwärtig an die Wurzeln der geistigen und materiellen Existenz des deutschen Volkes greift, zu distanzieren haben. ״Ron-Cooperation“! Aber nicht in dem Sinne, in welchem er in Indien Geltung hatte, in einem feindliehen und sich auflehnenden Sinne, sondern in einem ganz anderen: ״Non-Cooperation“ deshalb, weil uns die Grundlagen für eine ״Cooperation“ bei der Verwirklichung der Dinge völlig fehlen, die das deutsche Volk gegenwärtig zu erleben beginnt. Das bedeutet auch nicht die Aufgabe oder die Vernachlässigung staatsbürgerlicher Rechte oder Pflichten. Das bedeutet nur, daß diese in dem Sinne, den sie für den bewußten Juden hier immer nur haben können, eine Grenze da finden müssen, wo es eben nicht mehr um formale, rechtliche und von der Einsicht her zu beurteilende Vorgänge geht, sondern um tiefer liegenüe, zu denen wir keinen Zugang haben, wie die ״anderen“ auch keinen Zugang zu den Wurzeln unseres Wesens haben. Sie lassen das deutlich genug erkennen und sagen es uns täglich ins Gesicht, das sie uns nicht verstehen. Das soll auf unserer Seite kein Ressentiment hervorrufen, wenn wir uns nur über uns selbst klar genug sind. Aber diese Klarheit können wir eben nur dann erreichen, wenn wir nicht immer wieder (teils mit echtem Bemühen, aber dennoch mit naturgegebener Erfolgiosigkeit) den Versuch dazu machen, Dinge zu verstehen, die wiederum uns für immer verschlossen sein werden. So wäre die geistige Haltung einer ״Non-Cooperation“ aufzufassen, die uns aus den Wirrnissen des Tages herauszuhelfen und uns die Erlangung eines über diesen Wirrnissen stehenden jüdischen Standpunktes zu ermöglichen vermag. Betrachtungen über Palästina Von Frau Sofie Simon (Zürich). Nachfolgender einfühlsamen und liebevollen Schilderung geben wir Baum, weil sie Kenntnis von der W irkung des werdenden jüdischen Palästina auf eine Besucherin gibt, die, eine Westeuropäern, mit kritischem Auge die Dinge betrachtete. Red. I. Eingebettet zwischen zwei l ändern der Fülle und Ucppigkeit — Aegypten und Syrien — liegt ein karges Fleckchen Erde: Palästina. Nichts ist in dein Lande zu finden von jener sinnlich fruchtbaren Ueberfülle seiner großen Nachbarn; selten ein sprudelnder Quell, klein die kultivierbaren Niederungen, arm an Grün und schattigem Baumbestand, arm auch an Monumenten großer Vergangenheit, reich aber an Steinen und Geröll, seine Berge sina grau und rissig wie eine uralte Elefantenhaut, reich an Wüste und reich an Salzen, die dienen als Dünger der Erde und Dünger der Menschheit. - Man kommt in das Land und fragt sich, wieso gerade von hier seit den letzten zweitausend Jahren einschneidende Wirkungen auf die westliche Welt ausgegangen sind, und man verläßt das Land mit der Gewißheit, daß es nur von hier aus geschehen konnte. Nur Palästina konnte das Land der Propheten werden, das Land der Vergeistigung und Einkehr inmitten einer sinnesfrohen Welt heidnischer Menschlieitskinder. Der Charakter seiner Landschaft gebietet Verinnerlichung, die Natur selbst ist asketisch. Eine Lehre ging von hier aus, die. als das Heidentum abgewirtschaftet war, die westliche Welt im Sturm eroberte; die Konzeption dieser Lehre durch die westlichen Völker war jedoch nicht restlos, es war für sie ein neues Thema, aus dem sie tausende und abertausende Varianten bildnerischer Werke schöpfen konnte, der tiefinnerste Kern blieb heidnisch. Im Osten war der Gedanke; im Westen die Form. Der heutige Zustand des Abendlandes ist die Bankrotterklärung einer unverstandenen Lehre, eine Revolution und Abkehr, deren stärkster Verkünder Nietzsche war. Was er an Stelle der entthronten Gottheit setzte, kann Ziel und Inhalt Weniger werden, nicht aber eine Lehre für das Gros der Menschheit. So sehen wir uns heute in einem Uebcrgangsstadium, das Feld ist umge* pflügt und harrt des neuen Samens. Dieser Status findet aöermals seine sichtbare und logische Dokumentation in der Kunst: die Parole der Sachlichkeit, die Abkehr vom Ornament, das nichts anderes ist, als stilisiertes Symbol. — Von wo der neue Funke kommen wird, wissen wir nicht. Es wäre töricht, sich auf das Prophezeien zu verlegen, diese Kunst ist uns abhanden gekommen. — So sieht es bei uns aus und wie int heutigen Palästina? II. Dort vollzieht sich etwas Erstaunliches. Ein Bruchteil des Volkes, das man seit zweitausend Jahren verfolgt, nicht, weil es einen Heiland gekreuzigt hat, sondern, weil es der heid* nischen Umwelt eine bis auf den heutigen Tag unverstandene Gottheit aufoktroyiert hat, ist zurückgewandert in das Land seines Ursprungs, um es von neuem aufzubauen, um durch den Kontakt mit seiner harten Erde, vielleicht abermals, wie der Hammer, der den Stein berührt, einen Funken zu entfachen, der zündend werden kann. Inmitten einer Welt, in der die Jugend ohne Aussicht, Zukunft und Ideal dahinlebt, finden wir plötzlich einen Kerntrupp junger Menschen, der glücklich ist. Aus allen Weltteilen sind sie zusammengeströmt, aus Rußland und seinen Rand- Staaten, Amerika, Südafrika und Europa mit seiner bunten Rassenkarte. Ein jeder von ihnen bringt ein starkes Kolorit seines Geburtslandes mit und jeder ein Bindeglied der Verbrüderunn — das Blut. Innerhalb einer Generation schon erfolgt in dieser Menschheitsküche eine sichtliche Verschmelzung der divergierenden Elemente. Zu dem gemeinsamen Blut kommt ein zweiter Faktor — die Einheit der Sprache, ln einer Zeitspanne von nur 10 Jahren hat die Energie und Beharrlichkeit einiger Weniger es zustande gebracht, eine totgeglaubte Sprache neu zu beleben; das Hebräische ist allgemeine Umgangs- und Lehrsprache geworden. Niemand wird heute im Ernst mehr daran denken, an dieser Tat- Sache zu rütteln. Ein Proletariat des Geistes, wie es in anderen Ländern besteht, existiert unter ihnen kaum. Die Einwanderer rekrutierten und rekrutieren sich noch heute zum großen Teil aus Menschen von hohem Bildungsniveau, sei es weltlicher, sei es religiöser Struktur und diese Elemente verteilen sich im Lande selbst auf alle Berufe. Wir finden sie wieder als Steineklopfer, Chauffeure, Feldarbeiter, Schuster, Köchinnen und Wäscherinnen. Aus dieser Tatsache ergeben sich zweierlei wichtige Konsequenzen: Auf die Erziehung des Kindes, das von solchen Eltern stammt, wird naturgemäß eine ungleich höhere Sorgfalt gelegt, als auf die Erziehung von Kindern, deren Eltern in unseren Ländern sieh aus Feldarbeitern, Steineklopfem usw. zusammensetzen. Der letzte Pfennig des wenigen Geldes •wird auf die Erziehung des Kindes, auf seine körperliche und geistige Hygiene verwendet und die Resultate sind höchst erfreulich. Die Gefahr, daß diese Kinder dem Boden wieder untreu werden könnten, ist weit geringer, als man glauben könnte. Sie werden in einer glühenden Liebe zu ihrem Lande und ihrer Geschichte erzogen und sic lieben ihre Freiheit und ihr Pioniertu m. Die weitere Konsequenz aus dem Menschenmaterial der Einwanderer ist die, daß sich soziale Unterschiede stark verwischen. ״Er ist ein Jude“, das ist Schlüssel- und Paßwort für alles. Das soll nicht heißen, daß der Kampf von Parteien und Meinungen aufgehört hat, er existiert, teils fruchtbringend, teils unproduktiv, dafür sind es eben Juden, aber in Stunden der Gefahr von außen steht einer für den andern und als Kämpfer, Vieles, unendlich vieles bleibt noch zu wünschen übrig. Man ist arm; im Grunde genommen sind alle arm, aber man lebt trotzdem, und was das Wichtigste an diesem Leben ist: man baut auf! sichtlich, täglich und stündlich, man baut nicht für heute und nicht für morgen, man baut für die große Zukunft. Vielfach bleibt etwas mitten im Werden stehen, weil die Mittel ausgehen, es zu vollenden, aber im Grunde sorgt sich keiner darum, denn jeder trägt in sich die Gewißheit, daß es über kurz oder lang kommen wird, trotz und trotzalledem, man baut auf und baut, inmitten einer Welt, in der alles stürzt und zusammenbricht. Das ist das Große! Der bisherige Vizekonsul in Tel-Awiw, Dr. Viktor Grünw a 1 d, ist, wie aus Palästina gemeldet wird, zum Honorarkonsul der Tschechoslowakei in Tel-Awiw ernannt worden. 1