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Jüdische Rundschau · 1932-07-29 · Heft 60 (29.7.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 60 (29.7.1932)
Date
1932-07-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 286 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 60, 29. VH. 1932 trüb genug. Der High Commissioner würde vielleicht die Immigration als das Gebiet bezeichnen, auf dem er am meisten sich dem jüdischen Gesichtspunkt genähert hat. Und doch kann niemand sagen, daß die im April ausgegebene Arbeiter- Sch cd ule mehr als eine sehr bescheidene Verbesserung gegenüber der Schedule vom letzten Oktober bedeutet. Niemand kann behaupten, daß die neue Kategorie kleiner Kapitalisten das dringende Bedürfnis und den brennenden Wunsch vieler Jude״, sich im Nationalheim einzurichten, befriedigt. Niemand kann behaupten, daß der müde Fuß Israels, der an die Tore Palästinas stößt, dort in einer Weise empfangen wird, die unserem von bloßer ״Duldung“ der Zulassung sich unterscheidenden ״Recht“ aut Einwanderung entspricht. Das Zwillingsproblem der Einwanderungsfrage ist das Bodcnproble m. Materiell bedeutet das Jüdische Nationalheim Menschen und Land. Ich werde nicht von den Erwartungen sprechen, die wir auf Grund historischer Deklarationen und des vor genau zehn Jahren ratifizierten Mandates zu hegen berechtigt waren; wir müssen auch in Zukunft auf diesem Gebiete kämpfen und Eroberungen machen. Aber man gewährt uns nicht einmal den ungestörten Besitz des Bodens, für den wir Preise bezahlen, die jeden Sachvcrsfändigen verblüffen. Drohung mit Enteignung scheint der erprobte Weg zu sein, Probleme, betreffend Ländereien, die wir in öffentlicher Feilbietung unter der Aufsicht der Regierung selbst erworben haben, zu behandeln. Bedeutet die Ver- Ordnung über Bodenstreitigkeiten, daß Attacken als legal betrachtet werden sollen? fin März erklärte mir der High Commissioner, er glaube, das Gesetz sei ein gutes, ich antwortete, dieses Gesetz müsse ebenso wie andere danach beurteilt werden, wie es gehandhabt werde. Wir haben ein Beispiel dafür, wie es gehandhabt werden kann, gesehen; das Ergebnis nötigt zur Annahme, daß kaum irgendein Juden gehöriger Boden, möge es sich um Kuskus Tabun oder Kfar Baruch handeln, immun ist gegen ungesetzliche Angriffe, auf die ״gesetzliche“ Einstellung unserer Arbeit folgt. Sicherheiisfragen Professor Brodetsky ging sodann zur Besprechung des Problems der öffentlichen Sicherheit in Palästina über. Wir geben zu, erklärte er, daß etwas geschehen ist, um größere Sicherheit von Leben und Eigentum in Palästina zu gewährleisten, aber noch immer werden Dinge geduldet und Situationen zugelassen, die mit der Aufrechterhaltung der Sicherheit unvereinbar sind. Heimtückische Mordtaten und systematischc Terrorakte werden verübt und bleiben unbestraft, weil die Täter nicht entdeckt werden. Der Anteil der Juden an der Polizei und den Verteidigungskräften ist weiterhin unangemessen. Und sogar was die Justizverwaltung betrifft: warum sollte erst eine öffentliche Kampagne notwendig sein, um den ganz unvorstellbaren Vorgang zu verhindern, daß Tel-Awiw seines Friedensgerichts beraubt werde. Die Lage ist wirklich weit davon entfernt, zufriedenstellend zu sein. Einige Verbesserungen wurden im letzten Jahre erreicht und vor allem viele Gefahren abgewandt. Die Exekutive hat ununterbrochen, manchmal mit Erfolg, manchmal mit Mißerfolg' gearbeitet. Eine leichte Verbesserung wurde erzielt; Möglichkeiten für weitere Verbesserungen bestehen. Die politischen Richtlinien der Exekutive Die Exekutive, fuhr Dr. Brodetsky fort, wurde in den letzten Monaten heftig angegriffen, weil sie keinen neuen politischen Weg eingeschlagen hat. Man erklärt: wir haben eine Revolution im Zionismus gemacht, aber die Politik ist dieselbe geblieben wie früher, ohne jede Aenderung der Riehtung oder Methode. Dieser Vorwurf überrascht mich sehr, Hat nicht der Kongreß die Exekutive auf Grund der vom Präsidenten Sokolow verlesenen Erklärung eingesetzt? Hat nicht der Kongreß meine beiden Kollegen vom Arbeiterflügel und mich selbst auf Grund unseres klaren Bekenntnisses zu dem, was volkstümlich als Weizmann-Politik gekennzeichnet wird, gewählt? Kann irgend jemand, der zugegen war, als ich im Permanenzausschuß mit der Einladung, in die Exekutive einzutreten, beehrt wurde, behaupten, ich hätte meine Stellung nicht vollkommen klargelegt? Möglicherweise war hinsichtlich anderer Mitglieder der Exekutive nicht vollständig klar, welche besondere Verantwortung sie zu tragen haben würden; was mich betrifft, so kann ich wohl behaupten, daß mein Eintritt in die Exekutive im Hinblick auf die politische Arbeit in London erfolgen sollte. Es hat keinen Vertrauensbruch gegeben, sondern vollständige Uebereinstimmung mit den Beschlüssen des Kongresses. Die Convention der Zionistischen Organisation Amerikas hat erklärt, ״die Exekutive habe eine Politik in Uebereinstimmung mit den vom 17. Zionistenkongreß gefaßten Resolutionen und der von ihm geschaffenen Plattform verfolgt'. ' Man hat viel über Schritte gesprochen, dahingehend, daß auf England ein Einfluß ausgeübt werden sollte, entweder das Mandat zu erfüllen oder Palästina zu räumen. Der Oedanke einer Petition ist nicht neu, er wurde in verschiedenen Formen vorgebracht. Eine davon ist die einer an England selbst gerichteten Petition. Eine andere, die einer Petition an den Völkerbund, in der dieser aufgefordert wird, die Verwirklichung unserer gerechtfertigten Erwartungen zu sichern, und im besonderen wurde vorgeschlagen, die jüdische Jugend solle sich an den Völkerbund wenden, um ihre tragische Lage in dem Ozean von Antisemitismus, der Europa und andere Teile der Welt überflutet hat, darzulegen. Eine dritte Form ist die einer Petition der Juden jedes Landes an ihre Regierung, in der von dieser verlangt wird, sie möge ihrer! Einfluß in Genf im Sinne einer Unterstützung unserer Forderungen geltend machen. Eine vierte ist die einer Petition an jede Regierung, ihren Einfluß in Genf zugunsten der Aufgäbe des Mandats durch England aufzubieten. Ich möchte mich nicht auf eine ins einzelne gehende Erörterung darüber einlassen, ob eine Petition überhaupt ratsam ist und, wenn es der Fall sein sollte, welche Form zu wählen wäre. Bloß zwei Dinge will ich hierzu sagen: Erstens, daß eine solche Aktion undenkbar ist und nicht" zugelassen werden kann, wenn sie von jemand anders als den offiziell akkreditierten Vertretern der Jewish Agency vorgenommen wird. Jeder Teil der Organisation, der solches tut, stellt sich damit außerhalb der Reihen der Zionistischen Organisation. Eine Störung unserer schwierigsten politischen Aufgabe, wie sie eine von den Revisionisten organisierte Petition darstellen würde, muß verhindert werden. Zweitens müssen wir uns davor hüten, zu glauben, England werde sich durch Gewaltmethoden beeinflussen lassen. Die Araberfrage Dr. Brodetsky streifte kurz die Bedeutung des Eintritts der Türkei und des Irak in den Völkerbund und wandte sich sodann der Besprechung des Araberproblems zu. Man habe behauptet, das Jüdische Nationalheim, an sich eine ausgezeichnete Sache, könne nicht verwirklicht werden, weil die jüdische Aufbauarbeit in Palästina die Existenz der Araber bedrohe. Diese Behauptung habe, schon die Shaw-Kommission irregeführt. Kolonialminister Lord Paßfield und High Comnnssioner Sir John Chancellor neigten ebenfalls dieser Anschauung zu, gaben sich jedoch den Anschein Wissenschaftlicher Neutralität und erklärten, eine sorgfältige Untersuchung des Problems sei notwendig, So. entstanden der Simpson- Bericht und das Weißbuch, das einschneidende Beschränkungen jüdischen Bodenkaufs und jüdischer Einwanderung voraus* sehen ließ. Landentwicklungipian and French* Bericht Das Ergebnis dieses ganzen Komplexes von Berichten, Diskussionen und Deklarationen, erklärte Dr. Brodetsky weiter, war der sogenannte Landentwicklungsplan. Das Aktions- Comitee ist mit den Ereignissen seit dem letzten Kongreß durchaus vertraut. Die Regierung wollte eine Landentwicklungsbehörde einsetzen, die über die Verwendung einer Anleihe von 2y* Millionen Pfund unter einer gewissen Kontrolle seitens der Regierung bestimmen sollte. Wir haben diesen Vorgang abgelehnt und forderten vorherige Vereinbarungen darüber, wie das Geld verwendet werden und welche Art von Tätigkeit die Entwicklungsbehörde entfalten solle. Schließlieh wurde ein Kompromiß geschlossen, dahingehend, daß ein Plan für die Verwendung des Geldes und die Tätigkeit der Entwicklungsbehörde ausgearbeitet und diskutiert und daß erst dann, nach erzielter Uebereinstimmung über diese Fragen die Garantie für die projektierte Anleihe vom Parlament verlangt werden solle. Nach Ernennung des Landentwicklungsdirektors versuchte der Kolotiialmlnlster, gestützt auf eine sehr formelle und unserer Meinung nach irrige Auslegung des MacDonald-Briefes, in dem es heißt, ״die Kontrolle von Bodentransaktionen solle erst in Kraft treten, sobald die mit der Ausführung der Landentwicklungspolitik betraute Behörde ihre Tätigkeit aufnehmen werde“, die bereits erwähnte Ver- Ordnung durchzudrücken. Diese Verordnung wurde zwar beseitigt, hat aber bewirkt, daß die Exekutive einstimmig beschloß, sich an den Arbeiten der Landentwicklungsbehörde nicht zu beteiligen. Im Dezember wurde der interimistische Bericht Frenchs, Ende April eine Ergänzung hierzu der Regierung unterbreitet. Wir wurden aufgefordert, dem High Commissioner unsere Einwände bekanntzugeben. Auf Grund unserer und der arabischen Einwände wird der High Commissianer dem Minister seine eigenen Vorschläge machen. Unsere Einwände werden auf Grund genauer Vorschläge, die wir dem politischen Komitee vorlegen werden, formuliert werden. Nachdem Dr. Brodetsky noch einige aus dem French- Bericht sich ergebende Fragen behandelt hatte, schloß er mit folgenden Worten: Wir haben keinen Grund für übertriebenen Pessimismus, wenn auch keine Gründe zu übertriebenem Optimismus bestehen, Ratschläge, die der Verzweiflung entspringen, müssen wir zurückweisen und uns auf die konstruktive Arbeit konzentrieren. Wir können glücklich sein, die Arbeit für Israels Erlösung in einer Generation leisten zu können, in der die Tragödie Israels sich in den düstersten Farben abzeichnet. Von den Allgemeinen Zionisten im Balttknm Vom 8.—10. Juli fand in Riga eine Beratung der Allgemeinen Zionisten der drei baltischen Staaten (Lettland, Litauen una Estland) statt. Die Beratung behandelte vorwiegend Fragen, die mit der bevorstehenden A.-C.- Sitzung zusammenhängen, und beauftragte Herrn M. Kahan, die gefaßten Entschlüsse vor dem A.-C zu vertreten. Die Beratung faßte nachstehende Entschließungen: Nach dem politischen Bericht des Herrn M. Kahan wurde die Erage der Privatinitiative ausführlich behahtJdft. Mit ״Belauern• wurde festgerteilt, daß das Departement für ׳Mittelständs-KoIOnisation unter der Leitung des Herrn H. Ftfbstein nicht die gehegten Hoffnungen erfüllt. Es mangelt an einer systematischen und regelmäßigen Informationsarbeit in den Galuthländcrn. Infolge der wirtschaftlichen Not besteht bei vielen das Verlangen, eine Existenzmöglichkeit in Palästina zu suchen. Die Interessenten stehen aber ratlos da und es besteht die Gefahr, daß die ganze Mittelstands-Kolonisation ohne Kontrolie seitens der Agency und Zionistischen Organisation vor sich gehen wird. Die vielen Privatgesellschaften verwirren die Situation noch mehr. Es wurde beschlossen, analog dem schon in Lettland bestehenden Informationsbüro für Privatinitiative entsprechende Informationsstellen in Litauen und Estland zu begründen. Die Exekutive wird aufgefordert, unverzüglich genaues zuverlässiges Material diesen Büros zur Verfügung zu stellen. Die Informationsarbeit der einzelnen Länder muß zentralisiert und verbunden werden. Die Beratung erwartet vom A.-C. eine Klärung der Beziehungen zur Revisionistischen Union. Sie hält den augenblicklichen Zustand für unzulässig, daß eine Gruppe in der Zionistischen Organisation systematisch und bewußt jede Arbeit der Instanzen der zionistischen Bewegung und jedes Vertrauen zu ihnen und zu ihren Instituten untergräbt. Es ist unzulässig, daß eine Gruppe in unverantwortlicher Weise sich bemüht, außerhalb der Zionistischen Organisation Schritte zu unternehmen. Es ist unzulässig, daß eine Gruppe Rechte hat und zu gleicher Zeit die Möglichkeit hat, sich den Pflichten zu entziehen (Calais-Beschluß). Diesem Zustande muß em Ende gemacht werden, und wir erwarten von dem A.-C. eine Klärung sogar dann, wenn man vor die Notwendigkeit gestellt wird, die äußersten Konsequenzen zu ziehen. Die Arbeit des Allgemeinen Zionismus leidet stark darunter, daß ihr eine Jugend fehlt. Die Beratung konstatierte, daß in dieser Richtung unverzüglich Schritte unternommen werden müssen, eine solche Jugendbewegung zu schaffen. Der Anfang in den baltischen Staaten ist bereits in Lettland gemacht worden und die Arbeit soll weiter ausgebaut werden. Es gibt in den baltischen Staaten genug jugendliche Elemente, die für den Allgemeinen Zionismus zu erfassen wären. Die Jugendorganisationen sollen im chalu zischen Geiste erzogen werden. Für diese Arbeit in den baltischen Staaten ist unbedingt ein Instruktor erforderlich, der mit Jugendbewegung gut vertraut und mit Palästina verbunden ist. Jerusalem, 28. Juli. (J.T.A.) Die Leitung der revisionistischen Organisation Palästinas hat beschlossen, für den Fall, daß das Aktions-Comitee der Zionistischen Weltorganisation den French-Berieht nicht ablehnen und sich in Erörterungen mit der Regierung über Einzelheiten des Berichtes einlassen sollte, den Rücktritt Meir Großmanns und Richard Lich t hei m s als Mitglieder der Exekutive der Zionistischen Weltorganisation, sowie die Demission der revisionistischen A.-C-Imtglieder zu verlangen. Das Komitee des Keren Kajemeth Lejisrael in Bratislava (Preßburg) hat den Beschluß gefaßt, aut der alljährlich in Preßburg stattfindenden Internationalen Donaumesse, die in den nächsten Wochen eröffnet werden soll, einen Pavillon des Keren Kajemeth zu erbauen, in welchem die Leistungen des Fonds und die Entwicklung des jüdischen Palästina dargcstellt werden sollen. Jerusalem, 18. Juli. (J.T. A.) Der Araber Mukbai Abu K a 1 e b wurde unter der Beschuldigung verhaftet, vor einigen Monaten in Baifouria den jüdischen Kolonisten Bar st ein ermordet zu haben. Ausschreitungen in Ostpreußen Am 21, Juli kam es in der ostpreußischen Ortschaft Sensbürg im Anschluß an eine Schlägerei zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten zu schweren judenfeindlichen Ausschreitungen. Nationalsozialisten und Kommunisten waren in ein Handgemenge geraten, bei dem der kommunistische Arbeiter Hasenpusch den Nationalsozialisten üralla durch einen Messerstich schwer verletzte. Hasenpusch flüchtete in den Laden des jüdischen Kaufmanns Leppkowitz und von dort durch den Hinterausgang in seine Wohnung, wo er verhaftet wurde. Obwohl die Verhaftung Hasenpuschs bekannt geworden war, zogen die Hitleristen, unter denen sich viele SA-Leute in Uniform befanden, gegen 2 Uhr vor das Haus Leppkowitz׳ und drangen unter dem Rufe ״Das jüdische Packzeug hat den Mörder begünstigt“ in den Laden ein, mißhandelten den Christ-, liehen Angestellten Ernst Dworrak und verletzten den Neffen des Geschäftsinhabers, Kurt Leppkowitz, erheblich am Hinter-; köpf, Als Täter wurden der frühere Ortsgruppenleiter der SA in Sensburg, Kirm, sowie die SA-Leute Zimmermann und Heinrieh ermittelt. Sodann zog die Menge vor die Läden der jüdischen Firmen Gustav Biilow Nacbf., Pasch, Alexander, Klein, Moses, Abraham und Sondland, erzwangen deren Schließung und drückten in einzelnen Läden Fensterscheiben ein. Jüdischei Passanten, unter ihnen einige ältere Damen, wurden von den Demonstranten schwer bedroht. Am nächsten Morgen erhielten sämtliche jüdischen Kaufleute von Sensburg anonyme Drohbriete folgenden Inhalts: ״Juden Sensburgs! Aus einwandfreier Quelle ist mir bekannt, daß der kommunistische Mordanschlag auf unsere SA-Leute von euch vorbereitet und finanziert ist. Als kleines Beispiel gebe ich nur an, daß der Juden- Himmel Pasch gestern eine Versicherung über 40000 Mark gegen Einbruch und Demolierung seines Ladens mit sofortiger Wirkung abgeschlossen hat. Ihr habt heute aus Angst vor der Rache des Volkes sämtliche Läden geschlossen. Ich warne euch, wenn euch Leben und Eigentum lieb ist, eure Geschäfte in den nächsten 14 Tagen nicht wieder aufzumachen. Ich selbst werde mich von diesen jüdischen Feiertagen überzeugen und im Nichteinhaltungsfalle auf das Energischste eingreifen. Blut fordert Blut.“ Dank den behördlichen Maßnahmen ist Ruhe und Ordnung in Sensburg wieder vollkommen hergestellt. * In einer Berliner Versammlung der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei gab Prinz August Wilhelm von Preußen eine tendenziös verzerrte Schilderung der Vorgänge in Sensburg, die darauf abzielte, die Ausschreitungen als von den Juden bewußt zu politischen und privaten wirtschaftlichen Zwecken provoziert darzustellen. Rrinz August Wilhelm führte u. a. aus, der verletzte Nationalsozialist sei von einem ״Warenhausjuden“ in seinen Laden gezogen worden, in der Erwartung, die Menge werde das Geschäft stürmen und demolieren, so daß ihm dann die Prämie einer unmittelbar vorher abgeschlossenen Versicherung von 50 000 M. zufallen würde. Auch hätten die Juden erwartet, daß die SA. im Falle eines Sturms auf das Warenhaus polizeilich aufgelöst werden würde. Presse-Konferenz des C.-V. Berlin, 26. Juli. (J.T.A.) Der C.:V. hat am 25. Jul* die Vertreter der jüdischen und der allgemeinen Presse zu einer Konferenz eingeladen. Das einleitende Referat in der von Dr. Ludwig Holländer gele Dr. H 11 $ c h b e r g. Er w -eint stärkere Betonung de! :iteten Sitzung erstattete Syndikus ies darauf hin, daß in letzter Zeit ״,״״____״ ä‘ntisetei׳W'*'h«1 Propaganda duwH die Nationalsozialisten festzustellen «Fe‘e1s'}es sei auf die;Br* kenntnis der Nationalsozialisten zuri'r 1׳, daß sich ihre taktische Situation infolge ihrer Mitve . r י für die Maßnahmen des gegenwärtigen Kabinetts estaltet habe. Es bestehe die Tendenz, die Juden H1״e.ndehaus, Ausschreitungen in Deutschland verantwortlich zu ma.aes lucHese Tendenz habe sich besonders nach den Vorfälle'.. ־tadt a. d. Haardt bemerkbar gemacht. In Bernstadt (S<en Stadt VA!rc*e das Gerücht verbreitet, die Juden hätten in der ״ besetze11^•־׳* agoge Waffen versteckt. In Breslau wurden Hann*-rn11׳׳ verbreitet, in denen behauptet wurde, die Synagogengemeinde hätte die Parole ausgegeben, nur SPD., KPD. oder Zentrum zu wählen. Auf diese Weise wird der Versuch gemacht, unpolitische jüdische Verbände als einseitig politisch und staatsfeindlich orientiert hinzustellen. Die allgemeine politische Si•* tuation gebe indessen zu verstärkter Beunruhigung nicht Anlaß. Dazu stehe nicht in Widerspruch, daß im Zusammenhang mit dem Rückgang in der Wirksamkeit der nationalsozialistisehen Agitation an einzelnen Orten judenfeindliche Ausschreitungen stattgefunden haben. An die Ausführungen Dr. Hirschbergs schloß sich eine Aussprache, an der sich u, a. die Herren Red. J. Kl in off, Dr. 1. Auerbach, J. Lest sch insky, Dr. J. N. Steinberg. Red. H. Swet, Red. Philippsborn und Dr. Ol schwanger beteiligten. Auf die verschiedenen Anfragen antworteten namens des Central-Vereins dessen Vorsitzender Justizrat Dr. Julius Brodnitz, Direktor Holländer, Dr. Reichmann und Dr. Hirschberg. Justizrat Brodnitz warnte davor, die Nervosität der jüdischen Bevölkerung durch unbesonnene Aeußerungen zu steigern. Es müsse unbedingt darauf hingearbeitet ■werden, daß sich die jüdische Bevölkerung! auch weiterhin nicht zu unüberlegten Aktionen provozieren lasse. Wenn man auch im Hinblick auf die politische Entwicklung aufs Schlimmste gefaßt sein müsse, sei doch eine allzu trübe Prognose der kommenden Dinge nicht am Platz. Die gegenwärt!ge Regierung habe alles Interesse daran, das Heft nicht aus der Hand zu geben und werde dies, wenn es nach den Regeln der Vernunft gehen sollte, auch nicht tun. Vor einem Bürgerkrieg schrecken sowohl die Nationalsozialisten wie ihre links radikalen Gegner zurück. Denn sie wissen, daß jene Partei, die mit dem Angriff beginnen würde, unbedingt unterliegen müsse. Der Central-Verein beachte alle Möglichkeiten und suche ihnen gerecht zu werden. Meinungen über die kom* tuende Entwicklung jedoch könnten nur von Stunde zu Stunde abgegeben werden. Direktor Dr. Ludwig Holländer warnte davor, die Widerstandskraft Bayerns gegen den Nationalsozialis« mus allzu hoch einzuschätzen. Vor allem werde dieser Widerstand nur von Südbayern entgegengesetzt, während in Franken der Nationalsozialismus vielleicht stärker Wurzel geschlagen habe als irgend wo anders. Aber auch in Südbayern bestehe die Gefahr, daß unter dem Einfluß Oesterreichs, wo heute eigentlich alle Parteien antisemitisch eingestellt seien, ein Um-* schwung in der Stimmung der Oeffentlichkeit Platz greifen könnte. Schließlich regnen Dr. St ein berg und Dr. Auerb a c h die Schaffung einer jüdischen Einheitsfront zur Abwehr der antisemitischen Gefahr an. Direktor Holländer begrüßte diese Anregung und wies darauf hin, daß die innerjüdisehen Gegensätzlichkeiten sich in letzter Zeit stark abgeschliffen hätten. Man kam überein, daß zur Erörterung des Problems eines Zusammenschlusses der gesamten deutschen Judenheit und der Möglichkeit einiger im Zusammenhang damit angeregt er Aktionen eine besondere Aussprache angesetzt werden soll Die kanadischen Juden begehen gegenwärtig die Hundertjahrfeier ihrer völligen politischen Gleichberechtigung. Aus diesem Anlaß veröffentlicht Israel Cohen im ״Observer‘* einen Artikel, der die Geschichte des Emanzipationskampfes der kanadischen Juden schildert«

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